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Unendlich wie die Sehnsucht

Melanie Milburne

Unendlich wie die Sehnsucht

1. KAPITEL

Ihr war, als sei die Hochzeit ihrer besten Freundin erst gestern gewesen. Und jetzt … jetzt war sie bei deren Beerdigung. Laura ist tot. Laura … und auch Rick …, dachte Sabrina, während sie mit verweinten Augen auf die Särge blickte, die soeben an ihr vorbei aus der Kirche getragen wurden.

Sie schlug die Augen nieder, als der glutvolle Blick von einem der Männer sie traf, die den Sarg trugen. Wie unpassend, dachte sie, konnte aber nicht verhindern, dass ihr Herzschlag sich beschleunigte. Ein Prickeln lief über ihren Nacken. Obwohl sie den Kopf gesenkt hielt, konnte sie immer noch diesen Blick auf ihrer Haut spüren, wie den Hauch einer Liebkosung.

Instinktiv drückte sie Liv enger an sich, dann folgte sie langsam der Prozession der Trauergäste. Gott sei Dank wird Liv sich nie an den furchtbaren Unfall erinnern! Den Autounfall, der das vier Monate alte Baby so grausam seiner Eltern beraubt hatte. Sabrina hingegen würde niemals den schweren Geruch der Lilien vergessen können. Auch nicht die Trauer, die sich auf den Gesichtern der Freunde spiegelte, als die Särge in die Erde gelassen wurden und damit die grausame Gewissheit unterstrichen, dass Liv jetzt ganz allein auf der Welt war.

Nach der Beerdigung fanden sich die Trauergäste im Haus von Lauras Stiefmutter noch zu einem kleinen Umtrunk ein.

Ingrid Knowles war als leidgeprüfte Hinterbliebene ganz in ihrem Element. Mit einem stets gut gefüllten Glas Weißwein in der Hand ging sie von Gast zu Gast. Ihr Make-up war wie immer makellos, und jede Strähne ihres wasserstoffblonden, sorgfältig frisierten Haares zeugte von der Hingabe eines teuren Friseurs.

Sabrina hielt sich mit Liv ein wenig abseits, damit das Kind zur Ruhe kommen konnte. Die meisten von Lauras und Ricks engeren Freunden waren nur kurz geblieben – nur einer war noch da: Mario Marcolini. Dieser hatte sich gleich nach seiner Ankunft in eine ruhige Ecke zurückgezogen. An die Wand gelehnt stand er seitdem unbeweglich da. Er aß nichts, er trank nichts. Auf seinem Gesicht lag ein finsterer Ausdruck. Mit steinerner Miene beobachtete er das Treiben um sich herum.

Verstohlen warf Sabrina ihm hin und wieder einen Blick zu – und jedes Mal schien auch seiner gerade auf ihr zu ruhen.

Verlegen wandte Sabrina den Kopf ab. Eine feine Röte überzog ihre Wangen, als sie daran dachte, was bei der letzten Begegnung zwischen ihnen vorgefallen war.

Sie war Liv fast dankbar, als diese plötzlich zu weinen begann und Sabrina sich zurückziehen konnte, um sich um das Kind zu kümmern.

Als sie kurze Zeit später wieder den Salon betrat, war der Platz an der Wand leer. Sie nahm an, dass Mario gegangen war, und seufzte erleichtert auf, doch plötzlich spürte sie hinter sich eine Bewegung und erstarrte.

„Ich habe nicht erwartet, dich so bald wiederzusehen“, erklang Marios sonore Stimme direkt neben ihr.

„Ich … ich auch nicht“, erwiderte sie mit zitternder Stimme und wandte sich um, Liv schützend an sich gepresst. Sie fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Was ist nur mit mir los?, fragte sie sich. Warum fühle ich mich in seiner Gegenwart immer wie ein Schulmädchen, das nicht bis drei zählen kann? Krampfhaft suchte sie nach Worten, um die Spannung zwischen ihnen zu durchbrechen, aber ihr wollte einfach nichts einfallen. Trotz ihrer fünfundzwanzig Jahre fühlte sie sich diesem gut aussehenden, weltgewandten Mann gegenüber linkisch und unbedarft.

„Es ist wirklich sehr nett von dir, dass du zur Beerdigung gekommen bist. Obwohl du doch kürzlich erst abgereist bist. Und Australien liegt ja nun auch nicht gerade um die Ecke.“

„Das war ja wohl das Mindeste, findest du nicht?“ Marios Stimme hatte einen seltsamen Unterton, als fiele es ihm schwer, zu sprechen.

Wieder breitete sich zwischen ihnen ein spannungsgeladenes Schweigen aus.

Nervös fuhr Sabrina sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. Sie versuchte, jeden Gedanken an das, was vor ein paar Wochen zwischen ihnen beiden geschehen war, aus ihrem Kopf zu verbannen. Aber es wollte ihr nicht gelingen. Wieder war da diese Nähe … diese Nähe, die sie auch damals verleitet hatte …

„Lauras Stiefmutter scheint ja ganz in ihrem Element zu sein“, unterbrach Mario ihre Überlegungen.

„Ja. Sieht ganz danach aus. Ich bin nur froh, dass Lauras Vater nicht da ist. Laura wäre das Ganze so peinlich.“ Sabrinas Stimme versagte. Sie biss sich auf die Lippen und versuchte, die Tränen zu unterdrücken, die in ihren Augen aufstiegen.

Plötzlich fühlte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Die Wärme seiner Finger drang durch den Stoff des Kleides. Sabrina hatte das Gefühl, als würde ihr Blut schlagartig zu kochen beginnen.

Sie hob ihren Blick und sah Mario an. „Es tut mir leid. Ich versuche ja, stark zu sein … allein schon Livs wegen, aber manchmal … manchmal …“

„Du musst dich doch nicht entschuldigen.“ Er betrachtete das schlafende Kind in ihren Armen. „Meinst du, Liv spürt irgendwie, was passiert ist?“

Sabrina blickte auf das winzige Wesen hinab und seufzte tief auf. „Sie ist doch erst vier Monate alt, wer kann schon wissen, was in ihr vorgeht? Sie trinkt ihr Fläschchen wie immer und schläft auch gut. Wahrscheinlich, weil sie an mich gewöhnt ist. Ich habe ja schon öfter auf sie aufgepasst.“

Wieder entstand ein unangenehmes Schweigen. Die Luft zwischen ihnen war zum Schneiden, so aufgeladen war die Atmosphäre.

„Können wir irgendwo in Ruhe reden?“, fragte Mario unvermittelt.

Eine eiskalte Hand schien nach Sabrinas Herz zu greifen. Sie hatte sich damals geschworen, nie mehr mit Mario Marcolini allein in einem Raum zu bleiben. Es war einfach zu gefährlich. Der Mann war ein unverbesserlicher Playboy. Selbst in einem Moment wie diesem versprühte er einen unwiderstehlichen Charme. Seine Augen signalisierten eine deutliche Einladung, die Sabrina selbst in dieser Situation nicht unberührt ließ. Sie warf ihm einen kurzen Blick zu, der aber doch lang genug war, um auf Marios Gesicht, seinem Mund zu verweilen. Wieder dachte sie zurück an die Situation damals … als sie von diesen Lippen gekostet hatte. Als sie in seinen Armen gelegen hatte, eng an ihn geschmiegt. So eng, dass jede Faser ihres Körpers mit dem seinen zu verschmelzen schien.

Genug!, rief sie sich innerlich zur Ordnung. Jetzt war bestimmt nicht der richtige Moment, daran zurückzudenken. An den Augenblick, als sie sich wie ein willenloses, einfältiges Dummchen verhalten hatte. Energisch straffte sie ihre Schultern und deutete mit dem Kinn auf eine Tür. „Dort im Büro. Ich habe Livs Kinderwagen und die Tasche mit den Babysachen da abgestellt.“

Mit leicht zitternden Knien ging sie voran. Sie konnte seinen Blick förmlich in ihrem Rücken spüren. Bestimmt vergleicht er mich mit den strahlend schönen Frauen, mit denen er sich daheim in Europa umgibt, dachte sie unbehaglich. Seine letzte Freundin war ein berühmtes Model gewesen. Gertenschlank natürlich, mit platinblonden Haaren und einem Busen … Aber wahrscheinlich hatte Mario schon wieder eine andere. Er war berüchtigt dafür, dass er seine Freundinnen wechselte wie andere Männer die Hemden.

Das war eine Welt völlig jenseits von Sabrinas Vorstellungsvermögen. Sie selbst sehnte sich nach Liebe, Sicherheit und Nähe. Und jemand wie Mario Marcolini wäre der Letzte, der ihr dies geben könnte. Er war zwar schön wie die Sünde – wenn man das von einem Mann so sagen konnte –, aber irgendwie war er auch nicht von dieser Welt. Zumindest nicht von der, in der sie lebte. Und das würde sich auch nie ändern. Mit ihrem linkischen und ungeschickten Versuch, ihn auf sich aufmerksam zu machen, hatte sie das mehr als bewiesen – damals bei Livs Taufe.

Sabrina betrat das Büro und legte Liv in den Kinderwagen. Sorgsam deckte sie das Kind mit einer rosa Decke zu, bevor sie sich zu Mario umdrehte. Sie kämpfte gegen den Impuls, ihn einfach anzustarren. Er war einfach zu gut aussehend. Atemberaubend geradezu, mit seinem rabenschwarzen gelockten Haar und den dunklen feurigen Augen. Neben ihm kam sie sich vor wie eine graue Maus.

Mario schloss energisch die Tür. Die nun eingetretene Stille lastete schwer auf Sabrina. Sie war sich nur allzu deutlich bewusst, auf engstem Raum mit Mario allein zu sein. Ein, zwei Schritte nur, und er würde sie berühren können.

Sein Blick suchte ihre Augen, und als hätte er irgendeine unerklärliche Macht über sie, stand sie bewegungslos da und sah ihn an. „Wir zwei haben ein Problem … ein Problem, das wir schleunigst klären müssen.“

Sabrina wusste, was nun kommen würde. Sie hatte versucht, sich auf diesen Moment vorzubereiten, doch wenn es hart auf hart kam, hatte sie ohnehin keine Chance. Mario würde Liv nach Italien mitnehmen, und sie würde nichts dagegen tun können. Sie würde ihr Patenkind nie mehr wiedersehen. Wie sollte sie sich mit diesem reichen, mächtigen und rücksichtslosen Mario Marcolini messen können?

„Man hat dir gesagt, dass wir beide zu Livs Vormund bestimmt sind, oder?“

Stumm nickte Sabrina. Vor ein paar Tagen erst hatte der Notar ihr mitgeteilt, Laura und Rick hätten sie und Mario gemeinsam als Vormund eingesetzt, sollte ihnen etwas zustoßen. Er hatte sie auch darauf vorbereitet, dass Lauras Stiefmutter dies anfechten würde. Diese hielt sich – und ihren neuen Ehemann – für weitaus geeigneter, Liv eine gesicherte Zukunft zu bieten.

Der Notar hatte unmissverständlich klargemacht, er sähe wenig Chancen für Sabrina, Liv zu bekommen. Das Gericht würde stets zum Wohle des Kindes entscheiden. Im Klartext bedeutete das: Das Kind würde demjenigen zugesprochen, der finanziell am meisten zu bieten hatte. Und Sabrina war nicht nur alleinstehend, sie war im Moment auch noch arbeitslos. Ingrid Knowles und ihr Mann Stanley waren mit Anfang fünfzig zwar etwas alt, aber sie hatten den entsprechenden finanziellen Hintergrund. Außerdem hatten sie kein Hehl daraus gemacht, dass sie Liv unbedingt zu sich nehmen wollten.

Sabrina räusperte sich. Ihre Kehle war auf einmal wie zugeschnürt. „Ich bin über alles informiert“, sagte sie schließlich. „Man hat mir aber auch gesagt, dass ich das Sorgerecht vermutlich nicht bekommen werde, weil … wegen meiner momentanen Situation.“

Mario warf ihr einen undurchdringlichen Blick zu. „Soweit mir bekannt ist, meinst du damit: Du lebst allein, bist arbeitslos und hast dir dies – so sagt man – sozusagen selbst zuzuschreiben, weil du dich an den Hausherrn rangemacht hast.“

Sabrina schluckte. Sie hätte Mario gern widersprochen, aber genau so hatte man sie in der Presse dargestellt. Man hatte sie als männermordendes Kindermädchen gezeichnet, das um des eigenen Vorteils willen rücksichtslos eine Familie zerstört hatte. Sabrina hätte das gern richtiggestellt, aber damit hätte sie den Kindern der Familie nur noch mehr geschadet. Die hätten dann nämlich erfahren, was für ein widerlicher, hinterhältiger Lüstling ihr Vater war.

„So ungefähr könnte man das formulieren“, gab sie bitter zu. „Aber Laura würde sich im Grab umdrehen, wenn sie wüsste, dass ihre Stiefmutter Liv bekommt. Sie hat Ingrid abgrundtief gehasst. Das hat sie mir erst ein paar Tage vor dem Unfall noch gestanden.“ Ein Kloß bildete sich in Sabrinas Kehle, und ihre Stimme versagte.

Mario begann, langsam in dem engen Raum auf- und abzugehen. Wie ein Tiger im Käfig, dachte Sabrina beklommen. Sie hielt schützend die Arme vor der Brust verschränkt. Der Duft von Marios Rasierwasser durchdrang den Raum – ein würziges, herbes Aroma, das Sabrina fast schwindlig machte. Sie zwang sich, ruhig und tief zu atmen.

„Ich werde nicht zulassen, dass diese Frau und ihr Mann Liv bekommen“, stieß Mario hervor. Abrupt blieb er vor Sabrina stehen und sah sie fest an. „Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um das zu verhindern – und ich meine wirklich alles.“

Sabrinas Herz machte einen verzweifelten Sprung. Jetzt hatte er es ausgesprochen. Damit war Livs Schicksal besiegelt, denn wie sollte sie – ausgerechnet sie, Sabrina – diesen Mann daran hindern, Liv einfach mitzunehmen? Bei dem Gedanken daran wurde ihr Herz schwer. Sie selbst war ohne die Liebe einer Mutter aufgewachsen, und nun sollte sie zusehen, wie Liv das gleiche Schicksal drohte? Es muss doch irgendetwas geben, was ich tun kann, dachte sie verzweifelt.

„Ich sehe nur eine Möglichkeit“, sagte Mario.

„Welche?“, stammelte Sabrina.

„Wir sind doch Livs Paten, nicht wahr? Und sogar notariell zum Vormund bestimmt … und diese Verantwortung nehme ich sehr ernst.“

„Nicht nur du“, konterte Sabrina. Sie versuchte, ihrer Stimme Festigkeit zu verleihen. Leider fühlte sie sich so eingeschüchtert, dass ihr das nicht recht gelingen wollte.

„Dann sollten wir alles dafür tun, um dieser Verantwortung gemeinsam gerecht werden zu können.“

„Wie … wie meinst du das?“ Verwirrt runzelte Sabrina die Stirn. „Ich meine, ich lebe in Australien und du in Italien. Wie sollen wir uns da gemeinsam um Liv kümmern? Wir können sie doch nicht zwischen den Kontinenten hin- und herschicken. Ich weiß ja nicht, wie das bei euch in Italien ist, aber bei uns legt das Gericht bei seiner Entscheidung sehr großen Wert darauf, das Beste für das Kind herauszuholen.“

Mario warf ihr einen durchdringenden Blick zu. „Rick war mein bester Freund. Ich werde auf keinen Fall zulassen, dass dieses feine Pärchen, dem ich nicht einmal ein Haustier anvertrauen würde, Liv bekommt.“

„Du hast ja recht! Trotzdem sehe ich keine Möglichkeit, wie wir das verhindern könnten.“ Unglücklich verstummte Sabrina.

Ein unbehagliches Schweigen entstand. Im Zimmer breitete sich eine eigenartige Atmosphäre aus. Etwas lag in der Luft. Etwas Bedrohliches – wie die Ruhe vor dem Sturm.

„Ich glaube, wir sollten so schnell wie möglich heiraten.“

Es war, als wäre eine Bombe geplatzt. Die Bedeutung der Worte nahm Sabrina förmlich den Atem.

„Was … was hast du da eben gesagt?“, stammelte sie.

Scheinbar ungerührt sah Mario sie an. „Das ist die einzige Möglichkeit, die ich sehe. Wir sind Livs Paten; wenn wir heiraten, wird das Gericht davon ausgehen, dass wir die Verantwortung ernst nehmen und ihr gewachsen sind.“

In Sabrinas Kopf begann sich alles zu drehen. Sie musste sich verhört haben … Mario konnte nicht gesagt haben, dass er sie heiraten wollte. Sie waren ja praktisch Fremde. Erst zweimal im Leben hatten sie sich gesehen, und beide Begegnungen waren alles andere als harmonisch verlaufen. Wie konnte er da annehmen, dass sie diesem verstiegenen Plan zustimmte?“

„Denk einmal in Ruhe darüber nach“, drang seine Stimme an ihr Ohr. „Ich bin reich. Ich kann einem Kind alles bieten, was es braucht. Und du kennst dich mit Kindern aus. Und wir sind beide jung. Es ist die perfekte Lösung.“

Allmählich fand Sabrina ihre Stimme wieder. „Du bittest mich, dich zu heiraten?“, stieß sie hervor.

Irritiert sah Mario sie an. „Es handelt sich doch nicht um eine richtige Ehe, falls dich das beruhigt. Jeder kann sein eigenes Leben weiterführen. Du müsstest natürlich mit mir nach Italien kommen, zumindest so lange, bis Liv alt genug ist und dich nicht mehr ständig braucht. Danach können wir das Arrangement neu überdenken.“

Sabrinas graue Augen weiteten sich vor Überraschung. Das Blut stieg ihr in die Wangen. „Ich soll mit dir in Italien leben!“

Mario spürte, wie Sabrinas Reaktion allmählich eine leichte Verärgerung bei ihm auslöste. Mein Gott, schließlich bin ich derjenige, der sich hier ziemlich weit aus dem Fenster lehnt, dachte er. Er hatte sich eigentlich geschworen, niemals zu heiraten. Er liebte seine Freiheit und führte genau das Leben, das ihm vorschwebte – frei und ungebunden. Aber nachdem er vom Tode seines besten Freundes erfahren hatte, war ihm klar, dass er gewisse Zugeständnisse machen musste.

Rick hatte ihm einst das Leben gerettet, auf einer Skitour in den Schweizer Bergen. Sie waren damals beide neunzehn gewesen. Wenn Rick ihn damals nicht mit bloßen Händen aus der Lawine ausgegraben hätte, von der Mario überrollt worden war, wäre er heute tot. Danach waren sie Freunde fürs Leben geworden. Eine Freundschaft, die nun auch den Tod überdauerte.

Rick hatte ihm vertraut, indem er ihn zu Livs Paten und nun auch zu ihrem Vormund bestimmt hatte. Und Mario wünschte sich, diesem Vertrauen gerecht zu werden. Auch wenn das bedeutete, dass er sich an eine Frau mit einem zweifelhaften Ruf binden musste. Sabrina Halliday spielte zwar die Unschuld vom Lande, aber er hatte sich ja bereits selbst davon überzeugen können, welche Leidenschaft in ihr schlummerte. Und auch ihre zarte feminine Gestalt konnte ihn nicht täuschen. Er wusste genau, wie diese Frauen vorgingen, die nur darauf aus waren, sich einen reichen Mann zu angeln. Selbst wenn sie Liv wirklich von Herzen zugetan sein sollte, hieß das nicht, dass sie nicht genau wusste, wie sie die Situation zu ihrem Vorteil nutzen konnte.

„Ich bin natürlich bereit, dich für jedes Ehejahr zu bezahlen. Über die Summe werden wir uns sicher einig.“

Und auch wenn sie ihn jetzt so fassungslos ansah, würde er sich nicht täuschen lassen. Schließlich kannte er sich mit Frauen aus, die nur das eine wollten … das Geld des Mannes.

„Du unterstellst mir, dafür bezahlt werden zu wollen, dass ich dich heirate?“

Kühl maß er sie mit seinem Blick. „Nenn mir einfach eine Summe, Sabrina. Ich will Liv haben und bin bereit, dafür alles zu geben.“

Sabrina erbleichte. „Ich glaube, du hast ein völlig falsches Bild von mir …“

„Mit solchen Nebensächlichkeiten will ich mich jetzt nicht aufhalten“, unterbrach Mario sie. „Ich kann verstehen, dass es für dich ein Riesenschritt ist, in ein anderes Land zu ziehen. Aber angesichts der jüngsten Ereignisse wäre das vielleicht gar nicht so schlecht.“

Also hält auch er mich für schuldig, dachte sie resigniert. Das konnte sie in seinen Augen sehen, an dem Blick, mit dem er sie musterte. Die Presse war in der Tat nicht besonders zimperlich gewesen, aber gerade er sollte doch wissen, wie so etwas lief. Auch über ihn hatte man sich die Mäuler zerrissen und jeden seiner Schritte an die Öffentlichkeit gezerrt.

Und jetzt sollte sie ihn heiraten?

Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen, wenn sie nur daran dachte, mit ihm auf engstem Raum zusammen sein zu müssen. Er verkörperte alles, was sie bewunderte, wovon sie selbst aber meilenweit entfernt war. Hatte sie das an jenem verhängnisvollen Tag, als sie versucht hatte, ihn zu küssen, nicht mehr als bewiesen? Wie sollte sie mit dieser Versuchung umgehen, die er für sie darstellte? Und was, wenn er womöglich darauf bestand, die Ehe zu vollziehen? Wie sollte sie da widerstehen? Er war die fleischgewordene Versuchung. Sogar jetzt, in diesem Moment, konnte sie die sexuelle Energie spüren, die von ihm ausging und ihren Körper entflammte.

„Du hast doch bis jetzt keine neue Anstellung als Kindermädchen gefunden, oder? Und das dürfte sich so bald auch nicht ändern. Ich wüsste nicht, welche Ehefrau eine stadtbekannte Verführerin einstellen wollte.“

Sabrina biss die Zähne zusammen. „Das ist eine Unterstellung. Man brauchte einen Sündenbock, und da kam ich gerade recht. Keiner wollte mir glauben, dass alles ganz anders war.“

Marios skeptischer Blick sprach Bände. „Es ist mir egal, was du getan hast, das kannst du mir glauben. Ich brauche eine Frau, und zwar schnell. Und wie ich das sehe, bist du die geeignetste Kandidatin.“

„Ach, und du hast keine Angst, dass ich auf Liv einen schlechten Einfluss haben könnte?“ Sabrinas Stimme troff vor Sarkasmus.

„Ich habe gesehen, wie du mit Liv umgehst, und hege nicht den geringsten Zweifel an deiner Zuneigung dem Kind gegenüber. Außerdem ist sie an dich gewöhnt, und ich will nicht, dass sie mehr Veränderungen ausgesetzt ist als unbedingt nötig. Ich dagegen habe keine Erfahrungen mit Babys … und die Frauen in meinem Umfeld ganz sicher auch nicht. Außerdem war es Lauras und Ricks Wunsch, dass wir beide uns um Liv kümmern.“

Bei der Erwähnung der Frauen in seinem Umfeld machte Sabrinas Herz einen schmerzhaften Sprung. Natürlich wird er sich weiter mit ihnen treffen. Scheinehe nennt man das, was wir führen werden, dachte sie. Eine Scheinehe, dem winzigen hilflosen Wesen zuliebe, das da vor ihr im Kinderwagen lag. Natürlich würde es ihr an nichts fehlen, dessen war sie sich sicher. Die Marcolinis ließen sich nicht lumpen. Geld war in dieser Familie kein Thema. Seit dem Tod seines Vaters vor einem halben Jahr führte Mario die Geschäfte, obwohl er nicht der älteste Sohn war. Das war sein Bruder Antonio – ein renommierter Arzt für plastische Chirurgie, der weltweit Vorträge über seine Errungenschaften auf dem Gebiet der Gesichtsrekonstruktion hielt.

Welche Summen die Brüder geerbt hatten, vermochte Sabrina sich nicht einmal im Traum vorzustellen. Sie selbst hatte mit zehn Jahren ihre Mutter verloren und war danach in einer Pflegefamilie groß geworden, die zwar nicht in ärmlichen, aber doch bescheidenen Verhältnissen lebte. Für notwendige Anschaffungen musste lange gespart werden, und an Luxusgüter war gar nicht zu denken. Mit sechzehn Jahren war Sabrina überhaupt zum ersten Mal in einem Restaurant gewesen. Wochenlang hatte sie damals etwas von ihrem selbst verdienten Geld zurückgelegt, das sie sich mit Babysitten verdiente.

Mario Marcolini hingegen hatte wahrscheinlich schon als Säugling einen Sternekoch gehabt, der ihm den Babybrei zubereitete. Allein der Anzug, den er trug, ein Designerstück, war ein Vermögen wert. Und die Armbanduhr kostete wahrscheinlich so viel wie ihr Auto. Alles an ihm zeugte von Geld, Macht … und Arroganz. Sabrina betrachtete sein energisches Kinn, seinen Mund … Sie wusste aus eigener Erfahrung, wie sinnlich diese Lippen sein konnten, zweifelte aber nicht daran, dass mit ihm nicht gut Kirschen essen war, wenn man seine Pläne durchkreuzte.

Ein leises Wimmern aus dem Kinderwagen riss Sabrina aus ihren Spekulationen. Es war Zeit, Liv zu füttern. Behutsam nahm sie das rosa Bündel aus dem Wagen. „Na, meine Süße. Hast du Hunger?“

„Darf ich sie mal halten?“

Verblüfft drehte Sabrina sich um. „Aber natürlich“, erwiderte sie und legte Mario das Kind in den Arm.

Sie beobachtete ihn, wie er Liv an sich drückte. Wie winzig das Baby in seinen starken, muskulösen Armen wirkte. Ein versonnenes Lächeln umspielte seine Lippen, während er auf die Kleine hinunterblickte. Zart streichelte er Livs Wange. „Ciao, piccola. Meine Süße, ich bin dein neuer papà“, flüsterte er.

Erstaunt registrierte Sabrina, wie verwandelt Mario plötzlich war. Sein Zynismus war verflogen. Stattdessen lag ein zärtlicher Ausdruck in seinen Augen. Wenn er mich nur einmal so ansehen würde, dachte Sabrina. Sofort rief sie sich jedoch wieder zur Ordnung. Wahrscheinlich liegt es an dem Heiratsantrag. Der hat mich wohl etwas aus der Fassung gebracht. Natürlich lag ihr Livs Wohl am Herzen, aber das? Ein Gefühl überkam sie, als hätte sie sich beim Schwimmen zu weit hinausgewagt, dorthin, wo gefährliche Untiefen lauerten.

An ihn gebunden zu sein bedeutete viel mehr, als nur zusammen zu wohnen und gemeinsam ein Kind großzuziehen. Trotz seiner gegenteiligen Beteuerungen würde sich ihr Leben völlig verändern. Er konnte ihr noch so sehr versichern, dass es sich nur um eine Scheinehe handelte, die Gefahren waren ihr nur allzu deutlich bewusst.

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