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Und wieder erwacht die Liebe …

Margaret Mayo

Und wieder erwacht die Liebe …

1. KAPITEL

Mit klopfendem Herzen stand Sienna vor der luxuriösen Wohnanlage, die am Ufer der Themse in einem Privatpark lag. Nur die wirklich Reichen konnten es sich leisten, hier zu wohnen. Und Adam gehörte definitiv nicht zu dieser Gesellschaftsschicht, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte.

Nachdem niemand auf ihr Klingeln reagierte, fühlte sich Sienna fast erleichtert. Es hatte sie eine Menge Mut gekostet, hierherzukommen. Gerade wollte sie wieder gehen, als Adams vertraute Stimme durch die Sprechanlage erklang.

„Sienna?“

Sein Ton war samtweich, dennoch schwang eine unterschwellige Härte darin mit. Sienna hatte damals alle Nuancen seiner Ausdrucksmöglichkeiten kennengelernt. Von verführerisch süß bis schneidend wie eine Rasierklinge. Ein Schauer lief ihr über den Rücken.

Erst jetzt bemerkte sie, dass eine Videokamera auf sie gerichtet war. Der Gedanke, dass Adam sie die ganze Zeit beobachtet hatte, ließ sie erneut erschauern.

„Adam!“ War das wirklich ihre Stimme? Nervös und krächzend, wo Sienna sich doch fest vorgenommen hatte, sicher und selbstbewusst aufzutreten. Und warum ließ er sie so lange hier draußen stehen, statt sie hereinzubitten? Vielleicht wollte er sie einfach nicht sehen! Immerhin waren inzwischen fünf Jahre vergangen. „Ich – ich muss mit dir reden.“ Ihr Mund war plötzlich ganz trocken.

„Nach all dieser Zeit? Interessant. Am besten, du kommst rauf.“ Das Tor vor der Gartenanlage öffnete sich, und Sienna ging mit langsamen Schritten zum Haupteingang hinüber, wo sie erneut von einer Videokamera erfasst wurde. Seufzend drückte sie den Klingelknopf und wartete.

Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bevor Adam reagierte. „Du siehst ungeduldig aus, Sienna.“

„Machst du dir ein Spiel daraus?“ Sie hörte ihren scharfen Tonfall, doch es war ihr inzwischen egal. Sie fing an, wütend zu werden, und bereute bereits, überhaupt hergekommen zu sein.

„Ich habe nur überlegt, was du hier wohl willst.“

„Wenn du mir nicht öffnest, wirst du es nie erfahren. Aber lass nur. Ich habe es mir anders überlegt.“ Sie drehte sich auf ihren hohen Absätzen, die sie größer und selbstsicherer wirken lassen sollten, um und wollte gehen.

„Warte!“

Mit einem Klick sprang die Tür auf.

„Oberste Etage, Penthouse. Der Fahrstuhl ist rechts von dir.“

Mit diesen knappen Anweisungen im Ohr ging Sienna zum Lift, der sie schnell und geräuschlos nach oben brachte. Die Fahrstuhltür öffnete sich, und sie trat in einen holzvertäfelten Flur mit dezenter Deckenbeleuchtung und polierten bronzefarbenen Bodenfliesen. In verschiedenen Ecken standen Pflanzen, und gegenüber dem Aufzug befand sich ein großer Spiegel.

Sie blickte in ihr versteinertes, blasses Gesicht. Die großen blauen Augen funkelten fast unnatürlich, das kastanienbraune Haar war in zerzaustem Zustand. Das nervöse Herumbeißen auf den Lippen hatte nicht viel von ihrem Lippenstift übrig gelassen.

Sie atmete tief durch, nahm Kamm und Lippenstift aus ihrer Handtasche, um sich wieder herzurichten, und zwang sich dann zu einem Lächeln. Kurz darauf öffnete sich eine Tür, und Adam kam ihr entgegen.

Seine Äußeres hatte sich dramatisch verändert: War er früher hager, ja fast zu dünn gewesen, hatte er nun einen muskulösen Körper mit breiten Schultern, schmalen Hüften und durchtrainierten Oberschenkeln, die sich unter seiner dünnen Leinenhose abzeichneten.

Woher hatte er all die Zeit genommen, seinen Körper so in Form zu bringen, wo sein Leben doch nur aus Arbeit bestand?

Er hatte nach wie vor dieses markante Kinn, das im Kontrast zu den fast sinnlich geschwungenen Lippen stand. Seine tiefblauen Augen, überwölbt von dicken Brauen, waren auf Sienna gerichtet. Seine schwarzen, lockigen Haare berührten den Hemdkragen und verlangten nach Kamm und Schere.

„Also – Sienna. Ich habe mich immer schon gefragt, ob ich dich je wiedersehen würde“, hallte seine tiefe Stimme ihr entgegen. „Ich muss sagen, ich bin beeindruckt. Wie hast du mich gefunden?“

Sienna hob die feinen Brauen. „Du bist zurzeit ziemlich präsent in den Medien. Nach einigen Erkundigungen hatte ich deine Adresse.“

Über all die Jahre hatte sie seine Entwicklung verfolgen können. War er früher nur ein einfacher Unternehmensberater gewesen, so kaufte er inzwischen angeschlagene Firmen auf, sanierte sie und veräußerte sie mit unfassbarem Gewinn. Mehr als einmal war er zum Manager des Jahres gewählt worden. Andererseits musste man ihm zugestehen, dass er sich viel für wohltätige Zwecke einsetzte.

Er zuckte die Achseln. „Ich wusste immer, dass ich meine Ziele erreichen würde.“

„Sehr bescheiden“, zischte sie. „Aber zu welchem Preis?“ Sein ständiger Antrieb, Millionen zu machen, war einer der Gründe gewesen, warum sie ihn verlassen hatte.

„Bist du gekommen, um über meine Erfolge zu diskutieren, oder geht es um Geld? Hast du deshalb bisher auf eine Scheidung verzichtet, weil es vielleicht noch lohnender werden könnte? Es tut mir leid, dir sagen zu müssen …“

„Deshalb bin ich nicht hier“, erklärte Sienna schnell, obwohl sie im Grunde verstand, warum er so etwas dachte. Es gab Frauen, die unter ähnlichen Umständen weniger zurückhaltend wären. Doch sie gehörte nicht dazu.

Sie hatte ziemlich kämpfen müssen in den letzten Jahren, doch ihr Stolz hatte es ihr verboten, Adam auch nur um einen einzigen Penny zu bitten. Und was die Scheidung betraf, hing sie an der Vorstellung, weiterhin eine verheiratete Frau zu sein.

Wenn es einen anderen Mann geben würde, hätte sie vielleicht ihre Freiheit verlangt, aber es gab niemanden. Und Adam ging es offenbar ähnlich.

Sie betrat das luxuriöse Penthouse. Eine große Fensterfront öffnete sich zu einer mit Schieferplatten ausgelegten Terrasse, die mit üppigen Pflanzentöpfen und gepolsterten Bambusmöbeln bestückt war. Der Blick auf die Themse war beeindruckend, doch Sienna konzentrierte sich schnell wieder auf den großzügigen Wohnraum.

Die Einrichtung war minimalistisch. Ein riesiges braunes Ledersofa, zwei dazu passende Sessel und mehrere Glastische. An der Wand hing ein gigantischer Flachbildschirm. Die Küche im Hintergrund ließ keine Wünsche offen. Sienna fragte sich, ob Adam sie schon jemals benutzt hatte.

„Bitte, setz dich.“ Adam deutete auf einen der Ledersessel, doch Sienna schüttelte den Kopf.

„Ich würde lieber nach draußen gehen.“ Obwohl es ein großer Raum war, empfand sie Adams Gegenwart als erdrückend. Merkwürdig, war er doch der Mann, der ihr so vertraut war wie kein anderer sonst.

„Wie du möchtest.“ Sie traten auf die Terrasse hinaus. „Wie wäre es mit einem Drink, oder willst du gleich zur Sache kommen?“

Eine bestimmte Härte lag in seiner Stimme und ließ Sienna innerlich erzittern. Adam hatte sich verändert. Er war immer schon ein getriebener Mann gewesen, der übermäßig viel arbeitete und jeden Abend der Erschöpfung nahe war. Doch jetzt strahlte er eine gewisse Kälte aus. Um dort hinzukommen, wo er jetzt war, hatte er ganz sicher seine Emotionen verdrängen und ziemlich rücksichtslos sein müssen.

Wie gut, dass sie sich rechtzeitig von ihm getrennt hatte.

„Etwas zu trinken wäre gut, danke.“ Ihre Kehle war wie ausgetrocknet. Das Ganze schien doch schwieriger zu sein, als sie es sich vorgestellt hatte.

„Tee? Kaffee? Oder etwas Stärkeres?“

„Ja.“ Sie brauchte jetzt etwas, das sie entspannte. Sonst würde sie wieder gehen, ohne ihm den Grund ihres Kommens mitgeteilt zu haben.

Sienna hatte nicht damit gerechnet, dass Adam sie so verunsichern würde. Ihr war klar gewesen, dass es nicht einfach werden würde, doch Adams coole Art machte es ihr verdammt schwer.

„Heißt das ein Ja für alles drei?“

„Ich meine, ich hätte gern … etwas Stärkeres.“

Seine Mundwinkel zuckten, doch er sagte nichts. „Wein vielleicht? Oder Brandy? Wie sehr brauchst du es?“

Sein Sarkasmus war ihr nicht entgangen. Sienna hob das Kinn, und ihre hellblauen Augen begegneten seinem Blick. Sie hatte fast vergessen, wie unglaublich gut er aussah, und einen kurzen Moment lang spürte sie einen heißen Schauer, der ihren Körper durchfuhr. Entsetzt vertrieb sie den Impuls.

Dieser Teil ihres Lebens war vorbei. Nicht ein einziges Mal, seitdem sie aus seinem Dasein verschwunden war, hatte er versucht, sie wiederzufinden. In ihren Augen ein Beweis, dass er nicht sonderlich enttäuscht oder gar besorgt gewesen war. Im Wesentlichen hatte ihr Weggehen ihm die Freiheit gegeben, täglich noch länger zu arbeiten und mehr Reichtum anzuhäufen. Aber im Leben gab es wichtigere Dinge als Geld.

Dieses Penthouse-Apartment war doch nichts weiter als ein Statussymbol. Warum sollte ein Mann allein in so einem Palast wohnen? Es sei denn, er nutzte es als Liebesnest. Aber noch nie hatte sie ihn in der Zeitung mit einer Frau im Arm gesehen. Entweder war er sehr diskret, oder aber er lebte nach wie vor nur für seine Arbeit.

„Wein wäre wunderbar. Danke.“

Als sie allein war, schloss Sienna die Augen und wünschte, sie hätte nicht das Bedürfnis gehabt, ihr Schweigen nach dieser langen Zeit zu brechen. Wenn sie auch nur einen Funken Verstand hätte, würde sie mit ihrem Anliegen herausplatzen und dann wieder gehen.

Doch diese praktische Vernunft schien sie verlassen zu haben. Sie dachte nur daran, wie sie beim Blick in Adams Augen dieses unwiderstehliche Verlangen in sich verspürt hatte, das sie immer empfunden hatte, wenn sie zusammen waren. Er war ein erstaunlicher Liebhaber gewesen, der ein Feuer in ihrem Körper auslösen konnte, das nie mehr zu erlöschen schien.

Doch nach ihrer Heirat hatte sich Adam schnell vom stolzen Ritter zum hart arbeitenden Ehemann entwickelt, der spät nach Hause kam und kaum ein Wort mit ihr wechselte, bevor er todmüde ins Bett fiel.

„Hier, bitte.“

Aus ihren Gedanken gerissen, sah sie ihn mit großen Augen an. Sein Blick ging ihr durch und durch. Adam war immer noch umwerfend sexy und löste drängendes Begehren in ihr aus. Verheerend! All die Jahre hatte sie sich eingeredet, ihn zu hassen. Warum musste ihr das jetzt passieren?

Es konnte sich nur um rein sexuelle Begierde handeln, denn sie liebte ihn definitiv nicht mehr. Wie könnte sie auch einen Mann lieben, der mehr mit seinem Job verheiratet war als mit seiner Frau?

Der Wein sah köstlich kühl und verlockend aus. Sie strich mit dem Finger über den feinen Kondensfilm, der sich auf dem Glas gebildet hatte.

Adam beobachtete sie mit zusammengekniffenen Augen, was ihr unangenehm war. Als hätte diese kleine Geste eine erotische Bedeutung, die vielleicht ihm gelten könnte.

Plötzliche Hitze durchströmte ihren Körper, und sie leerte mit einem großen Schluck fast das ganze Glas.

„Ist es so eine Qual, mich wiederzusehen?“

Sein schroffer Ton ließ sie zu ihm aufblicken. Sie sah seinen grimmigen Mund und seine eiskalten Augen.

„Warum rückst du nicht einfach mit der Sprache heraus?“

Wie sollte sie das anstellen? Erst einmal musste eine entspanntere Atmosphäre zwischen ihnen entstehen. Doch sich zu betrinken war auch keine Lösung!

„Du hast es sehr schön hier“, erwiderte sie stattdessen. „Wohnst du allein?“

„Wenn du wissen willst, ob ich eine Freundin habe, lautet die Antwort Nein. Du solltest mich besser kennen, Sienna. Meine einzige Geliebte ist meine Arbeit.“

„Also immer noch der Alte, arbeiten bis zum Umfallen.“ Sienna hob die Brauen. „Warum eigentlich, bei alldem hier?“ Sie zeigte auf das beeindruckende Interieur.

„Das ist genau der Grund, wofür ich arbeite. Ich brauche Sicherheit und schöne Dinge um mich herum.“ Seine dunkelblauen Augen fixierten sie. Ich habe auch noch eine Zweitwohnung in Frankreich und ein Apartment in New York. Es gibt mir ein Gefühl der Befriedigung.“

„Oder hast du einfach so viel Geld und weißt nicht, wofür du es ausgeben sollst?“, spekulierte Sienna abschätzig. Es war, als würde er ihr absichtlich seinen Reichtum unter die Nase reiben, um ihr zu zeigen, was sie sich hatte entgehen lassen.

„Wenn du hergekommen bist, um meinen Lebensstil zu kritisieren, schlage ich vor …“

„Darum geht es nicht“, schnitt Sienna ihm das Wort ab. Doch sie war noch nicht so weit, ihm den Grund ihres Kommens mitzuteilen. Es war ein derartig sensibles Thema, dass sie Adam erst in die entsprechende Stimmung bringen musste. „Es scheint nur irgendwie verrückt, dass du all diese Wohnungen besitzt und niemanden hast, mit dem du sie teilen kannst.“

„Möchtest du dich dafür anbieten?“ Er lächelte grimmig, während sich ihre Blicke trafen und einen Sturm von Emotionen in ihr auslösten.

Sie hatte geglaubt, dass ihre Gefühle für Adam Bannerman über die Jahre abgestorben wären. Sie wollte ihm gegenüber nichts mehr empfinden. Sie verachtete ihn und wäre bestimmt nicht hier, wenn es nicht absolut notwendig wäre.

Ihre Augen waren eisig, als sie mit tonloser Stimme das Wort ergriff. „Ich habe eine Vorstellung davon bekommen, wie es ist, mit einem Workaholic zusammenzuleben. Es macht nicht gerade Spaß, das kann ich dir versichern, und ich bin nicht überrascht, dass du keine Frau gefunden hast, die bereit ist, dein Leben mit dir zu teilen.“

„Möchtest du die Scheidung? Ich habe mich schon so manches Mal gefragt, warum du sie bisher nicht eingereicht hast.“

Der Sarkasmus in seiner Stimme zerrte an ihren angespannten Nerven.

„Dasselbe könnte ich dich auch fragen.“ Sie hob den Kopf und sah ihn herausfordernd an.

„Ich hatte nie Zeit oder Lust dazu“, erwiderte er betont lässig, ohne sie aus den Augen zu lassen. „Ich wusste, dass du eines Tages die Initiative ergreifen würdest. Allerdings hatte ich nicht erwartet, dass du gleich persönlich vor mir stehen würdest. Die Überraschung ist dir gelungen.“

„Es war ein Fehler“, entgegnete sie bissig. „Ich glaube, ich sollte besser gehen.“ Es war unmöglich, in diesem Augenblick den Grund ihres Besuchs anzuschneiden. Adam hatte ihr eindeutig zu verstehen gegeben, dass er mit seinem Leben zufrieden war und keine störenden Veränderungen wollte. Er tat ihr fast leid. Er würde als alter, einsamer Mann enden, wenn er weiterhin nur für seine Arbeit lebte.

„Du wirst meine Wohnung nicht eher verlassen, bis du mir erklärt hast, warum du gekommen bist.“ Sein Ton war scharf und autoritär. „Warum trinkst du nicht deinen Wein aus?“

Sienna starrte ihn an, während sie ihr Glas hob und den Rest herunterstürzte. „Bitte sehr, erledigt.“ Sie stand auf.

Adam erhob sich ebenfalls, und Sienna war froh, dass sie High Heels trug und somit fast so groß war wie er. Sie hob das Kinn und sah ihm in die Augen – ein erneuter Schauer der Erregung, den sie am liebsten ignoriert hätte, durchfuhr ihren Körper.

Warum musste ihr das gerade jetzt passieren? Lag es vielleicht daran, dass Adam der erste und einzige Mann war, in den sie sich je verliebt hatte. Ihr Körper schien nicht zu vergessen, obwohl sie fest davon überzeugt gewesen war, diese Gefühle überwunden zu haben.

Plötzlich befand sie sich in einer völlig unerwarteten und unmöglichen Situation. Adam hingegen schien nichts Derartiges zu empfinden. Sie konnte nicht glauben, wie eiskalt er war. Als hätte sie ihm nie etwas bedeutet.

„Warum bist du also gekommen?“

Sienna schloss die Augen. Es schien kein Zurück mehr zu geben. Wenn die Wahrheit ans Tageslicht kommen sollte, musste sie reden. Sie schuldete es Adam, sich selbst und – sie holte tief Luft.

„Ich bin gekommen, um dir zu sagen, dass du einen Sohn hast.“

2. KAPITEL

Adam war wie vom Donner gerührt. Sienna hatte ihm soeben verkündet, dass er einen Sohn hatte!

Einen Sohn!

Ein Junge, der inzwischen vier Jahre alt sein müsste!

In all den Jahren hatte sie nicht den Anstand besessen, ihm das mitzuteilen!

Er spürte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss und er den Impuls hatte, Sienna ins Gesicht zu schlagen und sie zu schütteln. Was zum Teufel hatte sie sich dabei gedacht, ihn so zu übergehen. Niemals hätte er sich vorstellen können, in eine solche Situation zu geraten. Es war unbegreiflich.

Eine Familie zu haben hatte ihn nie gereizt. Er liebte sein Leben, so wie es war. Ein Kind würde alles durcheinanderbringen. Die Frage war nur, warum Sienna sich ihm gerade jetzt offenbarte. Warum hatte sie ihm nicht damals, als sie schwanger war, etwas gesagt?

Seine Augen funkelten, als ihm eine mögliche Antwort auf diese Frage dämmerte. „Ich bin gar nicht der Vater, stimmt’s? Warum in Gottes Namen hättest du sonst so lange gewartet, es mir zu sagen? Es geht um mein Geld, nicht wahr? Du versuchst mich auszutricksen. Scher dich zum Teufel, Sienna. Ich will dich nicht mehr sehen!“

Noch nie im Leben war er so wütend gewesen. Wenn Sienna glaubte, so etwas Wahnsinniges mit ihm machen zu können, so hatte sie sich geirrt. Wäre das Kind wirklich von ihm, wäre sie bestimmt zu ihm zurückgekommen und hätte ihn mit seinen Pflichten konfrontiert. Keine vernünftige Frau würde ein Kind alleine großziehen, ohne sich Unterstützung vom leiblichen Vater zu holen. Hier konnte es sich nur um eine Lüge handeln.

Sienna straffte die Schultern und richtete sich auf, während ihre wundervollen blauen Augen zornig blitzten. Sie sah aus wie eine Tigerin, die sich schützend vor ihr Junges stellt. „Er ist definitiv dein Sohn.“

„Das sagst du!“ So leicht konnte sie ihn nicht zum Narren halten. Er hatte von Frauen gehört, die ihre ehemaligen Partner auf diese Weise ausgetrickst hatten und sie im Glauben ließen, das Kind sei von ihnen.

„Möchtest du einen Beweis?“, wollte sie wissen. „Das wäre leicht zu arrangieren.“

Sie hielt seinem Blick stand, und in diesem Moment sah Adam entwaffnende Ehrlichkeit in ihren Augen. Sein Misstrauen wurde unweigerlich in die hinterste Ecke seines Berwusstseins verbannt. Wenn er das Kind sehen würde, könnte er bestimmt sagen, ob es von ihm war oder nicht. Er selbst hatte große Ähnlichkeit mit seinem Vater, und mit Sicherheit würde auch er sofort erkennen, ob es sich bei dem Jungen um sein eigen Fleisch und Blut handelte.

Mit verschränkten Armen musterte er Sienna aufmerksam. „Wenn er wirklich mein Sohn ist, warum hast du es mir dann so lange verheimlicht?“ Seine Stimme hatte einen anklagenden Ton und drückte immer noch Misstrauen aus. Aber Himmel noch mal, sie konnte ihn doch nicht einfach mit einer solchen Nachricht konfrontieren und erwarten, dass er völlig gelassen darauf reagierte.

Sein Herz schlug hart in seiner Brust, und er musste erneut aufpassen, dass er Sienna nicht einfach packte und durchschüttelte. Warum um Himmels willen hatte sie so lange mit diesem Geheimnis gelebt?

In ihrem schwarz-weißen Top und der engen schwarzen Hose, die ihren wohlgeformten Po zur Geltung brachte, sah Sienna atemberaubend aus. Die hochhackigen Schuhe betonten ihre schlanken Beine. Ihr volles kastanienbraunes Haar, diese krönende Pracht, war jetzt kurz geschnitten und passte sich perfekt ihrem elfenhaften Gesicht an.

Sie sah ganz und gar nicht wie die Mutter eines energiegeladenen Vierjährigen aus. Ihr Outfit sprach eine andere Sprache. Sie war hergekommen, um eine Bombe platzen zu lassen – und das war ihr gelungen. Der Himmel über ihnen war blau und klar, doch in Adams Innerstem tobte ein Krieg.

„Mein erster Impuls, als ich meine Schwangerschaft bemerkte, war natürlich, es dir zu erzählen.“ Sie sah ihn fest an.

Es war dieses intensive Blau ihrer Augen, in dem er sich früher so verloren hatte. Augen, die ihm jetzt den Kampf ansagten und dabei dennoch unwiderstehlich schön waren.

„Aber da du mir unzählige Male erklärt hattest, dass du vorerst keine Kinder haben möchtest, wusste ich, dass es nur wieder unendlichen Streit zwischen uns geben würde.“ Sienna zuckte mit den Schultern. „Deshalb habe ich mich dafür entschieden, Ethan allein großzuziehen.“

Sie sah ihn immer noch unbeirrt an.

Ethan! Der Junge hieß Ethan! „Warum bist du dann jetzt hergekommen?“, fragte Adam barsch und ignorierte sein Unbehagen angesichts ihrer Worte. Es stimmte, er hatte nie Kinder gewollt und daraus auch kein Geheimnis gemacht. Doch hätte er niemals ein Kind verleugnet. Er hätte ihm all seine Liebe geschenkt und sein Leben verändert. Es wäre unausweichlich gewesen.

Aber hätte er das wirklich getan? Ihm war merkwürdig zumute bei dem Gedanken, dass er wahrscheinlich zutiefst verärgert darüber gewesen wäre, dass sein wohlgeordneter Alltag auf diese Weise gestört worden wäre.

„Du bist also nicht wegen meines Geldes gekommen.“ Er schob seine Gedanken für einen Moment beiseite. „Aus welch anderem Grund könntest du dann hier sein?“ Er konnte sich ihr Erscheinen partout nicht erklären. Der Schock saß ihm immer noch in den Knochen, und obwohl er keinen Alkohol trank, konnte er jetzt einen Brandy gebrauchen, um sein Gleichgewicht wiederzufinden.

Sienna senkte zum ersten Mal den Blick. Sie fühlte sich sichtlich unwohl. „Weil“, begann sie zögernd, „Ethan sehr krank war.“ Mutig schaute sie Adam wieder an, doch ihre Augen konnten den Schmerz nicht verbergen. „Er hatte Meningitis, und ich dachte, er würde sterben. In dem Moment wurde mir klar, dass ich dir unrecht getan hatte. Dein Sohn würde vielleicht sterben, und du hättest ihn nie gesehen.“

Adam spürte, wie sein Herz einen Schlag aussetzte und sein Körper schmerzte. Sein Sohn war dem Tode nahe gewesen, ohne dass er etwas davon wusste! Mit hochrotem Kopf näherte er sich Sienna und packte sie fest an den Schultern. Erschrocken zuckte sie zusammen. Doch das war ihm egal.

„Was für eine Mutter bist du eigentlich?“, knurrte er. „Du versagst deinem Sohn seinen Vater. Besonders in einer solchen Situation. Wie konntest du nur? Ich hoffe, dass es ihm jetzt wieder gut geht.“

Sienna nickte und schluckte mehrmals, entwand sich aber nicht seinem Griff. Traurig sah sie ihn an.

Tränen rannen ihr die Wangen hinunter, und Adam kämpfte mit sich. Einerseits hatte er den Impuls, sie zärtlich wegzuwischen, andererseits wollte er Sienna immer noch am liebsten durchschütteln.

Am Ende tat er weder das eine noch das andere. Er ließ Sienna los, zog ein Taschentuch hervor und reichte es ihr. Dann drehte er sich um und blickte auf die Londoner Skyline hinaus. Doch er sah nichts. Seine Augen waren blind vor Wut und Enttäuschung. Sein Sohn, sein eigen Fleisch und Blut, wäre beinahe gestorben, und er war im Unwissen gelassen worden.

Adam spürte einen Kloß im Hals. Ein seltenes Gefühl, das er nicht zu benennen wusste. Normalerweise war er nicht besonders emotional, ließ seine Gefühle nicht an sich heran. Die Härte des Berufslebens schlich sich manchmal auch in sein Privatleben ein. Doch Sienna hatte eine weiche Stelle in seinem Panzer gefunden und ihn mit dieser Neuigkeit schwer getroffen.

Zu akzeptieren, dass er einen Sohn hatte, war schon schwer genug, doch zu erfahren, dass das Kind beinahe gestorben wäre, machte ihn fertig. Lange stand er reglos da und starrte in die Ferne, bis Siennas Stimme ihn wieder zurückholte und er sich zu ihr umdrehte.

Ihre sonst fast türkisblauen Augen waren jetzt ganz blass. „Es tut mir leid“, flüsterte sie.

„Bitte sag mir eines.“ Er holte tief Luft und sah sie mit verzweifeltem Ausdruck an. „Hättest du mir je von seiner Existenz erzählt, wenn mein Sohn …“, der Name Ethan kam ihm noch nicht über die Lippen, „… nicht krank geworden wäre?“

„Ich weiß es nicht“, erwiderte Sienna leise, ohne den Blick von ihm zu wenden. „Ich weiß es wirklich nicht. Aber an deiner Reaktion sehe ich, dass ich das Richtige getan habe. Du interessierst dich nicht für Kinder, nicht wahr? Die Arbeit steht für dich immer noch an erster Stelle.“

Adam schwieg.

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