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Unschuld

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. 1
  7. 2
  8. 3
  9. 4
  10. 5
  11. 6
  12. 7
  13. 8
  14. 9
  15. 10
  16. 11
  17. 12
  18. 13
  19. 14
  20. 15
  21. 16
  22. 17
  23. 18
  24. 19
  25. 20
  26. 21
  27. 22
  28. 23
  29. 24
  30. 25
  31. 26
  32. 27
  33. 28
  34. 29
  35. 30
  36. 31
  37. 32
  38. 33
  39. 34
  40. 35
  41. 36
  42. 37
  43. 38
  44. 39
  45. 40
  46. 41
  47. 42
  48. 43
  49. 44
  50. 45
  51. 46
  52. 47
  53. 48
  54. 49
  55. 50
  56. 51
  57. 52
  58. 53
  59. 54
  60. 55
  61. 56
  62. 57
  63. 58
  64. 59
  65. Epilog

 

Sara Blædel, geboren 1964, hat viele Jahre als Journalistin gearbeitet. Sie lebt in Kopenhagen. Seit einigen Jahren schreibt sie mit großem Erfolg Kriminalromane. 2007 wurde sie vom Buchhandel zu »Dänemarks Lieblingsautorin« gewählt. Das Preisgeld hat sie einer Organisation gespendet, die sich um den Schutz Prostitiuierter vor gewalttätigen Übergriffen kümmert.

UNSCHULD ist ihr vierter Krimi mit Louise Rick und Camilla Lind als Ermittlerinnen. Der Roman war in Dänemark ein Bestseller - wie auch die Vorgänger GRÜNER SCHNEE, TÖDLICHES SCHWEIGEN und NUR EIN LEBEN.

 

Die Frau lag mit ausgestreckten Armen auf dem Rücken, ihr Kopf ruhte an ihrer Schulter. Über den Hals zog sich ein langer, gerader Schnitt, das Blut hatte sich mit ihrem langen, blonden Haar vermischt und sich als klebrige Masse über die linke Seite ihres Oberkörpers ausgebreitet.

Kriminalassistentin Louise Rick richtete sich auf und atmete tief durch. Ob man sich jemals daran gewöhnen würde? Im Grunde hoffte sie es nicht.

Die Dunkelheit lag schwer über den ehemaligen Schlachthöfen. Es war kurz vor zwei Uhr in der Nacht, und aus dem Sonntag wurde langsam ein Montagmorgen. Der April hatte Vesterbro in seine klamme Nachtluft gehüllt, obwohl der Regen des späten Abends abgeklungen war. Die Blaulichter der Polizei und die Absperrbänder zur Skelbækgade hatten die meisten Leute verscheucht, aber ein paar Schaulustige standen herum und diskutierten, während sie die Polizei bei ihrer Arbeit beobachteten.

Auf dem Treppenabsatz vor dem Café Høker saß ein einsamer Säufer, der sich nicht um die massive Anwesenheit der Polizeikräfte zu kümmern schien. Er sang einfach weiter und rief Vorbeifahrenden hin und wieder irgendetwas zu. Die Mädchen, die ansonsten hier am Straßenrand standen, waren nirgendwo zu sehen. Sie waren vermutlich nach unten zum Sønder Boulevard oder weiter nach oben an die Ecke zur Ingerslevsgade ausgewichen.

Die großen Scheinwerfer der Kriminaltechniker warfen ein grelles Licht, das harte Kontraste in die Dunkelheit zeichnete. Sie hatten zuallererst die Oberfläche der Leiche mit Tape abgeklebt, um alle Fasern und losen Haare zu sichern, bevor sie ihn mit angefeuchteten Wattestäbchen nach DNA-Spuren abtupften. Rechtsmediziner Flemming Larsen wandte sich Louise und Hans Suhr, dem Chef der Mordkommission, zu.

»Der Schnitt ist ungefähr zwanzig Zentimeter lang und hat quer über den Hals eine große, klaffende Wunde hinterlassen. Sie ist tief und hat einen regelmäßigen Rand, was darauf hindeutet, dass das Messer schnell und ohne abzusetzen durch den Hals gezogen wurde.«

Er zog die Gummihandschuhe und den Mundschutz ab und signalisierte den Kriminaltechnikern mit einem Kopfnicken, dass er so weit fertig war und sie mit ihren Untersuchungen rund um die ermordete Frau fortfahren konnten.

»Es gibt keine weiteren Anzeichen für äußere Gewalteinwirkung. Es ist also schnell gegangen, und sie hat nicht gesehen, was auf sie zukam, sonst hätte sie Abwehrwunden an Händen und Armen. Ich schätze, dass es nicht länger als drei Stunden her ist«, sagte er.

»Kannst du etwas dazu sagen, wer sie sein könnte?«, fragte Louise.

Sie hatten keine Papiere bei ihr gefunden.

»Können wir davon ausgehen, dass es sich um eine Prostituierte handelt?«

Der Rechtsmediziner ließ seinen Blick auf dem knappen Baumwollmini und dem strammen Oberteil weilen, bevor er hinzufügte, dass er in Anbetracht des schlechten Zustands ihres Gebisses bezweifle, hier eine Dänin vor sich zu haben.

»Das ist vermutlich nicht schlecht geraten«, bemerkte der Chef der Mordkommission und trat ein paar Schritte zurück, damit die Kriminaltechniker ihre Arbeit fortsetzen konnten. Das Licht, unter dem der Rechtsmediziner gearbeitet hatte, wurde jetzt weiter in den Innenhof hinein verschoben, sodass sie das gesamte Gebiet nach Spuren absuchen konnten.

Louise ging wieder neben der Frau in die Hocke. Die Wunde saß dicht unterhalb des Kinns. In der Dunkelheit fiel es ihr schwer, einzelne Gesichtszüge zu unterscheiden, aber es war deutlich zu erkennen, dass es eine junge Frau war - um die zwanzig, schätzte sie.

Sie hörte, wie sich die Schritte von hinten näherten, aber sie kam nicht rechtzeitig auf die Beine, bevor ihr Kollege Michael Stig sich direkt hinter ihrem Rücken aufgestellt und seine beiden Hände auf ihre Schultern gestützt hatte. Er beugte sich vor und betrachtete die Leiche.

»Osteuropäische Nutte«, verkündete er nach einem kurzen Blick und gab Louises Schultern wieder frei, sodass sie aufstehen konnte.

»Was veranlasst dich zu dieser Annahme?«, fragte sie und trat einen Schritt zurück, um die Vertraulichkeit zu brechen, die er der Situation übergestülpt hatte.

»Das Make-up. Sie schminken sich immer noch so wie dänische Frauen in den Achtzigern. Viel zu viel und viel zu hart. Was wissen wir von ihr?«, fragte er und steckte die Hände in die Taschen seiner weiten Jeans.

Louise roch frisch gewaschenes Haar und frisch aufgetragenes Deodorant. Sie selbst hatte kaum geschlafen, als der Chef sie anrief und aus ihren Träumen riss, und hatte anschließend nur zwanzig Minuten von ihrer Wohnung in Frederiksberg bis zum Tatort gebraucht. Nach fast fünf Jahren bei der Mordkommission hatte sie mit der Zeit eine Routine für die nächtlichen Anrufe entwickelt.

»Nichts«, antwortete sie knapp. »Die Citywache hat einen anonymen Hinweis auf eine tote Frau hinter der Hotel- und Restaurantfachschule in den Schlachthöfen erhalten. Dann wurde der Hörer aufgelegt.«

»Also von einer Person, die sich im weniger schönen Teil Kopenhagens bestens auskennt«, stellte ihr Kollege fest. »Mit anderen Worten: von jemandem, der jeden Tag hier unterwegs ist.«

Sie zog eine Augenbraue hoch, bevor er erklärte:

»Nur Leute, die sich in diesem Viertel gut auskennen, teilen die Schlachthöfe nach ihren Straßennamen ein: Kødboderne, Høkerboderne und Slagterboderne.«

Und du gehörst offenbar auch zu diesen Leuten, dachte Louise und wandte sich ab, um zu den anderen hinüberzugehen. Ihr Partner, Lars Jørgensen, hatte sich gemeinsam mit Kollegen von der Citywache durch die Skelbækgade gearbeitet und an jedem Haus geklingelt, dessen Fenster zu den Schlachthöfen zeigten. Eine andere Gruppe hatte sich um die Personen gekümmert, die auf dieser und den anliegenden Straßen angetroffen worden waren. Obwohl die Citywache, einstmals die Wache 1 am Halmtorvet, den Hinweis entgegengenommen hatte, war der Fall umgehend an die Mordkommission im Kopenhagener Polizeipräsidium übertragen worden, und Suhr hatte umgehend ein paar seiner eigenen Leute hinzugezogen, damit sie von Beginn an dabei sein konnten. Toft, der das ganze Wochenende auf der Silberhochzeitsfeier seiner Schwester in Jütland verbracht hatte, war allerdings verschont worden. Der Chef der Mordkommission war der Ansicht, Toft hätte es verdient, sich erst einmal ordentlich von Blasmusik und Ehrenkränzen zu erholen.

»Es gibt niemanden, der uns irgendetwas erzählen könnte«, vermeldete Lars Jørgensen. »Aber vielleicht traut sich auch einfach keiner. Und lustigerweise war niemand von ihnen im Laufe der vergangenen vierundzwanzig Stunden auch nur in der Nähe der Skelbækgade. Nicht einmal die, die Mikkelsen mit eigenen Augen am frühen Abend noch dort gesehen hat.«

Er schüttelte den Kopf und gähnte.

Mikkelsen war der Kollege von der Wache am Halmtorvet, der sich am besten im Milieu um die Istedgade, bestehend aus Nutten, Dealern und Junkies, auskannte. Er war ein kleiner, kräftiger Mann Mitte fünfzig und hatte während seiner gesamten Polizeilaufbahn in Vesterbro gearbeitet, abgesehen von einem kurzen Abstecher zum SEK, bei dem er drei Jahre verbrachte, bevor er sich wieder bewarb und in sein altes Büro zurückkehrte.

»Was ist mit dem Typen dort auf der Treppe?«, fragte Louise.

»Er hat nichts weiter gesehen als den Boden der letzten Flasche, die er getrunken hat«, antwortete ihr Partner und wiederholte seine Antwort, als einen Augenblick später der Chef der Mordkommission herankam und dieselbe Frage stellte.

»Okay, niemand will etwas sagen, also ist in dieser Gegend immer noch alles so wie immer«, sagte Suhr, nachdem er auch Michael Stig herangewunken hatte. »Für uns gibt es im Augenblick nicht mehr viel zu tun. Mikkelsen und seine Leute befragen weiter alle, die hier vorbeikommen, aber ich bezweifle, dass wir bereits heute Nacht jemanden zum Reden bringen können. Falls einer aus dem festen Inventar hier etwas gesehen haben sollte, dann wissen wir aus Erfahrung, dass es erst mal eine Weile reifen muss, bevor er damit zu uns kommt, also seht zu, dass ihr noch ein bisschen Schlaf bekommt. Wir machen morgen weiter.«

»Was ist mit Willumsen?«, fragte Louise, während sie zu ihren Autos zurückgingen. Sie wunderte sich, dass sie den leitenden Ermittler noch nicht gesehen hatte.

»Den werde ich morgen früh einschalten«, sagte der Chef mit einem schiefen Lächeln. »Es hat ja durchaus seine Vorteile, wenn er seinen Nachtschlaf bekommt.«

Louise nickte. Sie hatten alle schon die Erfahrung gemacht, was es bedeutete, wenn Willumsen mit dem falschen Bein aus dem Bett stieg und dann alle mit seiner schlechten Laune ansteckte.

Als Louise nach vier Stunden Schlaf erwachte, hatte sie Halsschmerzen und ihr Körper fühlte sich schwer an. Mehrere Male war sie mit dem Bild der unbekannten jungen Frau vor Augen aufgewacht. Warum war sie auf diese Art und Weise umgebracht worden? Hinter der tiefen Halswunde steckte eine ungeheure Aggressivität, aber sie hatte nicht um ihr Leben gekämpft, weil sie gar nicht gemerkt hatte, wie der Mörder hinter ihr aufgetaucht war. Gedanken tauchten auf und fügten sich zueinander, während die Bilder des nächtlichen Tatorts vor ihrem inneren Auge vorüberzogen. Immer und immer wieder sah sie die Schatten auf den niedrigen, weißen Fassaden des verdunkelten Schlachthofviertels, in das die Schlachter und Fleischgroßhändler nur tagsüber Menschen lockten.

Sie ging in die Küche und setzte Teewasser auf, bevor sie sich unter die Dusche stellte. Sie ließ den warmen Strahl so lange über sich rieseln, bis das ganze Badezimmer mit Dampf gefüllt war und sie sich bereit fühlte, es wieder zu verlassen. Anschließend ließ sie sich mit dem Teeglas in beiden Händen auf den Küchenstuhl sinken.

Der Chef der Mordkommission hatte sie noch informiert, dass er für neun Uhr ein Briefing zu dem Fall anberaumt hatte. In der Abteilung war endlich der Alltag eingekehrt, nachdem die Erschütterungen der großen Polizeireform im Kopenhagener Polizeipräsidium abgeklungen waren. Die Abteilung A - die Mordkommission - und Abteilung C - das Raubdezernat - waren zusammengelegt und die Karten neu gemischt worden, Grenzen waren verwischt und einige der erfahrensten Ermittler in ganz andere Aufgabenbereiche versetzt worden. Es gab auch nicht mehr genug Platz für alle Vizekriminalkommissare, die als Gruppenleiter fungiert hatten, wodurch das Team Henny Heilmann verloren hatte. Man hatte ihr einen Job als zentrale Ermittlerin in der Einsatzleitung angeboten, und jetzt saß sie oben in der Funkleitzentrale und schickte Streifenwagen in der Gegend herum. Louise wusste, dass es Henny einige Zeit gekostet hatte, daran auch ein paar positive Seiten zu entdecken.

Sie ging ins Schlafzimmer und holte einen dicken Pulli aus dem Schrank. Sie hatte der Versuchung widerstanden, unten am Gammel Kongevej in den Bus zu steigen, und sich im letzten Augenblick dazu aufgerafft, doch das Fahrrad zu nehmen.

Auf dem Fahrradweg drängelte sich der Berufsverkehr. Trotzdem schwang sie sich auf die Überholspur, als sie den H. C. Ørstedsvej überquerte, und trampelte mit tief über die Augen gezogenem Helm gegen die Morgensonne, die ihr plötzlich ein grelles Frühjahrslicht entgegenwarf.

»Lasst die Citywache weiter die Befragungen in der Gegend und insbesondere auch im Kiez durchführen, wo die Freier unterwegs sind. Es ist leichter, einen Stammkunden zum Reden zu bringen, der das Opfer gekannt hat, als es den Bordsteinschwalben selbst aus dem Schnabel zu ziehen. Wir konzentrieren uns derweil auf die Frau und die technischen Spuren. Du wirst in diesem Fall wahrscheinlich nicht endlos Ressourcen verschwenden wollen, oder?«

Polizeikommissar Willumsen warf einen fragenden Blick auf Suhr.

Der Chef der Mordkommission ließ sich Zeit mit einer Antwort, und Louise kippelte auf ihrem Stuhl nach hinten, bis die Lehne gegen die Wand stieß. Mittlerweile war ein Jahr vergangen, seit Suhr Willumsen zum leitenden Ermittler ihrer Gruppe ernannt hatte. Aufgrund seiner arroganten und unverschämten Art war er vielen verhasst. Er pfiff auf alle und alles in seiner Umgebung, einschließlich der Vorgesetzten und gleichrangiger Kollegen. Trotzdem konnte Louise ihn eigentlich ganz gut leiden. Willumsen hatte ihr seinerzeit beigebracht, dass es nur »Ja«, »Nein« und »Leck mich« gab. Klare Ansagen und kein Rumgeeier. Kapiert oder nicht kapiert, oder geht es dir am Arsch vorbei, was ich dir gerade erzähle? Aber er war auch derjenige, der sie vor vielen Jahren für eine Weiterbildung zum Polizeiunterhändler vorgeschlagen hatte.

Jetzt trat Suhr einen Schritt zurück und stützte sich mit einem Arm an der Wand ab, als wollte er Kräfte für seinen Gegenschlag sammeln.

»Du bekommst die Ressourcen, die du brauchst. Was im Augenblick alle vier Ermittler aus deiner Gruppe umfasst: Rick und Jørgensen. Toft und Michael Stig. Plus die Unterstützung, die Mikkelsen und seine Leute vom Halmtorvet leisten.«

Der Chef der Mordkommission ließ seinen Arm wieder sinken, nachdem er seine Replik abgeliefert hatte.

Willumsen hatte seinen Blick gesenkt und starrte auf seinen rechten Daumennagel, den er mit Hilfe seiner Bleistiftspitze sorgfältig reinigte, während er zu überlegen schien, wie er seine Leute optimal einsetzen könnte. Schließlich warf er den Bleistift auf den Tisch und entschied, dass Toft und Michael Stig sich an die Kriminaltechniker halten sollten, damit sie stets auf dem aktuellen Stand der Untersuchungen blieben. Außerdem sollten sie bei der Obduktion der unbekannten Frau zugegen sein.

Dann ließ er seinen Blick zu Louise und ihrem Partner hinüberwandern.

»Ihr hängt euch an Mikkelsen und konzentriert euch auf das Milieu«, entschied er und beendete die Besprechung.

 

Der Wecker hatte um halb sieben geklingelt. Während der Morgenstunden hatte es stark geregnet, sodass Camilla Lind beschlossen hatte, die Joggingrunde ausfallen zu lassen, die eigentlich den Auftakt zu einem neuen Trainingsprogramm bilden sollte, das sie sich vorgenommen hatte. Stattdessen beschloss sie, die Schwimmhalle in Frederiksberg zu besuchen, die gerade zwei Straßen von ihrer Wohnung entfernt lag. Hier mussten schon mindestens zwanzig Bahnen und anschließend ein Besuch in der Sauna sein, womit sie die Überreste des Wochenendes endgültig von sich abgeschüttelt haben sollte. Es hatte aus allzu vielen Mojitos und viel zu wenig Schlaf bestanden. Ihr Sohn war von Donnerstag bis Sonntag bei seinem Vater gewesen und anschließend direkt zu einem Schulfreund gefahren, bei dem er übernachten wollte. Am Montagvormittag würde die Klasse einen Ausflug ins Freilichtmuseum unternehmen, für den sie sich um zehn Uhr am Nørreport treffen sollten, und da der Vater des Freundes Pfarrer war und ohnehin frei hatte, hatte er Camilla versprochen, für das rechtzeitige Eintreffen der beiden zu sorgen. Am Montagvormittag um zehn Uhr würde sie selbst nämlich mitten in der wöchentlichen Konferenz der Kriminalredaktion der Morgenavisen sitzen.

Entschlossen packte Camilla Handtuch und Badeanzug zusammen. Sie ging nicht besonders oft ins Schwimmbad, aber heute wollte sie ihre sportlichen Ambitionen unbedingt in die Tat umsetzen. Wie oft hatte sie sich das vorgenommen, und wie oft hatten ihre halbherzigen Versuche mit einem zunehmend schlechten Gewissen geendet, wenn sie sich eingestehen musste, dass sie sich wieder nicht aufraffen konnte.

In der Kriminalredaktion war es noch menschenleer, als sie zwei Stunden später mit roten Wangen und einer unbändigen Lust auf die kommende Arbeitswoche die Tür zu ihrem Büro aufschloss. Dreißig Bahnen und ein Dampfbad hatten ihre Akkus voll aufgeladen. Bis zur Redaktionskonferenz hatte sie noch eine Stunde Zeit, und sie hatte noch keine zündende Idee aufgeschrieben. Aufgrund einer Wochenendaffäre mit Kristian - der ihr erst am Sonntagmorgen offenbart hatte, dass er seiner Freundin versprochen habe, sie vom Flughafen abzuholen, wenn sie mit ihren Freundinnen von einem gemeinsamen Trip nach London zurückkehrte - hatte Camilla sich vom Nachrichtenstrom abgekoppelt und das ganze Wochenende weder Zeitung gelesen noch Fernsehen geschaut.

Sie hatte ihn zufällig im Kaufhaus getroffen. Sie waren zusammen zur Schule gegangen, aber sie hatte ihn nicht wiedererkannt, als er am Fuß der Rolltreppe nach ihrem Arm griff. Erst als er einen Namen nach dem anderen aus ihrer Klasse aufzählte, dämmerte es ihr allmählich. Es stellte sich heraus, dass er auch in Frederiksberg wohnte, und sie hatte zugesagt, als er sie fragte, ob sie am Samstagabend in Belis Bar mit ihm zu Abend essen wolle. Nach ein paar kräftigen Drinks an der Bar waren sie bei ihr zu Hause gelandet, aber am Tag danach hatte es ihr ausgezeichnet in den Kram gepasst, dass er sich wieder auf den Weg machen musste.

Camilla schaltete ihren Computer an und ging hinaus, um Kaffee aufzusetzen. Bei der Gelegenheit sammelte sie die aktuellen Tageszeitungen ein, die achtlos in einem Haufen vor die Tür des bescheidenen Konferenzraums der Kriminalredaktion geworfen worden waren. Sie hatte genug Zeit, sie vor der Besprechung noch durchzublättern, und zusätzlich loggte sie sich bei Ritzaus Nachrichtenagentur ein, um sich die Verbrechensbilanz des Wochenendes anzuschauen. Eine größere Messerstecherei in Ålborg und ein schlimmer Verkehrsunfall auf Fünen, bei dem drei Menschen ums Leben gekommen waren, notierte sie sich in ihrem Notizblock. Sie hörte, wie die Tür geöffnet wurde, und beantwortete den Gruß des Redaktionspraktikanten mit einem Nicken.

Sie suchte weiter und überflog auch die Internetseiten der anderen Zeitungen sowie die des Dänischen Rundfunks und des Fernsehsenders TV2, aber die Ausbeute war mager. Die Nachrichten, die sie gefunden hatte, waren kein Stoff für die erste Seite. Camilla schaute auf die Uhr. Mittlerweile war es Viertel nach neun, und Redaktionsleiter Terkel Høyer nickte ihr im Vorübergehen zu.

Sie stand auf und schloss die Tür, bevor sie begann, in einigen der großen Polizeibezirke anzurufen und nachzuhören, was in ihren Berichten über das Wochenende stand.

»Okay, was haben wir?«, begann Terkel Høyer, nachdem Camilla und ihr Kollege Ole Kvist Platz genommen hatten. Jakob, der Praktikant, bot ihnen von den Zimtschnecken an, die er mitgebracht hatte. Es war seine letzte Woche in der Redaktion, bevor er an die Hochschule für Journalismus zurückkehrte.

Camilla schaute auf die eine Geschichte, die sie sich aufgeschrieben hatte. Die Messerstecherei und den Verkehrsunfall hatte sie ignoriert. Kvist blätterte in den Zeitungsausschnitten, die er vor sich liegen hatte. Ihr Kollege hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, an jedem Montagmorgen eine Runde durch die Nachrichtenredaktion zu drehen, bevor er in den zweiten Stock hinaufging, wo sie ihre Büros hatten. Dort unten hatten sie alle Zeitungen des Landes bis hin zu den kleinen Provinzblättern abonniert, die er hastig nach geeignetem Stoff durchsuchte. Erst wenn er in der Redaktionssitzung seine Vorschläge unterbreiten sollte, begann er zu überlegen, welche er für geeignet hielt. Es sah immer wieder beeindruckend aus, selbst wenn am Ende nicht mehr als ein paar Lückenfüller dabei herauskamen, denn wenn sie auf den Seiten der Morgenavisen erschienen, konnten sie kaum noch als Neuigkeiten bezeichnet werden.

»Da gibt es eine Bande von Kunsträubern, die in der Gegend von Silkeborg ihr Unwesen treibt.«

Kvist las aus seinem Ausschnitt vor und schielte zum Redaktionsleiter hinüber, um zu sehen, ob er sein Interesse geweckt hatte. Dann las er weiter.

»Anscheinend suchen sie sich ganz gezielt teure Gemälde aus. Am Wochenende haben sie in einer Villa einen großen Per Kirkeby und zwei andere Werke eines norwegischen Künstlers der gleichen Preisklasse abgeräumt. Die Polizei ist der Meinung, dass es sich allein in dieser Villa um Werke im Wert von mehreren Millionen handelt. Und in den vergangenen Monaten hatten sie schon mit etlichen Einbrüchen dieser Art zu tun.«

Seine Stimme wurde immer energischer, je mehr er sich in die Geschichte hineinsteigerte.

»Ich sehe nicht so richtig, was uns das bringen soll«, wagte Camilla zu widersprechen. »Die Sache ist doch gelaufen.«

»Aber wenn wir mithelfen würden, die Bande zur Strecke zu bringen, indem wir den Fall richtig groß rausbringen, dann können wir einen Coup landen«, appellierte er an Terkel Høyer.

»In welchem Blatt hast du das gefunden?«, fragte der Redaktionsleiter und griff nach dem Zeitungsausschnitt.

»Aus der Midtjyllands Avisen, also hat noch keine große Zeitung die Story gebracht«, antwortete Kvist und schlug vor, auf jeden Fall ein paar Telefongespräche zu führen, um mehr über die Sache zu erfahren.

Camilla brach ein Stück von ihrer Zimtschnecke ab. Bevor die Polizei keine bahnbrechenden Ermittlungserfolge präsentieren konnte, gab es für sie bei dem Fall nichts zu holen. Allerdings würde sie sich nicht wundern, wenn er damit durchkommen würde und eine Weile damit herumspielen durfte.

»Da wohnen ja die ganzen Autohändler, mit einer schönen Aussicht auf die Silkeborger Seenplatte und genug Geld, um sich solche Wandverzierungen leisten zu können«, bemerkte Kvist. »Es fällt den Verbrechern bestimmt nicht schwer, ihre Privatadressen herauszufinden und zu beobachten, wann sie auf einen Cocktail zum Nachbarn hinübergehen. Und dann müssen sie nur noch zuschlagen.«

Camilla dachte an die Polizisten, die den Fall bearbeiteten. Ob ein ähnlicher Gedanke ihnen vielleicht auch schon gekommen war?

»Ja, guck's dir einfach mal an«, sagte Terkel und unterbrach ihren Gedankengang. »Hast du sonst noch was?«

Kvist schüttelte den Kopf und schob die anderen Zeitungsausschnitte unter die Meldung, die sie gerade besprochen hatten. Er schaute zu Camilla hinüber, die sich hastig den Mund abwischte.

»Und was hast du, Lind?«, fragte ihr Chef.

»Ich habe einen Mord. Heute Nacht ist in Vesterbro eine junge Frau umgebracht worden.«

Terkel Høyer zog interessiert eine Augenbraue hoch.

»Bislang gibt es noch nicht allzu viel zu berichten. Ein anonymer Anruf bei der Polizei. Sie haben sie in der Skelbækgade in der Nähe der Hotel- und Restaurantfachschule gefunden.«

»Also eine Nutte«, fiel ihr Kvist ins Wort.

Camilla ignorierte ihn.

»Jemand hat der Frau die Kehle durchgeschnitten, und Suhr hat eine Ermittlungsgruppe auf den Fall angesetzt. Bislang konnte sie nicht identifiziert werden. Aber inoffiziell wird vermutet, dass es sich um eine Osteuropäerin handeln könnte.«

»Ja, von denen gibt es ja mittlerweile eine ganze Menge«, sagte ihr Kollege und schlug dem Redaktionsleiter vor, nach Silkeborg zu fahren und mit einigen der Opfer zu sprechen, die einen solchen Millionenverlust erlitten hatten.

»Ich möchte gerne noch bei meiner Geschichte bleiben.«

Camilla wurde lauter, um die Aufmerksamkeit ihres Chefs nicht zu verlieren.

»Sie war höchstens zwanzig.«

Der Redaktionsleiter nickte und dachte nach.

»Schreib einen Zweispalter darüber.«

»So wie es sich anhörte, muss es sich um ein brutales Abschlachten gehandelt haben«, fuhr Camilla fort und ärgerte sich darüber, dass er dieser Story so wenig Gewicht beimaß. »Es könnte eine große Story werden, gerade wenn wir nichts anderes haben.«

»Aber wir haben doch etwas anderes«, rief Kvist von der anderen Seite des Tisches, und Terkel Høyer sah aus, als wäre er der gleichen Meinung.

»Ich rufe jetzt den Rechtsmediziner an, der heute Nacht am Tatort war. Falls es …«

Camilla wurde vom Klingeln ihres Mobiltelefons unterbrochen. Sie wollte es schon abschalten und in ihrer Argumentation fortfahren, damit ihre Story nicht den Kunsträubern zum Opfer fiel. Doch als sie sah, dass der Anruf von Markus kam, rückte sie ein wenig vom Tisch zurück und bat ihn, es möglichst kurz zu machen. Gleichzeitig behielt sie Terkel im Auge, der Jakob zu erzählen bat, welche Vorschläge er beizutragen hatte.

»Was für ein Kind?«, fragte sie und bat ihren Sohn, ein bisschen lauter zu sprechen. »In der Kirche, als ihr nach Nørreport wolltet?«

Camilla war klar, dass sie ein bisschen begriffsstutzig klingen musste, aber nachdem die Worte ihres Sohnes sich weiter förmlich überschlugen, holte sie einmal tief Luft und bat ihn, das Ganze ruhig und ein bisschen langsamer zu wiederholen. Sie hörte, dass Kvist schon wieder bei den Kunsträubern war, und drehte sich zur Wand, um sich besser konzentrieren zu können. Erst jetzt fiel ihr auf, wie zerbrechlich die Stimme ihres Sohnes klang und wie betroffen er hinter dem aufgeregten Gerede eigentlich war. Sie ließ ihn reden, bis er fertig war.

»Ich komme sofort«, sagte sie und beendete das Gespräch.

Den anderen war die Veränderung in Camillas Wesen nicht entgangen und sie sahen sie neugierig an, als sie ihre Aufmerksamkeit wieder der Versammlung zuwandte.

»Ich muss gehen. Mein Sohn und sein Freund haben in der Stenhøj Kirche einen Säugling gefunden, der auf dem Boden des Waffenhauses lag.«

 

Unten auf der Gothersgade winkte Camilla nach einem Taxi. Die ersten drei waren besetzt und fuhren vorbei, sodass sie begann, am Kongens Have entlang in Richtung Nørreport zu laufen, während sie weiter nach einem Taxi Ausschau hielt.

»Stenhøj Allé«, sagte sie, nachdem ein Minibus mit leuchtendem Taxischild sie am Bordstein eingesammelt hatte.

Der Berufsverkehr hatte nachgelassen, als sie nach Frederiksberg hinausfuhren, aber es ging ihr immer noch zu langsam. Sie wusste, dass sie die Zeit nutzen sollte, um beim Rechtsmedizinischen Institut anzurufen und sich zu demjenigen durchzufragen, der in der vergangenen Nacht den Einsatz in der Skelbækgade übernommen hatte. Doch das Adrenalin war ihr in die Adern geschossen, als sie gehört hatte, wie aufgeregt Markus war, und sie konnte sich unmöglich auf etwas anderes konzentrieren. Sie sah sein strahlendes Gesicht vor sich, das struppige, schwarze Haar, das jeden Morgen mit Gel und Haarspray gebändigt wurde. Mit seinen elf Jahren war er mittlerweile ein großer Junge geworden, aber nicht so groß, dass er nicht sofort seine Mutter anrief, wenn ihn irgendetwas aus der Fassung brachte.

Sie hatte ihren Geldbeutel schon in der Hand, bevor sie die Kirche erreicht hatten.

»Du hättest vorher sagen müssen, dass du mit Karte bezahlst«, sagte der Taxifahrer und betrachtete sie mürrisch im Rückspiegel, als sie ihm ihre EC-Karte reichen wollte.

»Willst du jetzt Geld haben oder nicht?«, fragte sie und griff nach ihrer Handtasche.

Einen Augenblick später war sie ausgestiegen und ging zur Kirche hinauf, wobei sie von einem Streifenwagen überholt wurde, der auf dem Parkplatz neben dem Kirchhof hielt. Camilla nahm den Fußweg, der hinter der Kirche auf den Hof des Pfarrhauses führte. Der Pfarrer, Henrik Holm, begrüßte sie an der Küchentür, wobei er ein kleines Bündel in den Armen hielt. Markus sprang von einem Küchenstuhl auf und lief ihr entgegen, dicht gefolgt von seinem Freund Jonas, der sie mit seiner leicht heiseren Stimme begrüßte, die ihr Sohn so unheimlich cool fand.

Der Pfarrer bremste sie ein bisschen, als beide gleichzeitig zu erzählen begannen, wie sie plötzlich Babyschreie gehört hatten, als sie gerade aufgebrochen waren. Ihre eifrige Berichterstattung wurde von einer durchdringenden Türklingel unterbrochen, und die beiden Jungs stürmten aufgeregt aus der Küche, um an der Haustür die Polizei in Empfang zu nehmen.

»Was ist denn passiert?«, fragte Camilla schnell, als sie allein mit dem Pfarrer war.

Er wiegte das Bündel mit sachten, ruhigen Bewegungen.

»Um kurz nach halb zehn habe ich die Jungs losgeschickt und ihnen hinterhergeschaut, während sie über den Hof gingen. Plötzlich blieben sie kurz stehen und rannten dann los zur Kirche hinüber. Ich ging raus, um ihnen zu sagen, dass sie sich beeilen sollten, um nicht zu spät zu ihrem Schulausflug zu kommen, aber im selben Augenblick liefen sie mir schon wieder entgegen und riefen, dass dort ein Baby liegt und weint.«

Camilla beugte sich über das kleine Kind in den Armen des Pfarrers. Ein winziges Gesicht, in seligen Schlaf versunken. Dichtes, schwarzes Haar, das an der Kopfhaut klebte.

»Ist es ein Mädchen oder ein Junge?«, fragte sie.

»Ein kleines Mädchen«, antwortete er und schaute zum Wohnzimmer hinüber, aus dem im selben Augenblick Schritte auf dem Parkettboden zu hören waren.

»Ich setze mal Kaffee auf, während du dich um die Polizei kümmerst«, schlug sie vor und begrüßte die beiden Beamten, die die Küche betraten.

»Hallo«, sagte der Pfarrer mit einer Stimme, die fast zu einem Flüstern geworden war. »Sie ist gerade eingeschlafen, aber bis jetzt hat sie ununterbrochen geweint, seit die Jungs sie gefunden haben.«

Die Beamten nickten dermaßen verständnisvoll, dass Camilla sich ausrechnen konnte, dass sie ebenfalls Kinder hatten und daher wussten, wie wichtig es war, sie in ihrem friedlichen Schlaf nicht zu stören.

»Wo habt ihr sie gefunden?«, wandte sich einer von ihnen an Jonas und Markus, die plötzlich unsicher und schüchtern wirkten.

»Im Waffenhaus«, ließen sie sich schließlich entlocken, aber da sie keine Anstalten machten, noch mehr zu erzählen, übernahm der Pfarrer das Antworten.

»Die Jungen waren auf dem Weg zur Schule, als sie sie hörten«, erklärte er und hob das dunkelblaue Handtuch an, in das der Säugling eingewickelt war.

Das Mädchen bewegte sich unruhig, als der Beamte es auszupacken begann, aber es wachte nicht auf.

»Ich glaube, sie hat sich müde geweint«, sagte der Pfarrer. Dann erzählte er, dass er sich daran erinnert habe, wie er vor vielen Jahren Jonas zum Einschlafen gebracht hatte, indem er seine Wange in kleinen, kreisförmigen Bewegungen gestreichelt hatte. So habe er auch sie schließlich in den Schlaf wiegen können.

»Sie ist bestimmt sehr hungrig, aber trotzdem hat sie sich beruhigt, sobald der Saugreflex eingesetzt hat. Sie hat gierig an meinem kleinen Finger genuckelt, bis sie vorhin schließlich eingeschlafen ist«, sagte er und rutschte ein Stück zurück, damit er das Kind auf seinen Schoß legen konnte, während die Beamten näher kamen, um sie eingehender betrachten zu können.

Camilla kam dazu und stellte sich hinter ihnen auf, sodass sie auch etwas sehen konnte.

Höchstens einen Tag alt, schätzte sie, vielleicht sogar weniger. Das Mädchen sah nackt und neugeboren aus, der Körper war voller Blut und Käseschmiere, und ein langes, blutiges Stück Nabelschnur hing an ihrer Seite hinab.

»Nach der Geburt ist sie jedenfalls nicht fachgerecht behandelt worden. Die Geburt scheint eher unter primitivsten Bedingungen und ohne Hebamme vor sich gegangen zu sein«, stellte einer der Beamten fest und betrachtete die Nabelschnur. »Ich schätze, dass sie durchgerissen wurde, so zerfleddert, wie sie aussieht. Jedenfalls hat man weder Schere noch Messer benutzt, um sie von der Mutter abzutrennen.«

Er schaute zum Pfarrer hinüber.

»Könnte die Geburt in der Kirche stattgefunden haben?«, fragte er.

Henrik Holm schüttelte den Kopf, zuckte aber gleichzeitig mit den Schultern.

»Dafür gab es dort keine Anzeichen. Aber im Rest der Kirche habe ich mich nicht umgesehen.«

Camilla stellte Kaffee und Tassen auf den Tisch und zögerte nur kurz, als der Beamte sie fragte, ob sie sich um das Mädchen kümmern könne, bis der Krankenwagen da sei.

»Es wird bestimmt nicht mehr als ein paar Minuten dauern, und wir würden mit dir und den Jungen gerne in die Kirche hinübergehen, damit ihr uns zeigen könnt, wo sie gelegen hat«, sagte er an Henrik Holm gewandt, der das Kind wieder in das Handtuch wickelte, bevor er es vorsichtig aufhob und Camilla in die Arme legte.

Die Küchentür schloss sich hinter ihnen und sie setzte sich auf die Bank. Sie wagte es nicht, sich einen Kaffee einzuschenken, während der Säugling in ihren Armen lag, sondern setzte sich ganz still hin und betrachtete das kleine Mädchen. Sie spürte, wie sich in ihrem Inneren etwas öffnete, und es war nicht schwer, dieses Gefühl in Worte zu fassen. Denn die Verletzlichkeit, die dieses kleine Wesen ausstrahlte, war so groß, dass sie dasselbe Gefühl auch bei den beiden Polizeibeamten bemerkt hatte.

Mit der freien Hand zog sie ihre Tasche heran und fischte ihr Handy heraus. Mit der eingebauten Kamera gelang es ihr, ein paar Bilder des schlafenden Mädchens zu schießen, bevor es an der Küchentür klopfte. Sie warf das Handy zurück in die Tasche und rief: »Herein!«

Einen Augenblick später standen zwei Rettungssanitäter in der Küche und fragten, ob das Baby immer noch schlafe.

Camilla nickte und stand vorsichtig auf.

»Wir holen kurz die Wiege«, sagte der eine.

Während sie darauf wartete, dass sie zurückkehrten, drückte sie das kleine Mädchen fest an sich und spürte, wie der Säugling in ruhigen, kurzen Bewegungen atmete. So blieb sie stehen und ließ dieses Gefühl tief in ihren Körper eindringen, bis sie Schritte hörte, die sich über den Hof näherten. Henrik Holm kehrte mit einem der Polizeibeamten zurück.

Durch das Fenster konnte sie beobachten, dass Markus und Jonas neben dem Krankenwagen stehen geblieben waren und neugierig zuschauten, wie die Heckklappe geöffnet und die Wiege herausgehoben wurde.

»Und wie geht es jetzt weiter?«, fragte Pfarrer Holm und wandte sich an den Polizeibeamten.

In diesem Augenblick kehrten die Rettungssanitäter zurück, und die beiden rückten ein Stück zur Seite. Henrik Holm räumte hastig eine Hälfte des Esstischs frei, damit sie die Wiege dort abstellen konnten. Es war dasselbe Modell, in dem auch Markus als Neugeborener gelegen hatte: eine Wanne aus durchsichtigem Plastik, die mit einer dicken weißen Decke und einem Handtuch ausgelegt war.

»Sie wird ins Frederiksberg Hospital gefahren. Dort wird sie erst einmal versorgt und untersucht«, sagte der Polizist und erzählte, dass er im Jahr zuvor bereits einen ähnlichen Fall gehabt habe. »Es werden ein paar Blutproben genommen, damit wir ein DNA-Profil erstellen können, und sie bleibt eine Weile unter Beobachtung.«

Draußen auf dem Hof waren die Kriminaltechniker eingetroffen, und der Beamte erklärte dem Pfarrer, dass sie das blaue Frotteehandtuch zur weiteren Untersuchung mit ins Kriminaltechnische Zentrum nehmen würden, wenn sie ihre Arbeit in der Kirche und der näheren Umgebung abgeschlossen hätten.

Die Wiege war bereit, und Camilla warf einen letzten Blick auf das kleine Mädchen, bevor sie sie hergab. Doch im selben Augenblick, in dem sie sie losließ, ertönte das Weinen. Laut und herzzerreißend. Das kleine Gesicht zog sich wie zu einem Knäuel zusammen und die winzigen Fäuste schlugen kräftig um sich. Der junge Rettungssanitäter gab ihr ganz erschrocken das Kind zurück und fragte sie, ob sie es nicht hineinlegen könne.

»Im Krankenhaus werden sie sich bestimmt gut um sie kümmern«, fügte er beruhigend hinzu.

Camilla betrachtete die beiden Jungen, während die Wiege zum Krankenwagen hinausgetragen wurde. Das laute Weinen des Säuglings hatte sie sichtlich berührt, und sie verfolgten mit betroffenen Gesichtern die Abfahrt des Krankenwagens.

Sie schenkte Kaffee ein und bot den Erwachsenen eine Tasse an, während der Pfarrer und die Jungen aufgefordert wurden zu erzählen, was passiert war.

»Keiner von euch hat heute Morgen irgendetwas davon gesehen oder gehört, was an der Kirche vorgegangen ist?«, begann einer der Beamten zu fragen.

Allé drei schüttelten ihre Köpfe.

»Wann bist du nach unten in die Küche gekommen?«

Er warf dem Pfarrer einen fragenden Blick zu.

»Ich bin kurz vor sieben aufgestanden und bin seit halb acht hier unten gewesen, um Frühstück zu machen und Fresspakete vorzubereiten«, erklärte Henrik Holm und deutete mit einem Nicken zum Küchentisch hinüber. »Von dem Fenster dort schaut man direkt auf die Kirche.«

Der Beamte nickte. Er hatte sich selbst schon davon überzeugt, dass man von dort aus den Eingang zur Kirche und den ganzen Hof überblicken konnte.

»Die Jungen haben erzählt, dass die Tür zum Waffenhaus einen Spaltbreit geöffnet war, als sie das Baby schreien hörten. Hast du das auch gesehen, als du hier unten das Frühstück gemacht hast?«

Camilla hörte zu, während sie eine Tüte Milch aus dem Kühlschrank holte und auf den Tisch stellte. Sie schickte Terkel eine SMS, dass sie noch länger brauchen werde, aber dass er dafür auch mit einer Story für die morgige Ausgabe rechnen könne. Dann setzte sie sich neben Markus auf die Bank und legte den Arm über seine Schulter.

»Das kann ich nicht sagen«, antwortete Henrik Holm. »Darauf habe ich schlichtweg nicht geachtet.«

»Aber wäre es dir aufgefallen, wenn jemand hineingegangen wäre?«

»Bestimmt. Aber ich habe ja nicht die ganze Zeit nur die Kirche angeschaut. Ich musste schließlich die Jungen aus den Betten holen und abfüttern, bevor ich sie zum Schulausflug schicken konnte.«

Der Beamte nickte und zuckte mit den Schultern.

»Tja, dann haben wir ja nicht besonders viele Anhaltspunkte, wenn keiner von euch irgendjemanden in der Nähe der Kirche oder des Pfarrhauses bemerkt hat«, fasste er zusammen.

»Was werdet ihr unternehmen, um die Mutter des Kindes zu finden?«, fragte Camilla, als er Anstalten machte, aufzubrechen.

»Zuallererst hoffen wir natürlich, dass sie sich freiwillig bei uns meldet. Und dass das Kind in der Kirche abgelegt wurde, deutet ja auch darauf hin, dass es gefunden werden sollte. Anderenfalls hätte man es ja auch irgendwo anders ablegen oder gleich umbringen können.«

Camilla zog Markus zu sich heran, als sie spürte, wie sich sein Körper anzuspannen begann.

»Heißt das, ihr werdet selbst nichts unternehmen, um die Mutter ausfindig zu machen?«, rief Henrik Holm aus.

»So furchtbar viel können wir gar nicht tun, wenn sie nicht gefunden werden möchte, aber wir gehen natürlich an die Presse und appellieren an die Mutter, sich bei uns zu melden. Natürlich werden wir auch hier in der Umgebung die Anwohner befragen, ob irgendjemandem etwas aufgefallen ist.«

Den Beamten schien allein der Gedanke daran schon zu erschöpfen, und er lehnte sich wieder zurück.

»Und wenn ihr sie nicht findet?«, wollte Markus wissen.

»Dann müssen wir Adoptiveltern für sie finden«, erklärte der Beamte geduldig. »Und bis dahin gehe ich davon aus, dass das Mädchen im Kinderheim Skodsborg untergebracht wird.«

»Gibt es denn niemanden, der sich um sie kümmert?«, fragte Jonas, der dem Polizisten aufmerksam zugehört hatte.

»Doch, dort gibt es ein paar nette Frauen, die sich gut um sie kümmern werden, bis sie neue Eltern gefunden hat.«

»Aber ihr müsst doch mehr tun können. Es gibt doch noch das Handtuch, dem ihr nachgehen könnt«, warf Camilla ein und ließ ihren Arm sinken, als Markus sich darunter herauszog.

»Wir tun selbstverständlich, was wir können. Aber das Kind lebt, und wenn die Mutter es nicht haben will, dann ist es für das Mädchen auch das Beste, wenn sie zu einem Elternpaar kommt, das sich dringend ein Kind wünscht«, konterte der Beamte knapp und bat Henrik Holm um eine Telefonnummer, unter der er am besten zu erreichen sei.

Bevor er ging, gab er dem Pfarrer seine Visitenkarte und drückte Camilla ebenfalls eine in die Hand. Sie entnahm ihr, dass er Rasmus Hem hieß, und nickte automatisch, als er sagte, dass sie gerne anrufen dürfe, falls ihrem Sohn noch etwas einfalle. Reine Routine, dachte sie und steckte die Karte in ihre Tasche.

Die Jungen verkrümelten sich in das Obergeschoss, wo Jonas sein Zimmer hatte. Camilla löste ihren Blick von der Treppe und nickte, als Henrik Holm ihr noch einen Kaffee anbot. Plötzlich hatte sie das Gefühl, dass sich eine große Leere in der Küche ausgebreitet hatte, und die Stille schien eine gedrückte Stimmung zu verbreiten.

»Was für eine Bescherung.«

Henrik Holm ließ sich an den Tisch sinken und griff nach dem Zucker.

Camilla versuchte sich vorzustellen, was eine Mutter dazu bewegen könnte, ihr neugeborenes Kind einem ungewissen Schicksal zu überlassen, aber in ihrer eigenen Gefühlswelt konnte sie keine passende Empfindung entdecken.

»Fällt dir vielleicht irgendeine Schwangere ein, die du hier gesehen hast?«, fragte sie stattdessen.

»Ich zermartere mir das Hirn, aber die einzige Schwangere, die relativ regelmäßig hierherkommt, ist Mette, aber die ist noch lange nicht so weit.«

Er schüttelte den Kopf und warf einen Blick auf die Wanduhr.

»Ich muss noch an einer Kolumne schreiben«, sagte er und schaute durch das Fenster zur Kirche hinüber. »Aber in den nächsten Stunden werden sie mich wohl kaum noch mal brauchen.«

Camilla schüttelte den Kopf und stand auf. Es war schon fast halb zwölf, und sie rief Markus zu sich, um ihm Bescheid zu sagen, dass sie jetzt ging.

»Ich bin dann wieder in der Redaktion«, sagte sie und raufte ihm die Haare, wobei ein paar seiner Strähnen platt gedrückt wurden. Sofort strubbelte er sie wieder nach oben, bis sie in alle Richtungen abstanden.

Sie legte die Hände auf seine Schulter und schaute ihm in die Augen, um herauszufinden, ob ihn der Schrecken immer noch im Griff hatte. Doch als er begann, sich unter ihren Händen zu winden, damit sie endlich ging und er endlich ins Zimmer zurückkehren konnte, begann sie sich zu entspannen.

»Ich versuche, so früh wie möglich Feierabend zu machen. Ich rufe dich dann an«, versprach sie und gab ihm einen Kuss auf die Wange, bevor er sich aus ihrem Griff herauswand und »Ja, ja« rief, während er die Treppe hinaufstürmte.

Mit einem Lächeln wandte sich Camilla dem Pfarrer zu und sagte:

»Sie scheinen inzwischen darüber hinweg zu sein.«

 

»Von denen, die etwas gesehen haben könnten, war um diese Zeit kein Schwein in dieser Straße unterwegs«, fasste Mikkelsen zusammen, als Louise und Lars Jørgensen sich bei ihm in der Citywache meldeten. Die Fenster seines Büros zeigten auf den Halmtorvet hinaus. Der grauhaarige Ermittler mit der kleinen Hornbrille verschränkte die Arme vor der Brust und warf einen Blick nach draußen, bevor er sagte, dass er schon in der Nacht unterwegs gewesen sei, um mit einigen Leuten zu reden, die normalerweise wussten, was gerade abging.

»Und, hatten sie etwas zu erzählen?«

Louise fragte sich, ob Mikkelsen zwischendurch überhaupt zu Hause gewesen war und geschlafen hatte. Ihr war sofort das Klappbett aufgefallen, das an einer Wand des Büros stand und sich im Augenblick unter Ordnern und Papierstapeln bog. Aber unter den Stapeln lag eine geblümte Steppdecke.

Er schüttelte den Kopf, zuckte aber gleichzeitig mit den Schultern, als wollte er zum Ausdruck bringen, dass es nicht immer leicht zu beurteilen war, wie es unter der Oberfläche aussah.

»Ich hatte das Bild dabei«, sagte er und zeigte auf das Foto, das sie noch in der Nacht vom Gesicht der Frau oberhalb des Kinns gemacht hatten. »Mehrere meinten, sie schon einmal gesehen zu haben, behaupteten allerdings, dass sie nicht wüssten, wer sie sei. Oder für wen sie arbeitete.«

»Und du bist dir sicher, dass sie eine Prostituierte war?«, fragte Lars Jørgensen.

Mikkelsen wippte gegen die hohe Rückenlehne seines Bürostuhls und faltete die Hände über seinem rundlichen Bauch.

»Ganz sicher kann man sich wohl nie sein, bevor es nicht endgültig bestätigt ist«, sagte er und schaute auf die Wand hinter ihnen, »aber ich denke, dass wir ruhig von dieser Theorie ausgehen können.«

»Ein Kollege hat behauptet, man hätte ihr ansehen können, dass sie aus Osteuropa stammte. Könnte da etwas dran sein?«, fragte Louise und sah sofort, dass sich Mikkelsens Gesicht verdunkelte und sein Blick schärfer wurde.

Er ließ sich wieder nach vorne wippen und legte die Hände auf den Tisch.

»Das ist schon seltsam mit diesen Kollegen, die so schlau sind, dass sie alles mit einem einzigen Blick erfassen, und daher mühelos imstande sind, alle Mädchen über einen Kamm zu scheren. So einfach ist es nicht. Wir haben es hier schließlich nicht mit einem Markenartikel zu tun, bei dem wir davon ausgehen können, dass er da und da herkommt, wenn er so und so aussieht. Wir sprechen hier von Menschen und nicht von Rassen, die man in einem Lexikon nachschlagen könnte.«

Sein Tonfall war bissig und der Zorn schnell erhitzt, weil er sich dieser Gedankenlosigkeit nicht zum ersten Mal gegenübersah.

»Und was denkst du?«, fragte Louise, nachdem er sich wieder ein bisschen beruhigt hatte.

»Tja, verdammt gut möglich, dass sie aus Osteuropa kommt.«

Plötzlich begann Mikkelsen zu lächeln.

»Aber das beruht nicht allein darauf, dass ich einen kurzen Blick auf ihr Äußeres geworfen habe. Ich habe mir angeschaut, was geschehen ist und an welcher Stelle sie gefunden wurde. Wenn sie eine Dänin wäre, hätte ich sie höchstwahrscheinlich auch gekannt. Und dann habe ich bemerkt, wie sich in letzter Zeit eine gewisse Unruhe unter den osteuropäischen Mädchen breitgemacht hat. Im Laufe der letzten Jahre sind eine ganze Menge dazugekommen. Manche arbeiten für Zuhälter, andere auf eigene Rechnung, aber keine von ihnen kommt darum herum, für die Benutzung der Straße zu bezahlen.«

»Um die Straße zu benutzen?«, unterbrach sie ihn und schaute ihn fragend an. »Was soll denn das bedeuten?«

»Es gibt da ein paar unangenehme Zeitgenossen, die ihnen weismachen, dass die Straße ihnen gehört und dass die Mädchen irgendwo zwischen dreihundert und fünfhundert Kronen pro Tag bezahlen müssen, um sie benutzen zu dürfen.«

»Aber das geht doch nicht! Wenn es schon jemanden geben soll, der über die Istedgade zu bestimmen hat, dann ganz sicher keine Bande von Zuhältern«, rief Lars Jørgensen verärgert aus.

»Bekommen sie wenigstens etwas für das Geld, das sie bezahlt haben?«, fragte Louise und ließ ihren Blick auf einem vergrößerten Stadtplan von Vesterbro verweilen, der direkt neben Mikkelsens Schreibtisch hing. Außerdem waren die Wände mit Bildern der Istedgade und ihrer Seitenstraßen geschmückt, die aus einer Zeit stammten, als die Fassaden der Läden und Geschäfte noch ganz anders aussahen. Louise schätzte, dass sie in den Fünfzigerjahren fotografiert wurden. Auf einem der Bilder kam ein Polizeibeamter auf einem Fahrrad herangefahren, und auf einem anderen sah man drei Männer, die Bierflaschen in der Hand hielten und dem Fotografen zuprosteten. Alles in Schwarzweiß.

Mikkelsen zuckte mit den Schultern.

»Ja, sie versprechen ihnen, dass sie sie beschützen«, antwortete er mit einem Nicken und kratzte sich ein paarmal über die Bartstoppeln.

Louise konnte ihm ansehen, dass diese Art von Schutz nichts war, worauf die Prostituierten sich im Zweifelsfall verlassen würden.

»Sie glauben daran, weil sie keine andere Wahl haben. Ihnen wird erzählt, dass die Zuhälter mit der Polizei zusammenarbeiten und dass sie bezahlen müssten, damit sie nicht abgeschoben werden.«

»Aber wenn die Mädchen miteinander reden, finden sie doch irgendwann heraus, dass das nicht stimmt, oder?«, hakte Louise nach.

Mikkelsen schüttelte den Kopf und schob die schwarze Brille auf die Stirn. Das Modell hatte etwas Retrohaftes, aber sie war sich sicher, dass es ein Relikt war. Er hatte es sich bestimmt nicht ausgesucht, weil es mittlerweile wieder modern war.

»Du darfst nicht vergessen, dass viele dieser Mädchen, die hier enden, nicht unbedingt die steilste Schulkarriere der Welt hinter sich haben. Dort, wo sie herkommen, ist es nicht ungewöhnlich, dass man Geld bezahlt, um von der Ordnungsmacht in Ruhe gelassen zu werden, und darüber hinaus sind sie ohnehin nicht gewohnt, so furchtbar viel selbst entscheiden zu dürfen. Wenn es also jemanden gibt, der - tja, sagen wir mal - lauter spricht als sie und ihnen erklärt, so und so sind die Regeln, dann richten sie sich danach.«

»Und wer hält die Mädchen so unter Kontrolle?«, fragte sie, nachdem er ausgeredet hatte.

»Die Hintermänner. Diejenigen, die auch mit den nigerianischen Prostituierten arbeiten, Roma und Leute aus Osteuropa. Da draußen laufen Mädchen herum …«

Mit einem Nicken deutete er zum Fenster hinüber.

»… die nicht einmal ahnen, wie viele Monate ein Jahr hat oder wie viele Stunden ein Tag. Diese Mädchen legen sich mit niemandem an, der ihnen einen Befehl gibt. Sie tun einfach, was ihnen gesagt wird.«

Mikkelsen schaute ihr direkt in die Augen.

»Sie sind nur aus einem einzigen Grund hier, nämlich um Geld zu verdienen. Entweder für sich selbst oder für die Hintermänner, die sie auf den Strich zwingen. Aber ganz egal, ob sie freiwillig hier sind oder dazu gezwungen wurden, träumen die meisten von ihnen davon, ein bisschen zur Seite legen oder der Familie Geld schicken zu können. In den Fällen, wo Hintermänner im Spiel sind, bleibt allerdings nicht besonders viel Geld übrig, und dann kann es durchaus passieren, dass die eine oder andere versucht, eigene Wege zu gehen.«

»Glaubst du, dass es hier auch so gelaufen sein könnte?«, fragte Louise und beugte sich interessiert vor.

»Das kann durchaus sein«, antwortete er.

Louise schwieg und versuchte sich ein Bild zu machen.

»Sollen wir rausgehen und gucken, ob mittlerweile jemand aufgetaucht ist, der die Frau wiedererkennt?«, unterbrach Lars Jørgensen ihre Gedanken.

Mikkelsen stand auf.

»Das tun wir«, sagte er. »Aber betrachtet es einfach als netten Spaziergang, denn ich glaube nicht, dass die Chancen dafür gut stehen. Wenn es so ist, wie ich vermute, dann wollte das Mädchen sich nicht unterordnen, und es stecken keine anderen Motive hinter dem Mord, als dass hier als Warnung an die anderen Mädchen ein Exempel statuiert werden sollte: Das passiert, wenn man sich nicht so verhält, wie es einem gesagt wird. Und die Typen erledigen ihre Arbeit so gründlich, dass sie keine Spuren hinterlassen, selbst wenn man mit der ganzen verfügbaren Technik anrückt.«

Er zog eine schwarze Lederjacke über und steckte eine Packung Zigaretten ein, die er aus der Schreibtischschublade geholt hatte.

»Und wenn jemand das Pech hatte, etwas gesehen zu haben, dann könnt ihr euch ziemlich sicher sein, dass er nicht die geringste Lust haben wird, die Täter anschließend zu identifizieren.«

»Es besteht allerdings immer noch die Möglichkeit, dass das Mädchen eine Dänin ist und der Täter ein Kunde«, sagte Lars Jørgensen, als sie die Treppe hinuntergingen.

»Das bezweifle ich.«

Mikkelsen klang sehr sicher.

»Dann wären Gefühle im Spiel gewesen. Also nicht die Gefühle, die Eheleute dazu bewegen, sich gegenseitig umzubringen, sondern eher etwas unklare Gefühle, die plötzlich in einer Beziehung zwischen einem Mann und einer Prostituierten an die Oberfläche kommen können: Dominanz, Wut, Besitzeransprüche. Wir sehen es immer wieder, wenn wir sie einsammeln, nachdem sie misshandelt worden sind. Aber hier gab es keine Gefühle. Sie ist geschlachtet worden wie ein Tier.«

 

Draußen auf dem Halmtorvet herrschte klarer Sonnenschein, und Louise musste die Augen zusammenkneifen. Sie begannen den Sønder Boulevard hinunterzugehen. Es waren weniger Autos unterwegs, seit die Straße für den Durchgangsverkehr gesperrt worden war, und es waren auch nicht besonders viele Menschen auf der Straße. Ihr Blick fiel auf eine junge Drogenabhängige, die in einem Hauseingang an der Tür lehnte. Ihre große Tasche war ihr aus den Händen geglitten und lag auf dem Bürgersteig. Louise schätzte sie auf Mitte zwanzig, smarte Klamotten, enge Jeans und eine helle Lederjacke, aber die braunen Haare waren zerzaust, und in diesem Augenblick machte sie die Hölle durch. Mächtige Krämpfe durchzuckten ihren Körper, und sie hatte den Kopf gegen den rauen Backstein der Fassade gelehnt und klammerte sich an die Tür, während ihre Finger versuchten, einen der kleinen Klingelknöpfe zu finden. Erneut wurde sie von Krämpfen geschüttelt, ihre Knie gaben nach, und sie japste nach Luft.

Mikkelsen ging zu ihr und legte vorsichtig eine Hand auf ihre Schulter.

»Was ist los, Sanne, kein guter Tag heute?«

Die Frau drehte sich nicht zu ihm um, sondern versuchte ihn mit einem Arm wegzustoßen.

Mikkelsen drückte mit dem Finger auf einen der Klingelknöpfe, und kurze Zeit später brummte der Türöffner. Er hielt ihr galant die Tür auf, während sie sich auf wackeligen Beinen und mit einem Arm an die Wand gestützt in den Flur hineinschleppte und aus Louises Gesichtsfeld verschwand. Die Tasche hatte er aufgehoben und über ihre Schulter gehängt, bevor er die Tür hinter ihr zuzog.

Als er sich wieder zu ihnen gesellt hatte, kommentierte er den Zwischenfall nicht, sondern ging einfach weiter.

»Jetzt, am frühen Nachmittag, ist es hier noch leer. Aber in ein oder zwei Stunden sind die Kunden auf dem Weg von der Arbeit nach Hause, und dann tauchen auch die Mädchen auf«, erklärte er und grüßte ein paar Männer mittleren Alters, die mit einem Bier in der Hand auf einer Bank saßen. Louise ließ sich hinter Lars Jørgensen zurückfallen, um eine Schulklasse vorbeizulassen, die auf dem Weg zum DGI-Sportzentrum fast die ganze Breite des Bürgersteigs für sich beanspruchte.

Mikkelsen nahm Kurs auf die Skelbækgade, die bei Tageslicht eine ganz andere Stimmung verbreitete als die, die Louise in der Nacht erlebt hatte.

»Zuerst fragen wir mal Nesip, ob die Gerüchteküche schon brodelt«, sagte Mikkelsen im vertrauten Tonfall des Insiders. Er bedeutete ihnen, ihm zu folgen, ging die vier Stufen in den Kellerladen des Lebensmittelhändlers hinunter und rief:

»Hallo, ist der kleine Wicht im Laden?«

Louise sah einen Einwandererjungen hinter dem Tresen, der Mikkelsen über Dosen mit Süßigkeiten und Zeitungsstapel hinweg einen High Five gab.

»Hinten«, antwortete der Junge in einem breiten Vesterbroakzent.

Mikkelsen ging quer durch den Laden voraus, und Louise spürte die neugierigen Blicke des Jungen. Anscheinend störte es ihn nicht im Geringsten, dass die Polizei so offensichtlich in seinem Laden Einzug hielt.

Im Hinterzimmer war der Tee süß und die Musik so laut, dass es Louise schwerfiel, das Gespräch auf dem Sofa zu verfolgen, wo Mikkelsen es sich neben dem kleinen Mann bequem gemacht hatte, bei dem es sich um den Besitzer des Ladens handeln musste. Der örtliche Polizeibeamte schien ein Freund des Hauses zu sein, und Louise und Lars Jørgensen durften als Zaungäste dabei sein.

Mikkelsen hatte das Bild der getöteten Frau auf den Tisch gelegt, und Louise musste gar nicht wissen, was gesagt wurde, um zu verstehen, dass Nesip nicht wusste, wer sie war. Sie beugte sich vor und hörte, wie ihr Kollege herauszukitzeln versuchte, wie im Milieu über den Mord gesprochen wurde, ob Dinge zur Sprache kamen, die das Ohr der Polizei niemals erreichten. Hin und wieder wurde der Türke von einem Gefühlsausbruch überwältigt. Seine Stimme überschlug sich und erreichte eine Lautstärke, die mühelos die ethnische Musik übertönte, wenn er seiner Trauer darüber Ausdruck verlieh, dass das harte Milieu der Straße ein weiteres Menschenleben gefordert hatte.

Mikkelsen zwinkerte ihnen zu, während er mit seiner nächsten Frage wartete, bis der Kaufmann sich ein wenig beruhigt hatte.

Zehn Minuten später standen sie wieder oben auf der Straße. Sie waren auch nicht schlauer als vorher, aber der Tee hatte ein klebriges Gefühl im Mund hinterlassen.

»Er wusste ihren Namen also auch nicht, hat sie in der letzten Zeit aber offensichtlich vorübergehen gesehen, wobei er nicht sagen konnte, ob das vor einer Woche oder vor einem Monat war.«

Sie begannen in Richtung Halmtorvet zurückzugehen, und Louise griff nach Lars Jørgensens Arm, als sie auf der anderen Seite der Straße plötzlich den Säufer entdeckte, den sie in der Nacht auf der Treppe des Café Høker sitzen gesehen hatten.

»War der heute Nacht nicht auch hier?«, fragte sie und zeigte auf den gegenüberliegenden Bürgersteig.

»Tatsächlich, und mittlerweile kann er sogar schon wieder stehen«, antwortete ihr Partner und erzählte Mikkelsen, dass dieser Mann einer der ersten Zeugen war, mit denen er gesprochen hatte.

»Aber er war dermaßen durch den Wind, dass er nicht einmal gemerkt hatte, dass überhaupt irgendetwas passiert war.«

»Das ist Kaj, und er hat schon vor vielen Jahren den Kontakt zur Wirklichkeit verloren. Er trinkt einen Liter Schnaps oder noch mehr pro Tag, aber er tut keiner Fliege etwas zuleide. Hin und wieder stellt er darüber hinaus sein Sofa zur Verfügung, wenn jemand kein Dach über dem Kopf findet.«

Der Mann auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig war stehen geblieben. Er stützte sich gegen die Hauswand und wühlte in seiner Hosentasche. Kurze Zeit später gelang es ihm, eine Packung Zigaretten ans Tageslicht zu befördern, aus der er mit großer Mühe ein Exemplar herauspfriemeln konnte. Ein Feuerzeug fand er ebenfalls darin.

Louise beobachtete, wie er mit unsicheren Schritten weiterging.

»Er saß direkt gegenüber und hatte freie Sicht auf die Stelle, an der sie lag. Es muss fast unmöglich für ihn gewesen sein, sie nicht zu sehen«, sagte sie und fragte, ob es denkbar wäre, dass Mikkelsen ein paar Worte mit ihm wechselte. »Vielleicht fällt es ihm leichter, sich zu erinnern, wenn du mit ihm redest.«

Mikkelsen blieb kurz stehen und schaute zu Kaj hinüber, ging dann aber weiter.

»Das kann ich durchaus tun, aber nicht hier. Ich werde lieber versuchen, ihn zu Hause zu erwischen. Es wäre nicht gut, wenn jemand den Eindruck bekäme, dass Kaj irgendetwas gesehen haben könnte. So einer wie er zählt hier nicht, und die Leute, mit denen wir es hier zu tun haben, würden keinen Augenblick zögern, ihm das Maul zu stopfen.«

Kaj war mittlerweile fast an ihnen vorbei und überquerte die Straße in Richtung des Kaufladens im Keller. Als er ganz nah an ihnen dran war, entdeckte er Mikkelsen und hob die Hand zu einem Gruß.

»Ça va, monsieur?«, fragte Mikkelsen, ging zu ihm hinüber und gab ihm die Hand.

»Très bien, mon ami. Très bien«, schniefte Kaj, während sich ein Lächeln auf sein gezeichnetes Gesicht legte. Er ließ die Hand des Beamten los und deutete auf den Laden, um danach mit der Hand eine wippende Bewegung zum Mund zu machen, als würde er aus einer Flasche trinken.

Mikkelsen lächelte ihm zu und klopfte ihm auf die Schulter, bevor Kaj die Kellertreppe hinunterging.

»Er ist in Ordnung. Früher war er Küchenchef im Plaza, bis seine Frau ihn rausgeworfen hat und der Sohn bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, oder vielleicht war es auch andersherum. Jedenfalls ging es von da an bergab mit ihm, und er hat mit dem Leben abgeschlossen, das er früher geführt hat. Lasst uns noch eine Runde durch die Istedgade drehen. Ich würde das Bild gerne im Club Intim herumzeigen«, sagte er. »Falls sie hier im Kiez gearbeitet hat, könnte man sich sehr gut vorstellen, dass sie die dortigen Kabinen benutzt hat. Obwohl die Kerle dort auch nicht besonders motiviert sein dürften, den Mund aufzumachen.«

An der Ecke zur Istedgade rannte Louise in eine Wand aus Shawarma-Düften, und ihr Magen zog sich zusammen, als sich der Hunger meldete. Sie fand ein Stück Kaugummi in ihrer Tasche und hoffte, dass es das Loch im Bauch füllen konnte, bis sie zu ihrem Büro und der Packung Kekse in der Schublade zurückkehren konnte.

Draußen vor dem Männerwohnheim stand eine Gruppe Obdachloser mit Bierflaschen in den Händen und unterhielt sich in der Frühjahrssonne, während sich ein großer Hund mitten auf dem Bürgersteig niedergelassen hatte, sodass die Leute einen großen Bogen um ihn machen mussten. Das Straßenbild war eine bunte Mischung von Pennern bis hin zu Eltern, die mit ihren Kleinkindern auf dem Heimweg waren, und dabei ihre Kinderwagen in eleganten Kurven um die kleinen Gruppen afrikanischer Prostituierter herummanövrierten, ohne die Sexläden eines Blickes zu würdigen.

Drei Stufen führten zum Eingang des Club Intim hinunter, und sie drückten sich im Gänsemarsch an den Stativen mit Pornofilmen vorbei durch den überfüllten Laden.

Louise sah, dass der Verkäufer hinter dem Tresen Mikkelsen wiedererkannte, und er brauchte nur einen kurzen Blick auf Louise und Lars Jørgensen zu werfen, um zu wissen, dass sie keine neuen Kunden waren, sondern ...

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