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Unheil

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. DONNERSTAG
  5. 1.
  6. 2.
  7. 3.
  8. 4.
  1. FREITAG
  2. 5.
  3. 6.
  4. 7.
  5. 8.
  6. 9.
  7. 10.
  8. 11.
  9. 12.
  10. 13.
  1. SAMSTAG
  2. 14.
  3. 15.
  4. 16.
  5. 17.
  6. 18.
  7. 19.
  8. 20.
  9. 21.
  10. 22.
  11. 23.
  1. SONNTAG
  2. 24
  3. 25.
  4. 26.
  5. 27.
  6. 28.
  7. 29.
  8. 30.
  9. 31.
  10. 32.
  11. 33.
  1. DIENSTAG … UND DANACH
  2. 34.
  3. 35.
  4. 36.
  5. 37.
  6. 38.
  1. Über den Autor

1.

»Wo zum Teufel ist diese Ferienanlage?«, fragte Lowell.

Rachel auf dem Beifahrersitz schwieg und fächelte sich mit der Straßenkarte Luft zu. Und die Kinder auf den hinteren Sitzen waren zu sehr damit beschäftigt, sich zu streiten, um ihrem Vater zuzuhören.

Kurz nach dem Mittagessen hatten sie die Zivilisation hinter sich gelassen, und seitdem waren sie unterwegs. Die Sonne brannte heiß vom Himmel. Weder Sonnenbrillen noch Sonnenblenden boten hinreichenden Schutz. Schon vor geraumer Zeit hatte Lowell die Klimaanlage abschalten müssen, um das System vor Überhitzung zu schützen.

Seit mehr als dreißig Meilen hatten sie nicht den geringsten Hinweis auf die Ferienanlage erhalten, zu der sie unterwegs waren, und allmählich machte Lowell sich Sorgen. Die endlosen einspurigen Wüstenstraßen sahen alle irgendwie gleich aus, und alle waren schlecht oder gar nicht ausgeschildert. Gut möglich, argwöhnte Lowell, dass sie irgendwann falsch abgebogen waren und nun geradewegs auf die Ranch eines cholerischen Viehzüchters oder auf das Gelände durchgeknallter Survivalisten zusteuerten.

Egal, sie waren raus aus Kalifornien.

Es war das Wochenende, an dem sein zwanzigjähriges Highschool-Klassentreffen stattfinden sollte - einer der Gründe dafür, warum sie jetzt hier waren. Lowell und Rachel hatten den Urlaub zwar ohnehin geplant, doch als Lowell erfahren hatte, dass sein Klassentreffen im selben Monat stattfinden sollte, hatte er höchstpersönlich dafür gesorgt, dass er an dem fraglichen Tag auf keinen Fall in Kalifornien sein würde.

Nicht dass er sich seines Jobs schämte, es war nur … doch, ja, er schämte sich seines Jobs. Okay, die Arbeit machte ihm Spaß, die Bezahlung stimmte, und im Grunde gefiel ihm sein Beruf, und dennoch: Wann immer jemand aus seiner Jugendzeit sich in den Supermarkt verirrte, in dem Lowell hinter der Kasse saß (mit einem Namensschild am Kittelrevers, das seine fünfzehnjährige Betriebszugehörigkeit pries), krümmte er sich innerlich und betete, dass man ihn nicht wiedererkannte.

Gott sei Dank kam das nicht oft vor. Lowell war nach dem College in seiner Heimatstadt Fountain Valley geblieben und hatte geheiratet, doch nach fünf Jahren hatte die Geschäftsleitung ihn nach Brea versetzt, ungefähr zwanzig Meilen entfernt. Obwohl einige seiner ehemaligen Klassenkameraden ebenfalls in den Norden von Orange County gezogen waren, verirrten sie sich nur selten in das Einkaufszentrum am Rande der Stadt. Natürlich gab es noch ein paar alte Freunde aus College- und Highschool-Tagen, die Lowell regelmäßig traf und die wussten, wie er sein Geld verdiente, aber das war etwas anderes. Sie verstanden ihn, und in ihrer Gegenwart fühlte Lowell sich auch nicht als beruflicher Versager.

Und nachdem er sich auch räumlich von seiner Vergangenheit entfernt hatte, hatte die Arbeit im Supermarkt sich als erfüllend, ja, als Quell der Freude für ihn entpuppt. Zugegeben, er hatte weder ein Mittel gegen den Krebs entdeckt, noch den großen amerikanischen Roman geschrieben, doch er hockte auch nicht in einem kaninchenstallgroßen Büro und starrte stundenlang auf einen Computerbildschirm oder jonglierte mit bedeutungslosen Zahlen wie so viele seiner ehemaligen Schulkameraden. Lowell fand, er bot den Menschen aus Brea und Umgebung einen wertvollen Service an, indem er - in seiner Funktion als Assistant Manager des größten Ralphs-Supermarkts in Orange County - dafür sorgte, dass sie stets frisches Fleisch und Gemüse, internationale Spezialitäten und Bio-Produkte in den Regalen vorfanden. Er war stets freundlich zu seinen Kunden, kannte viele mit Namen und unternahm alle Anstrengungen, den Kassierern, Tütenpackern und Wareneinräumern in »seinem« Laden ein angenehmes Arbeitsklima zu schaffen.

Und doch missfiel ihm die Vorstellung, ehemalige Freunde, Bekannte oder Liebschaften wiederzutreffen und von seinem beruflichen Werdegang erzählen zu müssen.

So peinlich sein Job ihm manchmal war, so stolz war er auf seine Familie. Rachel und die drei Jungs waren das Beste, was ihm je passiert war - und bei weitem mehr, als er verdiente, wie er fand. Beim Gedanken an sein Privatleben empfand Lowell tiefe Dankbarkeit.

Die Straße vor ihnen führte um einen kleinen Hügel aus weißem Kalkstein, der von zahllosen Ocotillos bewachsen war. Die dünnen Stämme der Wüstenpflanzen waren mit kleinen, ovalen Blättern besetzt, und an den Spitzen der holzigen Stängel sprossen rote Blütenähren.

»Dad?«, ließ sich der zwölfjährige Ryan, sein Jüngster, vom Rücksitz vernehmen und imitierte dann mit quengeliger Stimme den Slogan eines TV-Spots: »Wann sind wir endlich da?«

Lowell lächelte. »Sehr witzig.«

Obwohl sie mit ihren vierzehn Jahren eigentlich schon aus dem Alter raus waren, fielen die Zwillinge mit ein: »Dad? Wann sind wir denn da? Dad? Wann sind wir endlich daaahaaa?«

»Aber wir sind doch schon da«, meinte Lowell. »Wir sind längst in unserem Hotelzimmer, und ihr liegt schon im Bett. Ihr träumt nämlich nur, dass ihr noch in diesem Wagen sitzt.«

Das ließ die drei für einen Moment verstummen.

»Machst du Witze?«, fragte Ryan nach einer Weile unsicher.

»Natürlich macht er Witze«, sagte Rachel und stieß ihren Mann grinsend in die Seite.

Doch die Zwillinge hatten offenbar Gefallen an dieser Idee gefunden. »Hör ja nicht auf Mom«, sagte Curtis zu seinem kleinen Bruder. »Die ist ja auch bloß ein Teil von dem Traum. Darum kann man ihr nicht glauben.«

»Ja, wir sind alle Teil dieses Traums«, versicherte Owen seinem kleinen Bruder. »Unsere ganze Familie. Eigentlich sind wir gar keine Familie, und du bist nicht mal ein Junge. Du bist bloß ein Streuner in irgendeinem Tierheim, der sich für 'nen Menschen hält.«

»Mom!«, rief Ryan verängstigt.

»Hört auf damit, ihr zwei«, befahl Rachel. »Wenn ich noch einmal mitkriege, dass ihr in diesem Urlaub euren Bruder schikaniert, dann …«

Wieder musste Lowell lächeln.

Der heiße Fahrtwind pfiff durchs geöffnete Fenster und zerzauste sein Haar. Lowell fragte sich, warum die Autos von heute eigentlich keine verstellbaren Drehfenster mehr besaßen. Die Familienkutschen seiner Kindheit hatten noch keine Klimaanlagen gehabt, doch auf jeder Urlaubsreise hatte sein Vater die beiden dreieckigen Fensterchen so in Position gebracht, dass während der Fahrt eine angenehme Brise ins Wageninnere wehte, ohne dass jemand im Durchzug saß.

Lowell sah, dass die Straße vor ihnen zwischen zwei Hügeln hindurchführte. Er schwor sich, auf der Stelle umzukehren, wenn hinter der nächsten Biegung nicht irgendein Hinweis auf diese verdammte Ferienanlage auftauchte. Eine Ortsbezeichnung zum Beispiel, wie man sie in jedem handelsüblichen Straßenatlas fand.

Es war Rachels Schwester Pam gewesen, die ihnen vom Reata erzählt hatte. Pam hatte mit ihrer Familie im letzten Sommer eine Woche Urlaub im Tucson's Westward Look gemacht. Normalerweise wäre ein Aufenthalt in einem Wüstenhotel nicht ihre erste Wahl gewesen, doch Pam hatte erfahren, dass viele der exklusiven Feriendomizile in Arizona, die während der Skisaison vor allem von wohlhabenden Ostküstlern aufgesucht wurden, im Sommer drastisch ihre Preise senkten, um Leute aus der Umgebung sowie Touristen anzulocken, die sich einen Urlaub in einer Luxusanlage normalerweise nicht leisten konnten. Das Westward Look sei großartig gewesen, hatte Pam berichtet, doch einer der Gäste hatte ihr von einer noch exklusiveren Anlage erzählt, dem Reata, wo ein Urlaub während der Sommermonate angeblich um fünfundsiebzig Prozent günstiger sei als in der Hochsaison. Der einzige Wermutstropfen sei, so Pam, dass das Reata ziemlich weit draußen in der Wüste und sehr einsam gelegen war, und damit ziemlich weit entfernt von Tucsons Nachtleben und Shoppingmeilen. Ein Umstand, der das Reata für Lowell und Rachel nur noch interessanter gemacht hatte, sodass Rachel sofort online gegangen war und die Website des Hotels aufgerufen hatte.

Sie hatten sich auf den ersten Blick ins Reata verliebt. Die Fotos im Web zeigten einen riesigen, lagunenartigen, von Palmen gesäumten Pool, um den herum die Gäste sich auf Sonnendeckliegen räkelten, unter Schatten spendenden Schirmen, kleine Tische mit kühlen Drinks neben sich. Am Ende des Pools war in einer Palmenhütte eine Snackbar untergebracht. Auf der anderen Seite erhob sich ein künstlicher Disneyland-Felsen in den Himmel, von dem sich ein Wasserfall in das türkisblaue Becken ergoss. Unweit der paradiesisch anmutenden Kaskaden führte eine extralange Wasserrutsche von der Spitze des Felsens bis in den Pool.

Die Bilder der Hotelzimmer zeigten luxuriöse, im Santa-Fe-Stil eingerichtete Räume, deren deckenhohe Fenster einen spektakulären Blick auf die umliegende Wüstenlandschaft boten. Auch das hoteleigene Restaurant machte einen durchweg guten Eindruck, und der Sonntagsbrunch las sich reichhaltig und abwechslungsreich. Die elegante Lobby schließlich stand der Eingangshalle des Hearst Castle in San Simeon in nichts nach.

Und das alles zum Preis eines Mittelklasse-Motels.

Sie hatten noch am gleichen Tag online reserviert und schon wenig später per E-Mail eine Bestätigung und zwei eingescannte Farbprospekte erhalten.

In einer der Broschüren hatte sich auch eine Wegbeschreibung befunden, die sie hierher geführt hatte - irgendwo ins Nirgendwo.

Während Lowell zwischen den Hügeln hindurchfuhr, hielt er bereits nach der nächsten Haltebucht Ausschau, um zu wenden.

Und dann lag es plötzlich vor ihnen.

Schon aus der Entfernung war zu erkennen, dass das Reata sämtliche Erwartungen, die mit den Fotos geweckt worden waren, um ein Vielfaches übertraf. Eingebettet in die Ausläufer der Santa Clara Mountains wirkte das zweistöckige, über mehrere Terrassen angelegte Lehmziegel-Anwesen so weitläufig wie eine Kleinstadt. Palmen und Pappeln säumten die Wege und Parkplätze zwischen den einzelnen Hotelgebäuden. Dies und die vielen Grünflächen verliehen der Anlage den Touch einer Oase inmitten dieses rauen, zerklüfteten Landstrichs.

Die holprige Wüstenpiste ging in eine frisch geteerte Zufahrt über, die wiederum nach einigen Meilen vor einem Wachhäuschen im Westernstil endete. Ein großes schmiedeeisernes Tor markierte den Eingang zum Reata.

Lowell verlangsamte die Fahrt.

»Sehr exklusiv«, bemerkte er und ließ den Blick schweifen.

Rachel nickte in Richtung des Tors. »Um das Gesindel fernzuhalten.«

»Und den ganzen Pöbel«, ergänzte er.

»Ja, das üble Gesocks.«

»Das gemeine Volk.«

Curtis stöhnte auf. »Ist ja gut, Leute. So witzig ist das nun auch wieder nicht. Um ehrlich zu sein, es nervt.«

Lowell lachte und hielt vor dem Tor an. Aus dem Wachhaus trat ein uniformierter junger Mann mit einem Clipboard. »Guten Tag. Kann ich Ihnen behilflich sein?«

»Wir haben reserviert«, erklärte Lowell. »Unter dem Namen Thurman.«

Der Wachmann überflog seine Gästeliste. »Lowell Thurman?«

»Genau.«

»Willkommen im Reata.« Der Wachmann reichte Lowell einen grünen Parkausweis in der Größe einer Ansichtskarte. Darauf prangten eine Nummer sowie das Logo des Hotels, ein stilisierter Kandelaberkaktus vor dem Sonnenuntergang. »Befestigen Sie den Ausweis an Ihrem Innenspiegel oder legen Sie ihn gut sichtbar aufs Armaturenbrett. Fahrzeuge ohne Parkgenehmigung werden unverzüglich und auf Kosten des Besitzers abgeschleppt. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.« Der Mann ging wieder in das Wachhäuschen; Sekunden später schwang das Portal auf.

Lowell fuhr hindurch und hielt auf den Gebäudekomplex zu, der auf dem Hügel errichtet worden waren. »Das nenne ich 'ne herzliche Begrüßung«, meinte er. »Man ist noch nicht mal durchs Tor, da wird einem schon gedroht.«

»Hör auf zu meckern«, knurrte Rachel.

»Ist doch wahr …«

»Das wird vielleicht ein Spaß!«, rief Owen vom Rücksitz.

»Genau!«, bekräftigte Rachel. »Ab jetzt werden wir nur noch Spaß haben, uns hübsch vertragen und einen wunderschönen Urlaub miteinander verbringen, verstanden?«

»Jawoll!« Lowell grinste.

Die Straße schlängelte sich durch einen bezaubernden Kaktuswald, in dem sich die dekorativsten Wüstenpflanzen versammelten, die Arizona zu bieten hatte, ehe der Weg zwischen zwei Felsenstelen hindurchführte, die den Eingang zum unteren Parkplatz markierten.

»Cool!«, rief Curtis begeistert aus. Und das war es in der Tat, musste Lowell zugeben, als er den Wagen in eine Haltebucht unweit der Eingangshalle steuerte. Er platzierte den Sonnenschutz aus Karton hinter der Windschutzscheibe, während seine Familie aus dem Wagen stieg und die müden Glieder streckte.

Der Hotelempfang war in einem haziendaähnlichen Gebäude untergebracht; vielleicht das ehemalige Haupthaus eines reichen mexikanischen Viehzüchters. Wie sie wussten, hatte das Reata in den Zwanzigerjahren als Wochenend-Ranch für reiche Großstädter begonnen, und Lowell mutmaßte, dass das Empfangsgebäude einst das ursprüngliche Gästehaus gewesen war. Ein mit Naturstein gepflasterter Weg, zu beiden Seiten von violetten Bougainvillen gesäumt, führte zu einer doppelflügeligen Tür, die aus einer alten spanischen Mission hätte stammen können. Der Eingang wurde von riesigen steinernen Pflanzkübeln flankiert, in denen prächtige Wüstenblumen, Sukkulenten und Kakteen gediehen. Ein grandioses Farbenspiel, das vor dem schlichten braunen Lehmziegelbau umso beeindruckender wirkte.

Als sie näher kamen, wurden die Türen von zwei adretten jungen Männern von innen geöffnet; das Duo trug eine Art Western-Uniform: schwarze Hosen, weiße Hemden und türkisfarbene Boloties. Einer der beiden Bediensteten lächelte ihnen zu, als sie eintraten. »Willkommen im Reata!«

»Danke, Kumpel«, erwiderte Curtis betont lässig. Rachel stieß ihn an und zischte: »Jetzt übertreib's mal nicht.«

Die klimatisierte Lobby war eine Wohltat nach der trockenen Hitze, die draußen herrschte. Lowell bemerkte erst jetzt, wie sehr er schwitzte. Mit einem Finger wischte er sich die Schweißtropfen fort, die sich an seinem Haaransatz und unter den Koteletten gesammelt hatten. Die Empfangshalle war größer, als das Gebäude von außen hätte vermuten lassen - sehr viel größer, als sie auf den Fotos der Website gewirkt hatte. Ein getöntes Fenster in der zehn Meter hohen Decke tauchte die luxuriös wirkende Sitzgruppe in ein gedämpftes Licht. Das Arrangement bestand aus einigen schweren Ledersesseln und zwei langen Ledersofas, die geradewegs von Ethan Edwards' Ranch hätten stammen können. Linker Hand stand eine lange Mahagonitheke, dahinter befand sich eine riesige, verzierte Spiegelwand, womit der Empfangsbereich einem alten Westernsaloon zum Verwechseln ähnlich sah. Auf der rechten Seite befand sich eine Front aus deckenhohen Fenstern mit gläserner Doppeltür, durch die man in einen weitläufigen, steingefliesten Patio gelangte. Im Hintergrund funkelte die Nachmittagssonne auf der Oberfläche des riesigen Pools, den sie schon von den Fotos her kannten und in dem einige Gäste schwammen. An der Kopfseite der Lobby war ein rustikal gemauerter Kamin zu sehen, der verständlicherweise nicht brannte. Gleich daneben gelangte man durch einen offenen Durchgang in einen Andenkenladen.

»Ich checke uns ein, und ihr seht euch inzwischen ein bisschen um, okay?«, schlug Lowell vor.

Schon eilten Rachel und die Kinder in Richtung Souvenirladen davon. Lowell ging zum Frontoffice. Die hübsche Empfangsdame mit dem strahlenden Lächeln hieß Tammy. Ihrem Namensschild zufolge stammte sie aus New Haven, Connecticut, und arbeitete schon seit sechs Jahren im Reata. Lowell fand es seltsam, dass die Namensschilder der Hotelangestellten so viele Details preisgaben, doch es war auch irgendwie beruhigend zu sehen, dass hier Menschen aus den gesamten Vereinigten Staaten beschäftigt waren. Irgendwie machte das diesen Laden weniger provinziell, fand Lowell.

»Mein Name ist Thurman«, sagte er. »Ich habe reserviert.«

»Sind Sie Tagungsmitglied, oder befinden Sie sich in Begleitung einer Reisegruppe?«

»Nein.«

Die junge Frau tippte etwas in ihren Computer, der auf dem Empfangsschalter stand, dann heftete sie ihren Blick auf den Bildschirm. »Lowell Thurman?«

»Genau.«

»Sie haben fünf Übernachtungen bei uns gebucht und werden am Mittwoch wieder abreisen?«

»So ist es.«

»Eine kleine Doppelzimmer-Suite, bestehend aus einem Raum mit Kingsize-Doppelbett sowie einem angeschlossenen Zimmer mit zwei Einzelbetten und einem Zustellbett?«

»Ja.«

»Sehr gut. Darf ich Sie dann um Ihren Führerschein und Ihre Kreditkarte bitten, Mr. Thurman?«

Er reichte ihr beides.

Lächelnd zog sie die Visakarte durch den Scanner. »Ist das Ihr erster Besuch im Reata?«

Er nickte.

»Ich bin sicher, Sie werden Ihren Aufenthalt genießen. Süd-Arizona hat viele, wunderschöne Ausflugsziele zu bieten. Dies hier dürfte Ihnen bei der Planung behilflich sein.« Sie griff unter den Schalter und reichte ihm eine gefaltete Karte. »Darin finden Sie alle Tagesziele, von Tombstone bis Tubac, mit Angaben zu den Fahrtzeiten. Auf Ihrem Zimmer werden Sie auch einige Broschüren vorfinden, in denen die Orte ausführlich beschrieben sind. Falls Sie Reservierungen für eines der zahlreichen kulturellen Events oder Restaurants in Tucson wünschen, unser Empfang ist rund um die Uhr besetzt. Wählen Sie einfach die Zwei auf ihrem Zimmertelefon.«

»Sagen Sie mal, wie weit ist Tucson eigentlich von hier entfernt?«, fragte Lowell.

Die junge Frau lachte. »Eigentlich trennen Sie nur etwa vierzig Meilen von der Zivilisation. Allerdings sollten Sie eine anderthalbstündige Fahrtzeit bis zur Interstate zehn einplanen. Die Wüstenstraßen hier sind nämlich tückisch, wenn man sie nicht kennt.«

»Ja, das haben wir auch schon festgestellt.«

In diesem Moment kamen Rachel und die Kinder aus dem Souvenirladen zurück. »Was für ein Nepp!«, schimpfte Owen. »Dreißig Mäuse für ein T-Shirt!«

»Und zwei Dollar fünfzig für 'ne Dose Cola!« Empört schüttelte Curtis den Kopf.

Lowell grinste. So jung und bereits kritische Verbraucher. Er und Rachel hatten bei der Erziehung also irgendetwas richtig gemacht.

Tammy überreichte ihm die Schlüssel - genauer gesagt zwei Magnetkarten, mit denen man die elektronischen Schlösser zu den Zimmertüren öffnen konnte.

»Wünschen Sie, dass man Ihnen die Einrichtungen dieser Anlage zeigt?«

»Sehr gern«, rief Rachel sofort, weil sie nach all den Jahren wusste, dass Lowell eine Besichtigungstour abgelehnt und stattdessen nach einem Plan der Hotelanlage gefragt hätte, um das Areal auf eigene Faust zu erkunden.

»In Ordnung, ich führe Sie gern herum.«

Im gleichen Moment öffnete sich eine bis dahin unsichtbare Tür in der Spiegelwand, und eine weitere junge Frau betrat den Empfangsbereich. Samantha. Juniper, Arizona. Im Hotel beschäftigt seit: Vier Jahren, stand auf ihrem Namensschild.

Gleichzeitig öffneten die beiden uniformierten Männer die Eingangstür erneut, und ein älteres Ehepaar trat in die kühle Lobby. Freundlich lächelte Samantha den beiden Senioren zu. »Hallo, kann ich Ihnen behilflich sein?«

Tammy verschwand durch die Tür in der Spiegelwand, um kurz darauf durch einen Gang neben dem Souvenirladen zu den Thurmans in die Halle zu treten. »Fangen wir am besten gleich hier an«, sagte sie und geleitete die Familie hinaus in den Patio. Dort herrschte eine Backofenhitze, was den Pool unter ihnen umso verlockender machte.

»Ich will zum Wasser!«, rief Curtis.

»Yeah«, meinte auch Ryan.

Tammy lachte. »Gut, gehen wir.« Im Innenhof gab es mehrere runde Tische mit Sonnenschirmen. An jedem standen einige Stühle, doch niemand saß hier. Tammy erklärte, dass es hier am Nachmittag einfach zu heiß sei und die Gäste sich erst am frühen Abend auf ein paar kühle Drinks hier einfänden, um den Sonnenuntergang zu genießen.

Zusammen mit Tammy stiegen sie eine breite, geflieste Treppe hinunter. Auf den umliegenden Terrassen, die hinunter bis zum Pool reichten, standen kinetische Metallskulpturen und exotische Kakteen. Der Badebereich selbst war so groß wie zwei Vorstadtgrundstücke.

Der Pool war gut besucht. Fast alle Stühle und Sitzecken waren belegt. Ein paar Kids lagen auf Strandlaken auf dem Betonboden; weitere Kinder und Erwachsene tobten ausgelassen im Wasserbecken. Aus den Lautsprechern zwischen den Palmen plärrten die neuesten Top-Forty-Hits. Kellner in ziemlich uncoolen Westernuniformen eilten mit ziemlich coolen Getränken zwischen den Gästen und der Bar hin und her.

»Es gibt hier zwei Pools«, erklärte Tammy, während sie das Tor öffnete, um die Familie in den Badebereich zu führen. »Diesen großen hier und dann noch ein kleines Sporthallenbad, das an unseren Trainings- und Wellnessbereich angeschlossen ist. Der Indoorpool ist eher für unsere gesundheitsbewussteren Gäste gedacht. In beiden Anlagen befinden sich außerdem Whirlpools, zwei davon hier am großen Pool. Und wie Sie sehen, haben wir auch einen Wasserfall und eine Rutsche. In dem großen Felsen hinter dem Wasserfall sind die Toiletten und Duschen untergebracht. Handtücher liegen auf dem Wagen neben der Snackbar bereit. Plastikflöße und Schwimmreifen verleihen wir kostenlos. Hier gilt das Motto: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.«

»Kann man hier auch was zu essen kaufen?«, fragte Curtis und deutete auf den Kiosk mit der Durchreiche.

»Ja, wir haben Snacks, Softdrinks, Cocktails und Sandwichs im Angebot. Man kann sie direkt an der Imbissbude kaufen oder bei einem unserer Kellner bestellen. Die sind normalerweise sehr darauf bedacht, dass niemand unserer Badegäste Hunger oder Durst leiden muss.«

Beim Anblick der schwitzenden Kellner in ihren hochgeschlossenen Uniformen, die den nur leicht bekleideten Leuten am Pool ihre Bestellungen brachten, musste Lowell kichern.

»Was ist so lustig?«, wollte Tammy wissen.

»Ach, nichts, nur die Kellner. Die erinnern mich irgendwie an einen Monty-Python-Sketch.«

Die junge Frau lächelte höflich. »Wer ist Monty Python?«

Lowell schüttelte den Kopf und verzichtete aufeine Erklärung. Mehr noch als seine heranwachsenden Kinder, die ersten grauen Haare und die Lachfalten, die sich immer mehr in tiefe Runzeln verwandelten, machte ihm das sukzessive Aussterben der kulturellen Meilen- und Prüfsteine seiner Jugend klar, dass er allmählich alt wurde.

Vor einiger Zeit hatte er bei Tower Records eher zufällig eine CD von Ravi Shankar aus dem Regal genommen und sich daran erinnert, wie sein älterer Bruder stundenlang dem Album Concert for Bangladesh gelauscht hatte. Und er hatte sich auch daran erinnert, wie sehr er dieses nervtötende Sitar-Geleiere gehasst hatte. Ein schwer gepiercter Verkäufer, der in der Nähe einige CDs einsortierte, hatte ihn schließlich angesprochen: »Wow! Ravi Shankar! Wusste gar nicht, dass wir so was im Programm haben.«

»Mögen Sie seine Musik?«, hatte der überraschte Lowell den jungen Mann gefragt.

»Hab von ihm gelesen. Das ist doch der Vater von dieser Sängerin.«

»Norah Jones«, hatte Lowell rasch erwidert, um dem Jüngeren zu beweisen, dass er dem Zeitgeist nicht völlig hinterherhinkte.

»Yeah«, hatte der Verkäufer erwidert. »Und was macht der Typ für Musik? Jazz oder so?«

In diesem Moment hatte Lowell erkennen müssen, dass der Bursche keinen blassen Schimmer von Ravi Shankar hatte und lediglich wusste, dass der Musiker Norah Jones' Vater war. Und er hatte begriffen, dass sämtliche Witze über enervierende Sitar-Solos an diesen Bengel verschwendet waren.

Mick Jagger hatte recht: Es war öde, alt zu werden.

Tammy führte die Familie um den Pool, den Wellnessbereich und den Wasserfall herum. Sie erreichten ein langgestrecktes, niedriges Gebäude im Santa-Fe-Stil, das einen Ausblick auf die sanft ansteigende Gebirgskette gewährte, während die anderen Bauten der Anlage allesamt mit Blick auf die weite Wüstenlandschaft errichtet worden waren. Sie betraten das Gebäude, das sich als Restaurant entpuppte. Direkt neben dem Eingang stand ein Oberkellner. In der Mitte des großen Raums standen runde Tische mit weißen Leinentüchern. Die plüschigen Sitznischen an der rechten Fensterfront gewährten einen Blick auf den Pool, während die Tische auf der gegenüberliegenden Seite einen Ausblick auf das beeindruckende Gebirgspanorama boten.

»Das ist das Saguaro, unser Fünfsterne-Restaurant. Es hat sich auf die Gourmetküche des Südwestens spezialisiert und wurde erst kürzlich in der Sendung ›Best of the West‹ vorgestellt«, erklärte Tammy. »Roland Acuna, unser Küchenchef, ist vielfach ausgezeichnet. Er hat bei Bobby Flay in New York gelernt. Acuna ist ein begnadeter Koch, und wir sind sehr stolz, ihn hier zu haben. Er veranstaltet übrigens jeden Samstagmorgen eine Führung durch seinen Küchengarten hinter Gästehaus fünf - der Komplex, in dem sich auch Ihre Zimmer befinden. Ich kann Ihnen sagen, die Tour ist wirklich äußerst unterhaltsam. Wenn Sie Interesse haben, daran teilzunehmen, lassen Sie es mich bitte vor Freitagabend wissen, oder Sie melden sich telefonisch an der Rezeption an.«

»Hört sich toll an«, meinte Rachel.

»Ist es auch.«

Sie kamen am Reservierungspult des Saguaro vorbei und gingen durch einen Nebeneingang in einen Raum, der sich als ein weiteres, gedämpft beleuchtetes Restaurant mit angeschlossenem Barbereich erwies. »Das ist das Grille, ein eher zwangloses Lokal«, erklärte Tammy. »An den Wochenenden kann es hier abends schon mal hoch hergehen, aber vor zehn Uhr und unter der Woche ist es eine ideale Familiengaststätte. Ach ja, beide Restaurants bieten auch einen Zimmerservice.«

Durch eine weitere Tür traten sie wieder ins Freie. »Den Rest des Weges werden wir fahren«, verkündete Tammy. Auf einem kleinen Parkplatz stand im Schatten einer Pappel ein elektrisch betriebenes, weißes Golfmobil, an dessen Seiten das Logo des Hotels prangte. Tammy setzte sich hinters Steuer, Lowell und Rachel kletterten auf den Rücksitz, während die Kinder sich auf der hinteren Ladefläche drängten, die über das Heck des Fahrzeugs hinausragte.

Tammy steuerte das Gefährt vom Parkplatz herunter. Dann nahm sie die einspurige Straße, die am Metallzaun entlangführte, der den Poolbereich umschloss, um schließlich auf eine leere Trasse einzubiegen, welche die einzelnen Gebäude der Anlage miteinander verband. Während sie fuhren, deutete Tammy auf einen schmalen, sandigen Pfad, der von Wüstenpflanzen gesäumt war. »Da hinten beginnt einer unserer zahlreichen Naturwanderpfade. Wir haben einen Vogel-Pfad, einen Kakteen-Pfad, einen Gebirgs-Pfad und verschiedene Jogging- und Wanderwege durch die Wüste auf dem Reata-Gelände. Und dann noch den Antelope-Canyon-Wanderpfad, der über zwei Meilen lang ist und bis in die Santa-Clara-Berge hinaufreicht. An dessen Ende befinden sich ein toller Picknickplatz und eine heiße Quelle. Die entsprechenden Karten dazu finden Sie in unserem Begrüßungspaket auf Ihren Zimmern. Weiteres Kartenmaterial erhalten Sie am Hotelempfang. Noch ein paar Worte in Sachen Sicherheit: Die Wüste kann gefährlich sein. Es gibt dort Schlangen, giftige Pflanzen und Insekten und auch unsicheres Gelände. Sollten Sie also beschließen, einen Wanderausflug zu machen, halten Sie sich bitte an die ausgeschilderten Routen. Und nehmen Sie immer ausreichend zu trinken mit; es ist glutheiß da draußen.«

Rachel lachte auf. »Ja, das haben wir auch schon bemerkt.«

»Guckt mal, ein Hubschrauber!«, rief Ryan von der Rückbank.

Lowell blickte nach rechts und entdeckte eine quadratische Betonfläche sowie den Propellerflügel eines Helikopters, der hinter einem Wartungsgebäude hervorschaute.

»Gut beobachtet«, lobte Tammy. »Ja, das Reata besitzt einen eigenen Helikopter für den Notfall.«

»Was für Notfälle haben Sie denn hier draußen?«, fragte Lowell.

»Sie würden sich wundern«, erwiderte Tammy, ohne auf die Frage einzugehen. »Hinter Gästehaus eins befindet sich übrigens der Golfübungsplatz. Nächsten Sommer werden wir unseren neuen Achtzehn-Loch-Platz in Betrieb nehmen. Wenn Sie möchten, dass ich irgendwo anhalten soll, sagen Sie es mir bitte.«

»Wir würden jetzt lieber unsere Zimmer sehen«, meinte Lowell. Er war dankbar, als Rachel nicht protestierte.

»Gut, dann machen wir 's kurz. Rechts sind die Tennisplätze und das Wellnesscenter. Die Trainingsräume und das Sporthallenbad befinden sich in dem Gebäude zu Ihrer Rechten. Mehr Informationen dazu finden Sie im Infopaket.« Sie fuhr an einem geparkten Pick-up vorbei, der mit allerlei Gerät für die Landschaftsgestaltung beladen war, und stoppte dann, damit ein untersetzter Angestellter einen Reinigungswagen über die Straße ziehen konnte. Schließlich bog Tammy links ab und hielt auf ein zweistöckiges Gebäude zu, in dem sich die Gästezimmer befanden. »Das hier ist Gästehaus fünf«, sagte sie, während sie das Golfmobil auf einem Parkplatz zum Stehen brachte. »Hier wohnen Sie. Nachdem ich Sie später wieder beim Empfangsgebäude abgesetzt habe, können Sie mit Ihrem eigenen Wagen den Weg nehmen, den wir gerade gekommen sind und das Auto dann hier abstellen.« Sie klatschte enthusiastisch in die Hände. »Okay, dann alle mal aussteigen!«

Die Kinder sprangen auf den heißen Asphalt. Zögernd kletterte auch Lowell aus dem Golfmobil und half dann Rachel beim Aussteigen. Die Hitze war höllisch, ihre Gesichter glühend rot. Trotz des Fahrtwindes war Lowell nass geschwitzt. Er wischte sich die Stirn mit einem Hemdsärmel trocken. Dann folgten sie Tammy durch einen Laubengang zu ihrem Gästehaus. Lowell und Rachel bewohnten Apartment 522. Gleich daneben lag Apartment 523, in dem die Kinder schliefen.

Vor der Eingangstür trat Tammy einen Schritt zur Seite. »Nach Ihnen«, sagte sie.

Lowell benutzte die Magnetkarte und öffnete die Tür. Einen kurzen Moment zögerte er angesichts des unbewohnten Raumes; er wich sogar unwillkürlich einen kleinen Schritt zurück. Er wusste nicht, welcher Urinstinkt es gewesen war, der ihm in diesem Moment einen kalten Schauer über den Rücken getrieben hatte, aber das Unbehagen verflüchtigte sich bereits, als Rachel an ihm vorbei in den klimatisierten Raum trat. Er folgte ihr und sah sich um. Sämtliche Beklommenheit fiel von ihm ab angesichts des Oberlichts aus gefrostetem Glas, das hoch über ihnen in die Zimmerdecke eingelassen war, und des riesigen Panoramafensters, das den Blick auf die grandiose Wüstenlandschaft gewährte. Es gab eine geschmackvolle Sitzecke, bestehend aus Sofa, Sesseln und einem Couchtisch, auf dem ein paar Magazine arrangiert worden waren, einen in die Schrankwand integrierten Widescreen-Fernseher und einen Waschraum, der ihrem heimischen in nichts nachstand. Im Badschrank befanden sich sogar Bademäntel und -latschen für die Gäste. Auf einem Schränkchen neben dem eingebauten Kühlschrank stand eine Espresso-Maschine.

Nett, dachte Lowell. Daran könnte ich mich gewöhnen.

Curtis und Owen öffneten die Verbindungstür zu ihrem eigenen Zimmer und stürmten hinein. Lowell vernahm Ausrufe wie »Voll krass!« und »Fett!« und »Wow, wir haben sogar 'ne eigene Glotze!«.

»Und wo wohne ich?«, fragte Ryan. »Bei deinen Brüdern«, erklärte ihm Rachel.

»Aber die jagen mir immer nur Angst ein!«

»Das tun sie nicht«, versprach Lowell. »Keine Bange. Warum gehst du nicht zu ihnen und schaust dir euer Zimmer an?«

Ryan nickte und rannte ins Nebenzimmer.

Tammy lächelte. »Und? Wie gefällt es Ihnen hier?«

»Es ist perfekt«, erwiderte Lowell.

2.

Der Laden hier ist total abgefahren, dachte Curtis. Das Reata erinnerte ihn irgendwie an das Geheimversteck eines James-Bond-Bösewichts: eine palastähnliche Operationsbasis irgendwo im Nirgendwo mit heißen Bräuten, gutem Essen und dem ganzen Technik-Schnickschnack, den man für Geld kaufen konnte.

Curtis liebte James-Bond-Filme, vor allem die alten Streifen aus den Sechzigerjahren mit Sean Connery. Die waren zwar älter als er, doch die klare Aufteilung der Welt in Gut und Böse und die kompromisslose Darstellung der Schurken gefiel ihm. Er hatte versucht, die Bücher zu lesen - sein Vater mochte sie und hatte sie ihm empfohlen -, doch im Vergleich zu den Filmen fand er sie langweilig. Egal, wie sehr er sich bemühte, er konnte nichts mit den Romanen anfangen.

Sein Bruder Owen, das wusste Curtis, war nicht halb so beeindruckt von dem Hotel wie er. Klar, auch ihm gefielen die Mädchen, die am Pool rumhingen, und dass sie ihr eigenes Zimmer und ihren eigenen Fernseher hatten, aber es passte ihm nicht, dass die Anlage so weit vom Schuss lag. Owen hatte ihm gegenüber zwar nichts dazu gesagt - Owen sagte ja nie viel -, aber Curtis wusste, dass diese Abgeschiedenheit seinem Bruder zu schaffen machte. Und genau das fand er, Curtis, einfach nur cool. Der Kontrast zwischen der Einöde, die sie umgab, und diesem Luxustempel mit seinen Pools, Wasserfällen, Tennis- und Golfübungsplätzen und den schicken Restaurants faszinierte ihn.

Curtis und Owen hatten nicht viel gemeinsam. Eigentlich sollten sie einander ähneln wie zwei Erbsen in der Schote, wie ihre Großmutter es immer ausgedrückt hatte, doch selbst äußerlich lagen Welten zwischen ihnen. Curtis war groß und dünn, mit dickem, gewelltem Haar und dunklem Teint. Owen hatte schwarzes, glattes Haar und war einen Kopf kleiner als Curtis, dafür zehn Pfund schwerer. Und er war extrem blass, genau wie ihr jüngerer Bruder Ryan. Curtis konnte sich nicht erinnern, seine beiden Geschwister jemals gebräunt gesehen zu haben. Sonnenbrände, ja, Sonnenbräune, niemals. Da schlugen sie ganz nach ihrem Vater, während Curtis eindeutig auf seine Mutter kam.

Er und Owen standen sich sehr nahe und waren die besten Freunde, doch Curtis fragte sich, ob das nicht einfach nur damit zusammenhing, dass sie Zwillinge waren. Dass das Schicksal - und Mutter Natur - sie zusammengeschmiedet und aus ihnen so etwas wie Partner gemacht hatten. Was wäre eigentlich passiert, hätte es diese familiäre Verbindung nicht gegeben? Was, wenn sie sich zufällig auf der Straße über den Weg gelaufen wären? Hätten sie sich dann überhaupt was zu sagen gehabt?

Curtis war sich nicht sicher.

»Ich komm jetzt runter!«

Curtis hob den Kopf. Owen stand oben auf der Wasserrutsche und riss die Arme in die Höhe. Bevor jemand ihn zurückhalten oder ihre Eltern ihn auffordern konnten, sich verdammt noch mal hinzusetzen, stieß er sich ab und schoss aufrecht stehend wie ein Skateboarder die glitschige Rutsche hinunter. Auf halbem Wege kippte er nach hinten und landete hart auf dem Hintern, überschlug sich beinahe auf der nassen Piste, doch er tauchte unverletzt und lachend in den Pool ein.

In Büchern und Filmen, so wusste Curtis, gab es immer einen guten und bösen Zwilling.

Und er fragte sich, welcher von beiden er war.

»Das hab ich gesehen!«, rief ihre Mutter vom anderen Ende des Badebereichs, wo sie mit Dad und Ryan die Sonnenliegen herumrückte. Ihre Stimme übertönte sämtliche anderen Geräusche und jedes andere Gespräch am Pool. Curtis bemerkte, wie die anderen Gäste sich umwandten und sie anstarrten. Er fühlte, wie er vor Scham rot anlief. »Ihr beiden sollt die Wasserrutsche nicht benutzen! Habt ihr das verstanden? Es ist verboten!«

Die Zwillinge nickten und schwiegen, um nicht noch mehr ungewollte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

»Das war 'ne echt coole Nummer.«

Curtis drehte den Kopf und sah einen anderen Jungen, der direkt hinter ihnen im Wasser schwamm. Er hatte eine stachelige Frisur, einen Ohrring und ein kleines blaues Tattoo auf seinem rechten Oberarm.

»Danke«, erwiderte Owen.

»Wie lange bleibt ihr hier?«, fragte der Junge.

»Fünf Tage«, sagte Curtis. »Und du?«

»Sind gestern angekommen und fahren Montag wieder ab.«

»Also auch fünf Tage, genau wie wir.«

Der Junge hieß David und kam aus der Gegend. Er war sechzehn Jahre alt und damit zwei Jahre älter als Curtis und Owen. Er ging auf die Highschool und durfte schon Auto fahren, war aber mit seinen Eltern hergekommen. Die drei Jungs hingen noch eine Weile gemeinsam am Beckenrand rum, checkten die heißen Mädels und Muttis sowie jedes weibliche Bikini-Wesen zwischen zehn und dreißig ab, bevor sie sich wieder im Wasser abkühlten.

An seiner Schule war David Mitglied des Schwimmteams. Souverän durchpflügte er den Pool einige Male in voller Länge und steuerte dabei mehrere unbestimmte Punkte an, ehe er wieder bei den Zwillingen eintraf und Bericht erstattete. »Frau in weißem Badeanzug.« Er nickte in Richtung des überfüllten Imbiss-Standes. »Biber.«

Das ließ Curtis sich nicht zweimal sagen. Schon schwamm er durch den Pool und stemmte sich dann an der betreffenden Stelle am Beckenrand in die Höhe. Tatsächlich, direkt vor ihm, auf Augenhöhe, lag auf einem Liegestuhl eine Frau mit gespreizten Beinen. Und er konnte vereinzelte Strähnen ihres schwarzen Schamhaares entdecken, das am linken Beinausschnitt ihres Badeanzugs hervorlugte.

Er bekam auf der Stelle eine Erektion, glitt zurück ins Wasser und schwamm zurück zu David und Owen. Die beiden ließen sich gerade von einem künstlichen Felsen im tiefen Bereich des Pools rückwärts ins Wasser fallen. »Ständer-Alarm«, verkündete er.

Owen schwamm auf ihn zu und tauchte unter, um die Sache in Augenschein zu nehmen. Grinsend kam er zurück zu David.

»Es heißt«, sagte dieser, »dass die Gäste hier abends nackt baden. Vor allem in dem großen Whirlpool. Ich werd mal gegen zehn oder so hier vorbeischauen und ein bisschen spannen …«

Curtis blickte seinen Bruder verstohlen an. Keiner von ihnen sagte etwas. Ausgeschlossen, dass ihre Eltern sie nach Einbruch der Dunkelheit von der Leine lassen würden. Vermutlich lagen die um zehn Uhr selbst schon im Bett und schliefen. Andererseits hatten er und Owen ihr eigenes Zimmer. Und wenn sie die Verbindungstür zum Zimmer ihrer Eltern schlossen und verriegelten …

Aber da war noch Ryan, der bei ihnen schlief. Und es bestand nicht die geringste Chance, dass ihr jüngerer Bruder bei so einer Sache die Klappe hielt.

David blickte die Zwillinge noch eine Weile auffordernd an. Als keine Antwort kam, zuckte er die Achseln und kraulte auf die Wasserrutsche zu, setzte sich auf deren Ende und blickte hinauf zu dem künstlichen Felsen, wo ein Vater gerade mit seinem Kleinkind stand, um die Rutsche hinunterzusausen.

»Entschuldige!«, rief der Mann.

David stellte sich taub und spritzte mit dem Fuß Wasser durch die Gegend.

»Hallo, junger Mann!«

David schaute zum Himmel, schien die Wolken über der Wüste zu betrachten und summte ein Lied.

»Würdest du bitte von der Rutsche runtergehen?«, schrie der Mann von oben.

Gemächlich kam David auf die Beine und blieb noch gut eine Minute auf dem letzen Abschnitt der Rutsche stehen. »Scheißeeeee!«, schrie er plötzlich aus vollem Hals, sprang ab und schlug hart auf die Pooloberfläche. Das Wasser spritzte zu allen Seiten. Rund um das Becken warfen die Gäste ihm verärgerte Blicke zu.

Curtis schaute zu Owen und grinste. Keiner von ihnen hätte den Mumm gehabt, so was zu tun, nicht mal, wenn sie in Davids Alter gewesen wären. Doch jetzt waren sie mit jemandem befreundet, der sich so was traute! Endlich hatten sie einen voll krassen Typen kennen gelernt. Und der Bursche konnte sie obendrein leiden!

Mann, das würde ein megageiler Urlaub werden!

Lachend schwammen die drei auf die andere Seite des Pools, bevor der Mann mit seinem Sohn ins Wasser rutschte.

Davids Eltern waren derzeit auf ihrem Zimmer und fickten, wie David zu berichten wusste, doch er hatte sich einen Tisch am Pool ergattert, zu dem ein Sonnenschirm und vier Stühle gehörten. Dazu eine Riesentasche mit Doritos, ein Sixpack Coke und einen Stapel Handtücher, der auf dem Tisch lag. Die drei kletterten aus dem Pool und ließen sich in die Stühle fallen. Während sie sich mit Chips vollstopften und Cola tranken, machten sie sich über die Leute lustig, die vorbeikamen. Vergessen war die Warnung ihrer Mutter zum Thema Schwimmen und Essen. Kurz darauf sprang das Trio wieder in den Pool und veranstaltete ein Wettschwimmen zum Wasserfall, das David um mehrere Längen gewann.

Eine Zeitlang traten sie auf der Stelle Wasser, um wieder zu Atem zu kommen. Plötzlich starrte David auf seine paddelnden Füße hinunter und runzelte die Stirn.

»Was ist?«, fragte Curtis.

»Da ist was unter dem Wasserfall. Ich glaub, da liegt 'ne Leiche.«

»Ach, Quatsch«, meinte Curtis.

»Guckt doch selbst!«

Doch darauf hatte Curtis keine Lust. Es war ein heißer Sommertag, und sie schwammen in einem überfüllten Pool, umgeben von Kindern, Erwachsenen und einer Armee an Hotelpersonal, doch plötzlich fröstelte ihn, und ihm war zumute wie einem verängstigten kleinen Jungen in einem Spukhaus. Noch immer starrten er und Owen ins Wasser, auf den Schaum und die Blasen in den dunkelblauen Tiefen des Pools, und … ja, wenn man genau hinsah, war da ein dunkles, zu Boden gesunkenes Etwas zu erkennen, die unbewegliche Silhouette eines … Körpers.

»Ich will raus hier«, rief Owen plötzlich. Hastig paddelte er an den Beckenrand und zog sich hinauf.

Seine Stimme hatte panisch geklungen, sodass Curtis ihm sofort folgte. Er war froh, dass Ryan am anderen Ende des Badebereichs bei ihren Eltern geblieben war. Als er auf dem heißen Beton stand, fragte er sich, ob er jemanden vom Hotel benachrichtigen oder warten sollte, bis er seinen Vater fand. Er wusste, er durfte jetzt nicht herumschreien, weil das Panik unter den Gästen auslösen würde.

»Wartet, ihr beiden!«, rief David, der ihnen nachgeschwommen war. »Bleibt doch mal stehen!«

Owen hielt inne, und Curtis wandte sich um.

»Das ist keine Leiche, Jungs. Das ist bloß 'n dunkler Fleck am Beckenboden. Mann, ihr seid vielleicht Hosenscheißer!«

Wieder starrten die Zwillinge ins Wasser. Von ihrem jetzigen Standort aus war deutlich zu erkennen, dass da tatsächlich kein Körper am Boden des Pools lag. Stattdessen wurden im Bereich des Wasserfalls offenbar Arbeiten durchgeführt, und der menschenähnliche Umriss war das Ergebnis einer nachträglichen Ausbesserung des Beckenbodens.

Curtis lachte und tat so, als amüsiere er sich köstlich über den Witz, aber so war es nicht. Er wusste, was er gesehen hatte. Und als sein Blick sich mit dem seines Bruders traf, erkannte er, dass es Owen genauso ging. Da unten war irgendwas gewesen. Eben noch, als sie zum ersten Mal ins Wasser starrten, hatten sie etwas gesehen, das viel größer und kompakter gewesen war, als dieser dunkle Fleck am Poolboden.

Vor allem wusste Curtis, er würde heute Nacht von diesem … Ding träumen.

Sie schwammen noch eine Weile hin und her; dann kamen Davids Eltern nach draußen, um ihren Sohn abzuholen. »Die haben wohl endlich zu Ende gevögelt«, murmelte er, als das Paar durchs Tor trat.

Curtis und Owen schwammen zu ihren Eltern hinüber, die am Beckenrand gleich mehrere Sonnenliegen mit Beschlag belegt hatten.

»Was habt ihr morgen denn so vor?«, fragte ihr Vater. »Hier gibt's nämlich 'ne Menge zu sehen.« Er hielt ein Magazin in die Höhe, und Curtis las das Thema des Hefts: »101 Dinge, die man in Tucson unternehmen kann«.

»Och nö. Wir haben keinen Bock mehr, schon wieder in der Gegend rumzufahren«, sagte er und drückte seinen Bruder unter Wasser.

Owen tauchte wieder auf und nickte zustimmend. »Yeah, wir wollen einfach hierbleiben und schwimmen und so.«

»Wir haben nämlich keinen Bock mehr, durch die Gegend zu düsen«, echote Ryan.

»Seht ihr?«, meinte Curtis. »Sogar Ryan hat die Schnauze voll davon.«

»Gut, aber wenn wir hierbleiben, müsst ihr auch mit Ryan spielen«, sagte ihre Mutter. »Das heißt, ihr ärgert ihn nicht, ignoriert ihn nicht und versucht auch nicht, ihn irgendwie loszuwerden, verstanden?«

»Null Problemo!« Curtis warf Owen, der über beide Ohren grinste, einen raschen Blick zu.

»Ich bin das Autofahren nämlich auch leid«, gab ihre Mutter zu.

Ihr Vater nickte. »Gut, dann bleiben wir eben hier. Mir soll's recht sein. Immerhin wohnen wir in einer superteuren Ferienanlage, da können wir das Angebot genauso gut auch nutzen.«

»Yay!«, rief Ryan und schaukelte in seinem Stuhl hin und her.

Curtis wollte seinem kleinen Bruder eine spöttische Bemerkung zuwerfen, riss sich dann aber zusammen und lächelte seine Eltern an. »Yay«, sagte auch er.

3.

Das Essen war phantastisch. Lowell hatte sich Katfisch in Mandelkruste mit Limetten-Kräuter-Soße, gegrilltem Cayenne-Gemüse und Kartoffel-Knoblauch-Püree bestellt. Rachel hatte eine über Mesquiteholz gegrillte und mit Chili gewürzte Hähnchenbrust, dazu Chipotle-Reis, schwarze Bohnen und eine Kürbissuppe. Die Kinder bekamen ihre heißgeliebten Hotdogs.

Sie gingen nicht oft aus essen, und seit Ryan auf der Welt war, noch viel seltener als früher. Doch wenn, fiel ihre Wahl meist auf ein familienfreundliches mexikanisches oder italienisches Restaurant, wo die Kinder niemanden störten, weil es dort ohnehin laut zuging. Insofern war das Saguaro der pure Luxus. Allerdings würden sie sich dieses Vergnügen nur dieses eine Mal leisten können - den Rest der Woche würden sie mit den selbstgeschmierten Sandwichs in ihren Zimmern und mit der preiswerteren Küche des Grille vorliebnehmen müssen. Dennoch war Lowell froh, dass sie heute hier gespeist hatten. Das erstklassige Essen und das exklusive Ambiente trösteten ihn beinahe darüber hinweg, dass zur gleichen Zeit auf seinem Klassentreffen die Willkommensdrinks gereicht wurden.

Beinahe.

Rachel hatte sogar Fotos von dem Edeldinner gemacht, denn sie fand, das Ganze sah fast zu schön zum Essen aus. Und so hatte sie die treue Canon Sure Shot aus ihrer Handtasche geholt und den gedeckten Tisch von allen Seiten geknipst. Eine schöne Erinnerung an ihren ersten Kontakt mit der amerikanischen Gourmetküche. Lowell machte sich oft lustig über den Tick seiner Frau, jeden Augenblick ihres Lebens auf Fotos festzuhalten, doch in Wahrheit bewunderte er sie dafür. Er wünschte, er hätte auch diesen Sinn für das Wesentliche, doch der ging ihm völlig ab. Hätte Rachel ihre Ausflüge und familiären Höhepunkte nicht von Anfang bis Ende mit der Kamera begleitet, würde das fotografische Erbe ihres bisherigen Lebens sich auf ein paar Schnappschüsse von ihrer Hochzeitsreise und einige verwackelte Babyfotos beschränken.

Lowell hatte befürchtet, sie wären womöglich underdressed in ihren Shorts und luftigen Sommershirts, doch zu seinem Erstaunen waren auch die anderen Gäste des Saguaro, vornehmlich ältere Paare, sehr leger gekleidet. Das Essen war exquisit, doch die Atmosphäre im Restaurant war alles andere als steif. Lowell fand, man konnte sich ziemlich schnell an das Leben in einer Ferienanlage der Extraklasse gewöhnen. Die krampfhafte Coolness des Großstadtlebens fehlte hier völlig. Hier ging es eher zu wie in Orange County, sah man davon ab, dass es hier kein »Schaulaufen« gab, und das traf sowohl seinen kulinarischen als auch seinen egalitären Nerv. Und obwohl es im Restaurant nur wenige Kinder gab, fühlten sie sich mit ihrem Nachwuchs keineswegs fehl am Platze.

Nach dem Essen gingen sie zurück zu ihren Zimmern und nahmen dabei einen gewundenen Schotterpfad, der von solarbetriebenen Lampen erhellt wurde. Die Sonne war bereits untergegangen, doch der Horizont im Westen war noch in ein orangefarbenes Glühen getaucht. Auf dem Weg vor ihnen torkelten große schwarze Käfer auf langen Beinen in Richtung der Lichter; hier und da war das Geraschel von Echsenfüßen auf Sand zu vernehmen.

Rachel schoss noch ein Foto von der Silhouette eines Riesenkaktus; dann mussten sich Lowell und die Kinder vor einen sprudelnden mexikanischen Springbrunnen aufstellen, der an einer der Kreuzungen stand. Es war Nacht, und doch war es immer noch sehr heiß. Lowell schwitzte, als sie auf dem Pfad weitergingen. Unten in der Wüstenebene konnte er vereinzelte, schwach beleuchtete Farmen ausmachen, in weiter Ferne sogar die Lichter der Städte, an denen sie auf ihrer Reise hierher vorbeigefahren waren. Und irgendwo im Süden, hinter dem schwarzen Massiv der Catalina Mountains, lag Tucson.

Beim Tennisplatz kam ihnen ein älteres Paar entgegen, das Arm in Arm spazieren ging. Man grüßte einander freundlich. »Ein wundervoller Abend, nicht wahr?« Ansonsten waren sie mutterseelenallein hier, und Lowell fragte sich, ob es hier wohl Rotluchse gab. Oder Kojoten. Zweifellos lebten hier Klapperschlangen und ein ganzes Aufgebot an nächtlichen Räubern, die er gar nicht kannte.

Beim nächsten Mal, so nahm er sich vor, würden sie den befestigten Hauptweg zu ihren Zimmern nehmen. Zumindest nach Einbruch der Dunkelheit.

Der Pfad endete bei einem kleinen, gepflasterten Parkplatz, auf dem die Gäste von Haus fünf ihre Wagen abgestellt hatten. Sie quetschten sich zwischen einem Suburban und einem Land Cruiser hindurch und betraten den Laubengang, der zu ihren Zimmern führte. Sämtliche Lichtquellen wurden von Käfern und Faltern umlagert; fliegende Insekten knallten mit schöner Regelmäßigkeit gegen die Schirme der Außenlampen, die zwischen den Zimmertüren angebracht waren. Lowell zückte seine Magnetkarte und zog sie durch das kleine Lesegerät. Das grüne Licht blinkte; dann drückte er die Tür auf.

Jedenfalls versuchte er es.

Die Tür gab nur wenige Zentimeter nach, ehe sie mit einem lauten, metallischen Geräusch einrastete. Das interne Schließsystem hatte zugeschlagen.

»Wer ist da?«, erklang von drinnen eine verschlafene Männerstimme.

Fast wäre Lowell vor Schreck in Ohnmacht gefallen.

Rachel zuckte zusammen, und seine zu Tode erschrockenen Kinder flitzten zurück in die relative Sicherheit des Parkplatzes.

Lowell zog die Tür zurück ins Schloss. Ein Vorgang, der in der Stille absurd laut klang.

»Ich rufe den Sicherheitsdienst!«, brüllte der Mann.

Lowell wusste nicht, was er tun sollte. »Aber Sie sind in unserem Zimmer!«, rief er durch die geschlossene Tür und sah hinüber zu Rachel, die ihn mit aufgerissenen Augen anstarrte. Fast rechnete er damit, dass nun ein wütendes Broderick-Crawford-Double auf der Schwelle erschien, doch zu seinem Erstaunen blieb es still im Zimmer. Ob der Mann womöglich wieder eingeschlafen war?

»Das ist unser Zimmer! Sie befinden sich in unserem Zimmer!«, wiederholte Lowell.

»Blödsinn, das ist mein Zimmer!«, brüllte der Mann zurück.

Wieder breitete sich Stille aus.

Lowell trat einen Schritt von der Tür zurück und nahm Rachel bei der Hand. Schweigend gingen sie zurück zum Parkplatz, wo ihre Söhne sich neben dem Wagen der Familie zusammengerottet hatten. »Der Mann hat euch das Zimmer weggenommen«, bemerkte Ryan treffend.

»Und was ist mit unserem Zimmer?«, fragte Curtis. »Ist da auch so ein Saftsack drin?«

»Keine Ahnung«, sagte Lowell. »Los, kommt mit.«

Die Familie nahm den direkten Weg zum Empfangsgebäude. Es war schon spät, doch auf den schummrig beleuchteten Sofas in der Lobby saßen noch einige Paare und unterhielten sich mit gedämpfter Stimme. Lowell ging zum Empfangsschalter, hinter dem eine Frau leise telefonierte. Als sie die fünf näherkommen sah, legte sie sofort auf und lächelte. »Guten Abend.«

»Da ist jemand in unserem Zimmer«, erklärte Lowell ohne Umschweife.

Die junge Frau - Eileen. Socorro, New Mexico. Im Hotel beschäftigt seit: Zwei Jahren - wirkte plötzlich besorgt. »Ein Herumtreiber?«

»Kann sein. Wir waren essen, und als wir zurückkamen und die Tür öffnen wollten, war ein Mann in unserem Zimmer und hat gedroht, den Sicherheitsdienst zu rufen. Er schien der Meinung zu sein, dass es sein Zimmer ist.«

»Und irgendwie muss er ja reingekommen sein«, ergänzte Rachel. »Ich habe mich extra vergewissert, dass die Tür verschlossen ist, bevor wir ins Restaurant gegangen sind.«

Die Empfangsdame schien ratlos. Zwar war das Lächeln wieder da, doch nun wirkte es gezwungen, irgendwie falsch. »Lassen Sie mich mal nachschauen«, meinte sie und legte die Hände auf die Tastatur ihres Computers. »Um welches Zimmer handelt es sich?«

»522«, erwiderte Lowell.

»Zimmer 522?«, sagte die Angestellte mit Blick auf den Monitor. »Das ist das Zimmer von Mr. Blodgett.«

»Nein, das ist unser Zimmer!«, rief Rachel verärgert.

Lowell zeigte der Frau seinen Schlüssel. »Sowie Zimmer 523.«

»Lassen Sie mich das kurz checken. Wie heißen Sie, bitte?«

»Thurman. Lowell Thurman.« Er sah hinüber zu Rachel. Sie wirkte genauso genervt wie er.

Die junge Frau gab den Namen in den Computer ein. »Es dauert nicht lange, einen Moment bitte.« Sie lächelte, dann sah sie wieder auf den Monitor. Ihr Lächeln gefror. Sie wurde bleich, und ihre Miene wirkte eher erschrocken als peinlich berührt. »Sie haben recht«, sagte sie. »Sie haben die Zimmer 522 und 523.«

»Natürlich haben wir recht!«, erwiderte Rachel gereizt. »Was dachten Sie denn? Dass wir lügen?«

»Natürlich nicht, Ma'am. Ich wollte Ihnen nicht unterstellen, dass …«

»Schon gut. Wir wollen einfach unsere Zimmer zurück, okay?«, unterbrach Lowell sie.

»Vor allem würden wir gern erfahren, wie so was überhaupt passieren kann«, sagte Rachel.

»Es tut mir sehr leid, aber ich weiß nicht, wie das geschehen konnte. Ich kann Ihnen eine unserer Deluxe-Suiten zuweisen. Zwei Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, ein Luxusbad mit Sauna. Viel schöner als die beiden Verbindungszimmer, die Sie ursprünglich gebucht hatten. Das Haus liegt auch näher am Pool.«

»Müssen wir denn einen Aufpreis für die Suite bezahlen?«, fragte Lowell.

»Nein, Sir.«

»Aber unsere Sachen sind noch in Zimmer 522«, bemerkte Rachel. »Unser Gepäck, unsere persönlichen Dinge … einfach alles.«

»Wie ich bereits sagte, wir entschuldigen uns für die Unannehmlichkeiten. Ich werde Mr. Blodgett anrufen und die Sache klären.« Sie griff zum Telefonhörer, tippte die Zimmernummer ein und wartete. »Hallo …«, begann sie.

Selbst auf der anderen Seite des Empfangsschalters war Mr. Blodgetts Gebrüll deutlich zu vernehmen.

Die Empfangsdame versuchte, den offensichtlich verärgerten Gast zu besänftigen, was bei Blodgett jedoch nicht die gewünschte Wirkung zeigte. »Ich verstehe«, versicherte sie ihm. »Ja, deswegen rufe ich an … Ja, ich verstehe … Ja, es ist unser Fehler … Ich weiß, dass das alles sehr unerfreulich für Sie ist … ja … ja.«

Plötzlich tat Lowell die junge Frau irgendwie leid. Klar, das Reata hatte die Sache verbockt, und so ein Fehler durfte nicht passieren; andererseits machte jeder mal einen Fehler … Außerdem war es nicht Eileen gewesen, bei der sie eingecheckt hatten; und möglicherweise hatte sie auch diesen Mr. Blodgett nicht in Empfang genommen. Und doch musste sie die ganze Sache nun ausbaden.

Rachel, so konnte er sehen, hatte nicht halb so viel Verständnis für die Nöte der jungen Frau.

Nach einem ziemlich langen Telefonat, das hauptsächlich aus Entschuldigungen und dem Versprechen bestand, Blodgetts Zimmerpreis aufgrund des Vorfalls zu halbieren, schaffte es Eileen schließlich, den Gast zu überreden, die Zimmertür zu öffnen, damit die Thurmans ihr Gepäck herausholen konnten. Dann reichte sie Lowell neue Kartenschlüssel für die Suite und ließ die Familie wissen, dass der Gepäckträger sie vor Blodgetts Zimmer erwarten würde, um ihnen beim Umzug behilflich zu sein. »Und noch einmal«, sagte sie, »der Vorfall tut uns außerordentlich leid.«

»Das sollte es auch«, meinte Rachel.

Der Dienstmann erwartete sie bereits vor Zimmer 522. Ein adretter junger Bursche in Uniform, der aussah, als hätte er bis eben noch in einem Disney-Film mitgespielt (Lance. Las Vegas, Nevada, vier Jahre). Er hatte eine Gepäckkarre dabei, nickte den Thurmans freundlich zu und klopfte dann an die Zimmertür. »Mr. Blodgett?«

»Ja, Moment!«, brüllte Blodgett von drinnen. »Herrgott noch mal!«

Der Gepäckträger lächelte Lowell entschuldigend an.

Kurz darauf hörten sie Blodgett knurren: »Also gut, kommen Sie rein, aber machen Sie schnell!«

Kein Klicken, kein Schließgeräusch war zu vernehmen. Lowell versuchte trotzdem, die Tür aufzudrücken. Wie befürchtet, war sie noch immer verschlossen. Der Hotelangestellte musste sie mit einem Universalschlüssel öffnen. Schließlich betraten sie das Zimmer. Das Bett war ungemacht, als hätte Blodgett schon darin geschlafen. Auf der Kommode lag ein geöffneter Koffer. Ansonsten war alles so, wie sie es vor dem Dinner zurückgelassen hatten. Der Gast selbst war nirgendwo zu sehen. Weder im Wohnzimmer noch im Bad, doch die Tür zum WC war verschlossen. »Beeilen Sie sich gefälligst!«, schrie Blodgett von drinnen.

Lowell öffnete die Verbindungstür zu Zimmer 523 und befahl den Kindern, ihre Sachen zu holen. Unterdessen klaubten er und Rachel ihre eigenen Habseligkeiten zusammen. Verstohlen sah er ab und an hinüber zur geschlossenen WC-Tür. Mit einem Mal kam es ihm seltsam vor, dass der Mann das Zimmer einfach in Besitz genommen hatte, ohne das Hotelpersonal darauf aufmerksam zu machen, dass es offensichtlich schon bewohnt war. Hatte er denn nicht die nassen Badesachen in der Dusche bemerkt? Oder die Kleider im Schrank? Oder die Picknicktaschen auf dem Tisch? Und die Koffer und Taschen? Dieser Blodgett musste entweder ignorant, ein kompletter Idiot oder schlichtweg geistesgestört sein. Lowell vermutete Letzteres. Schon deshalb, weil der Mann sich während ihrer Anwesenheit auf dem Scheißhaus einschloss. Selbst wenn er Nacktschläfer war, hätte es ihn nur eine Minute gekostet, sich Hemd und Hose überzuziehen. Aber vielleicht war ihm die Sache ja auch nur peinlich, und er wollte den Thurmans gar nicht erst begegnen.

Allerdings hatte er auf Lowell nicht den Eindruck eines Mannes gemacht, dem irgendetwas peinlich war.

»Sind Sie bald fertig?«, verlangte Blodgett zu wissen.

Irgendetwas stimmte hier nicht.

Im Nebenzimmer hatten die Jungs inzwischen ihre Sachen eingepackt und trugen ihre Taschen hinaus in den Laubengang, wo das Gepäck auf den Karren geladen wurde. Für sie war das alles ein Abenteuer, und trotz ihres Murrens wusste Lowell, dass das Erlebnis in den nächsten Wochen immer wieder ein Thema für sie sein würde und dass sie mit der Story für den Rest des Sommers ihre Freunde unterhalten würden.

Rachel stopfte die letzten Taschenbücher in eine große Tasche, und der Träger half auch ihr mit den Koffern, der Kühlbox und den diversen Plastiktüten. Als sie zum letzten Mal auf den Gang hinaustraten und Sachen auf den Karren luden, fiel hinter ihnen krachend die Tür ins Schloss. Dann wurde mit einem lauten, verärgerten Klick die Sicherheitsverriegelung betätigt. Lowell hatte Blodgett nicht ein einzige Mal gesehen, doch der Mann musste direkt hinter ihnen gewesen sein, als sie mit den letzten Gepäckstücken auf den Laubengang getreten waren. Er warf Rachel einen raschen Blick zu, und sie wirkte genauso irritiert, wie er sich wegen dieser ganzen Sache fühlte.

Nein, irgendetwas stimmte hier definitiv nicht.

Sie hatten keine Ahnung, wohin sie jetzt gehen sollten, aber der Gepäckträger - Lance - schien den Weg zu ihrer neuen Suite zu kennen, und so trotteten sie auf dem gewundenen Betonpfad hinter ihm her. Gelegentlich kamen ihnen Paare und Familien auf ihrem Abendspaziergang entgegen oder Hotelangestellte, die durch die nächtliche Anlage eilten, um den Gästen den einen oder anderen Wunsch zu erfüllen.

Das Gebäude, in dem sich ihre neuen Zimmer befanden, war kleiner als Gästehaus fünf und hatte die Form eines V. Es gab nur vier Suiten - zwei im Erdgeschoss, zwei weitere im Stockwerk darüber. Der Träger geleitete sie hinauf ins Obergeschoss, und dort zum rechten Trakt. Endlich angekommen, zog Lowell die neue Magnetkarte durch den Scanner und öffnete die Tür. War schon ihr ehemaliges Zimmer die fürstlichste Unterkunft gewesen, die er je gesehen hatte, so machte diese Suite den Eindruck eines VIP-Domizils auf einem Luxusliner. Und die Aussicht war atemberaubend. Die Fenster waren noch größer als die in ihrem alten Zimmer und boten einen Blick auf die verschiedenen Anlagen des Reata, den Tennisplatz und die erhellten Wege, die wie Leuchtpfade der Zivilisation inmitten der weiten, dunklen Wildnis wirkten.

Mit Hilfe des Trägers schafften sie ihr Gepäck hinein. Lowell wusste nicht, ob er dem Mann ein Trinkgeld geben sollte oder nicht - schließlich hatte er ihnen beim Umzug geholfen. Andererseits wäre das alles ja gar nicht nötig geworden, hätte das Reata bei der Zimmerreservierung keinen Mist gebaut. Als er Anstalten machte, nach seiner Brieftasche zu greifen, hielt Rachel ihn mit missbilligender Miene davon ab und schüttelte den Kopf. Also dankte Lowell dem Angestellten mit ein paar netten Worten für seine Hilfe und schloss dann die Tür hinter ihm.

»Da ist sogar 'n Fernseher im Bad!«, rief Ryan.

»Yeah, jetzt kannst du dir sogar beim Scheißen Cartoons reinziehen«, kicherte Curtis.

»Curtis!«, ermahnte ihn Rachel.

Es war eine atemberaubende Suite. So etwas sah man normalerweise nur in Hochglanzmagazinen. Jedes Schlafzimmer besaß einen begehbaren Kleiderschrank und eine große Kommode im Santa-Fe-Design. In jedem Raum stand überdies eine sandfarbene, dick gepolsterte Couch, groß genug, um darauf zu übernachten. Das rief die Zwillinge auf den Plan. »Kann Ryan nicht auf dem Sofa schlafen?«, fragte Owen. »Ich will ihn nicht in meinem Bett haben.« Im Schlafzimmer der Kinder standen zwei französische Betten.

»Ich auch nicht!«, fügte Curtis hinzu.

»Das muss Ryan entscheiden«, sagte Rachel.

»Ich will auf der Couch schlafen«, verkündete Ryan.

In diesem Moment klingelte das Telefon. Rachel nahm das Gespräch entgegen. »Hallo? Ja, sind wir … okay … alles? Das ist ja prima … ja … okay. Danke schön.« Sie legte auf und grinste in die Runde. »Der gesamte Inhalt der Minibar steht zu unserer Verfügung«, sagte sie. »Kostenlos.«

Sie drehte den Schlüssel am kleinen Kühlschrank und öffnete die Tür. Darin befanden sich die üblichen Bierdosen und Schnapsflaschen, aber auch Limonade, Orangensaft und eine Anzahl Schokoriegel.

»Die Milky Ways sind für mich!«, rief Curtis.

»Erst packen wir unsere Sachen aus«, sagte Lowell. »Räumt alles in die Schränke, dann dürft ihr euch was von den Süßigkeiten nehmen.«

Die Jungs zerrten ihre Taschen und Koffer in ihren Raum und verstauten ihre Sachen in der Kommode. Rachel und Lowell taten das Gleiche in ihrem Zimmer. Plötzlich hielt Rachel inne und runzelte die Stirn. Dann begann sie, jedes einzelne Gepäckstück und sämtliche Plastiktüten zu durchwühlen.

»Was ist?«, fragte Lowell. »Fehlt was?« Er musste an Blodgetts Geschimpfe und Gebrüll denken. Mit rotem Gesicht sah Rachel ihn an. »Ja.«

»Und was?«

Sie warf einen verstohlenen Blick zur Verbindungstür, um sicherzustellen, dass die Kinder sie nicht hörten. »Ein Slip«, flüsterte sie. »Einer meiner Slips ist spurlos verschwunden.«

4.

Rachel hörte den Donner und schlüpfte aus dem Bett. Sie ging zum Fenster und verstellte die Lamellen der Jalousie so, dass sie nach draußen schauen konnte. Lowell lag fast quer auf der Matratze und schlief wie ein Toter, und auch im Zimmer der Kinder war alles ruhig. Vermutlich waren die Jungs nach der langen Autofahrt, der Hitze des Tages und den Wasserschlachten im Pool wie betäubt in Schlafgefallen. Aus Zeitschriften wie Tucson Living und Southwest Lifestyle, die in ihren Zimmern auslagen, wusste Rachel, dass in Arizona die Monsunzeit vor der Tür stand. Tatsächlich hatte der Wetterbericht im Fernsehen für den späten Abend einen Sturm vorhergesagt. Morgen hingegen sollte es wieder klar und über siebenunddreißig Grad im Schatten werden.

Dass es keine feuchte Hitze war, die hier herrschte, machte nach Rachels Auffassung durchaus einen Unterschied. Ständig machten die Leute sich über das Klischee lustig, dass »nicht die Hitze, sondern die Feuchtigkeit« das Schlimmste am Sommer sei, als wäre das ein Ammenmärchen. Doch als sie heute Nachmittag am Pool gelegen hatte, war das Sonnenbaden sehr viel angenehmer gewesen als bei vergleichbaren Temperaturen in Südkalifornien.

Nicht dass sie sich ein Leben hier vorstellen konnte.

Okay, es war nett, hier Urlaub zu machen, aber …

Tatsächlich war die Anlage meilenweit entfernt vom schönsten Urlaubsort, den Rachel sich vorstellen konnte. Sie wusste nicht genau, warum, konnte nicht mit dem Finger zeigen auf das, was sie störte, doch seit sie hier angekommen waren - ja, noch vor dem Chaos mit den Zimmerreservierungen -, wäre sie am liebsten gleich wieder nach Hause gefahren.

Eigentlich dumm. Diese Anlage hatte alles zu bieten, was man sich nur wünschen konnte: Trainingsräume, Wellnessbereich, Pools, Wanderausflüge, Tennisplätze, luxuriöse, klimatisierte Gästezimmer mit Satellitenfernsehen, ein wundervolles Restaurant … Warum also wäre sie trotzdem lieber wieder daheim bei ihrem Job? Herrgott, sie mochte ihre Arbeit nicht mal besonders. Es war bloß ein Lückenbüßer-Job, den sie ausübte, bis … bis …

Ja, bis was geschah?

Plötzlich wurde Rachel bewusst, dass ihr Job praktisch keine Karriereaussichten bot, und sie fragte sich, wann genau diese Stagnation eingesetzt hatte. Für Lowell war ein Job nie mehr gewesen als eine Möglichkeit, genug Geld für sich und die Familie zu verdienen, um einen gewissen Lebensstandard zu erreichen und aufrechtzuerhalten. Sie hingegen war voller Elan und Enthusiasmus ins Berufsleben gestartet. Schon immer hatte sie die Kunst und das Zeichnen geliebt, weshalb sie am College auch einen Abschluss in Grafikdesign gemacht hatte. In den ersten darauffolgenden Jahren hatte sie mit großem Erfolg für ein örtliches Grafikbüro gearbeitet. Doch als die Firma pleiteging, war Rachel gezwungen gewesen, bei einer Bank anzufangen, obwohl sie sich natürlich bei anderen Agenturen beworben und sogar freiberuflich als Grafikdesignerin gearbeitet hatte. Doch irgendwann war die Sache dann eingeschlafen. Sie schrieb keine Bewerbungen mehr und arbeitete auch nicht mehr auf Honorarbasis in ihrem Traumberuf. Stattdessen freundete sie sich mit ihren Arbeitskollegen in der Bank an und begnügte sich mit ihren dortigen Aufgaben.

Doch wann genau war das geschehen? Als die Zwillinge zur Welt kamen vermutlich. Mit drei Kindern und einem Fulltimejob hatte sie einfach keine Zeit mehr gehabt, ihren eigenen Karrierezielen nachzujagen.

Gab sie Lowell die Schuld an dieser Entwicklung? Nein. Na ja, vielleicht ein bisschen, wenn sie ehrlich war. Doch das Thema war ihr bis jetzt nie in den Sinn gekommen, und sie wunderte sich, dass sie hier und jetzt darüber nachgrübelte. Sie waren im Urlaub, Herrgott noch mal. Sie sollte all den Luxus genießen, anstatt Unbill heraufzubeschwören, zumal kein Anlass dazu bestand.

Plötzlich zuckten Blitze durch die Nacht und erhellten den von Unwetterwolken verhangenen Himmel. Rachel fuhr zusammen. Ihr Blick huschte nach oben, und das Herz schlug ihr bis zum Hals. Seltsam. Sie hatte nie zu den Menschen gezählt, die bei einem Gewitter ängstlich reagierten. Im Gegenteil, sie liebte Sturm und Unwetter und fand es irgendwie anheimelnd. Besonders nachts, wenn man sicher in den eigenen vier Wänden saß, während draußen die Naturgewalten tobten. Warum also hatte sie sich eben so erschrocken?

Weil die Wolke, die durch den Blitz in ein fahles Licht getaucht worden war, die Umrisse eines Gesichts gehabt hatte.

Ein riesiges männliches Gesicht, verzerrt von unkontrollierter, unbändiger Wut.

Rachel beruhigte sich mit dem Gedanken, sie habe sich das nur eingebildet, doch als ein weiterer Blitz durch die Nacht zuckte, war das Gesicht noch immer da. Und es war näher gekommen! Die tiefliegenden Augen starrten sie nun direkt an. Mühelos überwand der stechende Blick die Distanz zwischen ihnen, durchdrang das Fensterglas und fixierte sie. Rachel trat von der Jalousie zurück und fröstelte. Vielleicht schlief sie ja noch? Vielleicht war das alles nur Teil eines schrecklichen Albtraums? Tatsächlich haftete der ganzen Situation etwas zutiefst Surrealistisches an, und doch wusste sie, dass das alles gerade tatsächlich geschah.

Sie fühlte sich mit einem Mal schrecklich einsam, und sie hatte Angst. So nahm sie die Fernbedienung zur Hand und schaltete den Fernseher ein. Doch das Unwetter hatte offenbar den Satellitenempfang gestört, denn sie bekam nur zwei Sender herein. Auf dem ersten lief ein Horrorfilm mit dem Titel Kinder, die nicht schlafen wollen, wie im Infokasten zu lesen war. Rachels Blick fiel auf ein Mädchen mit weit aufgerissenen Augen, das - nur spärlich bekleidet mit einem dünnen Nachthemd, an dem der Wind zerrte - auf dem Gipfel eines Wüstenplateaus stand. Das war nicht ganz das, was sie sich zur Beruhigung vorgestellt hatte, also schaltete sie weiter durch die Programme, bis sie einen zweiten Sender fand, der AdultVue hieß. Im Infokasten stand, dass gerade der Streifen Rückkehr ins Tal der Biber gezeigt wurde. Auf dem Bildschirm war eine Frau zu sehen, die ihren Kopf im haarigen Dreieck einer zweiten vergrub, während diese dabei aus sinnlich geöffneten Lippen lustvoll stöhnte.

Rachel stellte den Fernseher ab, bevor am Ende noch die Jungs wach wurden.

Draußen vor dem Fenster grollte der Donner immer näher.

Rachel musste wieder an die bösartige Wolkenfratze denken und die rasende Wut, die in ihrem Blick gelegen hatte. Sie überlegte, ob sie Lowell wecken sollte - aber war das nicht irgendwie albern? Wovor fürchtete sie sich eigentlich? Vor einer Wolkenformation am Nachthimmel, die zufällig die Züge eines Gesichts aufwies? Vor so etwas erschraken vielleicht kleine Kinder - aber sie, eine erwachsene Frau?

Zögernd schweifte ihr angstvoller Blick zurück zu den Jalousien am Fenster. Durch die Schlitze fiel das Blitzlichtgewitter, spiegelte sich auf den Lamellen und verwandelte das Fenster in ein grellweißes Viereck, wodurch die umgebende Schwärze noch bedrohlicher wirkte. Eine Szene wie aus einem Horrorfilm. Rachel war nicht imstande, sich von der Stelle zu rühren, geschweige denn, noch einmal einen Blick nach draußen zu wagen. Eine innere Stimme sagte ihr, dass das Wolkengesicht diesmal ganz nah an der Scheibe sein würde und sie mit hasserfülltem Blick anstarrte.

Einen Moment stand sie regungslos da und versuchte, die Situation rational zu erfassen. Was genau war da vor dem Fenster? Was, außer ein paar Unwetterwolken, konnte das Ding da draußen denn noch sein? Gott? Oder ein Dämon? Es erschien Rachel unlogisch, dass eine außerweltliche Entität sich einer Ansammlung von Aerosol bedienen musste, um eine Furcht erregende Miene zur Schau zu stellen. Außerdem gab es ihres Wissens kein Ungeheuer, das sich in Wassertröpfchen manifestierte. Nicht dass sie an solche Dinge überhaupt glaubte, aber … Nein, sie war einfach nur verstört und übermüdet, und in ihrem Hirn spielten sich angesichts ganz natürlicher Wetterphänomene die merkwürdigsten Dinge ab.

Rachel zwang sich, ein paar Schritte durch das dunkle Zimmer zu machen, bis sie wieder neben den halb geöffneten Jalousien stand. Sie sah hinaus, nach unten diesmal, nicht in den Nachthimmel. Die Ferienanlage lag in fast völliger Dunkelheit. Nur die Wege waren schwach beleuchtet, und die vereinzelt aufflackernden Blitze tauchten die Welt zu ihren Füßen in ein unheimliches Spiel aus Licht und Schatten. Die Lichter am Tennisplatz waren erloschen, wie auch die an dem Gebäude, in dem sich das Fitnesscenter und der Wellnessbereich befanden. Die Palmen, Kakteen und Wüstengewächse wirkten bedrohlich, und irgendwie stimmten ihre Proportionen nicht. Rachel musste unwillkürlich an die lebenden Bäume denken, die Disneys Schneewittchen ans Leder wollten.

Unten auf dem Rasen ging jemand vorbei. Ein dunkler Schemen, der außerhalb ihres Sichtfeldes aus dem Schatten eines Gebäudes getreten war und sich nun verstohlen über die offene Grasfläche bewegte. Wie ein Dieb auf Raubzug. Rachel konnte nur die Umrisse ausmachen, war sich aber sicher, dass es sich um einen Mann handelte. Einen Gärtner vielleicht. Sie konnte erkennen, dass er eine Art Harke bei sich trug, die in seinen Händen eher wie eine Waffe aussah und nicht wie ein Arbeitsgerät. Außerdem erweckte die ganz Haltung des Mannes den Eindruck von Brutalität, als wäre er es gewöhnt, anderen Menschen mit Gewalt entgegenzutreten.

Der Unbekannte erreichte das Ende des erleuchteten Weges. Rachel blieb stehen, drehte sich um und schaute nach oben. Und obwohl sie das Gesicht nicht erkennen konnte, stach ihr das Weiß in den Augen des Mannes entgegen, als dessen Blick sich mit dem ihren traf.

Erschrocken zuckte sie vom Fenster zurück und huschte in die Dunkelheit des Zimmers. Der Mann konnte sie durch die Jalousien hindurch nicht gesehen haben … oder doch? Nein, wahrscheinlich hatte er nicht mal zu ihr hingeschaut. Vermutlich hatte er nur die Bäume neben ihrem Haus überprüft, ob sie wieder mal gestutzt werden mussten. Und doch graute es Rachel, und sie beschloss, erst einmal an Ort und Stelle zu verharren, bis der Mann - hoffentlich - verschwunden war. Sie schaute auf die Uhr. Es war Viertel nach eins in der Früh.

Wohin bloß war der Mann um diese Zeit unterwegs? Obwohl er eine Harke dabeihatte, war es eher unwahrscheinlich, dass er mitten in der Nacht Gartenarbeit verrichtete. Okay, Ferienanlagen und andere Betriebe mit Publikumsverkehr ließen ihre Mitarbeiter oft zu ungewöhnlichen Zeiten arbeiten, um den Tagesbetrieb nicht zu stören. Doch während das Reinigungspersonal den Boden einer gut beleuchteten Lobby durchaus auch nachts wischen konnte, war es schlichtweg ein Ding der Unmöglichkeit, im Dunkeln Wege zu harken oder Bäume zu beschneiden.

Rachel wollte wieder zurück ins Bett, wollte diese Nacht hinter sich lassen und an einem Morgen aufwachen, der frisch, unschuldig und sonnig war. Doch vorher musste sie noch einmal nachsehen, musste es einfach wissen, und so schlich sie erneut zum Fenster und spähte durch die Lamellen.

Der Mann stand noch immer an der gleichen Stelle und starrte zu ihr hinauf. In dem Moment, da ihre Blicke sich ein zweites Mal trafen, hob er die Harke, die noch immer an eine Waffe gemahnte, wie zum Gruß.

Und dann …

… begann er plötzlich zu tanzen.

Es war ein merkwürdiger Veitstanz, der nur wenige Sekunden dauerte, doch eins war klar: Die Vorstellung fand allein ihretwegen statt. Rachel stockte der Atem, als ein Blitz vom Himmel fuhr, in dessen Licht der Mann fußstampfend herumwirbelte und die Harke wild durch die Lüfte schwang. Und dann war er plötzlich im Dunkel der Nacht verschwunden.

Rachel atmete hörbar aus und merkte erst jetzt, dass sie die ganze Zeit die Luft angehalten hatte. Sie starrte hinunter auf den Rasen, suchte nach einem Zeichen des Gärtners, doch der blieb verschwunden. Ihr Blick ging nach oben, wo die letzten Zuckungen eines Blitzes den Himmel erleuchteten. Und sie sah, dass die Wolken einfach nur Wolken waren. Die Show war vorbei.

Nein, sie mochte das Reata nicht. Angefangen bei dem Typen, der ihnen das Zimmer geklaut hatte, bis hin zu dem psychopathischen Gärtner - alles hier erschien ihr plötzlich entsetzlich falsch. Dieser Ort schien sich zum genauen Gegenteil des Ferienparadieses zu entwickeln, das sie ursprünglich erwartet hatten, und der Gedanke, hier noch weitere vier Tage ausharren zu müssen, bereitete ihr Übelkeit.

Doch was konnte man tun? Selbst wenn sie gleich morgen ihren Urlaub abbrachen und abreisten, würden sie trotzdem die volle Woche bezahlen müssen. Und sie kannte Lowell gut genug, um zu wissen, dass er nicht ohne Not Geld zum Fenster rauswarf. Selbst wenn sie ihn davon überzeugen konnte, dass ein Horrorgärtner des Nachts durch die Anlage schlich und dass ihr ein dämonisches Wolkengesicht am Himmel erschienen war.

Wahrscheinlich übertrieb sie mal wieder maßlos.

Körperlich und geistig erschöpft ging sie wieder zu Bett. Lowell drehte sich zu ihr um, als sie sich hinlegte.

»Was ist?«, fragte er schläfrig.

»Nichts. Schlaf weiter.«

FREITAG

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