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Und wieder erwacht das Verlangen

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PROLOG

Mit düsterem Blick starrte Sander auf das Foto seiner Frau, klein und sexy in einem scharlachroten Abendkleid – und im Arm eines anderen Mannes.

Schockiert stellte er fest, dass er wütend war. Der Zorn fuhr gleißend durch ihn hindurch und machte ihn schwindlig, brannte ihn aus, sodass er sich seltsam leer und ausgehöhlt fühlte. Robert Miller also. Es sollte ihn nicht überraschen. Sander hatte ja schon vor zwei Jahren bei dem Wochenende auf Westgrave Manor merken können, dass Miller ein Auge auf Tally geworfen hatte. Genau wie er selbst. Trotz der schwelenden Wut schob er die Zeitung scheinbar achtlos zur Seite und sah seinen Vater mit Pokerblick an. „Ja? Und?“

„Wann wirst du endlich frei von ihr sein?“, fragte Petros Volakis säuerlich, so, als wäre eine Ehefrau, von der man getrennt lebte und deren Single-Leben von den Medien genauestens dokumentiert wurde, eine Schande für den Familiennamen.

„Ich bin frei.“ Zwar musste die Scheidung erst noch rechtsgültig werden, aber die Trennung war offiziell bekannt.

Für einen Moment wanderte seine Aufmerksamkeit wieder zu dem aufgeschlagenen Zeitungsartikel, und er fragte sich, warum er so heftig auf das Foto von Tally mit einem anderen Mann reagierte. Das Scheidungsverfahren lief, es war also nicht verwunderlich, dass sie wieder ausging. Trotzdem tobte ein Tumult in Sander. Warum? Vor der Trennung hatte Tally ihre Gleichgültigkeit ihm gegenüber wie ein Banner vor sich hergetragen. Sander war überzeugt gewesen, dass niemand ihre Barrieren durchbrechen konnte. Die Vorstellung, dass einem anderen Mann das gelungen war, wo er versagt hatte, fraß an ihm.

„Über dich berichtet man nicht mehr so oft in den Klatschspalten wie vor der Heirat“, bemerkte sein Vater mit einem Scharfsinn, den Sander ihm nicht zugetraut hätte.

„Ich bin erwachsen geworden“, konterte Sander trocken. „Und diskret.“

„Tally war eindeutig ein Fehler. Aber darüber wollen wir nicht mehr sprechen.“ Petros sah, wie sich der typisch sture Zug um die Mundwinkel seines Sohnes legte.

Sanders Miene war völlig ausdruckslos. Er hatte auch nichts zu sagen. Doch es wunderte ihn, dass seine Eltern, die beim Tod seines erstgeborenen Sohnes nicht das geringste Mitgefühl gezeigt hatten, sich tatsächlich einbildeten, seine Ehe ginge sie etwas an. Aber die Beziehung zwischen ihm und seinen Eltern war schon immer schwierig gewesen. Titos, sein älterer Bruder und Liebling der Eltern, war bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben gekommen, und es war allein Sander zu verdanken, dass Volakis Shipping sich von Titos’ katastrophaler Firmenleitung wieder erholt hatte. Trotzdem wurde er noch immer wie der ewige Zweite im Wettkampf um die Stellung der Söhne behandelt. Bei diesem Gedanken wurde Sander jäh bewusst, dass seinem kometenhaften Erfolg ein geradezu erbärmliches Privatleben gegenüberstand.

Im Gegensatz zu ihm hatte Tally sich rasant weiterentwickelt und genoss ihre neu erworbene Freiheit. Neues Zuhause, neues Geschäft, neuer Mann. Es machte Sander wütend. Er erinnerte sich an eine unschuldige Tally, an ein natürliches Mädchen, das kaum noch hatte atmen können, sobald er es geküsst hatte. Er ertrug den Gedanken von ihr im Bett mit Robert Miller einfach nicht. Und das schockierte ihn, denn bisher hatte er sich nie für eifersüchtig gehalten.

1. KAPITEL

„Wann ist eigentlich deine Scheidung von Volakis durch?“, fragte Robert Miller beiläufig.

Tally versteifte sich. Sie ahnte, dass die Frage keineswegs so harmlos war, wie sie klang. Sie blickte auf das Musterbuch, das vor ihr lag, und blätterte angestrengt darin. „In zwei Monaten.“

„Mir scheint es schon ewig zu dauern.“ Roberts Ungeduld war nicht zu übersehen. „Mir reicht es langsam, dass jeder annimmt, wir wären nur Freunde.“

„Wir sind Freunde, und du bist mein Geschäftspartner“, erwiderte Tally leichthin. Sie wusste, dass Robert sich mehr erhoffte, doch sie war sich nicht sicher, ob sie ihm das je geben konnte.

Inzwischen war es ein Jahr her, dass Sander und das, was von ihrer Liebe übrig geblieben war, Tallys Herz in tausend Scherben hatte brechen lassen. Und natürlich der Tod ihres gemeinsamen Kindes. Das Letzte, was sie brauchte, war ein Mann mit Erwartungen, die sie nicht erfüllen konnte. Ja, es machte Spaß, sich ab und zu mit Robert zum Essen zu verabreden und ihn manchmal zu anderen gesellschaftlichen Anlässen zu begleiten, aber sie war nicht bereit für eine feste Beziehung. Seine Freundschaft bedeutete ihr viel, und sie schätzte seine Hilfe und Unterstützung in ihrer Zusammenarbeit, doch noch hatte sie keinerlei Bedürfnis, die Sache noch enger werden zu lassen. Sander, dachte sie zerknirscht, scheint diese Art von Gefühlen in mir abgetötet zu haben.

Dabei war Robert groß, gut gebaut, mit dunklem Haar und blauen Augen – ein sehr attraktiver Mann. Als Software-Designer leitete er seine eigene erfolgreiche Firma. Vor neun Monaten hatte er Tally beauftragt, sein Apartment in den Londoner Docklands einzurichten. Dank der guten Presse, die sie durch diesen Job bekommen hatte, war Tallys neues Einrichtungsstudio schnell bekannt geworden. Sie hatte sich vor neuen Aufträgen und drängenden Kunden kaum retten können. Obwohl das Geschäft also wirklich gut lief, hatte sie keine Bank gefunden, die ihr für „Tallulah Design“ einen Kredit gewähren wollte. Die Zeiten waren hart für Selbstständige und neue Geschäftsgründungen. Darum war sie mehr als dankbar gewesen, als Robert ihr angeboten hatte, die nötigen finanziellen Mittel für Geschäftsräume und zusätzliches Personal zur Verfügung zu stellen. So war Robert vor einem halben Jahr ihr stiller Teilhaber geworden.

Am Nachmittag stellte Tallys Assistentin Belle ihr den Anruf ihres Anwalts durch.

„Man hat mich unterrichtet, dass das Haus in Frankreich, in dem Sie und Mr Volakis zusammen gelebt haben, zum Verkauf steht“, teilte er ihr mit. „Ich soll Ihnen ausrichten, dass Sie, falls noch Sachen in dem Haus sind, die Sie haben wollen, hinfahren und sie abholen müssen.“

Tally war bestürzt über diese Nachricht. Sie dankte dem älteren Mann für die Benachrichtigung und legte auf. Sie wollte nicht daran denken, dass das Haus, das ihr so am Herzen lag, verkauft werden sollte. Sie hatte das große alte Bauernhaus liebevoll eingerichtet und ihre Persönlichkeit mit hineinfließen lassen. Dort war sie glücklich gewesen. Sich vorzustellen, dass es einem anderen gehören würde, machte sie traurig. Ihr war nie in den Sinn gekommen, dass Sander es verkaufen könnte. Sie fand keine Erklärung dafür. Aber wäre es ihr denn lieber, wenn er mit einer anderen Frau dort wohnen würde? Ganz sicher nicht. Allein die Vorstellung ließ sie zittern. Doch sie unterdrückte diese Gefühlsregung energisch. Sie hatte so viel wichtigere Dinge verloren, da wäre es albern, einem Haufen Steine und den Erinnerungen an glücklichere Zeiten nachzuweinen.

Die Scheidung von Sander erwies sich inzwischen als ständige Herausforderung. Tally zog eine Grimasse, während sie in ihrem Terminkalender nachsah, ob sich noch an diesem Wochenende eine Reise nach Frankreich organisieren lassen würde. Sie wollte die Angelegenheit so schnell wie möglich hinter sich bringen. Eine zivilisierte Scheidung konnte man das wohl nicht nennen. Sander hätte ihr die Sachen auch nach England schicken können. Doch seit der Trennung war er ihr nicht auch nur einen Zentimeter entgegengekommen. Er weigerte sich beharrlich, sich mit ihr zu treffen oder mit ihr zu reden. Er hatte sie aus seinem Leben ausradiert, als hätte sie nie dazugehört.

Weil ich es bin, die ihn verlassen hat? Komm endlich darüber hinweg, Sander, dachte sie verärgert. Falls überhaupt, war sie stolz darauf, dass sie die Kraft gefunden hatte, aus einer Ehe auszubrechen, die beide Partner nur unglücklich gemacht hatte. Sie hatte die Statistiken gelesen. Nur die wenigsten Ehen überstanden den Tod eines Kindes. Auf der Fahrt zu ihrer Wohnung musste Tally die Tränen zurückblinzeln. Die Erinnerungen wollten sie überfallen, sie wehrte sich mit aller Macht dagegen. Sie war zwar über den schlimmsten Ärger hinweg, auch über das Selbstmitleid und die Verbitterung, aber die Trauer überfiel sie noch immer ohne jede Vorwarnung und legte sich wie eine drückende Decke auf sie. Dann dauerte es jedes Mal Stunden, bevor sie wieder normal funktionierte.

Sander hatte unter keinem solchen Problem gelitten. Ihn hatte die Trauer nicht reglos erstarren lassen. In den schrecklichen Monaten, in denen Tallys Leben zerbrochen und sie in eine tiefe Depression gestürzt war, hatte Sander Volakis Shipping in ein florierendes Unternehmen mit optimaler Profitmaximierung verwandelt und neue Frachtverträge mit zahlreichen asiatischen Firmen abgeschlossen. Vorsichtig geschätzt musste sich sein Vermögen während ihrer gemeinsamen Zeit vervierfacht haben, doch Tally würde keinen Penny von ihm annehmen. Sie war entschlossen, finanziell unabhängig zu bleiben und auf eigenen Füßen zu stehen, etwas, das ihre Mutter nie für erstrebenswert gehalten hatte.

Tally hingegen fand, dass sie nicht das Recht hatte, vom Vermögen ihres entfremdeten Ehemanns zu profitieren. Schließlich hatte Sander sie nur geheiratet, weil sie ein Kind erwartete und ihr Vater ihn erpresst hatte. Diese hässliche Wahrheit war wieder aufgekocht, als ihre Ehe in einer Krise steckte. In einer Beziehung, der eine echte Basis fehlte, hatte Tally entschieden, dass es unrealistisch war, zu hoffen, die Zeit würde die Wunden heilen. Und sie hatte sich die Frage gestellt, warum sie sich an einen Mann klammerte, der ihre Gefühle nie erwidert hatte. Das war für sie auch der hauptsächliche Grund, weshalb die Ehe zerbrochen war: Sander hatte sie nie geliebt. Ihrer festen Überzeugung nach war er froh, seine Freiheit zurückzuhaben.

„Bekommst du einen Anteil von dem Haus in Frankreich?“, wollte ihre Mutter wissen, als sie am Abend miteinander telefonierten und Tally ihr die Pläne für das Wochenende erklärte. Seit über einem Jahr hatten sie sich jetzt nicht mehr gesehen. Seit Crystal mit Roger, einem englischen Geschäftsmann, liiert war, und mit ihm in Monaco lebte.

„Du weißt doch, ich brauche Sanders Geld nicht …“

„Meiner Ansicht nach ist das sehr dumm von dir. Ich habe das Geld deines Vaters immer gebraucht, ich hätte gar nicht gewusst, wie ich sonst ausgekommen wäre!“ Tallys Vater, der griechische Geschäftsmann Anatole Karydas, hatte Crystal und seine unehelich geborene Tochter unterstützt, bis Tally die Ausbildung abgeschlossen hatte.

„Ich komme sehr gut allein zurecht“, erwiderte Tally.

„Sei vernünftig und denk an die Zukunft. Fahr mit einem Transporter rüber und räum das Haus leer!“, riet Crystal sofort. „Sander Volakis ist unverschämt reich, ihm werden ein paar Möbelstücke nicht fehlen. Du hast einen sehr reichen Mann sitzen lassen.“

Ihre Mutter war der festen Überzeugung, dass eine Frau an einem reichen Mann festhalten sollte, um finanziell abgesichert zu sein, das wusste Tally, und sie musste sich eine schneidende Bemerkung verkneifen. Auch wenn sie in vielerlei Hinsicht anderer Meinung als ihre Mutter war, liebte sie sie sehr. Allerdings war es Binkie gewesen – Mrs Binkiewisz, eine polnische Witwe –, die Tally mehr oder weniger aufgezogen hatte. Und so war es auch Binkie, die Tally am meisten vermisste, wenn sie Trost brauchte. Binkie war als Haushälterin für Tally und Sander mit nach Südfrankreich gekommen. Als die Ehe zerbrach, war die ältere Frau zurück nach England zurückgekehrt und hatte eine Stelle bei einer Familie in Devon angenommen.

Am Freitagnachmittag landete Tally auf dem Flughafen in Perpignan. Kaum dass sie in der Ankunftshalle stand, klingelte ihr Handy. Crystal verkündete ohne Einleitung, dass sie morgen nach London zurückkehren würde.

„Das kommt aber plötzlich. Ist etwas zwischen dir und Roger vorgefallen?“, fragte Tally vorsichtig. Aus Erfahrung wusste sie, dass das Liebesleben ihrer Mutter eine Tendenz zum Chaotischen hatte.

„Roger und ich haben beschlossen, uns zu trennen.“ Crystal klang regelrecht trotzig, und Tally war klug genug, um nicht weiter nachzuhaken. „Ich nehme an, dass ich bei dir unterkommen kann, bis ich etwas anderes für mich gefunden habe?“

„Natürlich!“, versicherte Tally sofort. „Ist alles in Ordnung mit dir?“

„Tja, nichts hält ewig“, meinte Crystal tonlos und beendete damit den Anruf. Offensichtlich war sie nicht in der Stimmung, weiter zu reden.

In ihrem roten Sommerkleid holte Tally den vorbestellten Mietwagen ab und fuhr ins Vorgebirge der Pyrenäen. Das alte Bauernhaus, das nur über eine kurvige Bergstraße zu erreichen war, begrüßte Tally mit seinem wunderbaren Anblick. Es lag sehr einsam zwischen Weinbergen und Obsthainen, umgeben von naturbelassenem Wald. Tally war nervös, als sie vor dem Haus mit der von Wein überrankten Veranda parkte. Der Anwalt hatte ihr versichert, dass er Sanders Vertreter über ihre Ankunft informieren würde, damit sie Zutritt zum Haus erhielt. Also klopfte sie an die Tür und wartete. Doch als niemand sich meldete, kramte sie in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel, den sie nie zurückgegeben hatte, und ließ sich selbst ins Haus.

In der gefliesten Diele hing der Duft von Lavendel und Bienenwachs. Überrascht sah Tally auf dem Seitentisch eine Vase mit frischen Blumen stehen. Scheinbar sollte das Haus so aussehen, als wäre es noch bewohnt, wohl um einen besseren Eindruck auf potenzielle Käufer zu machen. Es war seltsam, wieder in dem Haus zu sein, das sie vor über einem Jahr verlassen hatte, und all die Dinge zu sehen, die ihr so vertraut waren, als wäre sie nur über Nacht weg gewesen.

In dem großen Salon standen noch mehr frische Blumen, auf dem Kaffeetisch lagen die aktuellen Ausgaben einiger Einrichtungsmagazine. Die luftigen Vorhänge bauschten sich in der leichten Brise, die durch ein offen stehendes Fenster hereinwehte. Tallys Blick fiel auf die kleine Statue, die Sander und sie zusammen in Perpignan gekauft hatten, und ihr Herz zog sich zusammen. Sie erinnerte sich genau an jenen Tag. Damals war sie schwanger gewesen, ohne zu ahnen, welche Tragödie ihr bevorstand. Sie hatte Sander in den Ohren gelegen, sich mehr Zeit für sie beide zu nehmen, und so hatten sie den ganzen Tag zusammen verbracht. Sie hatten gelacht und geredet, sich einen langen Lunch gegönnt, waren dann in eine Galerie gegangen und hatten diese enorm sinnliche Statue eines Paars gesehen …

Mit hochroten Wangen kehrte Tally in die Gegenwart zurück. Erstaunlich, wie stark die Atmosphäre hier die Vergangenheit heraufbeschwor. Sie schüttelte sich leicht, um ihre Gedanken zu klären. Wollte sie die Statue wirklich mit nach London nehmen? Wohl eher nicht. Sie stieg die Eichentreppe hoch in die erste Etage, und ihr Herz begann zu rasen, als sie das Hauptschlafzimmer betrat. Sie erinnerte sich daran, wie es hier ausgesehen hatte, als sie gegangen war – überall verstreute Kleider, die sie hastig aus dem Schrank gerissen hatte, um dann nur einen Koffer zu packen. Jetzt spähte sie ins Ankleidezimmer und sah genau die gleichen Kleider ordentlich auf Bügel gehängt und säuberlich in Regalen gestapelt.

Verwirrt verließ sie den Raum und blieb wie erstarrt vor einer Tür beim Treppenabsatz stehen. Sie wurde bleich. Schweißperlen traten ihr auf die Stirn, und sie musste mehrere Male tief durchatmen, bevor sie sich durchringen konnte, die Klinke herunterzudrücken und die Tür aufzuschieben. Umso erstaunter war sie über das Bild, das sich ihr bot. Das Kinderzimmer, das sie mit solcher Liebe, Sorgfalt und Hoffnung auf die Zukunft eingerichtet hatte, gab es nicht mehr. Erschüttert glitt ihr Blick über die frisch gestrichenen Wände und neuen Schlafzimmermöbel. Nichts erinnerte mehr daran, wie es vorher gewesen war, aber die Erinnerung lebte in ihrem Kopf weiter, hatte sich dort eingebrannt. Und dann stellte sich Erleichterung ein, denn in den Monaten nach der Geburt, bei der ihr Sohn tot zur Welt gekommen war, hatte sie Tag um Tag in diesem Raum verbracht, wie ein spukender Geist, und davon geträumt, was hätte sein können.

Das dumpfe Dröhnen von Rotoren trieb Tally ans Fenster. Ein schwarzer Hubschrauber flog am blauen Himmel über das Tal. Sie musste daran denken, dass Sander sich in den letzten Monaten in Frankreich häufiger hatte fliegen lassen, wenn er geschäftlich unterwegs war. Weil er dann während des Flugs arbeiten konnte, so sein Argument. Damals war ihr längst klar, dass sie einen Workaholic geheiratet hatte, für den Zeit gleichzusetzen war mit Geld. Eine schwangere Frau und eine Ehe, die dringend Aufmerksamkeit gebraucht hätten, standen ganz unten auf seiner Liste. Natürlich wird er heute nicht kommen, dachte sie und öffnete einen Schrank, in dem noch immer die Koffer gelagert waren.

Sie würde ihre Garderobe zusammenpacken und sich danach im Haus umsehen, ob es vielleicht ein paar Dinge gab, ohne die sie meinte, nicht leben zu können. Bettzeug, in dem Sanders Duft hing. Der Gedanke schoss ihr aus dem Nichts in den Kopf, bevor sie etwas dagegen unternehmen konnte. Das ist nur dieses Haus, das mir so lächerliche Ideen eingibt, dachte sie verärgert. Solche Gedanken hatte sie schon ewig nicht mehr gehabt.

Tally verstaute gerade ihre Sachen in den Koffer – nicht sehr sorgfältig –, als das Brummen eines landenden Helikopters sie erneut zum Fenster zog. Die Maschine setzte gerade auf dem Boden auf, und durch die grünen Büsche erkannte Tally das rote Logo mit dem großen V für Volakis. Ihr Herz begann zu hämmern. Nein, Sander konnte es nicht sein, ganz bestimmt nicht!

Unwillkürlich wich sie von der Glasscheibe zurück, als ein großer dunkelhaariger Mann im Anzug mit langen Schritten auf das Haus zukam. Jetzt setzte ihr Herz einen Schlag lang aus. Die gezügelte männliche Ausstrahlung und Haltung konnten nur einem gehörten: Sander! Etwas, das sich gefährlich wie Panik anfühlte, packte nach ihr. Dann hörte sie die Haustür, und für einen Sekundenbruchteil dachte sie wirklich daran, sich im Schrank zu verstecken.

„Tally? Wo bist du? Ich bin’s, Sander“, hörte sie die quälend vertraute Stimme, die ihr wie eine spöttische Liebkosung über den Rücken fuhr.

Ihre Finger umklammerten das Treppengeländer, während sie zögernd die Treppe hinunterstieg, ein gekünsteltes schmales Lächeln auf den Lippen. „Hier oben. Ich packe. Was tust du hier?“

„So weit ich weiß, ist das noch immer mein Haus“, erinnerte er sie leise.

Mit zurückgelehntem Kopf unterzog er seine entfremdete Frau einer intensiven Musterung. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, dass er sie zuletzt gesehen hatte. Sofort fiel ihm auf, was sich an ihr verändert hatte, und es gefiel ihm nicht. Ihre Locken waren verschwunden. Sie trug das Haar in einem eleganten Chignon, eine Frisur, die sie älter aussehen ließ, und ihr Sommerkleid war formell genug, dass sogar seine Mutter es als passend für eine Lady empfunden hätte. Mit dem Make-up war sie wie immer sparsam und dezent umgegangen, hatte nur die großen grünen Augen etwas betont und die vollen roten Lippen. Und dann waren da noch die Sommersprossen, die sich über ihren Nasenrücken zogen … Ein seltsamer Druck lag auf seiner Brust. Er konnte nur daran denken, wie sehr ihm ihre rebellischen Locken und ihr jugendliches Styling gefallen hatten. Aber vielleicht mochte er es einfach nur nicht, wenn Leute sich änderten. Die Intensität seiner Reaktion behagte ihm nicht.

„Das hast du so geplant, oder?“, warf Tally ihm vor. „Es ist doch kein Zufall, dass du zur gleichen Zeit herkommst wie ich.“ Sie verbot sich zu bemerken, wie unglaublich attraktiv er war oder wie atemberaubend die langen dunklen Wimpern seine dunkelgoldenen Augen einrahmten. Trotzdem konnte sie den Blick nicht von ihm wenden. Die Panik wurde stärker, jagte ihr eine Gänsehaut über den Rücken.

Sie hasste Lysander Volakis für den Schmerz und die Enttäuschung, die er ihr zugefügt hatte. Früher hatte sie ihn geliebt, viel zu sehr, als für ihr eigenes Seelenheil gut war. Doch kurz nach der Hochzeit hatte sie erfahren müssen, dass er zu der Heirat mit ihr erpresst worden war. Und weil sie ihm seine Freiheit hatte zurückgeben wollen, war sie geflohen. Anstatt sie jedoch gehen zu lassen, war er ihr nachgekommen, hatte sie am Flughafen abgefangen und sie davon überzeugt, dass er genug für sie empfand, um ihrer Ehe eine Chance zu geben. Noch heute verachtete sie sich dafür, dass sie so schwach gewesen war und nachgegeben hatte. Damit hatte sie selbst ihr Leiden nur verlängert, denn für einige kurze Monate hatte er sie grenzenlos glücklich gemacht. Aber dann, auf der Höhe ihrer glückseligen Hoffnungen für die Ehe und mit der erwartungsvollen Vorfreude auf ihre Mutterschaft, war er nicht für sie da gewesen, als sie alles verloren hatte. Sie war aus dem warmen Sonnenlicht in die eisige Kälte des Winters verstoßen worden.

„Auf Zufälle habe ich mich noch nie verlassen.“ Mit seiner spöttischen Bemerkung holte Sander sie wieder in die Gegenwart zurück. „Natürlich wusste ich, dass du hier bist. Wir können die Habe gemeinsam aufteilen.“

Bei seinem herausfordernden Ton versteifte sie sich. „Ich halte das für keine gute Idee.“

„Warum? Weil Robert nicht einverstanden wäre?“

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst“, erwiderte sie tonlos. Bei der Spannung, die plötzlich in der Luft lag, war ihr alles andere als wohl. Sie kannte Sanders aufbrausendes Temperament zur Genüge.

Aber sie sah auch, dass er sich verändert hatte. Sein kometenhafter Aufstieg in der Geschäftswelt hatte die düstere Seite in ihm verstärkt. Seine Züge waren härter geworden, betonten seine Maskulinität noch. Sander wirkte einschüchternd und unerbittlich. Tally wunderte sich nur darüber, dass ihr Noch-Ehemann sich gab, als wäre er der Geschädigte. Er hatte ganz offenbar nicht die Absicht, Vergangenes ruhen zu lassen. Zum ersten Mal kam ihr der Gedanke, dass er sie wahrscheinlich für ebenso verantwortlich hielt wie sie ihn. Schon seltsam, dass sie erst im Nachhinein erkannte, dass sie mit ihrem Tunnelblick immer nur sich selbst als Opfer gesehen hatte. Hatte sie sich denn wirklich für die perfekte Ehefrau gehalten?

„Miller kann es unmöglich gefallen, wenn wir beide hier allein in diesem Haus sind“, behauptete er täuschend sanft.

Tally war versucht zu antworten, dass Robert Miller das überhaupt nichts anging. Doch damit würde sie verraten, dass ihre Beziehung zu Robert nur freundschaftlich und keineswegs intim war. Und warum sollte sie Sander diese Information auf dem Silbertablett servieren? Es würde ihn köstlich amüsieren, dass er der einzige Mann war, mit dem sie je geschlafen hatte – und das war immerhin vor gut anderthalb Jahren gewesen. Allerdings ging sie davon aus, dass er sich längst anderweitig umgesehen hatte. Bei dem Gedanken spürte sie einen bitteren Geschmack im Mund. Noch immer konnte sie die Vorstellung von Sander mit einer anderen Frau nicht ertragen.

„Robert würde sich nie erlauben, mir zu sagen, was ich zu tun oder zu lassen habe“, erwiderte sie trocken.

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