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Unser Herr Vater

Informationen zum Buch

»Eines der vergnüglichsten Bücher der letzten Jahre.« DER SPIEGEL, 1947

Das Kultbuch von Clarence Day in der kongenialen Übersetzung von Hans Fallada

Mit heiterem Spott und voller Liebe beschreibt Clarence Day das temperamentvolle Leben in seinem Elternhaus im New York der Jahrhundertwende. Seine Texte machten ihn über Nacht bekannt. Die Bühnenfassung wurde einer der größten Broadway-Erfolge aller Zeiten. Im Mittelpunkt steht der polternde »Herr Vater«, Clarence Day senior, der gegen die Plagen des Familienlebens aufbegehrt: gegen andere Meinungen, Verwandtenbesuch, Köchinnen oder diese neuartige Erfindung namens Telefon. Eine kluge, bissige, warmherzige und zeitlose Schilderung der ganz alltäglichen Klippen des Zusammenlebens, übersetzt von dem damals bereits weltbekannten Hans Fallada, der den wunderbar beiläufigen Humor Days mühelos ins Deutsche überträgt.

VATER FEIERT MIT MIR FESTE

Ab und an, doch nicht oft, nahm mein Vater mich mit sich in sein Büro – als große Belohnung. Das konnte nur an den schulfreien Sonnabendvormittagen geschehen. Ich fühlte mich sehr wichtig und erwachsen, wenn ich mit ihm ins Büro ging; freilich nicht mehr, wenn ich da war, sondern wenn ich das Haus verließ und mir Mutter und meine drei kleinen Brüder voller Ehrfurcht nachstarrten.

Regnete es, so rüstete mein Vater sich gegen die Witterung, indem er einen steifen Hut aufsetzte und einen schwarzen Gummimantel über seinen gewöhnlichen Schoßrock zog. (Er gab so viel auf Formen, dass er einen Jackettanzug in der Stadt nur an heißen Tagen trug oder im Sommer, wenn er New York verließ, um aufs Land zu gehen.) Schien aber die Sonne, so setzte er seinen Zylinderhut auf und nahm, wie alle seine Freunde, einen Spazierstock in die Hand. Wenn sie einander auf der Straße begegneten, erhoben sie das Stöckchen und berührten die Hutkrempe – zu feierlichem Gruß.

Diese Geste bewunderte ich sehr, und ich hätte sie gerne nachgemacht, aber für ein Stöckchen war ich noch zu jung. Ich steckte bescheiden in einem pfeffer-und-salz-gesprenkelten Jackett, in kurzen Hosen, und ich war geziert durch den üblichen breiten, flachen Etonkragen, wie ihn die Jungen in den achtziger Jahren trugen: steif und makellos am Morgen, gänzlich erledigt um die Essenszeit. Dazu kamen schwarze Schnür- oder Knöpfschuhe und schwarze Strümpfe. Nur sommers auf dem Lande waren braune schicklich.

An einem solchen Sonnabend nun setzte Vater, obwohl die Sonne schien, seinen steifen Hut auf; warum, erfuhr ich erst später. Ich sprang neben ihm her, während er an der langen Reihe behaglicher brauner Steinhäuser von Madison Avenue entlang nach der 6. Avenue ging, die Treppen der Hochbahn erstieg und, mit einem seiner Freunde plaudernd, auf dem Bahnsteig den nächsten Zug erwartete.

Bald kam die dicke, kleine Dampfmaschine um die Ecke gekeucht, mit ihrem offenen, hoch mit Anthrazit beladenen Kohlenbunker und den drei oder vier Passagierwagen dahinter. Weißer Rauch quoll aus dem Schornstein. Der Lokomotivführer sah zum Fenster hinaus. Tu, tu, tu, pfiff die Maschine, als sie auf den Bahnhof keuchte. Wir stiegen ein und schlenderten durch die Wagen, bis Vater einen Platz nach seinem Sinne fand.

War während der Fahrt durch die Stadt der Qualm der Lokomotive nicht zu dick, um hinauszusehen, starrte ich wie gebannt in die Fenster der billigen roten Ziegelmietshäuser oder in die noch viel interessanteren der Herbergen für Landstreicher. Die zweiten Stockwerke dieser Häuser wimmelten von Menschen – aber wie beneidete ich die Vagabunden darin! Sie sahen so unbekümmert aus! Nichts zu tun, als auf weit zurückgekippten Stühlen, den Rücken an die Wand gelehnt, in bequemen alten Kleidern dazusitzen und zu rauchen! Wäre ich doch ein Landstreicher, dann brauchte ich nicht an jedem Freitag auch den allerletzten Rest Schmutz von den Fingern zu schrubben, zu enge weiße Glacéhandschuhe anzuziehen und in der Tanzstunde irgendeinen Mehlsack von kleinem Mädchen über den gewachsten Fußboden zu schleifen! Und es kostete nicht mal viel Geld! Da stand ja über den Herbergen in großen Buchstaben: 10 Cent pro Nacht!

So etwas bekam ich nur zu sehen, wenn ich mit Vater durch die Stadt fuhr. Mutter hielt nichts von der Hochbahn, die noch ziemlich neu war, sie fand die Pferdebahn besser. Auch war die 6. Avenue so voll von Asche und Ruß, dass die Damen schon darum nichts von ihr wissen wollten. Sie kamen bei ihren Besorgungen manchmal wohl so weit westlich und östlich bis nach Lexington, aber meist wohnten und bewegten sie sich nur in dem schmalen, langen Streifen zwischen diesen beiden Grenzen.

Wenn Vater und ich am Ende unserer Reise ausstiegen, fand ich mich in einer Wildnis von Gassen, die nur von Männern und Knaben, nicht von Frauen bevölkert zu sein schien. Sah man einen Damenhut auftauchen, so ward er verwundert angestarrt. Die Geschäftshäuser waren meist alt und oft schmutzig, mit steilen, abgetretenen Holztreppen und dunklen Kellerwohnungen, in denen viel Betrieb war. Der Börsenplatz und die Broad Street waren voll von diesen Kaninchengehegen, die selbst in Wall Street nicht ganz fehlten; der Broadway aber war eines der schäbigsten. Vater zeigte mit erhobenem Stock im Vorbeigehen darauf hin und sagte: »Dort ist Tante Lavinia geboren.«

Ein paar Türen hinter dem Metallamtsgebäude kamen wir zu einem gut erhaltenen, wenn auch schmalen fünfstöckigen Hause und gingen die Freitreppe hinauf; das war Wall Street Nummer 38. Vaters Büro lag im Erdgeschoss, gleich an der Treppe, und in den hinteren Räumen des zweiten Stocks hatte er einen kleinen Lagerraum.

Das Treiben im Büro war für mich ganz geheimnisvoll. Der Kassierer, der mich nie seinen Käfig betreten lassen wollte, saß darin auf einem Schemel, mit einer Kassenlade, einem Geldschrank voll von Büchern, einem zweiten für Wertpapiere und einer Blechschachtel mit Briefmarken, die er nach Bedarf austeilte. Ein oder zwei Buchhalter machten herrlich geschriebene Eintragungen in riesige, in Leder gebundene Hauptbücher. Sie hatten die steifen weißen Röllchen von ihren Hemdsärmeln abgeknöpft und sie in eine Ecke gestellt und ihre richtigen Jacketts mit schwarzen Alpakaröcken vertauscht. Künftige Buchhalter oder spätere Makler, die jetzt noch kleine Botenjungen waren, liefen ein und aus; Telegrafenboten stürzten mit Depeschen herein. Im Vorderzimmer gab es einen langen Tisch, voll von den gedruckten Berichten, in denen die Bahnen über Einnahmen und Verkehr Rechenschaft ablegten. Nur zwanzig oder dreißig Industriepapiere wurden damals an der Börse gehandelt, und Vaters Büro ignorierte sie ganz. Auf dem Tisch waren noch ein paar Handelszeitungen, eine Schiefertafel und ein Börsendrucker, um ihn herum saßen vier oder fünf backenbärtige Männer. Zwei von ihnen regten sich über Henry Ward Beecher auf, und die andern schüttelten die Köpfe über einen verrückten Einfall wie den der »Ritter der Arbeit«, für den Achtstundentag einzutreten.

Vater ging in sein Privatbüro, wo ein kleines Kohlenfeuer brannte, hängte seinen Hut auf einen Haken, schloss sein Pult auf und setzte sich daran. Während er seine Postsachen durchsah, brachte ich stolz zwei Krüge mit Tinte herein; die grünlich schwarze stammte aus England, die andere diente für Briefe, von denen Kopien gemacht werden sollten. Ich reinigte und füllte alle Tintenfässer meines Vaters und steckte ihm frische Stahlfedern in die Halter. Zu Hause hatte er Gänsefedern, aber im Büro brauchte er nur stählerne, und da er sich niemanden hielt, der Kurzschrift schrieb, musste er einen großen Teil der Firmenbriefe selbst in Vollschrift ausfertigen.

Im Büro gab es außer dem Nachfüllen der Tinte noch eine Menge zu tun. Wie schön war es, Bestellungen straßauf, straßab herumzutragen (die heute telefoniert werden) oder bunte Bleistifte die schrägen Pultdeckel der Schreiber hinunterrollen zu lassen oder zu versuchen, das Glockenzeichen an der Schreibmaschine zu bewegen. Die war damals eine ganz neue Erfindung, wurde nur bei wichtigsten Anlässen in Gang gesetzt, und dann musste der Buchhalter oder einer der Angestellten seine Arbeit unterbrechen und darauf lostippen.

Schnell war es Mittag geworden, die Kunden gingen fort, der Börsendrucker blieb stehen. Um halb ein Uhr rief Vater mich, und wir gingen zum zweiten Frühstück.

»Kommen Sie zurück, Herr Day?«, fragte der Kassierer ehrerbietig. Sagte der Vater ja, so sahen alle Angestellten enttäuscht aus, beugten sich über ihre Pulte und sagten nichts, bis Vater aus der Tür ging. Wenn ich aber einen Augenblick zurückblieb, so hörte ich, wie sie ihre Hauptbücher ärgerlich umherschmissen. Nicht nur mussten sie und die Lehrlinge dann auch dableiben, auch rauchen durften sie in dem Falle nicht eher, als bis Vater endgültig nach Hause gegangen war.

Heute antwortete er jedoch nein. Kaum war er über die Schwelle, so sah ich sie ihre Schwefelhölzchen hervorholen, und war er erst auf dem Flur, so wurden sie schon am Hosenboden angestrichen.

An Vaters Seite trabte ich nach Beaver Street, auf ein schon nicht mehr neues Gebäude zu, das etwa wie ein gastfreundliches ländliches Wirtshaus aussah, mit grünen Rollläden und kleinen Fensterbalkons an den oberen Stockwerken und gerafften Spitzengardinen vor den Fenstern. Ein paar Stufen führten zu den weißen Säulen des Eingangs hinauf.

Das war Delmonicos Restaurant, und das Essen dort war so gut, dass sogar ich schon davon gehört hatte. So etwas war gerade das Richtige für Vater.

Delmonicos Restaurant stand auf einem dreieckigen Baugrund, mit den Eingangstüren an der Spitze des Dreiecks, so entstand an diesem Eingang immer großes Gedränge. Herren mit Zylindern auf dem Kopfe, die sich beim Essen alle Zeit gelassen, sich dann aber plötzlich erinnert hatten, dass sie eilig in Wall Street sein mussten, schoben einander höflich, aber dringend hinaus.

Wenn Vater und ich in den langen überfüllten Saal kamen, führte der Oberkellner uns mit großer Gebärde an ein Tischchen für zwei Personen. Die Luft roch nach Zigarrenrauch und appetitlichen fetten Speisen. Ein stattlicher Ausländer, der an der Seite des Saales stand, fing Vaters Blick auf und machte ihm eine würdevolle Verbeugung.

»Lorenzo«, sagte mein Vater zu ihm beim Näherkommen, »dies ist mein Sohn.«

Ich machte einen etwas verlegenen Diener, worauf Herr Lorenzo Christ Delmonico sich verbeugte und versicherte, er freue sich, mich kennenzulernen.

Als er fortgegangen war, eilte der alte François, Vaters gewöhnlicher Kellner, an unsern Tisch und besprach sich mit ihm über das Gericht, das am besten bestellt würde. Sie redeten dabei so schnell französisch, dass ich kein Wort verstand außer der Versicherung François’, dass wir uns »parfaitement« auf die Soße verlassen könnten. Scheinbar hatte Vater, als er sich das letzte Mal auf eine eingestandenermaßen besonders schwierige Soße verlassen hatte, eine schwere Enttäuschung erlebt.

Wenn so etwas vorgekommen war, hatte François, wie ich bemerkte, eine Art heilenden Balsam für solche Katastrophen, indem er darüber noch viel erregter und empörter war als Vater selbst. Er riss die ominöse Schüssel vom Tisch und kam eiligst mit einem Ersatzgericht zurückgestürzt. Gewöhnlich begleitete ihn dann ein Mitglied der Familie Delmonico, Lorenzo oder Charles, beugte sich über den Tisch und prüfte das neue vor Vater hingestellte Gericht, indem er teilnehmende Worte über das bedauerliche Vorkommnis murmelte.

Aber heute waren Soße und alles Übrige nicht nur zufriedenstellend, sondern ausgezeichnet, und Vater und François lächelten und nickten einander glückwünschend zu. Ich wunderte mich damals, warum Vater bei Delmonico nie in dieselbe Wut wie zu Hause geriet, aber jetzt sehe ich ein, dass er sich im eigenen Hause, wo er das richtige Verständnis vermisste, vielleicht vereinsamt gefühlt hat.

Vater hielt viel von französischer Küche und von Bedienung durch französische Kellner. Zu Haus musste er sich mit einem irischen Hausmädchen begnügen, noch dazu alle paar Monate mit einem andern, und mit einer Küche, die wohl sehr gut, aber immerhin nicht französisch war. War unser häusliches Essen nach seinem Geschmack, so aß er es mit Appetit und Verstand, aber eigentlich doch nur so, wie ein Städter auf dem Lande in eine gute Hausmannskost tüchtig einhaut.

Ich selbst wusste französische Küche nicht so recht zu würdigen. Sie schmeckte wohl ganz ordentlich, aber eigentlich zu fein, und dann gab es auch immer ein bisschen sehr wenig. Ich fand, Vaters Frühstück war viel zu leicht. Wenn er dann aber seinen Mokka trank und den hungrigen Ausdruck auf meinem Gesichte sah, lächelte er verständnisinnig, winkte François, der auch lächelte, herbei, und schnell holte dieser ein großes Stück Schokoladentorte für mich herbei. Das dicke, weiche Innere und die im Munde zergehende Schokoladenkruste waren dann so köstlich, dass die Zeit stille stand, während ich den Kuchen selig verschlang, und dass ich beinahe vergaß, wo ich war.

Nach dem Frühstück gingen wir sonst zur Stadt zurück, diesmal aber führte mich mein Vater nach der Battery, und bei der Südfähre bestiegen wir zu meinem Erstaunen das Boot. Das war noch nie geschehen, und nun wusste ich auch, warum er seinen steifen Hut aufgesetzt hatte, denn wir gingen ja aufs Land. Fort dampften wir über die Bucht, die bedeckt war mit Segelbooten, Viermastern, Schleppern und Barken, und als wir an Staten Island landeten, sagte Vater zu mir, wir gingen, um Buffalo Bill zu sehen.

Wir nahmen Platz auf einer wackligen Holztribüne mit abgesplitterten Bänken, und da lag nun der ganze Wilde Westen vor uns, Staub, Pferde und alles. Die wunderbare Meisterschaft der Reiter, die mit ihren Flinten Glaskugeln trafen, Kugeln, die in die Luft geworfen und von den vorbeijagenden Berittenen wie im Fluge scheinbar mühelos getroffen wurden; Rinderherden, Lassos, Blechmusikanten, die alte historische Deadwood-Postkutsche, der atemraubende Indianerangriff auf sie, die Rettung in höchster Not. Bevor es aber so weit war, schleppte Vater mich eilig hinaus, damit wir noch Plätze auf dem Fährboot bekämen. Ich erwischte nur noch eben einen letzten Blick, während ich durch die Ausgangstür gezwängt wurde.

Auf dem Heimweg sagte ich Vater, ich wolle Cowboy werden. Dazu lachte er und meinte, nein, das würde ich nicht, dann könnte ich ja ebenso gut ein Landstreicher werden.

Ich war nicht sicher, ob ich ihm nicht lieber gleich sagen sollte, grade erst an diesem Morgen hätte ich mir das auch schon überlegt. Aber nachdem mich Vater nach Delmonico mitgenommen hatte, kam mir der Tag doch nicht richtig gewählt für solches Geständnis vor. Ich fragte ihn aber wenigstens, was er gegen Cowboys hätte.

Vater erklärte kurz, sie lebten, äßen und hätten Schlafgelegenheiten, die ausländisch und »spelunkenhaft« seien. Sie hätten in der Wildnis gehaust, bis sie selbst Wilde geworden seien. »Setze deine Mütze grade«, fügte er hinzu. »Ich versuche, dich zu einem gebildeten Menschen zu erziehen.«

Ich rückte meine Mütze zurecht und dachte über die Zukunft nach. Je mehr ich das aber tat, desto weniger gerne wollte ich ein gebildeter Mensch werden. Ich hatte doch nur ein sehr leichtes Frühstück bekommen und war müde und hungrig. Reine Fingernägel, bildende Bücher, Tanzstunden und Sonntagspredigten auf der einen Seite – dagegen wogen die paar lumpigen Stücke Schokoladentorte, die ein gebildeter Mensch allenfalls bekam, wirklich nicht schwer genug.

VATER ZU PFERDE

Vater nahm an Gewicht zu, und das passte ihm nicht. Er war stämmig gebaut, aber gut und grade gewachsen, hatte einen leichten, schnellen Gang, und sein Mehrgewicht war ihm lästig, ja, er missbilligte es. Wurde jemand anders im Laufe der Zeit dick, so nahm Vater das wie einen guten Witz, aber bei sich selbst fasste er Starkwerden wie eine Schlamperei auf.

Er sprach darüber im Klub. Was die Kneipe für den armen Mann ist und was die Kaffeehäuser einst für die Londoner waren, das war für Vater der Klub: Quelle und Mittelpunkt seines geselligen Lebens. Auf dem Wege vom Büro nach Haus kehrte er für etwa eine halbe Stunde dort ein, und abends um neun Uhr, wenn Mutter zu Bett gegangen war, sprach er dort noch einmal vor, spielte ein oder zwei Partien Billard, niemals Karten, trank Whisky und Soda mit Kommodore Brown oder traf vielleicht auch irgendwie bemerkenswerte Ausländer, von denen er im Übrigen nicht viel wissen wollte. Oder aber er bat um Ratschläge gegen Stärkerwerden.

Einige empfahlen ihm lange Spaziergänge, aber daran hatte es Vater ohnehin nie fehlen lassen. In dem Fall, so entschied der Klub, solle er mit Reiten anfangen.

Der beste Weg dazu, meinte Vater, war der Beitritt zu einem zweiten Klub; so schloss er sich dem Reitklub in der 58. Straße an, der ihm Stallung und andere Erleichterungen verschaffte. Nachdem sich Vater dort auf der Reitbahn geübt hatte, ritt er in den Park hinaus.

Der Park war schon damals weder wild noch abenteuerlich, sondern eigentlich nur eine größere Reitbahn, aber er sagte Vater zu. Wildnisse mochte Vater nicht, Landschaften hatte er am liebsten genau wie seine Sachen gut geordnet und für seinen Gebrauch zurechtgemacht. Er beaufsichtigte von da an den Park genau wie sein Haus und war zum Beispiel persönlich beleidigt, wenn der Reitweg nicht gut geharkt oder Papier auf ihm liegen geblieben war.

Sein erstes Pferd war ein kräftiger Brauner, Rob Roy mit Namen. Dies Pferd mochte meinen Vater nicht leiden und Vater das Pferd noch weniger. So etwas hatte aber nicht mitzusprechen, nein, es wurde nicht einmal in Betracht gezogen. Vater kaufte das Pferd, weil es feurig und gesund, arbeitsfähig und auch schön war. Er bezahlte dreihundert Dollar dafür und erwartete, dass es tun würde, was man ihm sagte. Rob Roy aber sah die Sache ganz anders an; er war eine durchaus unabhängige Natur und dachte nur an sich. Selbst wenn er für Vater etwas übriggehabt hätte, was nie der Fall war, es wäre doch nie und nimmer gut gegangen.

Bezeichnend hierfür ist eine Szene, wie sie einmal am Eingang des Parks passierte. Es war an einem warmen Herbstmorgen. Vater kam mit Rob Roy vom Klub nach dem Park getrabt, jeder stark und gesund, jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend. Es war ein hübsches Bild, wie sie da den Reitweg entlangritten, und so weit war alles in Ordnung. Aber dann kam der Haken. Vater wollte weiterreiten, Rob Roy nicht. Warum Rob Roy sich darauf versteifte, weiß ich nicht, vielleicht hatte er etwas an Vaters Manier, ihn zu reiten, auszusetzen. Jedenfalls kam es zu einem Halt. Vater gab ihm einen Hieb mit der Peitsche, Rob Roy fuhr herum, Vater zog die Zügel scharf an und schlug nochmals zu, Rob Roy bäumte sich.

Während sie so miteinander kämpften, schlug Vater wieder und wieder zu. Rob Roy stampfte wild und wühlte die Erde auf. Warm wurde beiden dabei so sehr, dass sie ganze Liter Schweiß vergossen haben müssen, und beide wichen kein Haarbreit von ihren Absichten ab.

Aber Rob Roy hatte den ganzen Tag Zeit, Vater jedoch nicht – einmal musste er doch seinen Ritt abbrechen und auf das Büro gehen. Er kam zu der Überzeugung, dass Rob Roy verrückt sei, und sie kehrten zum Klub zurück. Rob Roy ward nach einem Stall geführt und trocken gerieben. Vater ging in das Umkleidezimmer, wo ihm der Diener Jim den gleichen Dienst erwies.

Jim war eine freundliche Seele. Er fragte: »Hübschen Ritt gehabt, Herr Day?«

»Hübschen Dreck!«, antwortete Vater kurz, ergriff seinen Stock und ging hinaus.

Diese wilden morgendlichen Kämpfe flößten der Familie Schrecken ein. Wir hatten es uns nie träumen lassen, dass irgendein Wesen, sei es nun Mensch oder Tier, sich Vaters Willen widersetzen könnte. Das war ja beinahe wie Satans Aufstand wider Gott! Ein düsterer Glanz umschwebte Rob Roys Wagemut, aber ich dachte doch mit Entsetzen daran. Uns war erzählt worden, dass Gott im Kampfe gegen Satan Sieger geblieben war. Ab und an freilich schien manches dagegenzusprechen, aber wir hatten die Nachricht auf Treu und Glauben angenommen. In dem langen Kampfe zwischen Vater und Rob Roy glaubten wir auch immer an Vater als den endlichen Sieger, aber ich begreife jetzt, dass Rob Roy das vielleicht anders aufgefasst hat. Denn Vater bekam schließlich nur dadurch die Oberhand, dass er Rob Roy zu verkaufen beschloss.

Wir Jungen sahen darin eine Verbannung, und Rob Roy erschien uns wie ein Ausgestoßener. Vielleicht bedeutete es aber für ihn nur einen weniger unwillkommenen Reiter, doch in unsern Augen wurde er dadurch aus der Welt vertilgt, und das in der Blüte seiner Jugend! Noch nach Jahren sprach man von ihm wie von einem seltsamen Wesen, von einem verdrehten, irrsinnigen Geschöpf, das rätselhaft und vergeblich versucht hatte, sich gegen Vater aufzulehnen.

Rob Roy war ein Vollblut, sein Nachfolger, ein mageres braunes Pferd, Brownie genannt, dagegen nur Halbblut. Rob Roy war ein Abenteurer, Brownie ein aus traurigen Augen schauender Philosoph. Es gibt ja Philosophen, die hochgemut wie Abenteurer sind, aber meist sind sie doch gefügiger. Brownie trabte überall dahin, wohin Vater wollte, nach jeder beliebigen Richtung. Nie bäumte er sich, nie zerstampfte er den Boden, nie wieherte er. Kleine Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und Vater kamen ja wohl auch vor, denn Brownie wurde rascher müde als Vater und wollte dann seine Ruhe haben. Aber er bestand nicht auf seinem Willen, er kämpfte nie für seine Rechte, er versuchte lieber, sie durch Drückebergerei oder passiven Widerstand zu erschleichen. So pflegte Vater wohl mal mit der Hoffnung auf einen forschen Galopp über Berg und Tal auszureiten. Nun, Brownie, der das Galoppieren zu besorgen hatte, führte das wohl auch eine Zeitlang durch, selbst länger, als es eigentlich in seiner Absicht gelegen hatte. Denn jedes Mal, wenn er sein Tempo verlangsamte, fühlte er die Peitsche auf seinen Rippen. Aber je mehr er die Lust an dem Ausflug verlor, umso mehr schwand auch seine Elastizität, und schließlich stieß er so mächtig, dass Vater nachgab.

Im Allgemeinen kamen die beiden aber ganz gut miteinander aus, und Vater wurde ein begeisterter Reiter. Er redete so viel davon, dass Mutter anfing, ihn für recht selbstsüchtig zu halten, weil er diese Freuden ganz für sich behielt, anstatt sie mit seiner Familie zu teilen. Wenn ein Ritt durch den Park so anregend war, müssten wir doch alle dazukommen.

Vater antwortete, das möchte er uns ja von Herzen wünschen, aber es sei doch nur ein Pferd da.

Erst brachte dies die Familie zum Schweigen, aber dann fand Mutter wieder Worte: Warum sollten wir das Pferd nicht reiten, wenn Vater es grade nicht brauchte?

Diese Idee war so unvernünftig und so undurchführbar, dass Vater sich gradezu erhitzte. Man sah eben mal wieder, wie wenig Mutter überhaupt, besonders aber von Pferden verstand. Er setzte auseinander, wie träge Brownie ohnehin schon wäre und dass er als Reitpferd für einen Mann gar nicht mehr zu brauchen sein würde, wenn man ihm noch mehr Arbeit aufhalste.

Mutter erwiderte fest, dann müsse Vater eben noch mehr Pferde kaufen.

Das warf ihn um. Er hatte immer die besten Absichten uns gegenüber, bekam es nun aber mit der Angst, dass seine zu große Herzensgüte ihn in Ungelegenheiten bringen könnte. Wenn er ganz unschuldig das Reiten angefangen hatte, wollte er darum doch nicht seine ganze Familie beritten machen. Was Teufel! Hätte er voraussehen können, dass die ganze Familie ihm das nachmachen würde, wenn er, ein schwer arbeitender Mann, einmal durch den Park zu reiten wünschte – lieber hätte er auf die ganze Reiterei verzichtet. Er würde das auch tun, das Pferd würde verkauft werden! –

Natürlich wurde es nicht verkauft. Stattdessen kaufte er für sich ein Pferd, das jünger und von fröhlicherer Gemütsart war als der Philosoph, und den armen Brownie gab er uns Jungens.

VATER TRÄGT SCHMERZEN WIE EIN MANN

Wenn wir nicht wohl waren, wurde Vater böse auf uns. Ihm ging es meist gut, und so setzte er das auch von uns voraus, in der Erwartung, dass wir nicht durch Schwäche und Schlappheit die Last, die schon auf seinen Schultern ruhte, erschwerten.

Er fürchtete Krankheit nicht, sondern er verachtete sie. Dieses Gerede über Keime war alles moderner Unsinn. Er sagte, als er jung gewesen sei, hätte es seines Wissens keine Keime gegeben. Möglich, dass es unsichtbare Insekten gegeben hatte – nun und was weiter? Mit denen konnte er es an Gesundheit gut und gerne aufnehmen. »Wenn es wirklich solche verfluchten Keime gibt, die ihr Heil bei mir versuchen wollen, immer ran damit!«, meinte er.

Seiner Meinung nach verstand Mutter überhaupt nichts von dem Umgang mit Krankheiten. Meistens bewunderte er sie ja und glaubte, ihresgleichen gebe es nicht zum zweiten Mal, sagte auch oft zu uns Jungen: »Eure Mutter ist eine prachtvolle Frau«, aber wenn sie krank war, wurde er sehr unzufrieden mit ihr. Mutter ging dann beispielsweise ins Bett, verhielt sich aber ganz still dabei. Vater hörte wohl zuweilen ein leises Stöhnen, aber das war schon nicht mehr für seine Ohren bestimmt. Also war er sicher, ihr fehlte überhaupt nichts. Es seien ja gar keine Anzeichen für Schmerzen da, sagte er.

Je elender sie war, umso weniger sprach sie davon, und desto weniger glaubte er, dass ihr überhaupt etwas fehlte. Sie schrieb mir einmal: »Er begreift nicht, warum ich so lange das Bett hüte, aber die Colitis ist ein tückisches Leiden, bei dem man eben ganz flach liegen muss. Der Doktor hat ihm das gestern erklärt, aber darauf sagte er nur: ›Ich habe von der verfluchten Krankheit gottlob nie etwas gehört.‹ Er ist ganz beleidigt, dass Leute, die an solchen verrückten Sachen leiden, ihn in seinem Behagen stören und dass das Haus gradezu von Ärzten wimmelt.« Das Wort »Leute« hatte Mutter unterstrichen.

Selbst Mutters Erkältungen verstimmten ihn schon sehr. Hatte sie eine, so hielt sie sich, solange wie es nur ging, aufrecht, kramte blass und angegriffen in ihrem Zimmer herum und wickelte sich ein Tuch um die Schultern. Aber manchmal konnte sie nicht dagegen an und musste ins Bett kriechen.

Murrend ging Vater umher und erklärte alles für Albernheit. Mutter wäre ganz gesund. Wenn die Leute krank zu sein glaubten, so hieße das noch lange nicht, dass ihnen wirklich etwas fehlte, es sei nur ein Zeichen von schwachem Charakter. Er setzte Mutter oft auseinander, wie jämmerlich es sei, einem Leiden nachzugeben. Aber sonderbar – immer, wenn er ihren Charakter in dieser Hinsicht stählen wollte, schien sie es übel zu nehmen. Es fiel ihm eben immer erst dann ein, wenn sie kaum mehr auf den Beinen stehen konnte, aber seiner Meinung nach hatte sie eben dann seine Hilfe am nötigsten.

Übrigens brauchte er ihre Hilfe, oder besser gesagt, ihre Gesellschaft nicht weniger, und er machte auch gar kein Hehl daraus. Wenn sie krank war, fühlte er sich ganz verloren. Etwa zwischen fünf und sechs kam er gewöhnlich vom Büro zurück und suchte dann gleich das ganze Haus nach Mutter ab. War sie ausgegangen, kam es ihm leer und ungemütlich vor.

Eines Abends gegen sechs Uhr öffnete er ihre Schlafzimmertür. Alles dunkel bis auf ein schwach flackerndes Feuer im Kamin, das eben zusammensank, die Luft roch nach Kampfer. Auf dem Bett, in einen Schal eingemummt, lag Mutter ganz still in der Dunkelheit.

»Bist du da, Vinnie?«, fragte Vater mit noch lauterer Stimme als sonst, weil er seiner Sache nicht ganz sicher war. Mutter stöhnte: »Lass mich!« – »Was?«, fragte er erstaunt. – »Lass mich, bitte, geh weg!« – »Gottverdammmich!«, sagte er im Hinausgehen. – »Clarence!« – »Was denn?!« – »Willst du nicht, bitte, die Tür wieder zumachen?« – Vater knirschte mit den Zähnen und warf die Tür dermaßen zu, dass Mutter zusammensank.

Er sagte sich, dass ihr absolut nichts fehlte, dass sie morgen früh schon wieder wohlauf sein würde, aß daher mit gutem Appetit sein Dinner und rundete die Mahlzeit, da er sich vereinsamt fühlte, noch mit einem Extraglas Bordeaux, ein paar Keksen und einem Stück Käse ab. Auch war der Abend so endlos und langweilig, dass er zwei besonders gute Zigarren rauchte.

Am Morgen darauf ging er nach dem Frühstück wieder in ihr Zimmer. Das Feuer war aus, zwei abgetragene alte Pantoffeln lagen auf einem Stuhl, im grauen Frühlicht sah es trostlos aus. Vater stand am Fußende von Mutters Bett und machte, da sie noch immer nicht wohl war, ein trübseliges Gesicht – mit wem sollte er nun lachen oder sich zanken? Seine Züge wurden ganz schlaff vor Kummer. – »Was soll ich?«, fragte Mutter flüsternd und sah ihn aus müden Augen an. »Nichts!«, sagte er laut. »Gar nichts!« – »Dann, um Gottes willen, Clarence, komm doch nicht herein und schneide solch schreckliches Gesicht!« – »Was heißt das?!«, fragte er erstaunt. – »Oh, geh doch nur weg!«, schrie Mutter ihn an. »Wenn man krank ist, sieht man nun mal gerne ein freundliches Gesicht. Wenn du mich so anstierst, kann ich überhaupt nicht besser werden. Mach die Tür diesmal leise zu und, bitte, lass mich allein!«

Vor der Tür, als ich ihn fragte, wie es Mutter ginge, antwortete er vor sich hin lachend: »Schon wieder ganz gut. Außer Bett ist sie noch nicht, aber sie hört sich schon wieder viel gesünder an.«

Vaters eigene Krankenzimmer-Erfahrungen waren sehr spärlich gewesen. Im Anfang der dreißiger hatte er mal drei Wochen einen Gichtanfall gehabt. Von da an bis zu seinem 74. Lebensjahre, in dem er eine Lungenentzündung hatte, war er nie ernstlich krank gewesen. Die meisten Krankheiten erklärte er für Einbildung und glaubte einfach, wie er sagte, nicht daran. Selbst seine Lungenentzündung wollte er nicht gelten lassen. »Das hat sich der Doktor in den Kopf gesetzt«, sagte er. »Ich habe mich einfach erkältet.« Unser Hausarzt war gestorben, und der neue Arzt hatte mit zwei Schwestern alle Hände voll zu tun, Vater im Bett zu halten. Der neue Doktor hatte wasserblaue Augen, war zart gebaut und schien, wenn er mit seinen Patienten sprach, leise über sie zu lächeln. Er konnte in kritischen Fällen sehr energisch werden und war einer der geschicktesten Ärzte am Ort. Deshalb, aber besonders weil sie eine seiner Cousinen gerne leiden mochte, hatte Mutter ihn genommen.

Als Vaters Zustand sich verschlimmerte, warnte der Arzt ihn, es sei wirklich Lungenentzündung und er müsse fügsamer sein oder es könne, zumal bei seinen 74 Jahren, auch einmal schiefgehen.

Vater lag finster blickend im Bett und sagte: »Ich habe Sie nicht holen lassen. Sie brauchen sich also auch nicht hierherzustellen und mir zu erzählen, was ich tun soll. Ich weiß über euch Ärzte Bescheid. Ihr denkt, ihr wisst verflucht viel – gar nichts wisst ihr! Geben Sie Ihre Pillen und das andere Dreckzeug nur Frau Day, die glaubt daran. So – und nun Schluss, wir haben einander nichts mehr zu sagen. Da ist die Tür, leben Sie wohl!«

Aber – merkwürdig – es war doch nicht Schluss, und zu seiner großen Überraschung überzeugte sich Vater davon, dass er wirklich krank war. Ganz erledigt ließ ihn der Doktor im Schlafzimmer allein, damit er erst einmal diese Hiobspost verdaute, und kam auf die Diele, ein paar Worte mit Mutter zu wechseln. Während sie, leise miteinander flüsternd, vor Vaters Tür standen, hörten sie ihn drinnen mit sich selbst sprechen. Nun er in Not war, hatten sich seine Gedanken anscheinend Gott zugewandt. »Hab Erbarmen!«, hörten sie ihn aufgebracht rufen. »Hörst du, hab Erbarmen, Kreuzdonnerwetter noch einmal!«

Was Vater an Leiden zustieß, führte er stets direkt auf Gott zurück, nahm dabei aber natürlich nie an, dass Gott ihm diese Leiden bestimmt haben könnte oder dass er ihn gar bestrafen wollte. Sein Gewissen war immer rein. Er konnte es sich nur so erklären, dass Gott es ungeschickt angestellt, um nicht geradezu zu sagen, Konfusion gemacht hätte.

Nun, Gott und dem Doktor zum Trotz kam Vater über die Lungenentzündung ebenso fort wie einige vierzig Jahre früher über seinen Gichtanfall, bei dessen Besiegung er aber noch durch einen Stock und einen Masseur namens Papa Lowndes unterstützt worden war. Während er sich mit der Gicht herumschlug, saß Vater in einem großen Lehnstuhl am Kaminfeuer, mit dem Fuß auf einem Schemel und stets mit dem Stock bewaffnet, den er aber keineswegs zum Gehen benutzte. Beim Gehen humpelte er auf dem andern Fuß umher und stieß ein Wutgeheul aus. Aber er legte großen Wert auf den Stock, und das mit Recht, denn er brauchte ihn als Kriegskeule. Die ganze Familie wurde damit bedroht, und wenn Besucher sich ins Zimmer wagten, schwang er ihn ihnen wild entgegen, um sie von seinem Zeh fernzuhalten.

Papa Lowndes durfte ihm näher als alle andern kommen, war aber ernstlich vor Übergriffen gewarnt worden, die einen Schlag über den Kopf zur Folge gehabt hätten. Vater traute Papa Lowndes das Schlimmste zu, aber mit dieser Drohung hielt er ihn in Schach. So wird es denn wohl auch der tüchtige Stock gewesen sein, dem Vater seine Heilung zu verdanken hatte. Diese Erfahrung aber bestärkte ihn in seiner Ansicht, dass jede Krankheit durch gehörige Festigkeit abgewendet werden könnte.

War er erkältet, glaubte er an eine Gewaltkur durch heftiges Ausschnauben oder noch besser durch Niesen. Das tat er aber so laut, dass Mutter es nicht gerne hörte. Sie spürte sein Niesen, wie sie sagte, durch das halbe Zimmer hindurch, und es wäre gewiss auch ansteckend. Das erklärte Vater für Unsinn, sein Niesen sei gesund, was er sofort durch einen herzhaften triumphierenden Trompetenstoß bekräftigte.

Außer seinem übrigens seltenen Schnupfen litt er nur noch an Migräne, die er aber ausschließlich auf Überessen zurückführte. Man brauchte also nur mit Essen aufzuhören, dann könnte man sie immer loswerden. Freilich müsse man sie gründlich aushungern, und das könne gut und gerne mehrere Stunden dauern. Aber war sie dann vorbei, so durfte er gleich wieder essen und seine Zigarre rauchen.

Wenn solche Migräne anfing, legte Vater sich hin, kniff die Augen zu und schrie los. Je stärker das Kopfweh, umso lauter das Gebrüll.

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