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Und zwischen uns ein Jahr

Prolog

Sie spürt die drei Wörter noch immer auf ihrer Brust, obwohl er sie nur ganz zart mit dem rechten Zeigefinger auf ihr Shirt geschrieben hat.

Drei Wörter, zwölf Buchstaben, und die Welt brennt.

Sie muss sich schützen vor dieser brennenden Welt, muss die Flammen ersticken, bevor es zu spät ist. Sie darf ihm nicht vertrauen, darf diesen drei Worten keinen Glauben schenken.

Sie hat dafür gesorgt, dass niemand ihr zu nah kommt, hat sich eingerichtet in ihrer Einsamkeit. Unverletzbar muss sie sein. Nie wieder Verlust, nie wieder Schmerz spüren. Nie wieder Vertrauen haben, nie wieder verlassen werden.

Vor noch nicht einmal einem Jahr war sie ein behütetes Mädchen gewesen, kaum vierzehn Jahre alt, schüchtern und unerfahren mit Jungs.

Wie hätten sich die drei Wörter auf ihrer Brust in dieser heilen Welt angefühlt?

Es wäre der Beginn gewesen und nicht das Ende.

Aber die heile Welt gibt es nicht mehr. Nichts ist sicher.

Und dennoch wird sie niemals den Moment vergessen, als sein Finger sanft über ihre Brust fuhr und diese drei Wörter schrieb. Heiß vor Glück war ihr gewesen, und für einen Augenblick, als sie die Treppe hinauflief und den Geschmack dieser süßen Wörter überall spürte, hatte es nur sie und ihn gegeben. In diesen paar Sekunden wäre alles möglich gewesen.

Eins

Angekommen. Ich stehe vor einem großen, fast herrschaftlichen Landhaus. Paris scheint hier weit weg zu sein. Fabienne, die Schwester meines Vaters, lebt hier schon seit einigen Jahren. Sie selbst öffnet mir die Tür, breitet theatralisch die Arme aus, küsst mich mit ernster Miene erst links, dann rechts und führt mich in den Garten. Festlich gedeckte Tische, an denen noch niemand sitzt. Die Gäste, um die vierzig insgesamt, die meisten von ihnen im Alter meines Vaters, stehen in kleinen Gruppen beieinander. Auf den ersten Blick sehe ich kein bekanntes Gesicht. Ein paar Kinder laufen über die Wiese, zwei Jungen versuchen eine üppige Kastanie zu besteigen. Buntes Treiben. Das Haus ist direkt am Wasser gelegen. Meine Tochter Viva kommt strahlend auf mich zugelaufen.

»Mama, das ist schön hier! Ich will Boot fahren.«

Zu schön hier. Zu fröhlich. Das ist ein Sommerfest. Keine Gedenkfeier. Was machen wir hier eigentlich? Ich fühle mich falsch hier, verloren unter all den festlich gekleideten Menschen, fast alles Fremde. Zwischen ihnen wandeln lächelnde junge Damen mit Tabletts voller perlender Champagnergläser. Unpassend, deplatziert. Sind wir hier auf einer Vernissage oder was? Mein Vater ist gestorben, verdammt noch mal. Das hier ist eine Feier ihm zu Ehren. Kein Freudenfest.

»Nein, es wird kein Boot gefahren«, sage ich barsch zu Viva. »Dafür sind wir nicht hier.«

Ihre Mundwinkel zucken leicht, sie läuft weg. »Blöde Mama.« Sie hat Tränen in den Augen.

Viva hat recht, ich bin blöd. Sie ist fünf Jahre alt. Was fahre ich sie so an? Sie kann schließlich nichts dafür, dass mein Vater vor zwei Monaten plötzlich gestorben ist und ich es immer noch nicht fassen kann. Herzinfarkt mit siebenundsechzig. Einfach so. Paul war kein Risikokandidat, im Gegenteil. Er schien immer kerngesund zu sein und um einiges jünger als andere in seinem Alter. Aus heiterem Himmel brach er während eines Vortrags an der Uni zusammen. Er starb, noch bevor der Krankenwagen kam. Noch bevor ich kam. Gelegentlich war ich zu Vorträgen von ihm gegangen, warum nicht zu diesem? Ich hätte seine Hand halten müssen. Ich hätte mit ihm sprechen müssen. Er hätte nicht allein sein dürfen.

Jemand berührt leicht meinen Arm. »Entschuldigung«, sagt er leise. Es ist Serge. Wir haben uns ein Taxi hierher geteilt. Als wir ankamen, klingelte gerade sein Telefon, und so bin ich allein vorangegangen. Serge ist Leos Sohn aus erster Ehe. Danach hat Leo meine Mutter geheiratet. Die beiden sind ein Paar, seit ich zwölf bin. Tränen laufen über mein Gesicht, ich merke es erst, als ich Serge ansehe. Er führt mich die Wiese hinunter auf einen kleinen Bootsanleger. Von hier aus kann man den Garten nicht sehen, das bunte Treiben bleibt zurück, nicht einmal die Stimmen dringen bis hier hinunter.

»Hast du ein Taschentuch?«

Er schüttelt den Kopf. Ich fahre mir mit der Hand übers Gesicht, aber die Tränen sind schon getrocknet. Sicher ist meine Wimperntusche verwischt. Am Ende des Stegs setzt Serge sich und lässt die Beine übers Wasser baumeln. Seine Kleidung, schwarze Hose, schwarzes Sakko, dunkles Hemd, trägt er so lässig, dass man, trotz der Hitze, nicht auf die Idee käme, ein Trauerfall könnte der Anlass dafür sein. Ich stehe unschlüssig da. Wenn ich mich hier mit meinem eleganten schwarzen Kleid hinsetze, habe ich danach vielleicht nicht nur Flecken im Gesicht, sondern auch noch Holzspäne auf dem Hintern. Kommentarlos breitet Serge sein Sakko neben sich aus. Ich setze mich darauf. Die Beine angewinkelt, starre ich geradeaus.

»Deine Wimperntusche ist verwischt«, sagt Serge mit nüchterner Stimme.

Ich fahre mir mit der Hand übers Gesicht.

»Besser?«

Er sieht mich an, verbirgt ein Lächeln. »Es ist nur ein kleiner, schwarzer Fleck auf deiner Wange, warte kurz.«

Er lässt seine Hand ins Wasser gleiten und berührt dann leicht, nur mit den Fingerspitzen, mein Gesicht.

»Weg«, sagt er und wendet den Blick ab. »Keine Spur mehr von deiner Trauer.«

»Sehr witzig!«

»Entschuldige. Aber du warst so offensichtlich darauf bedacht, dass ich dir deine Tränen nicht ansehe. Warum, was ist so schlimm daran?«

Serge wirft einen Stein ins Wasser, dreimal hüpft er, bevor er versinkt.

»Das ist doch der Sinn dieser Veranstaltung, zu trauern und Tränen zu vergießen, oder?«

Ich bin mir nicht sicher, ob er das ernst meint oder ironisch.

»Und wo sind deine Tränen?«, frage ich, plötzlich wütend.

Zu meinem Erstaunen lächelt Serge.

»Ihm hätte es hier unten auch besser gefallen als da oben«, sagt er sanft. »Ich mochte ihn, deinen Vater.«

»Warum?«

»Er konnte gut zuhören.«

»Wie bitte?«

Mein Vater hat mich so gut wie nie nach meinem Leben gefragt. Er war nicht neugierig. Selbst für meine Arbeit interessierte er sich kaum. Obwohl ich für das Nachrichtenmagazin schreibe, das er regelmäßig liest. Las.

»Ich finde nicht, dass mein Vater der große Fragensteller war.«

Wieder hüpft ein Stein übers Wasser.

»Ich habe nicht gesagt, dass er viele Fragen gestellt hat. Ich habe gesagt, dass er gut zuhören konnte.«

Serge redend, Paul aufmerksam zuhörend. Ich stelle es mir vor, und seltsamerweise gelingt mir das sehr gut. Ich lasse meinen Blick übers Wasser gleiten, sehe erst jetzt die vielen kleinen Boote in der Ferne. Vielleicht tue ich ihm ja auch unrecht, meinem Vater.

»Ja, ich verstehe, was du meinst«, sage ich schließlich. »Das hatte ich leider nicht mit ihm.«

Wir sehen einander an. Seine Augen sind grün. Die Haare fallen ihm ins Gesicht. Eigentlich passen die einzelnen Teile nicht zusammen. Die schmalen Augen, die langen Wimpern, die große, etwas schiefe Nase, der sinnliche Mund. Eine andere Nase, und er wäre schön. Ein anderer Mund, und er würde hart, vielleicht gemein aussehen. Ich lächle in dieses Grün hinein, habe das Gefühl, dass meine Mundwinkel dabei zittern, und wende rasch den Blick ab. Warum irritiert er mich so?

Noch immer spüre ich seine Fingerspitzen auf meiner Haut. Dabei hat er doch nur einen kleinen Mascarafleck aus meinem Gesicht entfernt.

Eine Weile noch sitzen wir einfach nur da, ohne zu reden.

»Ich muss da wieder rauf«, sage ich schließlich. »Meine Kinder suchen mich bestimmt schon.«

Serge nickt. »Danke«, sagt er leise, als wir hinaufgehen. Ich nicke, als wüsste ich, wofür. Vielleicht für den Moment der Stille eben.

Im Garten finde ich Viva in Tränen aufgelöst auf Florians Arm. Er ist mein kleiner Bruder, der Sohn von Eva und Leo, einundzwanzig Jahre alt. Groß, schlaksig, strahlend braune Augen, ein jungenhaftes Grinsen. Der Held meiner kleinen Tochter. Seit unserer Ankunft gestern, Florian hatte uns vom Flughafen abgeholt, weicht sie nicht von seiner Seite. Mein Sohn Anton steht daneben, auch ungewohnt blass unter seinen Sommersprossen. Mit seiner sonst immer sehr gesunden Gesichtsfarbe und den blonden Haaren ähnelt er seinem Vater Johannes sehr. Selbst dieses Lächeln in den Augen haben sie beide gemeinsam.

Sie hatten mich alle drei gesucht und nicht gefunden. Ich nehme Viva und Anton fest in den Arm und sehe dabei Florian an, bedanke mich bei ihm.

Der Garten hat sich mittlerweile gefüllt. Einige sitzen an den Tischen, die meisten stehen, unterhalten sich, ein Glas in der Hand. Menschen, von denen ich behauptet hätte, ihnen noch nie in meinem Leben begegnet zu sein, kommen auf mich zu. Auf Französisch sagen sie mir, dass ich fast noch ein Baby war, als sie mich das letzte Mal gesehen haben. Es sind alles alte Freunde meines Vaters. Sie erzählen mir lange Geschichten von damals, als ich viel kleiner war als Viva jetzt. Alle sind herzlich, küssen mich links und rechts oder nehmen mich sogar in den Arm. Fremde Menschen. Einige haben Tränen in den Augen, ringen sogar um Fassung. »Dein Vater Paul war mir ein so guter Freund, ein Leben lang. Er hat immer viel von dir erzählt. Er war so stolz auf dich«, sagt ein Mann. Er spricht Deutsch mit französischem Akzent. Das Gesicht sagt mir nichts. Aber ich sehe große Trauer darin und erschrecke.

»Mama, wer ist das?« Viva zupft an meinem Kleid. Der Freund meines Vaters streicht ihr über den Kopf, sie weicht zurück, nimmt meine Hand. Ich beiße mir auf die Lippen. Das alles hier geht mir so nah und ist mir zugleich so fremd. Mit Viva an der Hand schaue ich mich nach vertrauten Gesichtern um. Ich sehe Eva, meine Mutter, etwas abseits mit Leo. Sie stehen eng beieinander, er neigt den Kopf zu ihr, sagt etwas, und Eva nickt lächelnd. Dann umarmen sie sich.

Plötzlich vermisse ich Johannes. Als er ein paar Wochen vor unserer Abreise erfuhr, dass er am Tag unseres Abflugs abends einen wichtigen Termin in der Kanzlei haben würde, überredete ich ihn, in Hamburg zu bleiben. Es reichte mir, dass er in Gedanken bei uns sein würde. Aber jetzt reicht es mir nicht. Er fehlt mir.

Viva wird ungeduldig, reißt sich von mir los und rennt auf Florian zu. Er fängt sie auf und wirbelt sie durch die Luft. Dann nimmt er sie Huckepack und läuft mit ihr auf einen der Tische zu. Dort sitzt schon Anton, der die beiden beobachtet und herzhaft lacht, als Florian ihm Viva in den Schoß fallen lässt.

»Und wenn sie verrecken würde, wäre das auch nicht mein Bier!«, sagt eine Stimme hinter mir, die wie Serges klingt. Erstaunt drehe ich mich um und sehe, dass ich recht habe. Er steht mit seinem Vater halb durch einen Baum verdeckt nicht weit entfernt und nimmt keine Notiz von mir.

»Mein Gott, Serge, es ist doch deine Mutter!« Leos Stimme klingt sanft, bittend.

Ich höre Serge leise lachen. »Du willst es einfach nicht kapieren, oder? Hör zu, Vater«, das Wort Vater lässt Serge wie ein Schimpfwort klingen, »ich mache die Show hier zwar mit, aber das heißt noch lange nicht, dass sich etwas geändert hat. Ich scheiße auf deine Ratschläge. Lass mich in Ruhe. Misch dich nicht in mein Leben ein. Nur so kommen wir miteinander aus. So oder gar nicht!«

Eine ganze Weile warte ich reglos auf Leos Antwort, aber es kommt keine. Schließlich wende ich langsam den Kopf und sehe ihn allein dort stehen. Ich lasse den Blick schweifen auf der Suche nach Serge und entdecke ihn neben Anton am Tisch sitzend. Er feixt mit meinen Kindern und macht Späße, als wäre nichts gewesen. Ich drehe mich um und gehe langsam auf Leo zu. Um ihn nicht zu erschrecken, spreche ich ihn schon an, als ich noch ein paar Schritte entfernt bin. Nun würde der offizielle Teil beginnen, sage ich. Er strafft die Schultern, blickt sich um und nickt lächelnd, als er mich sieht. Seine Augen sind blank vor Traurigkeit. Serges Werk. Verletzt und stehen gelassen. So würde ich mit meiner Mutter nie umgehen. ›Lass mich in Ruhe. Misch dich nicht in mein Leben ein.‹ Nun, meine Mutter mischt sich schon lange nicht mehr in mein Leben ein. Aber sie redet immer alles schön, auch unsere verdammte gescheiterte Familie, und schon oft hätte ich ihr gern die strahlende Maske vom Gesicht gerissen. Sie ist mir so fern, aber immer noch kann sie mich verletzen, immer noch lasse ich es zu. Serge offenbar nicht, er setzt Grenzen, ohne Rücksicht zu nehmen. Das beeindruckt und erschreckt mich gleichermaßen.

Leicht legt Leo seine Hand auf meinen Rücken und führt mich zu den Tischen. Die meisten Gäste sitzen bereits. Anton und Viva winken, sie haben einen Stuhl frei gehalten. Ich frage Leo nach meiner Mutter, ich kann sie immer noch nirgendwo entdecken. Sie habe sich kurz zurückgezogen, antwortet er. Sie sei etwas nervös wegen der Rede, die sie gleich halten wolle. Überrascht sehe ich ihn an. Ich habe gar nicht gewusst, dass sie eine Rede vorbereitet hat. Etwas irritiert mich daran.

Es beginnt mit Johann Sebastian Bach, Flöte in e-Moll. Plötzlich ist es ganz still, fast andächtig. Violoncello solo. Suite Nr. 1 G-Dur. Anton greift unter dem Tisch nach meiner Hand. Ich drücke sie sanft. Er schluckt, versucht zu lächeln, stattdessen kommen Tränen. Neun Jahre ist er alt, mein kleiner Held. Ich blicke zu Florian, auch ihm steht das Wasser in den Augen. Er sieht weg, lächelt etwas unbeholfen, streicht sich durch die kurzen Haare. Ich fühle mich seltsam verloren, der Szene entrückt. Ich spüre nur Antons Hand in meiner, sonst nichts.

Sie spielen etwa eine halbe Stunde. Danach ist die Atmosphäre völlig verändert. Vielleicht hat sie es extra so gemacht, die kluge Fabienne. Diese getragene Stimmung, diese Nähe zu Paul, alles ihm zu Ehren, ein letztes Mal das Gefühl, er ist da und kommt doch nie wieder. Diese Stimmung von Anfang an hätten wir alle nicht lange ertragen.

Auf die Musik folgt die Rede von Fabienne. Sie spricht viel über früher, ihre und Pauls Kindheit und Jugend in Frankreich, über die Eltern, meine Großeltern, die bei meiner Geburt bereits beide tot waren. Auch die darauffolgenden Reden alter Freunde von Paul erzählen von längst vergangenen Zeiten. Mein Gefühl, gar nicht richtig hier zu sein, bleibt. Alles ist so unwirklich. Dann erhebt sich meine Mutter und beginnt zu reden. Auch sie spricht über früher. Aber dieses Mal bin ich beteiligt. Sie erzählt, wie jung sie und mein Vater waren, als sie sich kennenlernten. Wie glücklich sie waren, als ich geboren wurde. Was für eine tolle Familie. Dass wir das auch blieben, als sie und mein Vater nicht mehr zusammenlebten. Immer füreinander da, oft auch zu dritt beisammen. Ich spüre Wut in mir aufsteigen. Große, fette Wut. Mein Herz beginnt zu klopfen, ich schlucke, atme schneller. Was fällt ihr ein? Sie hat sich von meinem Vater getrennt, als ich vier war. Klar, sie haben das Beste daraus gemacht, aber immer noch eine tolle Familie? Alles wurde totgeschwiegen, kein Wort darüber, warum Eva gegangen war. Ich weiß es bis heute nicht. Inzwischen ist sie in ihrer Rede bei Leo angelangt. Was für ein guter Freund ihr Paul auch nach ihrer zweiten Heirat geblieben sei. Wie sehr er sie unterstützt habe, als sie mit Leo von Hamburg nach München gegangen sei. Was sie für ein gutes Gefühl gehabt habe, mich bei Paul zu lassen. Dass wir alle zu einer großen Familie geworden und es bis heute geblieben seien. Was für ein guter Vater, was für ein guter Freund, was für ein gutes Gefühl. Worte, die zum Himmel stinken. Ich war vierzehn, als meine Mutter mit ihrem neuen Mann Leo nach München ging. Ich war noch ein Kind. Sie war mein Anker gewesen, nicht mein Vater. Bei ihr habe ich gelebt, nicht bei Paul. Trotzdem hat sie mich zurückgelassen, hat mir mein Zuhause genommen. Schöngeschwiegen haben sie es damals, meine Eltern. Und jetzt stellt sie sich wahrhaftig auf der Gedenkfeier meines Vaters hin und behauptet, wir wären damals alle zu einer großen Familie geworden. Verdammte Heuchlerin!

Plötzlich klirrt etwas in meiner Hand. Ich drücke zu, versuche festzuhalten, sehe Blut, Scherben. Anton und Viva schreien, Serge springt auf, um mir zu helfen. Ich habe das filigrane Weinglas zerbrochen. Eva hat aufgehört zu reden. Hektik. Jemand kommt mit ein paar Stoffservietten und wickelt sie um meine Hand. Ich zwinge mich zu einem Lächeln, versichere Anton und Viva, dass nichts passiert sei, nur ein kleiner Unfall. Viva schaut erschrocken auf die Servietten, das Blut sickert schon durch. Sie sieht blass aus, Antons Mundwinkel zucken. Florian nimmt beide in den Arm, plappert drauflos und lenkt sie ab.

»Das muss richtig verarztet werden«, höre ich Serge mit fester Stimme sagen. Er hilft mir hoch, begleitet mich ins Haus. Über die Schulter ruft er Florian etwas zu. Fabienne eilt herbei, geleitet uns in die Küche. Serge führt mich zu einem Stuhl, ich setze mich vorsichtig. Mir ist schwindelig, meine Beine zittern, ich fühle mich seltsam leicht.

Mit Johannes wäre das nicht passiert. Er hätte seine Hand zur rechten Zeit beschwichtigend auf meine gelegt. Er hätte die richtigen Worte gefunden, um meiner Wut den Wind aus den Segeln zu nehmen.

»Ich brauche ein Desinfektionsmittel, eine Pinzette, sterile Kompressen, Mullbinden und Verbandszeug. Eventuell auch ein Klammerpflaster«, sagt Serge ohne Zögern auf Französisch zu Fabienne. Sie stöckelt eilig los und rückt mit einer kompletten Erste-Hilfe-Ausrüstung an. Nachdem Serge ihr gedankt und versichert hat, dass wir gut allein zurechtkämen, verlässt sie eilig und sichtlich erleichtert die Küche.

Ich blicke weg, als Serge die Glassplitter aus meiner Hand entfernt. »Die Blutung geht schon zurück«, sagt er. Dann spüre ich mehrmals einen kurzen Schmerz, ein heftiges Ziepen. Auch wenn ich nicht hinsehe, merke ich, dass er es rasch und geschickt macht. Danach desinfiziert er die Wunde und drückt etwas Weiches in meine Handfläche, ich nehme an, eine Kompresse. Vorsichtig schließt er meine Finger darum. Es tut sehr weh, aber es lässt sich aushalten. »Kannst du die Hand wieder öffnen?«, fragt er. Langsam versuche ich es, spüre den Schmerz, aber ich kann all meine Glieder bewegen. Er fährt mit seinen Fingerspitzen leicht über die Innenfläche meiner Hand.

»Spürst du das?«

Ich nicke.

»Überall?« Er sieht mich aufmerksam an.

»Wie meinst du das?«, frage ich irritiert.

»Ich meine, ob es eine Stelle an deiner Hand gibt, die sich taub anfühlt.«

Ich schüttele den Kopf. »Nein, ich habe es überall gespürt.«

Bis in die Fußspitzen. Und auf meiner Wange, diese kleine Stelle von vorhin. Aber das sage ich natürlich nicht.

Eine ganze Weile ist es still, Serge arbeitet ruhig und konzentriert. Ich starre derweil auf Fabiennes Kücheneinrichtung. Viel Holz, wenig Glas, kein Chrom und Stahl. Eine Küche, um bei einem ständig vollen Glas Rotwein lange Gespräche zu führen und den Regen ans Fenster prasseln zu hören. Passt gar nicht zu Fabienne. Aber was weiß ich schon. Sie ist meine Tante, doch eigentlich ist sie eine Fremde für mich. Paul hat zwar gelegentlich von ihr erzählt, aber ich habe sie das letzte Mal gesehen als ich elf oder zwölf war. Nein, das stimmt nicht. Als ich nach dem Abitur eine Weile in Frankreich war, habe ich sie für ein paar Tage besucht. Damals wohnte sie noch mitten in Paris. Sie war sehr nett zu mir, und trotzdem hatte ich das Gefühl, dass sie froh war, als ich wieder abreiste. Mir ging es genauso. Sie ist ohne Zweifel klug und charmant, aber zugleich allzu affektiert und angestrengt. Ihr Getue nervte mich damals, und es nervt mich auch heute. Sie hat sich mit diesem Fest Mühe gegeben, und ich bin ihr dankbar dafür. Aber außer Paul verbindet uns nichts.

»Findest du, die Küche passt zu Fabienne?«

Serge blickt nur ganz kurz auf, zieht eine Augenbraue hoch, ich muss lachen. Dann ist es wieder still. Nur die Küchenuhr tickt laut, und aus weiter Ferne erklingen Stimmen aus dem Garten. Die Gäste werden inzwischen zu Abend gegessen haben.

»Fertig«, sagt er schließlich. Ich blicke auf meine verbundene Hand. Es pocht noch ein wenig darin, das ist alles.

»Woher kannst du das?«

Er zuckt die Schultern. »Von früher. Verlernt man nicht.«

Ich nicke, als würde das alles erklären.

»Danke.«

»Gern geschehen.«

Wir sehen einander an. Dieses Mal wende ich den Blick nicht ab, tauche ein in dieses Grün.

Ein Klingeln lässt mich aufschrecken. Es kommt aus meiner Handtasche, die auf dem Küchentisch liegt. Sicher Johannes. Wie selbstverständlich öffnet Serge meine Tasche, holt das Handy heraus und reicht es mir.

»Hi.«

»Na, Prinzessin? Wie geht’s?«

Ich blicke rasch zu Serge. Versteht er Johannes’ Worte? Er sieht mich an, deutet fragend zur Tür.

Ich schüttele den Kopf.

»Gut, ja. Alles o. k.«

»Klingt aber nicht so.«

»Doch, doch. Aber wir sind hier noch bei Fabienne, ich kann nicht so gut sprechen.«

»Es ist doch grad ganz leise da bei dir. Ich höre nichts im Hintergrund.«

»Ja, ich bin kurz in der Küche. Aber ich muss gleich zurück.«

»Du klingst komisch. Ich kenne dich. Irgendetwas ist doch.«

Ich stehe auf, will ein paar Schritte gehen, Serge den Rücken kehren. Aber ich falle gleich wieder auf meinen Stuhl zurück, meine Knie sind noch weich, meine Hand pocht.

»Alles gut. Wirklich. Lass uns morgen früh telefonieren.«

»Sie nerven dich alle, stimmt’s?«

»Ja. Du kennst doch Eva. Und das ganze Drumherum ist auch nicht besser.«

»Gut, Prinzessin«, sagt Johannes sanft und entschieden. »Dann hast du ja jetzt lange genug ausgehalten. Ruf dir ein Taxi, und fahr mit den Kindern ins Hotel.«

»Mach ich. Schlaf gut.«

»Du auch. Küss die Kinder von mir.«

Ich drücke auf die rote Taste, gebe Serge das Handy, und er legt es zurück in meine Tasche.

»Dein Mann«, sagt er. Es ist keine Frage.

»Ja, Johannes. Er wollte wissen, wie es mir geht.«

Ich sehe Serge an, lande wieder mitten im Grün seiner Augen.

»Und, wie geht’s dir?«, fragt er.

Ich würde gern sein Gesicht berühren.

»Gut«, sage ich, reiße mich los von diesem Grün und richte den Blick auf meine verbundene Hand.

»Du hast mich ja bestens versorgt.«

Er schiebt seinen Stuhl zurück und steht auf.

»Na, dann bleibe ich mal dabei und hole uns was zu essen.«

Schon nach ein paar Minuten kommt er mit einem vollen Tablett wieder. Darauf zwei Flaschen Bier, Besteck, zwei Teller mit diversen kalten Vorspeisen, Baguette. Erst jetzt merke ich, wie hungrig ich bin. Seit dem Frühstück heute Morgen habe ich nichts mehr gegessen. Serge öffnet die Bierflaschen und reicht mir eine.

»Danke, ich mag kein Bier.«

»Das war das Einzige, was es in Flaschen gab.«

Er sieht mich an, ohne eine Miene zu verziehen. Ich probiere ein Lächeln, und da breitet sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus. Er hält mir immer noch die Flasche hin. Schließlich nehme ich sie, stoße mit ihm an und probiere. Zu meiner Überraschung schmeckt es richtig gut. Mit nur wenigen Zügen trinke ich das Bier aus.

Serge hebt eine Augenbraue, sieht mich an.

»So bist du also, wenn du etwas nicht magst«, sagt er. »Dann möchte ich dich aber gern mal erleben, wenn du etwas magst!«

Ich starre ihn an, wende dann rasch den Blick ab.

Tust du doch gerade! Fast hätte ich es laut gesagt.

»Offenbar mag ich es doch«, antworte ich stattdessen, mit immer noch klopfendem Herzen.

Wir essen alles auf. Plötzlich bin ich schrecklich müde. Serge stellt das Tablett auf die Anrichte, räumt Teller und Besteck in die Spüle. »Ich rufe jetzt ein Taxi. Wollt ihr mitfahren?«

Ich nicke, dankbar, dass ich mich um nichts kümmern muss.

Kurz darauf sind wir auf dem Weg nach Paris. Ich sitze vorn, Serge mit den Kindern hinten. Mein Kopf ist wach, mein Körper so müde. Das Pochen in meiner Hand ist wieder stärker geworden. Ich drehe mich um. Viva und Anton schlafen tief und fest, beide mit dem Kopf an Serges Schulter gelehnt. Wir sehen einander an. Vorsichtig legt er den Arm um die beiden, schaut hinaus. Ich drehe mich wieder nach vorn. Aus dem Radio dringt leise ein französisches Chanson, alt und wehmütig, Jacques Brel vielleicht, La Chanson Des Vieux Amants. Es ist still im Auto. Ich lehne meinen Kopf ans Fenster, schließe die Augen, versuche, an nichts zu denken, aber ich bleibe bei unserer Hinfahrt hängen.

Viva und Anton wollten gemeinsam mit Florian fahren, und Leo schloss sich an. Eva hatte sich schon morgens auf den Weg gemacht, um Fabienne bei den Vorbereitungen zu helfen. Blieben also wir beide. Als wir nebeneinander im Taxi saßen, wurde mir bewusst, dass ich mich nicht erinnern konnte, je mit ihm allein gewesen zu sein. Meine Mutter ist jetzt zwar seit weit über zwanzig Jahren mit seinem Vater verheiratet, aber Serge und ich sind uns nur wenige Male begegnet. Plötzlich fragte ich mich, wie es eigentlich für Serge gewesen war, als Leo ihn und seine Mutter verließ und mit meiner Mutter nach München ging. Serge war damals genauso alt wie ich. Spontan platzte ich mit der Frage heraus. Serge sah mich nicht an und sagte lange nichts. Ich erschrak fast, als er schließlich doch zum Reden ansetzte.

»Ich habe mich für meine Mutter verantwortlich gefühlt«, erzählte er. »Ich war ständig an ihrer Seite, habe meine Freunde vernachlässigt, mich von ihr vereinnahmen lassen. Einmal bin ich zu Leo gegangen und habe ihm gesagt, dass sie immer so traurig sei, und gefragt, ob er nicht zurückkommen könne, weil ich es allein nicht schaffe. Er konnte mir nicht in die Augen sehen. Kein Wort hat er gesagt, um mir zu erklären, dass es nicht meine Aufgabe sei, meine Mutter glücklich zu machen, und nicht meine Schuld, wenn sie es nicht ist. ›Es tut mir leid. Ich kann nichts tun‹, war das Einzige, was er gesagt hat.«

Ich bekam eine Gänsehaut, als Serge mir das erzählte. Leo hatte Serge seinem Schicksal überlassen und sich seine Wunden bei Eva geleckt. Was wäre gewesen, wenn Serge es nicht geschafft hätte, ohne die Hilfe seines Vaters zurechtzukommen?

»Zwei Jahre später, mit vierzehn, als Leo mit Eva nach München zog, fing ich an, eigene Wege zu gehen. War immer seltener zu Hause, suchte mir neue Freunde, blieb über Nacht weg. Der Einzige, mit dem ich mich damals gelegentlich traf, war dein Vater.«

Seltsam, ich wusste nichts davon.

»Und dann?«, fragte ich.

»Dann kam die Schauspielerei. Ich begann, als ich sechzehn war. Sie hat alles verändert. Sie holte mich von der Straße, sie war ein Ventil. Hier konnte ich meiner Wut Ausdruck verleihen. Exzessiv sein. Leidenschaftlich.«

Ich erinnere mich noch daran, er wurde damals geradezu frenetisch als das neue Talent am Himmel gefeiert. Seine Paraderollen waren die jungen Getriebenen, nahe am Abgrund. Verlorene Helden. Ich habe mir damals alle seine Filme angesehen. Er hatte auf der Leinwand eine geradezu unheimliche physische Präsenz. Man spürte seinen Schmerz, seine Zerrissenheit und seine gewaltige Kraft, und man konnte sich dem nicht entziehen.

Abruptes Bremsen. Ich schrecke aus meinen Gedanken auf. Wir sind da, das Taxi steht vor unserem Hotel, Serge reicht dem Fahrer ein paar Scheine, der gibt ihm raus. Die Kinder schlafen immer noch. Ich habe nicht einmal mitbekommen, dass wir schon in der Stadt sind, bin völlig in meine Gedanken versunken gewesen. Benommen sehe ich Serge an. »Nimm du Viva, ich trage Anton nach oben. Geht das mit deiner Hand?«, fragt er. Ich nicke. Als ich unsere Zimmertür aufschließe, nimmt Serge mir Viva ab, geht voran und legt beide Kinder aufs Bett. Mit einem kleinen Seufzer dreht sich Viva auf die Seite und schmiegt sich dabei an Anton. Beide schlafen immer noch tief und fest. Nur das matte Licht der Straßenlaterne scheint durchs Fenster, sonst ist es dunkel im Zimmer. Serge und ich stehen nebeneinander. Ich höre seinen Atem. Ich spüre seine Nähe. Es fühlt sich an, als würde er mich berühren. Als würden seine Hände über meine Haut gleiten. Nicht nur über meine Wange und meine Handfläche, sondern über meinen ganzen Körper. Dann macht Serge eine Bewegung, der Moment ist vorbei.

»Ich geh dann mal.«

Seine Hand streift kurz meine Schulter, und schon ist er auf dem Weg zur Tür. »Schlaft gut«, sagt er, ohne sich noch einmal umzuwenden. »Du auch«, rufe ich ihm leise hinterher, aber die Tür ist schon ins Schloss gefallen. Als ich es endlich geschafft habe, mich mit einer Hand abzuschminken und aus- und anzuziehen, als ich endlich im Bett neben Anton und Viva liege, bin ich steif vor Erschöpfung und finde es zutiefst tröstlich, ihre Wärme zu spüren.

***

Morgens weckt mich das Zimmertelefon. Florian ist dran. Er habe Viva gestern versprochen, dass er heute eine Bootstour mit ihr machen würde. Was ich davon hielte, wenn wir das zu fünft, gemeinsam mit Serge, machen würden. Eva und Leo, setzt er nach einer Pause hinzu, hätten andere Pläne. Ich bin noch schlaftrunken. »Wie spät ist es überhaupt?«, frage ich mit belegter Stimme. »Ich bin noch gar nicht richtig wach.« »Schon zehn«, antwortet Florian. »Komm schon, Paris wartet!« Langsam schaltet sich mein Gehirn ein. Ich würde Serge wiedersehen. Ich müsste meiner Mutter nicht begegnen. Freude und Erleichterung. Aber ewig kann ich es nicht aufschieben. Ich muss heute mit ihr sprechen. »Kommen Eva und Leo dann später hinzu?«, frage ich. »Serge lädt uns heute Abend alle zum Essen ein. Im Marais-Viertel.« Wann haben sie das bloß alles besprochen? Ich willige ein. Wir verabreden uns für 11.00 Uhr unten in der Lobby. Anton und Viva schlafen noch tief. Ich gehe ins Bad, stelle mich vor den Spiegel, schaue mich an. Schmales Gesicht, etwas blass. Dunkles Haar, das mir bis über die Schultern reicht. Große Augen, dunkelbraun, leichte Ringe darunter, der Tribut an den Abend gestern. Keine Falten. Wie lange noch? Immer öfter sehe ich Leute in meinem Alter, die alt aussehen. Richtig alt. Sie haben Falten um die Augen, um den Mund, am Hals. Das werde ich auch irgendwann haben. Irgendwann, demnächst, morgen.

Mein Blick fällt auf meine rechte Hand. Jetzt ist es mir peinlich, dass ich für so viel Aufsehen gesorgt habe. Ein geradezu theatralischer Auftritt, gar nicht meine Art. Zugleich gefalle ich mir darin, mich endlich einmal nicht beherrscht und meiner Mutter damit die Show verpatzt zu haben. Eva und ihre Shows, ich werde künftig nicht mehr darin mitspielen, auch nicht als Gast.

Als ich mit Anton und Viva in die Lobby komme, sind Florian und Serge schon da. Von weitem sehen sie gleichaltrig aus. Beide groß, schlaksig, in abgewetzten Jeans, Turnschuhen, T-Shirts, die ihnen aus der Hose hängen. Zwischen ihnen steht ein prallgefüllter Rucksack. »Verraten wir nicht«, sagen sie, als die Kinder natürlich wissen wollen, was darin ist. Dann flüstert Florian Viva etwas ins Ohr, und sie strahlt. Wir fahren mit der Metro zum Bootsverleih. Die Stimmung ist fröhlich, alle reden durcheinander, die Kinder lachen ausgelassen. »Und wie geht es Lucy?«, fragt Florian an Serge gewandt.

»Gut«, sagt der lächelnd. »Sie ist gerade in Zürich, zu einem Gastspiel.«

Lucy ist Serges Freundin. Sie ist Theaterschauspielerin, laut Eva eine sehr gute. Serge und Lucy. Ich kann ihn mir gar nicht mit einer Frau an seiner Seite vorstellen.

Als wir schließlich zu fünft im Boot sitzen und über die Seine gleiten, gelingt es mir zum ersten Mal, seit wir in Paris sind, zu entspannen. Ich spüre die Sonne auf meinem Gesicht, es ist Mitte Juni, ein strahlender Tag. Die typischen Pariser Häuser und das bunte Treiben auf den Boulevards gleiten an uns vorbei. Die Trauer ist weit weg, die Kinder kreischen vor Lachen, Serge und Florian tun so, als müssten sie durch Blei rudern und würden mit letzter Kraft vorwärtskommen, sie ächzen und stöhnen, sind beide sehr überzeugend, vor allem Serge. Zunächst lachen die Kinder nur befreit, dann werden sie unsicher, sie schwanken zwischen Lachen und Angst, Anton greift schon ins Ruder, um zu helfen, Vivas Lachen wird schriller, da ruft Serge: »War nur ein Spaß«, und er und Florian rudern umso kräftiger. Die Kinder schreien auf, nachträglich entzückt über den Schreck. Viva stürzt sich auf Florian, der verliert fast das Gleichgewicht und wäre um ein Haar ins Wasser gefallen. Es ist das pure Leben. Hier und jetzt, das erste Mal auf dieser Reise, habe ich das Gefühl, mein Vater ist ganz in der Nähe. Es ist ein Gefühl der Freude, nicht der Trauer.

Ich lehne mich zurück, schließe die Augen. Die Stimmen und das Lachen auf dem Boot werden leiser, dann höre ich eine Weile nichts, nur ganz in der Ferne, gleite in einen Traum. Ich sitze im Flugzeug, und die Maschine hebt gerade ab. Hinter mir höre ich das unterdrückte Lachen von Viva und Anton. Ich drehe mich um und sehe Serge zwischen den beiden sitzen. »Wir haben ihn einfach mitgenommen«, sagt Anton, als wäre Serge ein Überraschungspaket, das sie an Bord geschmuggelt hätten.

Plötzlich spüre ich einen leichten Ruck und zucke erschrocken zusammen. Ein kurzer Moment, dann weiß ich wieder, wo ich bin. Als ich die Augen öffne, haben wir am Ufer angelegt. Ich blicke rasch zu Serge, erröte, als könnte er meinen Traum erraten. Aber er ist bereits vom Boot gesprungen und lüftet gerade mit Florian das Geheimnis des Rucksacks. Zunächst breiten sie eine Decke aus. Dann kommen diverse Köstlichkeiten zum Vorschein. Selbst an Teller und Besteck haben sie gedacht. »Wo habt ihr das denn alles aufgetrieben?«, frage ich verblüfft. »Wir haben das Personal bestochen«, antwortet Florian mit breitem Grinsen. »Bestochen oder verführt?«, entfährt es mir, und ich füge ein Lachen an, das mir sofort peinlich ist.

Jetzt spüre ich den Blick von Serge.

»Verführt!«

»Gut gemacht«, erwidere ich und blicke ihm in die Augen. Es ist ein Spiel. Wer hält dem Blick des anderen länger stand? Er gewinnt.

Es wird ein ausgiebiges Picknick. Danach liegen wir alle drei träge in der Sonne, und die Kinder spielen Fangen. Als ich ihre Stimmen nicht mehr höre, blicke ich auf und sehe, dass Viva auf Florians Bauch sitzt und ihn mit einer Blume kichernd an der Nase kitzelt. Nach einigem Suchen entdecke ich auch Anton. Er hockt ziemlich weit oben in einem Baum und winkt. Ich winke zurück.

Es dämmert bereits, als wir aus der Metro steigen und zurück zum Hotel gehen. Plötzlich ein Leuchten über uns, als hätte jemand Licht angezündet, und so ist es auch. Die Straßenlaternen sind angegangen. Es ist fast eine andächtige Stimmung, als würde Paris in diesem Moment allein uns gehören. Wir schweigen friedlich vor uns hin, selbst die Kinder sind still.

Zurück auf unserem Zimmer, rufe ich Johannes an.

»Marie, es ist schrecklich leer hier ohne euch«, sagt er sanft und ohne Einleitung. »Aber bald ist es geschafft. Morgen um diese Zeit seid ihr endlich wieder zu Hause.«

Ich stimme ihm zu und warte auf ein Gefühl der Vorfreude, das sich nicht einstellt. Endlich bin ich hier angekommen, jetzt will ich gar nicht morgen schon wieder weg. Ich erzähle Johannes von unserem Tag, auch von dem Zauber, der eben auf dem Nachhauseweg in der Luft lag.

***

Als wir uns zwei Stunden später in der Lobby wiedertreffen, ist dieser Zauber verflogen. Ich höre meine Mutter schon lachen, bevor ich sie sehe, und mein Magen krampft sich zusammen. Ich habe keine Ahnung, wie ich mit ihr reden soll. Ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit sie fortging, und nie haben wir geredet. Wie plötzlich damit beginnen?

Das Restaurant ist im Marais-Viertel in einer kleinen Gasse. Nur wenige Tische, keine Touristen, keine Karte, kein Name. Wunderbare Musik. Der Chef de Cuisine kommt an unseren Tisch, gibt Serge die Hand, klopft ihm auf die Schulter. Er erklärt uns auf Französisch die Speisekarte, spricht Empfehlungen aus. Außer Serge, Eva und mir versteht ihn keiner richtig. So dauert es eine Weile, bis wir bestellt haben.

»Schöne Musik«, sage ich an Serge gewandt. »Wer ist das?«

Er zuckt mit den Schultern. Er habe sie noch nirgendwo anders gehört, immer nur hier. Serge ist schon seit sechs Wochen in Paris. Als Leo ihm von der Ehrenfeier für meinen Vater erzählte, war er hier mitten in den Dreharbeiten zu seinem neuen Film. Vor ein paar Tagen ist sein Filmteam abgereist, und er ist geblieben, um bei Pauls Feier dabei zu sein. Ich frage mich, ob er wohl immer mit seiner Crew hier war und die Party geschmissen hat oder allein, zu nachtschlafender Zeit, in Gedanken versunken. Ich kann mir beides vorstellen, aber vielleicht sind auch beides nur dumme Klischees, schließlich kenne ich ihn kaum.

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