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Unknown Pleasures - Die Joy Division Story

UNKNOWN PLEASURES

DIE JOY DIVISION STORY


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PETER HOOK

Aus dem Englischen von Stephan Pörtner

INHALT


Einführung

Prolog: Januar 1978

TEIL EINS: Insight

Siebzehn Tage lang aßen wir nur Hühnchen mit Fritten .

Man kann den Jungen aus Salford nehmen, aber man kann Salford nicht aus dem Jungen nehmen

Barney aß immer allein oder im Badezimmer .

Oh Fuck, das ist Steve Harley

Chronik 1: Mai 1948 – April 1976

TEIL ZWEI: Disorder

Normale Band, normale Nacht, wenige Leute schauten zu, klatsch, klatsch, sehr gut

Ist das eine Bassgitarre?

Er war bloß ein Junge mit «Hate» hinten auf seiner Jacke

Er war einer von uns

Es gibt nichts, das weniger zu uns passt als eine Schlacht mit nassen Handtüchern

Diese Arschlöcher zeigten uns den Stinkefinger

Abgesehen davon, dass man ab und zu einen Pint-Becher in die Fresse bekam, war es ein gutes Konzert

Sogar die beschissenen waren ziemlich gut

Ich habe ihm genau erklärt, wo er sich seine Vibratoren hinstecken soll

Chronik 2: Juni 1976 – Dezember 1977

TEIL DREI: Transmission

Es war wie X Factor für Punks

Wir müssen das Nazi-Artwork loswerden

Der größte Spucke-Sturm, den ich in meinem Leben gesehen habe

Chronik 3: Januar 1978 – Dezember 1978

TEIL VIER: Love Will Tear Us Apart

Peter ist wieder von seinem Stuhl gefallen

Fuck Martin hat den Kofferraum voller gestohlener Autoradios

Es klingt wie ein verdammter Helikopter

Er war auf der Suche nach diesem zündenden Funken

Nicht, dass ich etwas ändern würde

Hör doch endlich auf zu jammern, Hooky

Ich bin nur schnell pissen gegangen

Du solltest mir kein Wort glauben

Nur her damit

Es stellte sich heraus, dass es Pferdefleisch war

Er ist vom Teufel besessen, der Arsch

Unknown Pleasures Song für Song

Chronik 4: Januar – Dezember 1979

TEIL FÜNF: Ceremony

Eine echte Glucke

Wir machten weiter

Er hielt uns für Deppen – und er hatte Recht damit

Seine Mutter kriegte das Blut raus, indem sie es in einem Salzbad wusch

Wir waren so aufgeregt, nach Amerika zu gehen

Ich habe nie Auf Wiedersehen gesagt

Epilog

Closer Song für Song

Chronik 5: Januar 1980 – Oktober 1981

Danksagung

Meiner Mutter Irene und ihrer Schwester Jean gewidmet,

in Liebe.

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Dieses Buch enthält die Wahrheit,
die ganze Wahrheit
und nichts als die Wahrheit …
so, wie ich sie in Erinnerung habe!

Peter Hook, 2012

EINFÜHRUNG


Das Leben ist seltsam. Ich schreibe normalerweise nicht über andere Leute. Jeder erinnert sich völlig anders an dieselben Dinge. Diese Widersprüche verwirren einen und ruinieren alles. Man zweifelt an sich selbst und an dem, was geschehen ist. Das wurde mir klar, als ich das, was ich geschrieben habe, einem sehr engen Freund zu lesen gab. Sein großartiger Kommentar: «Was soll das Ganze?»

Vorschläge bitte an Hooky X

PROLOG
Januar 1978


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Es war unser erstes Konzert als Joy Division und es endete in einer Schlägerei. Typisch.

Es war aber nicht unser erstes Konzert. Wir hatten vorher Warsaw geheißen, aber aus Gründen, die ich später erläutern werde, mussten wir einen neuen Namen finden. Boys in Bondage war einer der vielen Vorschläge. Und beinahe hätten wir uns für einen anderen, Slaves of Venus, entschieden. Was deutlich zeigt, wie verzweifelt wir damals waren.

Ian schlug den Namen Joy Division vor. Er hatte ihn in einem Buch gefunden, das er gerade las, House of Dolls von Ka-Tzetnik 135633 (auf Deutsch als Höllenfahrt, Das Haus der Puppen, Nazi-Puppenhaus und Freuden-Abteilung! erschienen). Er gab uns allen das Buch zu lesen. Darin war «Joy Divisions» der Name, der den Gruppen von jüdischen Frauen gegeben wurde, die in den Konzentrationslagern den Nazi-Soldaten sexuell zur Verfügung stehen mussten. Es waren die Unterdrückten, nicht die Unterdrücker. Was auf eine punkige, «No Future»-Art genau das war, was wir mit dem Namen ausdrücken wollten. Es war ein bisschen wie Slaves of Venus, nur nicht so scheiße.

So wurde es entschieden: Wir hießen Joy Division. Wir ahnten nicht, auf was wir uns damit einließen, dass uns die Leute jahrelang fragen würden: «Seid ihr Nazis?»

«Nein. Wir sind keine Scheiß-Nazis. Wir sind aus Salford.»

Wie dem auch sei, dieses Konzert fand in der Pips Discotheque (früher Nice’N’Easy) an der Fennel Street in Manchester statt. Es war unser erstes offizielles Konzert als Joy Division, obwohl wir noch als Warsaw angekündigt waren (die Namensänderung war über Weihnachten erfolgt), und wir waren an dem Abend ziemlich aufgeregt. Ich ganz besonders, denn ich hatte mir am gleichen Tag eine brandneue Bassgitarre gekauft.

Seit wir unsere EP An Ideal for Living aufgenommen hatten, war ich paranoid, was meinen alten Bass betraf. Barney hatte mir gesagt, dass er zwischen dem F und dem G verstimmt sei. Ich hatte keine Ahnung, was das bedeuten sollte, aber es klang schwerwiegend. Also hatte ich auf einen neuen gespart, eine Hondo-II-Rickenbacker-Stereo-Kopie (ich handelte den Typen von 99 auf 95 Pfund runter), und heute hatte sie ihr Debüt. Nicht nur das, ein ganzer Haufen meiner Kumpels hatte sich angekündigt – nennen wir sie die Salford-Bande: Alex Parker und sein Bruder Ian, Twinny und all die Jungs aus dem Flemish Weaver, meinem Stamm-Pub am berüchtigten Salford Precinct, der Fußgängerzone.

Bevor die Show anfing, ließ Ian Curtis «Trans Europa Express» von Kraftwerk über die Anlage laufen. Er liebte diese Platte. Er musste sie dem DJ gegeben haben, damit er sie vor unserem Konzert als Eröffnungsmusik spielte, und ich bin mir nicht sicher, ob er geplant hatte, von der Tanzfläche aus auf die Bühne zu kommen – oder was er überhaupt vorhatte. Auf alle Fälle war er auf der Tanzfläche und kickte Glasscherben herum, während «Trans Europa Express» lief. Irgendwie kickte er die Scherben rum und bewegte sich gleichzeitig zur Musik.

Wir wussten schon, dass Ian ein Getriebener war, und hatten mitbekommen, wie unberechenbar er mitunter sein konnte. Sagen wir mal, er machte eine Phase durch, in der er sich ziemlich extrem aufführte. So ein Frontmann-Ding halt, klar, vielleicht auch seine Faszination für Iggy Pop, aber auch Frustration – Frustration darüber, dass wir nicht vorwärtskamen, dass andere Bands aus Manchester mehr Erfolg hatten und mehr Konzerte spielen konnten. The Drones hatten ein Album draußen. The Fall, the Panik und Slaughter & the Dogs hatten alle schon Singles draußen. Und ihre Platten klangen nicht so dumpf und beschissen  wie unsere. Kam noch hinzu, dass an diesem Abend, an dem wir unsere erstes Konzert als Joy Division gaben, nur etwas dreißig Leute gekommen waren – und zwanzig davon waren meine Kumpels.

Das alles setzte natürlich auch mir, Steve und Bernard zu, aber für Ian war es schlimmer als für uns. Vielleicht, weil wir alle zu Hause bei den Eltern wohnten, während er verheiratet war. Vielleicht war die Band für ihn irgendwie mehr das wahre Leben, etwas, das er zum Laufen bringen musste.

Oder vielleicht erzähle ich bloß Quatsch. Vielleicht kickte Ian die Scherben herum, weil er besoffen war und es ihm gerade so passte. Nicht, dass es drauf angekommen wäre: Den Türsteher kümmerte es nicht, ob Ian seine Bühnenpersönlichkeit entwickelte oder seinen Karrierefrust auslebte oder was auch immer. Er sah einfach einen Trottel, der Glasscherben rumkickte. Er stürmte rüber, packte ihn am Kragen, zerrte ihn zur Tür und warf ihn raus.

Spitze. Irgendwer kam es uns berichten. So mussten wir statt auf die Bühne zum Eingang gehen und den Türsteher bitten, ihn wieder reinzulassen.

«Verpisst euch«, sagte der. «Er ist ein Wichser, hier Scherben rumzukicken …», und wir: «Schon, aber der Wichser ist unser Sänger, Mann – er ist der Sänger unserer Band – du musst ihn reinlassen. Komm schon, Mann …»

Nach viel gutem Zureden gab der Türsteher schließlich nach und ließ Ian wieder rein. Endlich konnten wir auf die Bühne. Wir waren etwa zwanzig Minuten zu spät und schauten in die Menge – wenn man es so nennen will – und ganz vorne standen all meine Kumpels und riefen Sachen wie: «Hallo, Hooky! Alles fit, Hooky?» Sie grinsten und hoben den Daumen. Ich fand es nett, dass sie gekommen waren, aber auf das Grinsen und das «Daumen hoch» hätte ich gut verzichten können. Als Joy Division waren wir verdammt ernst. Wir standen eher darauf, missmutig dreinzuschauen.

Indessen warf mir Barney böse Blicke zu, als wollte er mich warnen: «Deine Kumpels sollten sich benehmen.» Ian auch. Unverschämte Kerle.

Dann sagte Ian: «Gut, wir sind jetzt da. Wir sind Joy Division und das ist … ‹Exercise One›», und ich warf mich mit meiner brandneuen Hondo II in Pose und spielte den ersten Ton des Songs, ein offenes E.

Doch statt der ersten Note von «Exercise One» machte es laut Boing, und alle schauten mich an.

Oh, Scheiße. Die Seite war rausgesprungen. Ich drückte sie zurück über den Sattel, sodass sie wieder in der Rille einrastete, und wollte wieder anfangen.

Boing.

Sie sprang wieder raus.

Scheiße, Scheiße, verfluchte Fick-Scheiße.

Es war ein Fehler am Instrument, ehrlich. Ich musste die Seite mit meinem Daumen festhalten, während ich spielte. Ich war langsam dabei, die Sache in den Griff zu kriegen, als ich nach unten schaute und sah, wie Alex Parker, ein guter Freund von mir, und sein Bruder Ian sich zu prügeln begannen.

Kein Problem, dachte ich. Die anderen werden sich darum kümmern. Und tatsächlich mischten sich ein paar andere aus dem Flemish-Weaver-Mob ein, um die beiden zu trennen. Doch die Fäuste flogen weiter, einer ging krachend zu Boden, und statt dass die Keilerei aufhörte, wurde sie immer wüster und eskalierte nach und nach, bis all meine Kumpels darin verwickelt waren. Eine echte Massenschlägerei. Sie rollten wie ein riesiger Menschenknäuel vor uns hin und her, während wir spielten. Oh Gott! Der Rest der Band schaute sie an, und dann mich, und sie versuchten, mich mit ihren Blicken umzubringen, während dieser Riesenball prügelnder Jungs vor der Bühne hin und her rollte. Natürlich war der Türsteher, der Ian rausgeschmissen hatte, nirgends zu sehen, und man ließ sie rumkugeln. Also spielten wir einfach weiter. Verdammt falsch zwar, aber die Band spielte weiter.

Dann geriet die Sache außer Kontrolle. Ein paar andere Typen rannten immer von hinten nach vorn, griffen meine Kumpels an und traten auf sie ein, wenn sie vorbeirollten. Was mich natürlich aufregte. Also begann ich, von der Bühne aus nach diesen Typen zu treten.

«Hör auf, meinen Kumpel zu treten, du Bastard!»

«Hey Mann, lass das!»

«Scheiß Liverpooler Scousers

Da stand ich also, trat gegen ihre Köpfe, versuchte «Exercise One» zu spielen und dabei die Saite festzuhalten. Der Rest der Band war wirklich angepisst, weil ich meine blöden Proll-Freunde mitgebracht hatte. Scheiße!

Am Ende tauchte der Türsteher wieder auf. Er hatte ein paar Kumpels dabei und sie fingen damit an, Köpfe zusammenzuschlagen, und schmissen erst die Flemish-Weaver-Bande raus und dann die Scousers. So spielten wir das Konzert in einem leeren Saal zu Ende. Ich hielt meine Saite, Ian, Barney und Steve starrten mich an, als wollten sie mich erwürgen. Es war schrecklich, absolut scheißgrauenhaft. Das war unser erstes Konzert als Joy Division, und wir hatten für die nächsten zwei Monate kein weiteres in Aussicht, was uns damals wie eine verdammt lange Zeit vorkam.

Eindeutig, das Schlimmste, was uns passieren konnte.

Wie gesagt. Wir hatten keine Ahnung, was?

TEIL EINS
Insight


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Siebzehn Tage lang aßen wir nur Hühnchen mit Fritten


Ich wurde ungefähr um vier Uhr nachmittags im Hope Hospital in Salford geboren, am 13.  Februar 1956 – und nein, es war nicht Freitag der Dreizehnte, es war ein Montag.

Mutter: Irene Acton. Sie war stur, eigensinnig und hatte einen eisernen Willen. Mit anderen Worten: eine typische nordenglische Mutter. Vater: John ( Jack) Woodhead. Er war Fahrer bei den Frederick Hampson Glass Works in Salford. Das Firmengebäude ist eines der wenigen, die stehen geblieben sind, nachdem die Stadverwaltung Salford in den Siebzigern abreißen und neu aufbauen ließ. Noch heute fahre ich oft daran vorbei.

Meine erste Erinnerung ist, wie ich auf dem Pier in Blackpool im Kinderwagen liege und mich jemand mit Fritten füttert. Ich glaube, es war meine Tante Jean. Nur wenig später trennten sich meine Eltern und ließen sich dann scheiden. Die Scheidungsdokumente erwähnen «Grausamkeit gegen die Klägerin» – meine Mutter. Er verprügelte sie, natürlich. Damals war es für Männer in Salford üblich, sich zu besaufen und ihre Frauen zu verdreschen. Als er etwas mit einer anderen Frau anfing, brachte dies das Fass zum Überlaufen. Meine Mutter hasste ihn dafür. Sie hasste ihn bis zu dem Tag, an dem sie starb. Obwohl sie Bill kennenlernte, ihn heiratete und vierzig Jahre mit ihm zusammen war – vierzig Jahre – hasste sie meinen Vater abgrundtief, selbst als er schon tot war. Sie wollte nicht einmal seinen Namen hören. So eine Frau war sie.

Nachdem die beiden sich getrennt hatten, zogen ich, Mum und mein jüngerer Bruder Chris zu unserer Oma. Und als meine Mum den Wohnzimmerteppich im alten Haus endlich abbezahlt hatte, weil sie nicht damit rechnen konnte, dass Jack ihn bezahlte (sie wollte nicht, dass die Geldverleiher sie für unzuverlässig hielten – sie war sehr stolz), waren wir eine Zeit lang eine ganz normale Arbeiterfamilie mit nur einem Elternteil: zwei Zimmer oben, zwei unten, Außentoilette, Kohlenofen. Wir lebten an der Jane Street in Langworthy im wundervollen, dreckigen Salford. Als ich Jahre später Control schaute, den Film über Joy Division, merkte ich nicht einmal, dass er schwarz-weiß war, weil meine Kindheit genau so ausgesehen und sich genau so angefühlt hatte: düster und versmogt und braun, wie die Farbe eines nassen Pappkartons. Überall in Manchester hatte es damals so ausgesehen.

Für uns Kinder gab es nichts zu tun, außer rumzulungern und eine Büchse rumzukicken oder den Stiel eines Lutschers in den heißen Teer zu drücken. Ganz Salford war unser Spielplatz: Wir wurden am Morgen  rausgelassen und mussten zum Abendbrot wieder daheim sein. Ich weiß noch, dass ich mich ein paar Mal verirrte und von der Polizei nach Hause gebracht wurde. Unser erstes Spielzeug bekamen wir wahrscheinlich an dem Weihnachten, als Bill auftauchte und ich fünf war. Er machte meiner Mutter den Hof, und so überhäufte er mich und Chris mit Geschenken. Ich erinnere mich, wie ich damals runter kam – noch nie in meinem Leben hatte ich so was gesehen: Er hatte mir und dem Kleinen je ein Tretauto gekauft und noch eine ganze Menge anderer Sachen. An diesem Weihnachten verwöhnte er uns nach Strich und Faden. Zum ersten und letzten Mal. Danach gab es wieder nur eine Orange und ein paar Nüsse.

Bill war Ernest William Hook. Ich hatte geglaubt, er sei ledig gewesen, als er meine Mutter kennenlernte, aber Jahre später fand ich heraus, dass er schon einmal verheiratet gewesen war und zwei Töchter hatte. Ich fand es eines Nachmittags heraus, nach einem Fußballspiel, United, natürlich. Ich besorgte damals immer ein Programmheft und brachte es dann zu Bills Vater, Opa Hook, ein lieber, alter Kerl, der zusammen mit seiner Frau am Markt von Salford einen Stand mit Secondhand-Kleidern betrieb. Sie war gestorben, und er lebte jetzt am Precinct, nachdem der saniert worden war. Auf der Kommode stand ein Bild mit zwei jungen Mädchen. Unschuldig fragte ich: «Wer ist das, Opa?»

«Die andere Familie deines Vaters», antwortete er. Es kommt mir immer noch seltsam vor, dass sie nie erwähnt wurden.

Anfangs, als er meiner Mutter den Hof machte, war Bill sehr nett. Ich und der Kleine schütteten einmal eine Tasse Tee in seinen Benzintank (aus Eifersucht vermutlich, weil wir es gewohnt waren, Mum ganz für uns zu haben), und er verprügelte uns nicht mal! Schimpfte bloß. Doch mit den Jahren begriffen wir das mit seiner heimlichen Familie, denn es wurde ein ziemliches Elend mit ihm. Er konnte mitunter ein echt mieser Scheißkerl sein, besonders an Weihnachten. Sein Lieblingsspruch war: «Wenn ich leide, leiden wir alle» – und er meinte es wirklich ernst. Ich ziehe heute noch meine eigenen Kinder mit diesem Satz auf.

Was ihn erträglich machte, war sein Geld, schätze ich. Er war ein hoch qualifizierter Glas-Arbeiter. Schon mal von diesen Maschinen gehört, mit denen Glas geblasen wird, um Flaschen und Gläser und all das Zeug zu machen? Sein Job war es, sie zu reparieren. Er reiste dafür um die ganze Welt: Singapur, Indien, die Karibik – ein sehr weit gereister Mann und der einzige in unserer Straße mit einem Wagen, einem viertürigen 2.5. Riley RMB. Der, in den ich und der Kleine den Tee schütteten. Er kaufte uns auch einen Fernseher, wiederum der einzige in der ganzen Straße. Die Leute standen Schlange, um fernsehen zu können; wir waren auf einmal sehr beliebt. Das ist eine andere meiner frühesten Erinnerungen: Ich und Chris, wie wir, nachdem wir zu Bett gebracht wurden, rausschlichen, oben auf der Treppe hockten und der Sendung Coronation Street lauschten.

Ich ging zur Stowell Memorial School und ich liebte es. Ich war glücklich. Mum und Bill heirateten – wir blieben an diesem Tag bei Oma –, und nicht viel später wurde verkündet, dass er ein neues Job-Angebot bekommen hatte. Also zogen wir um. Es war ein Job bei den Jamaica Glassworks. Und dort gingen wir hin: Wir zogen nach Jamaika.

Das war 1962. Bill reiste schon voraus, und ein paar Tage später folgten ich, Mum, Chris und all unsere weltliche Habe nach Southampton. Ich umklammerte meinen Plastikbeutel mit den Spielzeugsoldaten. Es stürmte heftig, und wegen des schlechten Wetters mussten wir mit einem Schlepper zum Schiff rausfahren. Wir alle fürchteten uns vor den Riesenwellen, dem Lärm der Motoren und den Seeleuten, die uns anblafften, während sie uns an Bord des Schiffs hievten. Als ich dran war, riss die Plastiktüte, und meine Soldaten stürzten alle in die stürmische See. Ich hielt nur noch die zerfetzte Tüte in der Hand.

Dann kam die Überfahrt. Oh Gott!

Man muss wissen, dass meine Mutter zeit ihres Lebens die konservativste Esserin war, die man sich vorstellen kann. Sie konnte es kaum ertragen, irgendetwas zu essen, das südlich von Salford kam. Als wir nun auf einem italienischen Kreuzfahrtschiff waren, das uns nach Jamaika brachte, war sie völlig außer sich. Weil es nur ein Gericht gab, das sie essen konnte – und das bedeutete, es gab auch nur ein Gericht, das ich und der Kleine essen konnten: Hühnchen mit Fritten. Seltsamerweise mag ich Hühnchen mit Fritten immer noch – trocken, mit ein wenig Salz und viel Pfeffer – aber weiß Gott, es erinnert mich jedes Mal daran, wie es auf diesem Schiff war. Siebzehn Tage lang aßen wir nur: Hühnchen mit Fritten. Während wir beim Kinder-Abendessen saßen, sahen wir, wie die Eis-Skulpturen geschnitzt und riesige Torten bereitgestellt wurden für die Erwachsenen, die später aßen. Aber meine Mutter sagte, wir dürften keine Torten essen, weil sie schmutzig seien.

Unser Chris war erst drei. Er war ein Schreihals. Ich glaube, er hat den ganzen Weg in die Karibik geschrien. Das machte uns sehr unbeliebt – besonders an den Nachmittagen, wenn alle versuchten, auf Deck ein wenig zu dösen. Es kam noch hinzu, dass wir alle seekrank wurden und die Kabine kaum verließen (mit einer denkwürdigen Ausnahme, als ich den Korridor runterrannte und platt auf die Nase fiel; alles war voll Blut). Wir machten an fantastisch schönen Orten halt: Bilbao, Madeira, den Kanarischen Inseln und Trinidad. Aber wir aßen dort nie etwas und schafften es immer rechtzeitig zurück an Bord für die ewigen Hühnchen mit Fritten. Die Reise schien unendlich lange zu dauern, aber abgesehen davon, dass Chris beinahe über Bord fiel, als wir anlegten, weil er Bill am Dock gesehen hatte, kamen wir sicher an.

Unsere Unterkunft in Jamaika war ein gemieteter, frei stehender Bungalow mit drei Zimmern und einer Innentoilette – das erste Mal, dass ich in einem Haus mit Innentoilette wohnte. Überall Marmorfußböden. Eines Tages tauchten diese beiden Schwarzen bei und auf und fragten, ob sie den Kürbisbaum abernten durften. Sie würden dafür für mich und den Kleinen Maracas basteln. Echte Maracas werden aus kleinen Flaschenkürbissen gemacht – man höhlt die Mitte aus, füllt Steine rein und fertig. Meine Mum sagte «von mir aus«, die Typen stürzten sich auf den Baum, holten alle Kürbisse runter, machten uns zwei Paar Maracas und verschwanden wieder.

Kurz darauf brach die Hölle los. Der Baum muss voller Spinnen gewesen sein, und in dieser Nacht wurde das Haus von ihnen überrannt. Hunderte Spinnen, überall. Sie waren riesig und sie waren giftig. Definitiv Menschenfresser. Bill rannte herum und killte sie, während Mum, ich und der Kleine schreiend auf dem Tisch standen. Wir zogen uns dann ins Schlafzimmer zurück, wo Bill die Spinnen, die unter der Tür durchkrabbelten, mit einem Schuh plattmachte, während wir heulend danebenstanden. Das ist kein Witz! Es war wie in einem Horrorfilm. Ich bekomme heute immer noch Gänsehaut, wenn ich nur daran denke. Ich hasse Spinnen noch immer. Kein «Ich bin ein Star – holt mich hier raus!» für mich (obwohl ich lustigerweise letztes Jahr zum Vorsprechen eingeladen worden bin).

Wenig später zogen wir an die Phoenix Avenue 31 in Kingston, ebenfalls ein frei stehender Bungalow auf einem fantastischen, wunderschönen Grundstück, auf dem Ananas wuchsen. Auch hier gab es eine Innentoilette und noch mehr schöne Marmorböden – sogar Bedienstete hatten wir. Wir wurden auf eine Privatschule geschickt, die Surbiton Preparatory. Es war schrecklich. Die Lehrer schrien uns an, wir sollten in Schreibschrift schreiben und buchstabieren, was man in Salford mit sechs noch nicht tat. Aber wir lebten uns bald ein. Der große Vorteil war, dass es am Nachmittag zu heiß war, um zu arbeiten – die Schule war um halb drei zu Ende. Alles in allem hätte es ziemlich idyllisch sein sollen. Aber um diese Zeit herum begannen die Dinge ein wenig schiefzulaufen: Zuerst zwischen meiner Mutter und Bill und dann in Jamaika, wo die Einheimischen genug davon hatten, dass die Chinesen und die Weißen alle Geschäfte besaßen und begannen, sie rauszudrängen. Sie stürmten buchstäblich die Läden, warfen die Besitzer raus und übernahmen sie. Zur gleichen Zeit wurde in einer Menge Häuser eingebrochen und die Leute wurden auf der Straße überfallen. In Kingston, nicht weit von dort, wo wir wohnten, kam es zu Krawallen. Es lag also deutlich Gefahr in der Luft. Auf der Straße sahen wir Bullen, die Diebe krankenhausreif prügelten. Sie rannten ihnen nach, und wenn sie sie erwischten, setzen sie sich auf sie und schlugen sie mit dem Pistolenknauf windelweich.

Bill kam nicht mehr nach Hause. Er verbrachte immer mehr Zeit in dem Club der Glasfabrik, wo er nach der Schicht trank. Er war ein Arsch zu uns und ein guter Freund zu allen anderen und einer der wenigen Weißen, die sich mit den Schwarzen abgaben. Er ging mit den Weißen saufen und machte denn mit den Schwarzen weiter und er vermutete, dass das der Grund war, warum unser Haus das einzige in der ganzen Straße war, in das nie eingebrochen wurde. Nachts saß meine Mutter mit einem Kasten Red Stripe Bier auf der Veranda und wartete, dass er heimkam, wurde immer betrunkener und wütender, und wenn er endlich auftauchte, schrien sie sich an. Ich und der Kleine kauerten hinter dem Sofa und beteten, dass er sterben möge, während sie im Haus rumtobten, rumbrüllten und alles in Stücke schlugen. Er verprügelte sie, sie griff ihn mit ihrem Stöckelschuh an und teilte so gut aus, wie sie einsteckte. Wenn sie dann endlich fertig waren, sah es im Haus aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Am nächsten Morgen räumte die Putzfrau alles wieder auf, damit es sauber und ordentlich war für die nächste Keilerei.

Man kann halt nicht alles haben. Dass Mum und Bill sich die Köpfe einschlugen, war ein kleiner Preis für das fantastische Wetter, das schicke Haus, das Auto, das Geld. Außerdem arbeitete Mum für das jamaikanische Fremdenverkehrsamt. Wir hatten in allen Ferien-Resorts freien Eintritt und durften in den Country Clubs rumhängen. Ich habe gesagt, das Leben in Salford sei schwarz-weiß gewesen. Nun, in Jamaika war es definitiv in Farbe.

Was also taten wir? Wir kehrten nach Salford zurück.

Mum hatte Heimweh. Das war das Problem. Sie hasste das Essen und sie vermisste ihre Mutter und ihre Schwester. Als Bills Vertrag erneuert werden sollte, überredete sie ihn, nach Salford zurückzukehren. Was zu einigen Mega-Auseinandersetzungen geführt haben muss, weil er natürlich in Jamaika bleiben wollte. Es wurde etwas von einer amerikanischen Frau gemunkelt. Ich erinnere mich, wie meine betrunkene Mum mich eines Nachts in unseren blauen Ford Prefect bugsierte und mit einem Brotmesser in der Hand losfuhr, um die beiden umzubringen. Das Problem war, dass sie nicht fahren konnte – wer jemals versucht hat, mit einem Brotmesser in der einen Hand und einer Zigarette in der anderen fahren zu lernen, weiß, dass das ziemlich schwierig ist. Nachdem sie über ein paar Kreuzungen geruckelt war, überlegte sie es sich zum Glück anders und karrte uns heim. Ich frage mich heute noch, warum sie damals Chris nicht mitgenommen hat, den Glückspilz.

Doch was den Umzug anging, setzte sie sich durch (so, wie ich meine Mutter kenne, vermute ich nicht, dass je Zweifel daran bestanden haben) und Bill gab nach. Er dachte wohl, er würde auch in Manchester wieder einen guten Job finden. Es gab eine Menge Glasfabriken in der Gegend, und immerhin hatten sie in Jamaika genug zurücklegen können, sodass wir finanziell gut dastanden.

Oder gut dagestanden hätten, wenn nicht am Tag, an dem wir zurückfliegen sollten (meine erste Flugreise), ein paar Polizisten und ein «Steuerinspektor» aufgetaucht wären und behaupteten, Bill habe seine Steuern nicht «korrekt» bezahlt. Sie wussten, dass das Geld da war – er hatte es von der Bank abgehoben, um heimzukehren – und sie ließen uns nicht gehen, bis wir bezahlt hatten. Diese Typen quetschten Bill seine ganzen Ersparnisse ab und wir kehrten mit nichts nach Hause zurück.

Das war im Sommer 1966. Ich war zehn Jahre alt. Die Leute waren völlig außer sich, weil England die Fußballweltmeisterschaft gewonnen hatte, als wir aus Jamaika zurückkehrten, wo wir fast vier Jahre verbracht hatten, in unserem schicken Haus mit Marmorböden, Innentoilette und Bediensteten, und in ein einfaches zweistöckiges Vierzimmerhaus mit Außentoilette zogen, mit einem sehr unglücklichen Stiefvater, der nie wieder einen Job in der Glas-Branche finden und darüber mit den Jahren zusehends verbittern sollte.

Wir zogen für eine Zeit zurück zu Oma und bald darauf nach Ordsall, nur ein paar Häuser weiter, an die Rothwell Street 32, gleich beim Durchgang zum Park. Sie bezahlten 300 Pfund dafür. Ich besuchte die Regent Road Primary, eine gemischte Schule, wo meine Tante Jeanie bei der Essensausgabe arbeitete. Was großartig war, weil ich nicht nur eine Menge Pudding bekam, sondern auch, weil ich als eine Art Außenseiter aus Jamaika zurückgekehrt war und um jede Verbündete froh war. In Jamaika waren die Kinder viel weiter gewesen als ich, und ich hatte aufholen müssen. Das hieß, dass ich den Kindern in Salford meilenweit voraus war, als ich zurückkehrte. Nun wurde ich zwar für meine Schreibschrift zusammengeschissen, aber es war großartig. Ich konnte eine ruhige Kugel schieben. Wieder war ganz Salford mein Spielplatz. Abgesehen von ein paar Hänseleien wegen meiner großen Nase und meiner lähmenden Schüchternheit Mädchen gegenüber lief alles recht gut und ich genoss es.

Ich bin mir sicher, das war der Grund, warum ich die Aufnahmeprüfung für die Grammar School geschafft habe – weil ich im Vergleich zu den anderen Kindern schulisch weiter war – denn damals musste man klug sein, um auf die Grammar School zu kommen. Damals ging das so: Wenn man die Aufnahmeprüfung nicht bestand, kam man in die Sekundarschule, da, wo die Dummköpfe hingingen, oder auf die technische Fachschule, wenn man ein Grenzfall war, oder eben auf die Grammar School, wenn man klug war. Auf keinen Fall wäre ein Dummkopf wie ich ohne einen Lernvorsprung da reingekommen.

Ich kam an die Salford Grammar School. Dort lernte ich Barney Dickin (später Sumner) kennen. Wir gründeten später zusammen Joy Division und dann New Order. Ich verdanke Jamaika also eine lebenslange Vorliebe für Hühnchen mit Fritten und die Furcht vor Spinnen – aber auf eine seltsame Art auch all diese Dinge. Was wäre wohl geschehen, wenn ich geblieben wäre? Ob ich Geschmack an Dreads und Reggae gefunden hätte?

Man kann den Jungen aus Salford nehmen,
aber man kann Salford nicht aus dem Jungen nehmen


Ich lernte Barney in jenem ersten Jahr an der Salford Grammar kennen. Es nervt ihn heute noch extrem, wenn ich ihn Barney nenne.

«Du bist verdammt noch mal der einzige Mensch, der mich Barney nennt. Alle anderen nennen mich Bernard«, meckert er dann. Aber an der Schule nannten sie ihn «Barney Rubble» – der Name tauchte sogar in einer frühen Joy-Division-Kritik auf – und sein Nachname war Dickin. Also wurde er auch deswegen ausgelacht, wie man sich denken kann. («Dick» ist ein Ausdruck für «Schwanz», «dicking» bedeutet «ficken»; A. d. Ü). Er änderte seinen Namen in Sumner, nachdem er die Schule beendet hatte.

Barney war aber nicht in meiner Klasse. Er war nicht einmal im selben Gebäude. Ich war im Haus Lancaster und er im Gloucester, es gab noch die Häuser Warwick und York. Wir belegten ein paar Fächer zusammen, aber nur ein paar. Das erste Mal, das ich ihn bewusst wahrnahm, war vor der Turnhalle. Er kam zu mir rüber, ich sagte: «Alles klar?», und er sagte: «Alles klar?», und das war’s schon, unser erster Kontakt. Kein Hinweis darauf, dass wir auf die eine oder andere Weise den Rest unseres Lebens zusammen verbringen würden und die Musikwelt gleich zweimal verändern würden. Schon damals waren wir erst mal keine wirklichen Freunde, erst nach drei Jahren, als wir beide Skinheads wurden.

Wir waren zwei echte Mistkerle. Wir machten immer Ärger. Ich hasse es, das zuzugeben, aber ich war ein fieser Sack. Es gab eine Hackordnung, und die musste eingehalten werden. Nun, ich war nicht der Größte – nicht mal annähernd –, aber ich hing mit den Großen rum, und diese Art Verhalten färbt ab: Gruppendruck, wie man sagt. Und ich machte mit. Wir alle machten mit. Und ich war ein Dieb. Oh Gott, war ich ein Dieb.

Wo ich wohnte, war es ziemlich normal, zu stehlen, weil wir eigentlich nichts hatten. Nicht, dass ich mich rechtfertigen will, man verstehe mich richtig. Meine Mutter hatte auch nichts, und sie war grundehrlich. Einmal fand sie auf der King Street eine Zehnpfundnote und blieb zwei Stunden stehen, um zu schauen, ob jemand zurückkam und sie suchte. Und ich will bestimmt nicht behaupten, dass ich ein Langfinger wurde, weil ich von meinen Eltern zu wenig Zuneigung bekommen habe. Niemand bekam damals Zuneigung. Aber so war es. Ich war einer.

Ein Dieb.

Ich wurde auch dabei erwischt. Häufig. Wurde jedes Mal von den Bullen verprügelt. Wenn man damals beim Ladendiebstahl erwischt wurde, trat einen die Polizei zusammen, und dann tat man es nicht mehr. Nun gut, man machte es doch wieder – aber was ich sagen will: Wir mussten nicht vor Gericht und all den Mist. Die Bullen prügelten einen einfach grün und blau. Heute sind sie ganz sanft, nicht wahr?

Zeitverschwendung.

Ich erinnere mich, wie wir diese Buchmacher ausgenommen haben, was – bevor man dieses Buch angewidert weglegt – nicht ganz so übel ist, wie es klingt. Es war nicht so, dass wir mit abgesägten Schrotflinten und Strümpfen über dem Kopf reingestürmt wären, so war es nie, es gab keine Gewalt. Wir waren immerhin erst dreizehn. Nein, es war bloß so, dass Salford zu jener Zeit saniert wurde, alle Häuser wurden geräumt, es gab viel Brachland – und zerfallende Häuser. Da war diese eine Reihe leerer Häuser, an deren Ende sich die Buchmacher oder Wettbüros, wie immer man sie nennen will, eingenistet hatten. Was wir, ich und meine Kumpels, machten, war, ein paar Werkzeuge aufzutreiben und einfach durch die Wand einzubrechen. Wir brauchten fast eine Woche, um genug Backsteine wegzuspitzen und das Loch groß genug zu machen, um durchkriechen zu können. Aber darauf kam es nicht an, weil wir nichts anderes zu tun hatten. Wir langweilten uns zu Tode und taten alles, was ein wenig Aufregung versprach. Wir hatten genug davon, riesige Feuer aus Bauschutt zu machen oder in den leeren Gebäuden rumzuhängen. Also verbrachten wir eine Woche damit, dieses Loch rauszuhauen, und quetschten uns durch – nur um festzustellen, dass es bei den Buchmachern fast nichts zu holen gab. Später standen wir unter der Tür eines anderen Ladens, machten wie üblich irgendwelchen Scheiß, als die Polizei angebraust kam. Wir stoben auseinander, und sie verfolgten uns. Ich rannte in eine Hintergasse und schmiss hinter mir alle Mülleimer um, damit die Bullen darüber fielen. Doch als ich am anderen Ende aus der Gasse kam, stellte mir ein Bulle das Bein und ich flog auf die Schnauze. Er packte mich, schmiss mich in den Bus, trat mich zusammen, brachte mich aufs Revier und tat es noch mal. Ich glaube, ich gestand in jener Nacht jedes Verbrechen, das jemals in Salford verübt worden war. Dann bekam ich noch eine Tracht Prügel von meiner Mutter, die mich holen kommen musste. Autsch.

Wir stahlen aus dem Canada-Dry-Lagerhaus. Wir krochen nachts durch offene Fenster in die Fabrik und reichten jede Menge Waren raus. Am nächsten Tag nahmen wir die Cola- und Limonadedosen mit zur Schule, verkauften sie für je 5 Pence und verprassten mittags alles in der Frittenbude. Natürlich nahmen wir auch Läden aus. Damals waren die Geschäfte in den Wohnhäusern. Man ging hinein, die Glocke klingelte, und eine nette alte Dame schlurfte vom Wohnzimmer in den Laden rüber. Bis sie endlich ankam, war die Hälfte der Waren verschwunden. Ich verkaufte alles in der Schule. Kuchen, Biskuits. Was brauchst du? Kulis? Ich habe Hunderte Kulis.

Eigentlich war es dasselbe, wie in einer Band zu sein. Nur um zu beweisen, dass man den Jungen aus Salford nehmen kann, nicht aber Salford aus dem Jungen. Denn in Joy Division und New Order klauten wir wie wahnsinnig. Wir fuhren zu diesen wunderbaren Konzerten mit all den schönen Sachen hinter der Bühne und klauten alles. Natürlich gab es auch Bands wie die Happy Mondays oder Oasis (in den Anfangszeiten), die als Saubande verschrien waren, doch sie hatten denselben Hintergrund wie wir: einfach Diebe aus der Arbeiterklasse. Man hatte nie etwas, also nahm man es sich. Dieselbe Einstellung galt auch bei der Musik: Irgendwo musste man halt anfangen. Der Unterschied war, dass niemand dieses Verhalten von Joy Division oder New Order erwartete, weil wir dieses künstlerische, intellektuelle Image hatten. Heutzutage beschränke ich die Klauerei auf Hotels.

In der Schulzeit dauerte die Klauerei nur ein paar Jahre, bis ich mich für Mädchen zu interessieren begann. Unterdessen waren Barney und ich Freunde geworden. Er war lustig. Er hatte diesen echt nordenglischen, bösen Humor und er spielte anderen gerne Streiche (aber erträgt es nicht, selber Opfer von welchen zu werden, wie man noch sehen wird), und gemeinsam waren wir böse Jungs. Wie gesagt, damals waren wir beide Skinheads und hingen gern mit den ganz Harten von der Schule rum. Sein bester Freund, Baz Benson, war der Obermacker unserer Schule, und mein bester Kumpel aus der Regent Road, Dave Ward, war der Obermacker der technischen Schule, die den Sportplätzen der Salford Grammar gegenüberlag. Sie nahmen anderen das Essensgeld weg und kauften Zeugs damit, prügelten sich, terrorisierten Lehrer und solche Sachen. Wir machten unsere Hausaufgaben nie. Scheiß drauf, wir nahmen sie am Morgen den Strebern ab, gaben ihnen eins aufs Maul und schrieben sie im Waschraum ab.

Jahre später besuchten Barney und ich die Schule noch einmal. Der NME wollte einen Artikel über uns schreiben, und der Fotograf fand, es wäre doch eine Wahnsinnsidee, ein paar Fotos von uns in unserer alten Schule zu machen. «Kein Problem, Mann», sagten wir, trafen den Typen und fuhren zur Salford Grammar rüber. Aber irgendwie hatte er die Sache nicht richtig organisiert. Ich vermute, er hat den Hausmeister angerufen und der hat wohl so was gesagt wie: «Welche Band? No Order? Sind die berühmt?»

«Blue Monday?»

«Nie gehört. Egal, sollen vorbeikommen.»

Wir gingen also hin, ich und Barney, in unseren Lederjacken und Motorradstiefeln – 1982 oder 1983 war das, und wir waren immer noch ziemlich punkig. Doch egal, wie seltsam wir aussahen, es war nichts im Vergleich zu dem, wie wir uns fühlten, während wir auf das Tor unserer alten Schule zumarschierten. Inzwischen war es eine Gesamtschule, aber sonst war alles noch genau gleich, immer noch dieselben altehrwürdigen Gebäude aus den Sechzigerjahren, und sie hatten immer noch dieselben Pokale in den Schaukästen, die Holztäfelung und die Bilder aller Schulsprecher an der Wand. Das Irrste fanden wir, dass alles noch genau gleich aussah, uns aber viel kleiner vorkam. «Verdammte Scheiße«, sagten wir uns, «wie abgefahren, wieder hier zu sein.» Es roch sogar noch gleich.

Wir kamen zum Büro des Rektors, und der Typ vom NME sagte zu der Sekretärin: «Oh, hallo, ich bin mit Peter Hook und Bernard Sumner hier, von der erfolgreichen Band New Order. Die Jungs sind hier zur Schule gegangen. Wir wollten nur fragen, ob wir im Flur draußen ein paar Bilder von ihnen machen dürfen, für den New Musical Express, die größte Musikzeitschrift Englands.»

Sie war sehr nett, sogar ein wenig aufgeregt, und sagte: «Einen Moment bitte, ich werde nur den Rektor fragen.» Und damit verschwand sie in seinem Büro. Plötzlich hörten wir: «Was? Diese zwei Vollidioten?» Die Bürotür flog auf, und unser alter Geografielehrer Dave Cain stürmte heraus, der mittlerweile Schulleiter geworden war, und brüllte uns an: «Ihr beiden Bastarde!»

Oh Mann – wie hatten wir ihm das Leben schwer gemacht.

«Haut ab!», brüllte er uns an. «Haut ab, ihr miesen Dreckskerle!»

Es ist doch seltsam. Sofort waren wir wieder Schulbuben. Als wären wir in einer Zeitmaschine zurückgereist. Augenblicklich waren wir aus dem Büro raus, rannten in unseren schweren Stiefeln die alten, hölzernen Flure hinunter, der Rektor dicht auf unseren Fersen. Das ist echt nicht gelogen, wir mussten das Gelände rennend verlassen, hysterisch lachend, rausgejagt von unserem alten Geografielehrer.

Um nicht klein beizugeben, schlichen wir uns zurück, als die Luft rein war. Der NME-Typ war langsam schwer genervt, weil er seine Bilder machen musste. Außerhalb des Schulgeländes gab es ein Schild, auf dem der Name der Schule stand. Der Fotograf fand, dieses Schild gäbe ein hübsches Motiv, also positionierte er uns daneben, jeder auf einer Seite, und machte sich bereit, das Bild zu schießen. Aber der Schulleiter muss Ausschau gehalten haben, denn plötzlich hörten wir «Oi! Ihr da! Ich meine, ich hätte euch Scheißkerlen gesagt, ihr sollt euch verpissen!»

Er kam wieder angerannt. Wir zischten wieder ab. Der Typ vom NME hatte noch immer seine Kamera auf das Schild gerichtet, aber wir waren weg, sodass er das gewünschte Bild noch immer nicht machen konnte – es gelang ihm bloß ein Polaroid zu schießen, das ich immer noch besitze. Schließlich machten wir ein echtes Fotoshooting in der Nähe von Barneys alter Wohnung in Greengate, Broughton.

Wie dem auch sei. Kurz bevor ich die Schule 1973 verließ, wurde ich zum Berufsberater geschickt, der fragte: «Was willst du werden?»

«Ich möchte in einer Band spielen.» Ich glaube, ich hatte am Abend vorher Led Zeppelin gesehen oder so was.

Er rollte mit den Augen, beugte sich über den Schreibtisch und verpasste mir ein paar Kopfnüsse. Dann, während ich so dasaß und meinen schmerzenden Kopf rieb, fragte er: «Willst du deine Hände schmutzig machen oder nicht?»

Und ich sagte: «Nun, eher nicht.»

«Also gut«, seufzte er. «Offensichtlich willst du in einem Büro arbeiten. Also, da gibt es entweder das Rathaus von Salford oder das von Manchester. Welches soll es sein?»

Nun, ich wohnte in Salford und ging darum zum Vorstellungsgespräch ins Rathaus von Salford. Nicht zu vergessen, ich war eine komplette Niete in der Schule – ich hatte rein gar nichts gearbeitet, und das einzige Examen, das ich bestehen würde, war Englisch. Als der Typ im Salforder Rathaus fragte, ob ich meine O-Levels bestehen würde, sagte ich: «Nein, nicht wirklich. Vielleicht schaffe ich mit Glück ein oder zwei Prüfungen, aber für den Rest wird es nicht reichen».

«Alles klar – hau ab, du Bastard», sagte er und schmiss mich raus.

Ich ging also zum Rathaus von Manchester, wo der Typ mich fragte: «Wirst du deine O-Level schaffen?»

Und ich sagte: «Na klar werd ich das. Ich schaffe sie alle. Sechs garantiert. Kein Problem.»

Und er sagte: «Gut, okay, du hast den Job.»

Verdammt, das war einfach.

Ich hatte in englischer Literatur knapp bestanden – und das war’s dann auch. Ich rasselte sogar im technischen Zeichnen durch, meinem Lieblingsfach. Der Lehrer, Cup Cake, wie wir ihn nannten, ein ziemlich bekloppter alter Tatterer, hatte nicht gemerkt, dass es zwei Aufgabenblätter waren, und gab uns das zweite erst, kurz bevor die Zeit um war. Als wir uns beschwerten, sagte er bloß: «Pech.» Barney hatte Kunst belegt. Um in Kunst zu bestehen, musste man bloß wach sein, hieß es, also schaffte er zwei O-Level – Kunst und Englisch – und ich bloß einen, weil ich Kunst nicht belegt hatte. Das wurde eine der vielen anhaltenden Rivalitäten zwischen uns.

Ich hatte zuvor schon mal einen Job. Als ich vierzehn Jahre alt war, besorgte mir Tante Jean Arbeit beim Putzen von Büros im Quay House in Manchester. Ich arbeitete für eine Firma namens Whipclean, und viele meiner Freunde traten in diese Firma ein. Es war ein wertvoller Beitrag zu unserer Bildung, mit all diesen deftigen alten Weibern zusammenzuarbeiten – Tante Jean steht die zweifelhafte Ehre zu, die erste Frau zu sein, die ich je fluchen hörte. Es war ein Spitzenjob: 1,75 Pfund die Woche für zehn Stunden Arbeit. Damit verdiente ich das Geld, das ich brauchte, um ein gut gekleideter Suedehead zu sein. Aber der Job im Rathaus von Manchester war mein erster echter Job. Ich bekam 8 Pfund die Woche. Ich arbeitete im Büro 234 unter einem alten Kerl namens Mr. Wilson, der den ganzen Tag Pfeife rauchte. Ironie des Schicksals, wenn man bedenkt, was für eine Rolle ein gewisser anderer Mr. Wilson in meinem Leben spielen sollte.

«Was soll ich tun, Mr. Wilson?», fragte ich jeweils.

Er nuckelte an seiner Pfeife und sagte dann: «Setz dich einfach hin und stör mich nicht, Peter.»

Also tat ich das. Ich saß den ganzen Tag herum, tat nichts und ließ Mr. Wilson in Ruhe.

Es war während meiner Zeit im Rathaus, als ich ein Wahnsinnserlebnis in der Lesser Free Trade Hall hatte – allerdings nicht das, an welches man jetzt denken könnte. Es war die Nacht der Weihnachtsparty, und meine Arbeitskollegen hatten mich die ganze Woche über aufgezogen, weil es meine erste Büro-Sause war. Sie erzählten mir Schauergeschichten, was dieser und jener letztes Jahr angestellt hätte. Ich war sechzehn. Nach der Arbeit schleppten sie mich und ein paar andere Bürojungs in den Pub und flößten uns Bier ein, bis sich mir alles drehte. Ich erinnere mich, wie ich in der Lesser Free Trade Hall für unser großes Weihnachtsbuffet eintraf, es die Treppe hinunter und in eine Ecke des Raumes schaffte, aber nicht weiter, weil ich so betrunken war, dass ich ohnmächtig wurde. Wie lange ich da lag, weiß ich nicht. Das Nächste, woran ich mich erinnere, ist, wie meine Arbeitskollegen mich hochhoben und wegtrugen, es sah aus wie eine Art Wikingerbegräbnis, aber aus irgendwelchen Gründen trugen sie mich nur bis zur Treppe. Dort legten sie mich hin und ich lag kopfüber auf der steinernen Treppe und kotzte. Alles drehte sich. Dann, nach und nach, bemerkte ich Füße neben meinem Kopf und jemand fragte: «Wer ist das?» Als es mir gelang, die Augen scharf zu stellen, erkannte ich den Oberbürgermeister.

«Oh, das ist Peter Hook, von der Verwaltung» sagte der Stadtschreiber und half dann dem Oberbürgermeister und seiner Frau, über mich rüberzusteigen und der Kotze auszuweichen, sodass sie ihr Weihnachtsessen einnehmen konnten. Später brachten mich zwei Arbeitskollegen heim.

«Wo wohnst du, Junge?», fragte der eine.

«Gleich um die Ecke«, murmelte ich, und die armen Schweine trugen mich schließlich den ganzen Weg zu unserem Haus in Ordsall, eine Stunde entfernt, und ich sagte immer wieder: «Gleich um die Ecke.» Den ganzen Heimweg.

«Wo ist es, Junge? Verdammte Scheiße!»

«Gleich um die Ecke.» Sie lehnten mich gegen die Haustür, klopften an und rannten weg, sodass ich umfiel, als die Tür aufging. Meine Mutter rastete aus.

Das war also mein erstes Erlebnis in der Lesser Free Trade Hall. Erstaunlicherweise behielt ich meinen Job. Ich verbrachte weiterhin meine Tage damit, Mr. Wilson nicht zu stören.

In der Nacht hing ich mit Bernard rum. Wir hatten beide Motorroller, aber Barney hatte seinen vor mir. Das Mindestalter war von sechzehn auf siebzehn erhöht worden, und er hatte bei der Altersangabe geschummelt, um seinen zu bekommen. Mein Geburtstag ist im Februar, also musste ich ein Jahr warten. Wir begannen langsam, uns für Musik zu interessieren. Wir begannen mit Soul und Reggae und gingen dann zu Pop über. Barney hatte auf seinen Roller mit Klebebuchstaben den Schriftzug «Santana» angebrachten, seine Lieblingsgruppe, und auf meinem stand «Abraxas», der Name ihres zweiten Albums. Wir fuhren mit unseren Santana-Rollern die Langworthy Road rauf und runter und hielten nach Mädchen Ausschau, die wir anquatschen konnten.

So lief das: Tagsüber arbeitete ich, und nachts ging ich aus und baute Mist. Super. Aber so konnte es nicht bleiben. Diese O-Level brachen mir das Genick. Ironischerweise machte ich meinen Job gut und war sogar für eine Lohnerhöhung vorgesehen. Aber das bedeutete, dass die Personalabteilung auf mich aufmerksam wurde und feststellte, dass ich meine Examen nicht bestanden hatte. Ich versuchte sie nachts, nach der Arbeit, nachzuholen, jedoch ohne Erfolg. Ich hatte einen schlauen Plan ausgeheckt, bei dem ich für Examen zahlte, die ich nie ablegte. Also baten sie mich zu gehen. Es eilt nicht, sagten sie, aber ich wusste, früher oder später musste ich gehen. Normalerweise war ich zu beschäftigt damit, mich zu amüsieren, mit den Jungs rumzuhängen, um mich mit Examen zu beschäftigen, aber schlussendlich war es David Essex, der mir einen Ausweg zeigte.

Scheiß David Essex.

Barney aß immer allein oder im Badezimmer


Ich hatte mit Danny McQueeney, Deano, Greg Wood und Ian Benbow, alles Kumpels von der Schule, im Carlton in Salford That’ll Be the Day gesehen, mit David Essex und Ringo Starr in den Hauptrollen. Der Film war toll. Für die, die ihn nicht gesehen haben: David Essex spielt darin einen liebenswerten Kerl, der auf dem Rummel arbeitet und bei Butlin’s – einer britische Ferienresortkette – rumvögelt, sich prächtig amüsiert und dann ein Rockstar wird. Nun muss man wissen, dass ich in dem Alter genau das wollte: rumvögeln und ein Rockstar sein, und wahrscheinlich in dieser Reihenfolge, wenn ich ehrlich bin. Für mich war die Sache klar, so wollte ich leben. Also überzeugte ich meine Kumpels, dass sie das auch wollten – dass wir alle unsere Jobs aufgeben und bei Butlin’s anheuern sollten.

Wir alle bewarben uns. Butlin’s führte im Midland Hotel in Manchester Bewerbungsgespräche durch. Man musste bloß anrufen, vorbeigehen und lächeln.

«Sind Sie vorbestraft?», fragten sie.

«Nein», sagte ich. Meine Nase wurde länger.

«Okay, alles klar. Was wollen Sie bei Butlin’s werden? Wollen Sie ein Animateur werden? Ich wollte kein Animateur werden. Es klingt vielleicht seltsam, aber ich bin ziemlich schüchtern, also beschloss ich, in der Küche zu arbeiten. Als Nächstes wollten sie wissen, in welchem Butlin’s ich arbeiten wollte. Wir hatten zuvor ausgemacht, dass wir Pwllheli sagen würden, und wenn das nicht möglich wäre, Blackpool.

Ich landete weder im einen noch im anderen. Keiner von uns. Wir kamen nach Clacton-on-Sea.

Aber das war egal. Und obwohl keiner von uns wusste, wo das lag, und wir nicht auf die Idee kamen, nachzuschauen, waren wir völlig aus dem Häuschen, den Job bekommen zu haben, und glücklich, dass alle fünf zusammenarbeiten würden. «Spitze!», dachten wir. Wir kündigten unsere Jobs, sagten unseren Eltern bis am Sonntag vor der Abreise nichts und bestiegen am Montag den Bus nach Clacton.

Wo es überhaupt nicht so war wie in That’ll Be the Day. Es war ein Albtraum. Von der ersten bis zur letzten Minute.

Erstens war es dreckig und heruntergekommen – zumindest der Teil, in dem die Angestellten wohnten – und es gab für uns fünf nur zwei Chalets, einer musste also auf dem Boden schlafen. Dann waren da die anderen Angestellten, und das war der übelste Haufen von Dreckskerlen, den ich je gesehen habe. Wir merkten bald, dass sie alle Gangs angehörten. Es gab die Cockney Gang (die aus London) und die Geordie Gang (die aus dem Norden), die sich natürlich hassten und ständig bekämpften. In der Nacht war es wie im Wilden Westen. Wenn man am Morgen aufwachte, sah man nicht nur überall Blutspuren, sondern auch, wie diese Kerle ihre Eroberungen der letzten Nacht rausschmissen, diese armen jungen Mädchen, die sie irgendwie in ihre Chalets gelockt hatten. Es waren die Töchter von Gästen und manchmal auch die Ehefrauen.

In der Küche arbeitete ich mit den größten Vollidioten zusammen, die man sich vorstellen kann. Mein Chef war dieser Schotte, der immer nach Schnaps stank. Zuerst ließ er mich eine Treppe scheuern, die völlig verdreckt war. Als Nächstes befahl er mir, ich solle zur Essensausgabe und Sellerie für das Mittagessen der Gäste austeilen.

«Okay», sagte ich, «ich geh mir nur schnell die Hände waschen …»

«Bist du blöd oder was?», schnauzte er. «Widersprich mir nicht und geh zur Scheiß-Essensausgabe.»

Auch die Cockney-Wichser, die dort arbeiteten, hatten ein paar lustige Scherze auf Lager. Wenn man das Licht im Chalet anließ, schmissen sie zum Beispiel einen Mülleimer durch das Fenster. (Sie konnten einen ja nicht beklauen, wenn das Licht an war. Sie wussten nicht, ob man drin war oder nicht. Sie leerten auch vor dem großen Hähnchengrill heißes Fett auf den Fußboden. Dann schickten sie mich, die gegrillten Hähnchen rauszunehmen, es waren Hunderte, und wetteten darauf, wann ich hinknallen würde. Wenn wir an der Essensausgabe arbeiteten, schmissen sie uns von hinten Tomaten an die Köpfe. «Was zum Teufel ist hier los?», dachte ich die ganze Zeit. Es hätte meine Flucht aus dem Alltagstrott werden sollen, mein That’ll Be the Day-Leben. Ich vermisste Mr. Wilson. Der Trott war besser als das hier. Alles war besser als das hier.

An unserem dritten Abend im Camp, am Donnerstag, machten wir uns schick zum Ausgehen, in der Hoffnung, Mädchen aufzureißen, wie der verfluchte David Essex, als ein Typ von einem Nachbarchalet zu mir sagte: «Ist das eine Lederjacke, Mann? Verdammte Scheiße, du wirst sie keine zwei Minuten lang behalten. Jemand wird dir einen Kinnhaken verpassen und sie dir abnehmen. Versteck sie sofort!»

Also zog ich sie aus und wir trotteten in die Western Bar rüber. Wir alle hatten dieselben miesen Erfahrungen gemacht und tauschten Horrorstorys von der Arbeit aus und beklagten ganz allgemein unser Schicksal, als eine gewaltige Schlägerei losbrach. Es waren die Küchen-Cockneys gegen die Geordies. Weiß Gott, wie es angefangen hat, aber diese Keilerei mitten in der Bar geriet völlig außer Kontrolle, die Gäste rannten in Deckung und alle schrien rum. Und dann packten die Cockneys einen der Geordies und warfen ihn durch die Frontscheibe der Bar. Sie ließen ihn einfach dort im kaputten Fenster hängen, halb drin, halb draußen, setzten sich hin und tranken weiter.

Wir machten uns aus dem Staub, wieselten zurück in unser Chalet. Wir saßen aus Sicherheitsgründen alle in einem der Chalets, zitterten wie die Hunde und jammerten: «Wir müssen weg hier – wir müssen weg hier.»

Dann hörten wir draußen einen Tumult, zwei besoffene Cockneys. Es war unterdessen zwei Uhr morgens, und es ging schon wieder los. Ein paar Geordies lauerten ihnen genau vor unserem Chalet auf und traten die beiden zu Brei. Aber dann kamen die anderen Cockneys um die Ecke, erwischten die beiden Geordies und begannen diese zu Brei zu treten. Irgendwann hatten sie den einen Geordie gepackt und knallten seinen Kopf gegen die Wand unseres Chalets. Wir saßen unterdessen zähneklappernd drin und murmelten immer noch: «Wir müssen weg hier.» Wir waren ja gerade erst siebzehn.

Schlussendlich schliefen wir alle, wo wir waren. Als wir am nächsten Tag aufstanden, war vor unserem Chalet alles voll Blut, und das war’s dann: Wir beschlossen auf der Stelle, dass wir genug hatten, und kündigten.

Zur gleichen Zeit checkten wegen der Keilerei 500 Gäste aus, und die Polizei kam und versuchte herauszufinden, wer den Geordie durch die Scheibe der Western Bar geschmissen hatte – der arme Kerl lag auf der Intensivstation. Wir waren extrem kooperativ … und sagten der Polizei, dass wir nichts gesehen hatten, weil wir in unseren Betten lagen. Alles, was wir wollten, war, die Woche fertig zu arbeiten und dann so schnell wie möglich abzuhauen. Ich muss sagen, noch nie war ich so froh, in einen Bus zu steigen.

Bei unserer Rückkehr nach Manchester wäre mir ein Job bei der Kanalreinigung lieber gewesen als Butlin’s, aber dank Danny McQueeney bekam ich einen fantastischen Job als Schichtarbeiter im Co-Op Tee-Lagerhaus an der Ordsall Lane. Meine Pflichten bestanden unter anderem darin, meinen Arsch plattzusitzen und hin und wieder in dem warmen, wunderbar duftenden Teelager einzupennen. Jedes Mal, wenn ich an einem Teebeutel rieche, bin ich wieder dort. Es war auch gut bezahlt. Ich war sechs Wochen lang dort und begeistert, absolut begeistert, bis meine Mum zu mir sagte:

«Du kannst nicht im Co-Op Teelager arbeiten, mein Peter, das ist unter deiner Würde.»

Ich versuchte gar nicht zu diskutieren. Sie arbeitete bereits für die Manchester Ship Canal Company an der King Street, und ich denke, sie bequatschte jemanden, damit ich mich für einen Job in ihrem Speditionsbüro an der Chester Road vorstellen durfte. Ich bekam den Job und arbeitete ganz in der Nähe von dem Ort, wo Jahre später die Haçienda sein würde. An meinem ersten Tag sagte mein neuer Boss, Peter Bierley, zu mir: «Du hast Glück, weißt du? Der Tisch, den du bekommst, das war mal der Schreibtisch von George Best.» Offenbar hatte er während seiner Lehre dort gearbeitet, bevor er Profi bei Manchester United wurde.

Ich habe sogar eine George-Best-Geschichte auf Lager. Es war viel später, als ich mit Caroline Aherne verheiratet war, die im Fernsehen Mrs. Merton spielte. Ich und sie, das ist noch mal eine ganz andere Geschichte, die wir jetzt nicht anschneiden wollen – oder besser gar nicht (nun, vielleicht im Buch über New Order) –, aber die Sache war so: Wir machten in Spanien Urlaub, und eines Abends waren wir in dieser Bar, und in der Bar gegenüber war George Best mit einem Haufen Jungs und einem Mädchen, das sehr, sehr betrunken war. Sie torkelte da rum, völlig hinüber, und die Jungs, die mit George da waren, begrapschten sie der Reihe nach.

Ich und Mrs. Merton regten uns ziemlich auf, als wir das sahen. Also sagte Mrs. Merton zu mir: «Du kennst ihn, du solltest rübergehen und ihnen sagen, sie sollen aufhören.»

Nun, New Order hatten den Titelsong für die Fernsehsendung geliefert, die Tony Wilson über George Best und Rodney Marsh gemacht hatte. Er sagte, der Sender hätte kein Geld für einen Titelsong, und fragte uns, ob wir nicht gratis einen machen könnten, was wir dann taten. Mehr war da nicht.

«Na, was heißt hier kennen?», sagte ich. «Wir haben den Titelsong für die Sendung geschrieben, aber ich kenne ihn nicht persönlich.»

«Dann geh halt rüber und sag einfach Hallo. Dann wird er sich schämen und damit aufhören.»

Um ehrlich zu sein, hatte sich die Situation bis dahin etwas beruhigt, aber Mrs. Merton drängte mich weiter, also gingen wir schließlich beide rüber und ich sagte:

«Hallo, George.»

Er drehte sich um. Er war so besoffen, dass er schwankte und Mühe hatte, seinen Blick scharfzustellen. «Wassis?», lallte er.

«Mein Name ist Peter Hook, von New Order», sagte ich. «Wir haben den Titelsong für Best & Marsh geschrieben.»

Und er sagte: «Ja, ich weiß», drehte sich um und nahm nicht weiter Notiz von mir. Es war echt peinlich. Ich stand da und fühlte mich wie ein Vollidiot. Dann begann Mrs. Merton herumzukeifen, und ich musste sie rauszerren. Unterdessen fingen die Jungs wieder an, das Mädchen zu begrapschen. Schließlich retteten wir sie, zogen sie weg, und die Typen, die mit George Best unterwegs waren, begannen sich ein wenig aufzuspielen: «Was zum Teufel tust du da?»

«Hau ab, Mann», sagte ich. «Sie ist dicht und sollte nach Hause gehen. Sie sollte nicht mehr hier sein.»

George Best schien von alldem nichts mitzubekommen. Besser, du triffst deine Helden nicht.

Wie dem auch sei, die Welt ist klein. Ich bekam also George Bests Job bei der Manchester Ship Canal Company, und später gründete ich eine Band und wollte ihm dann auf die Schnauze hauen. Aber damals war ich überglücklich, seinen Job zu haben.

Ich wohnte noch immer in Ordsall und konnte zu Fuß zur Arbeit gehen. Meine Abteilung wurde bald ins Dock Office an der Trafford Road verlegt, was noch näher war. Ein Jahr lang war alles perfekt. Aber wie schon gesagt, die Behörden waren dabei, die Stadt zu sanieren, und sie begannen, alle Häuser in Ordsall abzureißen. Sie wollten alle Leute in eine neue Siedlung namens Ellor Street überführen, in der Nähe des Precinct in Salford.

All meine Freunde zogen dorthin. Die Siedlung bestand aus Siebzigerjahre-Hochhäusern und einem Einkaufzentrum, alles aus Beton. Es war scheußlich, grauenhaft, eine Betonwüste. Schon als es neu eingeweiht wurde. Darum wollte meine Mutter, Gott segne sie, nicht umziehen. Der Kleine und ich waren untröstlich, weil alle unsere Freunde umgezogen waren, aber sie gab nicht nach, nicht einmal, als die Bulldozer kamen und wir mehr oder weniger das letzte Haus in Ordsall waren, das noch stand – nur unseres, und links und rechts ein leer stehendes, um es zu stützen. Sie boten ihr Wohnungen in der Ellor Street an, um uns loszuwerden, aber sie wollte nicht in eine Wohnung ziehen. Sie wollte davon nichts wissen. Alle Wohnungen, die sie ihr zeigten, waren Dreckslöcher. Die Ellor Street sei ein Drecksloch, sagte sie. Und sie hatte recht: Es war ein Drecksloch. Aber all meine Freunde wohnten in diesem Drecksloch, und ich wollte auch dort wohnen. Ich erinnere mich, wie ich sie überredete, wenigstens einmal eine Wohnung anzuschauen. Wir fuhren zur Besichtigung hin, und im Eingang des Hauses stand der Satz «Glasgow Ranger sterben heutnacht!» gesprüht. Ich weiß nicht, ob es die falsche Rechtschreibung war, die sie empörte, aber auf alle Fälle musste Bill sofort umdrehen, und sie kehrte nie wieder zurück.

Wir lebten etwas sechs Monate lang so, ganz alleine, wie eine seltsame Familie in einem surrealistischen Film. Es fuhren keine Busse mehr – es gab überhaupt keinen Verkehr mehr. Um irgendwo hinzukommen, mussten wir über das Brachland gehen, wo einst Häuser gestanden hatten. Bis meine Mutter schließlich ein Angebot erhielt, nach Little Hulton zu ziehen, eine andere Trabantenstadt. Man bot ihr ein Haus an mit drei Schlafzimmern, an der Brookhurst Lane, mit Vorgarten, Garten und einer Innentoilette. Dafür gab es keine Heizung, aber abgesehen davon war es fantastisch, und sie sagte sofort zu.

So zogen wir nach Little Hulton, während all meine Freunde in Salford wohnten. Zwanzig Meilen sind eine verdammt weite Strecke für einen Siebzehnjährigen ohne Auto. Ein Albtraum. Zu dieser Zeit begann ich, viel Zeit bei Barney zu verbringen, weil es so mühsam war, zurück nach  Little Hulton zu kommen. An den meisten Wochenenden nahm ich am Freitag nach der Arbeit den Bus zu ihm nach Broughton. Wir hingen im Pips oder im Man Alive in der Stadt rum, besoffen uns und versuchten, Mädchen aufzureißen, obwohl wir nie Erfolg hatten. Am Samstag nüchterten wir aus, gingen nachts wieder aus, Tiffanys Rotter’s oder Rowntrees Sound, beide in der Stadt, besoffen uns und versuchten, Mädchen aufzureißen, dann zurück zu ihm nach Hause, wo ich auf dem Fußboden schlief. Wir lungerten den ganzen Sonntagmorgen rum, machten am Nachmittag Unfug, und dann nahm ich den letzten Bus heim.

Es ist nicht an mir, über Barneys Situation zu sprechen, aber sagen wir mal, sein Familienleben war irgendwie nicht so ganz durchschnittlich. Er wurde von seiner Mutter und seinem Vater ziemlich verwöhnt. Sie waren nicht gerade reich oder so was, aber alles, was er wollte, bekam er – oder zumindest schien es so: Roller, Kleider, später eine elektrische Gitarre, einen Verstärker etc.

Der einzige Raum in dem Haus, der etwas Charakter hatte, war sein Zimmer. Mit den Postern an der Wand und all seinem Kram, der rumlag, sah es wie ein echtes, bewohntes Zimmer aus, während der Rest des Hauses seltsam sauber und ordentlich war. Keine Zeitung lag herum, der Fernseher lief nie – es war irgendwie leblos –, und Barney aß immer alleine oder im Bad. Er aß immer im Bad und schlief dann ein, und wenn er aufwachte, schwammen Teile seines Essens in der Wanne herum. «Verdammt, ich bin schon wieder eingeschlafen», stöhnte er dann. «Das verdammte Abendessen landete im Bad.» Wir verbrachten auch viel Zeit auf der anderen Seite des Kanals, bei seinem Opa und seiner Oma, den Sumners. Sie waren sehr nett und verwöhnten ihn von hinten und vorne.

Ich war damals zwanzig, Anfang 1976, kurz bevor die Sex Pistols zum ersten Mal in Manchester spielten.

Oh Fuck, das ist Steve Harley


Mit zwölf oder dreizehn begann ich mich für Popmusik zu interessieren, und wie jeder Teenager zu jener Zeit klebte ich Woche für Woche vor dem Fernseher, wenn Top of the Pops lief. Dann schenkte mir jemand ein Tonbandgerät und ein paar Bänder, auf denen schon eine Menge Musik drauf war, die ich immer und immer wieder hörte – Sachen wie «Chirpy Chirpy Cheep Cheep». Trotzdem, nichts kam an Top of the Pops heran, dafür lebte ich. Heutzutage, mit MTV und YouTube und wo einem in jedem Laden, Restaurant oder Supermarkt Musik in die Ohren geblasen wird, vergisst man, dass damals Top of the Pops die einzige Möglichkeit war, Bands zu sehen, die Pop-Musik spielten. Für einen Jungen aus Salford war es eine Offenbarung, zu sehen, wie Deep Purple «Black Night» spielten oder Sabbath «Paranoid» runterfetzten, The Family «The Weavers Answer» spielten, Marc Bolan, Bowie … Es war wie ein Fenster zu dieser wunderbaren anderen Welt, auch wenn sie nur Playback spielten. Und es nervte unsere Eltern.

Als ich älter wurde, als Skinhead, entdeckte ich Reggae: the Upsetters, the Pioneers, Desmond Dekker, Dave & Ansel Collins. Ich war allerdings bereits im vierten Jahr an der Grammar School, als ich in den Besitz meines ersten Plattenspielers kam. Ich kaufte ihn Martin Gretsy ab, der dringend Geld brauchte. Wenn ich ehrlich bin, glaube ich nicht, dass seine Mutter überhaupt mitbekam, dass er ihre Dansette verkaufte, aber ich gab ihm 11 Pfund dafür. Alles, was ich hatte, und damals ein Schnäppchenpreis. Das bedeutete aber, dass ich kein Geld mehr hatte, um Platten zu kaufen, was meine Mutter unsäglich komisch fand. Also klaute ich welche. In der Langworthy Road gab es einen Laden, der gebrauchte Jukebox-Singles verhökerte, die draußen in einer Kiste standen.

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