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Universitätsmamsellen

Eckart Kleßmann

Universitätsmamsellen

Fünf aufgeklärte Frauen zwischen Rokoko, Revolution und Romantik

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Begründet von
Hans Magnus Enzensberger

Herausgegeben
von Klaus Harpprecht und Michael Naumann

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ISBN 978-3-8477-5281-3

© für die deutschsprachige Ausgabe:

AB – Die Andere Bibliothek GmbH & Co. KG, Berlin
www.die-andere-bibliothek.de

Universitätsmamsellen, Fünf aufgeklärte Frauen zwischen Rokoko, Revolution und Romantik von Eckhart Kleßmann ist April 2008 als zweihunderteinundachtzigster Band der Anderen Bibliothek erschienen und inzwischen vergriffen.

In gedruckter Form erhältlich im Abonnement www.ab-abo.de oder

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Herausgabe: Klaus Harpprecht und Michael Naumann

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DIE ANDERE BIBLIOTHEK soll die Schönste Buchreihe der Welt (Die Zeit) bleiben.

In der Geschichte der DIE ANDERE BIBLIOTHEK gab es Umzüge, Umstellungen und Personalwechsel. Und seit Januar 2011 wählt Christian Döring monatlich sein Buch aus und gibt es im neuen Verlag DIE ANDERE BIBLIOTHEK unter dem Dach des Aufbau Hauses am Berliner Moritzplatz heraus. Aber in Haltung, Gestaltung und Programm hat sich am Anspruch seit bald drei Jahrzehnten nichts geändert. Denn wir wissen: Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern ….

Das Programm DIE ANDERE BIBLIOTHEK folgt inhaltlich seit Anbeginn nur einem Maßstab: Genre-, epochen- und kulturraumübergreifend wird entdeckt und wiederentdeckt, die branchenübliche Einteilung in Sachbuch und Literatur hat nie interessiert, der Klassiker zählt so viel wie die Neuerscheinung. Wir folgen dem »Kanon der Kanonlosigkeit«, nur Originalität und Qualität sollen zählen.

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ERSTES KAPITEL

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Die Stadt

GÖTTINGEN WAR WIRKLICH ETWAS BESONDERES. Nie hätte sich der Magistrat des heruntergekommenen Städtchens träumen lassen, so gänzlich unvermutet und gleichsam über Nacht der Stätte einer veritablen Universität vorzustehen, emporgehoben aus den Niederungen eines dürftigen Kleinhandels in die Höhen weithin strahlender Gelehrsamkeit. Das Wunder ereignete sich so:

Nach dem Ende der Dynastie der Stewarts auf dem englischen Thron war die Krone dem Kurfürsten von Hannover zugefallen, der als Georg I. am 1. August 1714 englischer König geworden war. Sein Sohn, Georg II., König seit 1727, regierte in Personalunion sein Kurfürstentum de iure von London aus, de facto aber versah die Amtsgeschäfte ein Geheimes Rats-Kollegium in Hannover. Zwischen dem König und diesem Kollegium stand zwar die »Deutsche Kanzlei« in London, tatsächlich aber wurde die nicht sonderlich viel beschäftigt, denn als heimlicher Regent wirkte der vom König eingesetzte Premierminister Gerlach Adolph von Münchhausen, der dem Geheimen Rats-Kollegium vorstand.

Das Kurfürstentum Hannover besaß damals nur eine Universität, Helmstedt, 1576 gegründet. Eine zweite und vor allem modernere tat not, denn eine Universität war, wie sich noch zeigen wird, ein beachtlicher Wirtschaftsfaktor. Statt des etwas antiquierten Helmstedt bevorzugten die Landeskinder mehr und mehr das preußische Halle oder das sächsisch-weimarische Jena. Warum sollten sie ihr gutes Geld nicht im Land halten und die neue Universität so ausgestalten, daß man auch über die Grenzen Attraktivität ausstrahlte und fremde Untertanen anzog?

Der erste Planungsentwurf lag 1732 vor, und als Standort entschied man sich sehr rasch für Göttingen. Der erstmals 953 urkundlich erwähnte Ort, der seit dem Anfang des 13. Jahrhunderts die Stadtrechte besaß, hatte sich früh zu einer florierenden Handelsstadt entwickelt, ehe er vom Dreißigjährigen Krieg ruiniert wurde. Kontributionen und Einquartierungen führten bald zu einer unermeßlichen Verschuldung, Seuchen und Abwanderung dezimierten die Bevölkerung, Handel und Handwerk lagen brach. Die über Jahrhunderte gepflegten Handelsverbindungen (Göttingen war auch Mitglied der Hanse gewesen) waren abgerissen, die Tuchindustrie, die der Stadt Wohlstand gebracht hatte, existierte nicht mehr, Privilegien wie Münz- und Zollrecht hatte man dem Landesherrn zurückgeben müssen. Über ein Drittel aller Häuser standen leer und verfielen. Um 1700 lebten in Göttingen etwa 1500 Einwohner. Eine Universität, an welcher »Sr. Königl. Maj. Unterthanen zu den ordentlichen kirchen- und weltlichen Bedienungen nach Erheischung jetziger Umstände besser als anderswo präpariert werden« könnten, wäre zweifellos geeignet, der Stadt allmählich etwas von ihrem alten Glanz zurückzugeben.

Am 23. April 1733 bekam der Magistrat Göttingens von der Regierung in Hannover die offizielle Mitteilung: »Euch wird ab dem, was bey letzterer Versamlung derer Land= Stände zur proposition gekommen, bereits bekant worden seyn, welchergestalt Se. Königl. Majt. unser allergnädigster Herr gewillet sind, in dortiger Stadt eine Universität einzurichten.« Diese Gründung werde »insbesondere eurer Bürgerschaft Vortheil und Nahrung bringen, folglich der Stadt-Aufnahme mercklich vermehren«.

Göttingens Magistrat ließ es erst einmal ruhig angehen, nach Einschätzung der auf Aktivität bedachten Regierung viel zu ruhig, denn es entging ihr nicht, daß es der Stadt an rechter Arbeitslust mangelte. Aber die Zeit drängte. Am 21. Februar 1733 hatte der Kaiser in Wien der neuen Universität ein kaiserliches Privileg erteilt, das dem der 1694 gegründeten preußischen Universität Halle entsprach, und die neue Hochschule sollte 1737 eröffnet werden. So beauftragte die Regierung eine Kommission zur Überwachung der Koordination der Arbeiten und unterstellte den Göttinger Bürgermeister Georg Friedrich Morrien, ohne ihn zu fragen, dem Northeimer Bürgermeister Friedrich Ferdinand Insinger, der im Januar 1736 seine neue Tätigkeit aufnahm und auch gleich die gewünschte Energie walten ließ. Es war viel zu tun.

Zwar hatte man schon 1702 die Neubebauung vorangetrieben und verfallene Häuser und Grundstücke kurzerhand enteignet, wenn die ursprünglichen Eigentümer nicht mehr zu ermitteln waren, aber das hatte natürlich nicht gereicht, der künftigen Universitätsstadt ein einladendes Aussehen zu geben.

Wasserleitungen mußten verlegt und neue Brunnen gebohrt werden, alle Plätze und die wichtigsten Straßen waren zu pflastern, Straßenlaternen aufzustellen, die Reinigung der Straßen und die Müllabfuhr zu organisieren, die Wälle mit Linden zu bepflanzen und die Hausbesitzer anzuhalten, ihre Häuser verputzen und streichen zu lassen. Auch mangelte es empfindlich an Gasthöfen für bessergestellte Besucher und Durchreisende, aber die meisten Sorgen bereitete die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln, zumal die zu erwartende Universität immer mehr Menschen nach Göttingen zog. Zwischen 1736 und 1756 waren es zweitausend, fast schon zuviel für eine Stadt, die selbst ihre bis dahin 3500 Einwohner nicht besonders gut hatte versorgen können. Es mangelte empfindlich an Frischfleisch, die Getreidepreise stiegen, die Bierbrauer konnten der wachsenden Nachfrage nicht mehr gerecht werden, es fehlte ein solider Weinhandel, und das Brennholz wurde immer teurer. Zwar erlebte das Bekleidungs- und Baugewerbe eine Hochkonjunktur, und auch die Handwerker hatten gut zu tun. Doch alle diese kleinen, mit Kapital kaum ausgestatteten Betriebe beschäftigten nur sehr wenige Menschen, und den steigenden Preisen standen konstant gebliebene Löhne gegenüber. Vierzig Prozent der Einwohner Göttingens rechnete man damals zur Unterschicht, die wirklich Armen und Bedürftigen nicht mitgezählt.

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Die Universität

UNIVERSITÄTEN VON HOHEM WISSENSCHAFTLICHEM Ansehen gab es längst in Frankreich, Italien und Spanien, ehe sich Kaiser Karl IV. entschloß, 1346 in Prag die erste deutsche Universität zu gründen. Was dem Kaiser recht war, konnte den Landesfürsten nur billig sein, und so folgten denn schon bald die Gründungen der Universitäten Heidelberg (1386), Köln (1388), Erfurt (1392), Würzburg (1402), Leipzig (1409), Freiburg (1457), Tübingen (1476), Marburg (1527), Jena (1558), Helmstedt (1576) und Gießen (1607); da jeder Herzog und Kurfürst auch eine Hochschule sein eigen nennen wollte, besaß Deutschland die meisten Universitäten in Europa. Hier sollte die intellektuelle Elite des Landes ausgebildet werden, Juristen und Theologen, deren das Staatswesen bedurfte, und so bestanden die meisten Universitäten aus der Fakultät der Theologie und – in einigem Abstand im Rang – jener der Rechtswissenschaften; die Medizin kam als eigene Fakultät erst im 17. Jahrhundert hinzu und wurde nur an ganz wenigen Universitäten (vor allem in Mainz) gepflegt; ihr ermangelte die gesellschaftliche Reputation, die sie erst im späten 18. Jahrhundert erlangte. Neben den Universitäten gab es als weitere Ausbildungsstätten Forst-, Berg- und Handels-Akademien.

Einen besonderen Fall bildete die als Hochburg der lutherischen Orthodoxie geltende Universität Tübingen, der Herzog Ulrich von Württemberg 1536 noch eine Bildungsanstalt für württembergische Theologen anschloß, genannt »das Stift«. Für dessen Besuch setzte der Herzog Stipendien aus, die »armer, frommer Leut Kinder« zugute kommen sollten. Dort legte man besonderen Wert auf die philosophische und sprachliche Schulung. Zu den berühmten »Stiftlern« zählten der Astronom Johannes Kepler, die Dichter Friedrich Hölderlin, Eduard Mörike und Wilhelm Hauff, die Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und die Theologen Johann Albrecht Bengel und Friedrich Christoph Oetinger.

An den deutschen Universitäten, selten von mehr als 200 bis 400 Studenten besucht, herrschten ein grober Ton und rauhe Sitten. Rüpelhaftes Benehmen und eine zotige Sprache galten als üblich, blutige Ehrenhändel nicht minder. Ein 1617 kursierender Spruch charakterisierte das so:

Wer von Tübingen kommt ohne Weib,

Von Leipzig mit gesundem Leib,

Von Helmstedt ohne Wunden,

Von Jena ohne Schrunden,

Von Marburg ungefallen,

Hat nicht studiert an allen.

Wenn der Freiherr von Münchhausen für seine neue Universität eines nicht wollte, so war es Flegeltum (»Grobianismus«) als Ausweis studentischen Lebens und Strebens. Seine neue Hochschule sollte sich nicht nur durch wissenschaftliche Qualität, sondern auch durch gute Umgangsformen und Wohlanständigkeit empfehlen. Diese Einstellung war dem segensreichen Wirken der Aufklärung zu danken und ihrem neuen Wissenschafts- und Universitätsideal, das die Theologie nun von ihrem bisher unangefochtenen ersten Platz zugunsten der Rechtswissenschaften verdrängte. Beispielhaft für den Einfluß der Aufklärung war die erst 1694 gegründete Universität Halle (Saale), die maßgeblich von dem aus Leipzig vertriebenen Juristen Christian Thomasius, einem der bedeutendsten deutschen Aufklärer, initiiert worden war, dem der Philosoph Christian Wolff zur Seite stand.

Eine solche Reformuniversität wie Halle zu schaffen, eine Hochschule mit einem vielfältigen Angebot in allen wissenschaftlichen Disziplinen, stand Münchhausen vor Augen. Er setzte für Göttingen eine garantierte Lehr-, Druck- und Zensurfreiheit durch und plädierte für religiöse Toleranz. Allerdings wurde Atheismus nicht geduldet. Die Bibliothek sollte eine Forschungsbibliothek sein und Professoren und Studenten unentgeltlich zur Verfügung stehen. Hier fügte es sich günstig, daß der Grundstock großzügig gestiftet wurde von der Familie des »Königlich Großbritannischen und Kurfürstlichen Geheimen Rates und Großvogtes zu Celle, Freiherrn von Bülow« mit etwa zehntausend Bänden. Hinzu kam der Bücherbestand des Göttinger Gymnasiums mit mehreren tausend Bänden und Dubletten aus der königlich-kurfürstlichen Bibliothek in Hannover.

Welche Professoren an die neue Hochschule berufen werden sollten, lag allein bei der Regierung und in ihrer Sachkompetenz. Allerdings bevorzugte Münchhausen die juristische Fakultät, was schon die bessere Besoldung der Professoren zeigte, denn aus ihr sollten ja einmal die künftigen Staatsdiener hervorgehen. Von Anfang an war Münchhausen auch der Kurator der Universität und blieb in diesem Amt bis zu seinem Lebensende 1770; einen besseren hätte es schwerlich geben können.

Die erste Vorlesung an der offiziell noch gar nicht eingeweihten Universität hielt am 14. Oktober 1734 der Physiker Samuel Christian Hollmann. Er war 1696 in Stettin geboren, seit 1726 außerordentlicher Professor der Universität Wittenberg und Anfang Oktober in Göttingen eingetroffen.

Wie wenig die Stadt darauf vorbereitet war, zeigte sich sogleich bei der Wohnungssuche Hollmanns. Dem hatte man zwar zwei Wohnungen bereitgestellt, aber die erste war schon bewohnt, und der zweiten fehlten Türen und Fenster. Die dritte (Johannisstraße 26) bezeichnete der verärgerte Professor als »Mördergrube«, doch hier hielt er seine Vorlesungen ab. Überhaupt fand er Göttingen zunächst wenig einladend (Straßen schmutzig und weitgehend immer noch ungepflastert, Häuser verwahrlost) und klagte allgemein über »den Mangel alles dessen, was zur menschlichen Notdurft und Bequemlichkeit unentbehrlich ist«. Dies und noch viel mehr ließ er die Öffentlichkeit wissen in den von ihm herausgegebenen Wöchentlichen Nachrichten in 46 Exemplaren, die allerdings ihr Erscheinungsjahr 1735 nicht überdauerten, wiewohl sich Hollmann sonst Mühe gab, Göttingen und namentlich seine Universität in günstigem Licht darzustellen und repräsentative Ereignisse ausführlich zu beschreiben. Von diesen stimmte das erste freilich recht düster: Kaum eingetroffen, war der Jurist Johann Salomon Brunnquell auch schon gestorben. Gewiß, der Professor der Universität Jena kam als Todkranker nach Göttingen, aber das ungünstige Omen wurde wenigstens durch eine pompöse Beisetzung am 15. Juni 1735 wettgemacht. Ein riesiger Trauerkondukt zog unter dem Geläut aller Kirchenglocken durch die Stadt, gefolgt von den Professoren, dem Magistrat und wer sich sonst noch zu den Honoratioren zählte, auch die Bürgerschaft und viele Studenten (von ihnen abgesondert die eigens eingeladenen studierenden Grafen); Schulkinder sangen Trauerchoräle, eine Musikkapelle intonierte gedämpft Melodien, die kleine Garnison präsentierte das Gewehr, und vom Turm der Johanniskirche, wo die Trauerfeier mit einer Kantate und lateinischer Rede abgehalten wurde, ließ man feierlich blasen. Göttingen verstand seinen Professoren schon etwas zu bieten.

Doch bald gab es auch eine Feier aus freudigem Anlaß: Am 17. September 1737 wurde die Universität festlich eingeweiht. Viertausend Menschen hatten sich versammelt, die Regierung repräsentierte Freiherr Gerlach Adolph von Münchhausen, Excellenz, und es wurde bekanntgemacht: »Ihro Königl. Maj. haben allergnädigst beliebet, Dero hiesigen Universität den Nahmen GEORGIA AVGVSTA beyzulegen.« Auch zum ersten Rektor der »Königl. Georg August Universität allhier« sich selber zu ernennen hatte Seiner Majestät »allergnädigst gefallen«, was aber nur eine Geste des allerhöchsten Wohlwollens darstellte, denn selbstverständlich lag die praktische Leitung in den bewährten Händen des – wie anders – »Höchstansehnlichen Repraesentanten Excellentz« von Münchhausen.

Der wollte die Anziehungskraft der Universität nicht gänzlich dem Ansehen der Professoren allein überlassen, es sollte den Studenten – denen vom Adel zumal – bewußt werden, wie dienlich es ihrem Renommee sein würde, gerade in Göttingen studieren zu dürfen, denn so würde Geld ins Land kommen. Münchhausen sprach das unumwunden aus: »Hunderttausend Goldlouisdor, die jedes Jahr herbeiströmen, tun gut, und die Regierung ist überzeugt, Samen ausgestreut zu haben, der bei den Söhnen des Landes moralische und von Seiten der Fremden goldene Früchte tragen wird.« Deswegen wünschte sich Münchhausen auch »den Ausbau der Universität zu einer höfischen und eleganten«, und neben den Wissenschaften sollte der Student als ein künftiger Mann von Welt hier auch Reiten, Fechten und Tanzen erlernen und in Sprachen unterwiesen werden. Da nimmt es nicht wunder, wenn das erste Gebäude der Hochschule 1734 die Reitschule war mit einem von der Universität besoldeten Stallmeister. Die Bibliothek im Paulinerkloster hingegen konnte erst im Juni 1736 ihre Räume beziehen.

»Der Hauptzweck einer Universität«, so der Staatsrechtler Johann Stephan Pütter, seit 1746 Professor in Göttingen, »wird billig darinn gesetzt, zur Ehre Gottes und zum gemeinen Nutzen der Menschen die Aufnahme der Religion und Wissenschaften dadurch zu befördern, daß einem jeden hinlängliche Mittel verschafft werden, seine Ansichten und Sitten vollkommener und für die Kirche und das gemeine Wesen brauchbar zu machen.«

Natürlich konnte man es auch so sehen.

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Die Professoren

QUALIFIZIERTE LEHRKRÄFTE ZU BEKOMMEN, war für Münchhausen und seine Räte nicht schwierig, denn die neue Universität lockte mit guten Bezügen. Der Schweizer Albrecht von Haller, der am 30. September 1736 in Göttingen eintraf, war ein Gelehrter von hohem Ansehen, in Korrespondenz mit ganz Europa, und seit er 1732 sein philosophisches Lehrgedicht Die Alpen veröffentlicht hatte, stand er auch im Ruf, ein bedeutender Dichter zu sein. In Göttingen wurde er, 28 Jahre alt, Professor der Medizin, Chirurgie, Anatomie und Botanik, bis ihn 1753 das Heimweh nach Bern zurücktrieb. Doch zwei Jahre vorher gründete er noch die Societät der Wissenschaften, die auch die Göttingischen Anzeigen von Gelehrten Sachen herausgab, ein sehr angesehenes Journal.

Haller bekam ein Jahresgehalt von 700 Reichstalern. Gewiß, Johann David Michaelis, Orientalist und Theologe, seit 1745 in Göttingen, übertraf ihn mit 910 Rtlr., aber die bekam er erst fünfzig Jahre später. Deutschlands damals renommiertester Staatsrechtler, Johann Stephan Pütter, ein Jahr nach Michaelis nach Göttingen berufen, brachte es 1797 auf 1000 Rtlr. Hingegen erreichte der Physiker Georg Christoph Lichtenberg nur magere 460 Rtlr., während sein Kollege, der Historiker August Ludwig Schlözer, seit 1769 in Göttingen, 760 Rtlr. bezog.

Aber das waren nur die Grundgehälter. Hinzu kamen die Kolleggelder (zwischen 3 und 10 Rtlr. hatte ein Student pro Semester zu zahlen); die Autorenhonorare für die veröffentlichten Bücher, die das wissenschaftliche Ansehen des Professors mehrten und schon dadurch Studenten anzog, und die von den Studenten aufzubringenden Promotionsgebühren. Pütter, in dessen Vorlesungen bis zu 200 Studenten saßen (auf eine solche Zahl brachte es kaum einer seiner Kollegen), der außerdem als Zubrot gutbezahlte staatsrechtliche Gutachten für Regierungen verfaßte, erreichte mit sämtlichen Einkünften ein jährliches Spitzeneinkommen von 12 000 Reichstalern. Pütter war nicht verheiratet und besaß am Ende sogar vier Häuser. In das von ihm bewohnte ließ er sich einen Hörsaal mit zweihundert Plätzen einbauen, weil die Vorlesungen zumeist in den Privaträumen der Professoren stattfanden.

Die nächst Pütter besonders betuchten Michaelis und Schlözer besaßen neben ihren Häusern in der Stadt noch Gärten vor den Toren mit hübschen Sommerhäusern. Michaelis hatte in seinem geräumigen Haus dank eines Anbaus noch ein Dutzend Studentenwohnungen geschaffen, die ihm eine schöne Miete einbrachten. Professoren wie Pütter, Michaelis und Schlözer, die in ganz Deutschland in hohem Ansehen standen, konnten von vornherein mit einem großen Zulauf bei ihren Vorlesungen rechnen. Johann Christoph Gatterer hingegen, Professor der Geschichte und Spezialist für Genealogie, seit 1759 in Göttingen, klagte, er habe es in seinen ersten vier Göttinger Jahren nur auf 50 Rtlr. Kolleggelder gebracht, während Lichtenberg mit etwa tausend Talern im Jahr rechnen konnte.

Diese Angaben gelten aber nur für die Ordinarien, die ordentlichen Professoren; den außerordentlichen ging es nicht annähernd so gut. Als Lichtenberg 1770 auf Vorschlag Münchhausens zum außerordentlichen Professor ernannt wurde, bekam er nur 200 Rtlr. Grundgehalt, sonst erhielten die Extraordinarien oft überhaupt kein Grundgehalt, sondern waren auf Kolleggelder und Autorenhonorare angewiesen. So bezog etwa Gottfried August Bürger – 1789 zum außerordentlichen Professor ernannt – ein Jahr später Kolleggelder von 1200 Rtlr., 5 Rtlr. pro Student und Semester. Angesichts der vorzüglich ausgestatteten Universitätsbibliothek brauchten die Professoren keine besonderen Aufwendungen für Bücher zu machen, dennoch nannten Gatterer, Heyne und Michaelis Privatbibliotheken von jeweils etwa 4000 Bänden ihr eigen.

Verglichen mit den Einkünften der Professoren nahmen sich die der anderen Berufe recht bescheiden aus, vor allem, wenn man berücksichtigt, daß zur Ernährung einer fünfköpfigen Familie (von Kleidung, Miete etc. ist also nicht die Rede) um 1790 etwa 110 Rtlr. pro Jahr veranschlagt wurden. Ein Geselle verdiente 90 Rtlr., ein Landpfarrer 70 Rtlr. (bar; hier kamen aber mietfreies Wohnen und Naturalien hinzu), ein Tagelöhner 60 und Dienstboten nur 12 Rtlr. (alles pro Jahr gerechnet). Beim Dienstpersonal sind jedoch freie Kost und Logis mit einzubeziehen, außerdem hatten sie Anspruch auf Weihnachts- und Jahrmarktsgeld und erhielten von den Gästen ihrer Herrschaft oft ein Trinkgeld.

Dem Freiherrn von Münchhausen lag, wie erwähnt, sehr am Herzen, daß den Studenten neben den Wissenschaften auch höfische Umgangsformen vermittelt wurden. Doch mit einem Grundgehalt von jährlich 100 Rtlr. gehörten die dafür kompetenten Tanzmeister zu den Beschäftigten der unteren Lohnskala. Etwas besser standen sich die Fechtmeister mit jährlich 120 Rtlr., denen die Studenten pro Quartal zusätzlich 5 bis 6 Rtlr. zu bezahlen hatten.

Aber was waren schon Tanz- und Fechtmeister verglichen mit dem Stallmeister der Universität! Mit einem Jahresgehalt von 1000 Rtlr. bekam er weit mehr als etwa Georg Christoph Lichtenberg; er verfügte dazu noch über eine mietfreie Dienstwohnung, durfte den Reitstall unentgeltlich benutzen und die Honorare für sich behalten: Zwischen 6 und 10 Rtlr. zahlte ein Student für die Reitstunden, und reiten zu können war damals so selbstverständlich wie heute der Erwerb eines Führerscheins. Allerdings mußte der Stallmeister seine Pferde, ihr Futter und seine Stallknechte aus eigener Tasche bezahlen. Doch als um 1800 sein Grundgehalt auf 1440 Rtlr. erhöht wurde, bekam er zusätzlich auch noch das Pferdefutter gestellt. Privilegierter war sonst nur ein Minister, dessen jährliches Grundgehalt 4000 Rtlr. betrug, wozu in aller Regel noch – wie die Kolleggelder der Professoren – weitaus höhere Summen als Schmiergelder (douceurs) und andere finanzielle Aufmerksamkeiten hinzugerechnet werden müssen.

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Die Studenten

DIE ZAHL DER STUDENTEN WAR VON ANFANGS etwa 400 bei Beginn des Siebenjährigen Krieges (1756) auf etwa 600 gestiegen und lag zum Ende des 18. Jahrhunderts bei etwa 950. Damit stand Göttingen an vierter Stelle im Reich nach den Universitäten Halle, Jena und Leipzig. Zentrum der Göttinger Universität waren die Rechtswissenschaften (wozu Pütter nicht unwesentlich beitrug), ein Viertel studierte Theologie, je ein Achtel Medizin und Philosophie. Man begann das Studium im Alter zwischen achtzehn und zwanzig Jahren (selbstverständlich nur Männer, Frauen waren zum Studium nicht zugelassen) und rechnete als Studiendauer rund drei Jahre, wobei es keinen vorgeschriebenen Studienaufbau gab. Wer die Höchstdauer von vier Jahren überschritt, galt als »überjährig« und mußte sich scharfe Kontrollen gefallen lassen. Konnte er seine »Überjährigkeit« nicht plausibel begründen, drohte ihm die Relegierung und Ausweisung aus der Stadt, denn Bummelei und zuviel Müßiggang wurden nicht geduldet.

Der Student hatte sich in den ersten zwei Wochen nach seiner Ankunft beim Prorektor immatrikulieren und examinieren zu lassen und dafür eine Gebühr von drei (später vier) Rtlr. zu entrichten. Dieser Betrag konnte einem mittellosen Studenten erlassen werden, dafür zahlten Adlige das Doppelte, Grafen das Vierfache. Auch gab es für Minderbemittelte Stipendien, die sowohl die Regierung als auch private Stifter ausgesetzt hatten. Für ein Jahr Studium in Göttingen rechnete man als Mindestbetrag 200 Rtlr., die Söhne vermögender Eltern erhielten pro Jahr 500 Rtlr., aber es gab auch vom Glück Begünstigte, die einen Wechsel über 2000 Rtlr. geschickt bekamen. Das war jene kleine Schar von Auserwählten, die mit eigener Kutsche, livrierten Dienern und einer Koppel Jagdhunde ihren Einzug in die kleine Stadt hielten. Diener führte man nicht nur der Bequemlichkeit halber mit sich, sondern auch als Statussymbole. Sie hatten die Wohnung und die Kleidung des Studiosus in Ordnung zu halten, Stiefel zu putzen, das Frühstück zu bereiten, Lebensmittel einzukaufen und Bücher aus der Bibliothek zu holen. Dafür bekamen sie ein Jahresgehalt, das zwischen 42 und 205 Rtlr. lag, und wohl auch meist Kostgeld.

Mühsam war in den ersten Jahren der noch jungen Universität die Beschaffung des Quartiers. Es fehlte an geeigneten Zimmern für die Studenten, zumal viele von ihnen auf einer Wohnstube mit zusätzlicher Schlafkammer bestanden. Einschließlich des Geldes für die »Aufwartung«, d. h. die Bedienung der Studenten (Aufwand für Reinigung, Heizung, Licht, Verpflegung etc.), lag die Jahresmiete zwischen 20 und 40 Talern; einen eigenen Diener besaßen die wenigsten. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es ein Überangebot an Wohnungen.

Gegessen wurde in Speisewirtschaften mit besonderen Angeboten für die Studenten. Monatlich waren dafür zwischen 2 und 7 Taler aufzuwenden, das konnte man schwerlich als preiswert bezeichnen. Über die Qualität der Beköstigung wurde fast nur geklagt, wenn auch nicht immer so drastisch wie von dem 1788 immatrikulierten Schweizer Carl Friedrich August Hochheimer, der später in einem Buch behauptete: »… und überhaupt kann man sagen, daß wenn der Göttingische Bürger und sein Schwein einander wechselweise zu Gaste bäthen, beyde Parthien, jede gleich zufrieden mit dem Tractament, von einander scheiden würden.« Sein Urteil über das Göttinger Bier (»das allerwiderwärtigste Getränk, das man sich denken kann«) wurde von den meisten geteilt. Dabei lag Einbeck, dessen Bier im 18. Jahrhundert einen guten Ruf besaß, fast vor der Haustür, aber die Göttinger Brauer schützte das staatliche Monopol, das Importbiere nicht zuließ, und mit dem Wein scheint es auch nicht viel besser bestellt gewesen zu sein. Natürlich sah es in den Restaurants der gehobenen Kategorie anders aus, die aber waren nur für Studenten mit hochdotiertem Wechsel erschwinglich.

Die Mängel der Gastronomie blieben auch der Regierung nicht verborgen, die den Magistrat aufforderte, »diesem hauptsächlichem die Stadt und Universitaet in übeln Ruff bringenden Mangel abzuhelfen«. Für arme Studenten hatte Münchhausen 140 Freitischstellen eingerichtet, die aus Stiftungen finanziert wurden. Diese Freitische befanden sich nicht in den Gastwirtschaften, sondern in Bürgerhäusern und wurden von Inspektoren überprüft.

Über seinen Tageslauf berichtet ein Theologiestudent, der von 1768 bis 1771 in Göttingen studierte:

»Des Morgens um 7 Uhr (damit ich Ihnen ein kleines Tagesregister von meinen Stunden gebe, und meine liebe Mama weiß, wo ich eben bin, wenn sie in dieser oder iener Stunde an mich denkt), um 7 also gehe ich in das Hebräische Collegium nach dem Hofrat Michaelis, von da um 8 nach dem D. Miller in die Dogmatic oder Glaubenslehre. Um 9 Uhr zu Professor Feder in die Vernunftslehre, oder Logic. Um 10 komme ich zu Haus, esse ein bisgen Brod und schreibe gleich soviel ich kann, von dem letzten Collegio ins Reine. Dann gehe ich um 11 Uhr in die Kirchengeschichte nach dem Doct. Walch, um 12 gehe ich zu Tisch, woran ich bis halb ein, meine Tischgenossen aber nicht viel über eine viertelstunde, sitzen. Dan schreibe ich wieder und gehe um 3 ins Colleg. zum Prof. Heyne, der über die Lateinischen Schriftsteller lieset, und von da um 4 zu einem Magister Eberhard, da ich die reine Mathematik höre. Um 5 Uhr gehet denn meine Repetition an, bis es dämmerig wird. Dann esse ich mein Abendbrot, lese in der Bibel, bete und gehe nach 10 zu Bette. Des Morgens stehe ich leider! Erst nach 5 wieder auf, und dann geht meine Arbeit von neuem an. Mittwochens und Sonnabend Nachmittag habe ich frey, die aber doch immer auf die Wiederholung des Versäumten drauf gehen. Sehen Sie, das ist mein Lebenslauf.«

Mag der Bericht auch für die Familie ein wenig geschönt worden sein: Im wesentlichen traf er gewiß zu, wenn man in drei Jahren sein Studium abgeschlossen haben wollte. »Man kann den Fleiß auf einer Hohen Schule nicht höher treiben, als er in Göttingen betrieben ist«, stellte Professor Johann Christian Claproth 1748 zufrieden fest.

Aber wer fleißig war, durfte sich abends durchaus der Geselligkeit erfreuen. Man traf sich in zwangloser Runde in den Wirtshäusern (Sperrstunde um 22 Uhr) oder in den Zusammenkünften der Landsmannschaften und »Orden«, wie damals studentische Verbindungen hießen. Sonntags unternahm man gern Ausflüge in die Umgebung (wer es sich leisten konnte, mietete sich dafür ein Reitpferd), vor allem ins Hessische, in nicht weit entfernte Dörfer wie Bovenden und Eddigehausen, wo man (wegen der niedrigeren Steuern) Wein, Branntwein und Kaffee wesentlich preiswerter und in besserer Qualität bekommen konnte als in Göttingen. In Bovenden sorgte die von der Universität streng verpönte Prostitution für zusätzliche Attraktivität. Immer wieder gab es entrüstete Eingaben Göttingens an die hessischen Ämter mit dem Ersuchen um energisches Durchgreifen, wenn es darum ging, »unzüchtige Weiber« auszuweisen, und meist leistete das Land Hessen dann auch die erbetene Nachbarschaftshilfe.

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Die Bürger

IN DEN AUGEN VIELER STUDENTEN WAREN die Göttinger »im Grunde ein rohes, ungehobeltes und unfreundliches Volck«, denen man »tückisches Wesen, Schadenfreude, Rachsucht und Schmähsucht« nachsagte. Der schon zitierte Schweizer Hochheimer wollte selbst die Kinder nicht ausgenommen wissen: »… ehe sie noch das sechste Jahr erreicht haben, so zeigen sie schon alle bösartigen Eigenschaften.« Wechselseitig warfen sich Bürger und Studenten vor, einander zu übervorteilen und zu prellen.

Die Stadt war gewachsen: 1740 zählte sie etwa 5200 Einwohner, 1766 waren es etwa 6300 und 1795 rund 9100. An diesem Wachstum hatte die Universitätsgründung den entscheidenden Anteil. Allein das Vermieten von Zimmern und Wohnungen an Studenten und Universitätsangehörige brachte im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts jährlich 20 000 Taler ein. Unterm Strich galt der Satz eines zufriedenen Bürgers: »Ich habe vier Studenten und drei Schweine – mich chet es chanz chut!«

Die Bauwirtschaft profitierte von den Neubauten und den vielfältigen Renovierungsaufträgen, die Wohnraum schufen oder vorhandenen verbesserten. Überdurchschnittlich wuchs das Textilgewerbe. Da die meisten Studenten aus vermögenden Familien stammten, kleideten sie sich gut und stets à la mode; so war auch das Schneiderhandwerk stets gut beschäftigt. Immer mehr Perückenmacher kamen in die Stadt; 1724 gab es nur zwei, 1755 schon 26. Sie machten aber nicht nur Perücken, die ohnehin gegen Jahrhundertende samt den Zöpfen verschwanden, sondern arbeiteten auch als Friseure, die von ihren Kunden für tägliches Frisieren mit Puder, Pomade und Eau de Lavande 2 bis 3 Taler im Quartal verlangten.

Es siedelten sich Glashändler, Graveure, Kupferstecher, Drucker, Buchbinder sowie Sortiments- und Verlagsbuchhändler in der Stadt an. Zwar hatte Münchhausen noch 1737 und 1738 geklagt, »daß die hiesigen Buchläden nach den gedruckten Katalogen gar keine importante, ja nicht einmal die nothwendigen Werke und die Schriften der Göttingischen Professoren feil hätten, daß man weder in Hannover noch anderen Städten unseres Landes, noch in Hamburg und Lübeck die Arbeiten der hiesigen Lehrer erhalten könne«, aber das änderte sich schon bald, als Johann Christian Dieterich und Carl Friedrich Günther Ruprecht samt Abraham Vandenhoeck ihre Unternehmen gründeten (Ruprecht als Kompagnon der Witwe Vandenhoecks) und um 1790 jährlich bis zu fünfzig Bücher verlegten. Damals existierten in Göttingen sieben Buchhandlungen, sechs Druckereien, sechzehn Buchbindereien, sieben Leihbibliotheken, und es erschienen 25 Periodika.

Aber auch Lesegesellschaften sorgten für die Bildung der Göttinger, Wanderbühnen gastierten gelegentlich. Die Professoren und Honoratioren der Stadt gaben Gesellschaften (Assemblées genannt), Thé dansants, Picknicks, Bälle, Schlittenfahrten, und Professor Pütter lud zu Hauskonzerten. Er selber spielte Cembalo, Flöte und Violine und musizierte gemeinsam mit Jacob Schuback, der, wie Pütter betont, »von Telemann zu Hamburg selbst die Composition gelernt hatte«. Die Masse der Göttinger begnügte sich mit Schützenfest und Jahrmarkt. Das war nun nichts für die Studenten, aber zu jenen bürgerlichen Zirkeln, in denen sich Professoren und Honoratioren trafen, erhielten sie nur selten Zutritt, sofern sie nicht aus renommiertem Adel stammten. Die Damen, so beschwert sich ein Student, wollten »nur mit Grafen und Herren tanzen«. Und: »Zwar können wir uns alle Sonnabend im Concerte hinter den Stuhl irgendeiner Dame stellen, sie auch wol nach Endigung des Concerts nach Hause zu begleiten; aber o! wie bald findet man Eckel daran!«

Die etwa fünfzig Professoren blieben am liebsten unter sich. Der Hinweis, im Verkehr mit ihren Familien könne man den jungen Leuten doch so etwas wie den letzten Schliff im gesellschaftlichen Umgang vermitteln, lehnte Johann David Michaelis brüsk ab: »Meine Töchter sollen die Schleifsteine nicht sein.« Michaelis, im persönlichen Umgang etwas ruppig und polemisch, fand auch, angesichts zu vieler Studenten habe es der Staat »nicht nöthig, die Armen zum Studiren zu reitzen, oder es ihnen zu sehr zu erleichtern«. Für arme Schlucker hatte Michaelis nichts übrig und für ihre gesellschaftliche Bildung am allerwenigsten.

Nicht unerwähnt bleiben soll ein Kuriosum: die Hundeplage. Angeblich gab es nirgends so viele Hunde wie in Göttingen; am Ende des Jahrhunderts sollen es dreitausend gewesen sein. Das war für eine Stadt von etwa neuntausend Einwohnern entschieden zuviel, und da allzu viele Hunde zu Straßenkötern verwildert waren, wurde regelmäßig im Sommer zur Hetzjagd geblasen und so viele mit dem Knüppel totgeschlagen, als man nur greifen konnte, nicht zuletzt auch darum, weil es wiederholt Fälle von Tollwut und Beißangriffen gab. Alle Versuche, der Plage mit der Einführung einer Hundesteuer und mit Maulkorbzwang entgegenzuwirken, schlugen fehl; beide ließen sich nicht durchsetzen. Manche Studenten hielten sich zwei oder drei Hunde, mit denen sie auch zur Jagd gingen. Ein Graf erschien nie anders als mit Diener und Hund im Kolleg, und es brauchte einige Zeit, die Kläffer wenigstens aus den Hörsälen zu verbannen und 1763 überhaupt das Halten von sehr großen und gefährlichen Hunden zu verbieten. Wer nicht parierte, sollte fünf Taler Strafe zahlen, und der Hund wurde von der Obrigkeit konfisziert. Doch noch 1797 hieß es, selbst dieses Verbot sei kaum durchzusetzen, weil die Begriffe »groß und gefährlich« nicht gültig zu bestimmen seien. Wie immer in Deutschland setzten sich die Hundehalter durch.

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Die Obrigkeit

ERFOLGREICHER ALS IM KAMPF GEGEN die Hunde und ihre Besitzer war das Bemühen, gegen eine Unsitte einzuschreiten, die man harmlos als »Ausgießen« bezeichnete. Gemeint war damit das rücksichtslose Ausleeren gefüllter Nachttöpfe aus dem Fenster, worüber 1760 geklagt wurde, »könnte die Polizey die bösen Sündfluthen aus den Fenstern hemmen, so wäre auf den Gassen auch des Abends gut fortzukommen«.

So beschwerte sich 1765 eine Metzgerstochter über einen von ihr namhaft gemachten Studenten, »er habe schone vielmahls auf ihren Laden zugegossen und ihnen Speck, Wurst und Pflaumen zuschaden gemacht«. Nun griff endlich die Obrigkeit ein und wies die Studenten an, »sich des Ausgießens des Wassers, es mag dasselbe beschaffen seyn, wie es wolle, auf die Strasse so wohl des Tags als des Nachts über gänzlich zu enthalten«, wiewohl Michaelis behauptete, Studenten seien viel zu gut erzogen, um solche Verstöße zu begehen, die Schuldigen seien die Aufwärterinnen. Peinlich war freilich, daß die Polizei nun noch gegen die Professoren Böhmer und Claproth Anzeige wegen nächtlichen »Ausgießens« erstattete und diese daraufhin protestierten, die Polizei habe sich damit »eine unmittelbare Gerichtsbarkeit über ihre Personen angemaßet«; um den Tatbestand als solchen ging es also gar nicht einmal.

Das 18. Jahrhundert gab sich in den Fragen der Hygiene ziemlich lax. Die Kanalisation der Städte erfolgte erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts, und die wiederholten Klagen über den »Gassenkot« sind ganz wörtlich zu nehmen. Wie in den meisten kleinen Städten hielten sich die Bürger Schweine, Ziegen, Schafe und Kühe, die vom Gemeindehirten morgens abgeholt und auf eine öffentliche Weide geführt und abends ihren Besitzern wieder zurückgebracht wurden. Bei ihrem Zug durch die Straßen fielen einige Hinterlassenschaften an, für deren Beseitigung sich niemand zuständig fühlte. Seinen persönlichen Unrat entleerte man in die Gosse, denn längst nicht jedes Haus verfügte über einen Abtritt. Selbst im großen und reichen Hamburg besaß damals nur jedes zweite eine »Laube« oder »heimlich Gemach«, und auch in einer solchen Stadt wollten die Beschwerden über die allgemeine Unreinlichkeit nicht enden. Die in Göttingen getroffenen Maßnahmen begannen aber zu wirken, und die kleine Stadt wurde zusehends reinlicher, wenn sie auch von modernen Sauberkeitsvorstellungen noch weit entfernt blieb.

Beschwerten sich Professoren über eine angemaßte Polizeigewalt, was häufiger geschah, so hatte das mit der besonderen Stellung der Universität in den Fragen der Rechtsprechung zu tun. Zwar unterstand die Universität dem Geheimen Rat in Hannover, und der König und Kurfürst war ihr Rektor. Doch gab es ein eigenes und weitgehend autonomes Universitätsgericht. Es bestand aus den vier Dekanen der Fakultäten, dem Universitätssyndikus und dem Sekretär unter dem Vorsitz des Prorektors, der für den fernen Rektor in London die Universitätsgeschäfte führte. Dieses Gericht entschied über alle Zivil- und Kriminalsachen, soweit sie die Universität und der ihr Angehörenden einschließlich aller Studenten betrafen.

Das Gericht konnte die Schuldiggesprochenen auf mehrere Weisen bestrafen: durch eine Geldbuße, durch eine Freiheitsstrafe in den fünfzehn Räumen des Karzers (überstieg sie eine Dauer von neun Monaten, so überstellte man die Verurteilten in das Zuchthaus von Celle), durch das Consilium abeundi, wonach ein Student die Universität zu verlassen hatte, oder in schwereren Fällen durch die Relegation, die auch anderen Hochschulen mitgeteilt wurde, wodurch es schwierig, wenn nicht unmöglich wurde, sein Studium auf einer anderen Universität fortzusetzen. Zur Erzwingung von Geständnissen besaß das Gericht auch das Recht, die Folter anzuwenden, was aber niemals geschah. In einem einzigen Fall ist die Todesstrafe verhängt worden (ein Student hatte 1766 einen anderen in einem – grundsätzlich verbotenen – Duell erstochen), aber man ließ den Täter entkommen, um sie nicht vollstrecken zu müssen. Als im Mai 1780 ein Goldschmied von einem Studenten im Streit mit der Schrotflinte erschossen wurde, entkamen der – namentlich bekannte – Täter und seine beiden Gefährten unmittelbar nach der Tat. Worauf der Universitätskurator Georg Friedrich Brandes, der Nachfolger des 1770 verstorbenen Freiherrn von Münchhausen, an den Professor Christian Gottlieb Heyne schrieb: »Das Beste ist, daß der Thäter das Weite genomen hat, und ich wünsche, er möge nicht ertappt werden.« Stammten die Angeklagten aus der Aristokratie des Landes, verhinderte der Geheime Rat in Hannover aus Rücksicht auf die Adelsfamilie eine Strafverfolgung.

Verhandelt wurden Beleidigungsklagen, Tätlichkeiten, Diebstähle, Unterschlagungen, Schadenersatzforderungen und die ständig anfallenden Sittlichkeitsdelikte. Immer wieder kamen illegal Prostituierte in die Stadt, die aus der Sexualnot der Studenten klingende Münze zu schlagen wußten. Daß Prostitution in Göttingen streng verfolgt wurde, hatte wenig mit Moral zu tun, doch sehr viel mit der Angst vor venerischen Krankheiten. Lichtenberg spricht 1772 von 176 infizierten Studenten. Die leichteren Infektionen konnte man heilen, nicht aber die gefährlichste, die luetische, die Syphilis. Die Ärzte waren verpflichtet, die von ihnen behandelten Studenten nach der Quelle ihrer Ansteckung zu fragen und diese dann der Polizei zu melden. Niemals also hätte die Universität ein Bordell geduldet, denn die Ausbreitung venerischer Krankheiten hätte schlimme wirtschaftliche Folgen für die Stadt gehabt und einen verheerenden Ruf für die Universität, weil Eltern ihre Söhne nicht mehr nach Göttingen gelassen hätten.

Doch immer wieder kam es zu Klagen gegen Studenten, die ein Mädchen »geschwächt« hatten. Jedes elfte Neugeborene in Göttingen 1776 war unehelich. Meistens betraf es das Dienstpersonal, also die »Aufwärterinnen«, die nun ein »Satisfaktionsgeld« einklagten, auch das »Stuprum« genannt, als Schadenersatz für die verlorene Ehre. Da konnten dann schon einmal 100 Taler fällig werden. Bei einer Schwängerung drohten Alimentszahlungen nach der Geburt des Kindes, das waren 1 bis 2 Taler monatlich bis zum vollendeten 14. oder 15. Lebensjahr, dazu kamen noch 5 Taler Entbindungskosten.

Verständlich also, daß solche Klagen abgewiesen werden mußten, und das Universitätsgericht unterstützte gern die Sache der Beklagten, denn welche Familie mochte noch ihre Söhne zum Studium nach Göttingen schicken, wenn dort liederliche Frauenspersonen deren Ehre (sprich Geldbeutel) zu ruinieren trachteten. Wer also, fragte das Gericht, hatte nun wen verführt und unter welchen Umständen? Den »Beweis einer wirklichen Verführung« hatte die Klägerin zu erbringen, was selten gelang. Waren Geldgeschenke oder Gaben von einigem Wert im Spiel gewesen, so galt das schon als Hurerei und somit als strafwürdig. Und natürlich bestritten die beklagten Studenten heftig ihre Vaterschaft, die damals medizinisch noch nicht nachzuweisen war, und sagten der Klägerin ein Lotterleben nach. So wurde einmal behauptet, die klagende Aufwärterin sei von vier Studentendienern »in compagnie gebraucht« worden. Da war der »würkliche Urheber« dann freilich fein heraus, zumal Zeugen preiswert zu haben waren.

Johann Nikolaus Becker, der sich 1793 als Student der Rechtswissenschaften in Göttingen hatte immatrikulieren lassen, schrieb fünf Jahre später:

»Wenn sich einmahl der Fall ereignet, daß ein lebendiger Zeuge eines vertrauten Umganges zwischen einem Studenten und Mädchen zum Vorscheine kommt, so ist schon durch ein eigenes Gesetz dafür gesorgt, daß der Student dabey nicht gefährdet werden kann. An andern Orten geräth der Liebhaber in einem solchen Falle gewöhnlich in große Verlegenheit, und findet sich heimlich durch ungeheure Summen ab, die ihn in seiner Haushaltung ganz und gar zurücksetzen und wird doch noch zuletzt von der Mutter vor Gericht belangt. Hier nicht also. Alle heimlichen Contracte in dieser Rücksicht sind durchaus null und Niemand ist verbunden sich mit seiner Liebhaberinn durch starke Summen oder wohl gar durch die Ehe abzufinden. Verrufene Mädchen kriegen für ihre Schmerzen keinen Dreyer, und nur dem Kinde muß ein kleiner Unterhalt gegeben werden, wenn sich der Student als Vater bekennt. Den Geschwängerten liegt noch überdas der überzeugendste und bündigste Beweis ob. Ich befand mich gerade hier, als dieses Gesetz gegeben wurde, und man hat mir damahls erzählt, daß die Mädchens auf eine Zeit dadurch so abgeschreckt worden wären, daß sie keinem Studenten auch nur die kleinste Freiheit erlauben wollten. Sie riethen ihnen insgesammt, sich kastriren zu lassen.«

Den Studenten war die Heirat kategorisch verboten. Versuchten sie aber, sich jenseits der Landesgrenzen heimlich trauen zu lassen, so wurde die Eheschließung vom Universitätsgericht für nichtig erklärt, der Student in Haft genommen und der betroffenen Dienstmagd bedeutet, wer Studenten verführe, käme ins Zuchthaus. Nach Abschiebung der Sünderin wurde der Student auf freien Fuß gesetzt. Die klagenden Frauen entstammten durchweg dem Dienstpersonal, also der Unterschicht, Bürgerstöchter waren nie darunter. Selbst Vergewaltigungen, manchmal nachts auf der Straße begangen, wurden nicht einmal dann geahndet, wenn der Täter namentlich bekannt war; den Aussagen der natürlich alles abstreitenden Männer wurde eher geglaubt als ihren Opfern, vor allem, wenn die Täter von Adel waren.

Redlich verhielt sich Georg Christoph Lichtenberg. Er hatte seine Haushälterin Margarethe Elisabeth Kellner von 1783 an in schöner Regelmäßigkeit geschwängert, weswegen die Studenten ihren Professor einen »starken August« nannten. Erst im Oktober 1789, da gab es schon vier illegitime Kinder, entschloß sich Lichtenberg zur Heirat und zur Legitimation seines Nachwuchses.

Aber es gab nicht nur Probleme mit dem illegalen Nachwuchs. Es gab auch Liebe und Zärtlichkeit, und es war gerade Lichtenberg, der kleine bucklige Professor der Physik, der den Göttingern eine Liebesgeschichte vorlebte, die uns anrührt, während damals viele darüber die Nase rümpften.

Bei einem Spaziergang auf dem Wall begegnete Lichtenberg im Frühjahr 1777 einer zwölfjährigen Blumenverkäuferin, der er einen Strauß abkaufte. Ihm fiel ihre Anmut und Schönheit auf, er bat sie um ihren Besuch. »Sie gienge keinem Purschen auf die Stube sagte sie«, was nach dem bereits Erzählten zu verstehen ist; »wie sie aber hörte, daß ich ein Professor wäre, kam sie an einem Nachmittage mit ihrer Mutter zu mir«.

Maria Dorothea Stechard hieß sie, Tochter eines aus Thüringen zugezogenen Leinewebers, und am 27. Juni 1765 in Göttingen geboren. Sie verkaufte nun nicht mehr Blumen, sondern verbrachte den ganzen Tag bei Lichtenberg, der sie im Schreiben und Rechnen unterwies und »in allem, was ich glaubte, nöthig wäre sie zu einer recht guten Frau zu machen«. Das aufgeweckte Mädchen fand Freude an Lichtenbergs physikalischen Instrumenten, besorgte ihm auch den Haushalt, blieb aber nie über Nacht bei ihm. Doch war ihrer beider Vertrautheit inzwischen so groß geworden, daß die »Mamsell Stechardin«, wie Lichtenberg sie nannte, zu Ostern 1780 ganz in seine Wohnung zog. »Ihre Neigung zu dieser Lebensart war so unbändig, daß sie nicht einmal die Treppe hinunterkam, als wenn sie in die Kirche und zum Abendmahl ging. Sie war nicht wegzubringen. Wir waren beständig beisammen. Wenn sie in der Kirche war, so war es mir als hätte ich meine Augen und alle meine Sinnen weggeschickt«, schrieb er an den Pfarrer Gottfried Hieronymus Amelung. »Mit einem Wort – sie war ohne priesterliche Einsegnung (verzeihen Sie mir, bester, liebster Mann, diesen Ausdruck) meine Frau. Indessen konnte ich diesen Engel, der eine solche Verbindung eingegangen war, nicht ohne die größte Rührung ansehn. Daß sie mir alles aufgeopfert hatte, ohne vielleicht ganz die Wichtigkeit davon zu fühlen, war mir unerträglich. Ich nahm sie also mit an Tisch, wenn Freunde bei mir speisten, und gab ihr durchaus die Kleidung, die ihre Lage erforderte, und liebte sie mit jedem Tage mehr.«

Ein Skandalon? Als Maria Dorothea mit dem um 23 Jahre Älteren auch das Bett teilte, war sie 14 Jahre alt. Mit 14 galt ein Mädchen damals für heiratsfähig, in protestantischen Ländern nach erfolgter Konfirmation. Es existiert kein Zeugnis, das bezeugen könnte, man habe in Göttingen an dieser Verbindung ernstlich Anstoß genommen. Er habe sie auch heiraten wollen, »woran sie nun nach und nach mich zuweilen zu erinnern anfing«, doch dazu kam es nicht mehr. Maria Dorothea Stechard erkrankte; nach Lichtenberg an einer »Rose am Kopf« von der Medizin als Erysipel (Wundrose) bezeichnet, aber auch ein Unterleibstyphus (Typhus abdominalis) ist denkbar.

»Was ich bisher ausgestanden habe«, schrieb Lichtenberg an seinen Kollegen, den Professor der Mathematik Albrecht Ludwig Friedrich Meister am 4. August 1782, »kann ich Ihnen nicht mit Worten beschreiben. Das gute, arme Mädchen so entsetzlich leiden zu sehen. Sie gleicht sich gar nicht mehr, so daß, wenn ich sie verlöre, ich gar nicht werde glauben können, daß die Verstorbene die sei mit der ich umgegangen bin.«

Am Abend dieses Tages starb »die kleine Stechardin« (Lichtenberg) bei Sonnenuntergang. »Ich bin nie in meinem Leben in einem solchen Zustand gewesen, die Umstände sind gar zu traurig gewesen. Eine so vortreffliche Person, in diesen Jahren so leiden zu sehen und mit so vieler Geduld, und die alles mit einem Ton sagte, was sie nämlich im Ernst und bei Verstand sagte, den ich gewiß in meinem Leben nicht vergessen werde. Die letzte Nacht um halb 4 des Morgens rief sie in diesem Ton gute Nacht, rührender und herzbrechender konnte wohl für mich in dieser Lage nichts gesagt werden. Die Worte schallen mir noch immer in den Ohren, so wenig sie wohl auch die Lange Nacht gemeint haben mag, in welcher sie sich schlafen legen wollte. […] Jetzt nach dem Tode, sagen die Leute, gleicht sie sich völlig wieder.«

Einem Freund schrieb er am 8. August: »Was die Stadt auch von dieser Verbindung gedacht haben mag, so kann ich Ew. Wohlgeboren versichern, daß mir eine Person von der Sanftmut, der Sorgfalt in allen Verrichtungen, der Bescheidenheit, die selbst die Häßlichste geziert haben würde, ob diese gleich von großer Schönheit war, nie vorgekommen ist. Ihre Krankheit war die Rose am Kopf, die vermutlich durch Unwissenheit unsrer Ärzte zurücktrat und ihrem Leben in 8 Tagen ein Ende machte. Ich sah die Gefahr voraus, und warnte und bat. Ich wurde aber ausgelacht. Sie wurde 17 Jahre und 39 Tage alt, war die Gesundheit selber und ist nie krank gewesen, als an den Pocken. Am Mittewochen, als gestern morgen wurde sie begraben.«

Ihr Grab auf dem Bartholomäus-Friedhof vor dem Weender Tor existiert längst nicht mehr. »Noch 1792 notierte er sich, mit drei Ausrufungszeichen und in griechischen Buchstaben, den zehnjährigen Todestag der Stechardin: da war er ein verheirateter Mann«, bemerkt Wolfgang Promies.

Für die Aufrechterhaltung der äußeren Ordnung gab es drei Exekutivorgane. Das erste war die Scharwache, eine zwölf Mann zählende Truppe, deren Wachlokal sich im Keller des Rathauses befand. Bei Dunkelheit patrouillierten drei Mann stündlich durch die Straßen. Tagsüber war die Wache mit vier Mann besetzt, die von den Studenten den Spitznamen »Schnurren« bekamen. Sie wurden wenig geachtet.

Etwas mehr Autorität genossen die fünfzehn Jäger der Polizei; alte Berufssoldaten aus dem Korps der hannoverschen Jäger. Sie unterstanden der Universität, bekamen von ihr monatlich anderthalb Taler Sold und von der Stadt 2 Groschen »Servisgeld«. Alle zwei Jahre erhielten sie zwölf Taler zur »Montierung«, also zur Instandhaltung, ihrer Uniform.

Kam es einmal zu größeren Tumulten und Ausschreitungen der Studenten, so konnte die kleine Garnison der Stadt zur Dämpfung hinzugezogen werden.

Die Studenten verabscheuten diese uniformierten Autoritäten samt und sonders und lieferten sich mit ihnen immer wieder heftige Auseinandersetzungen. Das war in Göttingen so wie in allen deutschen Universitätsstädten, und trotzdem hatte die allgemeine Disziplin in der Regel nicht zu leiden. Man mochte zwar einander nicht, kam aber doch leidlich miteinander aus.

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Die Besatzung

DEN 1756 AUSGEBROCHENEN SIEBENJÄHRIGEN Krieg bekam Göttingen schon sehr bald zu spüren. Ihm vorausgegangen und zu seinen Ursachen zählend waren die seit zwei Jahren ausgetragenen Kämpfe zwischen Franzosen und Engländern in ihren nordamerikanischen und kanadischen Kolonien, die bald auch militärische Auseinandersetzungen in den indischen Besitztümern und im Mittelmeer provozierten. Beide Seiten wußten, der Sieg würde nicht in den Kolonien, sondern auf dem europäischen Kontinent errungen, und hier war das Kurfürstentum Hannover, der kontinentale Besitz der englischen Krone, in unmittelbarer Gefahr, denn die französische Armee war in der Zahl weit überlegen. England gewann Preußen als Bündnispartner, während diesen beiden eine Koalition aus Österreich, Rußland und Frankreich gegenüberstand. Als König Friedrich II. von Preußen am 29. August 1756 das neutrale Sachsen ohne Kriegserklärung überfiel, war für die Koalition der verabredete (defensive) Bündnisfall gegeben; Schweden und die deutschen Reichstruppen schlossen sich der Koalition an.

Zum Schutz Hannovers und Norddeutschlands vor den anrückenden Franzosen gab es nur die sogenannte Observationsarmee unter dem Oberbefehl des Herzogs William Augustus von Cumberland, der aber schon im November 1757 durch Herzog Ferdinand von Braunschweig ersetzt wurde. Cumberland hatte mit seiner aus Hannoveranern, Braunschweigern, Hessen und einigen preußischen Einheiten bestehenden Armee am 26. Juli 1757 ziemlich schmählich die Schlacht bei Hastenbeck verloren. Die französische Armee unter dem Oberbefehl des Herzogs von Richelieu besetzte daraufhin große Teile des Kurfürstentums Hannover und des Herzogtums Braunschweig. Göttingen war bereits am 16. Juli 1757 von französischen Truppen eingenommen worden.

Die Bürger bekamen Einquartierung, von der aber die Professoren bis 1760 verschont blieben. Im allgemeinen verhielt sich die Besatzung sehr diszipliniert. Die Universität bat gleich nach dem Einmarsch der Franzosen den kommandierenden Marschall d’Estrées um »Protection«, hatte aber nichts zu befürchten. »Überhaupt hatten wir nicht Ursache über das Betragen unserer Gäste zu klagen«, lobte Pütter. »Alle unsere academische Arbeiten behielten ihren völlig ungestöhrten Fortgang.« So war es. Der Universitätsbetrieb ging normal weiter, ja die Studenten wurden sogar zum Bleiben genötigt. Eine Genehmigung, Göttingen zu verlassen, wurde von den Besatzungsbehörden nur in besonders dringenden Fällen erteilt.

Wie Pütter rühmte auch Johann David Michaelis die ungebetenen Gäste: »Könnte man bessere Feinde haben als diese waren?« fragte er Jahrzehnte später. Und: »Überhaupt hatten wir die besten Feinde, welche man nur haben kann, und die sehr artig, ja freundschaftlich mit uns umgingen, besonders wurde die Universität sehr distinguirt.«

Die französische Armee bestand nicht nur aus Franzosen; in ihr dienten auch Deutsche, Iren, Italiener, Korsen, Schotten und Schweizer, die in eigenen Regimentern zusammengefaßt waren. Das zeitweilig in Göttingen stationierte Regiment Royal Pologne bestand trotz seines Namens aus Deutschen, und auch die berühmt-berüchtigten Chasseurs de Fischer, das Freikorps des Obersten Fischer, rekrutierte sich überwiegend aus Deutschen.

Der Württemberger Johann Christian Fischer kam aus einfachen Verhältnissen, hatte sich hochgedient und 1743 sein Freikorps gegründet, das 1200 Soldaten zählte. Vor allem aber unterhielt er einen anfangs sehr effizienten militärischen Nachrichtendienst. Pütter machte ihm gemeinsam mit einigen anderen Professoren in seinem Logis die Aufwartung, sie fanden den Obersten lesend im Bett und sahen sich überaus wohlwollend empfangen. Fischer versicherte, früher auch einmal Vorlesungen an der Universität Tübingen gehört zu haben, und versprach seinen Besuch nach dem Krieg, woraus nichts werden konnte, denn er starb 1762 an der Malaria.

Neben der rotuniformierten Schweizer Infanterie sah man in Göttingen die Husaren vom Regiment R

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