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Ungebrochen

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Zwei Waldeswege trennten sich und ich,

Ich ging und wählte den stilleren für mich

Und das hat all mein Leben umgedreht.

Robert Frost (1874 – 1963)

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Kritisiere nie, was du nicht verstehst,

du hast nie in den Schuhen dieses Mannes gestanden.

Elvis Presley (1935 – 1977)

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Sterben ist das letzte, was man im Leben tun sollte.

O. W. Fischer in Menschen im Hotel (1959)

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Und ich schaue in den Spiegel

Alles verändert sich

Doch der Mensch der mich anlacht

Den erkenne ich

Howard Carpendale

Für Carina:

Nachdem du im November 2014 gegangen warst, habe ich manchmal gesagt: „Komm wieder nach Hause.“

Ich habe lange nicht verstanden, dass ein Zuhause keine gemeinsame Wohnung ist, keine Stadt und kein Land.

Es ist da, wo man sich wohlfühlt, wo das Herz schneller schlägt, und das ist nicht mehr bei mir.

Ich habe dich losgelassen, so, wie du wolltest!

Für Sie:

Ich schwafele nicht und komme gern schnell auf den Punkt.

Ich habe keine Lust, auf vier Seiten zu beschreiben, wie irgendwo da draußen gerade die Sonne aufgeht. Aus diesem Grund hat dieses Buch auch keine 700 Seiten.

Ich bin selten rechts gefahren, sondern meistens auf der Überholspur. Heute weiß ich, dass die rechte Spur mich auch nach Hause führt, nur langsamer!

Ich bin oft gefragt worden, ob ich an ein Leben nach dem Tod glaube. Sagen wir so: Ich hoffe es. Bei dem, was ich in diesem Leben schon in den Sand gesetzt habe, wäre das nicht so schlecht.

Was das Herz in dem Moment wohl fühlt, wenn es aufhört zu schlagen, frage ich mich dagegen recht häufig.

Inhalt

Vorwort

1. Warum dieses Buch oder Schreiben ist wie reden, nur leiser

2. Einleitung oder Die Reise

3. Hagler gegen Leonhard oder Ich, der Boxer ohne Ring

4. Keine ganz normale Kindheit oder Werd‘ schnell erwachsen, Kleiner

5. Meine Schulzeit oder Allein unter Kindern

6. Kroatien oder Und jährlich grüßt das Murmeltier

7. Gebelzig oder Glückliche Ferien – meistens!

8. Ausbildung oder Wer nichts wird, wird Wirt – äh… Koch

9. Roy Black oder Wir waren doch allein

10. Gefreiter Milic oder Ein Koch zieht in den Krieg

11. 25 Jahre Gastronomie oder Pleiten, Pech und keine Arbeitsverträge

12. Erwachsen werden im Zug oder Durch Österreich und die Schweiz

13. Helga oder Ein Grund, zu Hause auszuziehen

14. Der Koch und der Sänger oder Eine ziemlich teure Freundschaft

15. Zeig mir den Weg in dein Herz oder Sollten Köche wirklich singen?

16. Johnny Lewis oder Der Elvis vom Kiesberg

17. Petra oder Wenn Münchhausen eine Frau gewesen wäre

18. Ladendieb aus Langeweile oder Ich, der Langfinger

19. Elvis Presley oder Open My Soul, Touch the King of Rock’n Roll

20. Das einzige Mal, dass ich meinen Vater liebte oder Hallo, ich bin Miso Kovac

21. Der Rosenkrieg meiner Eltern oder Lügen, Chaos, Diebstahl

22. Ratshof Heltenau oder Carina, der einzige Lichtblick

23. Carina und ich – Erste Jahre

24. Carina und ich oder Aller guten Dinge sind zwei

25. Von Hartz 4 zum Mietkoch-Service

26. Johnny Lewis oder der Elvis von Neudorf

27. Die Bad Kurmünsterer Schlagernächte oder Stars und Sternchen im Kurort

28. Fünf Jahre Internetradio oder Ist das hier eine öffentliche Veranstaltung?

29. Die Zwiebelecke oder Hört mich überhaupt jemand?

30. Carina und ich oder Gefangen im Alltag

31. Sissi oder Der Anfang vom Ende

32. Berlin oder Die Mauer in uns

33. Der 16. November 2014 oder Carina geht

34. Herr Venus oder Der hat ja gar keine Couch

35. Die Sehnsucht nach dem Ende oder Wenn es morgens nicht mehr hell wird

36. Mein letztes Wochenende oder So leicht stirbt man nicht

37. Weihnachten 2014 oder Lonely, this Christmas

38. Sibylla oder Du bist ein guter Junge, aber total verrückt

39. Der Mietkoch-Service oder Bye-bye, Mietkoch-Service

40. Wenn du mit ihm schläfst oder Denkst du dabei auch an mich?

41. Vielleicht hab‘ ich dich nie geliebt oder Warum haben wir dann geheiratet?

42. Sibylla, die Zweite oder Junge, warum glaubst du mir nicht?

43. Meine Muscheln oder Runterkommen – egal, wie

44. Dein 29. Geburtstag oder Was ich dir wünsche

45. Wenn etwas vorbei ist oder Ist es dann wirklich vorbei?

46. Ilka oder Sie will mich, und ich will Carina

47. Der richtige Vorname oder Die falsche Frau

48. Nachts in der Tierklinik oder Wiedersehen nach drei Monaten

49. Lucy, ich und der Laptop oder Willst du die Wohnung sehen?

50. Eine SMS am frühen Morgen oder Alles nur Mitleid

51. Eine gute alte Bekannte oder Meine Angst

52. Meine Angst (II) oder Die Angst vor den eigenen Gefühlen

53. Allein unter Menschen oder Besser ganz allein?

54. Carinas Eltern oder Niko, das unbekannte Wesen

55. Der Soundtrack meines Lebens oder „Another Lonely Night“

56. Häusliche Gewalt oder Wenn man keine Worte findet

57. Wie ich bin oder Wie ich glaube zu sein

58. Katzen oder Die einzige Liebe, die bleibt

59. Ungebrochen oder Nach jeder Nacht kommt ein neuer Morgen

60. Lieben Sie Carina noch? oder Eine Muschel ist keine Wünschelrute

61. August 2015 oder Irrungen und Wirrungen

62. One Year Ago oder Ein Jahr wie eine Ewigkeit

63. Sonnige Cindy oder Zehn Jahre danach

64. Alles hat ein Ende oder Danke, dass Sie Zeit für mich hatten

65. Epilog oder Wann hört eine Reise auf?

Danksagung

Das Leben
oder
Wer liest schon Vorworte

Uns Menschen ist die gesamte Spannbreite des Erlebens mit in die Wiege gelegt. Demnach sind wir, wenn wir auf die Welt kommen, alle gleich. Unterschiede liegen nur im Ausleben des innerlich Erlebten. So ist es für den einen undenkbar, manche Gedanken oder Impulse in die Tat umzusetzen, und sie bleiben im Reich der Fantasie. Bei dem anderen werden genau diese Impulse Realität. Wir glauben alle, frei in unserem Verhalten zu sein, doch unsere Biografie beeinflusst maßgeblich das, was wir erleben und wie wir anschließend mit Verhalten reagieren.

Als Kinder empfinden wir eine Situation als angenehm oder unangenehm. Wenn die Lage, in der wir sind, als unangenehm eingestuft wird, versuchen wir durch unser anschließendes Verhalten, diesen Zustand in einen positiven zu verwandeln oder - wenn das nicht geht – die Situation einfach „weniger schlimm“ zu machen – also erträglicher.

Die Erlebnisse unserer Kindheit prägen durch implizites (aus der Situation bedingtes) Lernen sehr stark unsere weitere Wahrnehmung und unsere daraus resultierenden Strategien fürs Leben. Diese versuchen wir dann durch die Logik des Erwachsenen retrospektiv zu untermauern. So festigen sich unsere Denk- und Verhaltensmuster mit der Zeit zu Charaktereigenschaften. Nur weil wir versuchen, unser Verhalten retrospektiv mit Logik zu rechtfertigen, heißt dies nicht, dass das Verhalten auch tatsächlich logisch wäre. Aber wir benötigen ein vermeintlich stimmiges Selbstbild, sodass wir uns in der Welt an etwas orientieren können. Es entsteht eine Art Dogma, welches viele Jahre als eine Rechtfertigung und Richtschnur für unser Verhalten dient. Jedes Dogma ist aus der inneren Not geboren, der Angst vor scheinbar vielen Dingen: vielleicht aus der Angst, nicht geliebt zu werden, weil man als Kind oder Heranwachsender gewünschtes Verhalten zeigen soll, auch wenn man sich dafür verbiegen muss - vielleicht aus Angst, bei etwas zu versagen und sich selbst dafür abzulehnen oder abgelehnt zu werden - oder auch aus Angst, Gewalt zu erleiden. Wir werden ständige Wachsamkeit walten lassen, damit wir diese Gefühle nicht erleben, und genau dazu sind unsere gewonnenen Strategien da!

Unsere Wahrnehmung beinhaltet ein ständiges Urteilen über uns selbst und über andere. Was führt uns also dazu, zu sagen, dass ein Mensch gut ist? Und wann lehnen wir den Anderen ab? Ist der gut, der – von außen betrachtet – keine körperliche Gewalt anwendet, also der, der zwar negative Gedanken und Gefühle anderen gegenüber hat, sie aber nicht in Taten auslebt? Ist es der, der ohne Dogma ist? Wer soll das sein? Wie kann ich über andere urteilen, wenn ich selbst so unendlich viele Aspekte dieses Seins auch in mir habe, aber nicht in den Schuhen des Anderen gestanden habe? Diese Frage entbindet jeden Einzelnen selbstverständlich nicht von der Verantwortung für sein Handeln und den daraus resultierenden Konsequenzen! Es entsteht keine moralische Beliebigkeit!

Die Psychologie sagt, dass wir Coping-Strategien entwickeln, d.h.: Wir alle wollen in unserem Dasein „zurechtkommen“, es bewältigen. Und wenn wir es auf das elementarste Bedürfnis des Menschen zurückführen: Wir wollen lieben und geliebt werden.

So erfüllt es mich mit besonderer Freude und Dankbarkeit, wenn ich miterleben darf, wie ein Mensch es schafft, seiner eigenen Medusa ins Angesicht zu blicken, nicht zu versteinern und die bisherige Bahn seines Lebens zu verlassen, um einen neuen Weg für sich zu wählen. Vielleicht kann dieses Buch anderen Menschen Hoffnung schenken, Ähnliches schaffen zu können. Glauben Sie an sich!

Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte.

Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen.

Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.

Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden Charakter.

Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.

(Talmud)

… und eine Muschel für jeden!

Andreas Venus

Düsseldorf, den 17.07.2016

Warum dieses Buch?
oder
Schreiben ist wie reden, nur leiser

Es kann sein, dass viele, die dieses Buch lesen, hinterher sagen: „Was für ein Mistkerl!“ Wenn Sie dann nochmal darüber nachdenken und sagen: „Aber wenigstens ein ehrlicher Mistkerl.“, dann wäre das für mich okay.

Ich habe mich in meinem Leben, weiß Gott, nicht nur mit Ruhm bekleckert - im Gegenteil. Wenn irgendwo ein großer Eimer mit Scheiße stand, bin ich meistens mit beiden Beinen darin gelandet. Aber ich glaube, dass es vielen Menschen, um nicht sogar zu sagen: vielen Männern, so geht wie mir. An manchen Stellen vielleicht nicht ganz so extrem.

Geschrieben habe ich immer gern, aber immer nur so ein bisschen für mich, und irgendwann habe ich meinem Psychologen eine Situation aus meinem Leben beschrieben. Er sah mich an und meinte: „Schreiben Sie weiter, für sich und andere.“ Damals habe ich gedacht: „Sicher, darauf hat die Welt gewartet – ein Buch von einem absoluten No-Name, der sein Leben nicht im Griff hat.“

Ich hatte die Worte meines Psychologen immer im Hinterkopf und schleppte sie eine ganze Zeit mit mir rum. An Karfreitag 2015 setzte ich mich im Büro an den Tisch, mit einem weißen Blatt Papier und einem Kugelschreiber, und schrieb einfach los.

Die Welt hat ganz sicher nicht auf mein Geschreibsel gewartet, aber vielleicht gibt es Menschen da draußen, die sich in mir wiederfinden – weil sie Ähnliches erlebt haben und dieses Gefühl der Ohnmacht selbst nur zu gut kennen. Der Schritt vom Opfer zum Täter ist so ein unendlich verschwindend kleiner.

So, und wenn dann ein paar nach dem Lesen sagen: „Wenn der doofe Koch das geschafft hat, sein Leben wieder in den Griff zu kriegen, dann schaffe ich das auch!“, dann hätte sich das Schreiben für mich gelohnt.

Im Übrigen habe ich festgestellt, dass es mir leichter fällt, die Dinge niederzuschreiben, als darüber zu sprechen. Wenn es erstmal auf einem Blatt Papier steht, ist es aus meinem Kopf heraus und wenigstens ein bisschen verarbeitet.

In der Schule war ich immer gut im Aufsatzschreiben, und zu Hause las ich am liebsten Biographien. Die erste war „Der Weg aus dem Nichts“ von Bubi Scholz, dem Berliner Box-Idol der Fünfziger- und Sechzigerjahre, der mit dem Leben im Schatten, als die Karriere vorbei war, nicht klarkam. Der tragische Höhepunkt kam dann Mitte der Achtzigerjahre, als er volltrunken seine Frau durch die geschlossene Badezimmertür erschoss. Gefängnis, die letzten Jahre in einem Pflegeheim – als gebrochener Mann gestorben. Erstickt an einem Frühstücksbrötchen. Ich habe sein Buch dreimal hintereinander gelesen und war fasziniert von den Geschichten, die dieser Mann erzählte. Jahre später stand ich an einem regnerischen Oktobermorgen an seinem Grab und erwies ihm meinen Respekt.

Vielleicht haben wir beide sogar etwas gemeinsam – außer der Tatsache, dass Bubi Scholz ebenfalls gelernter Koch ist: Auch ich bin mit dem Leben, das nicht in einer Küche mit Kochtöpfen und Nudelhölzern stattfindet, nie so richtig zurechtgekommen.

Beim Kochen fühlte ich mich stets sicher, weil ich es beherrschte, die Abläufe und die Strukturen kannte. Sobald der Ofen aus und die Kochjacke abgelegt war, kam meine Unsicherheit. Denn draußen wartete das normale, das eigentliche Leben auf mich. Auf das hatte mich nie jemand vorbereitet; wie das ging, wusste ich nicht. Daher reagierte ich zumeist aggressiv oder arrogant, wenn ich wieder mal komplett überfordert war.

Was tun, wenn man außer Kontrolle ist und nur noch Schweigen oder Gewalt die einzigen Antworten sind, die man geben kann?

Ich habe im Laufe der Jahre so viel Scheiße gebaut und so viel unter den Teppich gekehrt, dass ich eines schönen Tages mit einem ganzen Teppichladen dastand.

Das hier ist kein Ratgeber geworden – so nach dem Motto: „So lernen Sie, mit sich und Ihrer Dr.- Jekyll-Seite zu leben“. Darum ging es mir nicht.

Ganz am Ende des Tages kann es sein, dass Sie ganz allein mit sich selbst sind, weil Sie so vielen Menschen, die es mal gut mit Ihnen gemeint haben, vor den Kopf gestoßen haben. Dann ist es wichtig, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Hier erzähle ich einfach nur von einem, der Wünsche, Ideale, Hoffnungen hatte – wie die meisten von uns. Nur dass ich (denn mich meinte ich gerade) schon mal öfter das Kopfsteinpflaster statt der Königsallee erwischt habe.

Es geht mir hier auch in keinster Weise darum, mich reinzuwaschen oder anderen Menschen die Schuld für mein eigenes Fehlverhalten in die Schuhe zu schieben. Diese Schuhe trage ich selbst!

Alles, was hier steht, habe ich selbst erlebt und den Preis dafür bezahlt. Manchmal war es mir egal und manches kann ich nie wiedergutmachen.

Ich lege keine Rechenschaft über mein Leben ab, ich erzähle nur davon. So, wie ich jetzt bin, so, wie ich früher war. Einsam, verzweifelt, misstrauisch. Ehrlich, humorvoll, aufrichtig.

Ungebrochen!

***

Einleitung
oder
Die Reise

Ich hatte in meiner Kindheit mehr als die anderen Kinder, die ich kannte, obwohl meine Eltern einfache Arbeiter waren. Ich hatte einen Videorecorder, ein Rennrad, Hörspielcassetten und Schallplatten ohne Ende.

Dafür hatten die anderen Kinder etwas, das ich nur aus dem Fernsehen kannte: die Liebe ihrer Eltern. Das Gefühl, sonntagsmorgens mit den Eltern im Bett zu kuscheln und dann gemeinsam zu frühstücken, kenne ich nicht.

Wir hatten irgendwie Schwierigkeiten, einen Zugang zueinander zu finden, also suchte ich mir andere Vorbilder: Mike Tyson und Roy Black.

Mike Tyson, weil er sein Leben in beide Fäuste genommen und sich aus den New Yorker Slums bis zur Boxweltmeisterschaft im Schwergewicht nach Las Vegas geboxt hatte. Weil er den unbedingten Willen gehabt hatte, etwas aus seinem Leben zu machen.

Roy Black, weil er die heile Welt besang, die ich immer gern gehabt hätte und an der er zerbrach. Einsam gestorben in einer Fischerhütte irgendwo in Bayern, mit vier Promille im Blut. Ich werde nie den Moment vergessen, als ich von seinem Tod erfuhr.

Es gab einen Moment, viele Jahre später, der so ähnlich und doch ganz anders war: der 16. November 2014, ein Sonntag. Der Tag, an dem die Reise begann, die Reise in mein eigenes Leben. Eine Reise, bei der man keinen Ausweis braucht, man muss zu keinem Bahnhof oder Flughafen. Es ist eine Reise zu sich selbst, die man nur ehrlich und aufrichtig machen kann.

Ich werde über mein Leben schreiben, offen und schonungslos. Über eine verlorene Kindheit mit häuslicher Gewalt und Alkohol.

Über einen Jungen, der stotterte, mit Pickeln und voller Selbstzweifel – unfähig, Freunde zu finden. Über die Zeit der Ausbildung mit dem Gefühl, nichts wert zu sein.

Die Zeit in den Neunzigern, als ich meinte, es wäre eine unheimlich tolle Idee, eine CD zu produzieren und dann auch noch selbst mit dem Singen zu beginnen. Wie es dazu kam und was ich mit all den zerbrochenen Träumen gemacht habe.

Ich werde von dem Weg von Hartz 4 zur Selbstständigkeit erzählen und von meiner Radiosendung, der Zwiebelecke.

Von der Unfähigkeit zu vertrauen, sich Menschen zu öffnen und stattdessen Geborgenheit bei Katzen zu suchen. Wie es ist, sich unter Menschen allein zu fühlen, und von der Nacht im Februar 2015, als ich mit einer geladenen Pistole auf der Couch saß und nicht mehr wollte.

Ich schreibe über den Tag, an dem ich bei einer Wahrsagerin saß und wie ein kleiner Junge weinte, weil ich endlich den Weg zu Gott gefunden hatte.

Ich schreibe über das, was ich immer sagen wollte und für das ich nie die richtigen Worte fand. Über einen, der anders ist als die anderen – lauter, extremer, lustiger und trauriger.

Aber es ist auch eine Liebesgeschichte, denn ich werde über Carina schreiben, den einzigen Menschen, den aufrichtig zu lieben ich so gern fähig gewesen wäre. Eine Liebesgeschichte ohne Happy End, denn mein Leben war nie Hollywood. Eher Quinningen-Bootshain.

***

Hagler gegen Leonard
oder
Ich, der Boxer ohne Ring

6. April 1987. Ich war dreizehn und fußballverrückt wie die meisten in diesem Alter. Ich verschlang die Sportteile der Bild und des Express.

Dabei stieß ich auf einen Bericht über den Boxkampf des Jahres, der in der folgenden Nacht im Spielerparadies Las Vegas stattfinden und von der ARD live übertragen würde: die Weltmeisterschaft im Mittelgewicht zwischen dem unsympathisch wirkenden K.O.-Schläger Marvin Hagler und seinem Herausforderer Sugar Ray Leonard, der das genaue Gegenteil zu sein schien: nett, höflich, ein Boxer, der sich offensichtlich auszudrücken verstand und auf martialische Kraftausdrücke komplett verzichtete.

Mich faszinierte dieser Artikel so sehr, dass ich mir für drei Uhr morgens den Wecker stellte. Mein erster Boxkampf, den ich live sah. Ich war richtig aufgeregt, als ich da in meinem Schlafanzug in den Osterferien vor dem Fernseher saß.

Man kann ja über die Amerikaner sagen, was man will, und zu ihnen stehen, wie man will, aber wenn sie etwas können, dann eine perfekte Show inszenieren. By the way - ich mag sie!

Wie die Boxer in den Ring kamen, so stellte ich mir vor, musste das vor zweitausend Jahren im alten Rom bei den Gladiatoren auch gewesen sein. Dann das Singen der Nationalhymne, die Vorstellung der beiden Kontrahenten durch den Ringsprecher, der sogar einen Smoking trug. Großes Kino schon vor dem eigentlichen Kampf, der später als einer der besten in die Geschichte eingehen sollte. (Übrigens gewann Leonard 2:1 nach Punkten, nur damit Sie das jetzt nicht googlen müssen.)

Zwei großartige Sportler, die beide in dieser Nacht bereit waren, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um diesen Kampf zu gewinnen. Das faszinierte mich als Jugendlichen mit dem Selbstvertrauen einer halben Zitrone unglaublich.

Durch mein Stottern saß ich gerade im Deutschunterricht die meiste Zeit mit schweißnassen Händen, wenn wieder laut vorgelesen werden sollte. Der Lehrer ging immer der Reihe nach – noch drei vor mir, zwei, einer – boom! – ich war dran. Meistens schlug mein Herz bis zum Hals und ich würgte mir dann minutenlang einen ab.

Ich würde schon sagen, dass die beiden Boxer so waren, wie ich gern auch sein wollte. Sie waren stark und hatten den Mut, vor 15.000 Menschen am Ring und Millionen vor dem Fernseher ihre Kräfte in einer eins-zu-eins-Situation zu messen. Sie waren auf ein Ziel fokussiert, während ich noch gar nicht wusste, was ich mit meinem Leben anstellen sollte. Was hatte man in dieser Hochhaussiedlung auch schon für Möglichkeiten? Ich hatte nur mich und meine Träume, ich träumte mich aus meinem Kinderzimmer fort - in einen Boxring nach Las Vegas, wo ich, wie die beiden im Fernseher, um einen der höchsten Einzeltitel, die es im Sport gibt, kämpfen wollte.

Ich wollte - so wie Boris Becker - irgendwo auf der Welt unter dem Jubel der Massen auf einen kleinen gelben Filzball einschlagen. Keine Ahnung, wie viele Nächte ich mir um die Ohren schlug und mit ihm mitfieberte, wenn er wieder in Australien oder New York spielte.

Dann träumte ich mich in ein Haus mit einem riesigen Holztisch, von dem aus ich auf das Wasser eines Sees oder Flusses gucken konnte und ein Buch schrieb.

Das mit Tennis oder Boxen hat ja nicht wirklich geklappt, weil ich leider nie den Ehrgeiz entwickelte, es wenigstens im Sport zu versuchen. Aber wenn Sie jetzt offensichtlich gerade das lesen, was ich geschrieben habe, lief ja wenigstens das nicht so ganz schlecht.

Im Januar 1988 sah ich den ersten Boxkampf von Mike Tyson, der ebenfalls live in der ARD und selbstverständlich wieder mitten in der Nacht übertragen wurde und wo er Ex-Weltmeister Larry Holmes vier Runden lang erbarmungslos durch den Ring prügelte. Das beeindruckte mich komplett - nicht wegen der Gewalt, sondern wegen dieser unglaublichen Willensstärke, die ich vorher noch bei niemandem ausgemacht hatte.

Jetzt, als erwachsener Mann, bin ich immernoch boxsportbegeistert und stelle mir nach wie vor nachts den Wecker. Aber wenn ich an die Helden meiner Kindheit denke, tut es mir weh zu lesen, was aus manchen Athleten wurde. Manche von ihnen mit Mitte dreißig nach mehreren gescheiterten Comeback-Versuchen komplett am Ende. Was mag das für ein Gefühl sein, wenn der Steuerberater sagt: „Junge, ich weiß, du bringst es nicht mehr, aber du musst, weil da ja blöderweise vier Ex-Frauen und sieben Kinder finanziert werden müssen, und bei drei Banken ist da auch noch ein bisschen was offen.“ Was muss das für ein Gefühl sein, wenn man muss, aber einfach nicht mehr kann?

Jetzt werden Sie bestimmt denken: „Warum schreibt er in diesem Buch so ausführlich übers Boxen, er hat doch nie geboxt?“ – Doch, hat er! Ab einem bestimmten Punkt in meinem Leben habe ich jeden Tag geboxt, nur nicht mit Boxhandschuhen, sondern mit meinen Worten! Ich habe um die Liebe und die Anerkennung meiner Eltern geboxt und sie nicht ausreichend bekommen.

Stattdessen konnte ich meine Mutter nicht vor den Schlägen meines Vaters schützen und verlor als Kind diesen Kampf.

Jahre später verlor ich auch den Kampf gegen mich selbst, denn man sollte eigentlich meinen, dass, wenn man als Kind Opfer von häuslicher Gewalt wird – wenn auch nur indirekt –, man als Erwachsener einen anderen Weg für sich wählt. Ich tat das nicht.

Ich trat Türen kaputt, warf mit Wäscheständern um mich, riss Autoantennen ab (von meinem Auto); zerstörte einfach mutwillig Gegenstände. Dann übersprang ich die Hemmschwelle, die jeder Mann haben sollte. Ich schlug und trat Frauen, mit denen ich zusammen war.

Meine Mutter hatte durch meinen Vater blaue Augen und gebrochene Arme; soweit kam es bei mir nie. Ich möchte mein Verhalten jetzt, um Gottes Willen, nicht schönreden, aber ich sah das als letzten Weg, wenn ich keine Worte mehr fand.

Das Gefühl hinterher ist so unglaublich beschämend, aber wenn man einmal diese imaginäre Linie übersprungen hat, dann macht man es wieder.

Ich war unfähig, Streitsituationen mit Worten zu klären, weil ich das nie gelernt hatte, aber selbst das darf so ein Verhalten niemals rechtfertigen. Das soll es auch nicht.

Ich habe mit Schimpfwörtern in übelster Weise um mich geworfen und dachte, ich wäre im Recht. Das ist das eigentlich Schlimme – sein Fehlverhalten jahrelang als richtig zu empfinden. Wenn ich heute über meine beiden Ehen nachdenke, würde ich sagen, dass Petra meine Ausraster fünfmal im Jahr in Kauf nahm, weil sie ansonsten ein recht sorgenfreies Leben führte. Sie ging nur arbeiten, wenn sie wollte, machte den ganzen Tag, wozu sie Lust hatte, während ich arbeitete, und nahm es mit der Treue wohl auch nicht so genau. Das klingt jetzt hart, aber ich denke so.

Bei Carina war das total anders: Sie litt unter mir und hoffte immer, dass ich mich irgendwann und irgendwie in den Griff bekäme. Es in unserer Beziehung nicht geschafft zu haben ist sicher die größte Niederlage meines Lebens. Durch meine Psychotherapie habe ich gelernt, mir diesen Teil meines Lebens zu verzeihen.

Ich hoffe, dass sie das irgendwann auch kann.

***

Keine ganz normale Kindheit
oder
Werd‘ schnell erwachsen, Kleiner

Die früheste Kindheitserinnerung wird bei den meisten Menschen etwas sehr Schönes, Harmonisches sein: ein Weihnachtsfest mit einem festlich geschmückten Baum, ein Geburtstag mit Schaukelpferd und spielenden oder lachenden Kindern – so in der Art. Bei mir war das anders.

Meine früheste Kindheitserinnerung geht in den Sommer 1979 zurück. Ich war fünf. Es war der Abend, bevor wir zu einem Familienurlaub nach Rumänien flogen, der einzige Urlaub in meiner Kindheit, der nicht in die DDR oder nach Kroatien - damals noch Jugoslawien - ging. Am späten Abend, ich hatte schon geschlafen, wurde ich durch die Schreie meiner Mutter aus dem Schlafzimmer wach und lief in das Zimmer. Meine Mutter lag auf dem Bett, mein Vater über sie gebeugt, auf sie einschlagend.

Im ganzen Raum roch es nach Alkohol, ein Geruch, den ich jetzt beim Schreiben sofort wieder in die Nase bekomme. Mit einer so realen Präsenz, dass ich fast schon glauben könnte, ich würde über etwas berichten, das sich letzte Nacht ereignet hat und nicht vor 35 Jahren.

Mein Vater war betrunken und hatte jede Art von Kontrolle über sich verloren. Ich versuchte, dazwischenzugehen, ihn irgendwie von meiner Mutter wegzubekommen, was für einen Fünfjährigen in so einer Situation nicht leicht ist. Mit meinen kleinen Fingern kratzte ich so lange über seinen Rücken, bis er von ihr abließ. Ein paar Minuten später saß er weinend auf dem Boden im Flur.

Wenn er betrunken war, konnte er extrem aggressiv werden. Dann spielte er in voller Lautstärke kroatische Musik und suchte regelrecht nach einem Auslöser für einen handfesten Streit. Wir hatten einen Wohnzimmertisch mit einer Porzellanplatte, die voller Risse und Einkerbungen war, weil er immer mit der Faust darauf einschlug. Er kam auch vor, dass er weinend auf der Toilette saß; das jedoch eher selten.

Einen Tag später flogen wir dann nach Rumänien wie eine ganz normale Familie, so, als hätte es den Vorabend nie gegeben.

Beispiele dieser Art könnte ich Dutzende aufzählen; das zog sich wie ein roter Faden durch meine komplette Kindheit. Ein gebrochener Arm, ein blaues Auge. Meine Mutter erzählte den Nachbarn dann, sie sei gefallen oder hätte am offenen Fenster einen Zug bekommen.

Mich hat mein Vater nie geschlagen, nicht ein einziges Mal. Da gab es wohl eine Art Hemmschwelle, die er bei meiner Mutter nicht hatte.

Er war immer dann gewalttätig, wenn er trank. Ich kann mich an keine einzige dieser Situationen erinnern, die ohne Alkoholeinfluss stattgefunden hätte.

Den Grund für sein Trinken habe ich als Kind nie verstanden. Ich kann nur sagen, dass ich bis heute eine Abneigung gegen Alkohol habe. Ich trinke weder Bier noch Wein noch Schnaps.

Es vergingen selten drei oder vier Monate am Stück, in denen er nicht trank, wo nicht irgendein Theater war. Auch da gab es wieder einen roten Faden, der sich durch Familienfeiern, Familienurlaube und Weihnachtsfeste zog.

Er hatte absolut keine Hemmungen, uns vor Onkels und Tanten zu blamieren. Ich hatte als Zehnjähriger schon manchmal das Gefühl, dass ich mich für ihn schämte, was wiederum dazu führte, dass ich jeglichen Respekt ihm gegenüber verlor und mich in meine eigene kleine Kinderwelt zurückzog. Ich glaube, dass wir aus diesem Grund als Familie auch keinen Freundeskreis hatten.

Menschen wie meinen Vater bezeichnet man wohl umgangssprachlich als Quartalssäufer. Sein Quartal startete meistens sonntags, und er trank alles, was ihm in die Finger kam: billigen Schaumwein, Schnaps und Altbier. Wenn er ein gewisses Pensum geschafft hatte, zog er sich einen Anzug an und streifte um die Häuser durch die naheliegenden Kneipen. Ich lag dann abends im Bett und wartete regelrecht darauf, dass es losging. Das ging mir so auf die Psyche, dass ich schon in der vierten Klasse richtig schlimm stotterte. Selbst heute als erwachsener Mann überkommt mich das manchmal.

Meistens meldete er sich dann montags bei seinem Arbeitgeber krank und machte munter weiter. Wenn er nicht trank, versuchte er das, was er betrunken in mir kaputt gemacht hatte, mit materiellen Dingen auszugleichen. Ich hatte als Kind so ziemlich alles, was man haben kann: Fernseher, Stereoanlage, Videorecorder, Schallplatten, Hörspielkassetten und ich weiß nicht, was noch alles. Die Rolle meiner Mutter ist mir nie so richtig klargeworden: Warum sie ihn nicht verließ, oder ob die beiden sich jemals geliebt haben – ich hab‘ echt keine Ahnung.

Sie hat gemacht und getan, was sie konnte, aber ich kann mich an Situationen erinnern, wo sie ihn bis aufs Blut provozierte, mit Worten oder mit Taten - sei es, dass sie seine Wäsche nicht mehr wusch oder dass nicht mehr für ihn kochte.

Eine Form von ehelicher Harmonie - und ich schreibe jetzt bewusst nicht mal „Liebe“ – daran kann ich mich wirklich nicht erinnern. Das war ein wirklich schwieriger, belastender Teil meiner Kindheit. Man bekommt, denke ich, als Kind oder später als Heranwachsender mehr mit, als die Eltern denken.

Als Erwachsener habe ich unzählige Nächte davon geträumt, wie ich mich mit meinem Vater prügele. Dazu kam es in der Realität nie. Aber ich wachte jedes Mal komplett durchgeschwitzt auf. Beim Schreiben merke ich gerade, wie präsent das alles ist. Vor meinem geistigen Auge bin ich wieder der hilflose Fünfjährige, der vollkommen überfordert zusieht, wie der eigene Vater die Mutter verprügelt. Die eigentliche Scheiße dabei ist, dass ich als erwachsener Mann vor ähnlichen Problemen stand.

Mir fällt auch gerade auf, dass ich nie sah, dass sich meine Eltern küssten oder sonstwie zärtlich oder liebevoll miteinander umgingen. Mit mir machten sie das allerdings auch nicht, und ich glaube, dass das der Grund ist, warum ich später auch immer ein Problem mit körperlicher oder emotionaler Nähe hatte.

Jahre später, als ich sah, wie Carinas Eltern auch nach über fünfundzwanzig Jahren Ehe miteinander umgingen, hat mich das komplett überfordert. Ich kannte das einfach nicht.

Ich hatte diese Kälte, die mir meine Eltern vorlebten, für mich und meine Beziehungen übernommen, so ehrlich muss ich schon sein. Petra war es wohl egal, aber Carina litt sehr darunter. Man bekommt eine Katastrophe vorgelebt und macht die eigenen Beziehungen zu genauso einer. Ob ich wollte oder nicht, ich konnte nicht aus meiner Haut heraus – aber ich muss auch so ehrlich sein und mich fragen, ob ich das wirklich jemals aufrichtig und ehrlich versuchte.

Normalerweise sind Eltern für ihre Kinder ein Vorbild. Bei mir war das nie so. Obwohl sie sicher auch immer versuchten, mir alles, was sie konnten, zu geben, gab es immer eine Art von Distanz, eine unsichtbare Mauer zwischen uns. Etwas Unausgesprochenes - bis heute.

Durch den Stress zu Hause brachte ich so gut wie nie Klassenkameraden mit. Ich hatte keine wirklichen Freunde, war mit meinen Büchern oder den Hörspielkassetten allein in meinem Zimmer. In meiner eigenen Welt.

Obwohl ich in einem Fußballverein war, hatte ich auch da, vom Training und den Spielen abgesehen, keinen Kontakt zu den anderen Kindern.

Jetzt, wenn Sie das lesen, denken Sie bestimmt: „Was für eine traurige Kindheit!“ Aber ich hatte das nie so empfunden, vielleicht deswegen, weil ich es nicht anders kannte. Ich hatte mich mit den Umständen zu Hause arrangiert. Mir wurde allerdings früh klar, dass ich schnell erwachsen werden wollte, um zu Hause ausziehen zu können.

***

Meine Schulzeit
oder
Allein unter Kindern

Ich habe diesen Tag noch heute in Erinnerung: ein Kindergeburtstag in der Grundschulzeit. Durch eine viel zu kleine verwinkelte Wohnung tobten schreiend zehn oder elf Kinder, spielten Topfschlagen, Sackhüpfen und Blinde Kuh; hatten Spaß, waren ausgelassen, lachten.

Ich stand allein in der Küche und sah aus dem Fenster, darauf wartend, dass meine Mutter mich aus dieser Situation befreite. – Ich glaube, so empfand ich das damals wirklich. Ich konnte mit den Kindern, den Spielen und dieser ganzen kindlichen Ausgelassenheit nichts anfangen. Kennen Sie das: Wenn man irgendwo dabei ist, aber doch genau weiß, dass man entbehrlich ist? Dass es den anderen egal ist, ob man gerade da ist oder woanders?

Warum habe ich diesen Tag wohl bis heute nicht vergessen? Warum ist der nach all den Jahren so präsent wie eine Fußballübertragung aus der letzten Woche?

Die Antwort fällt mir relativ leicht: Ich konnte mit gleichaltrigen Kindern nie wirklich was anfangen. In meinem Zimmer fühlte ich mich wohler, allein mit mir, meinen Büchern, den Schallplatten und den Hörspielen. Ich hatte alle Drei ???, alle TKKG, alle Fünf Freunde. Dazu verschlang ich die Bücher von Enid Blyton.

Meine Grundschulzeit ist in meinem Hinterkopf noch relativ präsent: Den Namen der Klassenlehrerin und die der meisten Kinder weiß ich noch. Allerdings erinnere ich mich nicht an Freundschaften, die ich gehabt hätte. Wenn ich mal krank war, brachte ein Junge die aktuellen Hausaufgaben vorbei, und mit dem verstand ich mich ganz gut, aber Freunde?

Wir hatten eine Projektwoche, in der wir allerlei mit Büchsen machten. Das fand ich klasse – die Blechdinger zu waschen, zu bemalen und damit zu spielen.

In der vierten Klasse fuhren wir quasi als Abschluss in eine Jungendherberge im übernächsten Ort und übernachteten dort sogar. Das empfand ich als echtes Abenteuer. Am Abend kamen die Eltern zu einem gemeinsamen Grillen, und dann wurde Fußball gespielt, die Väter gegen die Kinder. Die Väter gewannen drei zu eins, und ich schoss das einzige Tor für die Kinder.

In der Schule mussten wir über den Ausflug – heute würde man Klassenfahrt sagen, wobei mir gerade einfällt, dass wir gar nicht fuhren, sondern wanderten - einen Aufsatz schreiben, was ich richtig super fand.

So um die Zeit fing, würde ich sagen, mein Interesse fürs Schreiben an. Gegen Ende der vierten Klasse stellte sich heraus, dass die weiterführende Schule für mich nur die Hauptschule sein würde. Ich war nicht schlecht, aber durch das ständige Theater zu Hause konnte ich mich schlecht konzentrieren, und das mit dem Stottern stand auch in den Startlöchern. Mathe machte mir zu schaffen, was sich durch die komplette Schulzeit zog. Meine Mutter half mir nach dem Mittagessen oft bei den Hausaufgaben, und für den Kunstunterricht malte sie regelmäßig meine Bilder.

Die Hauptschule, auf die ich von der fünften bis zur zehnten Klasse ging, lag im Nachbarort, und ich musste jeden Morgen mit dem Bus in die Schule fahren. Ich fühlte mich dabei irgendwie so erwachsen. Nun hatte ich Englisch und ging dabei auch in den Erweiterungskurs, der ab der Siebten angeboten wurde. Die Sprache fiel mir leicht, ich mag sie bis heute. Dadurch, dass ich viele Sportübertragungen im Originalton sehe, vergesse ich es auch nicht so leicht; im Gegenteil - ich spreche heute besser Englisch als zu Schulzeiten.

In Deutsch und Erdkunde war ich gut – Sport und Hauswirtschaft sowieso. Aber Freundschaften schloss ich auch hier nicht wirklich. Es gab ein, zwei Jungs, mit denen ich vor der Schule auf dem Pausenhof stand oder in den Pausen mein Brot aß. Es war belanglos, oberflächlich, uninteressant. Warum? - Scheiße, ich hab‘ auch keine Ahnung.

Wir waren im selben Fußballverein, manchmal kam einer von den Jungs mit zu mir nach Hause, aber das war echt selten der Fall. Ich fühlte mich auch hier wieder isoliert, entbehrlich und irgendwie scheiße – so, wie auf diesem Kindergeburtstag. Aber ich war auch nie offen für Freundschaften, weil ich verklemmt war, glaube ich.

Wobei es Mobbing an meiner Schule gar nicht gab. Das war wohl ein Segen der Achtziger: dass wir auf dem Schulhof Modern Talking und Falco über Lautsprecher hörten und da für diese ganze Mobbingscheiße keine Zeit war.

Mir fallen die Jungendherbergsfahrten in die Eifel oder nach Oberstaufen ein, die ich alle hasste. Was gab es Schlimmeres, als mit anderen Kindern ein Zimmer zu teilen oder den ganzen Tag zu verbringen? - Nichts! Kinder, die ihre Klamotten nicht aufräumten, alles rumliegen ließen, sich nicht wuschen und teilweise schon schnarchten wie die Bierkutscher. Das war nicht meine Welt.

Egal, in welchem Jahr wir in welcher Jugendherberge waren: Am Abend gab es immer schwarzen Tee, und offen gesagt, mag ich den bis heute nicht.

Wenn Sie jetzt auf irgendwelche Streiche wie in den unzähligen Filmen aus den Siebzigern warten, muss ich Sie enttäuschen: Da lief überhaupt nichts. Dafür vergingen die Jahre zu monoton. Anschließend ging jeder seiner Wege, und ich hatte jahrelang zu niemandem aus der Schulzeit Kontakt.

Das besserte sich durch Facebook ein bisschen, aber auch da hat es niemand auf die Reihe gebracht, mal ein Klassentreffen zu organisieren - ich auch nicht. Jeder lebt in seinem eigenen Kosmos - und gedacht habe ich eigentlich: „Schneckenhaus“.

Was mich ziemlich schockierte, war die Tatsache, dass wir in Geschichte kein einziges Wort über das Dritte Reich verloren. Absolut nicht nachvollziehbar, dass man das dunkelste Kapitel unser aller Geschichte einfach mal so eben unter den Tisch fallenließ.

„Was war eigentlich mit Mädchen?“, denken Sie bestimmt - oder nicht? In der zehnten Klasse lernte ich in ein Mädchen aus einer Neunten kennen, umgangssprachlich muss es jetzt korrekt heißen, dass wir ein paar Monate miteinander gingen. Aber außer ein bisschen Küssen ereigneten sich keine größeren Aufgeregtheiten.

Ich glaube, Sie stellen gerade - wie ich - fest, dass dieses Kapitel ein bisschen zäh ist; obwohl ich ganz gern hinging zu der Schule, war das alles nicht so meins. So, that‘s it, anyway!

Lassen wir das einfach. Sollten Sie eine Frage zu meiner Schulzeit haben, schreiben sie mir einfach eine E-Mail, ich antworte. Versprochen!

***

Kroatien
oder
Und jährlich grüßt das Murmeltier

Die meisten Kinder freuen sich bestimmt schon vom Ende der Winterferien und dem ersten Schultag im neuen Jahr an auf die großen Ferien im Sommer. Wenn sie den ganzen Tag mit ihren Freunden bis spätabends draußen spielen, Rad fahren oder sogar ins Zeltlager dürfen. Oder mit ihren Eltern einen Familienurlaub machen.

Ich habe die Sommerferien gehasst ohne Ende, das können Sie sich nicht vorstellen. Das war die schlimmste Zeit des Jahres für mich. Bis auf zwei Ausnahmen, als wir die Sommerferien bei der Familie meiner Mutter in der damaligen DDR verbrachten, ging es jedes Jahr aufs Neue nach Jugoslawien bzw. - um politisch korrekt zu sein - nach Kroatien.

Zur Erklärung: Mein Vater wurde kurz nach dem zweiten Weltkrieg im damaligen Jugoslawien geboren und wuchs mit fünf Geschwistern in einfachen, um nicht zu sagen: armen Verhältnissen auf. Mit 21 verließ er mit zwei Freunden das Land, um nach einem einjährigen Zwischenstopp in Deutschland, genauer gesagt, in Düsseldorf zu leben. Da lernte er dann 1969 oder 1970 meine Mutter kennen, die beiden heirateten 1972 und zogen hier nach Quinningen.

OK, here we go again

Vielleicht fehlt mir einfach so ein, bei manchen Menschen angeborener, Familiensinn. Der fehlt mir eigentlich sogar mit Sicherheit. Aber ich habe die Sommerurlaube immer als ziemliche Qual empfunden. Sicher ist sogar mir verständlich, dass mein Vater Sehnsucht nach seiner Mutter (sein Vater war vor meiner Geburt gestorben) und seinen Geschwistern hatte. Dass er den Ort seiner Kindheit besuchen wollte, so wie ich das manchmal auch mache, wenn ich morgens um vier durch die die Straßen meines früheren Stadtteils fahre.

Auf jeden Fall habe ich ihn nie etwas über seine Gefühle, die Familie betreffend, sagen hören. Ich habe nie verstanden, warum wir nicht mal zu Ostern oder in den Herbstferien hin sind. Immer in den Sommerferien, immer vier Wochen. Mit dem Auto von hier in die Nähe von Zadar, der zweitgrößten Hafenstadt von Kroatien. 1300 Kilometer – hin meistens ohne größere Pause und zurück mit einer Übernachtung in Österreich.

Damals gab es in Kroatien so gut wie keine Autobahnen. Da konnte es schon mal vorkommen, dass ein Traktor mit Schweinen auf dem Hänger eine halbe Stunde vor einem fuhr und nichts weiterging. Die Straßen waren voll von Schlaglöchern, was die allgemeine Stimmung auf der Fahrt auch nicht unbedingt verbesserte. Das Auto war in der Regel bis unters Dach voll mit Klamotten und Kram, den man in Kroatien nicht kaufen konnte. Mir fällt gerade ein, dass mein Vater einmal sogar die Stoßdämpfer nach einem Sommerurlaub auswechseln lassen musste.

Das Wetter ist im Hochsommer für ein Stadtkind klasse, vorausgesetzt natürlich immer, das Stadtkind mag den Sommer. Ich habe den Sommer gehasst! Morgens um zehn 40 Grad, abends um zehn immernoch 30 Grad. Den ganzen Tag so gut wie kein Wind und der Boden so unsagbar heiß, dass es unmöglich war, barfuß zu laufen.

Jetzt denken Sie bestimmt: „Stell dich nicht so an, das Meer war doch direkt vor der Haustür. Ein Sprung in das kühle, belebende Wasser, und gut ist.“ Theoretisch eine gute Idee, praktisch eine schlechte – denn es gab zwei Faktoren, die dagegensprachen: Zum einen mochte ich das Salzwasser der Adria nicht und zum anderen hatte ich als Zwölf- oder Dreizehnjähriger den Weißen Hai auf Video gesehen. Wenn ich bis dahin im Meer schwimmen gegangen war - und ich schwimme ganz okay -, dann bin ich ab diesem Tag (also dem, als ich das Video sah) kein einziges Mal mehr im offenen Wasser gewesen, bis heute. Jetzt denken Sie bestimmt: „Krasse Scheiße!“ Stimmt, wenn ich ehrlich bin, habe ich das auch gerade gedacht.

Wenn ich allerdings schwimmen gegangen wäre, hätten sich zumindest die Mücken wohl ein anderes Opfer gesucht. Haben sie aber nicht!

1982 entschlossen sich meine Eltern, das Haus meiner Oma für uns umzubauen. Von da an bauten sie in allen darauffolgenden Ferien. Da sie nur vier Wochen im Jahr Zeit hatten, taten sie eigentlich nichts Anderes, als am Haus zu arbeiten. Was ich auch irgendwo verstehen kann, weil man ja gern auch mal irgendwann fertig werden will. Die Konsequenz daraus war allerdings, dass wir nie etwas gemeinsam als Familie unternahmen, kein einziges Mal. Wir waren nahezu meine komplette Kindheit in Kroatien, aber ich kenne nur das Dorf meines Vaters und das, was auf der Hin- oder Rückfahrt an uns vorbeigezogen ist.

Kroatien ist ein wunderschönes Land: mit der Altstadt von Split, den Plitvicer Seen, wo in den Sechzigern die Karl-May-Filme mit Lex Barker und Pierre Brice gedreht worden waren, das Amphitheater von Pula und so vielem mehr, was ich alles nur aus deutschen Fernsehsendungen kannte.

Wenn ich ein Kind hätte - und nach meinem Wissen habe ich keines -, würde ich ihm mein Land, meine Wurzeln wenigstens versuchen zu erklären, zu zeigen, näherzubringen. An den Punkt sind mein Vater und ich nie gekommen.

Zurück zum Haus, das man sich so vorstellen kann wie ein Quadrat, das auf vier Pfeilern steht. Jetzt brauchen Sie eine Menge Phantasie, um sich so ein Haus vorzustellen, ich weiß, aber es sieht wirklich so aus. Mit grauem, grobem Zement verputzt, stand es lange so da, ohne Farbe, mit einem Flachdach und, ich glaube, drei Fenstern; einem bestimmt fünf Meter langen Balkon auf der Südseite, der einen direkten Blick auf das Nachbargrundstück bietet. Der Nachbar hielt dort allerdings nur Tiere

– Hühner, Enten und blöderweise auch Schweine, was schon nicht ganz so toll war.

Es gibt ja so Kindheitsgerüche, die einen ein Leben lang begleiten, und wenn ich an Kroatien denke, fällt mir zu allererst der Geruch von nassem Beton ein.

Ich weiß nicht ob ich das Haus oder die Ferien nicht mochte, weil ich meinen Vater nicht so mochte, und ich will nicht spekulieren. Aber ich habe, wie gesagt, Kroatien nie wirklich kennengelernt. Die Geschichte, die Kultur hat mir mein Vater nie erklärt, das habe ich von Wikipedia. Also habe ich auch keinen sonderlichen Bezug zu Land und Leuten und war zuletzt 2001 da.

Die Familie meines Vaters empfand ich nie als harmonisch im Umgang miteinander, ganz im Gegenteil: Da war auch ständig Stress. Ich dachte als Kind oft, dass die alle falsch und nur auf ihren Vorteil bedacht seien. Da wir zu Hause nur deutsch sprachen, brauchte ich immer ein paar Tage, um so ein bisschen reinzukommen ins Kroatische, aber ich hab‘ mir auch nicht so viel Mühe gegeben. Bin nicht auf die Familie meines Vaters, die ich nie als meine Familie empfunden habe, zugegangen.

Ich kann mich an kein einziges persönliches Gespräch mit irgendwem erinnern. Sie interessierten sich nicht für mich und ich mich nicht für sie - und ich sage das, ohne dass es mir dabei schlecht geht. Es war einfach so.

Das einzige, das ich in Kroatien wirklich liebte, war das Boule-Spiel. Der Nachbar schräg gegenüber brannte Schnaps, hatte Fremdenzimmer und stellte Wein selbst her. Und – er hatte eine Boule-Bahn, auf der jeden Abend gespielt wurde. Jeder Spieler bekam zwei oder drei Kugeln mit dem Ziel, seine Kugeln so nah es ging an die kleine Kugel zu bringen. (Klingt wie Curling ohne Eis, oder?) Ich sah dabei stundenlang zu und durfte ab und an selbst mitspielen. Aber ich war auch da schon eher eine Art Außenseiter, obwohl ich viel Zeit mit den beiden Töchtern meines Onkels verbrachte.

Am 16. August - dem Todestag von Elvis - war der Geburtstag des Schutzpatrons, was immer mit einem Dorffest verbunden war. Jedes Haus grillte ein Schwein, eine Ziege oder ein Schaf. Musik und der Geruch von Gegrilltem erfüllte die Luft. Blöd war immer, dass ich zu den Tieren meistens schon einen persönlichen Bezug aufgebaut hatte (anders als zu den Menschen) und daher keinen Bissen runterbekam.

Ähnlich wie zu Hause verging selten ein Sommerurlaub ohne die diversen kleinen und größeren Kontroversen meiner Eltern. Ein Gefühl von Liebe, Verbundenheit oder sonst was in dieser Art entwickelte sich zwischen uns also im Urlaub auch nicht. Irgendwie war alles genauso wie zu Hause, nur, dass es hier heißer war.

Die Kinder oder Lehrer aus der Schule beneideten mich meistens um die Urlaube, wenn am ersten Schultag nach den großen Ferien jeder vor der Klasse erzählte, wo er gewesen war. Oberflächlich betrachtet, hatten sie da sicher Recht. – Und sonst? Sie haben es gerade gelesen.

***

Gebelzig
oder
Glückliche Ferien - meistens!

Jetzt werden Sie bestimmt denken: „Wo liegt das eigentlich, dieses Gebelzig?“ - In Sachsen! Eine gute halbe Stunde hinter Dresden und eine weitere Dreiviertelstunde vor Bad Muskau. Haben Sie bestimmt schon mal gehört. - Nee, nicht Dresden, sondern Bad Muskau! Das ist die Stadt, in der der berühmte Fürst Pückler gelebt hat, der ein Faible für Eisbomben und pompöse Landschaftsgärten besaß. Gleichzeitig ist Bad Muskau auch der Grenzübergang zu Polen.

Doch zurück zu Gebelzig, einem Dorf, so ländlich, dass es eigentlich ländlicher nicht geht. Das Wort „Postkartenidylle“ fällt mir gerade ein und es passt, glaube ich, auch ganz gut. Vielleicht 600 Einwohner, ein Bäcker, ein Fleischer, ein Konsum (wir würden heute Supermarkt dazu sagen). Sonst nur Wald, Natur, soweit das Auge reicht. Ein Paradies für ein Kind wie mich, das in einem Hochhausblock in einem Hochhausviertel aufgewachsen ist. Das einzige Grün, das ich kannte, war das eines grünen, verboten angebrachten Graffiti.

Gebelzig war unser Urlaubsgegenstück zu Kroatien, obendrein noch die Heimat meiner Mutter, die 1945 im Alter von sechs Jahren mit ihren Eltern und den beiden Schwestern aus ihrer schlesischen Heimat hatte fliehen müssen. Gelandet sind sie in Gebelzig, wobei sie nicht geflogen sind, sondern gelaufen.

Nach Gebelzig fuhren wir meistens in den Osterferien, schon mal auch zu Weihnachten. Ich liebte es - kein Vergleich zu Kroatien. Hier fühlte ich mich mit den Menschen verbunden, zu Hause. Die Menschen, das waren zu Beginn noch Opa und Oma, später dann Onkel und Tante mit einem Sohn.

Zu dem Sohn der beiden hatte ich die stärkste Bindung. Wir unternahmen so viel, wenn wir da waren. Zu zweit, was ich lieber mochte als mit den Erwachsenen zusammen. Wir fuhren nach Dresden, das immernoch eine der faszinierendsten Städte für mich ist, die ich kenne; ins Umland, zu einem Stausee; wir sammelten Pilze und Beeren im Wald. Ich war siebzehn Jahre jünger als er und stellte mir immer vor, dass so der große Bruder hätte sein sollen, den ich nie hatte.

Er ging mit mir zum ersten Live-Konzert meines Lebens. Ein angehender Superstar, damals noch weit vom späteren Pop-Titanen entfernt, gab sich Anfang der Neunziger in einem der umliegenden Dörfer die Ehre. Wobei der Ausdruck live wahrscheinlich nicht so unbedingt an diese Stelle passt, aber gut.

Mit meinem Cousin habe ich meine erste Zigarette geraucht, eine Cabinett oder eine F6, das weiß ich nicht mehr so genau. Er brachte mir mit seinem Trabbi das Autolenken bei, was unheimlich lustig war. Wir fuhren auch zur Burg Stulpen, in der die Gräfin Cosel mehrere Jahrzehnte im sogenannten Coselturm gefangen gehalten worden war, und zum Saurierpark nach Klein Welka. Das war auch überheftig: Da hatte ein Saurierliebhaber in seinem Garten Dinos in Lebensgröße nachgebaut. Später kaufte er noch das parkähnliche Nachbargrundstück und mittlerweile gibt es da, glaube ich, über hundert Figuren in Originalgröße, die meisten zumindest.

Wenn wir mit meinen Eltern unterwegs waren, war die Stimmung meistens ein bisschen angespannt, denn auch hier verging selten ein Familienurlaub ohne Streit. Allerdings waren die Auseinandersetzungen hier weniger heftig als in Kroatien. Könnte etwas mit dem Heimvorteil meines Vaters in Kroatien zu tun haben.

In Kroatien habe ich den ersten Whisky meines Lebens getrunken, einen Johnnie Walker. Fand ich damals ganz cool, mittlerweile finde ich Capri-Sonne cooler.

Mein Cousin bekam in den frühen Neunzigern ein richtig heftiges Alkoholproblem, mit Entzug zu Hause und allem, was so dazugehört - ohne das jetzt näher thematisieren zu wollen. Hier geht’s ja auch schließlich um mein Leben.

Er hatte, glaube ich, so die Problemchen, die ich auch habe, so viel kann ich wohl schreiben. Ein Einzelgänger mit einem schwierigen Verhältnis zu den Eltern. Sein Vater, also mein Onkel, war in der Partei und sogar mal eine Zeitlang Bürgermeister von Gebelzig, während mein Cousin mit Politik nichts am Hut hatte.

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