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Unser Jüngster hat vier Pfoten

Inhalt

Cover

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Über die Autorin

Titel

Impressum

Prolog oder This town ain’t big enough for the both of us

Kapitulation im Juni

Wir müssen reden!

Wie es so weit kam

Im Januar kommt alles anders

Ins traute Heim

Also gut – suchen wir uns halt einen Hund

Augen auf bei der Hundewahl

Wie sag ich’s meinem Mann?

Der 15. Februar, Teil I

Der 15. Februar, Teil II

Tag zwei

Nichts als Ärger

Der Countdown läuft – noch 6 Wochen

Noch 5 Wochen oder Nicht ohne Taddel

Noch 30 Tage – Taddels zehn Gebote

Immer wieder Montags …

Noch 25 Tage

Adieu, trautes Heim

Der Hund im Bett – niemals!

Noch 22 Tage

Noch 17 Tage – Parklife

Noch 13 Tage – warum noch mal?

Noch 7 Tage mit dem Maskottchen

Noch vier Tage

Abschied vom Park

Klare Verhältnisse

Wann sag ich’s meiner Tochter?

Epilog oder Sechs Wochen später

Über die Autorin

Dana Gringel, geboren 1966 in der Nähe von Kassel, schreibt als Journalistin für verschiedene Magazine und hat als Autorin bereits mehrere Bücher veröffentlicht. Dana Gringel lebt mit Mann, Töchtern und Hund am Stadtrand von München.

Prolog
oder
This town ain’t big enough for the both of us

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Und ich dachte immer, ich sei ein toughes Mädchen. Ein bisschen chaotisch vielleicht, aber im Kern belastbar. Ich habe mich mit einem selbstherrlichen Chef arrangiert, mürrische Nachbarn überstanden und lebe mit einem Siebzehnjährigen in der Höchstphase der Pubertät zusammen, ohne Mordgedanken zu hegen. (Na ja, nicht jeden Tag.) Ich habe ein Studium abgeschlossen und bin für ein buntes Magazin mehr oder weniger allein verantwortlich. Ich habe meinen Mann während unserer gemeinsamen Schulzeit kennengelernt, und wir sind immer noch zusammen. Ich bilde mir ein, dass wir trotz unserer Gegensätzlichkeiten – er weiß immer, wie viel Kleingeld er noch in der Tasche hat, ich meistens nicht mal, wo mein Geldbeutel ist – glücklich miteinander sind. Irgendwie. Man kann mir also nicht vorwerfen, dass es mir an Geduld fehlt oder an Phantasie.

Trotzdem bin ich nur fünf Minuten davon entfernt, die größte Niederlage meines Lebens offiziell zu machen. Zumindest kommt mir das jetzt, an diesem trüben Montagvormittag im Juni, so vor. Heute früh habe ich eine Musik-Kassette aus dem braunen Lederkoffer im Keller nach oben geholt, in dem ich die Schätze meines Lebens aufbewahre. Alte Liebesbriefe, unvorteilhafte Fotos aus der Schul- und Studienzeit, allerlei Tand, den mir der Rest der Familie in der Wohnung nicht durchgehen lassen würde, von dem ich mich aber nicht trennen kann. Die Kassette steckt nun in meinem alten Tape-Recorder, mit dem ich immer noch meine Interviews abhöre. Ja, ich bin ein wenig altmodisch. Na und? Das iPhone läuft zur Sicherheit mit, für den Fall, dass mein Aufnahmegerät mal Bandsalat produziert. (Was bisher aber noch nie vorgekommen ist.) Auf dieser Kassette ist allerdings keines dieser Interviews abgespeichert, sondern Musik. Eine »Oldies but Goldies«-Zusammenstellung aus den Siebzigerjahren. Ewig schon habe ich das nicht mehr angehört. Heute aber passt es, wenigstens das eine Stück von den Sparks. Das schrille Falsett, in dem der Sänger dieser ehemals leidlich erfolgreichen Band den Refrain singt, passt prima zu meiner Verfassung, die ständig zwischen aufschäumender Hysterie und tiefer Scham pendelt. Seit zwei Stunden spiele ich das Lied immer wieder, von vorne bis hinten, 3:02 Minuten lang, und dann spule ich zurück.

Ich habe die Musik sehr laut aufgedreht, sehr laut. Ich fühle mich wie eine ganze Football-Mannschaft, die sich in der Kabine vor dem Spiel mit Gangster-Rap für die Schlacht in Stimmung bringt. Adrenalin schwappt durch meinen Körper wie heiße Brühe. »This town ain’t big enough for the both of us«, behauptet der Sänger der Sparks. Es klingt bedrohlich. Das soll es auch.

Ich blicke auf Willy hinunter, unseren Hund. Er liegt auf dem Teppich und zerlegt in aller Seelenruhe das Magazin unserer Wochenzeitung. Hin und wieder schaut er irritiert zu mir hoch, offenbar verwundert, dass ich ihn einfach so gewähren lasse. In seinem ungläubigen Blick kann ich die Frage förmlich lesen: »Hey, Dana, altes Haus, siehst du nicht, was ich gerade treibe? Ich-beiss-euch-eure-verdammte-Zeitung-kapuuuuutttt!«

Oh Gott. Ich halluziniere schon. Wahrscheinlich werde ich wunderlich, wenn das noch lange so weitergeht. »This town ain’t big enough for the both of us …!«

Ich seufze noch einmal leise und blicke den Hund ein letztes Mal prüfend an. Gleich elf Uhr. Ich greife zum Telefon und wähle die Nummer. Nach dem dritten Klingeln hebt der Mann ab, mit dem ich heute Vormittag einen Telefontermin vereinbart habe. Für Michaels Verhältnisse ist das recht schnell – üblicherweise braucht er immer ein wenig länger, bis er zu fassen ist. Zuletzt habe ich vor etwa vier Monaten mit ihm zu tun gehabt, da waren die Umstände angenehmer. Dementsprechend freundlich begrüßt er mich. Er weiß es noch nicht, aber in ein paar Sekunden wird er mich abgrundtief verachten. Ich schlucke, dann hole ich tief Luft, aber ich brauche auch danach noch drei, vier Sekunden, bis ich es wirklich aussprechen kann. Vermutlich wäre es diplomatischer gewesen, erst mal etwas Smalltalk zu machen, nach seiner Familie zu fragen, nach den Hunden und den anderen Tieren. Nach all diesen anderen Tieren. Aber jetzt, wo ich mich entschieden habe, will ich es nur noch hinter mich bringen. Und dann sage ich das Undenkbare: »Michael, Sie müssen Willy zurücknehmen! Sie MÜSSEN! Das Geld können Sie behalten, das ist mir egal. Ich kann nicht mehr. Dieser Hund macht mich wahnsinnig. Ich will mein altes Leben zurück!«

Kapitulation im Juni

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Sie kennen mich jetzt noch keine fünf Minuten und hassen mich bereits. Ich bin die Frau, die einen fünf Monate jungen Welpen zurück zu seinem Züchter bringen will. Auf dem schnellsten Weg, am liebsten heute noch. Einen Hund, der auf den ersten Blick nicht mal sonderlich bedrohlich wirkt. Im Gegenteil. Willy sieht süß aus, so wie Cockerpoos eben aussehen, vor allem, wenn sie noch klein und schlappohrig sind und ihr Fell in lustigen Faltenschichten um den Körper flockt. Wenn Willy mal einen Moment lang ruhig auf seinem Platz liegt und zufrieden mit der Nase auf dem Fußboden parkt, möchte man ihn gleich in den Arm nehmen und knuddeln, bis der Arzt kommt. Allerdings hat diese Hundemutti-Phantasie mindestens drei große Haken. Erstens: Willy hat gar keinen Ort, den er seinen Platz nennen könnte, weil er sich überall in der Wohnung breitgemacht hat.

Zweitens: Wenn Willy mit der Nase auf Bodenhöhe schubbert, dann ruht er nicht zufrieden mit sich und der Welt, sondern zerbeißt garantiert irgendwelche Gegenstände, die – gerade noch in unversehrtem Zustand – zu unserer Wohnung gehörten und nun fein säuberlich verkleinert in seinem Verdauungstrakt landen. Lederschuhe, Socken, Senftuben, Münzen – alles, was unter 1,50 Meter Raumhöhe gelagert ist, gehört potentiell ihm und wird auf der Stelle annektiert – und hinterher, oft in erheblich veränderter Form, aus seinem Magen gepumpt.

Drittens: Willy möchte zwar gern und ausgiebig geknuddelt werden, das ist nicht das Problem. Allerdings nutzt er die Gelegenheit in unserer körperwarmen Komfortzone regelmäßig – nicht immer – zu genau zwei Sachen: Er beißt Leute, die es riskieren, ihn auf den Arm zu nehmen, gern zärtlich ins Ohr. (Also ER hält es für zärtlich.) Außerdem lässt Willy gern mal einfach laufen, wenn er sich besonders wohl und behaglich fühlt. Natürlich ist der Hund stubenrein, er ist ja nicht zurückgeblieben. Aber es gibt immer wieder Momente, wo er das vergisst. Man solle sich da nichts bei denken, hat unsere Hundetrainerin gesagt, unser Hund sei nur besonders emotional, der freut sich so. Auch Frau Neubert, die sich mit Hunden auskennt, war der Ansicht, dass wir uns da keinen Kopf machen sollten, das würde sich auswachsen: »Das mit dem Pinkeln ist bloß ein Beschwichtigungsversuch, der Hund fühlt sich offenbar in manchen Situationen bedrängt und möchte zum Ausdruck bringen, dass er keine bösen Absichten hegt; wir reden da in der Hundepsychologie gern von einer Unterwerfungsgeste.« Ich habe keine Ahnung, welche der beiden Fachkräfte recht hat, auch im weiteren hundeinteressierten Freundeskreis gehen die Meinungen auseinander. Am Ende ist es aber ohnehin wurscht, weil Willy mit dem Schoß-Pinkeln bis heute nicht aufgehört hat. Da soll man sich keinen Kopf machen?

Es klingelt Sturm an der Tür. Der Hund springt auf und rast wie vom Teufel besessen in den Flur. Er hat sich angewöhnt, gegen unsere Eingangstür zu springen, nachdem er feststellen musste, dass es ihm nicht gelingt, die Tür mit dem runden Drehknauf zu öffnen, so wie er es bei uns beobachtet hat. Das wurmt ihn, aber aufgeben kommt für Willy nicht infrage: Jetzt versucht er es halt mit nackter Gewalt. Wie ein Dressurpferd springt er mit allen vieren in die Luft und schnellt im letzten Drittel dieses Kunststücks mit einer kleinen Drehung seiner Flanke gegen die Tür. Sein hysterisches Bellen klingt dazu wie ein LKW-Motor mit Kolbenfresser. Das alles wirkt wie einstudiert und hat aus meiner Perspektive durchaus einen gewissen komödiantischen Charme. Vielleicht sollte ich das mal auf YouTube einstellen. Für Menschen, die draußen vor unserer Tür auf Einlass warten und nicht wissen, was da im Inneren unserer Wohnung vor sich geht, muss sich Willys absurder Tanz allerdings anhören wie eine Botschaft aus dem Hades. BUMM! BUMM! BUMM!

Ich schätze, dass da schon so mancher Spontanbesucher gleich wieder die Flucht ergriffen hat. Heute aber weiß ich, wer da draußen wartet und dass ich ihm die Tür öffne: Marius, mein Siebzehnjähriger. Der kennt Willys Macken, auch wenn sie ihn nicht sonderlich interessieren. Er hat es eilig und mal wieder seinen Schlüssel vergessen. Marius ist in der 12. Klasse eines Sportgymnasiums, das mit einem örtlichen Fußballverein kooperiert. Mein Sohn ist, wenn ich den Erzählungen seiner Trainer und meines Mannes glauben darf, ein hoffnungsvolles Talent, das schon bald als Fußballprofi Millionen scheffeln und die ganze Familie ernähren wird. Ich kann den Tag kaum erwarten. Bis es so weit ist, bleibt er allerdings bloß mein störrischer Pubertist, der am Tag zwei Waschmaschinen mit verschwitzten Sporthosen, Trikots und Stutzen produziert, die er schon beim Reinkommen achtlos aus der Tasche zieht und im Flur verstreut. Ihm bleibt meistens gerade noch genug Zeit, um einen seiner nach Mandarine und Seegras duftenden Vitamindrinks zu mixen und seine Sporttasche neu aufzufüllen, dann ist er auch schon wieder weg. So wäre es auch heute, wenn ich nicht noch kurz mit ihm reden müsste.

»Hey, Mom«, grinst er im Vorbeigehen, »ich muss gleich wieder, Koordinationstraining mit der U 18.« Er pfeffert seine Schultasche unter die Garderobe. Dort liegt sie vermutlich unberührt bis morgen früh, bevor mein Sohn sie wieder zurück in die Klasse trägt. Kennen die Kinder von heute keine Hausaufgaben mehr?

»Machst du eigentlich noch was anderes außer Fußball spielen?«, frage ich ihn und versuche, nicht wie der Hausdrache vom Dienst zu klingen.

»Nö«, grinst er, »an unserer Schule werden nur die Stärken der Schüler gefördert. Ist halt ein fortschrittliches Konzept.«

»Und nur mit Fußball allein kann man heutzutage Abitur machen?« Das mit dem Drachen wird eng, aber ich kann nicht anders.

»Ach Mom, chill mal. Wenn ich einen Vertrag bekomme, gehe ich sowieso im Sommer von der Schule ab.«

Das wird er nicht tun. Nicht so knapp vor Ultimo. Er weiß es, ich weiß es. So blöd ist nicht mal mein Sohn. Im Gegenteil: Marius hatte nie Probleme in der Schule. Er gehört zu den beneidenswerten Menschen, die auch mit wenig Aufwand locker mithalten und zu denen Lehrern von der fünften Klasse an immer nur dieser leicht verkniffen vorgetragene Satz einfällt: »Wenn er wollte, könnte er mehr aus sich herausholen.« Seinen Ehrgeiz hat sich Marius aber ausschließlich für den Fußball aufgehoben. Es ist ein Ritual zwischen uns – wenn ich ihn zu sehr nerve, droht er damit, die Schule zu schmeißen. Die ersten Male bin ich ihm noch auf den Leim gegangen und muss wohl sehr verzweifelt ausgesehen haben, bis mein siebzehnjähriger Sohn seiner alten Mutter über den Kopf strich und sagte: »Komm mal klar, Mom, ich zieh das schon durch.«

Inzwischen falle ich darauf nicht mehr rein. Ganz aufhören, ihn mit Fragen nach der Schule zu nerven, kann ich allerdings auch nicht. Muss ein fest installiertes Mütter-Programm sein, das da in mir abläuft. Also habe ich darauf keinen Einfluss.

»Ich muss mal mit dir reden, Marius!«

Jetzt schaut er erschrocken. »Was ist denn los? In fünf Minuten steht Loretti vor der Tür, der wartet nicht gern.«

Loretti ist der Fahrer des Vereins, der am frühen Nachmittag die anderen Jahrhunderttalente der Stadt in einem Mercedes Sprinter einsammelt und ins Sportzentrum am Rande Münchens karrt. Am Abend macht der Frührentner, Erkennungszeichen Pepita-Mütze, die Runde in umgekehrter Reihenfolge. Dann liefert er die Nachwuchs-Messis wieder brav zu Hause in Milbertshofen, Geretsried oder Neufahrn ab, solange sie sich die Grünwald-Villa noch nicht leisten können.

»Dann erklär deinem Loretti, dass du auch noch eine Familie hast, in der es hin und wieder Probleme zu besprechen gibt!«

Jetzt schaut Marius noch erschrockener. »Was für Probleme? Is’ was mit Papa?«

»Wieso, was soll denn mit Papa sein?«

Jetzt schauen wir beide irritiert.

»Na, nix«, sagt Marius verlegen.

»Was soll denn mit Papa sein?«, wiederhole ich stumpf wie eine sprechende Kuh. »Da ist alles in Ordnung.«

»Na dann ist ja gut.« Marius schaut mich fragend an. »Was ist denn dann los? Ist irgendwer krank? Sind wir pleite? Bist du gefeuert worden? Müssen wir die Stadt wechseln?« Marius spult sein persönliches Katastrophen-Szenario ab, die größten Ängste zuerst.

»Nichts von alldem«, beruhige ich ihn. »Es geht um Willy.«

»Ach, um Willy«, sagt Marius, ein einziger Seufzer der Erleichterung.

»Was ist los mit dem Dussel? Hat er wieder in eins unserer Betten gekackt?«

Wir wenden uns synchron zum Flur hin, wo Willy sich seit Marius’ Heimkehr in den verschwitzten Sportklamotten meines Sohnes wälzt. Willy liebt Marius, vermutlich, weil der immer so gut riechende Sachen mit nach Hause bringt. Marius ignoriert Willy, was nur fair ist, denn genau das hatte er schon angekündigt, als das Hunde-Projekt noch ergebnisoffen in der Familie diskutiert wurde.

»Macht, was ihr nicht lassen könnt, aber mein Hund ist das nicht, dazu fehlt mir echt die Zeit.« Willys ungestüme Zuneigung prallte bislang an Marius ab wie ein Basketball an einer Betonmauer, von daher rechnete ich an dieser Front nicht mit großen Schwierigkeiten.

»Nein, der Hund hat nicht wieder in eins der Betten gekackt«, antwortete ich leicht tadelnd. »Es ist nur so: Ich habe heute den Züchter von Willy angerufen, du weißt doch, diesen Kauz, der aussah wie Legolas aus Herr der Ringe

»Ja, weiß ich noch. Ich musste ja bei dieser Hundetour unbedingt dabei sein und hab deshalb das Spiel gegen Würzburg versäumt …«

Der vorwurfsvolle Ton in seiner Stimme ist nicht zu überhören. Eine Sache, die uns Marius heute noch vorwirft. Ich hatte darauf bestanden, dass die ganze Familie ihr neues Mitglied abholt. Das war mir damals wichtig, schon allein, um unseren Zusammenhalt zu unterstreichen. (Nun, ich schätze, dass ich Willy wohl eher alleine nach Karlsruhe zurückbringen werde …)

»Was wolltest du denn von dem Vogel?«, erkundigt sich mein Sohn mäßig interessiert.

»Ich habe ihn gefragt, ob er Willy zurücknimmt.«

Marius braucht ein paar Sekunden, bis diese Information zu ihm durchdringt. »Echt?«

»Ja, echt. Du hast doch gesehen, wie das in den letzten Monaten hier gelaufen ist. Ich werde einfach nicht mit dem Hund warm.« (Die Untertreibung des Jahres …) »Wäre das für dich in Ordnung, wenn wir ihn abgeben und ihm wieder ein Zuhause schenken, in dem er sich wohler fühlt?« (Oh Gott, wie verlogen das klang …)

Marius drehte sich um und betrachtete unseren Neuzugang aufmerksam. Willy hatte sich im Flur in eines seiner verschwitzten Trikots eingewickelt und genoss das Suhlbad im Schweiße meines Sohnes sichtlich. Marius beunruhigte das nicht, denn seine Sportsachen ließ der Hund immer heil. Er protestierte zwar kläffend, wenn ich sie ihm nach einer Weile wegnahm und in die Waschmaschine stopfte, aber er zerfetzte sie nicht wie die meisten anderen Dinge unseres Haushalts. Marius fixierte den Hund nun sichtlich konsterniert und kräuselte seine jugendliche Stirn. Er sah besorgt aus. Sollte ihm der Hund am Ende doch irgendwie ans Herz gewachsen sein? Oder bildete ich mir das bloß ein? Marius strich sich mit einer langsamen Bewegung die langen, braunen Strähnen aus dem Gesicht, ein eitles Ritual, das täglich viele Male zelebriert wurde. Trotzdem war ich froh, dass er im Gegensatz zu vielen seiner Sportkameraden noch keinen Undercut trug, diese Frisur, mit der die Jungs immer aussahen, als kämen sie gerade von einem Sängerwettstreit der Hitlerjugend.

»Marius? Hast du mich gehört? Ist das okay für dich, wenn wir den Hund wieder abgeben?«

Marius dreht sich halbherzig zu mir um. Seine Antwort war mehr ein tonloses Murmeln und klang alles andere als überzeugend. »Tja, Mom, wenn du das so willst. Ist ja nicht mein Projekt, der Hund. Ich hab schon ein Hobby.« Sein Standardtext, was sonst. Trotzdem war ich erleichtert, dass mir eine Grundsatzdiskussion erspart blieb.

»So ein Hund ist kein Hobby!«, antwortete ich trotzdem reflexartig.

»Okay. Whatever …«, brummte mein Sohn und fixierte Willy noch mal, bevor er zum Alltag überging: »Du, Mom, ich muss jetzt wirklich los, Loretti …« Er stand auf und strich Willy im Vorbeigehen einmal unbeholfen über den Kopf. Der Hund rastete schier aus vor Freude. Konnte ich verstehen. Mehr Streicheleinheiten hatte er von Marius noch nie bekommen.

»Ja, klar, geh schon.«

Zehn Sekunden später war er aus der Haustür. Willy wühlte sich schon wieder beseelt durch Marius’ Schmutzwäsche. Ich beschloss, sie ihm noch einen Moment zu lassen. Allzu lange hatte er ja nicht mehr bei uns. Wieder wogte eine Welle der Scham und Enttäuschung über mich. Andere Leute hatten doch auch einen Hund, ohne gleich so ein großes Ding daraus zu machen? Was war los mit mir? Andererseits spürte ich auch bereits einen Anflug von Erleichterung, jetzt, nachdem ich die Abschiebung unseres Hundes sozusagen offiziell gemacht hatte. Auch darüber, wie lässig Marius die Botschaft akzeptiert hatte. Die großen Prüfungen standen mir in dieser Hinsicht allerdings noch bevor. Wie sag ich’s meinem Mann? Und vor allem: Wie soll ich es Ida beibringen, unserer Kleinen? Ida, die uns seit Jahren mit dem Wunsch nach einem süßen Vierbeiner in den Ohren gelegen war und ohne die es Willy in diesem Haushalt ganz sicher gar nicht geben würde. Für Tage wie diesen muss Gott die Migräne erfunden haben.

Wir müssen reden!

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Mein Mann ist spät dran heute. Unter normalen Umständen würde mich das nerven. Schließlich ist das hier kein Restaurant, in dem jeder Gast kommt und geht, wie es ihm gefällt. Heute aber bin ich froh, dass ich das zweite Gespräch über Willys geplante Abschiebung noch ein wenig hinauszögern kann. Willy knabbert unterdessen ahnungslos an einem Stück Pansen, das riecht, wie man sich einen toten Schakal nach vier Tagen in der Wüste vorstellt. Ich gebe es ihm trotzdem, denn Pansen kann zaubern: Es macht aus einem Nervenbündel mit der Aufmerksamkeitsspanne eines Zitteraals einen zufrieden schlemmenden Hund, der nach seinem Festmahl auf der Stelle einschläft und etwa zwei Stunden Ruhe gibt. Ich habe es mit Filet versucht, mit Kotelett und Leber – keine Chance. Es musste Pansen sein. Und mit etwas Tigerbalm auf meiner Oberlippe ist das eigentlich auch ganz gut zu ertragen. Man gewöhnt sich dran.

Ida ist von der Schule aus gleich zu ihrer zweitbesten Freundin Samantha gefahren. Ich vermute, sie schleichen wieder bei dem Bauern herum, der am Rand der Ortschaft nicht nur Nutzvieh und Ackerbau betreibt, sondern auf einer Koppel auch den beiden Hannoveranern Hoffmann und Lehmann ihr Gnadenbrot gibt. (Ich nehme an, er wird seine Gründe für die Namen haben …) Ida und Sam dürfen hin und wieder für ein paar Meter auf den riesigen Pferden sitzen, die früher mal Dienst an einer alten Museums-Mühle geschoben haben – gutmütige, schwerfällige Rösser, die sich bewegen, als müssten sie über jeden ihrer Schritte nachdenken. Mit Idas Rückkehr ist nicht vor dem Abendbrot zu rechnen, bis dahin muss mein Mann aus dem Weg geräumt sein – symbolisch gesprochen. Wenn er sich querstellt, habe ich ein Problem.

Einfach wird das nicht. Mein Mann mag keine halben Sachen. Das war schon immer so: Kennengelernt haben Walter und ich uns auf dem einzigen Gymnasium unserer kleinen Heimatstadt in der Nähe von Köln. Ich spielte Schülertheater auf einer improvisierten Bühne in der Aula. Walter stand als Beleuchter mit dem Suchscheinwerfer auf der Empore. Seine Aufgabe war es, mich zu verfolgen. Er hörte einfach nicht mehr auf damit.

Seitdem war mein Mann stets an meiner Seite, auch ohne Scheinwerfer. Ein loyaler Mann und guter Freund, all die Jahre, da darf ich mich nicht beschweren. Selbst wenn er nicht immer gleich verstand, was mich gerade wieder umtrieb oder bremste – er versuchte es zumindest immer. Allerdings ist mein Mann auch stur, wenn ihm etwas gegen den Strich geht. Und einen kleinen Hund nach drei Monaten einfach wieder dahin zurückschicken, wo er hergekommen war, passt sicher nicht zu seiner Vorstellung vom richtigen und guten Leben. Schon aus Prinzip. Selbst wenn es sich dabei um Willy handelt, unseren Satansbraten. Oder »die Produktenttäuschung«, wie Marius unseren Vierbeiner seit Woche zwei bei uns spöttisch nennt. Nur Ida liebt Willy bedingungslos auf ihre Weise. Aber das war auch nicht anders zu erwarten gewesen. Außerdem bedeutet das nicht, dass sie sich auch um ihn kümmert. Dazu fehlt einer Elfjjährigen zwischen Schulstress und den Sensationen der digitalen Welt natürlich die Zeit.

Die Rundum-Versorgung von Willy blieb an mir hängen. Das war bei realistischer Betrachtung der Lage von vorneherein klar gewesen. Konnte ich mich jetzt ernsthaft darüber beschweren?

Andererseits: Wer konnte denn schon ahnen, dass die Betreuung eines Hunde-Welpen ausreichte, um meine ganze Welt auf den Kopf zu stellen? Das steht doch nirgendwo so deutlich geschrieben! Und jetzt kann ich nicht mehr. Ich gebe auf. Dieses Experiment ist offiziell gescheitert! Jawohl! Es gibt keine andere Möglichkeit. Andere Leute mögen das schaffen, eine Familie zu managen, eine Arbeit zu haben, ein Leben und einen Hund – ICH kann das nicht alles gleichzeitig. Es tut mir leid, aber Willy muss weg!

Rastlos renne ich durch unsere Wohnung, wische ein bisschen in der Küche, leere den Mülleimer im Badezimmer. Wo ich schon mal hier bin, hole ich die Waage unterm Schrank hervor und steige vorsichtig drauf: 75,3 Kilo.

Oh!

Mein!

Gott!

Für eine Frau von 169,5 Zentimetern ist das eindeutig too much. Dabei esse ich in den letzten Wochen fast gar nichts mehr. Ich müsste unbedingt Sport machen. Vielleicht schaffe ich mir einen Hund an, mit dem ich laufen gehen kann. Haha. Vermutlich hätte das Willy wirklich gutgetan, ihn ein wenig ausgelastet. Aber mein Mann und ich sind ausgesprochene Bewegungsmuffel. Nur Marius wäre dafür in Frage gekommen, aber bei seinen kleinen Zeitfenstern mit den ganzen Fußballterminen hätte das schon vor der Schule passieren müssen, im Morgengrauen. Eine Illusion. Es ist ja schon jeden Tag ein Drama, die beiden Kinder rechtzeitig schulfertig zu machen. Jeden Morgen kämpfe ich mich die Wendeltreppe hinunter, reiße die Tür zum Schlafzimmer meines Sohnes auf und schalte das Licht an. Über seinem Bett schwebt ein Surfboard an der Wand, darüber prangt in großen Lettern: »Hang loose!«

»AUFSTEHEN!«, blöke ich dann so laut ich kann und rüttele am Arm meines Sprosses. »Draußen ist schon hell!«

Marius hasst mich nicht sehr oft, aber in diesen Momenten ganz bestimmt.

»Es wäre sehr schön«, hat er sich neulich mit übertrieben sanfter Stimme beschwert, »wenn man in diesem Hause endlich mal zur Kenntnis nehmen würde, dass sich bei Teenagern der Wach-Schlaf-Takt in Richtung Nachteule verändert. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Abends nicht rein in die Federn, morgens nicht raus. Alles andere WÄRE NICHT NORMAL!« Bei seinen letzten Worten war ich allerdings schon aus seinem Zimmer geflüchtet, es war ja nicht so, als ob mich irgendwas daran sonderlich überraschte.

Aber wie diese rituelle morgendliche Szene zeigt, haben wir es bei den Gringels mit einer Klein-Sippe zu tun, wie es sie auf der Welt millionenfach gibt.

Es gibt gute Zeiten, es gibt schlechte Zeiten, meistens aber machte meine Familie in den letzten Jahren einen durchaus zufriedenen Eindruck. Im Moment jedoch, mit Willy und einem ziemlich aus dem Ruder gelaufenen Muttertier, würde ich das nicht mehr unterschreiben.

Wir wohnen am Stadtrand, in einem großen Mehrparteienhaus mit flachem Dach. Unspektakulär. Wir haben uns damit arrangiert, aber Ida würde am liebsten ganz anders residieren: Ein kleines, freistehendes Häuschen, um das man ungesehen herumlaufen kann, geschützt von einem Gartenzaun und mit einem Giebel – das wär’s! Da hat unsere Kleine genaue Vorstellungen. Traumimmobilien dieser Art aber muss man sich leisten können, zumal in einer sogenannten Metropole – in Bayern. Dort, wo sich Scheichs üppige Residenzen als Geldanlage kaufen, nur um sie die meiste Zeit über leer stehen zu lassen, sind die Preise ungefähr so absurd wie bei Prada oder Porsche. Deshalb also unsere eher kleine Wohnung in der Zwölf-Parteien-Anlage an der Peripherie. Immerhin gibt es viel Grün drumherum. Und bedingt hundetauglich ist sie auch. Ganz in der Nähe befindet sich ein Spielplatz. Zwei öde Rutschen, zwei Wippen, ein großer Sandkasten. Allenfalls für Kleinkinder interessant. Und natürlich für die Hundebesitzer der umliegenden Häuser. Die führen nämlich ihre Hausgenossen regelmäßig um den schmalen Grasstreifen hinterm Spielplatzzaun herum. Beim Anblick der »Rue de la ›Caque‹« zieht meine Familie die Augen zu Schlitzen zusammen. Vor allem im Winter, wenn es geschneit hat und gelbe und braune Flecken das unschuldige Weiß beschmutzen.

In dem Haus, in dem wir wohnen, gibt es zum Leidwesen von Ida keine anderen Kinder, sondern fast nur alte Leute. Manche Senioren sind ausgesprochen nett, helfen beim Klavierüben, spendieren zum Geburtstag Geld oder werfen sogar mal Schokolade vom Balkon, so wie Trinchen Muurmann, unsere »Zugroaste« aus Holland. Andere aber können ziemlich unfreundlich werden, so wie der Tumblinger Ivo und seine Gattin Hedwig. Den beiden möchte man lieber nicht begegnen, wenn man beispielsweise aufs Dach vom Garagenhäuschen klettert, nur so zum Spaß mit dem Aufzug rauf- und runterfährt oder es wagt, seinen Roller in der Nähe einer Hauswand zu parken. Da stehen der Tumblinger Ivo und seine Hedwig aber gleich mit aufgeblasenen Backen vor der Tür und wedeln mit der Hausordnung.

Wir wohnen im Erdgeschoss, außerdem gibt es noch drei Zimmer im Tiefparterre, »Gruft« genannt. Dort stehen Walters Schreibtisch, ein Gästebett und ein paar, nun: im Prinzip verzichtbare Schränke, in denen ich zum Beispiel Lederkoffer mit altem Krempel aufbewahre – Musik-Kassetten mit Oldies drauf, zum Beispiel. Außerdem logieren Marius und Ida in der Gruft. Auf Facebook nennt sich Marius zum Leidwesen seiner Mutter »Kellerkind«. Die obere Etage besteht aus Küche, Wohnzimmer, Elternschlafzimmer und dem »Büro«.

Geräusche an der Tür. Der Hund rappelt sich schlaftrunken auf, verliert aber keine Zeit und hechelt Richtung Tür. Dort taucht im nächsten Moment mein Mann auf und dreht sich sicherheitshalber schon mal abwehrend zur Seite. Er kennt Willys Abläufe ja schließlich zur Genüge.

»Nicht hupfen!«, sagt er. »Nicht hupfen, Willy, nein, NEIN, jetzt spring halt nicht hoch, ja ja, ich freu mich auch, Willy, guter Hund, nein, nicht hupfen … nein … NEIN, autsch, Mensch, WILLY!« In dieser Art geht das rund zwei Minuten, bis sich die Freude des Hundes über die auch heute wieder überraschende Heimkehr des Rudelführers gelegt hat und Willy einen kleinen Bach aufs Parkett schifft. Damit symbolisiert er: Begrüßung beendet, ihr könnt zur Tagesordnung übergehen. Hatte ich erwähnt, dass er das immer macht. Bei JEDEM Familienmitglied? Ein kleiner Strahl nur, gerade genug, um ein Zewablatt damit vollzusaugen.

»Schatz?« Ich atme tief ein, während ich mit dem Tuch die kleine Lache entferne und mit einem Spray dafür sorge, dass auch olfaktorisch nichts zurückbleibt.

»Hey, Dana«, antwortet mein Mann, »wie war dein Tag, hast du was geschafft?« Das klingt angemessen freundlich und lässig. Dass da auch ein kleiner Teil nervöse Anspannung mitschwingt, ist nur zu spüren, wenn man seinen Mann schon so lange kennt wie ich. In den letzten Wochen reichte so eine harmlose Frage schon manchmal aus, um mich hochfahren zu lassen wie einen Lukas auf der Kirmes.

»Wir müssen reden, Walter!«, antworte ich ruhig und sehe meinem Gatten in die Augen. »Wir müssen wirklich reden. Jetzt.« Mein Mann erkennt den Ernst der Lage auf der Stelle und reagiert angemessen. Er schreitet zum Kühlschrank, nimmt sich ein dunkles Franziskaner-Weißbier aus der untersten Lade, hockt sich an den Küchentisch und sagt bloß ein Wort: »Uff!«

Wie es so weit kam

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Aber ich greife vor. Wir waren bei dem Umstand, dass Sie mich bereits hassen müssen. Ich verstehe das. Wirklich. Vor ein paar Monaten hätte ich das noch genauso gesehen. Aber da hatte ich auch noch keine Ahnung. Und noch keinen Hund. Dafür eine beginnende Midlife-Crisis, die mich plötzlich und unerwartet wie ein Hexenschuss traf. Schon im Morgengrauen wälzte ich mich immer im Bett, während der Gatte wie üblich in Tiefschlaf versunken durch einen Mundwinkel Luft ausstieß. Phh. Phhhh. Phhhh. Nacht für Nacht plagten mich die großen Grundsatzfragen: Hatte ich wirklich Lust, gleich aufzustehen, um nach einem eiligen Frühstück ins Büro zu hetzen? Waren Status und Karriere mir überhaupt noch wichtig? Lohnte sich die ganze Plackerei? Hatten wir eigentlich noch genug Zeit für unsere Kinder? Schenkten wir ihnen wenigstens eine schöne Kindheit? War unser Leben gut und richtig?

Ich dachte einige Nächte darüber nach, dann ließ sich die Antwort nicht länger verdrängen. Sie lautete: Nein. Sechsmal Nein. Ich bin in vielen Dingen unsicher, das mag sein, aber eins wusste ich plötzlich wieder ganz genau: Der Mensch als solcher möchte sich frei fühlen und weitgehend unbesorgt. Und um diesen herrlichen Zustand (wieder?) herzustellen, war es nie zu spät. Mit Ende vierzig war man noch nicht zu alt, um den schwankenden Familienkahn in seichtere Gewässer zu lenken und das Ruder fortan mit leichterer Hand zu führen. Dieses schöne Bild verdanke ich übrigens dem britischen Schriftsteller Tom Hodgkinson, den ich damals für kurze Zeit zu meinem Guru auserkoren hatte, seit mir sein »Leitfaden für faule Eltern« in die Hände gefallen war. Sein potentiell aufrührerisches Buch begleitete mich fortan durch ruhelose Stunden und bestärkte meinen Eindruck, nicht das Leben zu führen, das ich mir insgeheim wünschte.

Hodgkinson ist der Meinung, dass das Elend moderner Familien daher rührt, dass wir alle viel zu viel arbeiten, statt uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Was ist das Wesentliche? Na, die Familie selbstverständlich. Eigentlich sollte sie Quell der Freude und Inspiration sein und keine Bürde und Last. Wenn Elternschaft vor allem ein ermüdender Faktor ist, dann stimmte etwas nicht. Die meisten Mütter, die ich kenne, arbeiten viel zu viel, genau wie die Väter. Ich schlief schlecht, war tagsüber schlecht gelaunt, fühlte mich ständig überfordert. Mit mir zu leben musste sich anfühlen wie der Herbst in Sibirien.

Das wollte ich meinen Lieben nicht mehr länger antun. Und mir, so ganz nebenbei bemerkt, auch nicht. So war die Lage vor einem Jahr, vor neun Monaten, vor einem halben Jahr. Es wurde schleichend immer schlimmer, ich konnte den Burn-Out schon auf mich zugaloppieren sehen. Was sollte ich tun? Eins war sicher: Meine Familie würde ich nicht so einfach loswerden. Das wollte ich auch gar nicht – nicht mal an den miesesten Tagen meiner kümmerlichen Existenz. Blieb der Job. Konnte ich es da ein wenig ruhiger angehen lassen, pünktlich nach Hause gehen, mal fünf gerade sein lassen? Ich dachte an Heini, meinen Boss, und wusste: No Way!

Ich arbeite schon seit knapp zwölf Jahren für ein Magazin der gehobenen Lebensart. Für Menschen, die sich nicht so für die Feinheiten des Journalismus interessieren: Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein wöchentlich erscheinendes Klatschblatt. Ich will da auch gar nicht groß widersprechen – es IST ein Klatschblatt. Allerdings eines, das seine Geschichten noch recherchiert und nicht frei erfindet, wie einige unserer Wettbewerber. Zudem produzieren wir jede Woche ein aufwendiges Service-Dossier. Die besten Ärzte, die schönsten Badeseen, die sichersten Renten usw. … Neben den vielen albernen Promi-Geschichten, die für eine stabile Auflage sorgen, sehen wir uns gleichzeitig auch als gesellschaftlichen Seismografen der deutschen Gegenwart, oder zumindest tut das unser Boss.

Mein Chefredakteur ist eine Kraftnatur vom alten Schlag, Heintz-Eberhard von Buttlar, von seinen Freunden Heini genannt, von seiner Redaktion (heimlich) allerdings nur der Heini. Er führt seine Leute wie ein Feldwebel einen Haufen frischer Rekruten: laut, mit viel Flugspucke und verdammt autoritär. Das Problem dabei ist, dass er in der Sache zwar hart, aber immer gerecht bleibt – wir haben selten Gelegenheit, ihn mit ganzer Seele zu hassen. Er stellt niemanden aus persönlichen Gründen in den Senkel. Zudem ist er ein vorzüglicher Journalist. Man sollte ihm nicht mit unausgegorenen Ideen und mies recherchierten Geschichten unter die Augen treten, dann droht ein Tinnitus. Es ist verrückt: Ich fürchte mich vor Heintz-Eberhard von Buttlar genauso sehr wie ich mich nach einem Lob von ihm verzehre. Denn ich weiß, dass ich es mir in diesem Fall redlich verdient habe. Es kommt allerdings nicht häufig vor, dass Heini sich veranlasst fühlt, seinen Leuten Honig ums Maul zu schmieren. Er treibt uns erbarmungslos an, jede Woche aufs Neue, immer weiter. In der Redaktion herrscht zunehmend eine Kultur der Angst. Eine Zeit lang kann man vielleicht so arbeiten und das Beste aus sich herausholen, aber auf Dauer ist so ein Druck sicher nicht gesund. Erfahrene Redakteure platzieren ihre Mäntel und Taschen schon am Nachmittag prophylaktisch in der Nähe des Aufzugs, um sich gegen neun, zehn Uhr abends in einem unbeobachteten Moment aus der Redaktion zu stehlen – wenn sie ausnahmsweise mal früh gehen wollen … Heini ist dann natürlich noch da. Angeblich übernachtet er hin und wieder am Schreibtisch, zwei Flaschen Rotwein in Reichweite. Seine Sekretärin Marianne hat für diesen Fall frische Hemden und einen Kulturbeutel mit den nötigsten Hygieneartikeln für Heini in ihrem Schreibtisch versteckt.

Als ich vor ungefähr einem Jahr zum ersten Mal darüber nachdachte zu kündigen, waren auch meine Arbeitszeiten in der Redaktion absurd. Um halb zehn hatten alle anzutanzen, selbst jene, die ihr Büro erst um drei Uhr morgens verlassen hatten. Dazu hatte ich zum Glück nie gehört. Irgendwann schritt dann der Betriebsrat ein und verteilte Fragebögen, um den Ursachen für die ständigen Überstunden auf die Spur zu kommen. Allein die Zettel auszufüllen, war ein Genuss, ich musste nur ohne weiteren Kommentar die Titel unserer Dossiers angeben: Grund für Überstunden? Aktuelle Produktion: Blondinen. Grund für Überstunden? Aktuelle Produktion: Kleine Männer.

Grund für Überstunden? Aktuelle Produktion: Warum Weihnachten romantisch ist und Ostern nicht.

In Wirklichkeit arbeitete ich bei einem Satire-Magazin, nur fiel das komischerweise sonst niemandem auf. Wenn man jung ist und ein gigantisches Schlafpolster hat, wirft einen das nicht aus der Bahn. Ich war allerdings gar nicht mehr so jung, und meine Kräfte ließen langsam nach. Außerdem war ich im Ressort Aktuelles gelandet, das neben den Kollegen von der Politik vermutlich am meisten schuftete. Zumindest war die Arbeit nicht planbar, was einen stetig wachsenden Aufwand an Organisation erforderte. Da ich mich so nebenbei ja auch noch um zwei Kinder zu kümmern hatte und Walter als Ingenieur im Außendienst auch nicht immer einspringen konnte, war ich irgendwann so weit, diesen Wahnsinn zu beenden. In den langen Nächten, in denen ich neben meinem tief schlafenden Gatten Wache hielt und mich um die Familie sorgte, reifte in mir der Entschluss: Ich kündige!

Meine Sippe reagierte ganz unterschiedlich auf diesen Entschluss. Meine Tochter Ida – von jeher mit einer bewundernswert alterslosen Weisheit gesegnet – nahm mich in den Arm und sagte … gar nichts. Auch mein Mann schwieg und rechnete.

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