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Unsere lieben Nachbarn

Inhaltsverzeichnis

Die erste Wohnung

Der Umzug

Erste Annäherung mit den Nachbarn

Ein Computer lenkt ab

Der Beobachter

Der Prozess

Die erste Wohnung

Mathilda und Karl-Gustav waren mit ihrem Auto auf dem Weg nach Recklinghausen. Sie hatten sich vor einem Jahr in einem Tanzcafé kennengelernt und sind seitdem ein Paar. Vor vier Wochen hatten sie geheiratet und anschließend intensiv nach einer passenden Wohnung gesucht.

Obwohl es zuerst so aussah, als sollte dieses eine zäh fließende Angelegenheit werden, wurden sie gestern im Internet fündig. Sie entdeckten nach Wochen erfolgloser Suche eine Wohnung, die nach den ersten Eindrücken besonders Mathilda gefiel. Da auch Karl-Gustav nicht abgeneigt war, vereinbarte Mathilda mit dem Hausbesitzer telefonisch sofort einen Termin für heute Morgen zehn Uhr.

»Schatz, ich bin ganz gespannt auf die Wohnung. Im Internet sah sie schon einmal vielversprechend aus, hoffentlich ist sie in natura genauso schön. Was meinst du?«

»Das werden wir gleich sehen Liebes, lassen wir uns überraschen. Im Internet sah sie wirklich sehr ansprechend aus. Mir gefiel auch, dass das Haus nur zwei Etagen hat und wir im Erdgeschoss wohnen können. In dem Haus befinden sich allerdings nur drei Wohnungen. Ob das ein Vorteil oder ein Nachteil ist, wird sich wohl erst im Laufe der Zeit herausstellen.«

»Ja Karl-Gustav, das sehe ich genauso. Aber beachte bitte, der Hausbesitzer wohnt auch in diesem Haus. Kann das nicht zu Problemen führen? Ich behaupte nun einfach, dass du manchmal etwas eigen bist.«

»Mathilda, was soll das denn heißen? Ich bin doch wohl der umgänglichste Mensch auf diesem Planeten.«

»Karl-Gustav, wenn du der einzige Bewohner auf unserem Planeten wärst, könnte ich auf Anhieb sagen, >ja<. Aber so kommen mir doch arge Zweifel.«

»Das war aber jetzt gemein, darauf werde ich noch einmal zurückkommen müssen. Allerdings später, wir sind jeden Moment an der Wohnung angelangt.«

»Das stimmt, zum Glück sind wir nun da. Halte bitte auf dem Seitenstreifen, dort kann man parken. Das ist ja praktisch.«

Sie standen noch nicht ganz, da kam ein Mann, wohl Mitte vierzig, auf das Auto von Karl-Gustav und Mathilda zugelaufen.

»He, Sie da, Sie können hier nicht stehen bleiben, der Seitenstreifen ist nur für Anwohner.«

»Schatz, was will der Blödmann? Guck mal, wie der mit den Armen herumfuchtelt. Hast du gerade verstanden, was der will?«

»Ich glaube ja, Karl-Gustav. Wir sollen hier nicht parken, das wäre nur für Anlieger.«

»Tickt der noch sauber? Das ist ein öffentlicher Seitenstreifen, der gehört zur Straße. Unser Auto bleibt jetzt hier stehen!«

»Schatz, ich habe so meine Befürchtungen. Ich glaube, wir sollten unser Auto woanders parken.«

»Das kommt überhaupt nicht in Frage, Mathilda mein Schatz, ich steige eben aus und werde den Typ mal einnorden.«

»Schatz warte doch mal, nicht so voreilig!«

Aber die Warnung von Mathilda kam zu spät. Karl-Gustav war schon ausgestiegen und auf den Mann zugegangen. Da dieser wiederum keine Sekunde zögerte, auf Karl-Gustav zuzugehen, standen sich beide Männer kurze Zeit später direkt gegenüber. Bevor Karl-Gustav etwas sagen konnte, sprach sein Gegenüber ihn ziemlich forsch an.

»Hören Sie mal, verstehen Sie schlecht? Sie sollen hier wegfahren, der Parkplatz ist nur für Hausbewohner.«

»Jetzt hör genau zu, du Witzbold, das hier ist ein öffentlicher Parkplatz. Genauer gesagt ist das ein Seitenstreifen, der als Parkplatz genutzt werden kann. Der Seitenstreifen gehört wiederum zur Straße und daher ist doch wohl zweifelsohne auch das Grundstück mit dem hier augenscheinlichen Parkplatz zwischen Straße und Bürgersteig in dem Besitz der Stadt Recklinghausen.

Ihnen gehört das Grundstück schon mal nicht und deshalb bleiben wir hier stehen. Es dauert außerdem sowieso nicht lange, wir wollen uns nur eine Wohnung ansehen.«

»Ach nee, und welche Wohnung wollen Sie sich ansehen? Etwa die Wohnung hier auf der Krimhildestraße 224, im Erdgeschoss unten links?«

»Mann, Sie sind zwar ein unhöflicher Patron, aber Sie scheinen hellseherische Fähigkeiten zu haben. Genau diese Wohnung wollen wir uns ansehen.«

»Tja, da können Sie aber gleich wieder fahren. Sage ich doch, dass der Parkplatz nur für Anwohner ist und das werden Sie hier nicht!«

»Ach nee, und woher wollen Sie das so genau wissen? Ich glaube, Sie überschätzen momentan Ihre hellseherischen Fähigkeiten?«

»Aber nicht im Geringsten. Für Sie ist dieses Abenteuer hier zu Ende. Sie können, oh Moment, guten Tag. Gehören Sie zu diesem Flegel?«

»Was? Hör mal zu, du Knilch! Gleich zeige ich dir einmal, was ein Kui-matsui ist. Dann vergeht dir aber dein großspuriges Gehabe, das kannst du mir glauben.«

»Karl-Gustav, du bist jetzt auf der Stelle ruhig! Entschuldigen Sie bitte, mein Mann hat es mit den Nerven, eine Nervenkrankheit. Eine Familienkrankheit genauer gesagt, nehmen Sie ihm das bitte nicht übel. Mein Mann hatte heute Morgen in der Aufregung, die Wohnungssuche hat ihn leider zu sehr mitgenommen, völlig vergessen seine Tabletten zu nehmen.

Als wir obendrein noch Ihre schöne Wohnung im Internet gesehen haben und das völlig unerwartet, verstehen Sie, war das offenbar etwas zu viel für meinen Mann. Sie sollten ab jetzt besser nur mit mir reden!«

»Mathilda, was ziehst du denn hier gerade ab? Bist du eigentlich noch bei Sinnen? Ich habe doch keine Nervenkrankheit! Ich kenne auch niemanden in der Familie, der davon betroffen sein könnte.«

»Karl-Gustav, du bist jetzt ruhig! Du darfst erst wieder etwas sagen, wenn du deine Tabletten genommen hast. Herr Hanken, das sind Sie oder? Wir sollten das unter uns regeln. Ich hoffe nun, dass ich Ihnen gefalle und ich glaube auch, dass wir beide gut miteinander auskommen würden. Achten Sie nicht auf meinen Mann!«

»Oh, Frau Kirchhaff, Sie gefallen mir sehr gut! Ich gehe nun mal davon aus, dass Sie es sind. Vielleicht haben Sie recht, auf Kranke sollte man Rücksicht nehmen. Gut, wir sind ja fortschrittliche Menschen und daher werde ich nicht darauf hören, was dieser Flegel, leider Ihr Mann, so alles von sich gibt. Ich werde mich nur auf Sie konzentrieren.«

»Ich haue dir gleich fortschrittlich was auf deine Birne, du großkotziger Blödmann. Mathilda, nun mal ehrlich, was soll das?«

»Karl-Gustav, wenn du jetzt noch ein Wort sagst, gibt es vier Wochen Schmuseverbot. Hast du mich verstanden!«

»Hören Sie mal bitte, Frau Kirchhaff, was hat Ihr Flegel von Mann gerade gesagt, der spricht so undeutlich?«

»Das stimmt, Gott sei Dank. Eh, ich meine, das kommt sicher alles durch seine Krankheit. Sie sollten sich daher nur auf mich konzentrieren, übersehen Sie meinen Mann einfach. Zeigen Sie mir denn nun Ihre schöne Wohnung oder bin ich schon aus dem Rennen?«

»Ich bitte Sie, aber Sie doch nicht. Wie kommt übrigens so ein Flegel zu solch einer äußerst hübschen und intelligenten Frau? Sachen gibt es, die gibt es gar nicht. Selbstverständlich können wir uns jetzt die Wohnung ansehen.«

»Hör mal genau zu, du Lackaffe! Meinst du, weil du hier so gestriegelt daherkommst, darfst du mich beleidigen? Ich zieh dir gleich deinen Anzug auf links und dann wollen wir doch einmal sehen, wie du danach aussiehst. Wahrscheinlich genauso bescheiden, wie es auch in deinem Gehirn auszusehen scheint.«

»Karl-Gustav, gleich bekommst du einen Maulkorb. Ich warne dich. Wehe dir, wenn du nicht auf der Stelle ruhig bist!«

»Entschuldigen Sie, Herr Hanken, lassen Sie uns doch umgehend in die Wohnung gehen? Achten Sie nicht auf meinen Mann! Sie wissen ja, er ist krank im Kopf. Der >Ärmste<, kann man da nur sagen, aber damit muss man auch leben können.«

»Was bin ich, >krank im Kopf<? Informiere mich mal Mathilda, drehst du jetzt völlig am Rad? Wieso verunglimpfst du mich hier vor diesem Blödmann? Lass das bloß sein!«

»Karl-Gustav, nun sei aber ruhig! Hole mir sofort meine Handtasche aus dem Auto und parke anschließend unser Auto auf einem anderen Parkplatz, schließlich sind wir noch keine Anwohner. Hast du mich verstanden, keine Widerrede mehr!«

Man sah Karl-Gustav nun an, dass er sich nur mit äußerster Mühe zusammenreißen konnte. Er wusste allerdings, wenn er jetzt noch etwas sagt, gibt es tatsächlich Schmuseverbot. Mit zusammengepressten Lippen ging er letzten Endes zum Auto und holte Mathildas Handtasche. Nachdem er noch mit grimmiger Miene Mathilda die Handtasche überreicht hatte, stieg er ziemlich wütend ins Auto und fuhr los.

»Das haben Sie vorzüglich gelöst, werte Frau Kirchhaff. Den sind wir mindestens eine halbe Stunde los, denn im Umkreis von zwei Kilometern gibt es außer vor unserem Haus nicht einen einzigen Parkplatz. Wirklich, vorzüglich gelöst.«

Herr Hanken war sichtlich erleichtert, als Karl-Gustav mit seinem Auto nicht mehr zu sehen war.

»Ehrlich? Damit hätte ich keinesfalls gerechnet. Das passt aber wirklich gut. Wie wäre es, wenn Sie mir jetzt die Wohnung einmal zeigen?«

»Aber selbstverständlich Frau Kirchhaff, das sollten wir unbedingt machen. Geben Sie mir vorsichtshalber Ihren Arm, ich werde Sie führen?«

»Sehr gerne Herr Hanken, ich könnte mich ja sonst verlaufen.«

Nachdem Mathilda Herrn Hanken mit einem gekonnt süßem Lächeln einen Arm gereicht hatte, gingen beide bedächtig auf das Haus zu.

Kurze Zeit später machte Herr Hanken galant in der Wohnungstür stehend Mathilda Platz, damit sie vor ihm die Wohnung betreten kann. Mathilda war richtig erleichtert, dass sie von Herrn Hanken dermaßen unterstützt wurde. Sie hätte es wohl kaum geschafft, die sieben Meter bis zur Haustür allein zu bewältigen. Letztendlich konnte sie es aber vermeiden, ihre leicht ironischen Gedanken gegenüber Herrn Hanken zu artikulieren.

»Dann kommen Sie doch hinein in Ihr eventuell zukünftiges Reich, Frau Kirchhaff!«

»Oh ja, vielen Dank Herr Hanken.«

»Wie gefällt Ihnen die Wohnung Frau Kirchhaff?«, wollte der Hausbesitzer nun mit einem nahezu provozierenden Lächeln von Mathilda ihren ersten Eindruck erfahren, nachdem er ihr schon einmal im Schnelldurchgang die drei Zimmer in der Wohnung im Erdgeschoss gezeigt hatte.

»Die Wohnung ist wahrlich schön, das muss ich schon sagen, sie gefällt mir sehr gut. Es sind zwar nur drei Zimmer, aber das Wohnzimmer ist riesengroß, da passt sehr gut noch eine Essecke hinein. Wirklich, das ist eine gelungene Aufteilung der Wohnung. Ich würde gerne hier einziehen.«

»Das freut mich. Ich denke, wir beide kommen auch gut miteinander zurecht. Bei Ihrem Mann müssten Sie nur immer darauf achten, dass er rechtzeitig seine Pillen bekommt.

Aber, verehrte Frau Kirchhaff, so wie ich Sie einschätze und wenn ich vor allen Dingen Ihr bisheriges Auftreten richtig beurteile, schaffen Sie das bestimmt ganz leicht.«

»Da haben Sie recht, das bekomme ich mühelos hin. Gibt es denn einen Keller zu dieser Wohnung?«

Nun wollte Mathilda von Karl-Gustav ablenken und versuchen das Mieten der Wohnung schnell abzuschließen, bevor ihr Mann vielleicht doch schneller einen Parkplatz findet als gedacht und hier wieder auftaucht. Dann könnte er höchstwahrscheinlich erneut für Ärger sorgen, zumindest befürchtete dieses Mathilda, denn dafür ist Karl-Gustav ihrer Meinung nach äußerst prädestiniert.

»Selbstverständlich, meine liebe Frau Kirchhaff, kommen Sie bitte mit, ich zeige Ihnen noch den Keller!«

Während Herr Hanken das sagte, fasste er Mathilda vorsichtig an die Schulter und lenkte sie so zur Treppe. Wahrscheinlich dachte er sogar, dass Mathilda die Treppe nicht ohne seine Hilfe hinuntergehen kann, denn er ließ sie nicht mehr los. Erst als er krampfhaft versuchte hatte mit einer Hand die Kellertür aufzuschließen, allerdings funktionierte das nicht wirklich, weil ihm immer wieder das Schloss aus der Hand glitt, ließ er Mathilda kurzzeitig los.

Mathilda hielt die ganze Zeit den Atem an, während beide die Treppe hinuntergegangen waren. Allerdings auch noch später, als sie schon vor der Kellertür standen. Das aber nicht, weil das Treppensteigen dermaßen anstrengend war, sondern eher aufgrund der aufdringlichen Berührungen seitens Herrn Hanken. Sie sagte erst etwas, als Herr Hanken es wider Erwarten geschafft hatte die Kellertür zu öffnen.

»Oh, der Keller ist wirklich ansehnlich. Er sieht überhaupt nicht aus wie ein normaler Keller. Man könnte meinen, Sie zeigen mir gerade ein zweites Wohnzimmer, so sauber ist das hier. Ich kann kaum glauben, dass das hier unten ein Kellerraum ist.«

»Da haben Sie recht Frau Kirchhaff, wir legen in unserem Haus sehr großen Wert auf Reinlichkeit. Ich glaube, das dürfte Ihnen entgegenkommen, wenn ich mir Ihr Äußeres betrachte.« Während Herr Hanken das sagte, lächelte er Mathilda an, seine rechte Hand befand sich zu diesem Zeitpunkt natürlich wieder an ihrer Schulter.

»Ich glaube, wir gehen wieder nach oben, ich habe das Gefühl, dass mein Mann schon zurück ist.«

»Wirklich? Das ging aber wider Erwarten sehr schnell. Na gut, dann sollten wir besser wieder gehen.«

Nun wurde sein Gesichtsausdruck, für Mathilda nicht völlig unerwartet, äußerst missmutig, während er nun mit ihr nach oben ging. Natürlich war er weiterhin der Meinung, dass sie den Vorgang des Treppensteigens ohne seine Hilfe niemals bewerkstelligen kann und so lag seine Hand wieder auf Mathildas Schulter.

»Zum Glück ist deine Hand nur auf meiner Schulter«, sagte Mathilda daraufhin so leise, dass der Hausbesitzer das nicht hören konnte. Er war wahrscheinlich noch zu sehr mit dem Berühren von Mathilda beschäftigt, denn er reagierte nicht auf das, was Mathilda da sich selbst zugeflüstert hatte.

Eventuell träumte er auch von sich und Mathilda und war in Gedanken gerade in einer Situation, in der er ihr schon etwas nähergekommen war. Vielleicht dachte er aber auch mit Grauen daran, dass in diesem Augenblick tatsächlich dieser Typ, aus seiner Sichtweise ein großer Flegel, von der Parkplatzsuche zurückgekehrt sein könnte.

»Oh, zum Glück haben Sie sich geirrt, Ihr Mann ist doch noch unterwegs.« Nun kam immerhin sofort eine freudige Reaktion von Herrn Hanken, als beide an der Wohnung angelangt waren und Karl-Gustav nicht vor der Tür stand. Ebenso verschwand schlagartig sein missmutiger Gesichtsausdruck.

Er wollte auch gerade wieder seine Hand auf Mathildas Schulter legen, die er kurzzeitig zum Aufschließen der Wohnungstür wegnehmen musste, als Mathilda vorsorglich auf die Armbewegung des Hausbesitzers reagierte.

»Wenn Sie einverstanden sind, sollten wir schnell die Formalitäten erledigen, bevor mein Mann hier auftaucht. Was würden Sie denn davon halten, wenn wir meinen Mann in dem Mietvertrag nicht berücksichtigen und Sie diesen nur mit mir abschließen?«

»Frau Kirchhaff, das ist eine wunderbare Idee, so sollten wir das handhaben. Vielleicht ist Ihr Mann gar nicht mehr lange bei Ihnen und daher passt es doch gut, dass ich mich nun nicht mit diesem Flegel auseinandersetzen muss. Wirklich, eine sehr gute Idee.«

»Ich weiß zwar nicht, was Sie damit meinen, aber gut. Dann lassen Sie uns das doch bitte zügig erledigen.«

»Ja gerne. Kommen Sie, begeben wir uns in meine Wohnung, dort können Sie auch meine Frau kennenlernen. In meinem Büro habe ich unterschriftsreife Verträge aufbewahrt.«

»Schön, dann lassen Sie uns die Formalitäten zum Abschluss bringen.«

Da sie die Eingangstür zu Mathildas zukünftiger Wohnung noch nicht geöffnet hatten und im Flur stehen geblieben waren, konnte Herr Hanken direkt Mathilda in bewährter Manier die Stufen hinauf ins erste Obergeschoss führen.

Nachdem Herr Hanken die Wohnungstür geöffnet hatte, wobei seine Wohnung die erste Etage vollständig ausfüllte, kam ihm eine äußerst adrett gekleidete Frau entgegen.

»Hallo Schatz, ich bringe unsere neue Mieterin mit, Frau Kirchhaff.«

»Hallo Frau Kirchhaff, ich bin Frau Hanken. Kommen Sie bitte herein!«

»Hallo Frau Hanken, sehr nett.«

»Möchten Sie eine Tasse Kaffee oder irgendein anderes Getränk?«

»Ein Glas Mineralwasser wäre angenehm.«

»Schatz, ich möchte ebenfalls ein Glas Mineralwasser. Kannst du die Getränke bitte ins Büro bringen. Ich begebe mich mit Frau Kirchhaff zur Besprechung des Mietvertrages dorthin.«

»Natürlich Franz, das mache ich.«

Während sich Frau Hanken sofort in die Küche begab, ging ihr Mann mit Mathilda in sein Büro und bot ihr einen Platz an. Diesmal konnte er sogar die wenigen Schritte zum Büro absolvieren, ohne Mathilda erneut seine Hand an die Schulter zu legen. Kurze Zeit später brachte Frau Hanken zwei Gläser mit Mineralwasser gefüllt ins Büro.

Nachdem Herr Hanken Mathilda einen vorbereiteten Vertrag ausgehändigt hatte, wollte er, als diese kurz den Mietvertrag überflogen und danach ihre Bankverbindung eingetragen hatte, ihr unbedingt noch etwas mitteilen.

»Frau Kirchhaff, ich weiß nicht, ob Sie auch das Kleingedruckte gelesen haben? Ansonsten möchte ich Sie noch auf eine Klausel aufmerksam machen.«

»Nein, das habe ich nicht gemacht und das hat auch einen guten Grund. In diesem Vertrag steht derart viel Kleingedrucktes, da würde es wesentlich länger dauern, bis ich alles gelesen hätte.«

»Da verstehe ich Sie, aber heutzutage muss man sich als Vermieter wirklich gegen alles absichern. Sie glauben gar nicht, was es da so alles gibt und dabei denke ich keinesfalls nur an Mietnomaden.«

»Was, das kann ich aber jetzt kaum glauben! Denken Sie etwa, dass ich ein Mietnomade bin? Ich muss doch bitten!«

»Aber Frau Kirchhaff, Sie doch nicht! Aber die Verträge sind leider ganz allgemein aufgesetzt und nicht speziell für Sie. Ich konnte doch nicht ahnen, dass ich so viel Glück habe und Sie hier bei mir einziehen werden.

Was ich letzten Endes vorbringen wollte, ist vielmehr, dass ich aufgrund meiner langjährigen Erfahrungen nur Verträge für ein Jahr abschließe, die aber selbstverständlich ganz leicht und ohne besondere Schwierigkeiten verlängert werden können.«

»So etwas habe ich noch nie gehört. Das ist für mich aber eine schwer verdauliche Kost.«

»Frau Kirchhaff, bedenken Sie bitte, bei Ihnen wäre das natürlich nicht notwendig, da würde ich zweifelsohne eine Ausnahme machen. Aber beachten Sie, zurzeit haben Sie noch einen Mann. Bei dem habe ich das Gefühl, dass der unzurechnungsfähig ist. Ich möchte das Verhalten Ihres Mannes erst ein Jahr beobachten, das müssen Sie verstehen.«

»Na gut, wenn auch schweren Herzens. Wo soll ich unterschreiben?«

»Hier, direkt am Ende der letzten Zeile.«

»Gut, nun unterschreibe ich den Mietvertrag, die Schlüssel haben Sie mir ja schon ausgehändigt und demzufolge haben wir alles unter Dach und Fach. Es freut mich sehr, dass wir das trotz aller Umstände dermaßen problemlos geschafft haben.«

»Werte Frau Kirchhaff, da bin ich ganz bei Ihnen. Wirklich herrlich, dass wir beide ohne diesen Rüpel, leider Ihr Mann, die Vermietung so souverän lösen konnten. Ich denke auch, wir beide werden …«

»Franz, bitte, komm mal schnell! Hier ist ein komischer Typ an der Haustür, der macht hier >Remmidemmi<. Er will die Polizei rufen, wenn er nicht sofort seine Frau zu Gesicht bekommt. Was mache ich denn jetzt?«

»Moment, wir kommen. Schatz, sage nichts mehr, der Kerl ist unzurechnungsfähig, da müssen wir mit allem rechnen!«

»Wieso, kennst du den Mann? Hattet ihr schon mal eine Begegnung?«

»Das kannst du laut sagen und mehr möchte ich dazu zurzeit gar nicht äußern.«

»Hör mal, du Großkotz, da bist du ja wieder. Wo ist meine Frau? Her damit, sonst ist hier gleich was los. Und ich will sie unversehrt zurück!«

»Franz, was redet der da? Ist der noch ganz normal oder hattest du etwas mit Frau Kirchhaff? Wo ist denn überhaupt Frau Kirchhaff?«

»Sie ist noch einmal zurück ins Büro, sie hat ihre Handtasche vergessen.« Herr Hanken wirkte reichlich nervös und das sollte sich noch steigern, als Karl-Gustav ihn an die Schulter fasste.

»Moment mal, du armer Wicht, hattest du etwas mit meiner Frau? Na warte, jetzt hat aber dein letztes Stündchen geschlagen!«

»Karl-Gustav, was soll das? Lass sofort Herrn Hanken los! Wehe du schlägst zu, dann lass ich mich auf der Stelle scheiden. Wir hatten nichts miteinander, spinnst du eigentlich! Du gehst mir nicht mehr aus dem Haus, bevor du deine Tabletten genommen hast.«

»Tabletten? Was ist mit dem Typ Franz, ist der gefährlich? Und diesen Mann hast du in unser Haus gelassen?«

»Keine Angst Frau Hanken, mein Mann ist nicht gefährlich, er ist nur ein Aufschneider. Leider ist mein Mann sehr krank, er hat es mit den Nerven, verstehen Sie? Aber Sie können ganz beruhigt sein. Wenn er seine Tabletten genommen hat, ist er der liebste Mann auf der Welt.«

»Mathilda, was redest du da wieder für einen Schwachsinn? Aber gut, wenn ihr nichts miteinander hattet, dann lass uns aber sofort gehen. Zum Glück müssen wir nicht mehr hierhin.«

»Schatz, was redet der Mann da?«

»Lassen Sie mal, Frau Hanken, ich regele das schon, keine Angst. Das wird sich alles einspielen.«

»Na schön, dann sag ich nichts mehr. Franz, ich hoffe mal, dass du genau weißt, was du tust.« Anschließend drehte sich Frau Hanken, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, abrupt um und ging in ihre Wohnung.

»Frau Kirchhaff, ich verlass mich da völlig auf Sie. Ich hoffe, dass Sie Ihren Mann in den Griff bekommen?«

»Darauf können Sie sich verlassen, wirklich Herr Hanken. Ich kläre das und werde auch dafür sorgen, dass ein derartiges Auftreten von meinem Mann keineswegs mehr möglich ist, da müssen Sie keine Bedenken haben.«

»In Ordnung, ich verlass mich auf Sie. Obwohl ich glaube, dass dieser Flegel kaum in den Griff zu bekommen ist. Nehmen Sie bitte beim nächsten Mal zur Sicherheit die Tabletten für Ihren Mann mit!«

»Selbstverständlich, so etwas wie heute passiert nicht noch einmal. Mach den Mund wieder zu Karl-Gustav! Du sagst augenblicklich kein Wort mehr, ich warne dich!«

»Tschüss Herr Hanken, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.«

»Vielen Dank Frau Kirchhaff, das wünsche ich Ihnen auch. Obwohl, im Moment ist es für mich unvorstellbar, dass das mit Ihrem Mann überhaupt möglich ist.«

»Schatz, was hat der gesagt, wollte der mich beleidigen? Warte doch bitte, ich muss eben mit diesem Blödmann etwas klären! Vielleicht gehst du schon mal besser vor, so etwas siehst du doch nicht gerne.«

»Karl-Gustav, du kommst auf der Stelle mit mir die Treppe hinunter!«

»Na schön, weil du es bist. Nichtsdestotrotz gefällt mir das gar nicht.«

Anschließend ging Karl-Gustav wider Erwarten friedlich und ohne noch etwas zu sagen mit Mathilda die Treppen hinunter zur Haustür. Unterwegs kam ihnen eine ältere Dame entgegen, die vermutlich in die erste Etage zur Familie Hanken wollte. Im Vorbeigehen schaute sie Karl-Gustav ganz grimmig an, sagte aber nichts.

Ihr Benehmen gegenüber Karl-Gustav fiel hingegen Mathilda sofort auf.

»Karl-Gustav, warum hat diese ältere Dame dich gerade so böse angeschaut. Hattest du mit ihr schon einmal eine Begegnung?«

»Ja leider, das kann man wohl sagen. So eine Art Begegnung der dritten Art. Als ich vorhin niemanden angetroffen hatte, die Haustür stand übrigens offen, habe ich sofort an der Wohnungstür gegenüber der Wohnung, wo wir beinahe eingezogen wären, geklingelt.

Es passierte aber eine Zeitlang nichts, daher wollte ich auch schon wieder gehen. Dann ging plötzlich die Tür auf und kurz darauf, ich habe in der Zeit mitnichten viel erklären können, kam eine ältere Frau mit einem Schrubber auf mich zu und bedrohte mich. Dabei hatte ich nur kurz, als die Tür losging, nach dir gefragt.

Diese ältere Dame mit dem Schrubber war die Frau, der wir gerade begegnet sind. Die ist ja völlig durchgeknallt! Wenn das ein Mann gewesen wäre, hätte ich dem gleich die Leviten gelesen, aber einer älteren Frau? Da bin ich lieber schnell abgehauen.«

»Lass bitte diese Ausdrucksweise! Übrigens, das war die Mutter von unserem Hausbesitzer. Es war gut, dass du dich entgegen deinen sonstigen Gepflogenheiten ausnahmsweise einmal zurückgehalten hast.«

»Ist doch wohl selbstverständlich bei einer älteren Frau. Aber ich glaube, du dachtest gerade an etwas anderes. Wobei ich das jetzt nicht verstehe, denn wir werden ja wohl hier auf keinen Fall einziehen. Die haben hier alle >einen an der Klatsche<.«

»Karl-Gustav, nicht schon wieder! Du weißt doch genau, dass ich das gar nicht mag, wenn du dich so gewöhnlich ausdrückst.«

»Ich drücke mich nicht gewöhnlich aus, das ist meine Heimatsprache.«

»Spinnst du? Ich denke nicht, dass dieses Wort mit der Bedeutung, die du dem Wort gerade zugedacht hast, so im Duden steht.«

»Mathilda, nun kläre mich bitte auf! Wieso habe ich nur dieses Gefühl, dass das hier ein Ablenkungsmanöver von dir ist. Was hast du mit dem Typ gemacht? Ich glaube, es ist besser, wenn ich noch einmal hochgehe und diesem Einfaltspinsel zeige, was ein Kui-matsui ist. Danach wird er sich nicht mehr trauen dich anzufassen, geschweige denn anzusehen, falls er dazu überhaupt noch einmal in der Lage sein wird. Warte hier, ich bin gleich wieder da!«

»Hör sofort auf Karl-Gustav, du kommst nun umgehend mit mir zum Auto! Der hat nichts mit mir gemacht. Na ja, nur seine Hand auf meine Schulter gelegt, aber schon mal gar nicht habe ich etwas mit ihm gemacht. Was ich dir ansonsten mitzuteilen habe, das mach ich in meiner Wohnung, denn da fahren wir jetzt hin, und zwar sofort!«

Diesen Ton kannte Karl-Gustav schon von Mathilda und ihm war augenblicklich bewusst, da gibt es nun aber auch gar keinen Widerspruch mehr. Zumindest lässt Mathilda keinen zu. Also gab er auf und trollte, eine andere Bezeichnung für sein nun missmutiges und widerwilliges Gehen wäre völlig fehlinterpretiert, neben Mathilda zum Auto.

Nachdem sie eine halbe Stunde gegangen waren und Mathilda langsam unruhig wurde, kam sie zu dem Entschluss das Schweigen zu beenden.

»Karl-Gustav, was machen wir hier? Wenn ich spazieren gehen möchte, mache ich das im Wald oder an einem See. Aber bestimmt nicht an einer großen Straße mitten in der Stadt und dazu noch um diese Tageszeit. Bei dem starken Verkehr müssen wir nun unweigerlich ununterbrochen Abgase einatmen. Sag mal, wo hast du denn geparkt?«

»Du bist lustig! Das war der nächstliegende Parkplatz, den ich nach langem Suchen gefunden habe. Das heißt, da wo unser Auto zurzeit steht. Ich muss dessen ungeachtet aber mal bemerken, dass du mich doch weggeschickt hast. Ich nehme einmal an, das war pure Absicht. Wahrscheinlich wolltest du mit deinem netten Herrn Hanken ein bisschen flirten. Und das geht natürlich besser, wenn ich weit weg bin.«

»Merkst du noch etwas? Komm mal wieder herunter! Das konntest du mir auch eher sagen, dass wir noch einen Gewaltmarsch zu unserem Auto machen müssen, da hätte ich uns sofort ein Taxi bestellt.«

»Schatz beruhige dich, es ist nicht mehr weit, nur noch ungefähr zwei Kilometer.«

»Was? Das ist doch wohl nicht wahr! Und das alles, weil du immer so unbeherrscht bist. Ich denke, wir holen dir auf jeden Fall geeignete Tabletten. Das möchte ich nicht noch einmal erleben.«

»Tabletten! Mathilda, was soll das? Ich habe keine Nervenkrankheit. Was sollte überhaupt dieses blöde Gerede, dass ich dermaßen krank sei und Tabletten benötige.«

»Karl-Gustav, du bist krank und du hast in der Tat große Probleme mit deinen Nerven. Das denke ich mittlerweile wirklich und deshalb werden wir etwas unternehmen. Du brauchst etwas, womit deine Nerven beruhigt werden können. Wirklich Karl-Gustav, so geht das nicht mehr weiter.«

»Mathilda, meine Nerven müssen nicht beruhigt werden. Ich verstehe dich da nicht. Das Ganze hat doch der Blödmann durch sein großspuriges Verhalten ausgelöst, das war ich doch nicht.«

»Nicht ganz Karl-Gustav, du warst nicht völlig unbeteiligt. Ich gebe zwar zu, dass Herr Hanken wirklich etwas großspurig ist und er das Parken vor seinem Haus falsch eingeschätzt hat, denn das ist wirklich ein öffentlicher Parkplatz. Trotzdem musst du dich in solchen Situationen mehr unter Kontrolle halten, auch wenn du mal ausnahmsweise im Recht bist. Und damit du dazu demnächst in der Lage sein wirst, werden wir dir vom Arzt ein Beruhigungsmittel verschreiben lassen.«

»Schatz, nun mach bitte mal halblang. Ich nehme auf keinen Fall Tabletten zu mir, die ich überhaupt nicht benötige. Du weißt doch, es gibt keine Tabletten ohne Nebenwirkungen, sie können sich sogar schädlich auf den gesamten Organismus auswirken. Nein Schatz, auf keinen Fall nehme ich so etwas!«

»Doch Karl-Gustav, das machst du. Es sei denn, du stimmst einem anderen Vorschlag zu, der mir gerade durch den Kopf gegangen ist. Und nur so kommst du an den Tabletten vorbei. Also, diese eine Möglichkeit sehe ich für dich noch. Das heißt aber, dass du dich in psychiatrische Behandlung begibst.«

»Mathilda, jetzt verlierst du aber völlig den Faden! Was soll ich denn beim Psychiater? Ich bin doch geradezu ein Paradebeispiel dafür, wie man diesbezüglich gesünder nicht sein kann.«

»Karl-Gustav, nun hebe nicht wieder völlig ab. Gut, du willst es nicht anders. Ich werde dir vorab eine etwas gezieltere Diagnose zu deinem Fehlverhalten geben. Wahrscheinlich sind bei dir auch ein paar Gehirnwindungen völlig aus dem Tritt geraten.«

»Also, gleich werde ich aber ungehalten! Ich hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet du meine geistigen Fähigkeiten dermaßen vehement verleugnen würdest. Da bin ich wirklich enttäuscht von dir, liebste Mathilda.«

»Sag nicht liebste Mathilda zu mir, das erinnert mich an meinen Exfreund. Wenn der das zu mir gesagt hatte, dachte er sich gerade eine Gemeinheit aus, mit der er mich schikanieren konnte. Sag das bloß nicht noch einmal!«

»Liebste Mathilda, das habe ich auf keinen Fall vor, ich liebe dich doch!«

»Karl-Gustav, nun höre bitte auf! Du weißt doch genau, dass ich das überhaupt nicht mag, wenn du immer >liebste Mathilda< zu mir sagst und auch, warum ich das nicht hören möchte. Trotzdem ärgerst du mich damit immer wieder.«

»Entschuldige liebe Mathilda, ist das so besser? Das Wort >liebste< war mir nur herausgerutscht. Es kommt nicht wieder vor.«

»Das will ich dir aber auch raten, zumindest nicht in diesem Zusammenhang. Natürlich gefällt mir >liebe Mathilda< viel besser. Und nun sei ruhig, denn ich habe gerade noch nicht zu Ende folgern können.

Ich glaube nämlich, nein, ich bin mir sicher, dass irgendetwas mit deiner Frustrationstoleranz, wahrscheinlich sogar mit deiner Frustrationsschwelle, nicht in Ordnung ist. Da müssen wir eine fachliche Kompetenz hinzuziehen und auch kurzfristig über eine Therapie nachdenken, da gibt es zudem keine Widerrede.

Wir können jedoch erst einmal mit den Tabletten anfangen, quasi als Übergang. Damit meine ich, dass wir diese Zeit, bis die Diagnose und die anschließende Therapie des Psychiaters eine zufriedenstellende Wirkung zeigt, auf diese Art überbrücken. Dann wäre die Tabletteneinnahme auch nur kurzzeitig.

So, und jetzt hören wir auf mit diesem unangenehmen Gespräch, ich sehe endlich unser Auto da stehen. Mann oh Mann, wir sind schon fast eine Stunde gelaufen. Es ist erfreulich, dass das demnächst nicht mehr stattfindet.«

»Da hast du recht, hier müssen wir nicht mehr hinfahren, mit diesen Typen haben wir zum Glück nichts mehr zu tun.«

»Ich muss das ein wenig korrigieren, Karl-Gustav, ganz so wird es nicht werden. Wir dürfen aber demnächst auf dem Seitenstreifen parken.«

»Wie, was hast du mit dem Typ gemacht? Ich wusste es doch, ich fahre augenblicklich zu dem Knilch zurück.«

»Karl-Gustav, was soll ich denn mit ihm gemacht haben? Höre endlich auf, er ist auch gar nicht mein Typ. Oder glaubst du etwa, dass Herr Hanken Brad Pitt ist. Doch wohl eher nicht oder?«

»Da hast du recht, wie Brad Pitt sieht der nicht aus, da habe ich zweifelsfrei viel mehr Ähnlichkeit mit Brad.«

»Karl-Gustav, ich will dir nicht wehtun, gleichwohl hast du noch weniger Ähnlichkeit mit Brad als Herr Hanken. Tut mir leid, dir das sagen zu müssen. Aber bleibe bitte jetzt beim Thema. Was denkst du denn, was für eine Möglichkeit könnte es zusätzlich geben, damit wir ab sofort auf dem Seitenstreifen parken können, ohne dass der Blödmann, wie du Herrn Hanken gerne betitelst, sich aufregt?«

»Also meine Liebe, dazu habe ich aber auch gar keine Idee. Denn das, was da noch möglich wäre, wirst du doch nie und nimmer getan haben oder?«

»Das >oder< hörte sich jetzt wie eine Drohung an. Karl-Gustav, lass das!«

Auf dem restlichen Weg zum Auto, wobei Mathilda im Gegensatz zu Karl-Gustav das nicht als Spaziergang bezeichnen wollte, ging es ziemlich ruhig zu. Besonders schweigsam und in sich gekehrt war jetzt auch Karl-Gustav unterwegs. Das war auch nicht verwunderlich, denn ihn beschäftigten nun unheilvolle Gedanken, die er allerdings nicht aussprach. Mathilda ging währenddessen ein paar Schritte hinter ihm, dazu leicht grün im Gesicht.

Letzteres wahrscheinlich aufgrund des schier endlosen Spazierganges zu ihrem Auto, dachte sich Karl-Gustav. Aus welchem Grund sie nicht mehr neben Karl-Gustav hergehen wollte, dieses zu erfragen ließ er zurzeit lieber bleiben.

Mittlerweile waren sie an ihrem Auto angekommen und fuhren sofort los. Auch jetzt redete keiner ein Wort, sogar Karl-Gustav verhielt sich weiterhin sehr schweigsam. Es hatte ihm die Sprache verschlagen, und das passiert nicht sehr oft. Mathilda hatte es zwar nicht ausgesprochen, er glaubte aber nun ohnehin zu wissen, was ihn künftig erwartet.

Erst als sie die Wohnung von Mathilda erreicht und sich beide auf die Couch gesetzt hatten, war Mathilda bereit die schweigsame Zeit zu beenden.

»An deinem Gesicht sehe ich, dass du weißt, was ich dir jetzt ankündigen möchte. Bist du nun böse auf mich? Wenn du nicht willst, ziehe ich auch allein in diese Wohnung. Ich kann dich nicht zu deinem Glück zwingen.«

»Dass das mein oder unser Glück wird, möchte ich doch stark bezweifeln. Es wird meiner Meinung nach ein Fiasko!«

»Was willst du damit ausdrücken? Soll das heißen, dass du glaubst, ein Zusammenleben mit mir wird ein Fiasko? Weißt du was, ich bin richtig froh, dass du dich schon so früh geoutet hast. Dann ist es wohl besser, du packst deine Sachen und wir sehen uns nie mehr wieder.«

»Aber Mathilda, mein Schätzchen, doch nicht du bist mein oder besser unser angedachtes Fiasko. Ich liebe dich und bin gerne mit dir zusammen. Ich meine ausdrücklich das Zusammensein in dieser Wohnung.

Andererseits habe ich die Wohnung noch nicht gesehen, ich meine auch eher diese Typen. Als Nachbarn möchte ich diese Personen nicht bezeichnen, die da in dem Haus wohnen, wo wir höchstwahrscheinlich zu meinem Leidwesen bald einziehen werden. Ich gehe mit dir jede Wette ein, dass dieser Blödmann, also der sich total selbst überschätzende Kerl von Hausbesitzer, in seiner Selbstherrlichkeit badend uns mit Vorliebe schikanieren wird. Na meinetwegen, dir zuliebe versuchen wir es.«

»Schatz, da bin ich wirklich froh, dass du nicht mich gemeint hast. Das andere werden wir bestimmt hinbekommen, da bin ich ganz zuversichtlich. Du musst dich nur etwas zuvorkommend, zumindest aber etwas zurückhaltend Herrn Hanken gegenüber verhalten. Meiner Meinung nach wird das dann bestimmt gut gehen. Ich bin nun wirklich froh.«

»Gut mein Schatz, ich werde mich bemühen. Ich würde sagen, wir können uns darauf verständigen, dass ich jedes Mal, wenn mir der Typ blöd kommt und ich ihm zeigen möchte, was ein Kui-matsui ist, erst einmal eine dreiminütige Denkpause einlege. Vielleicht habe ich mich anschließend wieder beruhigt oder der Typ ist bis dahin verschwunden. Was hältst du von meinem Vorschlag?«

»Schatz, das finde ich sehr großzügig von dir, ich meine natürlich Herrn Hanken gegenüber. Wirklich, damit kann ich ganz gut leben, lass uns das so praktizieren. Obwohl, eigentlich eher du. Wenn du das schaffen solltest, wäre ich auch bereit zu akzeptieren, dass du keine Tabletten einnimmst und vielleicht sogar auf den Besuch beim Psychiater verzichten kannst.«

»Sehr großzügig von dir, wirklich Mathilda.«

»Karl-Gustav, lass diese Provokation!«

Daraufhin wurde das Gespräch beendet, denn jetzt war erst einmal Schmusen angesagt. Über die neue Wohnung wollte an diesem Abend niemand mehr sprechen.

Am nächsten Morgen wollten beide noch einmal zur Wohnung fahren und sich alles genau ansehen. Insbesondere um die Maßnahmen festzulegen, die auf jeden Fall noch vor dem Umzug durchgeführt werden müssen.

Dieses Mal konnten sie auch ohne Schwierigkeiten auf dem Seitenstreifen parken. Herrn Hanken sahen sie nur von Weitem, das Karl-Gustav nicht unlieb war. Er konnte sich aber immerhin dazu bewegen, dem Vermieter freundlich zuzuwinken. Na ja, freundlich dreinschauen wurde dennoch schwierig, er hatte es zumindest versucht. So ganz war Mathilda noch nicht mit seiner Mimik zufrieden, aber für den Anfang nahm sie es hin, ohne noch einmal ein Wort darüber zu verlieren.

Kurze Zeit später war Karl Gustav doch besänftigt, als er zum ersten Mal die Wohnung sah. Deren Aufteilung fand er sehr passend und auch mit der Größe der einzelnen Zimmer konnte er gut leben.

»Schatz, die Wohnung ist wirklich tadellos, da hast du ein richtiges Näschen gehabt.«

»Ich danke dir, dass du das genauso siehst. Wir brauchen außerdem nicht viel renovieren und können Samstag sofort einziehen. Wir fragen meinen Vater, ob er uns die Wohnung tapeziert und einige Teppiche verlegt. Das war es aber auch.«

Mehr mussten sie vorerst wirklich nicht tun. Vor allen Dingen, weil in jedem Zimmer an der Decke eine indirekte Beleuchtung installiert war und daher würden sie mit ihren zwei Deckenstrahlern als zusätzliche Beleuchtung gut zurechtkommen. Ihre anderen Leuchten wollten sie erst einmal nicht anbringen.

»Du hast recht, mehr haben wir nicht zu tun. Bis auf diese Typen hier im Haus werden wir uns bestimmt wohlfühlen.«

Das sah Mathilda genauso, obwohl sie das Zusammenleben mit den neuen Nachbarn nicht so extrem negativ einschätzte wie ihr Mann.

In der nächsten Zeit beschäftigten sie sich ausschließlich mit der Vorbereitung für ihren Umzug und planten darüber hinaus schon mal die Farben der Teppiche, die sie im Wohnzimmer und im Arbeitszimmer für vorteilhaft hielten. Sie hatten sich auch überlegt, dass vernünftigerweise das Verlegen der Teppiche Mathildas Vater übernehmen sollte. Sie hatten beide keine großen Befürchtungen, dass dieser das nicht machen würde.

Wegen der Stauballergie von Karl-Gustav konnten sie im Schlafzimmer keinen Teppich verlegen. In diesem Zimmer mussten sie sich mit dem dort vorhandenen Holzfußboden zufriedengeben, wobei der ganz passabel aussah. Sie maßen obendrein noch die Zimmer aus, in denen Teppiche verlegt werden sollen – es handelte sich um das Wohnzimmer, das Büro sowie den kleinen Flur – und waren daraufhin fast fertig mit der Umzugsvorbereitung.

Am Nachmittag kauften sie noch entsprechende Teppiche und bestellten diese für übermorgen zu ihrer neuen Wohnung.

Bis dahin würde ihr Vater auch die Tapeten angebracht haben, die sie ebenfalls noch eingekauft hatten. Neben dem Schlafzimmer sollte ebenso in der Küche, hier war der Fußboden gefliest, kein Teppich verlegt werden.

Drei Tage später war es so weit. Mathildas Vater hatte inzwischen alle Zimmer tapeziert, das ging ihm schon flüssig von der Hand. Karl-Gustav ließ dabei nichts unversucht, seinem Schwiegervater tatkräftig mitzuhelfen. Außerdem hatte Mathildas Vater alle Teppiche verlegt, hierbei verzichtete er aber auf die Hilfe von Karl-Gustav, er sei ihm dafür zu ungeschickt. Das vernahm dieser zwar äußerst ungern, doch gegen Mathildas Vater würde er nichts sagen, ihn mochte er. Und so war die Wohnung kurze Zeit später zum Einzug bereit. Nun konnte eine neue Episode in ihrem gemeinsamen Leben beginnen.

Da sie den Umzug von einem Umzugsunternehmen durchführen ließen, konnten sie sich am Abend nach dem Umzug völlig entspannt bei einem Glas Wein auf die Couch setzen und ein wenig Musik hören.

Plötzlich, Mathilda und Karl-Gustav sitzen eng aneinander gekuschelt und genießen den Abend bei Wein und leiser Hintergrundmusik, da schellte es. Um diese Uhrzeit, es war einundzwanzig Uhr dreißig, ging vorsichtshalber Karl-Gustav zur Tür. Ein Blick durch den Türgucker offenbarte ihm, dass da der Blödmann von Hausbesitzer vor ihrer Wohnungstür steht.

»Hören Sie mal, Sie Flegel, stellen Sie gefälligst die Musik leiser, in diesem Haus herrscht um diese Uhrzeit Ruhe. Meine Mutter hat mich gerade angerufen und mir mitgeteilt, dass sie bei dem Krach nicht schlafen kann.«

Der Vermieter hatte nicht abgewartet, bis Karl-Gustav die Wohnungstür vollends geöffnet hatte, sondern brachte sofort seinen Unmut in einer für Karl-Gustav überhaupt nicht zu akzeptierenden Schärfe hervor, als der die Tür erst einen Spalt geöffnet hatte.

»Sagen Sie mal, Sie sind doch wohl völlig neben der Spur! Hören Sie vielleicht etwas? Und einen anderen Ton, wenn ich bitten darf, ansonsten werde ich gleich äußerst ungemütlich!«

»Wie bitte, ich habe doch wohl recht! Im Moment höre ich zwar keine laute Musik, allerdings heißt das gar nichts, denn Sie haben bestimmt, als ich geschellt habe, die Musik sofort leiser gemacht. Sie stellen sofort die Musik leise oder noch besser wäre es, Sie stellen die Anlage ganz aus. Außer der Ruheverordnung in unserem Haus gibt es ja wohl noch eine gesetzlich geschützte Nachtruhe. Also, entweder hört meine Mutter gleich nichts mehr oder ich rufe die Polizei.«

»Was? Sind Sie eigentlich völlig bekloppt? Wir haben die Musik, nachdem es geschellt hatte, nicht leiser gestellt, überhaupt nicht. Und wissen Sie was, das Bundes-Immissionsschutzgesetz schreibt ab zweiundzwanzig Uhr Nachtruhe vor, jetzt ist es aber erst einundzwanzig Uhr dreißig.

So, jetzt geht es aber richtig los. Nun werden wir unsere Musikanlage bis Punkt zweiundzwanzig Uhr mal so richtig aufdrehen. Natürlich nicht über die vorgeschriebenen Grenzwerte. Und nun nehmen Sie Ihren Fuß aus der Tür, sonst werden Sie in den nächsten sechs Wochen mit einem Gipsfuß durch die Gegend humpeln. Wahrscheinlich hätten wir dann etwas mehr Ruhe vor Ihnen, also bringen Sie mich nicht in Versuchung!«

Karl-Gustav hatte noch nicht ganz ausgesprochen, da schlug er schon mit Wucht die Haustür zu, letztlich ohne Rücksicht auf Verluste. Herr Hanken musste schon ziemlich schnell seinen linken Fuß aus der Tür nehmen, fast hätte Karl-Gustav noch seine Zehen eingeklemmt. Aber das hätte Herr Hanken dann selbst zu verantworten, denn darauf achtete Karl-Gustav in dieser Situation wirklich nicht.

»Das darf doch nicht wahr sein«, murmelte Karl-Gustav vor sich hin, »wir sind gerade eingezogen und am selben Abend macht der Scheißkerl schon Rabatz.«

Er hatte Mathilda gewarnt, aber seine Worte blieben von ihr unbeachtet. Er war nun ziemlich angefressen, wie er seinen momentanen Zustand gerne beschreiben würde, trotzdem versuchte er langsam herunterzufahren, denn er hatte nun einen Plan. In diesem Zustand würde er aber in Mathildas Augen unglaubwürdig erscheinen.

»Schatz, wer war das?«, war Mathilda reichlich neugierig, als Karl-Gustav, trotz seiner Beruhigungsversuche immer noch ziemlich aufgebracht, wieder ins Wohnzimmer kam.

Er bemühte sich aber gegenüber Mathilda ganz relaxt zu wirken, er hatte schließlich jetzt etwas vor und um was es sich dabei handelte, das sollte Mathilda im Vorfeld besser nicht erfahren. Das wäre ungünstig, da sie ihm sonst definitiv das Vorhaben verbieten würde.

»Ach, das war unser netter Hausbesitzer. Er hat gesagt, die Musik wäre so schön und trifft besonders den Musikgeschmack seiner Mutter. Er hat angefragt, ob wir die Lautstärke noch etwas erhöhen könnten, damit würden wir seiner Mutter eine große Freude bereiten.«

»Karl-Gustav, das glaube ich dir aber nicht. Der wollte bestimmt etwas anderes. Nun sag es doch schon!«

»Nein Schatz, es war die Musik, die ihn oder besser seine Mutter mental so berührte. Ich werde das auch sofort regeln, schließlich sind wir ausgesprochen hilfsbereite Nachbarn.«

Karl-Gustav ging eilenden Schrittes zu seiner Musikanlage und erhöhte die Lautstärke auf Dreiviertel des maximal möglichen Lautstärkepegels. Dazu muss man bemerken, das ist eine grandiose Musikanlage mit möglichen vierhundertfünfzig Watt Sinusbelastung, dazu hervorragende Boxen mit einer hohen Leistungsfähigkeit und ...

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