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Unser Vater Charles Dickens

Mary und Charlie Dickens

Unser Vater Charles Dickens

Aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann

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Inhaltsübersicht

Die zwei Leben des Charles Dickens

Das Haus auf dem Hügel

Weihnachtsfeiern und Tanzstunden

Von Prinzen und Hummeraugen

Das kleinste Theater der Welt

Die Schreibstube

Die treuen Gefährten

Das Gedächtnisspiel

Der tapferste Vogel

Im grellen Bühnenlicht

Der leere Stuhl

Anhang

So wilde Freude nimmt ein wildes Ende

Chronik

Literatur

Anmerkungen

Editorische Notiz

Die zwei Leben des Charles Dickens

Vorwort

»Der einzige Fehler meines Vaters war, dass er zu viele Kinder hatte.« Charles Dickens’ Tochter Kate meinte damit nicht nur die zehn leiblichen Nachkommen oder den geheimnisumwitterten unehelichen Spross, um den sich bis heute wilde Gerüchte ranken, sondern auch die unzähligen Gestalten, die seine ausufernden Romanwelten bevölkern und für ihn so lebendig waren wie seine wirklichen Töchter und Söhne.

Kates zahlreiche Geschwister bestätigen diesen Eindruck in ihren Erinnerungen, und der älteste Bruder Charlie erzählte: »Wenn mein Vater an einer seiner langen Geschichten schrieb und von der Ausarbeitung der Handlung und der Entwicklung der Figuren vollkommen gefesselt war, lebte er zweifellos zwei Leben, eines mit uns und eines mit seinen Phantasiegestalten, und ich bin mir sogar sicher, dass die Kinder seines Geistes für ihn manchmal viel realer waren als wir.«

Dieses Lavieren zwischen Realität und Fiktion hinterließ ganz konkrete Spuren im Alltag. Im Esszimmer des ersten vornehmen Londoner Domizils, Devonshire Terrace nahe Regent’s Park, und später im Salon des prachtvollen Tavistock House in Bloomsbury, in das die stetig wachsende Familie im November 1851 zog, hingen nicht Porträts der Verwandtschaft an den Wänden, sondern Gemälde, die Figuren aus Dickens’ Büchern zeigten: Dolly Varden, das kokette Mädchen aus dem Historienroman »Barnaby Rudge«, die tapfere kleine Nell aus dem »Raritätenladen«, Mrs. Squeers, die Frau des grausamen Schulmeisters aus »Nicholas Nickleby«, und Kate Nickleby, die fleißige Schwester des Titelhelden.

Die von Dickens erfundenen Gestalten waren sozusagen ständige Familienmitglieder. Gleichzeitig wurden den leiblichen Kindern, die zwischen 1837 und 1852 auf die Welt kamen, außergewöhnliche Kosenamen angedichtet, die eher an Figuren aus einem absurden Theaterstück als an die Nachkommen eines viktorianischen Schriftstellers erinnern: Charlie, den Ältesten, rief man »Flaster Floby«, seine Schwester Kate wurde wegen ihres hitzigen Temperaments »Lucifer Box« genannt, die eher zartbesaitete Mamie war »Mild Glo’ster«, Walter, der als pflichtbewusst, aber etwas schwerfällig galt, »Young Skull«. Der stotternde und schlafwandelnde Francis bekam den Spitznamen »Chickenstalker«, nach einer Ladenbesitzerin aus der Erzählung »Die Silvesterglocken«. Sydney musste sich mit Namen wie »Admiral« oder »Ocean Spectre« abfinden, da ihn sein Vater für den geborenen Seemann hielt. Der kluge, strebsame Henry war einfach »Harry«. Alfred, ein »guter, zuverlässiger Bursche«, der im Alter von zwanzig Jahren nach Australien auswanderte, hörte auf »Skittles«, und der schüchterne Edward, der seinem Bruder 1868 ans andere Ende der Welt folgte, war als der »edle Plorn« bekannt – in Anlehnung an den Stuckateur Mr. Plornish aus »Klein Dorrit«. Dora, die als Baby starb, wurde nach der großen Liebe David Copperfields getauft, dessen Abenteuer in ihrem Geburtsjahr veröffentlicht wurden.

Charles Dickens lebte nicht nur in seiner Arbeit, sondern versuchte mitunter, seinen Alltag nach den Idealen seiner literarischen Erfindungen zu inszenieren. So ist die Moral, der er sich als Autor wie auch als Vater verpflichtet sah, in seinem teils autobiographischen Roman »David Copperfield« enthalten, in dem er »Pünktlichkeit, Ordnung und Fleiß« als wichtigste Tugenden preist. Konnte er als Erzieher überaus streng sein, tat er doch voller Hingabe alles dafür, um seinen Sprösslingen das bieten zu können, was ihm selbst nicht vergönnt gewesen war: eine glückliche Kindheit.

Seine Strenge als Vater, seine unermüdliche Energie als Schriftsteller, Verleger, Herausgeber und Vortragskünstler wurden nicht zuletzt durch die Furcht befeuert, den mühsam errungenen Status – Ansehen und finanzielle Sicherheit – wieder zu verlieren, der seiner Familie jene Möglichkeiten bot, die er in seinem ständig von Schulden und Armut bedrohten Elternhaus nicht gehabt hatte.

Dickens’ Kinder sprachen später oft davon, wie wenig sie über die frühen Jahre ihres Vaters wussten und wie viel sie erst nach seinem Tod aus der Biographie seines langjährigen Freundes John Forster erfahren hatten. Dessen umfangreiches Werk bot ihnen zunächst ein sehr vertrautes Bild, etwa mit der Schilderung eines Schulkameraden ihres Vaters: »Ein gesund aussehender Knabe, klein, aber von guter Statur, mit einer außergewöhnlichen Lebhaftigkeit und einer Vorliebe für harmlose Späße, der aber, soviel ich weiß, nur selten oder nie Unheil stiftete. Er reckte sein Haupt höher als andere Burschen, und er machte allgemein einen eleganten Eindruck.« Doch der stolze Knabe, der sich seiner überdurchschnittlichen Begabung durchaus bewusst war, wurde durch ein traumatisches Erlebnis erschüttert. Sein Vater John Dickens, ein Angestellter am Lohnbüro der Royal Navy, kam durch seinen ausschweifenden Lebensstil immer wieder in finanzielle Nöte und wurde schließlich ins Schuldgefängnis Marshalsea überführt. Der zwölfjährige Charles musste die Schule verlassen und zum Unterhalt der Familie beitragen. Über die Vermittlung eines Cousins bekam er eine Stelle in der Schuhwichsefabrik Warren’s Blacking Warehouse, wo er gegen einen geringen Lohn Tiegel reinigte, verschloss und etikettierte.

Nach der Entlassung des Vaters wenige Monate später sollte Charles den Schulbesuch fortsetzen, doch seine Mutter sprach sich zum Entsetzen des Sohnes dafür aus, ihn weiterhin zur Arbeit zu schicken. Der Junge protestierte und durfte die Fabrik schließlich verlassen, um die Wellington House Academy zu besuchen. Als die Eltern nur drei Jahre später wieder in Zahlungsschwierigkeiten gerieten, musste Charles den Unterricht an der Privatschule zwar erneut aufgeben, doch fand er dieses Mal eine für ihn weit weniger demütigende Anstellung in einer Londoner Kanzlei. Während er als Büroschreiber und Laufbursche für verschiedene Anwälte arbeitete, lernte er zielstrebig Stenographie. Er gab sich nie zufrieden und bemühte sich hartnäckig um sein Weiterkommen. So wurde er im Alter von achtzehn Jahren freiberuflicher Gerichtsreporter, zwei Jahre später Reporter im Parlament.

Dickens’ erste große Liebe, die Bankierstochter Maria Beadnell, die er in jener Zeit kennenlernte, diente ihm später als Vorlage für die Liebesgeschichte zwischen David Copperfield und Dora Spenlow. Doch während David zumindest kurze Zeit mit Dora glücklich sein darf, musste sich Dickens damit abfinden, dass Marias Eltern strikt gegen die Verbindung zu dem zwar ehrgeizigen, aber mittellosen jungen Mann waren und ihre Tochter kurzerhand auf ein französisches Internat schickten.

Das brennende Gefühl, für gewisse Gesellschaftskreise nicht »gut genug« zu sein, und der jahrelang währende Liebeskummer spornten den jungen Dickens allerdings an, noch härter zu arbeiten und nach noch höheren Zielen zu streben. Neben seinen Parlamentsreportagen für Tageszeitungen begann er Geschichten und Skizzen aus dem Londoner Alltag zu schreiben, die sein Pseudonym »Boz« bald weithin bekannt machten. Die Leser schätzten die realistischen und detailreichen Schilderungen, die mit Humor und Mitgefühl die Freuden und Nöte aller sozialen Schichten berücksichtigten und ihnen mitsamt ihren typischen Dialekten und Eigenheiten eine Würde verliehen, die ihnen im wirklichen Leben nicht oft zuteil wurde.

Im Haus eines seiner Herausgeber, die seine Texte mit großem Erfolg druckten, lernte Dickens Catherine Hogarth kennen. Die beiden heirateten am 2. April 1836, drei Tage nach der Veröffentlichung der ersten von zwanzig Folgen seines populären Fortsetzungsromans »Die Pickwicker«, der andeutungsweise bereits viele Merkmale der späteren Werke aufweist: einen volkstümlichen Humor, satirische Seitenhiebe auf soziale Missstände und rückständige Institutionen sowie einen packenden, zuweilen auch pathetischen Erzählstil, der bei allen Altersstufen und Gesellschaftsschichten Anklang fand.

Das erste Kind des Ehepaars Dickens kam am 6. Januar 1837 zur Welt, drei Wochen vor Erscheinen der ersten Folge von »Oliver Twist«. Die Abenteuer des Waisenknaben, der in die Fänge einer Londoner Diebesbande gerät, bestärkten den Ruf des Autors als Sozialkritiker, der die Aufmerksamkeit seines Publikums auf die beschämenden Zustände in Armenhäusern und Elendsvierteln lenkte. Fast scheint es, als sei der Rang Dickens’ als literarische Institution und soziales Gewissen seiner Nation mit jedem neuen Roman weiter gefestigt worden. Obwohl manch ein Kritiker seinen Hang zum Melodram bemängelte, liebte sein treues Publikum das tiefe Mitgefühl, das er für das Schicksal seiner lebensnah gezeichneten Figuren empfand.

Der anhaltende Erfolg als Schriftsteller wurde wenige Monate nach dem Erwerb des neuen Wohnsitzes Gad’s Hill Place, Kent, durch das Scheitern der Ehe überschattet. Dickens trennte sich 1858 von der Frau, die ihm zehn Kinder geboren hatte, und überließ deren Erziehung Catherines jüngerer Schwester Georgina.

Vier Kinder Dickens’ haben lebhafte und liebenswerte Zeugnisse über das Familienleben und den Alltag ihres berühmten Vaters hinterlassen. Von Kate, die das Elternhaus früh verließ, um ihren eigenen Weg zu finden, ist die berührende Schilderung einer letzten Begegnung erhalten. Henry, dessen juristische Karriere Dickens mit Stolz erfüllte, schrieb ein differenziertes Porträt, das auch politische und religiöse Auffassungen berücksichtigt. Charlie, der nach manchem Streit mit seinem Vater schließlich als dessen Sekretär arbeitete, wusste in einer Vortragsreihe zahlreiche aufschlussreiche Anekdoten über Picknicks, Lesereisen und Theaterinszenierungen zu berichten.

Mary blieb nach der Trennung der Eltern in Gad’s Hill. Dieses Haus und die Jahre, die sie dort mit ihrem Vater und ihrer Tante Georgina verbrachte, bilden sowohl den Rahmen als auch den Mittelpunkt ihrer Erinnerungen und wurden für sie zur schönsten Zeit ihres Lebens.

Das Haus auf dem Hügel

Gad’s Hill Place in Rochester, Kent.

 

Mary Dickens, genannt Mamie, wurde am 6. März 1838 als zweites Kind von Charles und Catherine Dickens in London geboren. Man taufte sie nach ihrer Tante Mary Hogarth, die ein Jahr zuvor nach einem Theaterbesuch an Herzversagen gestorben war. Im Unterschied zu ihrer eigensinnigen und temperamentvollen jüngeren Schwester Kate war Mamie ein wenig zurückhaltend und sentimental, galt jedoch als liebenswert und hübsch und teilte die Vorliebe ihres Vaters für modische Kleidung und gesellschaftliche Lustbarkeiten. Immer »up to date«, war sie die erste Frau in Gad’s Hill, die ein Fahrrad besaß. Während ihre Brüder auf ein Internat geschickt wurden, bekamen Mamie und Kate Unterricht von einem Hauslehrer, nahmen aber auch Gesangsstunden an einer Musikschule. Nach Charles Dickens’ Tod begann Mamie gemeinsam mit ihrer Tante Georgina Hogarth, den literarischen Nachlass zu ordnen und seine Briefe in drei umfangreichen Bänden herauszugeben. Für ein jugendliches Publikum verfasste sie eine kleine Biographie ihres Vaters. Gern kam sie den Anfragen verschiedener Zeitschriften nach, schrieb Artikel über das Familienleben im Hause Dickens und skizzierte pointiert ihre eigenen glücklichen Erinnerungen. Diese ungeordneten Anekdoten füllten auch ihr letztes Werk, »My Father as I Recall Him«, in dem die folgenden Texte enthalten sind, dessen Veröffentlichung sie aber nicht mehr erleben durfte. Kate schrieb in ihrer Vorbemerkung: »Die Seiten dieses kleinen Buches wurden gerade gesetzt und sollten an meine Schwester – die seit einigen Monaten bei sehr schlechter Gesundheit war – geschickt werden, als sie plötzlich noch ernsthafter erkrankte. Die Hand, die Wörter der Liebe und Verehrung zum Andenken an unseren Vater geschrieben hatte, wurde zu schwach, um eine Schreibfeder zu halten, und bevor die Druckfahnen ihres kleinen Bandes ihr zur Durchsicht übergeben werden konnten, starb meine Schwester.«

 

Falls ich euch, meine lieben Freunde, auf diesen Seiten, die zum Andenken an meinen Vater geschrieben werden, nichts Neues erzähle, kann ich zumindest versprechen, dass das, was ich erzähle, auf wahrheitsgetreue, wenn auch schlichte Weise dargeboten wird, und vielleicht findet sich darin doch noch die eine oder andere Überraschung.

Sehr viele Schriftsteller haben sich die Mühe gemacht, Biographien meines Vaters zu verfassen, Anekdoten über ihn zu erzählen und allerlei Informationen zu veröffentlichen. Von all diesen Büchern habe ich nur eines gelesen, die einzig wahre Biographie, die bislang über ihn geschrieben wurde, die von meinem Vater persönlich autorisiert wurde: »The Life of Charles Dickens« von John Forster.

Doch wenn ich nun über meinen Vater schreibe, werde ich mich hauptsächlich auf mein eigenes Gedächtnis verlassen, da ich mir keine andere oder liebere Erinnerung wünsche. Die Liebe zu meinem Vater wurde nie durch eine andere Liebe berührt, und keine ist mit ihr vergleichbar. Ich bewahre ihn tief in meinem Herzen als einen Mann, der unter allen anderen einzigartig war, einzigartig unter allen anderen Menschen.

Über die Kindheit meines Vaters weiß ich naturgemäß nur wenig mehr, als der breiten Öffentlichkeit bekannt ist. Als seine Eltern in finanzielle Schwierigkeiten kamen, wurde er aus der Schule genommen und musste eine Zeitlang einer Beschäftigung nachgehen, die ihm zuwider war, unter Bedingungen, die auf alle empfindsamen und feinsinnigen Gemüter verletzend gewirkt hätten. Seine größte und schmerzlichste Not aber war der Mangel an gleichaltrigen Freunden.

Allerdings kann ich mich nicht daran erinnern, dass er jemals auch nur mit einem Wort auf jene unglücklichen Tage seines Lebens angespielt hätte, die einzige Ausnahme waren seine kindliche Liebe und Bewunderung für Gad’s Hill, das Haus, das so eng mit seinem Namen und seinen Werken verknüpft werden sollte.

Er verspürte stets eine sehr starke und treue Zuneigung zu Orten: Chatham war, glaube ich, in dieser Hinsicht seine erste Liebe. Denn als er noch ein Kind war, ein sehr krankes, fand der arme Junge dort, in einem alten unbewohnten Zimmer, ein Bücherlager mit Werken wie »Roderick Random«, »Peregrine Pickle«, »Humphrey Clinker«, »Tom Jones«, »Der Vikar von Wakefield«, »Don Quijote«, »Gil Blas«, »Robinson Crusoe«, »Die Geschichten aus tausendundeiner Nacht« und weitere Bände. »Sie waren«, wie Mr. Forster schrieb, »eine Freundesschar, als er keinen einzigen Freund besaß.« Und während er in Chatham wohnte, erblickte er Gad’s Hill zum ersten Mal.

Als er ein »sehr eigenartiger kleiner Junge« war, ging er an Feiertagen oder wenn sich sein Herz nach einem »großen Vergnügen« sehnte, zu dem Haus hinauf, das auf dem Gipfel eines hohen Hügels thronte. Dann stand er da und sah es an, von einer sonderbaren Vorliebe und Bewunderung für das Haus erfasst, das für ihn mit keinem Gebäude, das er zuvor gesehen hatte, zu vergleichen war. Er ging mit seinem Vater davor auf und ab, betrachtete es entzückt, während der alte Herr ihm sagte, dass, wenn er hart arbeite, fleißig sei und zu einem guten Menschen heranwachse, er vielleicht eines Tages in diesem Haus wohnen werde. Die Liebe zu diesem Ort begleitete meinen Vater sein ganzes Leben lang und blieb bis zu seinem Tod bestehen. Er führte seine Romanfigur Mr. Pickwick samt Freunden über dessen schöne Seitenstraße von Rochester nach Cobham, und ich erinnere mich, wie er mir, als wir eines Tages diesen Weg entlangfuhren, genau die Stelle zeigte, an der Mr. Pickwick ausruft: »Hey, ich habe meine Peitsche verloren!« Nach seiner Hochzeit verbrachten er und seine Frau die Flitterwochen in einem Dorf namens Chalk, zwischen Gravesend und Rochester.

Viele Jahre später, als er mit der Familie eine Villa in der Nähe von Lausanne bewohnte, schrieb er an einen Freund: »Die grünen Wälder und Wiesen in der Umgebung sind jenen in Cobham, Kent, ähnlicher als alles, was wir uns am Fuß der Alpenpässe vorstellen können.« Und auch noch Jahre später war einer seiner liebsten Spazierwege jener von Gad’s Hill zu dem Dorf Shorne, wo es eine malerische alte Kirche und einen Friedhof gab. Oft sagte er, dass er dort gern begraben werden möchte, da Frieden und Stille des anheimelnden kleinen Ortes eine zarte Faszination auf ihn ausübten. Wir sehen, dass sein Herz seit jeher an Kent hing.

Doch soll dieser einzige Verweis auf seine Kinderzeit genügen, um meine eigenen Erinnerungen an ihn aufzuschreiben, als er unter uns und mit uns zu Hause lebte.

Von frühester Kindheit über die ersten Ehejahre bis hin zu seinem Todestag hegte er eine natürliche Liebe zu seinem Heim. Er war in jeder Hinsicht ein Familienmensch. Als er, wie wir wissen, in jungen Jahren berühmt wurde, trug er all seine Freuden und Sorgen nach Hause, und dort fand er das Mitgefühl und die Kameradschaft seiner »lieben vertrauten Freunde«. In seinen Briefen an die Letztgenannten, in seinen Briefen an meine Mutter, meine Tante und später an uns, seine Kinder, vergaß er nie, etwas über seine Arbeit, seinen Erfolg, seine Hoffnungen oder Befürchtungen zu erwähnen, was seiner Meinung nach von Interesse sein könnte. Er war mit einer liebenswürdigen Einfalt davon überzeugt, dass solche Neuigkeiten bei jedermann willkommen seien, was wundervoll rührend und kindlich wirkte bei einem so klugen Kopf.

Seine Sorge und Achtsamkeit in häuslichen Angelegenheiten, wobei nichts zu unbedeutend und trivial schien, um seine Aufmerksamkeit und Rücksicht zu gewinnen, waren wirklich erstaunlich, wenn man bedenkt, was für einen lebhaften, eifrigen, rastlosen, immerzu arbeitenden Verstand er besaß. Niemandem lag von Natur aus so viel daran wie ihm, sein Glück aus häuslichen Dingen zu schöpfen. Sein Interesse am Haushalt war so groß, wie man es für gewöhnlich nur Frauen zuschreibt, und als wir Kinder klein waren, kümmerte und sorgte er sich auf eine Weise um uns, die gewiss über »die Liebe der Frauen« hinausging. Er hatte einen sehr zartfühlenden und liebenswerten Charakter.

Viele aufeinanderfolgende Sommer verbrachten wir in Broadstairs. Dieser kleine Ort wuchs meinem Vater besonders ans Herz. Er fühlte sich dort immer ausgesprochen wohl und freute sich daran, im Garten des Hauses umherzuspazieren, wobei für gewöhnlich das eine oder andere seiner Kinder bei ihm war. Broadstairs blieb über viele Jahre ein Lieblingsort, und er mietete dort eine Villa namens Fort House. Sie stand ein wenig außerhalb der Stadt auf einem Hügel, umgeben von einem hübschen Garten und nahe der Klippe. Er liebte das Haus sehr, das man mittlerweile in »Bleak House« umgetauft hat. Während dieser Ferientage an der Meeresküste unternahm er bei jedem Wetter und stets von einem treuen Freund und Gefährten begleitet lange Spaziergänge, die ihn so braungebrannt und wettergegerbt machten wie die Seeleute der Gegend, die ihn besonders ins Herz geschlossen hatten. Ich glaube, er war selbst so etwas wie ein Seemann. Seeleute gelten seit jeher als diszipliniert, geschickt und ordentlich, und er besaß diese Tugenden in erstaunlich hohem Maße. Setzt sich ein Schiffskapitän zur Ruhe, ist sein Garten immer der gepflegteste in der Nachbarschaft, die Tore sind hellgrün gestrichen, und natürlich stellt er einen Flaggenmast auf. Der Garten von Gad’s Hill war der gepflegteste und hübscheste weit und breit, alles, was man anstreichen konnte, war mit grüner Farbe lackiert, und für den Flaggenmast gab es einen unerschöpflichen Vorrat an Fahnen.

In späteren Jahren, in Boulogne, trottete oft sein jüngster Sohn, »der edle Plorn«, an seiner Seite. Die beiden waren in jenen Tagen ständige Gefährten, und nach diesen Spaziergängen hatte mein Vater uns stets eine lustige Anekdote zu erzählen. Als es Jahre später an der Zeit war, den Jungen, den er sehr liebte, in die Welt ziehen zu lassen, schrieb mein Vater, nachdem er ihn zum Bahnhof gebracht hatte: »Der arme Plorn ist nach Australien gereist. Es war schließlich doch ein schwerer Abschied. Er schien einmal mehr mein jüngstes und liebstes Kind zu werden, als der Tag näher kam, und ich hätte mir nicht vorstellen können, dass es mich derart erschüttern würde. Diese Dinge sind hart, sehr hart, nur wenn man ihnen ohne finanzielle Sicherheiten oder Einflussmöglichkeiten gegenüberstehen müsste, wären sie noch härter. Gott segne ihn!«

Die Haushälterin, die ihn in seinem Büro sah, nachdem er sich von dem Jungen verabschiedet hatte, meinte, sie habe den Master noch nie so aufgewühlt erlebt, und als sie ihn fragte, ob Mr. Edward gut abgereist sei, brach er in Tränen aus und blieb ihr die Antwort schuldig.

Als mein Vater Texte für seine Lesungen aus »Dombey und Sohn« zusammenstellte und probte, bereitete ihm der Tod des »kleinen Paul« so spürbare Qualen, dass ihm das Sprechen sehr schwerfiel, und er erzählte uns, wie er seine heftigen Gefühle nur unter Kontrolle halten konnte, indem er sich das Bild des gesunden, starken und munteren Plorn beständig vor Augen hielt.

Anhand der verschiedenen Kinderfiguren in seinen Büchern können wir ermessen, was für ein erstaunliches Wissen er über Kinder hatte und was für ein wunderbares und wahrhaft weibliches Mitgefühl mit all ihren Freuden und Leiden.

In der Erziehung seiner eigenen Sprösslinge legte Charles Dickens großen Wert darauf, ihnen klarzumachen, dass ihnen immer Gerechtigkeit widerfahren würde, solange sie nur ehrlich und aufrichtig seien. Um zu zeigen, wie wichtig ihm dies war und wie groß seine Sorge, dass man ihnen Angst einjagen oder sie unnötig einschüchtern könnte, will ich seine eigenen Worte zitieren:

»In der kleinen Welt, in der Kinder ihr Dasein fristen, spüren sie, unabhängig davon, wer sie großzieht, nichts so sehr wie Ungerechtigkeit. Es mag nur eine kleine Ungerechtigkeit sein, der das Kind ausgesetzt wird, aber das Kind ist ebenfalls klein, aus seiner Sicht ist ein Schaukelpferd so groß wie ein grobknochiges irisches Jagdross.«

Ich erinnere mich, wie freundlich, rücksichtsvoll und geduldig er stets mit uns Kindern umging. Für jedes von uns hatte er eine eigene Stimme und eine besondere Art zu reden, so dass jeder wusste, wann er angesprochen wurde, ohne beim Namen gerufen zu werden. Er kannte lustige Lieder, die er uns vorzusingen pflegte, bevor wir zu Bett gingen. Eines unserer Lieblingsstücke, weil es von Niesen, Husten und allerlei Gesten begleitet wurde, über einen alten Mann, der sich erkältete, während er im Omnibus saß, musste immer wieder von vorn gesungen werden, bevor das kleine Publikum zufriedengestellt war.

Wir scheuten uns nie davor, ihn bei jeglichem Kummer aufzusuchen, und bekamen als Erwiderung von ihm niemals eine Abfuhr oder ein böses Wort. Er freute sich immer daran, uns »zu belohnen«, wie er es nannte, und dachte sich alle möglichen »Belohnungen« für uns aus, und wenn wir ihn um eine Gunst baten, konnten wir sicher sein, dass er sie uns gewährte. Bei solchen Anlässen war meine Schwester Kate für gewöhnlich die Botin, während wir anderen vor der Tür des Arbeitszimmers warteten, um das Urteil zu hören. Sie und ich erhielten die schönsten »Belohnungen« an jenen Sommerabenden, wenn wir mit Vater, Mutter und »Tantchen« in einer offenen Kutsche nach Hampstead hinauffuhren und einen langen Spaziergang über die hübschen Landwege machten, um wilde Rosen oder andere Blumen zu pflücken oder an seiner Hand zu gehen und einer Geschichte zu lauschen.

Als für seinen ältesten Sohn die Zeit kam, aufs Internat zu gehen, herrschte im Kinderzimmer von Devonshire Terrace große Trauer, und mein Vater stieß unerwartet auf eine seiner Töchter, die einige Schulbücher wegräumte und gleichzeitig bitterlich weinte. Ihm dürfte die Trennung nicht so schrecklich zu schaffen gemacht haben, da der Junge gewiss einmal im Monat, wenn nicht einmal die Woche heimkommen würde. Doch er tröstete das weinende Kind, redete ihm zu und benutzte fast dieselben Argumente wie Jahre später, als der vielgeliebte Plorn nach Australien reiste – dass Trennungen »sehr, sehr hart« seien, aber ertragen werden müssten –, bis die Schluchzer schließlich verebbten und das arme kleine wunde Herz Trost in seinem liebenden Mitgefühl fand.

Wie viele gute, freundliche und liebenswürdige Menschen können sich nicht daran erinnern, dass sie selbst einmal Kinder waren und die Welt mit Kinderaugen betrachteten.

In Devonshire Terrace wurde eine dritte Tochter geboren, die nur neun Monate alt werden sollte. Sie starb sehr plötzlich, als mein Vater gerade bei einem Staatsbankett den Vorsitz führte. Er hatte mit dem Baby noch gespielt, bevor er aufgebrochen war, und die Kleine war so gesund und munter gewesen, wie man es sich nur vorstellen konnte.

Ein oder zwei Abende nach ihrem Tod wurde ein wunderschöner Blumenstrauß geschickt und in sein Arbeitszimmer gebracht, und als Vater ihn die Treppe zu dem toten Baby hinaufbringen wollte, brach er plötzlich zusammen. Es ist immer furchtbar, einen Mann weinen zu sehen, aber den eigenen Vater zum ersten Mal so zu Gesicht zu bekommen, wenn man selbst noch ein Kind ist, weckt Neugier und Furcht.

Ich glaube nicht, dass je ein Geschöpf auf der Welt existierte, das ordnungsliebender und gewissenhafter war als mein Vater. Er war in jeder Hinsicht ordentlich – in seinen Gedanken, seiner adretten und anmutigen Erscheinung, seiner Arbeit, in der Pflege seiner Schreibtischschubladen, seiner umfangreichen Korrespondenz, eigentlich in seinem ganzen Leben.

Ich erinnere mich, dass meine Schwester und ich in Devonshire Terrace ein kleines Mansardenzimmer direkt unter dem Dach bewohnten. Er hatte größte Mühe und Sorgfalt walten lassen, um das Zimmer für seine beiden kleinen Töchter so hübsch und bequem wie möglich herzurichten. Oft wurde er die steile Treppe zu diesem Zimmer hinaufgezerrt, um einen neuen Stich oder irgendeine neue Verzierung zu begutachten, die wir Kinder hinzugefügt hatten, und er war stets voll des Lobes und der Bewunderung. Er ermutigte uns auf jede denkbare Weise, uns nützlich zu machen und unsere Zimmer eigenhändig zu verzieren, zu verschönern und dabei immer gründlich und sorgfältig vorzugehen. Die Ausstattung dieser Dachstube war höchst einfach, die ungerahmten Stiche waren mit gewöhnlichen schwarzen oder weißen Reißnägeln, was immer uns gerade in die Hände fiel, befestigt. Doch das machte keinen Unterschied. Solange sie schön und ordentlich aufgehängt waren, galten sie immer als »vorzüglich« oder »ganz prächtig«, wie er zu sagen pflegte. Sogar in jenen frühen Tagen bestand er darauf, jedes Zimmer jeden Morgen aufzusuchen, und wenn ein Sessel nicht an seinem Platz stand oder eine Jalousie nicht ganz gerade hing oder ein Krümel auf dem Fußboden liegengeblieben war, dann hieß es, wehe dem Übeltäter.

In den frühen Tagen, die er in Devonshire Terrace lebte, waren seine Kinder fast noch Babys, und während seiner ersten Amerikareise in Begleitung von Mrs. Dickens wurden sie in die Obhut von Verwandten und Freunden gegeben. Jeder, der die »Briefe von Charles Dickens« liest, muss von seinen häufigen Erwähnungen der Kinder und von der Liebe und Zärtlichkeit, die in seiner Sehnsucht nach ihnen zum Ausdruck kommen, gerührt sein.

Ich habe nur wenige Erinnerungen an diese Zeit. Ich weiß noch, dass wir meist im Haus eines lieben und guten Freundes untergebracht waren, der seine eigenen Kinder allerdings sehr streng erzog. Und dass meine kleine Schwester immer weinte, wenn sie dorthin geschickt wurde. Außerdem habe ich die vage Erinnerung an eine Heimkehr der Reisenden und wie ich durch Gitterstangen hindurch hochgehoben und von meinem Vater geküsst wurde. Ich weiß nicht mehr, warum das Tor noch geschlossen war, stelle mir aber vor, wie er vor lauter Ungeduld und Begeisterung, uns wiederzusehen, aus der ...

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