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Ungezähmte Nacht

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. KAPITEL EINS
  7. KAPITEL ZWEI
  8. KAPITEL DREI
  9. KAPITEL VIER
  10. KAPITEL FÜNF
  11. KAPITEL SECHS
  12. KAPITEL SIEBEN
  13. KAPITEL ACHT
  14. KAPITEL NEUN
  15. KAPITEL ZEHN
  16. KAPITEL ELF
  17. KAPITEL ZWÖLF
  18. KAPITEL DREIZEHN
  19. KAPITEL VIERZEHN
  20. KAPITEL FÜNFZEHN
  21. KAPITEL SECHZEHN
  22. KAPITEL SIEBZEHN
  23. KAPITEL ACHTZEHN
  24. KAPITEL NEUNZEHN
  25. KAPITEL ZWANZIG

Über die Autorin

Christine Feehan lebt gemeinsam mit ihrem Mann und ihren insgesamt elf Kindern in Kalifornien. Ihre Romane stürmen in den USA regelmäßig die Bestsellerlisten, und auch in Deutschland erfreut sich die Autorin einer stetig wachsenden Fangemeinde. Für ihre Serie über die Karpathianer hat sie 2002 beim »Romantic Times Award« den Preis für den besten Vampir-Liebesroman bekommen.

 

Mit viel Liebe für meine Schwester Denise,
die meine Liebe zu Büchern stets geteilt hat.
Du hast mir immer viel Freude geschenkt.

KAPITEL EINS

Heulend fuhr der Wind durch den schmalen Pass und durchdrang mit seiner bitteren Kälte Isabella Vernaduccis abgetragenes Cape. Fröstelnd zog sie den langen, pelzgefütterten Umhang noch fester um sich und blickte besorgt zu den hohen Felswänden auf, die sich rechts und links von ihr erhoben. Kein Wunder, dass Don DeMarcos Armee noch nie im Kampf besiegt worden war. Es war unmöglich, diese Furcht erregenden Felsen zu erklimmen, die glatt und steil aufragten wie bis in den Himmel reichende Türme.

Da war etwas Dunkles, das an Isabella nagte, ein Eindruck von Gefahr, der sich in den letzten Stunden ihrer Reise immer mehr verstärkt hatte. In der Hoffnung, ein wenig Schutz vor dem unerbittlichen Wind zu erlangen, beugte sie den Kopf tief über die Mähne ihres Pferdes. Ihr Führer war schon vor Stunden umgekehrt und hatte es ihr überlassen, allein den Weg durch den schmalen, kurvigen Pass zu finden. Ihr Pferd war nervös, warf den Kopf zurück und tänzelte schreckhaft hin und her, was alles darauf hinwies, dass es womöglich auch noch durchgehen würde. Isabella hatte das Gefühl, dass irgendetwas, das nur gerade eben außer Sicht war, neben ihnen herlief. Sie konnte ein gelegentliches Grunzen hören, das fast wie ein Husten war – auf jeden Fall ein sehr seltsames Geräusch, das sie noch nie zuvor vernommen hatte.

Isabella beugte sich noch weiter vor und flüsterte ihrem Pferd leise, beruhigende Worte in das nervös zuckende Ohr. Ihre Stute war an sie gewöhnt und vertraute ihr, und obwohl sie am ganzen Körper zitterte, versuchte sie tapfer, den Weg fortzusetzen. Eispartikel stachen wie aufgebrachte Bienen auf Pferd und Reiterin ein, worauf die Stute erschauderte, aber auch weiterhin gehorsam einen Huf vor den anderen setzte.

Isabella war wiederholt vor der Gefahr gewarnt worden, vor allem der durch die wilden Tiere, die frei in den Alpen umherstreiften, doch sie hatte keine andere Wahl gehabt, als sich trotzdem dorthin zu begeben. Irgendwo weiter vor ihr war der einzige Mann, der ihren Bruder vielleicht noch retten konnte. Isabella hatte alles aufgegeben, um hierherzukommen, und würde jetzt bestimmt nicht wieder umkehren. Sie hatte alles verkauft, was sie an Wertsachen besaß, um diesen einen Mann zu finden, ihr letztes Geld dem Führer gegeben und seit zwei Tagen weder etwas gegessen noch geschlafen. Doch das einzig Wichtige im Augenblick war, diesen Don zu finden. Einen anderen Ausweg gab es nicht; sie musste ihn finden und von ihm empfangen werden, egal, wie schwer erreichbar, gefährlich oder mächtig dieser Mann war.

Selbst seine eigenen Leute, die ihm so treu ergeben waren, dass sie sich weigerten, ihr zu helfen, hatten sie gewarnt und ihr geraten, sich von dem Tal fernzuhalten. Don DeMarcos Ländereien waren nahezu grenzenlos, seine Güter riesig. In Dörfern und Siedlungen wurde viel getuschelt über den Mann, auf dessen Schutz die Leute sich verließen, den sie aber auch mehr als jeden anderen fürchteten. Sein Ruf war legendär. Und tödlich. Er galt als unbesiegbar. Ganze Armeen, die versucht hatten, in seine Herrschaftsgebiete einzumarschieren, waren unter Schnee- oder Gesteinslawinen begraben worden. Seine Feinde starben einen schnellen, brutalen Tod. Isabella war trotz aller Warnungen, trotz des Wetters, aller Unfälle und Hindernisse fest auf ihrem Weg geblieben. Sie würde nicht umkehren, egal, wie die Stimmen in dem Wind sie anheulten oder wie eisig kalt der Sturm war. Sie würde diesen Don DeMarco sehen.

Grimmig blickte sie zu den dunklen Wolken auf. »Ich werde dich finden. Und dich sprechen«, schrie sie dem Himmel ihre eigene Herausforderung zu. »Ich bin eine Vernaducci, und wir Vernaduccis geben niemals auf.« Es war ein absurder Gedanke, aber trotzdem war sie nahezu sicher, dass der Besitzer des großartigen Palazzos, zu dem sie unterwegs war, sogar das Wetter befehligte und ihr Hindernisse in den Weg legte. Ein Geräusch, das sich wie das Knirschen von Gestein anhörte, erregte ihre Aufmerksamkeit, und sie wandte den Kopf und blickte sich stirnrunzelnd nach einem besonders steilen Hang hinter ihr um. Steine rollten den Berg hinunter und rissen dabei andere, noch größere Gesteinsbrocken los. Ihr Pferd machte einen Satz nach vorn und wieherte erschrocken, als ein Hagel von Steinen auf sie herunterprasselte. Isabella hörte das Poltern der Pferdehufe auf dem harten Boden, als das Tier um Halt kämpfte, und spürte, wie seine mächtigen Muskeln sich unter ihr zusammenzogen, als die Stute mit aller Kraft versuchte, zwischen den herumrollenden Steinen auf den Beinen zu bleiben. Isabellas Finger waren schon fast taub, doch sie umklammerte die Zügel noch fester. Sie durfte auf gar keinen Fall aus dem Sattel fallen! Zu Fuß würde sie die bittere Kälte und die Attacken der Wolfsrudel, die das Gebiet durchstreiften, gewiss nicht überleben. Ihr Pferd bockte steifbeinig und auf allen vieren, und jede Bewegung erschütterte Isabella, bis sogar ihre Zähne von dem Aufeinanderschlagen schmerzten.

Es war mehr Verzweiflung als Erfahrung, was sie im Sattel festhielt. Der Wind peitschte ihr Gesicht, bis ihre Augen tränten und ihr fest geflochtenes Haar von der Wut des Sturmes zu einem wilden Durcheinander langer, seidiger Strähnen losgerissen wurde. Isabella stieß ihrer Stute die Stiefelspitzen in die Flanken und trieb sie an, um so schnell wie möglich den Gebirgspass hinter sich zu lassen. Der Winter nahte mit großen Schritten und würde noch heftigere Schneefälle mitbringen. Ein paar Tage später hätte sie es nicht mehr durch den schmalen Pass geschafft.

Fröstelnd und zähneklappernd trieb sie ihr Pferd über den kurvenreichen Pfad. Sowie der Pass hinter ihr lag, fiel der steil aufragende Berg zu ihrer Linken zu einem schmalen, zerbröckelnden und alles andere als stabil aussehenden Vorsprung ab. In der Tiefe unten konnte sie scharfkantige Felsen sehen. Falls ihr Pferd den Halt verlor, würde sie einen Sturz nicht überleben. Isabella zwang sich, ruhig zu bleiben und sich so dicht wie möglich am Berg zu halten, bis ihre Stiefel an dem Fels entlangschrammten. Wieder fielen kleine Steine von oben herab, rollten und hüpften über den schmalen Felsvorsprung, auf dem sie sich befand, und stürzten in den leeren Raum hinab.

Und da verspürte sie mit einem Mal ein seltsames Gefühl der Desorientierung, als bewegte sich die Erde und verschöbe sich … als wäre irgendetwas, das man besser ruhen ließe, durch ihren Eintritt in das Tal erwacht. Mit frischer Wut riss und zerrte der Wind an ihr, während Eiskristalle ihr das Gesicht und jeden Zentimeter unbedeckter Haut zerstachen. Stoisch ritt Isabella jedoch noch eine Stunde weiter, obwohl der Sturm aus allen Richtungen auf sie einstürmte. Er war heftig, brutal und schien sich ausschließlich auf sie zu konzentrieren. Über ihr ballten sich noch dunklere Wolken zusammen, statt von dem Wind vertrieben und aufgelöst zu werden. Isabellas Hände um die Zügel verkrampften sich zu Fäusten. Es hatte hundert Verzögerungstaktiken gegeben – kleinere Zwischenfälle, Unfälle, das Geräusch von scheußlichen, im Wind murmelnden Stimmen und seltsame, giftige Gerüche. Und natürlich auch das Geheul von Wölfen. Das Schlimmste jedoch war das schaurige, weit entfernte Brüllen eines ihr unbekannten Tieres gewesen.

Aber sie konnte und würde nicht umkehren. Sie hatte keine andere Wahl, als ihre Reise fortzusetzen. Langsam neigte sie sogar dazu, die beängstigenden Geschichten zu glauben, die über diesen Don erzählt wurden. Er sei geheimnisvoll, unnahbar, düster und gefährlich, hieß es – ein Mann, dem man besser aus dem Weg ging. Manche sagten, er beherrschte sogar den Himmel, und die Tiere darunter gehorchten ihm. Doch wen kümmerte das schon? Sie musste diesen Mann erreichen und sich auf Gedeih oder Verderb seiner Gnade anheimgeben, wenn es nicht anders ging.

Das Pferd bog um die nächste Kurve, und Isabella verschlug es den Atem. Sie war da! Sie hatte es geschafft. Die Festung war sehr real und keineswegs nur ein Fantasiegebilde. Zum Teil aus Fels, zum Teil aus purem Marmor, ragte sie zwischen den Bergen auf, ein regelrechter Palazzo, geradezu unglaublich groß und weitläufig, soweit sie sehen konnte. Er strahlte jedoch etwas Böses aus in der zunehmenden Abenddämmerung und mit seinen unglaublich vielen Fenstern, die wie leere Augen in den peitschenden Wind hinausstarrten. Das mehrere Stockwerke hohe Gebäude war mit langen Wehrgängen, runden Türmchen und mächtigen Wachtürmen versehen. Isabella konnte große, steinerne Löwen sehen, die die Türme bewachten, und Stein-Harpyien mit rasiermesserscharfen Schnäbeln, die auf den Balken hockten. Leere, aber alles sehende Augen starrten sie aus jeder Richtung an und beobachteten sie still.

Ihre Stute tänzelte wieder nervös, warf den Kopf zurück und verdrehte furchtsam die großen Augen. Isabellas Herz begann so laut zu pochen, dass es ihr in den Ohren dröhnte. Sie hatte es geschafft und hätte eigentlich erleichtert sein müssen, doch sie konnte die in ihr aufsteigende Furcht nicht unterdrücken. Ihr war etwas gelungen, das als unmöglich galt. Sie war mitten in der Wildnis, und was auch immer für eine Art von Mann hier lebte, musste den Legenden nach ebenso ungezähmt sein wie das Land, über das er herrschte.

Isabella schob trotzig das Kinn vor, als sie aus dem Sattel glitt und sich daran festhielt, um nicht hinzufallen. Ihre Füße waren taub, ihre Beine wacklig und kaum noch in der Lage, sie zu tragen. Für eine kleine Weile blieb sie stehen, atmete tief ein und aus und wartete, bis ihre Kräfte wiederkehrten. Dabei starrte sie zu dem castello auf und biss sich auf die Unterlippe. Jetzt, da sie tatsächlich hier war und ihn gefunden hatte, wusste sie nicht, wie sie sich verhalten sollte. Weiße, um die Säulen des Palazzos gewundene Nebelfetzen erzeugten einen unheimlichen Effekt, weil der Nebel trotz des Sturmes, der an ihr zerrte, wie an ihnen verankert zu sein schien.

Sie führte das Pferd so nahe wie möglich an den Palazzo heran und band es dort sehr sorgfältig an einen Baum, weil sie das Tier, ihre einzige Fluchtmöglichkeit, nicht verlieren wollte. Isabella versuchte, der Stute die bebenden Flanken zu streicheln, doch ihre Hände waren ungelenk und steif vor Kälte. »Wir haben es geschafft«, flüsterte sie dem Tier zu. »Grazie.« Dann hüllte sie sich noch fester in den Umhang, zog die Kapuze über den Kopf und verschwand buchstäblich in dem Kleidungsstück. Hin und her gestoßen von dem heftigen Wind, kämpfte sie sich zu den steilen Eingangsstufen vor. Aus irgendeinem Grund war sie überzeugt gewesen, dass das Kastell renovierungsbedürftig sein würde, aber die Stufen unter ihren Füßen waren aus solidem, glänzendem Marmor, der von den winzigen Eispartikeln darauf gefährlich rutschig war.

Die in die mächtigen Flügeltüren eingeschnitzten Löwenköpfe wirkten irgendwie deplatziert so weit draußen in der alpinen Wildnis. Die Augen der Tiere hatten einen wilden Ausdruck, die Mähnen waren strubbelig, und die großen, offen stehenden Mäuler gaben den Blick auf beeindruckende Zähne frei. Da der Türklopfer sich in einem dieser Mäuler befand, war Isabella gezwungen, an diesen Fängen vorbei hineinzugreifen. Nach einem tiefen Atemzug schob sie vorsichtig, um sich nicht die Haut an den scharfen Spitzen zu verletzen, ihre Hand hinein. Als sie den Klopfer fallen ließ, schien das Geräusch durch den ganzen Palazzo zu vibrieren, während der Wind, verärgert, dass sie in den verhältnismäßigen Schutz der vielen Säulen und Mauerstreben entkommen war, wie wild die Fenster peitschte. Zitternd vor Kälte und der Schwäche in ihren Beinen, lehnte sie sich an die Wand und schob die Hände unter den Umhang. Der Mann, den sie suchte, befand sich innerhalb der Mauern des Kastells. Isabella wusste, dass er daheim war, weil sie ihn spüren konnte. Dunkel. Gefährlich. Ein Monster, das dort drinnen auf der Lauer lag und sie beobachtete. Sie wusste es, weil sie Blicke auf sich spürte, bösartige, heimtückische, giftige Blicke. Selbst wenn es nicht dieser Don DeMarco war, lauerte irgendetwas Böses im Inneren des Palazzos, und ihrer besonderen Einfühlsamkeit wegen empfand sie es wie eine Faust ums Herz.

Der Drang, in die Wut des Sturmes zurückzulaufen, war stark. Ihr Überlebenstrieb riet ihr, im Schutz des großen Kastells zu bleiben, doch statt darauf zu hören, lehnte sich plötzlich alles in ihr dagegen auf. Sie konnte sich nicht dazu überwinden, noch einmal anzuklopfen. Selbst ihre enorme Willenskraft schien sie im Stich zu lassen, und sie wandte sich tatsächlich wieder dem peitschenden Wind zu, bereit, es zu riskieren. Dann jedoch zügelte Isabella ihre mit ihr durchgehende Fantasie. Sie würde nicht in Panik geraten und zu ihrem Pferd zurücklaufen! Sie griff sogar nach dem massiven Türrahmen und grub ihre Fingernägel hinein, um sich daran festzuhalten.

Das Knarren der Tür warnte sie, obwohl es nur sehr leise war. Leise, aber beunruhigend. Furcht einflößend. Ein Anzeichen von Gefahr. Im Haus war es dunkel, und vor Isabella stand nun ein älterer, schwarz gekleideter Mann und schaute sie bedauernd an. »Der Herr wird niemanden empfangen.«

Isabella rührte sich nicht von der Stelle. Vor ein paar Sekunden hatte sie nichts anderes gewollt, als zu ihrem Pferd zurückzulaufen und wegzureiten, so schnell sie konnte. Doch jetzt war sie empört. Der Sturm, der sich in eine regelrechte Raserei hineinsteigerte, trieb Eisplatten vor sich her, die auf der Erde aufschlugen und sie mit weißen Kristallen bedeckten. Bevor die Tür geschlossen wurde, stellte Isabella blitzschnell einen Fuß in den Spalt, steckte die eiskalten Hände in die Taschen und holte tief Luft, um ihr Zittern zu beruhigen. »Nun, dann wird er es sich anders überlegen müssen. Ich werde ihn sehen. Ihm bleibt gar keine andere Wahl.«

Der Diener stand mit unbewegter Miene da und starrte sie an. Er trat weder zur Seite, noch öffnete er die Tür weiter, um Isabella Einlass zu gewähren.

Sie weigerte sich, den Blick von ihm abzuwenden und den warnenden Stimmen nachzugeben, die sie anschrien wegzulaufen, solange sie es noch konnte. Der Sturm hatte inzwischen seine volle Kraft erreicht; der heulende Wind schleuderte sogar in den Schutz des überdachten Eingangsbereiches Eisstückchen, die sich wie Speere anfühlten. »Ich muss mein Pferd in Ihren Stall bringen. Bitte zeigen Sie ihn mir sofort!«, verlangte sie mit trotzig vorgeschobenem Kinn und starrte den Diener an, bis er den Blick abwandte.

Der Mann zögerte, schaute über die Schulter in das dunkle Innere des Hauses und schlüpfte dann hinaus, wobei er leise die Tür hinter sich schloss. »Sie müssen diesen Ort verlassen. Schnell!«, flüsterte er. Seine Augen waren unruhig, seine knotigen Hände zitterten. »Gehen Sie, solange Sie es noch können!« Verzweiflung lag in seinem flehentlichen Blick. Seine Stimme war kaum mehr als ein Wispern, das im Heulen des Sturmes fast unterging.

Isabella konnte sehen, dass seine Warnung ehrlich gemeint war, und ihr Herz geriet vor Furcht fast völlig aus dem Takt. Was war so schrecklich in dem Haus, dass dieser Mann sie lieber in einen eisigen Schneesturm hinausschickte, um ihr Leben in dieser unwirtlichen Natur aufs Spiel zu setzen, statt sie eintreten zu lassen? Seine vorher noch so ausdruckslosen Augen waren jetzt voller Beklommenheit. Isabella musterte ihn einen Moment und versuchte, seine Motive zu ergründen. Er strahlte eine ruhige Würde und sehr viel Stolz aus, aber sie konnte auch seine Furcht riechen, die wie Schweiß aus seinen Poren drang.

Die Tür öffnete sich einen Spalt, nicht mehr, und der Diener versteifte sich. Eine ältere Frau streckte den grauhaarigen Kopf hinaus. »Betto, der Herr hat gesagt, sie soll hereinkommen.«

Der Diener schien für einen winzigen Moment in sich zusammenzusacken und tastete nach dem Türrahmen, um sich daran festzuhalten. Doch dann verbeugte er sich tief vor Isabella. »Ich werde mich persönlich um Euer Pferd kümmern«, sagte er mit ausdrucksloser Stimme.

Isabella blickte zu den hohen Mauern des Palazzos auf, der eine regelrechte Festung war mit seinen großen, hohen, massiven Türen. Sie hob das Kinn und nickte dem älteren Mann zu. »Grazie, dass Sie sich meinetwegen so viel Mühe machen.« So viel Mühe, mich zu warnen. Die unausgesprochenen Worte hingen zwischen ihnen in der Luft.

Der Mann zog eine Augenbraue hoch. Sie war ganz offenbar eine Aristokratin. Frauen wie diese bemerkten einen Diener für gewöhnlich nicht einmal. Er war verblüfft, dass sie ihn nicht für seine Lüge tadelte und zu verstehen schien, dass er nur verzweifelt versuchte, ihr zu helfen. Sie zu retten. Er verbeugte sich erneut, zögerte leicht, bevor er sich dem eisigen Sturm zuwandte, und straffte dann ergeben die Schultern.

Isabella war kaum über die Schwelle getreten, als ihr Herz in jäher Panik wie wild zu pochen begann. Ein drückender Gestank nach etwas Bösem durchzog das Kastell wie eine düstere, graue, von purer Niedertracht durchdrungene Wolke. Isabella holte tief Luft, um sich zu beruhigen, und sah sich um. Der Eingangsbereich war sehr geräumig, und überall standen brennende Wachsstöcke, um den Burgsaal zu erhellen und die Dunkelheit zu vertreiben, von der Isabella einen kurzen Eindruck erhalten hatte. Als sie eintrat, fuhr ein Windstoß den Gang hinunter, und die Flammen flackerten auf zu einem makabren Tanz. Ein hasserfülltes Zischen begleitete den Wind. Ein hörbares, bestätigendes Zischen. Was immer es auch war, erkannte sie ebenso sicher, wie Isabella es erkannte.

Das Innere des Palazzos war von makelloser Sauberkeit. Weite, offene Flächen und hohe, gewölbte Decken vermittelten den Eindruck einer Kathedrale. Eine Reihe mächtiger, mit kunstvollen Schnitzereien von beflügelten Wesen bedeckter Säulen erhob sich bis zu den hohen Decken. Isabella konnte sehen, wie die mythischen Wesen sich daran emporwanden. Das castello sprach die Sinne an mit seinen künstlerischen Darstellungen und der eindrucksvollen Bauweise, aber es war eine Falle für die Unvorsichtigen. Alles an dem Palazzo war schön, doch irgendetwas Unheimliches beobachtete Isabella mit Augen voller bösartigem Hass.

»Wenn Ihr mir bitte folgen würdet, Signorina? Der Herr möchte, dass wir Euch ein Zimmer zur Verfügung stellen. Der Sturm soll noch mehrere Tage anhalten.« Die Frau lächelte Isabella an, und obwohl es ein aufrichtiges Lächeln zu sein schien, war jedoch auch ein Anflug von Besorgnis in ihren Augen zu erkennen. »Ich bin Sarina Sincini, die Wirtschafterin«, sagte sie und blieb einen Moment wartend stehen.

Isabella öffnete den Mund, um sich vorzustellen, doch kein Ton kam über ihre Lippen – und auf einmal wurde sie sich der absoluten Stille in dem riesigen Gebäude bewusst. Kein Knacken von Holz, keine Schritte, kein Gemurmel von Bediensteten war zu hören. Es war, als wartete das ganze Kastell darauf, dass Isabella ihren Namen aussprach. Aber sie wollte diesem unheimlichen Palazzo, der wie eine lebendige, atmende Präsenz des Bösen war, nicht ihren Namen nennen. Ihre Beine versagten ihr den Dienst. Den Tränen nahe und von einer unbestimmten, dunklen Furcht beherrscht, die wie ein Stein in ihrem Herzen lag, ließ sich Isabella auf dem kalten Marmorboden nieder.

»Oh, Signorina, Ihr müsst ja vollkommen erschöpft sein!« Signora Sincini legte sofort einen Arm um Isabellas Taille. »Erlaubt mir, Euch zu helfen! Falls nötig, kann ich auch einen Diener rufen, um Euch hinauftragen zu lassen.«

Isabella schüttelte schnell den Kopf. Sie zitterte vor Kälte, war geschwächt von Hunger und der ungeheuer strapaziösen Reise, aber die Wahrheit war, dass es das entnervende Gefühl einer bösartigen Präsenz war, das sie verängstigte und dazu führte, dass ihre ohnehin schon zitternden Beine versagten. Das Gefühl war stark. Vorsichtig blickte sie sich um und versuchte, gefasst zu erscheinen, obwohl sie nur noch fortwollte von diesem Ort.

Worauf sie nicht gefasst war, war ein Brüllen, das irgendwo ganz in der Nähe die Stille zerriss und von einem zweiten und einem dritten beantwortet wurde. Die grässlichen Geräusche kamen aus allen Richtungen, von nah und fern. Für einen furchtbaren Moment vereinten sie sich zu einem einzigen, das sie und die andere Frau von allen Seiten umgab und den Boden unter ihren Füßen erzittern ließ. Das Gebrüll schallte durch den Palazzo, bis es die Wölbungen unter den Decken und jede noch so ferne Ecke zu erfüllen schien. Eine Reihe seltsamer, hustenähnlicher Grunzlaute ertönte nach dem Brüllen. Isabella, die dicht neben Signora Sincini stand, spürte, wie die ältere Frau sich versteifte.

»Kommt, Signorina, wir müssen Euch in Euer Zimmer bringen!« Die Frau legte eine zitternde Hand auf Isabellas Arm, um sie zu führen.

»Was war das?« Isabellas dunkle Augen glitten prüfend über das Gesicht der Bediensteten, in dem sich Furcht und Schrecken durch den zitternden Mund der Frau verrieten.

Signora Sincini antwortete mit einem scheinbar gleichgültigen Schulterzucken: »Don DeMarco hat Haustiere. Ihr dürft Euer Zimmer bei Nacht nicht verlassen. Zu Eurer eigenen Sicherheit muss ich Euch dort einschließen.«

Isabella spürte die jähe, grässliche Angst, die in ihr aufstieg, aber sie zwang sich, ruhig durchzuatmen und sie zu bezwingen. Du bist eine Vernaducci, sagte sie sich stolz, und wirst weder in Panik geraten noch weglaufen! Außerdem war sie mit einer bestimmten Absicht hergekommen, hatte alles riskiert, um zu diesem Ort zu gelangen und den schwer erreichbaren Don zu sehen, und geschafft, was allen anderen misslungen war. Die Männer, die sie vorher hergeschickt hatte, waren einer nach dem anderen zurückgekehrt und hatten berichtet, ein Weiterkommen sei unmöglich. Andere waren über einem Pferderücken liegend zurückgekommen, mit dem Gesicht nach unten und mit schlimmen Verletzungen, die von einem wilden Tier zu stammen schienen. Wieder andere waren gar nicht erst zurückgekehrt. Und jedes Mal waren Isabellas Fragen mit einem stummen Kopfschütteln und Bekreuzigen beantwortet worden. Sie hatte jedoch nicht aufgegeben, weil sie keine andere Wahl hatte. Und jetzt hatte sie den Schlupfwinkel des Dons gefunden und betreten. Da konnte sie doch nicht mehr das Handtuch werfen und sich im letzten Augenblick von Furcht besiegen lassen. Ihr Vorhaben musste ihr gelingen. Sie konnte ihren Bruder nicht enttäuschen, denn schließlich stand sein Leben auf dem Spiel.

»Ich muss Don DeMarco noch heute Abend sprechen. Mir läuft die Zeit davon. Ich brauchte länger als erwartet, um diesen Ort zu erreichen. Bitte, Signora, er muss mich wirklich empfangen! Und wenn ich danach nicht schnellstens wieder aufbreche, wird der Pass unpassierbar sein, und ich werde nicht mehr herauskommen. Ich muss unverzüglich weiter, hört Ihr!«, erklärte Isabella in ihrem gebieterischsten Ton.

»Signorina, Ihr müsst das verstehen. Dort draußen ist es jetzt gefährlich. Es ist schon dunkel, und nichts ist sicher außerhalb dieser Mauern.«

Das tiefe Mitgefühl in den blassen Augen der Frau verschärfte Isabellas Panik nur. Die Wirtschafterin wusste etwas, was sie selbst nicht wusste, und fürchtete um ihre Sicherheit.

»Wir können nichts anderes tun, als es Euch bequem zu machen. Ihr zittert vor Kälte, und in Eurem Zimmer brennt bereits ein warmes Feuer. Ein Bad wird vorbereitet, und die Köchin schickt Euch etwas zu essen hinauf. Der Herr möchte, dass Ihr Euch wohlfühlt«, sagte die ältere Frau unter Aufbietung ihrer ganzen Überredungskunst.

»Ist mein Pferd in Sicherheit?« Ohne das Tier konnte Isabella unmöglich die vielen unwegsamen Kilometer zwischen dem Palazzo und der Zivilisation überwinden. Das Gebrüll, das sie gehört hatte, stammte nicht von Wölfen, doch was immer es verursachte, klang äußerst hungrig und hatte zweifellos sehr scharfe Zähne. Isabellas Bruder hatte ihr die Stute zu ihrem zehnten Geburtstag geschenkt, und es war eine grauenhafte Vorstellung, dass das Pferd von wilden Bestien gefressen werden könnte. »Ich sollte vielleicht besser nachsehen.«

Sarina schüttelte den Kopf. »Nein, Signorina, Ihr müsst in Eurem Zimmer bleiben. Wenn der Herr es so bestimmt, dürft Ihr seine Befehle nicht missachten. Es ist nur Eurer eigenen Sicherheit wegen.« Diesmal lag eine deutliche Warnung in der liebenswürdigen Stimme. »Betto wird sich um Euer Pferd kümmern.«

Isabella schob trotzig das Kinn vor, spürte jedoch, dass Schweigen ihr besser dienen würde als ärgerliche Worte. Der Herr. Sie hatte keinen Herrn und auch nicht die Absicht, je einen zu haben. Der Gedanke war ihr fast ebenso zuwider wie das unheimliche Gefühl, von dem das Kastell durchdrungen war. Isabella zog ihren Umhang noch fester um sich und folgte der älteren Frau durch ein Labyrinth von breiten Gängen und eine gewundene Marmortreppe hinauf, auf der eine Vielzahl von Porträts sie anstarrten. Sie konnte das unheimliche Gefühl von sie beobachtenden Augen spüren, deren Blicke jedem ihrer Schritte folgten, als sie durch die endlosen Gänge und Korridore des riesigen Palazzos ging. Das Bauwerk war schön, schöner als alles, was sie je zuvor gesehen hatte, doch es hatte eine kalte Art von Schönheit, die sie unberührt ließ. Wohin sie auch blickte, sah sie Schnitzereien von riesigen Raubkatzen mit dichten Mähnen, scharfen Zähnen und wilden Augen, gewaltigen Bestien mit struppigen Haaren um Nacken und Rücken. Einige waren mit ausgebreiteten Flügeln dargestellt, als würden sie sich jeden Moment in die Luft erheben. In allen Sälen, durch die sie kamen, standen viele kleine Standbilder und große Skulpturen dieser Tiere. In einer Nische in einer der Wände befand sich sogar ein Schrein mit Dutzenden von brennenden Kerzen vor einem grimmig dreinblickenden Löwen.

Ein plötzlicher Gedanke sandte einen eisigen Schauder über Isabellas Rücken. Das Gebrüll, das sie gehört hatte, könnte das von Löwen gewesen sein. Sie hatte noch nie einen gesehen, aber schon von den legendären Bestien gehört, die angeblich unzählige Christen zur Unterhaltung der Römer in Stücke gerissen hatten. War es möglich, dass die Bewohner dieses schrecklichen Ortes das Tier verehrten? Oder den Teufel anbeteten? Es wurde viel getuschelt über diesen Don DeMarco. Verstohlen bekreuzigte Isabella sich, um sich vor dem Bösen zu schützen, das sogar die Wände auszustrahlen schienen.

Sarina blieb vor einer Tür stehen, öffnete sie und trat zurück, um Isabella hindurchzuwinken. Nach einem fragenden Blick zu der Wirtschafterin trat Isabella über die Schwelle in ein Schlafzimmer. Der Raum war groß und angenehm warm von dem lodernden Feuer aus roten und orangefarbenen Flammen im Kamin. Isabella war jedoch zu müde und ausgelaugt, um mehr zu tun, als die Schönheit der vielen Buntglasfenster und reich geschnitzten Möbel mit einem anerkennenden Murmeln zur Kenntnis zu nehmen. Selbst das breite Bett mit der dicken Daunendecke nahm sie nur am Rande ihres Bewusstseins wahr. Sie hatte ihren ganzen Mut und all ihre Kraft aufwenden müssen, um an diesen Ort zu gelangen und den schwer erreichbaren Don Nicolai DeMarco zu sehen.

»Seid Ihr sicher, dass er mich heute Abend nicht mehr empfangen wird?«, fragte Isabella. »Ich könnte mir vorstellen, dass er seine Meinung ändern würde, wenn Ihr ihn nur wissen ließet, wie dringend mein Besuch ist. Bitte, Signora, wollt Ihr es nicht wenigstens versuchen?« Isabella streifte die pelzgefütterten Handschuhe ab und warf sie auf die reich verzierte Frisierkommode.

»Allein schon durch Euer Erscheinen an diesem verbotenen Ort weiß der Herr, dass Euer Anliegen von größter Bedeutung für Euch ist. Ihr müsst allerdings verstehen, dass es für ihn nicht wichtig ist. Er hat seine eigenen Probleme, mit denen er sich befassen muss«, sagte Sarina freundlich, aber entschieden, und wandte sich zum Gehen. Dann blieb sie in der Tür jedoch noch einmal stehen, warf einen Blick auf den Gang hinaus und sah sich schnell im Zimmer um, bevor sie sich wieder Isabella zuwandte. »Ihr seid sehr jung. Hat man Euch nicht vor diesem Ort gewarnt? Wurde Euch nicht befohlen, Euch von hier fernzuhalten?« Ein leiser, aber unüberhörbarer Tadel schwang in ihrer Stimme mit. »Wo sind Eure Eltern, piccola?«

Isabella ging zur anderen Seite des Zimmers und vermied es, die Frau anzusehen, weil sie befürchtete, dass ihr mitleidiger Ton ihr zum Verhängnis werden könnte. Am liebsten hätte sie sich zusammengerollt wie ein Häufchen Elend und geweint, nicht nur um ihre verlorene Familie, sondern auch der schweren Bürden wegen, die nun auf ihren schmalen Schultern lasteten. Doch sie nahm sich zusammen und hielt sich an einem der mit kunstvollen Schnitzereien bedeckten Pfosten des breiten Bettes fest. »Meine Eltern sind vor langer Zeit verstorben, Signora«, antwortete sie mit kühler, unbewegter Stimme, aber ihre Hand umklammerte den Bettpfosten noch fester, bis ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. »Ich muss mit Don DeMarco sprechen. Falls ihr die Möglichkeit habt, ihm etwas auszurichten, sagt ihm doch bitte, dass es eilt und meine Zeit sehr kurz bemessen ist.«

Die Dienerin kam ins Zimmer zurück und zog die Tür hinter sich zu. Sofort schien die scheußliche, klebrige Dichte der Luft des Palazzos sich zu verflüchtigen, und Isabella spürte, wie die Enge in ihrer Brust nachließ und sie wieder freier atmen konnte. Auch einen seltsamen Duft bemerkte sie, der aus dem heißen Wasser in der für sie bereitstehenden Wanne aufstieg, einen frischen, sauberen, blumig riechenden Duft, dem sie noch nie zuvor begegnet war. Sie atmete ihn tief ein und war dankbar für die heiße Tasse Tee, die ihr von der Wirtschafterin in die zitternde Hand gedrückt wurde.

»Trinkt das, Signorina!«, ermutigte Sarina sie. »Es wird helfen, Euch aufzuwärmen, so durchfroren, wie Ihr seid. Und trinkt die Tasse bis auf den letzten Tropfen aus – ja, so ist es gut, mein Kind.«

Der Tee half tatsächlich, Isabella von innen heraus aufzuwärmen, aber trotzdem hatte sie irgendwie das Gefühl, dass ihr nie wieder richtig warm werden würde. Noch immer fröstelnd, blickte sie zu Sarina auf. »Ich komme jetzt allein zurecht, Signora. Ich will Euch wirklich keine Mühe machen. Das Zimmer ist sehr hübsch, und ich habe alles, was ich brauche. Übrigens ist mein Name Isabella Vernaducci.« Das Bett sah bequem aus, das Feuer war anheimelnd und warm. Trotz des einladenden, dampfend heißen Wassers in der Wanne wollte Isabella sich jedoch nur noch aufs Bett fallen lassen und schlafen, sobald die Dienerin gegangen war. Ihr fielen schon jetzt die Augen zu, so sehr sie sich auch bemühte, wach zu bleiben.

»Der Herr würde wollen, dass ich Euch behilflich bin. Ihr schwankt ja vor Erschöpfung, Signorina. Wenn meine Tochter so weit weg von zu Hause wäre, würde ich mir auch wünschen, dass ihr jemand hilft. Bitte erlaubt mir, Euch behilflich zu sein!«, sagte Sarina und nahm Isabella schon den Umhang von den Schultern. »Kommt, Signorina! Ein heißes Bad wird Euch schneller aufwärmen. Ihr zittert ja noch immer.«

»Ich bin so müde.« Die Worte entschlüpften Isabella, bevor sie es verhindern konnte. »Ich will einfach nur noch schlafen.« Selbst in ihren eigenen Ohren hörte sie sich sehr jung und hilflos an.

Sarina drängte sie jedoch, das Bad zu nehmen, und half ihr beim Entkleiden. Als Isabella in dem heißen Wasser saß, löste Sarina ihre vom Wind zerzausten Flechten und fächerte das lange Haar der jungen Frau im Wasser auf. Sehr sanft massierte sie mit den Fingerspitzen Isabellas Kopfhaut und schäumte ihr Haar mit einer selbst gemachten, nach Blumen duftenden Seife ein. Nach und nach, als die Hitze des Wassers auf Isabellas Körper übergriff, ließ das Zittern allmählich nach.

Sie war so müde, dass sie kaum noch wahrnahm, wie Sarina ihr das Haar ausspülte und sie in einen dicken Morgenmantel hüllte. Schlaftrunken taumelte sie zum Bett. Die sanften Hände Sarinas, die ihr behutsam die langen Haare ausbürsteten und sie dann wieder flochten, waren angenehm beruhigend und erinnerten Isabella an ihre Mutter, die das Gleiche auch immer getan hatte, als sie noch sehr jung gewesen war. Träge und mit halb gesenkten Lidern lag sie auf dem Bett, und der dicke Morgenmantel um ihren nackten Körper nahm die restliche Feuchtigkeit des Bades auf.

Nicht einmal ein Klopfen an der Tür und der Duft von Essen vermochten ihr Interesse zu erregen. Vollkommen übermannt von ihrer Erschöpfung, die alle Sorgen und Ängste auslöschte, wollte Isabella nur noch schlafen. Sarina murmelte etwas, das sie nicht ganz verstehen konnte. Das Essen wurde wieder fortgebracht, und Isabella überließ sich erneut dem Gefühl des Wohlbehagens, das die Schönheit des Zimmers, das anheimelnde Prasseln des Feuers und Sarinas sanfte Hände in ihr auslösten.

In ihrem traumähnlichen Zustand hörte Isabella wie von weit her, dass Sarina scharf die Luft einzog, und irgendwie gelang es ihr, die Wimpern ein wenig anzuheben und unter ihnen hervorzuschauen. Die Schatten im Zimmer hatten sich auf beängstigende Weise ausgebreitet, die Kerzen in den Haltern an den Wänden waren erloschen und die Flammen im Kamin heruntergebrannt, sodass die Ecken des Schlafzimmers im Dunkeln lagen. In einer von ihnen konnte sie jedoch die schattenhafte Gestalt eines Mannes sehen – oder zumindest hielt sie den Schatten für einen Mann.

Er war groß, breitschultrig und hatte langes Haar und mandelförmige Augen, in denen sich die orange-roten Flammen des Feuers widerspiegelten. Isabella konnte die Hitze dieses glutvollen Blicks auf ihrer nackten Haut spüren. Das Haar des Mannes war von einem seltsam gelblichen Braun, das sich zu Schwarz verdunkelte, wo es ihm auf die Schultern und den breiten Rücken fiel. Er beobachtete sie aus den Schatten, mit denen er verschmolz, sodass sie ihn nicht klar erkennen konnte. Eine schattenhafte Gestalt für meine Träume, dachte sie und blinzelte, um ihren Blick zu schärfen, doch es war zu anstrengend, sich aus ihrem traumähnlichen Zustand aufzuraffen. Ihr Körper war bleischwer, und sie konnte nicht einmal die Energie aufbringen, ihren nackten Arm unter den Morgenrock zu ziehen. Während sie dort lag und versuchte, sich von der schattenhaften Gestalt ein besseres Bild zu machen, verschwamm ihre Sicht noch mehr, und für einen Moment kamen seine großen Hände ihr wie Pranken vor, und der Hüne bewegte sich mit einer Geschmeidigkeit, die nicht ganz menschlich war.

Isabella fühlte sich unter seinem Blick entblößt und verletzlich, doch sosehr sie sich auch bemühte, es gelang ihr einfach nicht, sich aufzurappeln. So lag sie mit dem Gesicht nach unten auf dem Bett und starrte ängstlich und mit wild pochendem Herzen in die dunkle Ecke.

»Sie ist viel jünger, als ich dachte. Und viel schöner.« Leise Worte, die sich anhörten, als wären sie nur laut gedacht und nicht für jemand anderen bestimmt gewesen. Die Stimme war tief und heiser, ihr Tonfall eine Mischung aus verführerisch, gebieterisch und einem tief aus seiner Kehle kommenden Knurren, bei dem Isabella fast das Herz stehen blieb.

»Und sehr beherzt.« Sarinas Stimme kam von Isabellas anderer Seite und aus solch geringer Entfernung, als stünde sie beschützend neben ihr. Aber Isabella wagte nicht, sich umzusehen, weil sie nicht den Blick von der schattenhaften Gestalt abwenden wollte, die sie so intensiv beobachtete. Wie ein Raubtier, eine große Katze. Ein Löwe? Ihre Fantasie ging mit ihr durch und vermischte die Realität mit Träumen, sodass sie nicht mehr sicher war, was real war und was nicht.

»Es war dumm von ihr hierherzukommen.« Der Tadel, der in seiner Stimme mitschwang, kränkte sie.

Wieder versuchte Isabella, sich dazu zu zwingen, sich zu bewegen, doch es war unmöglich. Und da kam ihr plötzlich der Gedanke, dass irgendetwas in dem Tee gewesen war oder vielleicht auch in dem duftenden Badewasser. Quälende Angst beherrschte sie, und trotzdem war sie seltsam geistesabwesend und verträumt, der Realität entrückt und wie abgekoppelt von ihrer Furcht, als sähe sie dabei zu, wie all das jemand anderem geschah.

»Es erforderte großen Mut und Durchhaltevermögen, allein hierherzukommen«, wandte Sarina freundlich ein. »Es mag dumm gewesen sein, aber es war auch sehr mutig und grenzt schon an ein Wunder, dass sie eine solch beachtliche Leistung vollbringen konnte.«

»Ich weiß, was du denkst, Sarina«, sagte der Mann in einem von extremer Müdigkeit geprägten Ton. »Es gibt keine Wunder. Und ich weiß, wovon ich rede. Es ist besser, solchen Unsinn nicht zu glauben.« Er trat näher und ragte so hoch vor Isabella auf, dass sein über sie fallender Schatten sie völlig einhüllte. Sein Gesicht konnte sie nicht sehen, doch seine Hände waren tatsächlich groß und außerordentlich stark, als er sie wortlos auf die Arme hob.

Für einen Moment starrte sie entsetzt die Hände an, die sie mit solcher Mühelosigkeit hochhoben. In einem Moment schienen sie mächtige Pranken mit rasiermesserscharfen Krallen zu sein, und im nächsten waren sie die Hände eines Menschen. Sie hatte keine Ahnung, was die Illusion war. Ob dies real oder ein Albtraum war. Ihr Kopf fiel zurück, aber sie schaffte es nicht, ihre Lider genug anzuheben, um sein Gesicht zu sehen. Sie konnte nur hilflos in seinen Armen liegen und ihr wild pochendes Herz in ihren Ohren dröhnen hören. Doch er hatte sie nur aufgehoben, um sie in ihrem Morgenmantel unter die Daunendecken zu legen, und seine Bewegungen waren sicher und geschickt.

Dann berührte er mit einer Hand ihr Gesicht und strich sanft mit dem Daumen über ihre Haut. »Wie zart und weich!«, murmelte er, und seine Finger glitten zu ihrem Kinn hinab, um ihr den dicken Zopf aus dem Nacken zu schieben. Eine unerwartete Hitze entströmte seinen Fingerspitzen, winzige Flammen, die ihr Blut in Wallung zu bringen schienen, sodass ihr ganzer Körper sich plötzlich heiß und fremd anfühlte.

Das fürchterliche Gebrüll hob wieder an, und die Furcht erregenden Geräusche schienen in dem gesamten Palazzo nachzuhallen.

»Sie sind unruhig«, bemerkte Sarina, und ihre Hand schloss sich noch fester um Isabellas. Dieses Mal bestand kein Zweifel, dass sie es in beschützerischer Absicht tat.

»Sie nehmen eine Störung wahr, und das macht sie unruhig und gefährlich. Sei sehr vorsichtig heute Nacht, Sarina!« Dass die Worte des Mannes eine Warnung waren, war offensichtlich. »Ich werde sehen, ob ich sie beruhigen kann.« Mit einem Seufzer wandte die schattenhafte Gestalt sich ab und ging lautlos hinaus. Kein Rascheln von Kleidern, keine Schritte, ja, überhaupt kein Geräusch war zu hören.

Isabella spürte noch, wie Sarina ihr übers Haar strich und die Decken glatt zog, und dann schlummerte sie auch schon ein. Wie zu erwarten gewesen war, träumte sie von einem großen Löwen, der sie auf Schritt und Tritt verfolgte. Er tappte auf mächtigen Pranken lautlos hinter ihr her, während sie durch ein Gewirr von langen, breiten Gängen lief. Die ganze Zeit über wurde sie von stillen, beflügelten Harpyien mit scharfen, krummen Schnäbeln und gierigen Augen beobachtet.

Dann durchdrangen Geräusche ihre merkwürdigen Träume, seltsame Geräusche, die zu ihren ebenso seltsamen Träumen passten. Das Rasseln von Ketten. Ein Heulen. Schreie in der Nacht. Unruhig kuschelte Isabella sich noch tiefer in die Decken. Das Feuer war bis auf eine orangerote Glut heruntergebrannt, deren schwaches Glimmen den dunklen Raum kaum noch erhellte. Isabella lag still da und starrte die winzigen Flammen an, denen ein gelegentlicher Windzug Leben einhauchte. Es verstrichen einige Minuten, bis sie merkte, dass sie nicht allein war.

Schnell drehte sie sich um und spähte durch die Dunkelheit zu der schattenhaften Gestalt hinüber, die am Fußende ihres Bettes saß. Als Isabellas Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte sie eine junge Frau erkennen, die sich mit vor der Brust verschränkten Armen hin und her wiegte, sodass ihr langes Haar sie wie ein Wasserfall umrieselte. Sie war schlicht, aber elegant gekleidet und offensichtlich keine der Bediensteten. Ihr Kleid war von einer ungewöhnlichen Farbe, zumindest in der Dunkelheit, von einem sehr dunklen Blau mit einem fremdartigen Sternenmuster, wie Isabella es noch nie zuvor gesehen hatte. Als sie sich bewegte, wandte die Frau sich ihr zu und sah sie lächelnd an.

»Hallo. Ich hatte nicht die Absicht, Euch zu wecken. Ich wollte Euch nur sehen.«

Isabella kämpfte gegen den Dunst in ihrem Bewusstsein an, während sie sich vorsichtig im Zimmer umschaute und die Schatten nach dem Mann absuchte. War er nur ein Traum gewesen? Sie hatte keine Ahnung, doch sie spürte noch immer die Berührung seiner Finger an ihrer Haut. Ihre Hand glitt sogar wie von selbst zu ihrem Nacken, um die Empfindung festzuhalten.

»Ich bin Francesca«, stellte die junge Frau sich mit einem Anflug von Hochmut in der Stimme vor. »Ihr braucht keine Angst vor mir zu haben. Ich weiß schon, dass wir gute Freundinnen sein werden.«

Isabella versuchte, sich aufzusetzen, aber ihr Körper verweigerte ihr die Mitarbeit. »Ich glaube, da war etwas in dem Tee«, sagte sie, weil der Gedanke nahelag.

Die junge Frau lachte perlend. »Aber natürlich. Er kann ja wohl nicht zulassen, dass Ihr nach Lust und Laune durch den Palazzo lauft und alle so lang gehüteten Geheimnisse entdeckt.«

Entschlossen, ihre lästige Benommenheit zu überwinden, kämpfte Isabella gegen den Dunst in ihrem Schädel an und richtete sich zu einer sitzenden Haltung auf. Während sie den über ihrer Brust aufklaffenden Morgenrock zusammenraffte, wurde ihr bewusst, dass sie gar nichts anderes zum Anziehen hatte. Für den Moment war das jedoch nicht wichtig, da ihr warm genug war. Zudem war sie sauber und aus dem Sturm heraus und hatte ihr Ziel erreicht. »Gibt es hier denn Geheimnisse zu lüften?«

Wie in Beantwortung ihrer Frage rasselten die Ketten wieder los, das Heulen stieg zu einem Kreischen an, und von irgendwo weit her kam ein bösartiges Knurren. Isabella zog die Decken noch fester um sich.

Die junge Frau lachte fröhlich. »Es ist ein Geheimnis, wie ich in Euer Zimmer gekommen bin, obwohl die Tür verschlossen ist. Es gibt viele, viele Geheimnisse hier, die alle herrlich skandalös sind. Seid Ihr hergekommen, um Nicolai zu heiraten?«

Isabella riss schockiert die Augen auf und zog den dicken Morgenmantel noch fester um sich. »Nein, natürlich nicht! Wie kommt Ihr denn auf die Idee?«

Francesca lachte wieder perlend. »Alle tuscheln darüber, auf den Gängen und in ihren Zimmern. Im ganzen Palazzo werden Spekulationen darüber angestellt. Es war eine solche Freude, als wir erfuhren, dass Ihr hierher unterwegs wart. Die anderen wetteten natürlich, dass Ihr eine solche Reise niemals überleben oder umkehren würdet, doch ich hoffte, dass Ihr es schaffen würdet!«

Isabellas Lippen zitterten, und sie biss sich auf die Unterlippe. »Dem Herrn des Palazzos war bewusst, dass ich kam, und er schickte mir keine Eskorte entgegen?« Sie hätte ja tatsächlich umkommen können. »Wieso wusstet Ihr überhaupt davon?«

Die Frau zuckte achtlos mit den Schultern. »Weil er überall Spione hat. Er wusste schon lange, dass Ihr ihn sprechen wolltet. Er empfängt niemanden, den er nicht sehen will.«

Isabella musterte die junge Frau. Sie war ungefähr in ihrem Alter, wirkte jedoch noch ziemlich kindlich und verspielt. Trotz der gegebenen Umstände musste Isabella lächeln, weil Francescas schelmisches Grinsen etwas Ansteckendes hatte. »Was sind das für schaurige Geräusche?«, fragte Isabella, doch da sie Francesca nicht im Mindesten zu stören schienen, entspannte sie sich jetzt ein wenig.

Die junge Frau lachte wieder. »Ihr werdet Euch daran gewöhnen.« Dann verdrehte sie die Augen. »Dumme Antwort! Manchmal geht das stundenlang so.« Francesca beugte sich vor. »Wie seid Ihr hierhergekommen? Niemand kann ohne eine Einladung und Eskorte an diesen Ort gelangen. Wir alle sterben vor Neugierde, wie Ihr das geschafft habt.« Sie senkte die Stimme. »Mithilfe eines Zaubers?«, fragte sie gespannt. »Ich kenne auch einige Zauber, jedoch keinen, der wirkungsvoll genug wäre, um jemanden vor den Gefahren dieses Tales zu beschützen. War es schwierig, durch den Pass zu kommen? Alle sagen, Ihr hättet es ganz allein geschafft. Ist das wahr?« Francesca feuerte ihre Fragen in solch schneller Folge ab, dass Isabella Mühe hatte, nicht den Faden zu verlieren.

Sie wählte ihre Antwort mit Bedacht, da sie nichts über diese Leute wusste, nicht einmal, ob sie den Richtlinien der Heiligen Kirche folgten oder Teufelsanbeter waren. Es klang nicht gut, dass Francesca sich mit Zaubern befasste, und noch schlimmer war, dass sie es offen zugab. Isabella rechnete schon fast damit, dass ein Blitzschlag vom Himmel auf sie hinunterfahren würde.

»Ich bin tatsächlich durch den Pass gekommen«, gab sie zu. Sie hatte einen trockenen Mund, und neben dem Bett standen eine hübsche Karaffe mit Wasser und ein fein geriffeltes Glas. Isabella starrte das Wasser an, rührte es jedoch nicht an aus Angst, dass es etwas enthalten könnte, das sie wieder in einen dumpfen Schlaf versetzen würde. Ihre Finger verkrampften sich in der Daunendecke, als sie darüber nachdachte, wie schwierig ihre Reise gewesen war und wie sie sich gefühlt hatte, als sie ein Hindernis nach dem anderen überwunden hatte. »Es war berauschend und beängstigend zugleich«, antwortete sie ehrlich. Jetzt, da sie wusste, dass der Don sich die ganze Zeit schon ihrer Situation bewusst gewesen war, war sie sogar noch froher, dass sie geschafft hatte, was so vielen anderen nicht gelungen war.

Francesca hüpfte auf dem Bett herum und lachte leise. »Oh, das ist köstlich! Wartet, bis die anderen hören, was Ihr sagtet. ›Berauschend‹! Das ist einfach zu perfekt!«

Trotz des Bizarren ihrer Unterhaltung konnte Isabella nicht umhin zu lächeln, weil Francescas Lachen so ansteckend war.

Ein wütendes Brüllen erschütterte plötzlich den Palazzo, und ein grauenhafter, schriller Schmerzensschrei vermischte sich mit dem furchtbaren Geräusch. Er schallte durch das ganze weitläufige Kastell und erreichte die höchsten Decken und tiefsten Verliese und Gewölbe, über die der Palazzo zweifellos verfügte. Isabella drückte den Morgenmantel an sich und starrte in sprachlosem Entsetzen auf ihre verschlossene Tür. Der Schrei wurde abrupt zum Verstummen gebracht, doch gleich darauf folgte ein wahnsinniger Lärm. Aus allen Richtungen erschallte das Brüllen wilder Tiere, so unerträglich laut, dass Isabella sich die Ohren zuhielt, um die Geräusche abzudämpfen. Aber auch ihr Herz hämmerte so wild, dass es sich wie Donnerschläge in ihren Ohren anhörte, die sich mit dem Höllenlärm draußen vermischten. Fragend wandte sie sich Francesca zu.

Doch die junge Frau war nicht mehr da. Das Bett war glatt, die Daunendecke wies nicht einmal ein Fältchen auf, wo Francesca gesessen hatte. Als ob sie niemals da gewesen wäre. Isabella blickte sich fieberhaft im Zimmer um, suchte jede Ecke ab und versuchte verzweifelt, das Dunkel zu durchdringen. Genauso abrupt, wie der fürchterliche Lärm begonnen hatte, verstummte er, und wieder herrschte absolute Stille. Aus Angst, sich zu bewegen, blieb Isabella wie erstarrt in ihrem Bett sitzen und lauschte angespannt.

KAPITEL ZWEI

In ihren Morgenrock gehüllt, saß Isabella für den Rest der Nacht ganz still da und starrte auf die Tür, bis das erste graue Licht der Morgendämmerung durch die Buntglasfenster fiel. Dann beobachtete sie den Sonnenaufgang und sah zu, wie die Farben der Fenster zum Leben erwachten und eine leichte Bewegung in die auf ihnen dargestellten Bilder brachten.

Schließlich stand sie auf und durchquerte das Zimmer, weil es sie zu den farbenfrohen Glasmalereien hinüberzog. Als Kind hatte sie mit ihren Eltern viele der großen castelli besucht, und alle waren sehr eindrucksvoll gewesen. Aber dieses war noch prunkvoller, noch reicher ausgeschmückt und stilvoller. Allein schon ihr Zimmer, ein bloßes Gästezimmer, enthielt ein kleines Vermögen in Kunst und Gold. Kein Wunder, dass die Armeen der spanischen und österreichischen Könige sowie alle anderen, die vor ihnen gekommen waren, sich Zugang zu dem Tal hatten verschaffen wollen.

Isabella fand den kleinen Raum für die morgendliche Toilette und ließ sich Zeit dabei, während sie in Gedanken jedes Argument durchging, mit dem sie Don DeMarco überreden wollte, ihr zu helfen, ihren Bruder vor dem Tod zu retten. Don DeMarco. Selbst mächtige Männer sprachen nur im Flüsterton über ihn. Es hieß, er fände ein offenes Ohr bei den einflussreichsten Herrschern dieser Welt und dass diejenigen, die nicht auf ihn hörten oder taten, was er sagte, für immer verschwanden oder als Leichen aufgefunden wurden. Nur wenige hatten ihn je gesehen, doch es ging das Gerücht, dass er halb Mensch, halb Tier war und seltsame, dämonische Erscheinungen in seinem Tal ihm zu Diensten waren. Die Gerüchte schlossen so gut wie alles ein, von Gespenstern bis zu einer Armee wilder Tiere, die unter seinem Kommando stand. Isabella erinnerte sich, dass ihr Bruder Lucca ihr all diese Geschichten erzählt und mit ihr gelacht hatte über die absurden Gerüchte, die Menschen zu glauben bereit waren.

Wieder blickte sie sich aufmerksam in ihrem Zimmer um. Zu beiden Seiten der Tür hingen Kruzifixe, und sie trat näher, um sich die Tür genauer anzusehen. Die Schnitzereien darauf stellten Engel dar, wunderschöne, beflügelte Wesen, die das Schlafzimmer bewachten. Isabella lächelte. Sie war vielleicht ein bisschen überspannt, aber die Gerüchte über dämonische Kreaturen und eine Armee wilder Tiere, über die sie mit ihrem Bruder gelacht hatte, erschienen ihr jetzt sehr viel realer, und sie war froh über die Unmenge von Engeln, die ihre Tür behüteten.

Das Zimmer selbst war groß und fast schon überladen mit prunkvollen Schnitzereien. Mehrere Radierungen von beflügelten Löwen hingen an den Wänden, aber die meisten Bilder schienen Engel darzustellen. Zwei steinerne Löwen bewachten den mächtigen Kamin, doch sie sahen recht freundlich aus, und so tätschelte sie ihnen den Kopf, um sich mit ihnen anzufreunden.

Da Isabella nirgends ihre Kleider finden konnte, öffnete sie schließlich mit einem frustrierten Seufzer den enormen Kleiderschrank. Zu ihrem Erstaunen war er voller schöner Roben, die alle so aussahen, als wären sie neu und eigens für sie angefertigt worden. Sie nahm eine heraus, und ihre Finger zitterten, als sie über den weiten Rock strich. Alle Kleider wirkten so, als wären sie von ihrer Lieblingsschneiderin genäht worden. Jedes einzelne, ob für den täglichen Gebrauch oder für elegante Anlässe bestimmt, hatte genau ihre Größe und war aus weichen, fließenden Stoffen und viel Spitze angefertigt. Isabella hatte solch feine Kleider noch nie besessen, nicht einmal, als ihr Vater noch am Leben gewesen war. Ihre Finger glitten liebevoll über die Stoffe und berührten fast ehrfürchtig die feinen, schmalen Säume.

In der Kommode entdeckte sie intimere Dinge wie sorgfältig gefaltete Unterwäsche, und in allen Schubladen waren getrocknete Blüten verstreut, um den frischen Duft der Wäsche zu erhalten. Mit einigen der Kleidungsstücke in den Händen setzte Isabella sich auf ihre Bettkante, um sie genauer zu betrachten. Waren sie wirklich extra für sie angefertigt worden? Aber wie könnte das sein? Vielleicht war ihr ja das Zimmer einer anderen jungen Frau gegeben worden. Neugierig blickte sie sich noch einmal in dem weitläufigen Raum um.

Er enthielt nichts von den persönlichen Accessoires, die sie im Zimmer einer anderen Frau zu sehen erwarten würde. Ein Frösteln überlief Isabella, denn plötzlich erschienen ihr die schönen Kleider fast ein bisschen unheimlich, als hätte Don DeMarco, wohl wissend, dass sie kam, seine eigenen zwielichtigen Pläne für sie geschmiedet. Francesca sagte, die Nachricht ihrer bevorstehenden Ankunft sei ihr weit vorausgeeilt, doch der schwer erreichbare Don hatte nicht einmal eine Eskorte für sie ausgesandt. Nichts von alldem ergab einen Sinn für sie.

Wie hatte Francesca es zustande gebracht, trotz der verschlossenen Tür in ihr Zimmer zu gelangen? Während Isabella darüber nachsann, zog sie das schlichteste Kleid an, das sie finden konnte, weil ihr gar nichts anderes übrig blieb, als eins der Kleider zu benutzen. Sie konnte ja wohl kaum im Morgenrock zu der Begegnung mit dem Don gehen. Isabella wusste, dass viele der Kastelle und großen Palazzi geheime Gänge und Gemächer hatten. Da sie ziemlich sicher war, dass das die Erklärung für Francescas plötzliches Erscheinen und Verschwinden sein musste, nahm sie sich ein paar Minuten Zeit, um die Marmorwände zu untersuchen. Als sie in keiner ein Anzeichen für eine Geheimtür fand, inspizierte sie sogar den großen Kamin, aber auch er schien nichts dergleichen zu enthalten.

Isabella erschrak, als sie hörte, wie sich der Schlüssel im Türschloss drehte, doch dann sah sie, dass es nur Sarina war, die lächelnd mit einem Tablett hereinkam.

»Ich dachte, Ihr müsstet inzwischen wach und ziemlich hungrig sein, Signorina, nachdem Ihr gestern Abend nichts gegessen habt.«

Isabella warf ihr einen ärgerlichen Blick zu. »Ihr habt mir etwas in den Tee geträufelt«, beschuldigte sie die ältere Frau und wich vor ihr zurück, bis sie mit dem Rücken an die Wand stieß.

»Der Herr wollte, dass Ihr ruhig durchschlaft. Seine Haustiere können recht beängstigend sein, wenn man ihre Geräusche nicht gewöhnt ist. Außerdem wart Ihr so müde von der Reise, dass Ihr wahrscheinlich auch ohne Hilfe eingeschlafen wärt. Und ich sagte Euch ja gestern Abend schon, dass Ihr Euch im Palazzo nicht frei bewegen könnt. Es ist nicht immer ganz ungefährlich«, wiederholte Sarina ohne sichtbares Bedauern ihre Warnung von der Nacht zuvor.

Das Essen roch wunderbar, und Isabellas leerer Magen knurrte, doch sie starrte das Tablett argwöhnisch an. »Ich habe Euch gestern Abend schon erklärt, dass der Zweck meines Besuches ein sehr dringender ist. Ich muss den Don jetzt unverzüglich sprechen. Hat er zugesagt, mich zu empfangen?«

»Später am Tag. Er ist nachtaktiv und empfängt nur selten jemanden in den Morgenstunden, wenn es nicht um einen absoluten Notfall geht«, erwiderte Sarina ruhig, während sie das Tablett auf dem kleinen Tisch vor dem Kamin abstellte.

»Aber es ist ein Notfall«, beharrte Isabella verzweifelt. Nachtaktiv? Sie überlegte hin und her, was mit diesem seltsamen Begriff gemeint sein könnte, und versuchte, sich einen Reim darauf zu machen.

»Nicht für ihn«, beschied Sarina sie. »Er wird es sich nicht anders überlegen, Signorina, Ihr könnt also ruhig essen, solange Ihr Gelegenheit dazu habt. Das Essen ist ausgezeichnet und völlig ohne Kräuterzusätze, um Euch beim Einschlafen zu helfen.« Als Isabella fortfuhr, sie nur schweigend anzustarren, seufzte sie. »Nun esst schon, piccola! Ihr werdet Eure Kraft brauchen für das, was vor Euch liegt.«

Widerstrebend ging Isabella durch das Zimmer zu dem kleinen Tisch hinüber. »Ich konnte meine Kleider nicht finden, deshalb habe ich eins von denen angezogen, die ich in dem Kleiderschrank fand, Signora. Ich hoffe, ich habe damit nichts falsch gemacht.«

»Nein, der Herr hat Kleidung für Euch kommen lassen, da er wusste, dass die Eure auf der Reise verdorben worden war. Und nun setzt Euch, Signorina, und esst etwas! Ich werde Euch derweil frisieren. Ihr habt so wundervolles Haar! Meine Tochter wäre heute ungefähr in Eurem Alter. Doch leider haben wir sie durch einen Unfall verloren«, sagte sie mit belegter Stimme, und obwohl Sarina hinter ihr stand, wusste Isabella, dass die Wirtschafterin sich bekreuzigt hatte.

Zumindest waren sie keine Teufelsanbeter in diesem Tal. Isabella seufzte vor Erleichterung. »Das tut mir sehr leid, Signora. Ich kann mir nur vorstellen, wie schrecklich es sein muss, ein Kind zu verlieren, aber meine Mutter starb am Fieber, als ich sechs war, und mein Vater bei einem Jagdunfall. Ich habe jetzt nur noch meinen Bruder. Und ich will ihn nicht auch noch verlieren.« Sie verzichtete darauf hinzuzufügen, dass sowohl sie als auch Lucca glaubten, dass der Jagdunfall ihres Vaters, bei dem er den Tod gefunden hatte, kein Unfall gewesen war, sondern ein ernsthafter Versuch ihres Nachbarn, Don Rivellio, mit der Übernahme ihrer Ländereien zu beginnen.

»Ihr habt Betto, meinen Mann, schon gestern Abend bei Eurer Ankunft kennengelernt. Er hat Euer Pferd versorgt, das übrigens sehr müde war. Betto ist ein anständiger Mann, und solltet Ihr irgendetwas brauchen, wird er Euch helfen.« Sarina senkte die Stimme, als glaubte sie, die Wände hätten Ohren. Oder als wäre sie eine Verschwörerin.

Isabella legte die Hände um die heiße Tasse Tee und roch daran, fand aber keine Spur von irgendwelchen Kräutern, die sie als medizinische erkannte. »Er schien sehr nett zu sein und war äußerst zuvorkommend zu mir.« Sie blickte zu Sarina auf. »War Don DeMarco gestern Nacht in meinem Zimmer, während ich schlief?«

Sarina versteifte sich und hörte auf, das Geschirr näher an Isabella heranzuschieben. »Warum fragt Ihr mich das?«

»Weil ich merkwürdige Träume hatte, in denen Ihr in meinem Zimmer wart und er hereinkam.«

»Seid Ihr sicher? Wie sah er denn aus?« Sarina wandte sich ab, um das Bett zu machen, was ihr die Gelegenheit gab, der jungen Frau den Rücken zuzuwenden.

Isabella hatte trotzdem den Eindruck, dass die Hände der Wirtschafterin zitterten. Vorsichtig trank sie einen Schluck Tee, der heiß und süß war und sehr gut schmeckte. »Ich konnte sein Gesicht nicht sehen. Doch er schien auffallend groß zu sein. Ist er ein großer Mann?«

Sabrina schüttelte die Daunendecke auf und strich sie dann wieder sorgfältig glatt. »Er ist ein hochgewachsener und sehr starker Mann. Aber er bewegt sich …« Sie verstummte plötzlich.

»Völlig lautlos«, beendete Isabella den Satz für sie. »Er war gestern Nacht hier, in diesem Zimmer, nicht?«

»Er wollte sich vergewissern, dass Ihr auf Eurer Reise keine Verletzungen erlitten hattet.« Sarina schob den Teller noch näher zu Isabella heran und drängte sie zu essen. Unsere Köchin wird sehr ärgerlich, wenn wir nicht essen, was sie auf den Tisch bringt. Und wir haben Euer Essen gestern Abend schon zurückgeschickt. Sie hat dieses extra für Euch zubereitet. Bitte probiert es doch zumindest!«

Isabella hatte so lange keine richtige Mahlzeit mehr zu sich genommen, dass es ihr fast Angst machte zu essen. Ihr Magen protestierte auch zunächst, doch dann zerschmolz der fremdartige, mit Honig gesüßte Kuchen schier in ihrem Mund, und sie merkte, dass sie wirklich sehr, sehr hungrig war. »Köstlich«, lobte sie auf Sarinas erwartungsvollen Blick hin. »Was war das für ein furchtbarer Schrei, den ich gestern Nacht hörte? Das war kein Traum, sondern der Schrei eines tödlich Verwundeten.« Sie zögerte, Sarina von Francescas Besuch zu erzählen, weil sie nicht sicher war, ob sie der jungen Frau dadurch Scherereien bereiten würde. Sie mochte Francesca und brauchte zumindest eine Verbündete in dieser Festung. Sarina war lieb und sehr gut zu ihr, aber ihre Loyalität galt zweifelsohne Don DeMarco. Alles, was Isabella sagte oder tat, würde ihm gewissenhaft berichtet werden. Isabella nahm das hin, weil es Sarinas Pflicht war. Auch ihr Vater war der Herr seiner Leute gewesen, sodass sie also wusste, welche Loyalität der Titel Don verlangte.

»Diese Dinge kommen vor. Jemand war unvorsichtig.« Sarina zuckte fast achtlos mit den schmalen Schultern, doch als sie sich abwandte, sah Isabella, wie blass sie geworden war und dass ihre Lippen zitterten. »Ich muss jetzt gehen. Ich werde Euch abholen, wenn es so weit ist.« Sie war schon halbwegs an der Tür, da sie das Gespräch ganz offenbar nicht weiterführen wollte. Bevor Isabella protestieren konnte, war die Tür bereits zu, und sie hörte, wie der Schlüssel umgedreht wurde.

Isabella verbrachte den größten Teil des Morgens mit Schlafen. Sie war noch immer müde und entkräftet von der anstrengenden Reise, und jeder Muskel in ihrem Körper schmerzte. Sie hatte wieder jeden Zentimeter des Zimmers nach geheimen Türen abgesucht, aber nichts gefunden und sich schließlich auf das Bett fallen lassen. Isabella schlief noch fest, als Sarina zurückkehrte, sodass sie sich beeilen mussten, Isabellas zerdrücktes Kleid und ihre Frisur in Ordnung zu bringen. Das Letztere übernahm Sarina und wuselte dabei wie eine Henne um sie herum.

»Ihr solltet Euch beeilen, Signorina. Ihr dürft ihn nicht zu lange warten lassen. Er hat viele Termine. Der Eure ist nur einer.«

»Ich hatte nicht vor einzuschlafen«, entschuldigte sich Isabella. Die ältere Frau öffnete die Tür, um sie vorangehen zu lassen, doch Isabella zögerte plötzlich, auf den Gang hinauszutreten, als sie sich an die beklemmende Wolke negativer Energie erinnerte, der sie am Abend zuvor im Palazzo begegnet war.

Isabella war »anders«. Lucca hatte ihr stets geraten, ihre seltsamen Vorahnungen und Empfindsamkeiten für sich zu behalten und niemanden wissen zu lassen, dass sie »empfänglich« war für Dinge, die weit hinausgingen über das, was mit dem bloßen Auge zu erkennen war. Aber Lucca und ihr Vater hatten sich immer auf ihr Gefühl verlassen, wenn sie neue Mitglieder für ihre Geheimbünde suchten, um ihre Ländereien vor den ständigen Angriffen fremder Herrscher zu beschützen.

»Signorina«, mahnte Sarina. »Wir können nicht riskieren, zu spät zu Eurer Audienz zu kommen. Er wird Euch keine andere gewähren.«

Mit einem tiefen Atemzug folgte Isabella ihr hinaus und berührte im Vorbeigehen die geschnitzten Engel an der Tür, damit sie ihr Glück brachten. Sie blickte gerade wieder auf, als ein junges Dienstmädchen ihr aus einem goldenen Kelch Wasser ins Gesicht schüttete. Das Wasser lief an Isabellas Wangen herab und tropfte in ihren Ausschnitt, während sie wie angewurzelt dastand und schockiert das Mädchen vor sich anstarrte.

Ein beklommenes Schweigen breitete sich aus, als alle Dienstboten in ihrer Arbeit innehielten und mit einer Mischung aus Entsetzen und Faszination die Vorgänge verfolgten. Das Wasser tropfte weiter auf Isabellas Kleid herunter und lief zwischen ihren Brüsten hindurch wie Schweißtropfen.

»Alberita!«, schalt Sarina das Mädchen und runzelte die Stirn, obwohl ihre Augen vor unterdrücktem Lachen funkelten. »Mit dem Weihwasser bespritzt man jemanden, aber man schüttet es ihm doch nicht ins Gesicht! Scusi, Signorina, doch sie ist noch jung und impulsiv und hört nicht immer richtig zu. Das Weihwasser war zu Eurem Schutz, aber nicht als Bad gedacht.«

Alberita knickste vor Isabella, während sie entsetzt, mit aschfahlem Gesicht und Tränen in den Augen zu ihr aufblickte. »Scusi, scusi, Signorina! Bitte sagt es nicht dem Herrn!«

»Aber nein, ich bin dir sogar dankbar für den Schutz, Alberita. Nun kann ich beruhigt gehen und mich meinem Schicksal ohne Furcht im Herzen stellen. Sicherlich habe ich jetzt auch zusätzlichen Schutz vor jedem, der mir Böses will.«

Sarina schüttelte den Kopf und tupfte Isabella behutsam das Gesicht ab. »Es ist sehr freundlich von Euch, so verständnisvoll zu sein. Die meisten anderen hätten verlangt, dass die Kleine dafür auspeitscht wird.«

»Ich bekleide heutzutage keinen höheren Rang als Ihr, Signora«, bekannte Isabella ohne Scham. »Und ich halte nichts vom Auspeitschen. Außer vielleicht«, fügte sie halblaut hinzu, »bei Don Rivellio, dem eine ordentliche Tracht Prügel vielleicht ganz gut bekommen würde.«

Es zuckte um Sarinas Mund, doch sie verkniff sich ein Lächeln. »Kommt, wir dürfen uns nicht verspäten! Don DeMarco hat sehr viel zu tun. Und achtet bitte darauf, ihm manierlich und respektvoll zu begegnen!«

Isabella warf ihr einen Blick zu, beinahe sicher, dass die ältere Frau sich über sie lustig machte, aber Sarina hatte sich schon abgewandt, um durch die breiten Korridore und Bogengänge voranzugehen. Sie eilten an mehreren Bediensteten vorbei, die bei der Arbeit waren, und Isabella fiel auf, dass alle sie mit feierlichen Mienen ansahen, einige sogar mit einem angespannten Lächeln. Und alle schlugen ein Kreuz in ihre Richtung, als segneten sie sie.

Weihwasser und Segenswünsche von den Dienstboten. Isabella räusperte sich. »Signora, ist Don DeMarco ein Mitglied der Heiligen Kirche?« Isabellas Stimme schwankte ein wenig, aber sie war stolz darauf, dass sie die Worte ohne Stottern hervorgebracht hatte. Irgendwie hatte sie nämlich doch das ungute Gefühl, dass all die Gerüchte über den Don letztendlich stimmten. Sie sandte ein schnelles, stummes Stoßgebet zum Himmel, dass Don DeMarco und Gott auf freundschaftlichem Fuße miteinander standen.

Sarina Sincini antwortete nicht, sondern ging eilig weiter und führte sie auf einen großen, offenen Innenhof mit mehreren gewundenen Treppen, die in verschiedene Richtungen hinaufführten. Im Mittelpunkt des Innenhofs stand ein Springbrunnen, dessen Wasser fast bis zum ersten Stock emporsprudelte. Es verschaffte Isabella eine gewisse Erleichterung zu sehen, dass alle Teilstücke des Brunnens mit einem Kreuz versehen waren. Am Fuße einer jeden runden Säule befand sich jedoch auch der unvermeidliche Löwe, groß und muskulös, mit einer lohfarbenen, zum Rücken hin in Schwarz übergehenden Mähne. Aber das Plätschern des Wassers hatte eine beruhigende Wirkung, und die kunstvollen Steinreliefs freundlich aussehender Figuren ganz oben auf dem Brunnen waren noch ermutigender.

Isabella wäre gern einen Moment geblieben, um sich die beeindruckende Skulptur genauer anzusehen, doch Sarina eilte schon eine der gewundenen Treppen hinauf. Während Isabella hinter ihr die scheinbar endlosen Stufen hinaufstieg, glitt ihr Blick über die Reihe von Porträts an der Wand. Eines der dargestellten Gesichter, das eines Mannes, war so schön, dass ihr ganz weh ums Herz wurde. Seine Augen waren überschattet von Qual und tiefem Kummer, und Isabella war so ergriffen von diesem Blick, dass sie den Mann in die Arme nehmen und ihn trösten wollte. Seltsamerweise hatte sie das Gefühl, ihn zu kennen und diese Augen schon einmal gesehen zu haben. Als sie an dem Bild vorbei zum nächsten blickte, erkannte sie das Gesicht sofort. Es waren Francescas lachende Augen, die spitzbübisch und fröhlich in die Welt schauten. Das Gemälde musste erst kürzlich entstanden sein, da Francesca darauf fast das gleiche Alter hatte wie im Augenblick. Wer mochte sie sein? Eine junge Cousine des Dons? Der Künstler hatte ihr Wesen, ihre Wärme und ihre fröhliche Natur sehr gut erfasst. In dieses reizende Gesicht zu sehen, machte Isabella Mut, und sie straffte die Schultern, um Sarina nachzueilen.

Der Weg führte um viele Ecken und Windungen herum, durch zahlreiche Gänge und an dunklen Nischen, noch mehr Buntglasfenstern und mit kunstvollen Schnitzereien versehenen Bögen vorbei. Isabella hätte all das gern näher erforscht. Bei Tageslicht wirkte das castello offener, luftiger und viel weniger bedrohlich als in der vergangenen Nacht. Auch von der scheußlichen, klebrigen Dichte in der Luft und dem Eindruck von etwas Bösem war nichts mehr zu spüren.

Schließlich erreichten sie das andere Ende des Palazzos, das in einiger Entfernung von den Wohnräumen des Gebäudes lag. Isabella konnte einen Blick in Zimmer voller Bücher, Skulpturen und vieler anderer interessanter Dinge werfen, die sie sich gern angesehen hätte, aber Sarina hastete weiter durch das Labyrinth von Korridoren. Isabella hatte schon völlig die Orientierung verloren, als sie eine dritte, breite Wendeltreppe zu einer Galerie mit einer großen Flügeltür hinaufstiegen, vor der sie abrupt den Schritt verhielt. Niemand musste ihr sagen, dass sie sich hier in Don DeMarcos privatem Schlupfwinkel befand.

»Dieser ganze Flügel gehört dem Herrn. Niemand darf ihn ohne ausdrückliche Einladung von ihm betreten.«

»Und die Dienstboten?«, fragte Isabella neugierig, während sie die imposante, mit prachtvollen Schnitzereien und einem Löwenkopf mit struppiger Mähne und scharfen Augen verzierte Tür anstarrte. Der Kopf des Löwen schien aus der Schnitzerei hervorzuragen, und scharfe Fänge waren in dem offenen Maul zu sehen. Doch irgendetwas war anders an diesem Löwen, ganz anders als bei seinen Artgenossen. Dieses Tier sah intelligent, listig und gefährlich aus. Fast so, als wäre aus dem Porträt eines Mannes ein Löwenkopf geschnitzt worden. Isabella konnte fast den Menschen unter der Furcht erregenden Maske sehen.

»Ihr müsst hineingehen«, forderte Sarina sie auf.

Isabella, die in die Schnitzerei vertieft war, hörte die ältere Frau kaum. Sanft strich sie mit einer Fingerspitze über das Furcht einflößende Löwenmaul, weil irgendetwas in ihr auf den Blick dieser Augen reagierte.

»Signorina, öffnet die Tür und geht hinein!«, flüsterte Sarina.

Isabellas Herz begann vor Furcht zu rasen, als sie den Türknauf sah – ein weiterer zähnefletschender Löwenkopf. Nun, da sie wirklich hier war, hatte sie plötzlich Angst, dass der Don sie abweisen und sie dann niemand anderen mehr haben würde, an den sie sich noch wenden könnte. »Kommt mit!«, wisperte sie der Wirtschafterin zu, obwohl ihr Stolz durch diese Bitte eine schwere Einbuße erlitt.

»Ihr müsst allein hineingehen, piccola.« Sarina klopfte ihr ermunternd auf die Schulter. »Er erwartet Euch. Nehmt Euren Mut zusammen!«, sagte sie und wollte sich entfernen.

Bevor sie es verhindern konnte, streckte Isabella die Hand aus und hielt die Frau am Kleid zurück. »Ist er so, wie über ihn gemunkelt wird?«

»Er ist sowohl furchtbar als auch liebenswürdig«, antwortete Sarina. »Wir sind an seine Art und seine Erscheinung gewöhnt. Andere sind es nicht. Seid jemand, zu dem er nett sein kann! Er hat nicht viel Geduld, also geht schnell hinein! Ihr seht hübsch aus, und ihr habt viel Mut gezeigt.« Damit griff sie an Isabella vorbei nach dem Türknauf und drehte ihn um.

Isabella blieb keine Wahl mehr. Zögernd betrat sie das Zimmer, weil ihr Herz so laut pochte, dass sie befürchtete, der Don könnte es hören, und versuchte, weder eingeschüchtert noch ungehalten zu wirken. Es ist wichtig, dass ich mich ehrerbietig und bescheiden gebe, ermahnte sie sich immer wieder. Sie musste bescheiden sein, mit ihrer eigenen Meinung hinter dem Berg halten und ihre unberechenbare Zunge nicht mit ihr durchgehen lassen. Hier konnte sie es sich nicht leisten, das freche kleine Ding zu sein, das alle Regeln im Hause seines Vaters brach, in den Bergen umherstreifte, sooft es Gelegenheit dazu bekam, seinem geliebten Bruder Streiche spielte und sich immer wieder ein missbilligendes Stirnrunzeln von seinem Vater einhandelte, bevor er sich enttäuscht abwandte.

Sie klammerte sich an die Erinnerungen an ihren Bruder Lucca. Er war ihr bester Freund und Vertrauter gewesen und hatte ihre rebellische Art – trotz der inständigen Bitten ihres Vaters, dass sie sich wie eine Dame aufführen solle – sehr oft noch unterstützt. Isabella wusste, dass sie längst hätte verheiratet sein können, wenn es nach ihrem Vater gegangen wäre, verkauft an irgendeinen älteren Don, um die Kriegskasse zu füllen. Aber Lucca hatte nichts davon hören wollen. Viele Male hatte sie sich als Junge verkleidet und ihn auf Jagdausflügen begleitet. Er hatte sie gelehrt, ein Schwert und ein Stilett zu gebrauchen, genauso gut zu reiten wie ein Mann und sogar im kalten Wasser der Flüsse und der Seen zu schwimmen. Noch lange, nachdem ihr Vater verstorben war, hatte ihr Bruder sie beschützt, sie geliebt und über sie gewacht. Selbst als sie in verzweifelter Geldnot gewesen waren, hatte er nicht ein einziges Mal daran gedacht, sie an einen der vielen Bewerber zu verkaufen. Und nie und nimmer würde sie Lucca in seiner Stunde der Not im Stich lassen.

Isabella reckte das Kinn. Lucca hatte sie Mut und Tapferkeit gelehrt, und sie würde nicht scheitern bei ihrem letzten, verzweifelten Versuch, ihren geliebten Bruder vor dem sicheren Tod zu bewahren. Langsam trat sie ein paar Schritte in den verdunkelten Raum hinein. Im Kamin brannte ein Feuer, das jedoch nicht gegen die schweren Vorhänge ankam, die nicht einmal einen Hauch von Licht durch die Fenster eindringen ließen. Isabella sah zwei gepolsterte Stühle vor dem Feuer stehen, aber der Raum war so riesig mit seinen hohen, gewölbten Decken, den vielen Nischen und Bogengängen, dass hier eine ganze Armee hätte versteckt sein können. Und die Ecken lagen in völliger Dunkelheit.

Im ersten Moment glaubte sie, allein zu sein, als sich die schwere Tür hinter ihr schloss. Doch dann spürte sie ihn und wusste, dass er es war. Der Don. Geheimnisvoll. Distanziert. Sie spürte ihn dort im Dunkeln, ihn und das Gewicht seines eindringlichen, prüfenden und starren Blickes. Aus Angst, den Marmorboden des weitläufigen Raumes zu einem der gepolsterten Stühle zu überqueren, fröstelte Isabella trotz ihrer Entschlossenheit, sich ihre Furcht nicht anmerken zu lassen.

Dann erstarrte sie und blieb völlig reglos stehen, den Blick auf den dämmrigsten Teil des Raumes gerichtet, eine verdunkelte Nische, in der sie die Umrisse eines Mannes ausmachen konnte. Er stand hoch aufgerichtet da, und auf seinem Unterarm hockte ein Falke, ein Raubvogel mit einem scharfen Schnabel und Krallen, die Haut in Fetzen reißen konnten. Die kleinen runden Augen des Vogels fixierten sie, und er machte eine Bewegung, als wollte er sich auf sie stürzen. Aber der Mann sagte etwas zu ihm, so sanft und leise, dass sie die Worte nicht verstehen konnte. Er streichelte dem Falken den Nacken und den Rücken, doch der Vogel wandte den Blick trotzdem nicht von Isabella ab.

Ganz gleich, wie sehr sie sich bemühte, den Mann im Dunkeln klarer zu erkennen, es gelang ihr einfach nicht. Als er sich ein wenig drehte, um den Vogel zu streicheln, schien er langes Haar zu haben, das tief im Nacken von einem Lederband zusammengehalten wurde, aber es sah trotzdem noch wüst und strubbelig aus wie eine ungekämmte Mähne. Doch die Dunkelheit verhüllte fast alles von ihm. Sein Gesicht war so vollständig verborgen, dass Isabella nicht einmal erahnen konnte, wie alt er war. Doch während sie fortfuhr, ihn zu beobachten, schienen die Flammen aus dem Kamin in seine Augen zu springen, und für einen Moment konnte sie im Dunkeln ihren rötlichen Abglanz darin schimmern sehen.

Seine Augen glühten tatsächlich feurig rot, und es waren keine menschlichen. Eine solch eisige Kälte erfasste Isabella, dass sie nur noch umkehren und aus dem Zimmer laufen wollte.

»Ihr seid Isabella Vernaducci«, sagte er in der dunklen Nische. »Bitte nehmt doch Platz! Sarina hat Tee gebracht, um Eure Nerven zu beruhigen.«

Seine Stimme war recht angenehm, aber seine Worte weckten augenblicklich ihren Stolz.

In majestätischer Haltung, jeder Zoll eine Frau von Stand und Rang, schritt Isabella hocherhobenen Hauptes durch den Raum. »Ich kann mich nicht entsinnen, dass ich jemals schwache Nerven hatte, Signor DeMarco. Falls Ihr jedoch nervös seid, werde ich Euch gern eine Tasse einschenken. Der Tee wird ja wohl keine Kräuter enthalten, die Euch benommen machen könnten, hoffe ich.« Isabella ließ sich auf einem der gepolsterten Stühle nieder und nahm sich die Zeit, ihre langen Röcke sittsam über ihren Beinen und Knöcheln zurechtzuziehen. Dabei verfluchte sie sich innerlich. Ihr dummer Stolz könnte sie um ihre hart erkämpfte Audienz bei dem Don bringen. Was war los mit ihr, dass sie so ungehalten auf seine Gesellschaft reagierte? Was kümmerte es sie, was er sagte oder von ihr dachte? Sollte er sie doch ruhig für nervös und schwach halten, falls es das war, was er wollte, solange sie nur ihr Ziel erreichte.

Don DeMarco tat nichts, um das anhaltende Schweigen zwischen ihnen zu brechen. Isabella konnte jedoch seine Missbilligung und seinen starren Blick aus den Schatten spüren.

Um die Situation zu retten, senkte sie den Blick auf ihre Hände. »Vielen Dank auch für die Kleider, Don DeMarco. Ich hatte sehr wenig angemessene Garderobe bei mir. Auch das Zimmer, das Ihr mir überlassen habt, ist sehr schön und das Bett bequem. Ich hätte mir keine bessere Fürsorge wünschen können. Signora Sincini hat sich wunderbar um mich gekümmert.«

»Es freut mich zu sehen, dass die Kleider Euch passen. Habt Ihr Euch von Eurer Reise gut erholt?«

»Ja, grazie«, erwiderte sie bescheiden.

»Es war töricht, Euch in Gefahr zu begeben, und wäre Euer Vater noch am Leben, würde er sicher dafür sorgen, dass Ihr bestraft würdet für diese Torheit. Ich bin geneigt, diese Aufgabe sogar selbst zu übernehmen.« Seine Stimme, die weich wie Samt war, sandte ein Kribbeln über ihre Nervenenden, das wie die Berührung sanfter Fingerspitzen war und ihre Haut erwärmte, und Isabella war froh über die Hitze des Feuers, das die jähe Röte erklären könnte, die sich in ihre Wangen stahl. Der Don tadelte sie, doch seine Stimme war beinahe wie ein Streicheln, und Isabella merkte, dass sie aus irgendeinem Grund extrem empfänglich dafür war.

»Man hatte Euch wiederholt gewarnt, nicht hierherzukommen. Was für eine Art von Frau seid Ihr, dass Ihr Euren Ruf und Euer Leben durch eine solche Reise aufs Spiel setzt?«

Isabellas Hände ballten sich zu Fäusten, bis ihre Fingernägel sich in ihre Handballen gruben. Sie hatte das Gefühl, so scharf von ihm beobachtet zu werden, dass ihm nicht einmal diese kleine, aber vielsagende Rebellion entging, und deshalb brachte sie ihre Hände unauffällig zwischen den Falten ihrer Röcke außer Sicht.

»Ich bin eine Frau, die zutiefst verzweifelt ist«, gestand sie, während sie vergeblich versuchte, die Dunkelheit mit ihren Blicken zu durchdringen und etwas mehr von ihm zu sehen. Von ihrem Platz aus wirkte er wie ein großes, mächtiges, nicht ganz menschliches Wesen. Der Vogel, der auf seinem Arm hockte und sie aus scharfen runden Augen anstarrte, erhöhte ihre Nervosität noch. »Ich musste Euch sprechen, Don DeMarco, um Euch anzuflehen, meinem Bruder das Leben zu retten. Ich hatte Boten geschickt, aber es gelang keinem von ihnen, Euch zu erreichen. Deshalb habe ich mich selbst auf die Reise gemacht, weil ich weiß, dass Ihr meinem Bruder helfen könnt.«

Sie schluckte das unerwartete Schluchzen herunter, das in ihr aufstieg und sie zu ersticken drohte. »Er ist zum Tode verurteilt worden und befindet sich in Don Rivellios Verliesen. Mein Bruder, Lucca Vernaducci, wird seit fast zwei Jahren gefangen gehalten, und die Zustände dort sind fürchterlich. Ich habe gehört, dass er krank ist, und deshalb kam ich her, um Euch anzuflehen, ihn zu retten. Ich weiß, dass Ihr die Macht besitzt, seine Begnadigung zu erreichen. Ein Wort von Euch, und Don Rivellio würde ihn freilassen. Und wenn Ihr nicht ganz unumwunden einen solchen Gefallen erbitten wollt, könntet Ihr vielleicht dafür sorgen, dass mein Bruder fliehen kann.«

Zu verzweifelt, um sich noch länger zurückzuhalten, platzte sie mit ihrer Bitte heraus und beugte sich flehend zu der dunklen Ecke vor. »Bitte tut es, Don DeMarco! Mein Bruder ist ein anständiger Mann. Lasst ihn nicht sterben, ich bitte Euch!«

Ein langes Schweigen entstand. Nichts rührte sich in dem großen Raum, nicht einmal der Falke. Dann seufzte Don DeMarco leise. »Was wird ihm vorgeworfen?«

Isabella zögerte, und ihr Magen verkrampfte sich. Sie hätte wissen müssen, dass er das fragen würde. »Hochverrat. Es heißt, er habe sich gegen den König verschworen.« Es war nur fair, DeMarco aufrichtig zu antworten.

»Ist er schuldig? Hat er sich gegen den König verschworen?«, hakte Don DeMarco mit einem kaum hörbaren Knurren nach.

Isabellas Herz begann zu rasen, und sie biss sich auf die Lippe. »Ja«, erwiderte sie sehr leise. »Lucca war der Meinung, wir sollten die Regierungen all der anderen Länder stürzen, die versuchen, uns zu beherrschen, und dass keine fremde Regierung sich um unser Volk scheren würde. Aber wem könnte er jetzt noch schaden? Er ist krank, und unsere Ländereien, unsere Besitztümer – alles, was wir hatten – wurden konfisziert und Don Rivellio übergeben. Der Don will Lucca tot sehen, um jeden Zweifel auszuräumen, dass er unseren Besitz behalten kann. Die Wahrheit ist, dass Don Rivellio meinen Bruder aus ureigenem Interesse verhaften ließ und mächtig davon profitierte. Es ist also von großem Vorteil für ihn, unseren Namen zu beschmutzen und meinen Bruder aus dem Weg zu räumen.«

»Zumindest habt Ihr den Anstand, die Wahrheit über das Verbrechen Eures Bruders zu gestehen.«

Isabella reckte hochmütig das Kinn. »Unser Name ist ein ehrenhafter.«

»Das war er, bis Euer Bruder zu laut die Ansichten eines Geheimbundes verkündete. Solche Dinge bespricht man nicht mit x-beliebigen Leuten in einer Taverne.«

Isabella ließ den Kopf hängen und verschränkte nervös die Finger. Ihr Vater und Bruder hatten darauf bestanden, dass der Bund an Boden gewann und kleine Einheiten von Männern die nötige Macht ansammelten, um Außenseiter zu besiegen. Sie lehnten es ab, sich irgendeiner Regierung zu beugen, weil sie den Motiven von Ausländern, die ihnen Bündnisse zusicherten, misstrauten. Sie schworen omertà – den Eid des Schweigens bis zum Tod.

»Es gab keine Beweise!«, erwiderte sie hitzig. »Don Rivellio bezahlte diese angeblichen Zeugen für ihre Aussagen. Lucca hat nie geredet. Don Rivellio wollte, dass andere glaubten, er hätte es getan, damit die Mitglieder des Geheimbundes ihn ermordeten. Er wurde des Hochverrats angeklagt und zum Tode verurteilt.« Ihre Augen brannten von unterdrückter Wut. »Lucca wurde gefoltert, aber er gab keine Namen preis und belastete niemand anderen. Er hat nie geredet.«

»Ist Euch schon einmal der Gedanke gekommen, dass Ihr Euch durch Euer Herkommen in die gleiche unhaltbare Position gebracht haben könntet wie die Eures Bruders? Woher wollt Ihr wissen, dass ich kein Verbündeter von Don Rivellio bin? Was könnte mich davon abhalten, Euch ihm auszuliefern und Eure verräterischen Worte zu wiederholen? Es wäre auf jeden Fall viel leichter als das, was Ihr mir vorschlagt, und es würde mir nicht nur die Dankbarkeit des Dons einbringen, sondern er wäre mir dann auch noch einen Gefallen schuldig. Die Welt der Macht funktioniert nach dem Prinzip von Intrigen und Gefälligkeiten.« Seine Stimme war noch leiser geworden, und Isabella fröstelte trotz der Wärme des Feuers. Bestimmt hatte noch nie zuvor jemand eine solche Drohung mit derart sanfter Stimme ausgesprochen.

»Ich bin mir des Risikos, das ich eingehe, sehr wohl bewusst«, erwiderte sie mit trotzig vorgeschobenem Kinn.

»Seid Ihr das?« Die drei Worte waren kaum mehr als ein Flüstern, jedoch unheilvoll und drohend. »Ich glaube, dass Ihr in Wahrheit keine Ahnung habt.« Wieder breitete sich Schweigen zwischen ihnen aus, bis Isabella vor Anspannung hätte schreien können. Der Falke auf dem Arm des Dons starrte sie reglos an, und Isabella fröstelte unwillkürlich. »Was für eine Art von Mann würde seine Schwester losschicken, damit sie um sein Leben fleht? Er muss doch gewusst haben, dass Ihr durch Euer Herkommen Euer eigenes riskiert.«

Sie biss sich auf die Lippe. »Ehrlich gesagt wäre er sogar böse auf mich, wenn er davon wüsste. Aber mir war klar, dass ich keine andere Wahl hatte.«

»Habt Ihr bei Don Rivellio auch so eindringlich Fürsprache für Euren Bruder eingelegt?« Diesmal brachte seine Stimme etwas anderes, etwas nicht näher zu Bestimmendes zum Ausdruck, das jedoch sofort eine schreckliche Furcht in ihrem Herzen weckte. Sie sah das Aufblitzen seiner weißen Zähne, als fletschte er sie beim bloßen Gedanken an ein solches Vorgehen.

Sie hätte geantwortet, was immer er hören wollte, um ihn zu ermutigen, ihr zu helfen, doch da sie keine Ahnung hatte, was das sein könnte, blieb sie bei der Wahrheit. »Nein, ich konnte mich nicht dazu überwinden, so etwas zu tun. Werdet Ihr mir helfen?« Sie konnte die Ungeduld in ihrer Stimme kaum noch dämpfen.

»Was gedenkt Ihr zu unternehmen, falls ich Euer Ansinnen ablehne?«

Zumindest hatte er es nicht sofort abgelehnt. »Ich werde selbst versuchen, ihn zu retten.«

Da regte er sich, und weiße Zähne blitzten im Dunkeln auf, als lächelte er belustigt. »Verstehe. Und falls ich zustimme, Euch bei Eurem Plan zu unterstützen, Euren schuldigen Bruder zu befreien, was springt dabei für mich heraus? Ihr habt kein Land, das Ihr mir geben könntet. Und auch kein Geld.

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