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Unser Wunder der Liebe

Judy Christenberry

Unser Wunder der Liebe

1. KAPITEL

„Ich will mich aber nicht schon wieder mit so einer oberflächlichen Luxusschnepfe treffen, Dad“, beschwerte sich John. „Ich kenne schon mehr als genug Frauen, die mich unbedingt vor den Altar zerren wollen, weil sie hinter meinem Geld her sind.“

„Ich weiß, aber diese Frau ist nicht so wie die anderen“, wandte sein Vater ein. „Ihre Mutter hat mir nämlich versprochen, dass …“

„Ach Dad, du kennst doch die Frauen! Die versprechen dir das Blaue vom Himmel, nur damit du deine Kreditkarte zückst.“

„Verabrede dich wenigstens einmal mit ihr zum Abendessen! Jennifer ist eine sehr hübsche Blondine, vielleicht gefällt sie dir ja. Komm schon, nur ein einziges Mal! Tu es einfach für mich!“

John betrachtete seinen Vater lang. Er liebte ihn aufrichtig, obwohl er oft völlig anderer Meinung war als er – besonders, was Frauen anging.

Egal, dachte er. Ein einziges Mal kann ich mir ein Date mit so einer geldgierigen Tante wohl noch antun, immerhin habe ich so etwas oft genug mitgemacht. Erfahrungsgemäß bestellte sich seine Begleiterin das teuerste Gericht, das die Speisekarte hergab, und redete dann zwei Stunden lang wie ein Wasserfall auf ihn ein. Aber danach würde er sie einfach zu Hause abliefern, und fertig.

„Okay, ich verabrede mich mit ihr“, sagte John. „Aber wenn sie nicht mein Typ ist, bliebt es auch dabei, ja?“

„Toll, das freut mich.“ Sein Vater reichte ihm einen Zettel. „Das hier ist ihre Adresse. Sie wohnt in der Yellow Rose Lane.“

Gewissenhaft goss Diane Black die Pflanzen in der Erdgeschosswohnung ihrer Nachbarin und Freundin Jennifer. Gestern war sie nicht mehr dazu gekommen. Sie war erst um neun Uhr abends aus ihrem Büro in der Bank weggekommen, weil sie noch einen Finanzplan für einen wichtigen Kunden hatte ausarbeiten müssen.

Gerade schenkte sie einer schon ziemlich schlappen fleischfressenden Pflanze Wasser ein und zupfte vorsichtig ein paar vertrocknete Blätter ab, da klingelte es an der Tür.

Huch? dachte Diane. Wer kann denn das sein?

Offenbar jemand, der nichts davon wusste, dass die frisch verheiratete Jennifer mit Mann und Adoptivtöchtern in den Flitterwochen war.

Während Diane noch überlegte, ob sie trotzdem nachschauen sollte, klingelte es erneut, sogar mehrfach.

Also gut, dachte sie und lief zum Eingang. Sie öffnete die Tür … und vor ihr stand ein großer, dunkelhaariger und unverschämt gut aussehender Mann. „Oh, hallo.“

„Ach, Sie sind ja doch da“, begrüßte er sie. „Ich dachte schon, ich wäre umsonst vorbeigekommen.“

„Ich …“

„Moment, ich will Ihnen nur schnell sagen, wie ich die Sache sehe. Ich tue das alles nur meinem Vater zuliebe, und Sie tun es Ihrer Mutter zuliebe. Also bringen wir den Abend schnell hinter uns, damit wir wieder unsere Ruhe haben, ja? Damit fahren wir am besten.“

„Wie bitte?“ Nach dem harten Arbeitstag gestern war Diane immer noch völlig übernächtigt – vielleicht lag es ja daran, dass sie kein Wort verstand.

Der fremde Mann griff einfach nach ihrem Arm. „Jetzt kommen Sie schon. Ich habe in einem Restaurant ganz in der Nähe reserviert. Wenn wir uns unsympathisch sind, können wir uns nach dem Essen sofort wieder voneinander verabschieden.“

Diane zog ihren Arm zurück. „Sie können nicht einfach …“

„Klar kann ich das. Kommen Sie, ich lade Sie ein. Ziehen Sie sich schnell was über, dann geht’s los.“

Was bildete sich dieser Typ eigentlich ein? Arroganter Spinner!

Doch auf einmal dämmerte ihr, was hier wahrscheinlich gerade ablief.

Bevor ihre Nachbarin Jennifer ihren jetzigen Mann Nick geheiratete hatte, hatte ihre Mutter immer wieder vergeblich versucht, sie mit bestimmten wohlsituierten Männern zusammenzubringen. Männer von Jennifers sozialem Status, wie ihre Mutter immer wieder betonte. Und wahrscheinlich war der Fremde, der gerade vor Diane stand, einer dieser potenziellen Heiratskandidaten. In seinem perfekt geschnittenen Designeranzug sah er so aus, als würde er sein Geld nicht zählen, sondern wiegen. Ein Mann genau nach dem Geschmack von Jennifers Mutter, dachte Diane.

„Tut mir leid“, sagte sie, „aber ich glaube, Sie verwech…“

„Kommen Sie, wir müssen los“, unterbrach er sie. „Ich habe uns einen Tisch reserviert.“

„Aber …“

Der Mann hob die Hand, um Diane zum Schweigen zu bringen.

Unglaublich! Aber okay, dachte sie. Dann mache ich das Spielchen eben erst mal mit. Wenn ich ihm hinterher alles erkläre, wird er noch ganz schön gucken.

Sie setzte ihr freundlichstes Lächeln auf. „Ich würde gern mit meinem eigenen Wagen zum Restaurant, ich kann Ihnen ja hinterherfahren.“

„Verstehe, Sie sind da lieber vorsichtig … Also gut, ich fahre langsam vor.“

Auf dem Weg zur Eingangstür des Vier-Parteien-Hauses umfasste er die ganze Zeit ihren Ellbogen – als traute er ihr nicht zu, dass sie die Strecke allein schaffte. Oder befürchtete er etwa, sie würde sonst Reißaus nehmen?

Wohl kaum, denn dazu hatte sie spätestens Gelegenheit, als sie in ihrem eigenen Auto saß und hinter ihm herfuhr.

Unwillkürlich musste sie lachen. Wie dieser arrogante Schnösel wohl gucken würde, wenn sie ihm schließlich die Wahrheit sagte! Herrlich, diese Vorstellung …

Eigentlich war Diane ganz und gar nicht der Typ, der andere Leute schadenfroh auflaufen ließ, aber dieser Wichtigtuer hatte es einfach nicht anders verdient. Immerhin ärgerte sie sich schon ihr ganzes Leben lang darüber, wie gewisse Männer Frauen behandelten. Und da sie mit ihrem Bankjob mitten in einer typischen Männerbranche gelandet war, bekam sie das täglich immer wieder mit.

Kaum hatte sie hinter seinem Mercedes geparkt, stand der Mann auch schon neben der Fahrertür, um ihr aus dem Wagen zu helfen.

Jetzt reicht’s aber, dachte sie und stieg aus. „Ich muss Ihnen dringend etwas sagen, bevor wir reingehen.“

Er griff nach ihrem Arm und zog sie zum Eingang des Vier-Sterne-Restaurants. „Warten Sie bitte, bis wir am Tisch sitzen, hier draußen ist es mir zu heiß.“

Drinnen kam sofort eine Bedienung auf ihn zu, begrüßte ihn herzlich und führte sie beide zu einem ruhigen Tisch. Offenbar war ihr Begleiter hier gut bekannt.

Seufzend nahm sie Platz. „Können wir uns jetzt endlich unterhalten?“

Aber da stand auch schon der Weinkellner am Tisch und ratterte das umfassende Angebot edler Tropfen herunter.

„Danke, ich möchte nichts Alkoholisches trinken“, erwiderte sie, als der Mann fertig mit seinem kleinen Vortrag war.

Ihr Begleiter wirkte zunächst überrascht, sammelte sich aber schnell. „Dann nehmen wir beide einen Eistee.“

Der Weinkellner hob die Schultern und verschwand wieder.

„Ich muss Ihnen unbedingt etwas sagen“, sprudelte es aus Diane heraus. Diesmal wollte sie sich nicht schon wieder unterbrechen lassen.

Ihr Begleiter machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ach was. Wir schauen uns erst mal die Speisekarte an. Wenn wir bestellt haben, bleibt uns immer noch genug Zeit zum Reden.“

Als der Kellner kam, ließ ihr Gegenüber ihre Bestellung einfach nicht durchgehen. Stattdessen wies er die Bedienung an, Diane das gleiche Drei-Gänge-Menü zu servieren, das er auch für sich selbst ausgesucht hatte.

Der Kellner nickte und verschwand wieder.

Ihr „Date“ faltete seine gepflegten Hände auf dem Tisch und betrachtete Diane intensiv. Seine Augen waren so blau wie das Meer. „Was wollten Sie mir denn die ganze Zeit so unbedingt sagen, Jennifer Carpenter?“

„Ich bin gar nicht Jennifer Carpenter.“

Fassungslos starrte er sie an. Dann räusperte er sich. „Und … wer sind sie dann?“

Sie senkte den Kopf. Plötzlich hatte sie doch ein schlechtes Gewissen. „Diane Black, Jennifers Nachbarin“, erwiderte sie. Als sie wieder hochschaute, bemerkte sie seine Anspannung.

„Hätten Sie mir das nicht eher verraten können?“, erwiderte er schließlich.

Wie bitte? Hatte er etwa nicht mitgekriegt, dass sie mindestens fünfmal versucht hatte, mit ihm zu sprechen? „Sie haben mich ja bis eben nicht zu Wort kommen lassen“, gab sie zurück.

Er schwieg.

„Manchmal zahlt es sich eben doch aus, jemandem zumindest kurz zuzuhören“, sagte sie. „Das wäre jedenfalls mein Tipp für Ihr nächstes Date.“ Sie stand auf und griff nach ihrer Handtasche.

„Moment mal – ich esse aber nicht gern allein.“ Das klang entschieden.

Diane drehte sich wieder zu ihm um. „Möchten Sie etwa, dass ich hierbleibe?“

Er nickte, aber freundlich wirkte sein Blick trotzdem nicht.

Weil zu Hause nur eine Dosensuppe auf sie wartete, nahm sie schließlich doch wieder Platz.

„Wo ist Jennifer Carpenter denn gerade?“, erkundigte sich der Mann.

Diane grinste schief. „Auf Hochzeitsreise“, klärte sie ihn auf. „Mit ihrem Mann und ihren drei Töchtern.“

Der Fremde zuckte mit den Schultern. „Na ja, meine Traumflitterwochen stelle ich mir anders vor.“

„Mag ja sein, aber Jennifer wollte es genau so und nicht anders. Als sie ihren jetzigen Mann kennenlernte, hatte sie gerade drei kleine Mädchen bei sich aufgenommen. Jetzt ist die ganze Familie zusammen in Disney World, danach machen sie eine Kreuzfahrt.“

„Tja … dann war ich wohl ein bisschen spät dran mit meinem Besuch bei ihr.“

Diane zuckte mit den Schultern. „Es wäre sowieso nichts daraus geworden, auch wenn Sie rechtzeitig vorbeigekommen wären“, sagte sie. „Jennifer hielt nämlich überhaupt nichts von den Verkuppelungsversuchen ihrer Mutter und hat sich ganz grundsätzlich nicht auf Verabredungen dieser Art eingelassen. Sie wäre nie im Leben mit Ihnen Essen gegangen.“

„Aber Sie selbst machen das schon?“, hakte der Mann nach. „Warum eigentlich, etwa wegen des Geldes?“

Jetzt reicht’s mir aber, dachte Diane. Sie schnappte sich ihre Handtasche und stand auf. Gerade hatte sie sich zwei Schritte vom Tisch entfernt, da hielt der Mann sie am Arm fest.

„Schon gut, schon gut, ich nehme alles zurück. Es tut mir schrecklich leid, aber ich lasse mich einfach nicht gern an der Nase herumführen.“

„Aber Sie lassen die Leute auch nicht gern ausreden.“ Sie sah sich nach dem Kellner um. „Wie wär’s, wenn wir uns einfach an zwei unterschiedliche Tischen setzen? Ich hätte gar nichts dagegen, heute mal nicht zu Hause zu essen.“

„Warum das?“

„Weil ich gestern einen schrecklich anstrengenden Arbeitstag hatte“, erklärte sie.

„Möchten Sie darüber reden?“

„Nein danke. Ich weiß übrigens noch gar nicht, wie Sie heißen. Jennifer hat Sie zwar schon mal erwähnt, aber ich kann mich nicht an Ihren Namen erinnern.“

„Ich heiße John Davis. Freut mich, Sie kennenzulernen, Miss Black.“

Diane lächelte vorsichtig. „Soll ich mich lieber woanders hinsetzen?“

„Auf gar keinen Fall. Wie gesagt, ich esse nicht gern allein.“

Sie zögerte erst, dann sagte sie: „Gut, aber ich zahle mein Essen selbst. Das kann ich mir durchaus leisten.“

„Kommt gar nicht infrage. Ich habe doch schon gesagt, dass ich Sie einlade – also zahle ich auch.“

„Ja, aber da haben Sie mich noch für einen völlig anderen Menschen gehalten.“

„Selbst schuld.“ John grinste. „Jedenfalls würde ich Sie gern einladen. Darf ich?“

Diane konnte es kaum aushalten, ihm in die Augen zu sehen, dabei fühlte sie sich wie hypnotisiert. Schnell senkte sie den Blick. „Ich … also gut. Vielen Dank.“

„Oha, so sehr habe ich mich schon lange nicht mehr anstrengen müssen, um mit einer Frau essen zu dürfen.“

Dazu fiel ihr überhaupt nichts mehr ein.

„Verraten Sie mir, was Sie beruflich machen?“, erkundigte er sich.

„Ich arbeite bei einer Bank.“

„Als Sekretärin? Oder an der Kasse?“

„Weder noch. Ich bin Leiterin der Investmentabteilung.“

„Oje, entschuldigen Sie bitte. Ich wusste gar nicht, dass man als Frau so einen Job bekommen kann.“

„Den habe ich auch nicht so ohne Weiteres bekommen, sondern ich habe ihn mir hart erarbeitet“, gab Diane zurück. Als hätte sie sich nicht schon genug sexistische Sprüche in ihrem Beruf angehört! Da hatte sie es wirklich nicht nötig, sich auch in ihrer Freizeit damit auseinanderzusetzen.

Zum dritten und letzten Mal stand sie vom Tisch auf und stürmte aus dem Restaurant, bevor John Davis sie aufhalten konnte.

Na, das habe ich ja so richtig vermasselt, dachte John.

Dabei hatte er doch einfach nur gesagt, was ihm gerade in den Sinn gekommen war – wie sonst auch. Aber Diane Black war eben völlig anders als die Frauen, mit denen er sonst ausging. Die waren nicht voll berufstätig, sondern organisierten höchstens mal eine Wohltätigkeitsveranstaltung oder High-Society-Party. Wie man sich Frauen wie Diane gegenüber zu verhalten hatte, hatte er nie gelernt.

Er seufzte. Jetzt saß er ganz allein am Tisch, dabei aß er doch am liebsten in Gesellschaft!

Auf einmal kam ihm eine Idee. Er gab dem Kellner ein dickes Trinkgeld und bat ihn, die beiden Drei-Gänge-Menüs zum Mitnehmen einzupacken.

Eine Viertelstunde später fuhr er wieder auf den Parkplatz in der Yellow Rose Lane. Dianes Wagen stand schon dort – also war sie wohl zu Hause. Stellte sich nur noch die Frage, in welcher der vier Apartments sie wohnte.

Gerade kam er mit den Essensschachteln die Stufen zum Haupteingang hoch, da öffnete sich die Tür, und vier sehr attraktive junge Frauen kamen ihm entgegen. Eine davon blieb direkt vor ihm stehen. „Hallo. Kann ich Ihnen helfen?“

„Ja, ich möchte zu Diane Black.“

„Oh … ach so. Sie ist gerade erst nach Hause gekommen.“

„In welchem Apartment wohnt sie denn?“

„Oben rechts.“

„Vielen Dank!“ John schlüpfte ins Treppenhaus und lief die Stufen hoch.

Oben klingelte er und wartete geduldig. Als sich die Tür öffnete, hielt er grinsend die Schachteln aus dem Restaurant hoch. „Hi. Ich habe Ihnen etwas zu essen mitgebracht.“

Dianes Miene blieb unbewegt. „Nein danke. Ich mache mir selbst etwas.“

„Ach, kommen Sie schon. Sie wollen doch das schöne Essen nicht verkommen lassen.“

Sie holte tief Luft, dann seufzte sie. Wahrscheinlich hatte sie gerade den köstlichen Duft eingeatmet. „Also gut. Was kann ich Ihnen denn abnehmen?“

„Nein, so funktioniert das nicht. Entweder Sie lassen mich in Ihre Wohnung, oder Sie bekommen nichts davon ab.“

„Alles klar“, sagte sie. Dann schloss sie zu Johns Überraschung die Tür. Als Nächstes hörte er, wie sich der Schlüssel im Schloss umdrehte.

„Hey, Miss Black!“, rief er. „Das ist nicht fair! Machen Sie wieder auf!“

Schweigen.

Energisch klopfte er gegen die Tür. „Kommen Sie schon, ich habe für alles bezahlt, setzen Sie sich wenigstens mit mir an den Tisch.“

Nichts.

John versuchte es noch mehrere Minuten lang, dann gab er auf und stieg in seinen Wagen. Dort aß er erst sein Drei-Gänge-Menü … und dann ihrs. Aber Diane ließ sich nicht mehr blicken.

Schließlich fuhr er wieder nach Hause.

Komisch, warum hänge ich dieser Diane Black so hinterher? fragte er sich.

Dabei gab es genug Frauen, die alles stehen und liegen lassen würden, um mit ihm auszugehen.

Lag es etwa daran, dass Diane Black im Gegensatz zu den meisten anderen Frauen kein Interesse an ihm hatte? Und das trotz seines beachtlichen Vermögens? Unglaublich …

So etwas war ihm noch nie passiert. Vielleicht verliere ich mein Gespür für Frauen, dachte er besorgt. Von jetzt an muss ich vorsichtiger sein. Unbedingt.

Am nächsten Morgen hatte John Dianes Abfuhr immer noch nicht überwunden. Gestern hatte er sogar die ganze Nacht darüber nachgedacht – und war dabei zu dem Schluss gekommen, dass er sich ihr gegenüber unmöglich verhalten hatte: überheblich und arrogant. Und das bloß deswegen, weil sie sich nicht so von ihm um den Finger wickeln ließ, wie er das von anderen Frauen gewohnt war.

Jetzt hatte er ein schrecklich schlechtes Gewissen und kam sich vor wie ein Trampeltier. Dafür wollte er sich dringend entschuldigen.

Sobald er in seinem Büro saß, suchte er die Telefonnummern aller kleinerer Bankniederlassungen in Dallas heraus. Dann rief er eine nach der anderen an, um sich nach einer Investmentbankerin namens Diane Black zu erkundigen – nichts! Hatte sie ihn etwa angelogen?

Falls ja, war das allein seine Schuld. Schließlich hatte er sie so sehr gedemütigt, dass er gut verstehen konnte, wenn sie ihm gegenüber hätte auftrumpfen wollen.

Vielleicht konnte ihm sein persönlicher Bankberater Mark Golan ja weiterhelfen? Praktischerweise war John gleich mit ihm zum Lunch verabredet, um die Finanzierung eines neuen Bauprojektes durchzusprechen.

Aber jetzt musste er sich erst mal auf die Arbeit konzentrieren: John suchte alle wichtigen Dokumente für die bevorstehende Präsentation zusammen. Gewissenhaftigkeit und Professionalität – beides hatte er sich von seinem Vater abgeguckt. Und der hatte seine Geschäfte immer hundertprozentig unter Kontrolle, im Gegensatz zu seinem Privatleben.

Allerdings hatte sein Vater auch das Geld, für alle menschlichen Fehlurteile zu bezahlen und sich den Unterhalt für drei Exfrauen zu leisten. Seine erste Frau, Johns Mutter, war gestorben, als John noch ganz klein gewesen war.

John selbst wollte es ihm auf keinen Fall nachtun. Als erfolgreicher, wohlhabender Mann war John zwar ständig von schönen Frauen umgeben, aber die meisten waren doch nur auf sein Geld aus. Das wusste er.

Mit seinem Bankberater Mark war er ganz in der Nähe in einem kleinen Restaurant verabredet. Die beiden Männer kannten sich schon lange und verstanden sich gut. Während des Essens unterhielten sie sich erst mal über Sport und gemeinsame Bekannte. So war das immer. Auf Johns Bauprojekt würden sie erst später in Marks Büro zu sprechen kommen, in der Guaranty National Bank – des größten und wohl wichtigsten Finanzinstituts in Dallas und Umgebung.

Das Gespräch dauerte eine gute Stunde. Sorgfältig erklärte John Mark und den beiden Bankdirektoren sein Vorhaben. Zu seiner Erleichterung erhielt er wenig später die Zusagen für den Baukredit. Komischerweise kam ihm gleich danach wieder Diane in den Sinn.

„Das war ja eine tolle Präsentation“, sagte Mark, nachdem seine beiden Vorgesetzten das Büro verlassen hatten. „Ich bin richtig stolz, meinen Chefs so einen Klienten vorführen zu können.“

„Das freut mich. Ich schätze unsere Zusammenarbeit nämlich sehr.“

„Und ich erst. Wenn ich noch etwas für dich tun kann …“

„Das kannst du vielleicht sogar“, erwiderte John betont beiläufig. „Du kennst dich doch in der Finanzwelt von Dallas ziemlich gut aus, oder?“

„Klar. Ich habe ja schon für einige Banken gearbeitet. Ich hoffe bloß, dass du dir nicht gerade einen anderen persönlichen Berater suchen willst …“

„Natürlich nicht. Aber ich habe eine Frau kennengelernt, die meinte, sie sei Leiterin der Investmentabteilung einer Bank. Ich bin davon ausgegangen, dass das nur eine der kleineren Banken sein kann, so viele Frauen in wichtigen Positionen gibt es ja, glaube ich, nicht.“

Mark zog die Augenbrauen hoch. „Hey, da bist du aber absolut nicht auf dem Laufenden. Und solche Sachen solltest du lieber nicht zu laut sagen.“

„Wirklich? Wie viele Frauen in leitenden Positionen gibt es denn so bei euch?“

„Etwa vierzehn, glaube ich. Wir haben sogar eine Investmentbankerin, die für größere Geldanlagen zuständig ist.“

John war wie erstarrt. Schließlich räusperte er sich. „Doch nicht etwa … Diane Black?“

„Hey, woher weißt du das?“, wollte Mark wissen.

„Ich … na ja, ich hab sie vor Kurzem zufällig kennengelernt, und jetzt … würde ich sie gern wiedersehen.“ Verdammt, wann war er eigentlich zuletzt wegen einer Frau ins Stottern geraten? Wahrscheinlich vor zwanzig Jahren. Damals war er gerade mal zwölf und unsterblich in Darlene Carey aus der Parallelklasse verliebt.

Mark war sichtlich beunruhigt. „Oje, lass bloß die Finger von Diane … das kostet mich sonst meinen Job!“

Verblüfft sah John ihn an. „Wie bitte?“

„Na ja, du bist zwar vielleicht ein erstklassiger Geschäftsmann, aber wenn’s um Frauen geht, führst du dich manchmal auf wie ein Elefant im Porzellanladen. Du wechselst deine Freundinnen wie die Unterhosen, und heiraten willst du keine davon.“

„Stimmt, ich bin ja nicht mein Vater.“

„Das wollte ich damit auch nicht behaupten. Jedenfalls … lass bloß Diane in Ruhe. Sie ist sowieso nicht dein Typ, und ich will auf keinen Fall, dass du sie verletzt.“

„Das habe ich bestimmt nicht vor, ich wollte nur mal kurz bei ihr vorbeischauen.“

„Und warum?“

„Wenn du’s unbedingt wissen willst – es gab da gestern Abend ein kleines Missverständnis, und ich hab mich wohl ein bisschen im Ton vergriffen. Dafür wollte ich mich entschuldigen.“

„Mehr nicht?“

„Nein, das war’s auch schon. Soll ich dir noch ein psychologisches Gutachten besorgen, oder sagst du mir auch so, wo ich sie finde?“

Mark seufzte. „Also gut, aber versprich mir bitte, dass du dich anständig benimmst.“

„Versprochen.“

„Sie hat ihr Büro im dritten Stock, die Abteilung Kapitalanlagen ist ausgeschildert.“

„Danke, und bis bald dann!“

Als John im dritten Stock aus dem Fahrstuhl stieg, war er drauf und dran, den Flur hinunterzurennen. Er hielt inne und atme tief durch. Diane brauchte nicht unbedingt zu merken, wie eilig er es hatte, sie wiederzusehen. Bewusst langsam folgte er den Schildern zu ihrer Abteilung.

Dort begrüßte ihn eine Rezeptionistin.

„Ich hätte gern Diane Black gesprochen“, sagte er.

„Miss Black ist noch in einer Besprechung, aber wenn Sie vielleicht warten möchten? Wie ist denn Ihr Name?“

„Ich heiße Jonathan Davis, und ja, ich würde gern warten, bis Miss Black Zeit hat.“

Er nahm gegenüber dem Empfangstresen auf einem Sofa Platz und blätterte in einer Illustrierten, ohne den Inhalt weiter zu beachten.

Plötzlich öffnete sich eine Bürotür, und eine ältere Dame kam heraus. „Hier ist ein Mr. John Davis für Sie“, sagte die Rezeptionistin gerade in die Gegensprechanlage.

Dianes Antwort klang unterkühlt: „Sagen Sie Mr. Davis bitte, dass ich für sein Anliegen nicht zuständig bin.“

Aber John ging einfach direkt zu Dianes Tür.

„Entschuldigen Sie, Sir, aber Sie können da nicht so einfach rein“, protestierte die Rezeptionistin. „Sir …“

Inzwischen hatte er das Büro längst betreten. „Sagen Sie doch bitte der Frau, dass sie aufhören soll, mich anzuschreien, ja?“, wandte er sich an Diane.

Diane funkelte ihn zwar verärgert an, drückte aber trotzdem auf den Kommunikationsknopf der Gegensprechanlage. „Schon gut, Wendy“, sagte sie. „Ich hatte ganz vergessen, dass Mr. Davis doch noch etwas mit mir zu besprechen hat.“

„Was denn?“, wollte er wissen.

„Das ...

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