Logo weiterlesen.de
Unser letzter Sommer mit Sophie

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Zitat
  8. Prolog
  9. 1
    1. Das Versprechen
  10. 2
    1. Beachbabys
  11. 3
    1. Das alte Haus mit dem Orangenbaum
  12. 4
    1. Der Rucksack mit dem kleinen Känguru
  13. 5
    1. Peter kann (fast) alles
  14. 6
    1. Der Strandhut
  15. 7
    1. »Sophie schläft«
  16. 8
  17. 9
  18. Epilog
  19. Danksagungen

Über dieses Buch

Sophie ist ein lebhaftes Kind: Sie singt, plantscht im Wasser, und am liebsten lässt sie sich vorlesen. Doch eines Tages bemerkt Renate verdächtige Knoten am Körper ihrer Tochter. Als die Ärzte eine Diagnose haben, ist es schon zu spät: Sophie leidet unheilbar an Krebs, ihr bleiben nur noch wenige Wochen. Renate verzweifelt: Sie will jetzt alles richtig machen – aber wie soll das gehen, eine Zweieinhalbjährige aufs Sterben vorbereiten? Erst Jahre nach Sophies Tod gelingt es Renate, die Zeichen der Versöhnung zu deuten, die Sophie ihr in ihren letzten Tagen gegeben hat.

Über die Autorin

Renate Barth ist Diplom-Psychologin, Familientherapeutin und Psycho-analytikerin. 1983 wanderte sie nach Australien aus. Dort bekam sie ihre Tochter Sophie, die als Kleinkind an Krebs erkrankte und starb. Renate Barth hat diverse deutsch- und englischsprachige Artikel in psycholo-gischen und medizinischen Fachzeitschriften und Fachbüchern veröf-fentlicht sowie 2008 den Ratgeber »Was mein Schreibaby mir sagen will«. Renate Barth lebt heute in Hamburg.

Die Literatur ist das Gedächtnis der Menschheit. Wer schreibt, erinnert sich, und wer liest, hat an Erfahrungen teil. Bücher kann man wieder neu auflegen. Von Büchern gibt es schließlich Archivexemplare. Von Menschen nicht.

Hans Keilson: Das Leben geht weiter. Nachwort zur Neuausgabe 2011

Sophie.jpg

Prolog

Es war das Jahr, in dem sich in Tschernobyl eine radioaktive Wolke ausbreitete und die Welt in Angst und Schrecken versetzte. Weit entfernt von Sydney und doch so nah. Auch unsere Familie steuerte einer Kernschmelze entgegen. Wir wussten es nur noch nicht.

Zu Beginn des Jahres war noch alles gut. Wie jeden Abend kam Sophie frisch gebadet aus dem Badezimmer gerannt und lief in ihrem Pyjama mit den kleinen rosa Teddybären laut kreischend den Flur entlang auf ihr Kinderzimmer zu. Ich versuchte, sie einzufangen. Gerade als sie ihr Bett erreichte, hatte ich es geschafft.

»Ich hab dich«, rief ich und kitzelte sie am ganzen Körper. Sie schrie und quietschte vergnügt. Als Peters hochgewachsene Gestalt im Türrahmen auftauchte, gab ich ihr einen Kuss und sagte: »Sieh mal, da kommt schon dein Daddy. Schlaf schön.«

»Gute Nacht, Mami.«

»Was soll ich denn heute vorlesen?«, fragte Peter.

Sophies Antwort folgte prompt: »Mr. Bell’s Fixit Shop.«*

Lächelnd nahm Peter das gewünschte Buch vom Regal und setzte sich damit auf die Bettkante.

Sophie kletterte auf seinen Schoß und lehnte sich gegen seine Brust. Zärtlich strich er ihr über das dichte Haar. Dann rückte er seine Brille zurecht und begann zu lesen. Sophie passte genau auf, dass er auch ja keine Fehler machte, denn sie kannte das Buch in- und auswendig. Jeden Satz und jede Illustration.

Es handelte von einem kleinen Mädchen und einem alten Mann mit Schnauzbart, Nickelbrille und Katze, der fast alles heil machen konnte: kaputte Schlösser, Uhren, Pfannen, Teller, Rollschuhe und vieles andere mehr. Auf dem Schild am Fenster seines Ladens stand:

Mr. Bell’s Fixit Shop.

Ich mache alles heil,

außer gebrochene Herzen.

Unter das Schild hatte Mr. Bell ein rotes Herz mit einem Riss in der Mitte gemalt.

Jeden Tag nach der Schule kam das kleine Mädchen zu ihm in den Laden, um zu helfen. Eines Nachmittags fragte es, was denn ein gebrochenes Herz sei.

Mr. Bell antwortete: »Wenn du so traurig bist, dass du dir nicht vorstellen kannst, jemals wieder glücklich zu sein, dann weißt du, dass dein Herz gebrochen ist.«

* Übersetzt: »Mr. Bells Reparaturladen« – Die Geschichte wird hier und auf den Seiten 20/21 in deutscher Sprache frei wiedergegeben nach: Ronne Peltzman (1981): Mr. Bell’s Fixit Shop, Western Publishing Company, New York.

1

Den 5. November 1986 werde ich nicht vergessen. Nie mehr. Mein ganzes Leben lang nicht. An diesem Tag erfuhren Peter und ich, dass unser Kind an Krebs erkrankt war. Mit zwei Jahren und sieben Monaten.

An Krebs.

Unsere kleine Sophie, unser Sonnenschein und ganzes Glück, sollte Krebs haben. Das konnte doch gar nicht sein. Aber es war so. Und die merkwürdigen Symptome, die uns seit vielen Wochen beunruhigten, hatten plötzlich einen Namen. Aber keinen, der dem Spuk ein Ende bereitet hätte. So, wie das der Fall ist, wenn man nach einem Arztbesuch mit einem Medikament nach Hause geschickt wird oder, im schlimmeren Fall, einer Operation ins Auge blicken muss. Wir hatten jetzt zwar einen Namen für Sophies Leiden. Aber er stand nicht für Hoffnung und Heilung, sondern für Angst, Ungewissheit und Tod.

Acht Monate zuvor hatte es noch keine Anzeichen für ein drohendes Unheil gegeben. Ich lebte seit knapp drei Jahren mit Peter in seiner Heimatstadt Sydney und nahm das familiäre Glück, das ich erlebte, als etwas Selbstverständliches hin, nicht als ein kostbares Gut, das nur auf der Durchreise war und mir einen kurzen Besuch abstattete.

Die Zeit seit meiner Einwanderung aus Deutschland war schnell vergangen. Am 27. März hatten wir den zweiten Geburtstag unserer Tochter Sophie gefeiert. Noch heute sehe ich sie in ihrem weiß-rot gemusterten Kleidchen mit dem runden Kragen und den Puffärmeln vor mir stehen. Ihre schnurgeraden honigfarbenen Haare waren frisch gewaschen und so geschnitten, dass sie ihr ebenmäßiges Gesicht wie ein Bild einrahmten. Mit strahlend blauen Augen lächelte sie mich an.

»Hübsch siehst du aus«, sagte ich und strich ihr über die Wange. »Jetzt können die Gäste kommen.«

Da klingelte es auch schon, und Sophie sauste mit ihrem Daddy zur Haustür. Ich blickte den beiden hinterher. Peter war über ein Meter neunzig groß und sehr schlank. Sophie hatte seine Statur geerbt, genau wie Joanne, seine neunzehnjährige Tochter aus einer früheren Beziehung, die gerade eintraf und gratulierte. Als Nächstes kam Peters Mutter, Sophies Nana mit dem Silberhaar. Unsere Tochter ließ sich kurz umarmen, wandte sich dann aber gleich den kleinen Weggefährten aus der Spielgruppe zu, die in Begleitung ihrer Eltern eintrudelten. Alle hielten kleine Päckchen in den Händen.

»Geht schon mal in den Garten«, rief ich den Kindern zu, als das Gedränge an der Tür zu groß wurde. Die Kleinen stürmten los. Allen voran Sophie.

Die erwachsenen Gäste sahen sich interessiert in unserem neuen Haus um. Es war schon hundert Jahre alt und etwas ramponiert. Alles musste renoviert werden. Aber Peter versicherte unseren Freunden, dass das kein Problem sei. Er würde es richten. Wichtig sei die Lage im schönen Mosman, nur wenige Autominuten entfernt von mehreren weißen Stränden, dem Sydney Harbour Nationalpark, dem Zoo und der Fähre, die in fünfzehn Minuten direkt in die City fuhr.

Dem konnte keiner widersprechen, denn Mosman gehörte zweifelsohne zu den attraktivsten Stadtteilen Sydneys.

Unsere Besichtigungstour führte über die große rückwärtige Veranda in den Garten. Dort versuchte ein kleines Mädchen gerade, zwischen den Stühlen und den mit Getränken, Obst und Kuchen beladenen Tischen Dreirad zu fahren. Ein Junge ritt ein paar Meter davon entfernt auf einem Holzpferdchen, und dazwischen liefen mehrere kleine Menschenkinder herum und untersuchten das bereitliegende andere Spielzeug. Sophie war bestens gelaunt und bewegte sich munter zwischen ihren kleinen Freunden hin und her.

Als alle Gäste versammelt waren, nahm ich sie auf den Arm, und Peter zündete die beiden Kerzen auf der mit saftigen Erdbeeren garnierten Geburtstagstorte an.

Eine für jedes Lebensjahr.

Dann sangen alle:

»Happy birthday to you,

happy birthday, liebe Sophie,

happy birthday to you.«

Sophie guckte mit großen Augen in die Runde und lächelte in der ihr eigenen, etwas scheuen Art.

»Jetzt pusten«, rief Peter.

Sophie atmete tief ein, beugte sich vor und blies.

Die beiden Kerzen erloschen.

***

Viereinhalb Monate später wurde offenkundig, dass mit unserer Tochter etwas nicht stimmte.

Bis dahin war sie durchs Haus gerannt, auf ihren Hochstuhl geklettert, hatte Muscheln am Strand gesammelt und war so schnell ins Meer gelaufen, dass Peter und ich nur mit Mühe hinterherkamen. Manchmal sagte sie: »Diddle, Diddle, Mami«, und dann sollte ich Hey Diddle, Diddle, die Katze und die Fidel singen, während sie ihr Bett als Trampolin benutzte und im Rhythmus des Liedes auf und ab hüpfte. Höher und höher. Dabei passte ich mit ausgebreiteten Armen auf, dass sie nicht abrutschte und auf den Boden fiel. Manchmal ließ sie sich auch absichtlich von hoch oben mit Wucht und Wonne in meine Arme fallen und kreischte vergnügt. Und wenn ich zu singen aufhörte, rief sie: »Diddle, Diddle, Mami, weiter.«

Diese ausgelassenen Zeiten waren nun schlagartig vorbei.

Sophie wollte oder konnte nicht mehr laufen, rennen, hüpfen und klettern. Egal ob zu Hause, am Strand oder bei anderen Familien: Sie setzte sich da, wo sie sich gerade befand, hin – meist auf den Boden – und war durch nichts dazu zu bewegen, aufzustehen. Auch wenn ich versuchte, sie mit Hey Diddle, Diddle zu locken, hatte ich keinen Erfolg. Sie schüttelte den Kopf oder reagierte gar nicht auf solche Vorschläge. Manchmal beschäftigte sie sich eine Weile mit einem Buch oder Spielzeug, aber oft saß sie einfach nur unglücklich da.

Peter und ich sahen uns dieses merkwürdige Verhalten zwei Tage lang mit zunehmender Sorge an. Dann kontaktierte ich unsere Hausärztin, deren Praxis nur wenige Meter entfernt in der Canrobert Street lag. Wie in Australien üblich, redete ich sie mit ihrem Vornamen an. Shirley maß dem Problem jedoch keine größere Bedeutung bei.

»Machen Sie sich keine Sorgen«, sagte sie. »Es sind wahrscheinlich Hüftschmerzen. Sie können bei Kindern, auch zeitverzögert, nach Erkältungen auftreten und gehen dann wieder weg.«

Ich weiß nicht mehr, ob Sophie um diese Zeit herum erkältet war. Auf jeden Fall beruhigte uns die Diagnose nicht, und Peter und ich fuhren am folgenden Tag mit ihr in ein nahegelegenes Kinderkrankenhaus.

Wir mussten lange warten, bis wir an der Reihe waren, aber Sophie gelang es, die Zeit mit den mitgebrachten Büchern gut zu überbrücken.

Nach der Untersuchung sagte der Arzt, dass die Diagnose unserer Hausärztin vermutlich richtig war. Es könne sich jedoch auch um eine Knochenmarkentzündung handeln, aber die gehe mit Fieber einher. Ob unsere Tochter daran erkrankt sei, lasse sich nur mit einer Röntgenuntersuchung feststellen. Wir wollten erst einmal abwarten, ob sie Fieber bekommen würde, und entschieden uns dagegen.

Hungrig und durstig verließen wir das Krankenhaus und steuerten auf das nächstgelegene Café zu. Nachdem wir uns gestärkt hatten, erlebten wir eine Überraschung: Unser kleines Fräulein erhob sich von ihrem Stuhl und fing an, zwischen den Tischen nach der Radiomusik zu tanzen.

Peter und ich sahen uns überrascht an.

Wie war denn das möglich?

Tagelang hatte Sophie sich so gut wie gar nicht fortbewegen wollen, und jetzt war sie quietschfidel und hopste fröhlich vor sich hin. Da hatten wir mit dem Besuch der Notaufnahme aber ganz schön überreagiert. Erfreut sahen wir ihr beim Tanzen zu, und auch die Gäste am Nebentisch lächelten beim Anblick unserer ausgelassenen Tochter.

Das normale Leben hatte uns wieder.

Dachten wir.

Aber vier Wochen später, wir hatten inzwischen September, passierte etwas, das uns erneut in Unruhe versetzte. Es war ein schöner Frühlingstag. Peter hatte einen beruflichen Termin, und ich war für Sophies Betreuung zuständig. Nach dem Frühstück stellte ich die Waschmaschine an, machte die Betten und räumte ein bisschen auf. Dabei wuselte Sophie zur Musik einer ihrer Kassetten um mich herum. Laut schallte das Lied Humpty Dumpty durch alle Räume. Humpty Dumpty ist ein menschenähnliches rohes Ei mit einem Gesicht, Armen und Beinen, das in Australien jedes Kind kennt. Sophie summte und sang fröhlich mit, wie es erst auf einer Mauer saß und dann herunterfiel und zerbrach. Selbst mit allergrößtem Aufwand konnte es nicht wieder heil gemacht werden:

Humpty Dumpty sat on a wall,

Humpty Dumpty had a great fall,

all the king’s horses and all the king’s men,

couldn’t put Humpty together again.

Ich legte die nasse Wäsche in einen Korb, um sie draußen aufzuhängen.

Sophie folgte mir auf die Veranda und die sechs Stufen hinunter in den Garten. Dort angekommen, lief sie über den Rasen zur Sandkiste und fing an, mit Kuchenförmchen, Eimer und Schaufel zu spielen.

Eine leise Brise wehte und ließ unsere T-Shirts, Hemden und Hosen auf der Leine im Wind tänzeln. Ich ging zur Sandkiste, und Sophie stand auf, um mir entgegenzukommen. Und da sah ich sie, die Schwellung in der Leiste ihres linken Beines. Entsetzt beugte ich mich vor und ertastete einen etwa kirschgroßen harten Knoten. Was war denn das? Ich ließ alles stehen und liegen und eilte mit meinem Kind zu unserer Ärztin. Wir kamen sofort dran. Nachdem Shirley das Bein untersucht hatte, sagte sie: »Machen Sie sich keine Sorgen. Solche verdickten Lymphknoten können von kleinen Verletzungen kommen und verschwinden dann wieder.«

Diese Erklärung leuchtete mir ein, denn Sophie hatte sich in ihren neuen pinkfarbenen Clark-Sandalen gerade eine Blase am Fuß gelaufen. Und so ging ich mit einem Rezept für ein Antibiotikum erleichtert nach Hause.

Aber es trat keine Besserung ein.

Im Gegenteil. Morgens beim Aufwachen und abends vor dem Schlafengehen weinte Sophie jetzt bitterlich und ließ sich nur schwer beruhigen.

Aber das war noch nicht alles. Auch in der kirchlichen Eltern-Kind-Gruppe, die wir einmal wöchentlich besuchten, verhielt sie sich völlig anders als sonst. Sie setzte sich weit ab von den anderen Jungen und Mädchen an einen leeren Tisch und starrte düster vor sich hin. Besorgt ging ich zu ihr und fragte sie, was denn los sei, aber ich bekam keine erklärende Antwort.

»Komm doch mit zu den anderen Kindern«, forderte ich sie auf. Doch sie wollte nicht.

Erst als ich das von ihr so geliebte Singspiel »Ringel, Ringel, Rosen« anstimmte, schloss sie sich der Gruppe wieder an. Uns an den Händen haltend, tanzten wir singend im Kreis herum, und bei den Worten »alle Kinder setzen sich« hockten sich die Kleinen kreischend hin. Auch Sophie lachte.

Der Spuk schien vorüber.

Aber nicht für lange.

Zwei Wochen später waren wir mit langjährigen Freunden von Peter im nahegelegenen Park von Clifton Gardens zum Picknick verabredet. Es war eine ideale Örtlichkeit für Kinder, denn es gab dort eine große Rasenfläche, einen schönen Spielplatz und einen feinsandigen weißen Strand. Wir suchten uns ein schattiges Plätzchen unter einem der hohen Bäume und gingen davon aus, dass sich unsere in etwa gleichaltrigen Kinder gut amüsieren würden.

Aber sofort nach der Ankunft setzte sich Sophie wieder auf den Boden.

Die Sache wurde mir allmählich unheimlich.

Was hatte sie bloß?

Fragend sah ich Peter an. Er hatte volles Haar, große dunkelblaue Augen, eine kräftige Nase und einen eher kleinen Mund, der von einem getrimmten Vollbart umrandet wurde. Gerade wandte er sich unserer Tochter mit sorgenvoller Miene zu. »Was hast du denn, Kleines?«, fragte er und nahm sie auf den Arm. »Wollen wir mit dem Ball spielen?«

Sie schüttelte den Kopf.

Langsam ging er mit ihr Richtung Spielplatz, und ich erzählte unseren Freunden, dass Sophie vor einigen Wochen schon einmal Probleme beim Laufen hatte und wir deshalb mit ihr in einem Kinderkrankenhaus waren. »Aber die haben nichts gefunden. Und wisst ihr, was danach passiert ist? Wir sind in ein Café gegangen und dort hat sie nach der Radiomusik getanzt.«

Unsere Freunde guckten so ungläubig wie Peter und ich damals.

»Wir kamen uns richtig blöd vor und dachten, wir hätten mit unserem Besuch der Notaufnahme überreagiert. Aber da sie jetzt schon wieder nicht laufen kann, war das ja vielleicht doch nicht der Fall«, sagte ich und guckte besorgt in die Richtung, in die Peter mit Sophie verschwunden war.

Die beiden kamen schon zurück, und ich hörte Peter von Weitem rufen: »Es geht ihr nicht gut. Lass uns noch einmal ins Kinderkrankenhaus fahren. Die müssen etwas übersehen haben.«

Ich stimmte ihm zu. Irgendetwas war mit unserer Tochter nicht in Ordnung.

Aber was?

In Windeseile packten wir unsere Decken und anderen Utensilien zusammen und verabschiedeten uns von unseren Freunden.

Im Krankenhaus bekam Sophie ein weiteres Antibiotikum, und wir wurden mit den inzwischen vertrauten Worten »Machen Sie sich keine Sorgen« nach Hause geschickt.

Am nächsten Tag fand der Kontrolltermin bei unserer Hausärztin statt. Nach Sophies Tod würde sie uns erzählen, dass sie an diesem Tag zum ersten Mal an Krebs gedacht hatte. Aber das teilte sie uns damals nicht mit, sondern sie überwies uns an einen Kinderarzt. Auch Dr. White gab Entwarnung: »Die meisten Kinder haben irgendwann geschwollene Lymphknoten als Reaktion auf kleine Wunden. Sorgen muss man sich erst machen, wenn solche Schwellungen an verschiedenen Stellen des Körpers auftreten.«

So viele Ärzte konnten doch nicht irren.

Alles war gut.

***

Mitte Oktober flogen wir in bester Stimmung nach Byron Bay, einem knapp achthundert Kilometer nördlich von Sydney gelegenen Badeort. Die Gegend ist für ihren entspannten, alternativen Lebensstil, ihre bunten Märkte, wunderschönen Surfstrände und subtropischen Regenwälder bekannt.

Am Flughafen wartete ein Mietauto auf uns. Es sah aus wie ein quietschgelber Kanarienvogel. In der Ferienanlage angekommen, freuten wir uns über das geräumige Apartment und über ein großes, blau schimmerndes Schwimmbecken. Nachdem wir unsere Sachen eingeräumt hatten, erkundeten wir den Spielplatz, und Sophie probierte gleich begeistert die Schaukel aus.

Wir würden einen schönen Urlaub haben.

Abends las Peter Sophie wieder ihr Lieblingsbuch vor. Das von dem kleinen Mädchen und Mr. Bell, der alles reparieren konnte, nur keine gebrochenen Herzen. Eines Tages war das Mädchen tieftraurig. Der Welpe der Oma hatte ihre geliebte Puppe kaputtgebissen.

»Weine nicht«, sagte Mr. Bell, »ich werde sie wieder heil machen, und sie wird aussehen wie neu.«

»Wirklich?«

»Ich verspreche es dir.«

Das Mädchen ging nach Hause, und Mr. Bell machte sich sofort an die Arbeit. Wie gut, dass er in seiner Werkstatt so viele Dinge aufbewahrt hatte. Aus einem alten Baseballschläger schnitzte er einen neuen Arm und ein neues Bein, aus den Fransen eines Lampenschirms fertigte er hübsche gelbe Haare und aus Stoffresten ein kariertes Kleid und blaue Schuhe. Zum Schluss malte er der Puppe noch ein Lächeln ins Gesicht. Dann ging er zufrieden nach Hause.

Als er am nächsten Morgen in seinen Laden zurückkehrte, wartete das Mädchen schon auf ihn.

»Hast du sie heil gemacht?«

»Sieh selbst.«

»Oh, Mr. Bell, sie ist ja wunderschön geworden«, rief das Mädchen und fiel ihm um den Hals.

Später, beim gemeinsamen Fensterputzen, sagte es, dass er jetzt aber auch das Schild an seinem Laden ändern sollte.

»Wieso denn das?«

»Da steht, dass du keine gebrochenen Herzen heil machen kannst. Aber das stimmt nicht. Denn als du meine Puppe repariert hast, hast du auch mein Herz heil gemacht.«

Danach sah Mr. Bells Schild ein bisschen anders aus. Der Riss im Herzen war mit einem Pflaster zugeklebt und darüber stand:

Mr. Bell’s Fixit Shop.

Ich mache alles heil,

sogar gebrochene Herzen.

Sophie zeigte auf das reparierte Herz: »Da.«

»Ja, alles ist wieder gut«, sagte Peter und klappte das Buch zu.

Sophie schmiegte sich noch einmal kurz in seine Arme und hüpfte in ihr Bett. Die Augenlider fielen ihr schon fast zu.

»Gute Nacht, Daddy.«

»Gute Nacht, Kleines. Träum was Schönes.«

Sophies kleine Welt war sicher.

Was sollte schon passieren?

Unsere Urlaubstage flossen dahin wie ein geruhsamer Fluss, der sich durch eine liebliche Landschaft schlängelt. Wir besuchten die herrlichen Surfstrände der Umgebung, schlenderten über die farbenfrohen Märkte und besuchten den weißen Leuchtturm auf der Landzunge Cape Byron, die von Captain Cook nach seinem Marineoffizier James Byron benannt worden war.

Eines Nachmittags wanderten wir durch einen Regenwald. Dort war es wegen der riesigen Bäume und üppigen Vegetation dunkel und unheimlich. Aber an meiner Hand war das für Sophie kein Problem, und wir sangen: »Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald.«

Auf dem Rückweg sahen wir, dass am Wegesrand ein Zirkuszelt aufgebaut wurde. Und so erlebte unsere Tochter am nächsten Nachmittag ihren ersten Zirkusbesuch.

Es sollte auch ihr letzter sein.

Kurz vor Beginn der Vorstellung setzte sich ein dicker Mann mit einer großen Popcorntüte neben sie und fing an, geräuschvoll daraus zu essen. Knack, knack. Dann öffnete sich der Vorhang, und der Zirkusdirektor begrüßte die Gäste. Aber Sophie beachtete ihn nicht, sondern war mit dem Popcornmann beschäftigt. Ich konnte ihr Verlangen, auch einmal in die Tüte zu greifen, fast körperlich spüren. Sie sagte jedoch nichts, guckte den Mann nur schweigend an. Er knackte weiter. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus und fragte ihn flüsternd, ob Sophie ein bisschen probieren dürfe. Widerwillig hielt er ihr die Tüte hin. Sie nahm ein winziges Stückchen heraus, steckte es sich in den Mund und guckte wieder sehnsüchtig zu ihm hinüber. Der Mann tat weiterhin, als bemerkte er das nicht. Was für ein Ignorierungskünstler, dachte ich, er könnte glatt hier auftreten. Ich stand auf, drängte mich an den anderen Besuchern vorbei bis ans Ende der Reihe und suchte draußen nach dem Popcornstand. Da war er ja. Ohne Kundschaft zwar, aber noch geöffnet.

Wie Sophie sich über die Tüte gefreut hat! Ich habe nach ihrem Tod des Öfteren an diese Szene denken müssen und mich gefragt, warum sie mir so viel bedeutet. Vielleicht, weil ich ihr ermöglicht hatte, Popcorn zu essen? Es gab so viele Dinge, die sie nicht hat erleben dürfen, aber Popcornessen gehörte nicht dazu.

Später in der Pause wurde Ponyreiten angeboten, und unser kleines Mädchen saß ganz andächtig auf einem dieser Pferdchen und konzentrierte sich mit ernstem Gesicht auf diese neue Herausforderung.

Am nächsten Tag besuchten wir alte Freunde von Peter, die etwas außerhalb von Byron Bay auf einer Farm lebten. Auf dem Weg zu ihnen erfuhr ich, dass die beiden ihr nur wenige Monate altes einziges Kind durch einen tragischen Unfall verloren hatten. Ich fühlte mich unsicher bei dem Gedanken, ihnen gleich begegnen zu müssen. Wie würde es für sie sein, Sophie zu sehen? Den ganzen Tag über verließ mich mein unbehagliches Gefühl nicht. Als wir einen Spaziergang über die Farm machten, kletterte unsere Tochter auf einen ausrangierten Trecker und setzte sich strahlend ans Steuer. Dabei stellte ich mir vor, wie schmerzhaft es für Peters Freunde sein musste, daran erinnert zu werden, dass ihr Kind dort niemals sitzen und Spaß haben würde.

Ich ahnte nicht, dass Peter und ich das Paar nur wenige Monate später in Sydney wiedersehen würden. An einem grauen Nachmittag würden wir im Familienzimmer unseres Hauses sitzen, uns an den Händen halten und schweigend unserer toten Kinder gedenken.

***

Jeden Morgen nach dem Frühstück gingen Sophie und ich in den Swimmingpool unserer Ferienanlage. Auf dem Weg dorthin wollte sie mich immer anfassen.

»Was ist denn los mit dir?«, fragte ich etwas unwirsch, da ich unsere Badesachen trug und keine Hand frei hatte. »Du kannst doch allein gehen.«

Nein, konnte sie – aus mir unerklärlichen Gründen – anscheinend nicht.

Dies war ein weiteres Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmte, aber ich maß dem damals noch keine Bedeutung bei, da es ihr gut zu gehen schien.

Bei einem unserer Poolbesuche passierte etwas Eigenartiges. Sophie paddelte gerade vergnügt in ihren orangefarbenen Schwimmflügeln und dem blauen Plastikreifen mit dem Entenkopf herum. Ich entfernte mich ein paar Meter von ihr und schwamm dann wieder direkt auf sie zu. Plötzlich überfiel mich ein furchterregender Gedanke: Was wäre, wenn Sophie eine tödliche Krankheit hätte?

Ich blickte sie an und dachte: Jetzt sieht sie noch aus wie die anderen Kinder hier und plantscht fröhlich im Wasser herum. Aber vielleicht ist sie ja unheilbar krank, und dies sind ihre letzten schönen Stunden.

Welch beängstigende Vorstellung. Vehement versuchte ich, sie abzuschütteln.

Was für unsinnige Ideen man manchmal hat.

Genau in diesem Moment sah ich die Beule an ihrem rechten Schulterblatt.

Oh nein.

Ich packte mein Kind, rannte mit ihm die Treppe hinauf in unser Apartment und stürzte auf Peter zu. Er blätterte gerade in einer Zeitung.

»Wir müssen den Kinderarzt anrufen«, rief ich. »Sieh mal, Sophie hat jetzt auch eine Schwellung am Schulterblatt.«

Wie spät war es? Zehn Uhr. Peter griff zum Telefonhörer.

Aber auch dieses Mal beruhigte uns Dr. White: »Machen Sie sich keine Sorgen. Es wird eine Art Infektion sein und wieder weggehen.«

Ein paar Tage später entdeckten wir eine weitere Beule, diesmal an der linken Schulter. Dr. White erkundigte sich nach Sophies Appetit und fragte, ob sie Fieber habe.

»Sie isst sehr gut«, antwortete Peter, denn unsere Tochter hatte noch am Abend zuvor einen großen Teller von dem leckeren asiatischen Gericht gegessen, das er gekocht hatte. »Und Fieber hat sie auch nicht.«

»Machen Sie sich keine Sorgen.«

Wir wollten ihm so gern glauben!

Aber hatte er nicht bei unserem ersten Treffen gesagt, dass man sich Sorgen machen muss, wenn an mehreren Stellen des Körpers Schwellungen auftreten würden?

Der Himmel war plötzlich nicht mehr so blau wie vorher. Die Strände nicht mehr so weiß. Ein graues Netz zog sich über uns zusammen.

Kurz vor Ende unseres zweiwöchigen Urlaubs war Sophies ganzer Unterschenkel geschwollen. Alarmiert riefen wir wieder Dr. White an und fragten, ob wir vorzeitig nach Hause fliegen sollten.

»Nein, das ist nicht nötig. Aber kommen Sie gleich nach Ihrer Rückkehr zu mir. Ich bin Belegarzt im Royal North Shore Hospital und möchte sie dort sehen.«

Wir sollten nicht in seine Praxis kommen, sondern zu ihm ins Krankenhaus.

Und zwar sofort nach unserem Rückflug, eineinhalb Stunden nach der Landung.

Das klang ganz und gar nicht mehr beruhigend.

Ich weiß nicht mehr, wie Peter und ich die letzten Urlaubstage herumbekommen haben. Wir müssen morgens aufgestanden und abends ins Bett gegangen sein, und dazwischen haben wir sicher Mahlzeiten eingenommen und Sophie versorgt. Aber ich erinnere nur eins:

Angst.

Eine furchtbare Angst, gepaart mit der Hoffnung, dass dies alles nur ein Albtraum war, aus dem wir bald erwachen würden.

Und da uns nur Dr. White daraus befreien konnte, war ich froh, als das Treffen bei ihm heranrückte. Aber wir mussten es kurzfristig absagen, denn unser Rückflug von Byron Bay hatte Verspätung, und wir würden erst abends zurück in Sydney sein.

Auch das noch.

Aber Dr. White bot uns freundlicherweise einen Ersatztermin am folgenden Tag an. Und das, obwohl es ein Samstag war.

Eine weitere Nacht schrecklicher Ungewissheit stand uns bevor.

Am nächsten Morgen, dem 1. November, stiegen Peter und ich mit Sophie ins Auto, um zum Royal North Shore Hospital nach St. Leonards zu fahren. Zwanzig Minuten später betraten wir den dunklen Backsteinbau des Universitätskrankenhauses und fragten uns mit einem ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Unser letzter Sommer mit Sophie" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen