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Unser Garten der Sehnsucht

1. KAPITEL

Hudson schob seinen ramponierten Rucksack höher auf die Schulter, während er die Fassade des prächtigen alten Hauses vor sich betrachtete, das nun seit zehn Jahren leer stand.

Efeu rankte an den Mauern hoch, die marmornen Eingangsstufen waren bemoost und die großen Sprossenfenster völlig verschmutzt. Auf dem grauen Dach mit den zahlreichen Giebeln fehlten an vielen Stellen Pfannen, und verrottendes Laub verstopfte die Regenrinnen.

Doch trotz des traurigen Zustands, in dem das Gebäude sich jetzt befand, erinnerte Hudson sich an jene sonnigen Tage, die er hier in Claudel mit seiner Tante verbracht hatte. Zwölf Jahre lang hatte er die Sommerferien in diesem Haus verlebt, während seine Eltern in exotische Länder reisten, um dort alte Kulturen zu erforschen. Er stellte sich vor, wie er im Gras lag und Die Chroniken von Narnia las, die damals seine Lieblingslektüre gewesen waren und ihn in eine andere Welt entführt hatten.

Nachdem Hudson einmal tief durchgeatmet und die Erinnerungen beiseitegeschoben hatte, ging er links um das Haus herum und betrat den Garten, der sich in einem noch traurigeren Zustand befand.

Die ehemals grünen Rasenflächen, auf denen er und seine Tante oft Krocket gespielt hatten, waren genauso von Gestrüpp und Unkraut überwuchert wie die prachtvollen Rabatten mit den kunstvollen Marmorskulpturen. Die früher akkurat geschnittenen Koniferen waren völlig aus der Form geraten, und lange Brombeerranken und Rosen bildeten ein undurchdringliches Dickicht, während der Boden von Vogelmiere überwuchert war. Seine Tante wäre außer sich gewesen, wenn sie miterlebt hätte, wie er das Anwesen hatte verkommen lassen.

Als Fotograf für Voyager Enterprises, die sowohl ein Magazin herausgaben als auch einen Dokumentarsender unterhielten, hatte er Gartenanlagen von Königinnen, den bedrohten Regenwald und geheimnisvolle Sümpfe fotografiert. Dieser Garten hingegen wirkte so ursprünglich in seiner wilden Schönheit, dass es Hudson die Kehle zuschnürte.

Er räusperte sich und verdrängte diese Gefühle genauso wie alle anderen, die ihn in den letzten Monaten so unerwartet überkommen und verletzlich gemacht hatten. Ohne darauf zu achten, dass die Brombeerranken seine Hände zerkratzten oder sich in seiner Jeans verfingen, kämpfte er sich weiter durch das Gestrüpp und erinnerte sich daran, wie er damals dem verrückten Irischen Wolfshund seiner Tante gefolgt war. Irgendwann lichtete sich das Dickicht, und er fand sich vor dem alten Poolhaus wieder.

Ein Lächeln umspielte seine Lippen, als weitere längst verschüttete Erinnerungen wach wurden. Er hatte gewagte Kopfsprünge und Backflips vom Sprungbrett gemacht. Sich stundenlang auf dem Rücken im Wasser treiben lassen und durch das schräge Glasdach die vorüberziehenden Wolken betrachtet. Dabei hatte er sich gefragt, ob seine Mum und sein Dad auf der anderen Seite der Erde dieselben Formationen sahen, wenn sie irgendwelchen verwunschenen Pfaden folgten und zum Himmel blickten.

Damals war er fest davon überzeugt gewesen, dass er seine Eltern verstehen würde, wenn er alt genug war und sein eigenes Leben lebte. Warum es ihnen so leichtgefallen war, ihn bei seiner Tante zu lassen. Hudson fragte sich, wann sein unerschütterlicher jugendlicher Optimismus erloschen war und die Ernüchterung eingesetzt hatte. Wann er erwachsen geworden war.

War es kurz nach seinem einundzwanzigsten Geburtstag gewesen, als er mutterseelenallein und nur mit seiner Kamera bewaffnet achtzehn Stunden lang mitten in einem Gefecht in Bosnien unter einem Busch ausharrte? Als er an seinem sechsundzwanzigsten Geburtstag im Basislager auf einem Himalaja-Gipfel aufwachte und feststellte, dass der Bergführer seine Gruppe und ihn im Stich gelassen hatte? Oder als er vor weniger als zwei Monaten in einem Krankenhaus in London gelegen und kaum die Kraft gehabt hatte, um ein Glas Wasser zu bitten?

Hudson setzte seinen schweren Rucksack ab und ließ ihn stehen. Claudel war von einer drei Meter hohen dicken Mauer umgeben und lag fünfzig Meter von der Straße entfernt. Saffron, den nächsten Ort, erreichte man in zehn Minuten zu Fuß durch ein Pinienwäldchen. Unwahrscheinlich, dass jemand seinen alten Rucksack fand, aber falls doch, konnte er seinen zerfledderten Pass und die schäbigen Sachen gern behalten. In nächster Zeit würde er diese sicher nicht mehr brauchen.

Als Hudson den Kopf in den Nacken legte, stellte er fest, dass die Längsseite des Gebäudes zur Hälfte mit roter Bougainvillea überwuchert war und die unzähligen weiß gerahmten Glasscheiben blind vor Staub und Schmutz waren. Wie das Poolhaus von innen aussah, konnte er nur erahnen.

„Wenn ich mich nicht täusche …“, begann er laut. Dann ging er zur Rückseite des Poolhauses und stellte fest, dass die Tür, die schief in den Angeln hing, offen stand.

Wie er es von seinen vielen Reisen an gefährliche Orte gewohnt war, trat er auf Zehenspitzen ein und stieg dabei über einen kleinen Haufen Glasscherben. Dabei hinterließen seine Stiefel ein verräterisches Geräusch auf den Mosaikfliesen.

Der Anblick überraschte Hudson. Die marmorierten grünen Fliesen um die Ränder herum glänzten, und die etwa ein Dutzend weißen Marmorbänke waren blitzsauber. An der Längsseite des Gebäudes standen zahlreiche kleine Palmen in Töpfen, die sehr gesund wirkten, und das Wasser glitzerte einladend und war so klar, dass man den schwarzen Betonboden sehen konnte.

Ein sanftes Plätschern riss Hudson aus seinen Gedanken. Sofort spürte er, dass gleich jemand auftauchen würde. Er hielt den Atem an und blickte angestrengt in den halb dunklen Raum …

Plötzlich stieg eine Meerjungfrau an die Oberfläche.

Hudson schien es, als würden seine Atmung und sein Herzschlag sich verlangsamen, als er beobachtete, wie die Nymphe mit geschmeidigen Bewegungen das Wasser durchschnitt. Ihr feuchtes Haar schimmerte rötlich, und Tropfen perlten von ihren schlanken Armen.

Wie gebannt betrachtete Hudson die Fremde, obwohl er das Gefühl hatte, dass er eigentlich hätte wegsehen müssen – als wäre er zu alt und zynisch, um diese Frau beobachten zu dürfen.

Schließlich stieg sie aus dem Pool. Sie trug einen schlichten schwarzen Badeanzug, der allerdings so weit ausgeschnitten war, dass sein Puls zu rasen begann.

Barfuß ging die Frau zu der Bank am anderen Ende des Raumes und nahm ein Handtuch herunter, das auf einem Stapel Kleidung lag. Dann stellte sie einen Fuß darauf, um sich das Bein abzutrocknen. Es war sehr lang. Ein Schweißtropfen rann Hudson über die Wange.

Sobald sie den anderen Fuß auf die Bank stellte und das Bein abzutrocknen begann, schloss Hudson kurz die Augen und schluckte.

Die Frau hob das Handtuch, um sich das Haar zu frottieren. Dabei schob sie die Hüfte ein wenig vor. Goldene Sonnenstrahlen fielen durch die oberen Fenster und ließen ihr rotes Haar leuchten und ihre helle Haut schimmern. Dies war ein Moment, den er am liebsten für die Ewigkeit festgehalten hätte.

Hudson war gedanklich so damit beschäftigt, die Brennweite und Belichtungszeit abzuschätzen, dass er gar nicht merkte, wie die Fremde sich zu ihm umdrehte.

Sie sah ihn. Und sie schrie.

Er konnte es ihr nicht verdenken, denn er hatte sich seit zwei Wochen nicht mehr rasiert und war für das sommerliche Wetter außerdem viel zu warm angezogen.

Und sie hatte unbefugt sein Grundstück betreten, und das nicht zum ersten Mal, wie es schien.

Instinktiv hielt Kendall sich ihr Handtuch vor die Beine, während ihr Schrei von den Wänden widerhallte.

Statt fluchtartig das Poolhaus zu verlassen, stand der Eindringling jedoch regungslos da und blickte sie weiter starr an. Er war groß, dunkel und wirkte sehr maskulin.

Schnell drehte sie sich so, dass er ihr linkes Bein nicht sehen konnte, und wickelte sich das Handtuch um. Nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte, sagte sie ruhig: „Verschwinden Sie sofort, sonst schreie ich die ganze Nachbarschaft zusammen.“

Etwa fünfzehn Meter trennten sie voneinander, und trotzdem hatte sie das Gefühl, als würde sein Blick sie verbrennen. Sicher lag es daran, dass der Mann sie so erschreckt hatte und sie halb nackt war.

„Bitte nicht!“, bat er leise, während ein Lächeln seine Lippen umspielte. „Sonst platzt mir noch das Trommelfell.“

„Dann gehen Sie einfach. Falls Sie sich verlaufen haben, kann ich Ihnen den Weg zur Straße oder zum nächsten Ort zeigen.“ Kendall blickte über die Schulter in Richtung Dorf, und als sie sich wieder umwandte, hätte sie schwören können, dass der Fremde näher gekommen war.

„Das habe ich nicht“, erklärte er.

„Jedenfalls befinden Sie sich hier auf Privatbesitz.“

Da er weiter lächelte, fragte sie sich, ob er es bereits wusste. Claudel gehörte den Nachfahren von Lady Fay Bennington, die es seit deren Tod vor zehn Jahren verkommen ließen. Aber hier in Saffron kannte jeder jeden, und sie war diesem Fremden noch nie begegnet.

Er war ein Mann, den man nicht so schnell vergaß – groß, breitschultrig und dunkel. Er hatte welliges dunkles und etwas zu langes Haar, dunkle Augen und trug dunkle Sachen. Außerdem hatte er sich eine Weile nicht mehr rasiert. Auf den ersten Blick hätte man ihn in dem abgewetzten Mantel, den zerfetzten Jeans und den abgetragenen Stiefeln für einen Obdachlosen halten können, doch seine stolze Haltung und das Funkeln in seinen Augen ließen diesen Eindruck absurd erscheinen.

Unwillkürlich wickelte Kendall das Handtuch fester um sich.

Der Fremde schob die Hände in die Taschen seines dunkelbraunen Mantels und kam einen Schritt auf sie zu. „Ich glaube, Sie sind hier unbefugt eingedrungen, Miss …“

„Mein Name geht Sie nichts an.“

Seit sie hier im Ort bei Taffy wohnte, besuchte sie einen Selbstverteidigungskurs, denn es war sicher nicht ungefährlich, wenn zwei junge Frauen nachts allein waren. Sie wollte es jedoch nicht auf eine Auseinandersetzung ankommen lassen und beschloss, so schnell wie möglich zu verschwinden. Also ließ sie das Handtuch fallen, um sich ihr ärmelloses rotes Sommerkleid überzuziehen. Kaum hatte sie es über den nassen Badeanzug gestreift, stellte sie fest, dass es verkehrt herum und außerdem umgekrempelt war. Und der Fremde kam weiter auf sie zu.

Sie fühlte sich zunehmend unwohler und hatte auch ein bisschen Angst. „Kommen Sie ja nicht näher!“ Schnell hob sie ihre Stiefeletten hoch und hielt sie wie eine Waffe vor sich.

Daraufhin blieb der Mann stehen und hob beschwichtigend die Hände, die überraschend feingliedrig und sauber waren.

„Bevor Sie mir einen Schuh an den Kopf werfen, lassen Sie mich Ihnen etwas sagen.“

„Und das wäre?“

„Das hier …“, er machte eine ausholende Geste, während er sich ihr weiter näherte, „… gehört alles mir.“

Kendall ließ die Arme ein Stück sinken. „Ihnen?“

Der Mann nickte und ging weiter. Inzwischen war er ihr so nahe, dass sie die feine Narbe erkennen konnte, die sich von seiner Nase zur Oberlippe zog und noch ziemlich frisch zu sein schien. Es war jedoch der einzige Makel in seinem Gesicht. Seine Nase war gerade, sein Kinn wirkte energisch, und das wellige Haar verlieh ihm etwas Jungenhaftes. Das Faszinierendste an ihm waren allerdings seine dunkelbraunen Augen, die von dichten Wimpern gesäumt waren und unergründlich wirkten.

Er brauchte dringend eine Rasur, einen neuen Haarschnitt und neue Sachen, aber er war einfach umwerfend. Erst jetzt merkte Kendall, dass sie ihn starr anblickte, als hätte sie noch nie einen so attraktiven Mann wie ihn gesehen.

Ein Prickeln überlief sie.

Nein, dachte sie in einem Anflug von Panik, nicht jetzt. Nicht so. Ich bin nicht bereit.

Sie blinzelte, während sie sich ins Gedächtnis zu rufen versuchte, worüber der Fremde und sie gerade gesprochen hatten. Erneut hob sie die Stiefeletten hoch. „Was soll das heißen, es gehört alles Ihnen?“

Als er die Augen leicht zusammenkniff, biss sie sich auf die Lippe und hoffte, er ahnte nicht, was ihr gerade durch den Kopf ging.

„Mein Name ist Hudson Bennington III.“ Er streckte ihr die Hand entgegen und machte noch einen Schritt auf sie zu. „Meine Tante Fay hat hier gelebt, und ich habe als Kind die Sommerferien in diesem Haus verbracht. Sie hat alles mir hinterlassen. Fragen Sie in der Stadt, wenn Sie mir nicht glauben. Einige erinnern sich bestimmt an mich.“

Starr betrachtete Kendall seine Hand, bevor sie ihm wieder in die Augen sah. Der Ausdruck darin machte sie jedoch so nervös, dass sie sich schnell bückte, um ihre Stiefeletten anzuziehen. Durch die ruckartige Bewegung zerrte sie sich die Muskeln in ihrem kranken Bein. Sie zuckte zusammen und richtete sich auf, denn sie wollte nicht noch mehr Zeit verschwenden, indem sie die Schnürsenkel zuband.

„Dann kehre ich jetzt lieber in die Stadt zurück und überprüfe das“, sagte sie. „Man kann nie vorsichtig genug sein.“

Schnell hob sie ihr Handtuch auf und ging um den Pool herum, weg von Hudson Bennington III, der so beunruhigend attraktiv war, und in Richtung Tür.

Falls er tatsächlich der war, für den er sich ausgab, und zurückgekommen war, um sein Erbe anzutreten, dann wäre es vorbei mit ihren täglichen Runden. Sie würde sich nicht mehr in dem Pool treiben lassen können und sich dabei so herrlich schwerelos und lebendig fühlen. Der Anflug von Panik, den sie kurz zuvor verspürt hatte, war nichts im Vergleich zu der Furcht, die sie bei dieser Vorstellung überkam.

„Sie müssen nicht vor mir weglaufen“, hörte Kendall seine tiefe Stimme hinter sich.

Trotzdem verließ sie das Poolhaus und eilte auf das Pinienwäldchen zu, so schnell es ihre zittrigen Beine zuließen. Als sie sich dort noch einmal umdrehte, sah sie Hudson vor dem Gebäude stehen und angestrengt in ihre Richtung blicken. Sie kannte sich aber gut genug aus, um zu wissen, dass er sie nicht mehr zwischen den Bäumen ausmachen konnte.

Und während sie schneller ging, wurde ihr Humpeln mit jedem Schritt stärker.

Hudson strich sich über das Gesicht und blickte angestrengt in den Wald. Obwohl er der Frau sofort gefolgt war, konnte er sie nicht mehr sehen.

Eine Frau, die hier im Ort lebte. Eine schlagfertige und mutige Frau, die nur äußerlich an eine Meerjungfrau erinnerte, mit ihrem Porzellanteint, den grauen Augen und dem dunkelroten Haar.

Und die ihn während ihrer viel zu kurzen Begegnung alles hatte vergessen lassen, was er hier in Claudel hinter sich lassen wollte.

Als Kendall an den Rand des Pinienwäldchens kam, blieb sie stehen, um sich zu vergewissern, dass niemand auf der Hauptstraße war. In diesem Aufzug wollte sie keinem über den Weg laufen.

Seit drei Jahren lebte sie nun in Saffron, und erst vor Kurzem hatten die Einwohner aufgehört, hinter vorgehaltener Hand über sie zu tuscheln – warum sie humpelte und wie es zu dem Unfall gekommen war, bei dem ein junger Mann das Leben verloren hatte. Nun akzeptierten sie alle und schätzten ihre Arbeit als Dokumentaristin bei der Lokalzeitung, und so sollte es auch bleiben.

Schnell blickte Kendall nach rechts und links, bevor sie hastig die Peach Street überquerte und den Gartenweg entlang zu dem zweistöckigen kleinen Haus lief, das sie mit Taffy bewohnte.

Als Kendall im Flur die Schuhe abstreifte und ihr nasses Handtuch über eine Stuhllehne warf, wurde Taffy auf sie aufmerksam.

Sie saß in der Küche am Tisch und ließ die Zeitung sinken. Beinah hätte sie sich an ihrem Muffin verschluckt. „Was ist denn mit dir passiert?“

„Ich möchte nicht darüber reden.“ So schnell sie konnte, ging Kendall die Treppe hinauf. Inzwischen tat ihr krankes Bein ziemlich weh.

„Von wegen!“ Taffy ließ nicht locker und folgte ihr nach oben.

Kendall stürmte in ihr Zimmer, wo ihr Hund Orlando, ein tauber Riesenschnauzer, lag. Nachdem er kurz aufgeblickt hatte, legte er den Kopf wieder auf die Pfoten.

Taffy lehnte sich an den Türrahmen. „Gab es einen Wolkenbruch auf dem Markt? Da wolltest du doch hin, um Fleisch fürs Abendessen zu kaufen.“

„Und?“ Kendall steckte ihr nasses Haar hoch, bevor sie in dem Wäschestapel auf dem Sessel in der Ecke hektisch nach einem frischen Handtuch zu suchen begann.

„Und … ich sehe nirgends Fleisch. Nur nasses Haar und ein umgekrempeltes Kleid.“ Taffy kam ins Zimmer, die Hand auf der Brust. „Oh Kendall. Bitte sag mir, dass es nur …“

Kendall hob abwehrend die Hände und versuchte dabei, die verstörenden Bilder zu verdrängen, die ständig vor ihrem geistigen Auge auftauchten – von einem gebräunten Arm und einem sehnigen Handgelenk mit einer ramponierten Armbanduhr. „Hör sofort auf damit, Taffy!“

Ihre Mitbewohnerin setzte sich aufs Bett und leckte sich die Muffinkrümel von den Fingern. Dann blickte sie sie erwartungsvoll an.

Schnell zog Kendall sich das nasse Kleid aus und schlang sich das Handtuch um. Dabei fühlte sie sich wieder so verletzlich wie kurz zuvor im Poolhaus, was ihr gar nicht gefiel. Früher hatte sie es immer genossen, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. „Möchtest du rausgehen, während ich mich umziehe?“

Taffy schüttelte den Kopf. „Was ist mit dem Fleisch?“

Am liebsten hätte Kendall geschwiegen. Aber Taffy war schließlich ihre Mitbewohnerin und hatte sie zu einem Zeitpunkt bei sich aufgenommen, als sie am dringendsten eine Freundin brauchte, als die Familie, die sie irgendwann wie ihre eigene geliebt hatte, sie im Stich ließ.

Kendall sank neben ihr aufs Bett. „Ich war schwimmen.“

„Im See?“

„Nein. Im Poolhaus von Claudel.“

„Das alte Haus? Wie denn das? Das Anwesen ist doch völlig heruntergekommen.“

Kendall zuckte die Schultern. „Es geht. Das Poolhaus jedenfalls nicht. Nicht mehr.“

Wieder schüttelte ihre Freundin den Kopf, lächelte aber.

„Was hast du gemacht?“

Kendall beugte sich nach vorn und barg das Gesicht in den Händen. „Ich habe es auf einem meiner Waldspaziergänge entdeckt. Es ist ein wunderschönes Gebäude, Taffy. Und der Zustand, in dem es sich befand, hat mich richtig traurig gemacht. Deswegen wollte ich es wieder herrichten. Ich habe es sauber gemacht.“

„Moment mal. Du hast dort geputzt?“

Kendall lachte. Dann ließ sie die Hände sinken und richtete sich wieder auf. „Nicht nur das, Taffy. Ich habe Wasser ins Becken laufen lassen, es gechlort und sauber gehalten. Und seit zwei Jahren gehe ich jeden Tag hin. Als ich es zum ersten Mal gesehen habe, da … konnte ich einfach nicht anders.“

„Aber das erklärt immer noch nicht deinen Aufzug und dein nasses Haar.“ Taffy ließ eine feuchte Strähne durch ihre Finger gleiten.

„Heute …“ Kendall verstummte und atmete tief durch. „Heute wurde ich dort überrascht. Vom Besitzer.“

Nachdem sie einen Moment lang geschwiegen hatte, meinte Taffy. „Sag nicht, von Hudson.“

Zum ersten Mal, seit sie nach Hause gekommen war, sah Kendall ihrer Freundin in die Augen. „Hudson Bennington III.“

Diese gab ihr einen Klaps auf den Arm. „Ich fasse es nicht!“

„Kennst du ihn?“

„Und ob! Mit dreizehn war ich bis über beide Ohren in ihn verknallt. Er war damals achtzehn. Es war sein letztes Jahr im Internat, und er hat die Sommerferien bei Fay verbracht, während seine Eltern in Lettland waren, um dort auf den Spuren irgendwelcher Kobolde zu wandeln. Ich war verrückt nach ihm! Und, wie war er? Immer noch so temperamentvoll und charmant? Frech? Hat er schamlos mit dir geflirtet? Ist er immer noch so umwerfend wie damals?“

„Er … er sah aus, als müsste er sich mal rasieren“, erwiderte Kendall stockend.

„Das muss ich sehen“, meinte Taffy. „Hudson Bennington mit Bart. So, zieh dich schnell an. Wir gehen zusammen hin.“

„Hast du mir nicht zugehört?“, konterte Kendall. „Er hat mich in seinem Pool überrascht. Ich bin ohne Erlaubnis dort geschwommen. Und ich war … halb nackt.“

Taffy lächelte und nickte gespielt naiv.

Kendall wusste allerdings, dass sie alles andere als das war.

Sie war klug, hartnäckig und sehr dickköpfig. „Geh allein hin, wenn du unbedingt willst“, sagte sie. „Erzähl dem Kerl nur nicht, dass du mich kennst.“

„Nein“, wehrte ihre Freundin ab. „Es ist besser, wenn ich ihn zufällig in der Stadt treffe. Dann lade ich ihn auf einen Kaffee ein, damit wir in Erinnerungen schwelgen können.“ Sie stöhnte und stand auf. „Vielleicht verlasse ich auch nie wieder das Haus. So, jetzt zieh dich um, dein Bett wird nass.“

Nachdem Taffy ihr Zimmer verlassen hatte, ging Kendall ins Bad. Dort verbrachte sie die nächste halbe Stunde in der Dusche unter dem warmen Wasserstrahl sitzend, weil sie inzwischen vor Kälte zu zittern angefangen hatte. Dabei massierte sie sich das linke Bein, doch es nützte nichts.

Die Schmerzen, die sie jeden Tag verspürte, schienen sich jetzt auch auf ihre Brust ausgebreitet zu haben. Sie kannte dieses verschüttete Gefühl, das sich nun Bahn zu brechen drohte, und es machte ihr Angst.

Kendall schloss die Augen, bemüht, sich auf die beruhigende Wirkung des warmen Wassers zu konzentrieren und nicht daran zu denken, wie sehr Hudson Benningtons Ankunft ihr Leben auf den Kopf gestellt hatte.

Eine Stunde später stand Hudson unter dem großen Duschkopf in seinem alten Bad. Er war froh, dass die Leitungen noch intakt waren und das Wasser lief. Auch sein Zimmer mit der Flugzeugtapete, dem großen Bett und den Teakholzmöbeln hatte er genauso vorgefunden wie damals.

Er schloss die Augen, während das kühle Wasser ihm über den Körper rann und längst vergessene Erinnerungen ihn überkamen.

Er war sechs Jahre alt gewesen, als seine Eltern ihn zum ersten Mal hierher brachten, und gleich am ersten Abend weggelaufen. Begleitet von ihrem Hund und mit einer Sturmlaterne bewaffnet, hatte seine Tante ihn schließlich in dem Pinienwäldchen gefunden.

Und plötzlich übermannten ihn ganz andere Erinnerungen. An Tage ohne Wasser, an denen er vor Durst zu zittern begonnen hatte.

Unvermittelt öffnete Hudson die Augen. Er drehte das Wasser ab und stützte sich schwer atmend an der Wand ab. Dabei beobachtete er, wie die Tropfen an ihm hinunterrannen – genauso wie an der Meerjungfrau, als sie aus dem Pool gestiegen war.

Er rief sich ihr dunkelrotes Haar ins Gedächtnis. Ihre langen, blassen Beine. Ihre blaugrauen Augen. Seine Atemzüge wurden ruhiger, und sein Puls verlangsamte sich. Und das hatte er ihr zu verdanken.

2. KAPITEL

Am nächsten Morgen wachte Hudson früh auf. Schlaftrunken nahm er ein altes T-Shirt und eine Jeans aus seinem Rucksack und zog beides an. Dann ging er nach unten in den Garten, wo noch überall Tau lag.

Kurz darauf fand er sich vor dem Poolhaus wieder und spielte kurz mit dem Gedanken, einen Blick hineinzuwerfen. Allerdings war ihm klar, dass er dort niemanden antreffen würde. Also ging er weiter durch das Pinienwäldchen, das zwischen dem Anwesen und der Stadt lag. Ein Ziel hatte er nicht. Oder doch? Schließlich hatte er sie hier das letzte Mal entlanglaufen sehen.

Das knackende Geräusch eines Astes ließ Hudson innehalten. Als er zwischen den eng stehenden Stämmen hindurchblickte, sah er, wie sich ein Stück von ihm entfernt etwas bewegte. Wenig später konnte er eine Gestalt ausmachen. Es war eine Frau. Seine Meerjungfrau. Als hätte er sie mit seinen Gedanken heraufbeschworen. Die Frau, die ihn die ganze Nacht beschäftigt hatte. Zum ersten Mal seit Wochen hatte er keine Albträume mehr gehabt.

Sie kam näher. Das lange dunkelrote Haar fiel ihr in sanften Wellen über die Schultern. Ihre helle Haut schimmerte im fahlen Morgenlicht. Ihre weichen Züge deuteten auf ein freundliches Wesen hin. Wieder wünschte er, er hätte seine Kamera dabei. Schon seit zwei Monaten hatte er sie nicht mehr angerührt.

„Oh, hallo“, grüßte er, sobald sie sich ihm näherte.

„Hallo.“ Das Lächeln, das ihre Lippen umspielte, stand in krassem Widerspruch zu ihren geballten Händen.

Sie trug ein schwarzes Top, einen langen Stufenrock und dieselben Stiefeletten wie am Vortag. Laut Wettervorhersage sollte es später etwa fünfunddreißig Grad heiß werden, also wären Sandaletten passender gewesen. Dies behielt er jedoch für sich.

„Ich habe Sie hier nicht erwartet“, erklärte er.

„Ich hatte nicht vor, in Ihrem Pool zu schwimmen, falls Sie das meinen.“

Hudson musste lachen. Es war ein tolles Gefühl.

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