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Unheilig

Über die Autoren

Michael Fuchs-Gamböck, Jahrgang 1965, arbeitet als freier Musikjournalist für Playboy, Cosmopolitan, Musik Express, Marie Claire, Hammer und Focus. Er hat viele Musikbiografien veröffentlicht und ist für seine Arbeit mehrfach ausgezeichnet worden.

Thorsten Schatz, Jahrgang 1968, ist freier Musikjournalist und Autor und schreibt für verschiedene Musikmagazine und Tageszeitungen wie German Times, das Jazzpodium oder tonart. Er hat erfolgreich zahlreiche Musikbiografien veröffentlicht.

Inhalt

Über die Autoren

Einleitung
Ein unheiliger Graf: Deutschlands wahrer Superstar

  1. Einfach stark: »Bei jedem Konzert 200 %«
  2. Ich gehöre mir: Die Anfänge des Grafen
  3. Vorhang auf: Der Schritt zum Musiker
  4. Sage ja: Ankunft in der Schwarzen Szene
  5. Auf Kurs: Der Graf etabliert Unheilig als Solo-Projekt
  6. Lampenfieber: Der Durchbruch mit Puppenspiel
  7. Wie Phönix aus der Asche: Absturz und Neuanfang
  8. Gib mir mehr: Auf dem Sprung zum großen Erfolg
  9. Große Freiheit: Öffnung für den Mainstream und die darauf folgende Kritik
  10. Goldene Zeiten: Der Graf als Megastar
  11. An deiner Seite: Das Phänomen Unheilig
  12. Für immer: Die Bedeutung der Unheilig-Texte
  13. Geboren, um zu leben: Die Hilfsorganisation »Die Grafschaft«
  14. Neuland: Die Zukunft

Anhang

Danksagung

Einleitung
Ein unheiliger Graf: Deutschlands wahrer Superstar

Unheilig«. »Der Graf«. Mysteriöse Namen für eine Band und ihren Frontmann, zumindest für den durchschnittlichen Pop-Konsumenten. Und doch sind diese geheimnisvollen Namen seit dem Frühjahr 2010 nicht mehr wegzudenken aus der deutschsprachigen Musikszene.

Am 19. Februar 2010 kam das siebte Unheilig-Studioalbum namens Große Freiheit in den Handel, das neue Werk einer Formation, die zum damaligen Zeitpunkt bereits zehn Jahre existierte, bis dato aber beinahe ausschließlich in der Gothic-Szene ein Begriff war.

Eben jener schillernden Subkultur entstammt Unheilig, ihr fühlt sich die Band auch nach wie vor eng verbunden, wie der Graf in zahlreichen Interviews der jüngeren Zeit immer wieder betont hat. Noch zu Beginn des Jahres 2010 war der Sänger dank seines markanten Äußeren mit kahl geschorenem Kopf, üppigem Backenbart sowie Gehrock, schwarzer Krawatte und blütenweißem Hemd einer der bekanntesten Protagonisten der Gothic-Szene. Und mit einem Mal dann dieser gewaltige Erfolg in der breiten Öffentlichkeit! Beinahe über Nacht war aus dem Grafen und Unheilig nach Veröffentlichung von »Große Freiheit« ein Massenphänomen geworden. Ihre Songs wurden in Dauerrotation im Radio gespielt, ihre Plattenverkäufe knackten die Millionen-Marke.

Und mehr noch: Die erfolgreichste Band des Jahres 2010 in Deutschland hieß natürlich Unheilig; Große Freiheit wiederum schrieb nationale Charts-Geschichte, als sich die Platte insgesamt 23 (!) Wochen auf dem Spitzenplatz der offiziellen Hitparade hielt. Ein einmaliger Rekord, denn damit entthronte Unheilig Deutschrock-Ikone Herbert Grönemeyer, der sich bis dahin dank seines 1988 veröffentlichten Albums Ö mit 14 Wochen am längsten auf der Nummer 1 gehalten hatte. Mehr als 1,5 Millionen CDs wurden von Große Freiheit bis zum Sommer 2011 unters Volk gebracht. Und ein Ende der Unheilig-Euphorie ist nicht in Sicht.

Der Grund dieser Begeisterung für den Grafen und seine Band liegt vor allem in der aufwühlenden Emotionalität der Unheilig-Lieder. Mit ihnen sprechen sie Themen und Gefühle an, welche die Menschen in existenzieller Weise beschäftigen, da sie um Themen wie Tod, Liebe, Freundschaft, die Suche nach dem eigenen Weg, Hoffnung und Hilfsbereitschaft kreisen. Sie zu ergründen, ist für jeden, der sich mit dem Grafen und seiner Band beschäftigt, unverzichtbar und mehr als lohnend, wenn man das Phänomen Unheilig verstehen möchte.

Darüber hinaus gelingt es dem Grafen mit seinen Songs wie keinem anderen, dem Einzelnen Mut zu machen und ein Gefühl der Geborgenheit zu vermitteln, etwas, das dem Sänger sehr wichtig ist: »Letztlich versuche ich immer, das Positive zu sehen. Entsprechend findet sich in jedem meiner Lieder etwas Positives, damit die Menschen sich etwas daraus ziehen können – sei es ein Lächeln oder ein kleiner Hoffnungsschimmer. Ich denke, dafür gibt es in der heutigen Zeit eine Menge Bedarf.«

Doch wer verbirgt sich eigentlich hinter diesem außergewöhnlichen Magier der Sprache und der Musik? Wer ist der Mann, der die Menschen dermaßen fasziniert und verzaubert und der inzwischen ganz oben im Pop-Olymp angekommen ist?

Diese Biografie versucht darauf Antworten zu geben und wagt den Schritt in die geheimnisvolle Welt des Grafen – ein Schritt, der hilft, ihn, seine Lieder und Botschaften, letztlich das Phänomen Unheilig besser zu verstehen.

Wir begleiten den Grafen auf seinem Lebensweg, der in seiner Heimatstadt Aachen beginnt, wo ihm als Kind ein rätselhaftes, nie aufgeklärtes schreckliches Erlebnis widerfuhr, das ihn dazu bewegte, die Musik für sich zu entdecken. Denn er wollte nach diesem Ereignis nicht mehr sprechen, bis er herausfand, dass er seine Gefühle mit Liedern ausdrücken konnte, dass Musik seine Sprache war.

Während er heranwuchs, waren die Faszination für die Welt der Töne und sein Bedürfnis, zu komponieren und Texte zu schreiben, so stark, dass er vielen Widerständen und Zweifeln an sich und der Welt trotzte: Nicht zuletzt kämpfte er innerlich mit der Frage, ob er sich für die Musik entscheiden oder nicht doch lieber einen zukunftssichernden »bürgerlichen« Beruf ergreifen und kein professioneller Musiker werden sollte. Das Desinteresse der Musikindustrie an seinen frühen Werken vergrößerte seine Unsicherheit noch.

Dann aber gründete der Graf Unheilig. Er zog mit seinen Songs hinaus in die Pop-Welt und wurde zunächst von der Gothic-Szene begeistert aufgenommen. Der Graf fühlte – und fühlt – sich dort zu Hause und suchte die Nähe der Menschen in dieser bemerkenswerten Underground-Kultur.

Damals wie heute sind sie ihm als seine Fans wichtig, weil er ihnen eine musikalische Heimat zu verdanken hat – und einen überwältigenden Zuspruch auch nach dem Erfolg, der einsetzte, als nach unermüdlichem Touren und nach etlichen erstklassigen Veröffentlichungen auch viele Musikfans außerhalb der Gothic-Szene Unheilig für sich entdeckten.

Ausgerechnet einige seiner alten Anhänger wandten sich jedoch auch genau wegen dieser Öffnung hin zum Mainstream von ihm ab. Sie meinten, der Graf – ihr einstiges Idol – verrate die Ideale der Szene und verkaufe sich.

Davon ließ sich der Aachener jedoch nicht beirren und machte weiter seine Musik: für Gothic-Rock-Fans wie für alle anderen Unheilig-Anhänger. Und von denen gab es bald dermaßen viele, dass der Graf den Sprung zum Star fast schon geschafft hatte, als ihn eine schwere Krankheit und zeitgleich der Tod eines nahen Freundes aus der Bahn warfen und fast zum Aufgeben zwangen.

Aber nur beinahe, denn seine Fans bedachten ihn mit so viel Zuspruch und aufmunternden Worten, dass sich der Graf wie Phönix aus der Asche erhob, wieder musikalisch aktiv wurde – und es dann bis zum Superstar des deutschen Pop brachte.

Allerdings wird man dem Grafen nicht gerecht, wenn man seinen Werdegang ausschließlich als Erfolgsstory sieht. Schließlich hat er neben seiner Musikkarriere ebenso bescheiden wie entschlossen seine Hilfsorganisation »Die Grafschaft« gegründet, die sich um notleidende Menschen kümmert. Darin zeigt sich einmal mehr, dass der Graf Botschaften vermitteln will, im realen Leben wie durch seine Songs.

Diese Biografie nähert sich behutsam einem außergewöhnlichen Musiker an, der mehr ist als ein extrem erfolgreicher Sänger, Komponist und Texter. Der Graf bewegt die Herzen, die Seelen der Menschen wie kein anderer deutscher Popstar der Gegenwart. Er ist einzigartig.

In den folgenden Kapiteln wird versucht, die Schleier um das Erfolgsrezept des Musikers und Menschen vorsichtig zu lüften und seine geheimnisvolle, zwischen Pathos und Authentizität oszillierende Persönlichkeit besser zu verstehen.

In diesem Sinne: Vorhang auf!

1

Einfach stark: »Bei jedem Konzert 200 %«

Die Tore der Augsburger Schwabenhalle werden für den Unheilig-Konzertabend am 20. Januar 2011 bereits um 17.30 Uhr geöffnet. Ungewöhnlich früh für ein Rockkonzert. Das liegt zum einen daran, dass auch die vielen Unheilig-Anhänger, die unter 14 Jahre alt sind, die Chance haben sollen, sich deren Auftritt anzusehen. Zum anderen hat das Charts-Wunder Unheilig zwei Vorgruppen ins Programm genommen, damit die Fans für die moderaten Eintrittspreise satte fünf Stunden Musik geboten bekommen: The Beauty Of Gemina und Apoptygma Berzerk, beide felsenfest in der Schwarzen Szene verankert.

Zu dieser Underground-Kultur hat man bis vor nicht allzu langer Zeit auch die damals vor allem Gothic-Rock spielende Band Unheilig um ihren charismatischen Frontmann, genannt der Graf, gezählt. Seit die Band jedoch im Februar 2010 mit ihrem Album Große Freiheit in den Charts den ganz großen Durchbruch schaffte, haben sich der Graf und seine Mitstreiter weit über die Schwarze Szene hinaus einen beeindruckenden Ruf erspielt.

Entsprechend ihrer großen Anziehungskraft auf die unterschiedlichsten Menschen ist die Zuhörerschaft an diesem Abend bunt gemischt: Da fällt das Auge auf zahlreiche in typisch dunkel-aristokratischer Art gekleidete Anhänger der Schwarzen Szene, daneben 40-, 50-jährige Fans gleichsam aus der »Mitte der Gesellschaft« und dazwischen wieder johlende Kids, die später jede Zeile des Textes mitsingen werden.

Als kurz vor halb neun der vierköpfige Hauptact ins Scheinwerferlicht tritt, sind überall auf der Bühne riesige flackernde Kerzen aufgestellt. Das Konzertgeschehen und gelegentliche Videoeinspielungen werden auf zwei überdimensionalen Leinwänden gezeigt. Ansonsten rückt eine eher spartanische Lightshow die nationalen Superstars des Jahres 2010 ins rechte Licht. Doch dieses Konzert lebt nur am Rande von solchen Äußerlichkeiten, denn im Mittelpunkt steht ganz klar eine Person: der Graf höchstselbst.

Der enigmatische Sänger, gewandet in einen eleganten dunklen Anzug mit weißem Hemd und Krawatte, wirkt auf der Bühne genauso sympathisch wie leidenschaftlich. Er fordert die Fans mit großer Geste zum Mitsingen auf. Die Mitglieder seiner Band sind großartig aufeinander eingespielt und sowohl bei den sensiblen Balladen wie bei Heavy-Rock-Stücken in großer Form. Derweilen breitet der Graf geradezu messianisch, völlig in seine Musik versunken, die Arme weit, weit aus. Er lebt in den Liedern, den Melodien, den Texten. An seiner Mimik ist jedes Gefühl abzulesen, sei es Schmerz, Leidenschaft, Zuversicht, Trauer. Auf der Bühne gibt sich der Graf als ebenso exaltierte wie bodenständige Persönlichkeit. Er trifft mit Liedern wie »Geboren, um zu leben«, »Große Freiheit«, »Astronaut« oder »An deiner Seite« textlich wie musikalisch das Lebensgefühl der unterschiedlichsten Alters- und Zielgruppen. Und trotz gelegentlich heftiger Gitarren-Einsätze auf die Hörerschaft ist der musikalische Eindruck niemals auch nur im Ansatz destruktiv. Bei aller Grübelei und allem Tiefsinn verströmen die Unheilig-Texte durchweg Optimismus. Während bei Rammstein, die in den härteren Songs immer wieder zitiert werden, Zynismus und Fatalismus vorherrschen, und sich bei Xavier Naidoo, an den man sich bei den Balladen erinnert fühlt, ein gewisser Hang zur Weltverbesserung zeigt, werden hier Hoffnung und Trost vermittelt.

In den Zwischenansagen dagegen kommt ein ganz anderer Graf zum Vorschein: Bevorzugt geht er selbstironisch mit seiner »dunklen« musikalischen Vergangenheit und auch mit seinem aktuellen Stellenwert als deutscher Megastar um. Er nimmt sich nicht zu ernst, ist aber allemal ein souveräner Live-Entertainer.

Jedenfalls haben sich der Graf und die Band, die noch ein Jahr vor dem Auftritt in Augsburg kaum über die Grenzen der Gothic-Szene hinaus ein Begriff waren, sowohl musikalisch als auch hinsichtlich ihres Images auf das neuerdings breite Spektrum ihres Publikums eingestellt.

Nach rund 90 Minuten geht der Auftritt zu Ende. Und tatsächlich, bei so viel geballter Emotion fließen nun bei etlichen Fans im Publikum mehr oder weniger verstohlen Tränen der Rührung. Und danach herrschen pure Begeisterung und Euphorie ob des mitreißenden Auftritts des Grafen und seiner Band, es gibt minutenlang donnernden Applaus, lautstarke Forderungen nach Zugaben, immer wieder Zwischenrufe. Wie schrieb doch ein Fan nach dem Besuch eines Konzertes im Kölner Palladium am 17. April 2010 über den Grafen so treffend im Internet: »Er gibt bei jedem Konzert 200 %.«

Der Gig in Augsburg war einer der letzten im Rahmen der Jubiläumstournee, die unter dem Titel »Große Freiheit II« stand und einem wahrhaftigen Triumphzug glich. Das Jubiläum war der Tatsache zu verdanken, dass Unheilig ihr zehnjähriges Bestehen feiern konnten.

Nur ein halbes Jahr zuvor, zwischen März und Mai 2010, hatten der Graf und Unheilig mit der ersten »Große Freiheit«-Tour selbst größere Hallen, die zwischen 5 000 und 7 000 Besucher fassten, im Sturm erobert. Rund 80 000 Kilometer Fahrtstrecke hatten er und seine Mitstreiter dabei zurückgelegt, und in jeder Stadt wurde die Band enthusiastisch empfangen. Hunderttausende alter wie neuer Fans huldigten dem neuen nationalen Superstar.

Nach Ende dieser beiden Tourneen war endgültig klar: Die immense Popularität von Unheilig hat ihre Ursache vor allem darin, dass diese Formation samt ihrem charismatischen Frontmann besonders live zu überzeugen weiß.

Die Fans brachten Unheilig bei jedem einzelnen der Konzerte eine gewaltige Welle an Sympathie entgegen. Und das mit gutem Grund, denn die Besucher wussten: Der Graf würde ihnen für zwei Stunden mit seinen Liedern aus der Seele sprechen und sie mit seiner Show exzellent unterhalten.

Dabei wurden diese höchst erfolgreichen Tourneen im Vorfeld speziell von des Grafen eigentlicher Fan-Klientel, der Schwarzen Szene, eher misstrauisch beäugt. Bei vielen Anhängern schlug dieses Misstrauen allerdings in Wohlwollen um, nachdem sie einen Gig besucht hatten. So auch bei Peter Eskriba, Autor des Szene-Magazins Zillo: »Was wurde im Vorfeld nicht alles geschrieben? Ausverkauf, Kommerz, Schlager – wer den Erfolg hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Doch was zählt, ist auf der Bühne – und da zählen Unheilig zum Besten, was die Musikszene derzeit zu bieten hat«, schwärmte dieser gleich zu Beginn seines Live-Berichts von den Stärken des Grafen und seiner Mitstreiter auf der Bühne.

Und im Stern berichtete Autor Tobias Schmitz im Herbst 2010 beinahe erstaunt: »Längst erinnern Unheilig-Konzerte an Andachten bei Kerzenschein: vorn eine Art Erlöserfigur, die nicht davor zurückschreckt, auf der Bühne vor Ergriffenheit hemmungslos zu weinen, hinten die Gläubigen, die sich von diesem Menschenfischer nur allzu gern einfangen lassen, lachend, weinend, mitsingend, einander umarmend. Sie lieben diesen Mann, weil er ihnen hilft, an sich selbst zu glauben, und ihrer eigenen Hemmung, Gefühle auszudrücken, eine Stimme gibt.«

Wie aber verwandelte sich ein gestandener Mann, der noch als Teenager extrem schüchtern war, in eine von Hunderttausenden verehrte Erlöserfigur?

2

Ich gehöre mir: Die Anfänge des Grafen

Die Geschichte der Band Unheilig kreist vor allem um den Werdegang des Mannes, der sich selbst »der Graf« nennt. Er hat die Band gegründet, er ist ihre Stimme, ihr Kopf, ihr Herz. Um sein Privatleben und seine Familie zu schützen und weil es ihm vor allem darauf ankommt, durch seine Musik zu wirken, verrät er nur wenig, wenn er nach seinen persönlichen Lebensumständen gefragt wird. Er blockt sensationslüsterne Nachfragen konsequent ab und gewährt niemandem Einblick in sein Leben abseits der Bühne. Kinder- oder Familienfotos vom Grafen bekommt die Öffentlichkeit nicht zu sehen. Reporter speist er mit Sätzen ab wie: »Ich bin auch nicht anders als ihr. Ich stehe morgens genau wie jeder andere auf.«

Das reicht natürlich speziell der Boulevardpresse nicht. Die wollte das Privatleben des Grafen nach den großen Erfolgen der Jahre 2010 und 2011 schonungslos offenlegen. Wie sieht sein Alltag aus, welche sexuelle Orientierung hat er und – wie heißt er denn nun wirklich, dieser so enorm populäre und erfolgreiche Künstler? Findige Rechercheure fischten aus den einschlägigen Internet-Fan-Foren den Namen Bernd Heinrich Graf. Der wurde verbreitet und als wahr angesehen.

Aber der Graf selbst hat diesen Namen nie bestätigt und auch zu anderen luftigen Gerüchten keine Kommentare abgegeben. Ihm ist allein seine Kunst wichtig, wenn er sich der Öffentlichkeit präsentiert. Und seine Anhänger sehen das ähnlich. Sie wollen den Grafen hören, sie wollen Unheilig hören, und nicht den Privatmann Bernd Heinrich Graf – wenn der enigmatische Sänger denn tatsächlich so heißen sollte.

Und dennoch: Die Lieder des Grafen, deren Inhalte, die Botschaften und Gefühle, die er mit ihnen ausdrückt, bekommen eine tiefere und klarere Bedeutung, wenn man seinen Werdegang nachzeichnet – mit allem Respekt vor dem offenkundigen Wunsch, seine Privatsphäre nicht derart zu sezieren, dass es ihn schmerzen würde. Das hat er schließlich oft genug erlebt: Verletzungen, die seiner sensiblen Persönlichkeit schon in jungen Jahren zusetzten.

Dabei waren die ersten Lebensjahre des im Sternkreiszeichen Wassermann geborenen Künstlers von Harmonie geprägt. Er wuchs mit seinem Bruder wohlbehütet in einem finanziell recht gut gestellten Elternhaus im nordrhein-westfälischen Aachen auf, hatte zahlreiche Spielkameraden und ging in den ersten Jahren auch gern zur Schule, wo er sich mit Eifer am Unterricht beteiligte und als guter Schüler galt. Eine ganz normale Kindheit.

Doch dann wurde der spätere Musiker aus heiterem Himmel mit einer Situation konfrontiert, die ihm einen Schock versetzte. Dieser Schock war so schwer, dass er ihm im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache verschlug. Eines Tages kam er nach Hause – und wollte nicht mehr sprechen. Er antwortete nicht mehr auf Fragen, beteiligte sich nicht mehr an Gesprächen und sah den Menschen, die mit ihm reden wollten, nicht in die Augen, sondern blickte zu Boden. Natürlich musste der Junge, der sich später der Graf nennen sollte, ab und an etwas äußern, um seine notwendigsten Bedürfnisse zu artikulieren. Aber darüber hinaus kommunizierte er nicht mehr. Er hatte Angst, das Falsche zu sagen, Angst, falsch zu handeln.

Was war geschehen? Daran hat der Graf keine genaue Erinnerung: »Ich weiß bis heute nicht, warum das so war, ich bin nach Hause gekommen und still gewesen. Ich habe einfach nicht mehr reden wollen.« Immerhin ließ er später verlauten, ein Erlebnis gehabt zu haben, das ganz nach einer traumatischen Erfahrung aussieht. Und die kann viele Gründe haben. Vielleicht war es ein Unfall oder ein Beinahe-Unfall, bei dem er Todesangst litt, oder ein Angriff auf ihn, vielleicht sogar eine Missbrauchsattacke.

In jedem Fall war es etwas zutiefst Erschreckendes, Bedrohliches, das ihm die Worte raubte und das gleichzeitig sein Leben komplett veränderte und in eine neue Richtung lenkte. Man kann tatsächlich sagen, dass der Dämon, der ihn damals in Angst und Schrecken versetzte, dafür sorgte, dass der Junge sich der Musik zuwandte, wenn auch auf Umwegen.

Denn zunächst kämpfte er mit diesem Dämon in seiner unmittelbaren Alltagswelt, was unangenehme Konsequenzen hatte. Der einstmals gute Schüler hob im Unterricht nicht mehr die Hand, und seine mündlichen Leistungen sackten auf den Nullpunkt. Die Eltern des verzweifelten Jungen waren ratlos und suchten Experten auf, wie der Graf sich später erinnerte: »Die Folgen davon waren endlose Besuche bei Psychologen, warum das denn so war, warum der Junge denn nicht redet.« Man bemühte sich zu ergründen, ob sein Schweigen etwas mit einer Lese- oder Lernschwäche zu tun hatte, mit einer Zwerchfellverengung oder eben mit einem traumatischen Erlebnis. Jedenfalls suchte man händeringend nach Lösungen des Problems.

Insbesondere die Mutter des Grafen wurde aktiv. Sie schrieb ihm immer wieder Zettelchen mit aufmunternden Sätzen, die ihn durch seinen Alltag begleiteten, die er zum Beispiel in seiner Schultasche oder bei seinen Pausenbroten fand. »Hab keine Angst«, »Ich denk an dich«, »Glaub an dich« oder »Du schaffst das« stand darauf. Diese Botschaften, die ihm zeigten, dass er nicht alleine war, dass es da jemanden gab, der ihm in seiner Not zur Seite stand, spendeten ihm Trost. Aber sie schafften es nicht, den Schrecken aus der Seele des Leidenden zu vertreiben.

Und so suchte er sich damals andere Wege, seinen Dämon zu zähmen, wie der Graf Jahre später erzählte: »Ich hatte viele Hobbys, bei denen ich nicht reden musste, wie Kunst und Sport.« Bei solchen Aktivitäten musste er mit niemandem sprechen und keinem in die Augen sehen. So begeisterte er sich zunächst für den Sport. Hier vermochte er ohne Worte, nur durch Körpereinsatz, etwas zu bewegen und wurde von den anderen, seien es Mitschüler oder Lehrer, wahrgenommen und akzeptiert. Die Sportart seiner Wahl war Tischtennis. Dieses Hobby praktizierte auch sein Vater, der ihn an den Sport heranführte, so dass der Junge sogar in einen Verein eintrat.

Ähnlich war es beim Zeichnen von Karikaturen, was er als Nächstes ausprobierte. Wenn der junge Graf nicht gerade den Ball über die Tischplatte jagte, verkroch er sich Nachmittage lang zu Hause und zeichnete Figuren. Das verschaffte ihm ein Gefühl der Zufriedenheit, obwohl er meist allein war. Er hatte nur einen einzigen Freund, dem seine extrem zurückhaltende Art nichts ausmachte. Genauso wenig störte diesen, dass er, wenn er denn einmal etwas sagte, stotterte.

Diese Nachwirkungen des schrecklichen mysteriösen Kindheitserlebnisses sind bis auf den heutigen Tag zu bemerken. Das Problem wird ab und zu vom Grafen auch in Gesprächen thematisiert. Doch er hat gelernt, damit umzugehen: »Ich habe immer noch ein Sprachproblem, ganz klar. Es ist halt da, und ich akzeptiere es. Früher habe ich mich oft darüber aufgeregt, aber seitdem ich es akzeptiere und offensiv damit umgehe, klappt es viel besser.« Bei Live-Auftritten hat er keine Schwierigkeiten, zumindest nicht, wenn er singt: »Aber wenn ich dem Publikum etwas erzählen will, muss ich auch immer diese Schwelle überschreiten … Und es ist immer toll, wenn ich das geschafft habe. Das fühlt sich dann an wie ein kleiner Sieg.«

Damals jedoch, als Kind, lachten die anderen ihn aus und waren auch sonst nicht besonders nett zu ihm. Sie waren, so sieht es der Graf rückblickend, »brutal ehrlich«. Das bedeutete, dass er in der Klasse so etwas wie der Prügelknabe war, der Außenseiter, den man ärgern konnte, da er sich ja nicht wehrte. Die Lehrer reagierten mit Hilflosigkeit und schlechten Noten wegen der mangelnden mündlichen Beteiligung. So führte der spätere Hit-Schreiber in den nächsten Jahren ein sehr zurückgezogenes Leben. Seine Wortkargheit wurde zur Gewohnheit, zum Alltag.

Und dennoch war er weiterhin da, der Dämon, die im Unterbewusstsein verankerte schreckliche Begebenheit von damals, die die Sprache des zukünftigen Sängers in seinem Inneren gefangen hielt. Dagegen konnten auch Tischtennis und Zeichnen wenig ausrichten.

Erst in seinen frühen Jahren als Teenager fand die Sprache des Jungen dann einen Weg nach draußen: durch die Musik, die für ihn in dieser Phase zum Kommunikationsmittel wurde, zu seiner Art, sich mitzuteilen, wie sich der Graf Jahre später erinnert: »Die Musik war für mich, besonders in dieser Zeit, eine Art Sprachorgan, und so bin ich dann letztlich auch zur Musik gekommen und bei ihr geblieben.«

Das Interesse an der Musik entwickelte sich jedoch nicht erst, als der Graf als Heranwachsender das Reich der Töne für sich entdeckte. Schon viel früher, im Kindergartenalter, hatte er Spaß am Singen gehabt. Er ging in einen katholischen Kindergarten, in dem es üblich war, Kirchenlieder zu singen. Das war für den Kleinen, der sowieso die ganze Zeit zu Hause vor sich hin trällerte, ein reines Vergnügen – und genauso für seine Zuhörer. Offensichtlich sang er so inbrünstig und dabei derart gut, dass man meinte, er solle das im Kirchenchor fortführen, wo der künftige Popstar schließlich landete und bei Messen und Gottesdiensten seine Stimme erklingen ließ. Allerdings verließ er den Chor bald wieder, weil er mit dem Pfarrer nicht zurechtkam. Außerdem wollte der Junge auch lieber mit anderen Kindern spielen, als mit ihnen »nur« zu singen. Weil er nicht weiter im Chor sang, schloss sich für den Grafen das Kapitel Musik erst einmal wieder, bis er dann als Teenager – angestoßen durch sein Schockerlebnis – die Welt der Töne neu entdeckte.

Dabei orientierte er sich zunächst an allem, was in den 1980er Jahren hierzulande gerade angesagt war. In den Charts zu finden waren international erfolgreiche US-Stars wie Michael Jackson mit den Hits seines Mega-Albums »Thriller« (»Beat It«, »Billie Jean«), Tina Turner (»What’s Love Got To Do With It«), Stevie Wonder (»I Just Called To Say I Love You«), Lionel Richie (»All Night Long«, »Hello«) und Bruce Springsteen (»Born In The USA«) oder Briten wie Rod Stewart (»Baby Jane«). In der Hoch- und Spätphase der Neuen Deutschen Welle, die bis etwa 1985 anhielt, machten diesen Pop-Giganten auch einheimische Acts wie Hubert Kah, Markus, UKW, Nena, Trio, Falco oder Peter Schilling die oberen Chart-Ränge streitig.

Die NDW ging Ende der 1970er Jahre aus neuartigen musikalischen Strömungen wie Punk und New Wave hervor, die aus Großbritannien und den USA nach Deutschland schwappten. Daraus entwickelte sich schließlich ein Mainstream-Trend zur elektronischen Musik, der die gesamten 1980er Jahre über andauern sollte. Der Synthie-Pop dominierte größtenteils die populäre Musik jenes Jahrzehnts und bildete interessante Schnittmengen mit New Wave-Tendenzen. Zu den erfolgreichsten Acts gehörten Gruppen wie die Eurythmics, Soft Cell, OMD, New Order, Ultravox, Depeche Mode, Culture Club, Kajagoogoo. Zum Ende des Jahrzehnts traten unter anderem die Pet Shop Boys, Alphaville, Talk Talk oder Camouflage in ihre Fußstapfen. Dazu gesellten sich in den Hitlisten europäische Italo-Disco-Produktionen etwa von Gazebo, Ryan Paris oder Righeira.

Der Elektro-Sound beherrschte die bundesdeutsche Popwelt, und das ging natürlich auch an dem zukünftigen Grafen nicht spurlos vorüber. Immer noch auf der Suche nach einer Möglichkeit, sich selbst auszudrücken, ohne sprechen zu müssen, entdeckte der damals Zwölfjährige die Begeisterung für die Musik, die er als Chorkind erlebt hatte, neu. Außerdem war er neugierig auf eine Heimorgel. Solch ein Instrument zu spielen, war sein größter Wunsch. Er dachte dabei an eine Orgel mit zwei Klaviaturen sowie Bass- und Rhythmusbegleitung. Allerdings waren solche Instrumente damals reichlich teuer, sie kosteten mehrere tausend Mark. Das konnten sich seine Eltern nicht leisten. Aber sie fanden eine Lösung und mieteten eine Orgel. Schließlich wollten sie, dass ihr Sohn bei all den Schwierigkeiten, die er hatte, glücklich war.

Als das schwere und große Instrument, das mit einem LKW angeliefert werden musste, endlich im Zimmer des späteren Grafen stand, war er völlig fasziniert und für die Welt um ihn herum verloren. Er experimentierte mit der Vielzahl von Sound-Varianten der Heimorgel und nahm sich ausgiebig Zeit, Knöpfe zu drücken, Einstellungen zu verändern und auszuprobieren und sich in der Welt der elektronischen Klänge zurechtzufinden. Er spielte einfach drauflos, was anfangs ziemlich unbeholfen klang. Doch der Teenager hatte endlich seine Passion gefunden, bei der Sprache erst einmal keine Rolle spielte. Die Klaviatur konnte er auch schweigend bedienen. Der Jugendliche war so gefesselt, dass ihm schnell klar wurde: Diesen Weg, den Weg der Musik, wollte er weiter beschreiten.

Das war seinen Eltern nur recht. Solch eine Leidenschaft war ausgesprochen gut dazu geeignet, ihren Sohn während der Pubertät, in der bekanntlich die Hormone überschäumen und man leicht auf dumme Gedanken kommt, auf Kurs zu halten. Damit seine neue Leidenschaft aber einen festen Rahmen erhielt, bekam der künftige Graf Orgelunterricht.

Den hielt er zwei Jahre lang durch und lernte in dieser Zeit, das Instrument richtig zu spielen. Doch immer häufiger schlich sich Unzufriedenheit ein, zumal der angehende Chartstürmer immer nur dieselben Stücke aus dem Liederkanon der deutschen Musikgeschichte spielen sollte. Dabei hatte er längst eigene Melodien und entsprechende Rhythmen im Kopf und spielte diese viel lieber als die vorgegebenen Noten. Außerdem spürte er auf der Orgel Melodien nach, die er im Radio oder in Filmen gehört hatte. Zunehmend hatte er das Gefühl, dass der Unterricht seine überschäumende Kreativität einengte, und er verabschiedete sich von seinem Musiklehrer.

Hinzu kam, dass ihm die Heimorgel als Instrument nicht mehr ausreichte, weil er deren Klänge und Möglichkeiten mittlerweile in- und auswendig kannte und nichts Neues mehr dazuzulernen war. Und: Er konnte seine vielen eigenen Songs, die Melodien und Rhythmen, nicht aufnehmen. Mit den Synthesizern, die zu dieser Zeit allmählich aufkamen, war das hingegen möglich. Und solch eine Musikmaschine wünschte sich der angehende Sänger. Dazu sollten noch ein Drum-Computer für den Rhythmus sowie ein Mischpult kommen – und fertig war das Heimstudio.

Die Eltern des Teenagers sahen ein, wie sehr ihm die Musik am Herzen lag, und schenkten ihm das heiß ersehnte Equipment. Um sich das leisten zu können, verkauften sie die Heimorgel, die sie mittlerweile erworben hatten.

Ihr Sohn brachte sich mit Feuereifer autodidaktisch bei, wie man mit den neuen Geräten umzugehen hatte und wie der Synthesizer zu programmieren war. Flugs war auch der erste Song entstanden: »Success«. Nomen est omen. Das Lied spielte der junge Komponist auf den Musikcomputern ein und nahm ihn auf Kassette auf. Und er hat das Ergebnis bis heute behalten. Überhaupt hängt der Graf sehr an seinen alten Kompositionen und Einspielungen. Daher hat er Jahre nach diesen Anfängen die analogen Aufnahmen digitalisiert, sodass er heute leichten Zugriff darauf hat.

Damals orientierte sich der angehende Musiker an den Sounds der Zeit, spielte populäre Songs nach und imitierte deren Klänge und Rhythmen auf seinem Synthesizer und auf seiner Drum-Machine. Mehr und mehr komponierte er dann aber auch eigene Tracks, die allerdings instrumental blieben. Alle anderen Beschäftigungen, die ihm früher geholfen hatten, mit seiner Sprechblockade umzugehen, lösten sich irgendwann in Nichts auf. Nur die Musik interessierte ihn noch. Hatten Tischtennis und Zeichnen eher die Funktion der Ablenkung gehabt, waren die Musik und das Komponieren eigener Instrumentalstücke für den späteren Grafen die beste Methode, um in seiner Sprache, in seiner ureigenen Art zu kommunizieren. Die Musik half ihm, sich selbst und seine Gefühle auszudrücken, bestimmte Erfahrungen zu verarbeiten und mit schwierigen Situationen besser zurechtzukommen. Zudem bemerkte er, wie andere auf seine musikalischen Ambitionen reagierten: mit Applaus, wenn er beispielsweise der Verwandtschaft etwas vorspielte, und mit Zustimmung, die besonders seine Eltern signalisierten, die ihn immer unterstützten, wenn es um die Musik ging.

Und dann, ganz plötzlich, setzte dieser entscheidende Schritt hin zur Musik offensichtlich genügend Energie in ihm frei: Er konnte den Schrecken von einst, den Dämon, der ihm die Kehle abschnürte und die Stimme raubte, besiegen. Ganz unvermittelt redete der Junge zu Hause wieder fröhlich drauflos.

In den folgenden Jahren lernte er, wie es war, wieder zu sprechen, Kontakte zu suchen, sich mit Menschen auseinanderzusetzen. Am Anfang verhielt er sich dabei zurückhaltend und schüchtern. Doch nach und nach ging er immer mehr aus sich heraus, verließ sein Schneckenhaus, entdeckte die Fähigkeit zur verbalen Kommunikation neu und probierte sie exzessiv aus. Er redete unaufhörlich und stellte zahlreiche Fragen, wenn ihm etwas auf- oder missfiel, sei es in der Schule oder zu Hause.

Kurz nachdem er auf diese Weise sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte, musste er sich mit ungefähr 17 Jahren konkret damit beschäftigen, was er beruflich machen wollte, denn seine Schulzeit ging zu Ende. Lange musste er nicht nachdenken, da für ihn nur eine Profession in Frage kam: Er wollte Musiker werden! Dieser Berufswunsch stieß jedoch bei seinen Eltern auf Unwillen. Wahrscheinlich dachten sie – wie so viele Erwachsene, wenn ihre Sprösslinge den Wunsch äußern Maler, Schauspieler oder eben Musiker zu werden – zunächst an die Unsicherheit, die eine künstlerische Existenz mit sich bringt. Und es stimmt zweifelsohne, dass die meisten Künstler von einem kargen Lohn leben oder sogar nebenher einem anderen Broterwerb nachgehen müssen. Die Eltern des jungen Musikers rieten ihm also zur Vernunft und zu einer handfesten Ausbildung, am besten einem Studium. Allerdings hätte die Familie des Aacheners das selbst finanzieren müssen. Außerdem gab es nicht viele Studiengänge, die für ihn in Frage kamen, denn es sollte ihn auf alle Fälle zur Musik führen. Also überlegte er sich eine besondere Strategie: Er wollte möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen, um sich ein Studio leisten zu können, in dem er seine eigene Musik produzieren würde. Nur, wie sollte er das bewerkstelligen? Die Lösung: Er würde sich sofort nach dem Ende seiner Schulzeit für vier Jahre bei der Bundeswehr verpflichten und dort eine Menge Geld verdienen, das er für sein Studio ansparen konnte. Er besprach dies mit seinen Eltern, und die stimmten zu, weil ihnen die Schwierigkeit bewusst war, überhaupt einen Job zu finden. Die Jugendarbeitslosigkeit in der Bundesrepublik war damals, gegen Ende der 1980er Jahre, ziemlich hoch. Warum also nicht zur Bundeswehr gehen?

Einige friedensbewegte Lehrer des Schulabgängers hatten zu diesem Thema freilich einige Gegenargumente von Gewicht beizusteuern. Für sie war der Wehrdienst ein Kriegsdienst und somit moralisch nicht vertretbar. Also rümpften sie ebenso wie viele Mitschüler die Nase, als sie von diesen Plänen hörten.

Dabei ging es ihm doch nur um seine Musik! Die Bundeswehr war für ihn lediglich ein Mittel zum Zweck, um sich ein Studio leisten zu können. Und schließlich marschierte er ja auch nicht als bezahlter Killer durch Krisengebiete, um Leute zu ermorden, sondern wollte nur als Zeitsoldat in einer deutschen Kaserne seinen Dienst verrichten. Hinzu kam, dass ihm der Militärdienst die Möglichkeit eröffnete, sich von seinem Elternhaus abzunabeln und seine Selbstständigkeit zu beweisen.

Allerdings sah er sich in der Zeit vor dem Schulabgang immer stärkerem Gegenwind ausgesetzt, der sich in dem Moment sogar dramatisch verschärfte, als ihn der Konrektor extra aus dem Unterricht zu sich holte, um ihm wegen seiner Bundeswehrpläne ins Gewissen zu reden. Der Pädagoge sagte, er wolle den jungen Mann vor einem Fehler bewahren. Schließlich habe dieser ja ein großes Problem damit, vor anderen Leuten zu sprechen. Und genau davon riet er ihm ab: Er solle sich keinen Beruf suchen, in dem er sich vor andere hinstellen und sich äußern müsse. Das werde auf jeden Fall schiefgehen, hieß es. Und in der Tat konnte es sein, dass der Zeitsoldat in spe bei der Bundeswehr als Vorgesetzter auf Untergebene traf, denen er Befehle erteilen oder Vorträge halten musste. Darauf zielten die Worte des Lehrers wohl ab, an die sich der Graf Jahre später noch erinnerte: »Mein Rektor sagte mir … ich solle mir lieber einen Beruf suchen, wo ich nicht mit Menschen rede, wo ich möglichst in einem Zimmer bin, wo ich nicht telefonieren muss … . Der hat zu mir gesagt, ich soll etwas machen, wo ich nicht reden muss, und bloß nicht in die Öffentlichkeit gehen, weil man mich nur auslacht.«

Der Schüler war damals nach diesem vermeintlich guten Rat zu keiner Reaktion fähig. Der Pädagoge hatte auf seinen wunden Punkt gezielt und ins Schwarze getroffen. Er hatte ihn erniedrigt, klein gemacht und seine Zuversicht zerstört. So war es dem jungen Mann schon einmal ergangen, und auch diesmal gab es einen ähnlichen Effekt: Von den Worten des Konrektors schockiert, verstummte er wieder und zog sich zurück. Sein Elan, Musik zu machen, ließ merklich nach, das Feuer seiner Leidenschaft für die Welt der Töne drohte zu erlöschen. Selbst den Plan, zur Bundeswehr zu gehen, verwarf das Nachwuchstalent und beschloss, nach der Schulzeit doch eine ganz normale Ausbildung anzufangen.

Seine Wahl fiel schließlich auf eine Lehre als Zahntechniker, weil man in diesem Beruf Fingerspitzengefühl und handwerkliches Geschick brauchte, was er durchaus vorweisen konnte. Tatsächlich bekam er eine Lehrstelle, was damals gar nicht so einfach war. Seine Eltern waren einverstanden und beruhigt: Für ihren Sohn schien diese Ausbildung angesichts seiner niedergeschlagenen Stimmung die richtige Wahl zu sein.

Als Zahntechniker sitzt man den lieben langen Tag im Labor und fertigt Zahnersatz an. Zahnkronen, Stiftkronen, Brücken, Teil- und Vollprothesen oder Einlagefüllungen, Spangen, Aufbiss-Schienen, Antischnarch-Apparate und vieles mehr. Man muss dabei nicht viel reden, und das gefiel dem späteren Grafen. Alles andere jedoch konnte er nicht ausstehen. Es war für ihn im Grunde eine fremde Welt, Lichtjahre von der Musik entfernt.

Er war verzweifelt, weinte, wenn er zu Hause war – aber er machte auch wieder mehr und intensiver Musik. Er komponierte und spielte Stücke, in denen er seine Misere verarbeitete, und schnell wurde ihm klar: Hier, in der Musik, war er zu Hause, mit Tönen und Klängen wollte er sich beschäftigen – und auf keinen Fall als Zahntechniker enden. Also beendete er seine Ausbildung vor dem Abschluss, was seine Eltern nicht gerade begeisterte. Schließlich gab er ja einen zukunftsträchtigen, bodenständigen Beruf auf. Aber sie mussten ihn gewähren lassen. Ihr Sohn war gerade volljährig geworden, und er ließ sich durch nichts beirren, denn er hatte eine besondere Motivation: Er wollte allen, die früher an ihm gezweifelt hatten – und damit war speziell auch der Konrektor seiner früheren Schule gemeint –, beweisen, dass er etwas aus sich machen konnte, dass er den Weg, den er bewusst gewählt hatte, gehen konnte, trotz seiner Schüchternheit und seiner Sprachprobleme. »Ich wollte den Menschen, gerade denen, die nicht so an mich geglaubt haben, zeigen: Hey, ihr habt unrecht. Ich kriege das trotzdem hin«, sagt er heute.

Also erklomm er die nächste Stufe auf dem langen Weg zum Berufsmusiker und ging doch für vier Jahre als Zeitsoldat zur Bundeswehr. Er hatte sich den Dienst als Sanitäter bei der Luftwaffe ausgesucht, weil ihm diese Aufgabe leichter zu bewältigen schien, als zum Beispiel als Schütze durch den Wald zu robben und Krieg zu spielen. Als Sanitäter konnte er durchaus nützliche Fertigkeiten erlernen, um Menschen zu helfen. Damit sah er sich als Gegenteil des schießenden Soldaten.

Die Grundausbildung begann der frischgebackene Uniformträger in Süddeutschland, wo zunächst alles wie geplant verlief. Er sparte von den 1 700 Mark (rund 870 Euro) monatlichen Soldes so viel wie möglich und biss die Zähne zusammen, um die Grundausbildung zu überstehen. Unter der Woche ertrug er seine Vorgesetzten, die soldatischen Pflichten und zwei durch Bodybuilding gestählte tyrannische Zimmergenossen. Die beiden schikanierten ihn und die anderen Stubenkameraden, indem sie von ihnen verlangten, den Spind aufzuräumen und ihre Schuhe zu putzen. Parierten die Zimmergenossen nicht, ließen die beiden ihre Muskeln spielen. Doch der Rekrut hielt durch und schloss die Grundausbildung ab. Bevor er jedoch vereidigt und in die Nähe von Aachen versetzt wurde, gab er den beiden Quälgeistern noch einen Denkzettel mit auf den Weg: Er schmierte die Unterhosen der beiden mit einer höllisch brennenden Salbe ein. Und tatsächlich fehlten die beiden Muskelprotze bei der Verabschiedung aus der Kaserne, vermutlich weil sie, die zu Sanitätern ausgebildet worden waren, sich selbst an ihren empfindlichsten Körperteilen verarzten mussten.

Wenig später verrichtete der ausgebildete Sanitätssoldat schon seinen Dienst etwa zwanzig Kilometer nördlich seiner Heimatstadt Aachen. In Geilenkirchen-Teveren wurde er auf einem Flugplatz eingesetzt, der als internationaler Nato-Stützpunkt fungierte und auf dem Awacs-Aufklärungsflugzeuge starteten und landeten. Er arbeitete in der Sanitätsstaffel im Behandlungszimmer, pflegte seine Kameraden, verabreichte Medikamente und lernte eine Menge über Medizin und Krankheiten.

Den Lohn, den er dafür bekam, steckte er weiterhin sofort in die Einrichtung seines Heimstudios. Er kaufte Keyboards und Synthesizer und komponierte und spielte munter drauflos. Sein Plan ging auf: Er brachte tatsächlich durch den Bundeswehrsold seine Musikerkarriere auf den Weg. Außerhalb seiner Dienstzeit produzierte der Nachwuchsmusiker zu Hause Instrumentalstücke. Doch das reichte ihm bald nicht mehr aus. Er wollte gehört werden, und so kontaktierte er Plattenfirmen, um ihnen seine Songs zu verkaufen oder als Komponist angestellt zu werden. Die Richtung hatte er sich bereits ausgesucht: Als Soundtrack-Fan mit einer großen Sammlung an entsprechenden Tonträgern wollte er Filmmusik schreiben und produzieren.

Der junge Mann versandte fünfzig Schreiben mit jeweils einem Demoband mit zwölf ausgewählten Instrumentalsongs an diverse Musikfirmen. Das Ergebnis nach wochenlangem Warten war frustrierend. Niemand schrieb zurück oder rief ihn an. Es kam keine einzige Reaktion. Deshalb fragte der Nachwuchskomponist, der bis dahin voller Hoffnung gewesen war, selbst nach. Das Resultat war, dass kein Ansprechpartner ihm weiterhelfen konnte – oder wollte. Niemand konnte sich an die Einsendungen erinnern. Manchmal bekam er auch zu hören, man wolle so etwas gerade nicht hören und würde nur antworten, wenn die Musik für die Firma interessant wäre.

Diese Erfahrung war für den späteren Publikumsliebling geradezu niederschmetternd. Er sah im Musikmachen keinen Sinn mehr, denn seine Stücke schienen nicht gut genug zu sein. Erschwerend kam die Angst hinzu, was werden würde, wenn die Bundeswehrzeit ausliefe und das finanzielle Netz, das er geknüpft hatte, reißen würde.

In dieser Stimmung flüchtete er sich ins exzessive Essen. Das allerdings war fatal, denn schon zuvor hatte er sich einige Fettpolster zugelegt. Er hatte einfach der guten Verpflegung auf dem Nato-Stützpunkt, wo vor allem die Piloten mit hochwertigem und wohlschmeckendem Essen leistungsfähig gehalten wurden, nicht widerstehen können. Der Sänger hatte begeistert zugelangt und nach eineinhalb Jahren als Sanitäter stattliche 20 Kilos zugenommen. Seinen Kameraden blieb das natürlich nicht verborgen, und sie gaben ihm unschöne Spitznamen. Das schmerzte. Dem Leidensdruck wich der Sanitäter aus, indem er sich einmal mehr von den anderen zurückzog. Das Desinteresse der Plattenindustrie an seiner Musik und sein Übergewicht waren zu viel für ihn. Der Nachwuchskomponist schaufelte das Essen regelrecht in sich hinein und futterte sich einen wahren Fettpanzer an. Das brachte ihm verstärkt scharfe Frotzeleien seiner Kameraden ein, und die beantwortete er, indem er mitlachte. Im Grunde seines Herzens aber war er todunglücklich.

Die damalige Situation markierte einen Tiefpunkt im Leben des späteren Popstars, den er sich eines Tages beim Blick in den Spiegel endlich auch eingestand. Das ...

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