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Unerwartet kam das Glück

1. KAPITEL

Maggie versuchte, nicht in Panik zu geraten. Ihre Scheibenwischer liefen auf Hochtouren, während sie nach Kräften bemüht war, ihren Lieferwagen auf dem schmalen Bergpass auf Kurs zu halten. Dabei entfuhren ihr Schimpfworte, von denen sie gar nicht gewusst hatte, dass sie zu ihrem Wortschatz gehörten.

Dies war ihre letzte Tour, schwor sie sich. Sie war einfach schon zu alt für solchen Unsinn. Sollten doch die jüngeren Ärzte mal zeigen, was sie drauf hatten! Eine haarsträubende Fahrt durch die verregnete Berglandschaft New Hampshires entsprach jedenfalls nicht ihrer Vorstellung von Spaß, auch nicht im Hochsommer.

Als fahrende Ärztin, die für die Mobile Clinic of New England unterwegs war, gehörte es für Maggie beinahe schon zum Handwerk, sich zu verfahren. Normalerweise empfand sie das als Abenteuer, aber diese Abenteuer fanden für gewöhnlich auch in ihrer Heimatregion Massachusetts statt.

Die Tour durch New Hampshire hatte sie einem kranken Freund zuliebe angenommen, und die letzten drei Wochen waren zunächst auch traumhaft gewesen. Es war ihr leichtgefallen, sich in New Hampshire, seine White Mountains und seine wunderbaren Bewohner zu verlieben. Letztere hatten ihr ohne zu zögern ihre Häuser und Herzen geöffnet.

Aber in diesem Moment, von Schweißausbrüchen und Hustenanfällen gebeutelt, verspürte sie keine Lust, verlassene Feldwege zu erkunden. Sie befand sich mit einer fiebrigen Grippe allein in den Bergen, um sie herum ging ein schweres Gewitter herunter, ihr Handy hatte keinen Empfang und sowohl ihre Thermoskannen als auch ihr Tank waren fast leer.

Wäre sie doch vorhin nur ihrer inneren Stimme gefolgt und hätte kehrtgemacht! Andererseits, wenn sie nicht bald eine Tankstelle fände, war das auch gleichgültig. Dann würde sie nämlich bald weder vorwärts noch zurück fahren.

Sie konnte natürlich anhalten und sich im Laderaum ihres kleinen Lieferwagens schlafen legen. Doch das kam nur im äußersten Notfall infrage. Wer wusste schon, ob auf dieser entlegenen Bergstraße jemals jemand kommen und sie finden würde.

Maggie wehrte sich gerade gegen die ersten Anzeichen einer beginnenden Migräne, als ihr Glück sich schließlich wendete. Sie war sich sicher, dass ihre fiebrigen Augen etwas am Wegesrand erspäht hatten. Und tatsächlich: Beinahe völlig von Gestrüpp verdeckt und im dichten Regen kaum lesbar lehnte dort an einem Baum ein Straßenschild. Die weiße Farbe blätterte bereits ab, und die Hälfte der Schrift fehlte, aber immerhin, es war ein Straßenschild und somit ein Hinweis auf Zivilisation.

Bitte, lieber Gott, lass es Bloomville sein! Ihrer Karte zufolge musste es sich um Bloomville handeln.

Pr m se

350 Einw.

3 km

Promise? Das Schild kündigte jedenfalls nicht Bloomville an.

350 Einw. Das war ja winzig!

3 km. Waren das nun drei oder dreißig Kilometer? Der Blick auf die Tankanzeige ließ Maggie inständig hoffen, dass es nur noch drei waren. Entschlossen lenkte sie ihren Wagen in die Richtung, in die das Schild wies.

Zehn Minuten später erspähte sie durch den dichten Regenschleier die heruntergekommene Zapfsäule einer verlassen aussehenden Tankstelle. Über ihr donnerte es so laut, dass es ihr beinahe egal war, ob die Zapfsäule in Betrieb war, solange sie hier nur irgendeinen Menschen antreffen würde.

Doch dieser einsame Ort bot keinen vielversprechenden Anblick für jemanden, der sich wie sie nach menschlicher Gesellschaft und einer heißen Tasse Tee sehnte. Auf einem Schild an dem kleinen Tankstellenhäuschen stand zwar „geöffnet“, aber die dunklen Fenster wirkten wenig einladend. Alles hier sah verlassen aus, auch wenn das Schild das Gegenteil behauptete.

Maggie fasste sich ein Herz und verließ das schützende Innere ihres Wagens, um von grollendem Donner begleitet rasch in Richtung Haus zu laufen.

„Hallo! Ist da jemand?“, rief sie. Erleichtert stellte sie fest, dass die Tür unverschlossen war. Allerdings ließ der Geruch abgestandener Luft, der ihr entgegenschlug, nicht auf die Anwesenheit von Menschen hoffen. Zögernd blieb sie im Türrahmen stehen, bis sich ihre Augen einigermaßen an den dunklen Raum gewöhnt hatten.

Sogar ohne Licht konnte sie die Staubschicht erkennen, die die Waren in den Regalen überzog. Am anderen Ende des Ladens befand sich eine Verkaufstheke, die über und über mit vergilbten Zeitungen bedeckt war. Der Mülleimer in der Ecke quoll über von Pfandflaschen.

„Hallo?“, rief sie erneut. Es musste doch irgendjemand da sein! Gedankenverloren griff sie nach einer Tüte Erdnüsse in dem rostigen Regal neben sich und las das Haltbarkeitsdatum. Das Rascheln der Verpackung war offensichtlich wirkungsvoller als ihre Rufe.

„Ich hoffe, Sie haben vor, dafür zu zahlen?“

Erschrocken fuhr Maggie herum und sah eine ältere Dame hinter einem mottenzerfressenen grünen Vorhang hervorkommen. Um den Hinterkopf der Frau wand sich ein dicker grauer Zopf, und ihre tief liegenden Augen wirkten wie zwei braune Kieselsteine in ihrem sonst völlig farblosen Gesicht.

„Guten Tag“, grüßte Maggie möglichst freundlich. „Ich bin zufällig hier vorbeigekommen und habe zum Tanken angehalten. Also ‚zufällig‘ trifft die Sache vielleicht nicht ganz … Ich glaube, ich habe mich verfahren.“

„Sie glauben, Sie haben sich verfahren?“, wiederholte die Frau spöttisch mit einem Rasseln in der Stimme.

Maggie antwortete mit einem kleinen nervösen Lachen. „Okay, also ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mich verfahren habe. Ich war auf dem Weg nach Boston und bin falsch abgebogen. Aber bei dem Regen da draußen bin ich froh, dass ich überhaupt hierhergefunden habe. Zuletzt war ich auf der Suche nach Bloomville, um dort die Nacht zu verbringen. Aber das hier ist nicht Bloomville, oder?“ Maggie sah sich verlegen um. „Ich glaube, auf dem Straßenschild, dem ich gefolgt bin, stand ‚Promise‘, aber ich bin mir nicht ganz sicher. Ich kenne mich in New Hampshire leider nicht allzu gut aus.“

„Sie sind in Primrose!“, fauchte die ältere Dame sie an. „Hier gibt es kein ‚Promise‘.“

Diese Feindseligkeit ist bestimmt nur aufgesetzt, versuchte sich Maggie zu beruhigen. Mitleidig beobachtete sie, wie die Frau mühsam, auf einen Stock gestützt, in Richtung Kasse humpelte und sich mit einem Seufzer in einem Schaukelstuhl niederließ. Als Ärztin war Maggie sofort klar, dass sie unter großen Schmerzen leiden musste, aber die Erfahrung hatte sie gelehrt, ihr Mitgefühl für sich zu behalten.

„Ich würde gern volltanken. Ich habe gehupt, aber niemand ist gekommen.“

„Da hängt ein Selbstbedienungsschild. Könnte das der Grund sein?“, entgegnete die Frau trocken. „Mit diesen Beinen hier kann ich schon lange keine Kundschaft mehr bedienen. Im Übrigen habe ich nur noch Super, Fräuleinchen. Das letzte Normalbenzin habe ich vor einer Woche verkauft. Aber da dies hier weit und breit die einzige Tankstelle ist, müssen Sie wohl nehmen, was Sie bekommen.“

„Und dankbar dafür sein“, fügte Maggie ernüchtert hinzu, ohne sich von dem beißenden Ton der Frau einschüchtern zu lassen. „Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie die Besitzerin dieser Tankstelle sind?“

„Welchen anderen Grund gäbe es denn, hier zu sein?“, fragte die Frau spitz, während sie mit schmerzverzerrtem Gesicht die Beine hochlegte.

Aus den Augenwinkeln sah Maggie, dass ihre Knöchel trotz Stützstrümpfen dick angeschwollen waren. Sie musste Höllenqualen leiden. Doch wenn man dem stolzen Ausdruck in ihren Augen Glauben schenken durfte, so wollte sie alles, nur kein Mitleid von einer Fremden.

„Gut, dann gehe ich mal meinen Tank auffüllen.“

„Machen Sie das. Die Erdnüsse berechne ich Ihnen auch.“

Nichts anderes habe ich erwartet, seufzte Maggie innerlich und verstaute die Tüte mit Nüssen in ihrer Handtasche, bevor sie durch den Regen zum Auto sprintete. Gegen die Wassermassen, die es herabschüttete, half auch ihre Kapuze nichts.

Als sie am Auto ankam, war sie vollkommen durchnässt und musste ein paar Mal hintereinander heftig niesen. Wenn sie nicht bald in trockene Kleidung wechselte, würde sie am nächsten Morgen mit einer Lungenentzündung aufwachen – natürlich nur, wenn sie überhaupt das Glück hatte, eine Schlafstelle zu finden.

Maggie befüllte den Tank und kehrte, nachdem sie sich auf der Schwelle wie ein nasser Hund geschüttelt hatte, in den Laden zurück. „Wissen Sie, was ich jetzt mindestens genau so zu schätzen wüsste wie Benzin?“, wandte sie sich wieder an die ältere Frau. „Eine warme Mahlzeit. Ich wäre Ihnen wirklich dankbar, wenn Sie mir den Weg zum nächsten Restaurant beschreiben könnten.“

Diese ging über Maggies Bitte mit einem missbilligenden Gesichtsausdruck hinweg. „Wie ich sehe, fahren Sie einen Wagen der Mobile Clinic of New England.“

„Ja … das ist richtig … Ich wundere mich allerdings, dass Sie den Schriftzug durch diesen Regen hindurch lesen können.“

„Meine Augen funktionieren noch ganz gut, Fräuleinchen.“

Okay. Maggie war bemüht, höflich zu bleiben. „Liegen Sie hier auf der regionalen Route?“

„Wie man’s nimmt. Wir gehören eigentlich zur Bloomville-Route. Aber nur, wenn die uns nicht vergessen“, gab sie zurück und begleitete ihre Antwort mit einem verächtlichen Schnauben. „Wissen Sie, Bloomville liegt auf der anderen Bergseite, und wir sind wohl schwer zu finden, bei all den Bäumen hier draußen“, fügte die ältere Frau bissig hinzu.

Maggie hätte beinahe laut aufgelacht, riss sich jedoch im letzten Moment zusammen. Egal wie schlecht gelaunt diese Frau sein mochte, einen Sinn für Humor hatte sie auf jeden Fall. „Das klingt, als ob sie die mobile Klinik manchmal benutzen.“

„Mache ich auch, wenn sich die denn mal herbequemen.“

Der unüberhörbare Vorwurf, der in diesen Worten mitschwang, ließ Maggie die Stirn runzeln. „Soll das heißen, die Klinik hat einen Termin verpasst?“

„Genau das soll es heißen. Sie hätte hier eigentlich schon letzten April Station machen sollen, kam aber nie.“

Ach, also darum ging es hier. Und es war ganz klar, wer das Versäumnis nun ausbaden sollte.

„Dass die Klinik damals nicht gekommen ist, lag wirklich nicht an mir. Ich fahre normalerweise eine Runde in Massachusetts. In New Hampshire bin ich nur diesen Monat als Vertretung für einen Freund unterwegs gewesen. Haben Sie denn mal angerufen und gefragt, was los war?“

„Natürlich, aber ich wurde nur immer weiterverbunden. Keiner wusste Bescheid, alle sagten nur, sie würden das überprüfen … blablabla.“

Maggie war ehrlich überrascht. „Normalerweise sind die sehr gründlich, was so etwas angeht. Wie wär’s, wenn ich mich mal erkundige … sobald ich wieder auf den Beinen bin. Ich habe mir wohl eine böse Erkältung eingefangen.“

Wie zur Bestätigung musste Maggie mehrmals hintereinander heftig niesen. Doch die ältere Dame schien überhaupt keine Notiz von Maggies schlechtem Gesundheitszustand zu nehmen. Bedachte man den Zustand ihrer eigenen Beine, konnte man ihr daraus wohl nicht mal einen Vorwurf machen.

„Wie schon gesagt“, erklärte Maggie nach einem erneuten lautstarken Niesen, „ich glaube, ich bin irgendwo falsch abgebogen, wahrscheinlich sogar ein paar Mal falsch abgebogen“, setzte sie ärgerlich hinzu. „Und ich sehe im Moment keine andere Möglichkeit, als mir irgendwo ein Zimmer zu nehmen. Könnten Sie mir bitte den Weg zur nächstgelegenen Pension erklären?“

„Benzin … Essen … ein Zimmer …“, murmelte die ältere Dame vor sich hin. „Ich weiß gar nicht, wann wir das letzte Mal einen Besucher in Primrose hatten.“

Wie das wohl kommt.

Maggie zwang sich mit zusammengebissenen Zähnen zu einem Lächeln. „Das bedeutet wohl nichts Gutes für mich.“

„Nein, das tut es nicht“, pflichtete ihr die alte Frau ohne eine Spur von Mitgefühl in der Stimme bei.

In ihrem momentanen Zustand von Unterkühlung und völliger Erschöpfung war die Häme einer anderen Person das Letzte, was Maggie ertragen konnte. Andererseits konnte sie es sich kaum erlauben, den einzigen Menschen zu verärgern, der ihr – so er denn nur wollte – den Weg zu einer rettenden Nachtunterkunft weisen konnte.

In der Hoffnung, doch noch eine heiße Tasse Tee zu bekommen, versuchte Maggie ihr Glück ein letztes Mal: „Sehen Sie, Mrs. …?“

„Louisa Haymaker ist mein Name.“

„Sehen Sie, Mrs. Haymaker“, wiederholte Maggie. „Ich bin vollkommen durchnässt und durchgefroren, außerdem bin ich müde und hungrig. Es würde mich nicht überraschen, wenn ich eine Lungenentzündung bekäme. Jedenfalls kann ich heute Abend keinen Kilometer weit mehr fahren. Es muss doch irgendeinen Ort hier in der Nähe geben, wo ich übernachten kann. Ich zeige Ihnen gern meinen Ausweis …“

Normalerweise verabscheute es Maggie, ihren Titel hervorzukehren, aber hier schien es keine andere Möglichkeit zu geben.

„Mein Name ist Dr. Margaret Tremont. Ich bin Ärztin. Mir geht es überhaupt nicht gut. Am liebsten möchte ich einfach nach Hause, aber da das nicht geht, möchte ich gern in ein Hotel.“ Um Atem ringend legte Maggie zwanzig Dollar auf den Tresen. „Ich glaube, ich habe Ihnen das Benzin noch nicht bezahlt.“

Wie eine Schlange schoss Louisa Haymakers Hand nach vorn. Rasch steckte die alte Dame das Geld ein. Maggie fiel auf, dass sie keinerlei Anstalten machte, ihr das Wechselgeld zurückzugeben.

„Und wenn Sie mir nun noch den Namen eines Hotels oder einer Pension nennen könnten, bin ich auch schon weg.“

Bevor Louisa Haymaker ansetzen konnte, etwas zu erwidern, wurden sie vom unerwarteten Zuschlagen der Tür überrascht. Beide Frauen fuhren erschrocken zusammen. Doch als Maggie sich herumdrehte, sah sie nur einen kleinen Jungen.

„Louisa, wo steckst du denn? Wir sind jetzt da!“ Die Heiterkeit, die der Junge trotz des mehr als ungemütlichen Wetters ausstrahlte, war herzerwärmend. Maggie musste lächeln, als sie sah, dass er den ganzen Boden nass getropft hatte. Louisa Haymakers Laune verbesserte sich durch diesen Anblick hingegen nicht.

„Amos Burnside, wie oft muss ich dir noch sagen, dass du die Türe nicht so zuschlagen sollst! Wer soll sie denn reparieren, wenn sie kaputtgeht? Und schau nur, was du für eine Schweinerei auf dem Boden machst“, krächzte sie und deutete mit ihrem Stock auf die Pfütze, in der der Junge stand.

Er hatte eine Baseballmütze auf, sodass Maggie seine Augen kaum erkennen konnte, aber sie hatte den Eindruck, als würde der Junge gleich zu weinen anfangen. Maggie schätzte ihn auf sieben oder acht, und seine hohe Kinderstimme gab ihr recht.

„Ich kann doch nichts dafür, dass es so regnet, Louisa“, protestierte er empört.

„Na ja, das ist wohl wahr, mein Kind. Schau mal, wir haben einen Gast.“

Amos folgte der Bewegung von Louisas Augen. Offenkundig erstaunt, eine Fremde zu sehen, schob er seine Mütze in den Nacken, um Maggie besser inspizieren zu können. Sie war überrascht, als unter der Mütze ein langer Schopf seidig blonden Haars zum Vorschein kam.

„Wer sind Sie denn?“, fragte er mit weit aufgerissenen, blau schimmernden Augen.

Vollkommen eingenommen von seiner engelsgleichen Schönheit erwiderte Maggie: „Mein Name ist Margaret Tremont, aber meine Freunde nennen mich Maggie.“

„Sie sehen aber blass aus“, sagte er mit ernstem Gesicht.

„Sie ist krank. Das merkst du doch“, wies Louisa ihn zurecht. „Die junge Dame brauchte Benzin. Sie sagt, sie sei Ärztin.“

Amos’ Lächeln war eine entzückende Mischung aus Freude und Neugier. „Wirklich? Eine waschechte Ärztin?“

„Eine waschechte Ärztin“, bestätigte Maggie lächelnd.

„Wow! Das muss ich meinem Dad erzählen. Ich bin Amos Burnside. Meine Freunde nennen mich Amos“, sagte er mit seinem natürlichen Charme.

„Schön dich kennenzulernen, Amos“, krächzte Maggie, der nun auch noch die Stimme versagte.

„Louisa hat recht. Sie klingen wirklich krank. Wenn Sie eine richtige Ärztin sind, warum machen Sie sich nicht selbst wieder gesund?“

Wenn das nur so einfach wäre, dachte Maggie. Doch da war Amos schon beim nächsten Thema, wie Kinder nun einmal waren. „Was machen Sie denn hier, Dr. Tremont? Ist noch jemand krank? Wie lange bleiben Sie denn? Es ist gefährlich, nachts Auto zu fahren, sagt mein Dad.“

„Hoppla, junger Mann. Das sind aber viele Fragen auf einmal. Also, soweit ich weiß, ist niemand außer mir krank“, erklärte sie. „Ich war auf dem Heimweg – ich wohne in Boston –, als ich von dem Gewitter überrascht wurde und zufällig an Mrs. Haymakers Tankstelle vorbeikam. Das war mein Glück, denn ich hatte fast kein Benzin mehr. Noch glücklicher aber wäre ich, wenn ich außerdem ein Bett und eine Großpackung Taschentücher finden würde. Ich wollte Mrs. Haymaker gerade nach dem Weg zur nächsten Pension fragen, als du hereinkamst.“

Verwirrt wendete sich Amos an Louisa. „Louisa, warum hast du ihr denn nicht von den Hütten hinterm Haus erzählt? Entschuldigung, Frau Doktor, Louisa muss das wohl vergessen haben.“ Amos lächelte verlegen, als sei das alles seine Schuld. „Sie haben das Schild wohl übersehen.“

„Ich habe wohl so einiges übersehen“, sagte Maggie mit einem flüchtigen Blick in Louisas Richtung.

„Louisa hat hinter dem Haus eine Pension. Sie heißt ‚Jack’s Haven‘, nach Jack, Louisas Mann. Na ja, Mr. Jack ist tot. Aber wenn er noch leben würde, wäre er ihr Mann.“

„Amos Burnside“, sagte die alte Dame mahnend, „du weißt doch ganz genau, dass die Zimmer nicht mehr vermietet werden können. Sie sind zugig und feucht“, schickte sie nachdrücklich in Maggies Richtung hinterher. „Wenn man, wie Sie, krank ist, kann man sich wirklich Besseres vorstellen. Sie brauchen ein warmes Zimmer mit einem Dach, das nicht über Ihnen zusammenzubrechen droht.“

„Louisa, das Dach ist wieder in Ordnung. Dad hat es doch erst letzte Woche repariert“, erinnerte sie der Junge. „Weißt du nicht mehr? Ich habe ihm doch geholfen. Außerdem gibt es hier keinen anderen Ort, wo sie bleiben kann. Wenn es tatsächlich zu kalt sein sollte, helfe ich Ihnen gern, ein Feuer zu machen. Mein Dad hat mir gezeigt, wie das geht, als wir letztes Wochenende zusammen zelten waren.“

Wenn Blicke töten könnten … Aber Louisa war machtlos. Amos war nicht zu stoppen. Maggie musste sich auf die Unterlippe beißen, um nicht laut loszulachen. Mit bewusster Höflichkeit sagte sie: „Danke schön, Amos. Ich wäre dir für deine Hilfe sehr dankbar.“

Gott sei Dank! Diesen Jungen schickt der Himmel!

„Mmmh“, zögerte Louisa, aber sie wusste, dass sie verloren hatte. Sie musste Maggie beherbergen, wenn sie keine Szene machen wollte. „Es wird wohl gehen … aber nur für eine Nacht.“

Diese Einschränkung gefiel Maggie gar nicht, aber immerhin hatte sie nun den Fuß in der Tür. „Vielen Dank, Mrs. Haymaker. Der Gedanke, noch nach Bloomville zu fahren, war beängstigend, aber noch schlimmer wäre es gewesen, im Auto zu übernachten.“

„Sie sind den ganzen Weg aus Bloomville hierher gefahren?“ Amos war sichtlich beeindruckt.

„Nein, ich habe mich auf dem Weg nach Bloomville verfahren. Laut meiner Karte ist es gar nicht mehr so weit, nur etwa siebzig Kilometer. Aber bei dem Regen konnte ich die Schilder kaum lesen.“

„Es ist so weit weg, dass ich erst einmal da gewesen bin“, bedauerte Amos.

„Aber wie ist das denn möglich?“, fragte Maggie ehrlich überrascht. „Es liegt doch nur auf der anderen Seite des Bergs.“

„Mein Dad fährt ab und zu hin, in einem Notfall oder um Lebensmittel zu kaufen, aber ich darf nie mitkommen. Er sagt immer, dass es dort nichts gibt, was wir hier nicht auch haben. Rafe sagt …“

„Wer ist denn Rafe?“, warf Maggie ein.

„Rafe ist mein Dad. Manchmal sage ich Dad zu ihm und manchmal Rafe. Er holt gerade Louisas Lebensmittel aus dem Auto. Rafe sagt, dass Leute, die zu weit von zu Hause weggehen, irgendwann den Weg zurück nicht mehr finden. Genau wie meine Mutter. Sie ist weggegangen, als ich ein Baby war, und wir haben sie nie wiedergesehen. Rafe sagt …“

„Amos!“, unterbrach ihn Louisa, die die Offenheit des Jungen nicht gutzuheißen schien. „Ich glaube nicht …“

Doch bevor Louisa weitersprechen konnte, flog die Tür auf, und ein regendurchnässter Mann trat herein. Er brachte den Geruch von nassen Blättern und feuchter Wolle mit in den Raum. Obwohl er groß und kräftig gebaut war, bewegte er sich fast elegant. Er balancierte drei Papiertüten mit Lebensmitteln in seinen starken Armen, während er die Tür hinter sich vorsichtig mit dem Absatz seines Stiefels schloss.

„Amos“, sagte der Mann mit ruhiger und doch tadelnder Stimme. „Wo bleibst du denn? Du solltest mir doch mit den Lebensmitteln helfen, nachdem du nach Louisa gesehen hast.“

Maggie war sofort fasziniert von dieser ruhigen, tiefen Stimme, die so ernst klang. Aber während Amos Burnside einem Sonnenstrahl glich, war sein Vater eher die Personifizierung rauer Männlichkeit. Sein Gesicht war von tiefen Falten durchfurcht und von einem wilden Dreitagebart überzogen.

Trotzdem konnte Maggie ihren Blick kaum von ihm wenden. Sein nasses Haar hing ihm wie ein schwarzer Vorhang in die Stirn, und unter den ernsten dunklen Brauen funkelten zwei braune Augen hervor. Die markante Nase passte zu seinem kantigen Kiefer, der ihn männlich und sinnlich zugleich erscheinen ließ.

Die fleckigen Jeans und die schlammbedeckten Arbeitsstiefel zeugten von einem Leben, das wohl hauptsächlich unter freiem Himmel stattfand. Das Auffallendste an ihm aber war seine Körpergröße. Er war bestimmt 1,90 m groß und beinahe halb so breit – einer jener Männer, die durch ihre Statur allein schon Männlichkeit und Stärke ausstrahlten. Maggie konnte sich nicht vorstellen, dass dieser Mann irgendeinen Raum nicht durch seine bloße Anwesenheit beherrscht hätte.

Irgendetwas musste ihm ihre Anwesenheit verraten haben, denn plötzlich wandte Rafe sich in ihre Richtung. Mit einem fragenden Blick sah er ihr tief in die Augen. Dann veränderte sich seine Haltung leicht. Ein angestrengter Ausdruck erschien auf seinem Gesicht.

Maggie versuchte es mit einem Lächeln, doch er reagierte nicht darauf. Sie fühlte sich ertappt, und die Schamesröte stieg ihr ins Gesicht. Mit seinem Blick, aus dem zugleich Verachtung und Interesse sprachen, schien er sie geradewegs zu durchbohren.

Maggies unmittelbarer Eindruck war, dass dieser Mann eine tiefe Traurigkeit in sich trug. Rafes Schultern waren angespannt, und er schien weit vor seiner Zeit gealtert zu sein. Vielleicht lag es auch an der Art und Weise, wie er sich bewegte, langsam und als ob es ihm große Mühe bereitete. Mit einer gewissen Schwermut.

Und doch sagte ihr irgendetwas, dass dieser Mann früher einmal glücklich und unbeschwert gewesen war, auch wenn man ihm heute davon kaum noch etwas anmerkte.

Oder las sie zu viel in die Situation hinein? Und warum stockte ihr Atem so plötzlich?

Da hat wohl jemand irgendwo eine falsche Abzweigung genommen, dachte Rafe mürrisch, während er die Einkaufstüten vorsichtig absetzte und die Fremde unverhohlen anblickte. Ende dreißig – wenn er sich nicht irrte – und, ihrer roten Nase nach zu urteilen, ziemlich krank. Er hatte keine Ahnung, wer sie war und was sie hier machte, aber eines stand fest: Das Städtchen Primrose hatte keine Gäste.

„Was geht denn hier vor sich?“, fragte er mit ruhiger Stimme, in der leiser Unmut mitschwang.

„Hallo Dad, das ist Maggie Tremont!“, verkündete Amos, und es war unüberhörbar, wie sehr er sich freute, dass endlich einmal etwas passierte. „Sie hat sich verfahren, Dad! Und stell dir vor: Sie ist Ärztin, eine waschechte Ärztin!“

Maggie ließ Rafes abschätzenden Blick erneut über sich ergehen. Ganz gleich, wer sie war, Rafe blieb unbeeindruckt, und wenn sie die Königin von Saba gewesen wäre. Dabei war ihr schon oft gesagt worden, dass sie sehr hübsch sei. Ihre Nase war elegant, und wenn sie lachte, glitzerten ihre grauen Augen, ohne dass es ihr bewusst wurde. Auch ihr Teint war mit seiner Mischung aus Sommersprossen und rosigen Wangen ausgesprochen attraktiv.

Auf alle Fälle hatte Maggie genug Selbstbewusstsein, um dem missbilligenden Blick eines Mannes standhalten zu können. Selbst einem Mann mit solch unglaublich breiten Schultern.

Sie hörte nur mit halbem Ohr hin, als Louisa begann, ihre Anwesenheit zu erklären. Die Art und Weise, wie man über sie sprach, als sei sie gar nicht im Raum, ärgerte sie zwar, aber sie fühlte sich zu schwach, um einzugreifen. Außerdem hörte sie auf ihren gesunden Menschenverstand. Zickig zu reagieren, würde sie bei diesen beiden ohnehin nicht weiterbringen.

„Ja, mein Name ist tatsächlich Dr. Margaret Tremont“, sagte sie schließlich mit müder Stimme. „Ich gehöre zu einer Gruppe von Ärzten, die für die Mobile Clinic of New England arbeiten.“

Rafe blickte sie nachdenklich an.

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