Logo weiterlesen.de
Und sei getreu bis in den Tod

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Kapitel 14
  21. Kapitel 15
  22. Ann Granger

Über die Autorin

Ann Granger gehört zu den profiliertesten Kriminalromanautorinnen Englands. Bekannt wurde sie mit ihrer Reihe um das liebenswürdige, exzentrische Detektivpaar Mitchell und Markby, mit der sie sich inzwischen auch in Deutschland ein großes Publikum erworben hat. Wie ihre Heldin Meredith Mitchell hat Ann Granger lange im diplomatischen Dienst gearbeitet und die ganze Welt bereist. Inzwischen lebt sie mit ihrem Mann in der Nähe von Oxford. DENN UMSONST IST NUR DER TOD ist der zweite Roman einer Reihe um die junge Detektivin Fran Varady.

Ann Granger

Und sei getreu
bis in den Tod

Mitchell & Markbys letzter Fall

Aus dem Englischen von
Axel Merz

KAPITEL 1

Die drei Umschläge lagen auf der Fußmatte unmittelbar hinter der Haustür. Der Postbote hatte sie mit der Sorglosigkeit eines Mannes durch den Briefkastenschlitz gestoßen, der keine Vorstellung hatte von den sich daraus ergebenden Konsequenzen. Er fuhr davon, und Kies wurde von den Reifen aufgewirbelt. Betsy, die alte schwarze Labradorhündin, schob die frische Post mit der Nase vor sich her und beschnüffelte sie misstrauisch. Als Alison langsam durch den Flur herankam, blickte die Hündin sie fragend an, mit besorgt erhobenen Augenbrauen, leisem Winseln und unsicherem Schwanzwedeln, alles zur gleichen Zeit.

Sie weiß es, dachte Alison. Sie spürt, dass etwas nicht stimmt und dass es mit der Post zu tun haben muss, auch wenn sie nicht wissen kann, was es ist. Man kann Menschen etwas vormachen, aber niemals einem Hund.

Sie ließ die Hand sinken und tätschelte den Kopf des alten Tiers. »Keine Sorge, Betsy. Alles ist in Ordnung.«

Betsy wedelte energischer mit dem Schwanz, halb beruhigt, und stieß den Kopf gegen Alisons Knie, als diese sich zu den Umschlägen hinunterbeugte. Einer davon war länglich, braun und sah offiziell aus. Jeremy konnte sich um die Probleme kümmern, die sich daraus ergeben mochten. Der zweite Umschlag sah aus, als stammte er von einer Kreditkartengesellschaft. Auch darin würden sich nur gewöhnliche Alltagsprobleme finden. Der dritte Umschlag jedoch war kleiner, weiß und quadratisch, und die gedruckte Anschrift lautete Mrs Alison Jenner. Alisons Herz stockte kurz und schien dann wie ein Stein in ihren Magen zu fallen. Ein kurzes Schwindelgefühl bemächtigte sich ihrer, ihre Knie gaben nach, und sie sank zu Boden und setzte sich neben Betsy, die Beine untereinander geschlagen wie zu einer plötzlichen Yoga-Meditationsübung. Einen Moment lang saß sie einfach nur da, die Augen starr auf den Umschlag gerichtet, bis die Hündin ihre feuchte Nase in Alisons Ohr drückte, gefolgt von einem zaghaften Lecken.

Es riss Alison aus ihrer Benommenheit, doch die beißende, schmerzhafte Bestürztheit war immer noch da. Genau wie der Umschlag. Noch einer, dachte sie. Bitte nicht! Doch es war einer, es war einer, noch so einer …

Für einen Augenblick verwandelte sich die Bestürzung in Empörung, in Zorn gegen den Schreiber. »Wie kannst du es wagen, mir das anzutun!«, rief sie laut in die Stille ihres Hauses hinein. Betsy neigte den Kopf und legte die pelzige Stirn erneut in besorgte Falten. »Du hast kein Recht, das zu tun!«, rief Alison, und die Worte hallten um sie herum.

Die Vergeblichkeit ihrer Empörung wurde ihr bewusst. Übelkeit stieg in ihr auf, füllte ihren Mund mit saurer, beißender Galle, die in ihrer Kehle brannte und faulig schmeckte. Sie schluckte ihre Wut herunter und sammelte die Umschläge auf. Dann erhob sie sich und ging, gefolgt von der alten Hündin, mit den Briefen ins Esszimmer. So laut und wütend zu schreien war noch mehr als nutzlos, es war gefährlich. Mrs Whittle könnte sie hören.

Das Zimmer war kühl und relativ dunkel. Die Sonne kam erst am Nachmittag zu dieser Seite des Hauses. Der Esstisch aus poliertem Eichenholz war bereits abgeräumt. Sie frühstückten nicht mehr so ausgiebig in diesen Tagen, Alison und Jeremy, lediglich Toast und einen Becher Kaffee. Der Tisch war eine von Jeremys Antiquitäten, vor langer Zeit erstanden, lange bevor Alison ihn kennen gelernt hatte. Seine dunkle Oberfläche mit den uralten Kratzern und Schrammen hatte wahrscheinlich mehr als eine Krise erlebt. Es war erschreckend, dachte Alison, wie unbelebte Objekte so viel überleben konnten, unter dem menschliche Wesen einfach zerbrachen. Sie warf die beiden länglichen Umschläge auf den Tisch und richtete ihre Aufmerksamkeit erneut auf den quadratischen weißen in ihren Fingern. Wenigstens war Jeremy nicht zu Hause. Er war mit dem Wagen nach Bamford gefahren, um ein paar Besorgungen zu machen. Er wusste nichts von den Briefen, und er durfte es auch niemals erfahren. Er würde etwas dagegen unternehmen wollen, und was auch immer es war, es würde die Sache verschlimmern. Alison riss den Umschlag auf und nahm das einzelne gefaltete Blatt hervor, das er enthielt. Die hasserfüllten Worte waren ihr inzwischen seltsam vertraut. Sie variierten selten, meist in nicht mehr als einem oder zwei Sätzen. Obwohl es nur wenige waren, erzeugten sie in Alison unermesslichen Schmerz und namenlose Angst.

Du hast sie umgebracht. Du hast Freda Kemp umgebracht. Du hast wohl geglaubt, du wärst davongekommen, aber ich weiss es, und bald wird es jeder wissen. Du wirst bekommen, was du verdienst. Du wirst dafür büssen.

»Warum tust du mir das an?«, flüsterte Alison jetzt. »Hasst du mich so sehr? Wenn ja, warum? Was habe ich dir getan? Wer bist du? Kenne ich dich? Bist du jemand, den ich für einen Freund halte, den ich regelmäßig sehe, mit dem ich mich unterhalte und scherze, mit dem ich zusammen esse? Oder bist du ein Fremder?«

Viel, viel besser, wenn ein Fremder dieses Gift verspritzte. Der Verrat durch einen Freund, der Gedanke, dass jemand, dem sie vertraute, ihr so etwas antun könnte, war so schmerzhaft, dass Alison zu begreifen meinte, was den Verrat des Judas so besonders schlimm gemacht hatte. Er war der Freund, der mit dem Verratenen zusammen am Tisch gesessen hatte. Alison konnte sich vorstellen, wie groß der Schmerz angesichts dieses Verrats gewesen sein musste. War der Schreiber dieser Briefe genauso ein lächelnder falscher Freund?

Eine weitere Frage brannte in ihren Gedanken. »Woher weißt du von alledem?«, fragte sie den unbekannten Schreiber. »Niemand in dieser Gegend hier weiß davon. Es liegt alles mehr als fünfundzwanzig Jahre zurück und hat sich viele Meilen von hier zugetragen. Hat dir jemand davon erzählt? Wer war es, und woher weiß er davon? Oder hast du einen Artikel in einer vergilbten Zeitung gelesen, mit der jemand eine Schublade ausgeschlagen hat? Ich war damals dreiundzwanzig Jahre alt! Ich bin, ich war damals unschuldig! Und jetzt kommst du daher und willst, dass ich für etwas bezahle, das ich nicht getan habe!«

Sie würde den Brief vernichten, wie sie die vorhergehenden vernichtet hatte. Doch ein weiterer würde kommen, und beim nächsten Mal war Jeremy vielleicht vor ihr da. Er würde den Brief nicht öffnen, nicht, wenn er an sie persönlich adressiert war. Doch er würde wahrscheinlich fragen, von wem er wäre, und dann würde sie ihn anlügen müssen. Sie wollte ihn nicht belügen. Bis jetzt war es ihr gelungen, dies zu umgehen, und sie hatte einfallsreiche Wege gefunden, um vor ihm beim Briefkastenschlitz zu sein. Weil die Post dieser Tage von Mal zu Mal später zu kommen schien, verbrachte sie die halben Vormittage damit, nach dem Knirschen der Reifen des Postautos zu lauschen, nach dem fröhlichen Pfeifen des Fahrers und dem Klappern des Briefkastenschlitzes. Manchmal, wenn das Wetter schön war, benutzte sie Betsy als Vorwand, um nach draußen zu gehen und den Postboten abzufangen. Sie zerrte den unwilligen alten Hund die Straße hinauf und hinunter, bis der kleine rote Postwagen erschien und sie ihn aufhalten konnte. Doch das war nicht jeden Tag möglich, ohne dass der Postbote misstrauisch geworden wäre. Er war jung, und sie wusste, dass er ihr Verhalten bereits eigenartig fand. Sie konnte es an seinem nachdenklichen Gesichtsausdruck erkennen. Wahrscheinlich hatte er bereits all seinen Kollegen im Depot erzählt, dass die Frau vom Overvale House nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte. Doch es war immer noch besser, wenn sich derartige Gerüchte verbreiteten, als wenn er irgendwann merkte, dass sie das Eintreffen der Post wegen irgendeiner darin enthaltenen Sendung fürchtete. Er war jung genug, um sich von seiner Neugier leiten zu lassen. Was möglicherweise dazu führte, dass die Existenz dieser Briefe bekannt wurde. Doch wie lange würde das noch weitergehen? Würde der Schreiber irgendwann des Katz-und-Maus-Spiels überdrüssig werden? Was würde er dann tun? Einfach mit den Briefen aufhören – oder seine Informationen publik machen, wie er es angedroht hatte?

Die Übelkeit kehrte zurück. Alison ließ den Brief auf den Tisch fallen, und die makellose Weißheit des Papiers stand in grellem Kontrast zu dem dunkel gewordenen Eichenholz. Sie rannte zur Toilette im Erdgeschoss und übergab sich heftig in die Kloschüssel, bis ihr Zwerchfell schmerzte. Hitze stieg brennend in ihr auf, und Schweiß brach ihr aus allen Poren. Sie spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht, um sich Linderung zu verschaffen, und wischte es mit einem Handtuch trocken. Sie schielte in den kleinen Spiegel und sah, dass ihre Haut zwar noch fleckig war, doch ansonsten sah sie einigermaßen normal aus – normal genug für Jeremy jedenfalls.

Jeremy! Sie hatte den Brief auf dem Esszimmertisch liegen lassen, und ihr Ehemann würde bald nach Hause zurückkehren! Alison rannte zurück ins Esszimmer.

Es war zu spät. Da ihr Kopf in der Kloschüssel gesteckt hatte, hatte sie seine Rückkehr nicht bemerkt. Jeremy stand am Tisch und hielt das kleine weiße Blatt in den Händen. Er blickte zu ihr, als sie eintrat.

»Wie lange geht das verdammt noch mal schon so?«

Es war Donnerstag. Gründonnerstag, um genau zu sein. Nach dem Mittagessen würde Meredith ihren Schreibtisch im Londoner Foreign Office aufräumen und für ein langes Osterwochenende nach Hause fahren, um erst am folgenden Dienstag wieder arbeiten zu gehen. Der Gedanke erweckte Hochstimmung in ihr. Das Wetter war die ganze Woche lang gut gewesen, und mit ein wenig Glück würde sich daran auch über die Feiertage nichts ändern. Sie würde Zeit finden, sich mit Alan zu entspannen, über das Haus zu reden, das sie kaufen wollten, und all die Dinge zu erledigen, die sie aufgeschoben hatte. Der Druck der Arbeit würde schwinden, und sie beide hatten die Pause nötig. Auf der anderen Seite des Raums packte Polly, mit der sie ihr geräumiges Büro teilte, bereits ihre Sachen zusammen. Meredith streckte die Hand nach dem Eingangskorb auf ihrem Schreibtisch aus, wo ein Sonnenstrahl auf eine einzelne dünne Akte fiel. Sobald sie diese bearbeitet hatte, konnte sie ebenfalls packen und wäre frei.

Der Sonnenstrahl erlosch abrupt. Jemand stand vor ihrem Schreibtisch. Meredith blickte auf.

»Toby!«, rief sie aus. »Woher um alles in der Welt kommst du denn diesmal wieder?«

»Peking«, antwortete Toby Smythe. »Ich hab gerade meine Dienstzeit dort beendet. Jetzt bin ich zu Hause und mache erst mal Urlaub, bevor sie mich wieder woanders hinschicken. Oder wenigstens hoffe ich, dass sie mich woanders hinschicken …« Seine Miene wurde ein wenig betrübt. »Ich hab mich heute Morgen um eine weitere Abordnung ins Ausland beworben. Ich will nicht für Ewigkeiten in London hinter einem Schreibtisch versauern wie du.«

Das war zwar nicht besonders höflich, doch es entsprach der Wahrheit. Meredith saß inzwischen seit einer ganzen Weile hinter ihrem Schreibtisch. Seit ihrer Rückkehr vor einer Reihe von Jahren aus der ehemaligen Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien genau genommen. Sie war dort Konsulin gewesen. Doch jetzt war sie nichts weiter als eine Sachbearbeiterin an einem Schreibtisch in diesem Raum. Das Jugoslawien, das sie gekannt hatte, war auseinander gefallen, und es schien ihr, als wäre ihre Karriere parallel dazu zum Stillstand gekommen. Trotz wiederholter Eingaben und Anfragen hatte man ihr keinen neuen längerfristigen Posten im Ausland angeboten, nichts außer einigen immer nur wenige Wochen dauernden Jobs als Ersatz für jemanden, der krank geworden war, oder als Verstärkung in einem Notfall. Zuerst war sie überzeugt gewesen, fest überzeugt, dass es irgendeinen geheimen Grund geben musste, warum sie in London festgehalten wurde, irgendeinen Grund, den sie niemals erfahren würde. Irgendwo war sie irgendjemandem auf die Füße getreten, oder sie hatte sich einen Ruf verschafft, der ihre Vorgesetzten unruhig machte. Doch nun hatten sich die Umstände geändert. Sie verspürte nicht länger das Bedürfnis, »aus dem Land zu flüchten«, wie Alan Markby ihr Verlangen, im Ausland zu arbeiten, stets zu beschreiben pflegte. Alan hatte nie gewollt, dass sie wegging. Sie lächelte vor sich hin bei dem Gedanken, dann hob sie den Blick und lächelte zu Toby auf.

»Es macht mir nichts aus, in London zu sein«, sagte sie. »Ich heirate im Sommer.«

Toby zuckte theatralisch zurück, beide Hände erhoben, die Handflächen nach außen gestreckt. »Doch nicht etwa den Kriminalbeamten, mit dem du schon seit einer Reihe von Jahren herumhängst?«

»Sein Name ist Alan«, sagte Meredith grob. »Und das weißt du ganz genau! Und ich habe nicht mit ihm ›herumgehangen‹, wie du es nennst!«

In der anderen Ecke des Büros lachte Polly auf. Meredith spürte, wie ihr Ärger verflog. Es war sinnlos, sich über irgendetwas aufzuregen, was Toby sagte oder tat. Toby war Toby, und die Osterferien standen vor der Tür, Herrgott noch mal.

»Dann hat es also keinen Sinn, wenn ich mir weiter Hoffnungen mache?«, fragte Toby. Er seufzte melodramatisch, und Polly kicherte.

»Du hattest noch nie einen Grund, dir Hoffnungen zu machen«, entgegnete Meredith. »Trotzdem, ich freue mich, dich zu sehen.«

»Ich konnte doch nicht ins Foreign Office kommen, ohne dich zu besuchen.« Toby stemmte die Hände auf den Schreibtisch und beugte sich vor. »Ich hatte überlegt, das heißt, falls du dich nicht nach Feierabend gleich in die Arme von Mister Recht und Ordnung wirfst, ob ich dich zum Mittagessen ausführen darf?«

»Nicht, wenn du ihn Mister Recht und Ordnung nennst!«

»’tschuldige. Komm schon, lass uns zusammen essen gehen. Ich verspreche, dass ich ihm keine respektlosen Namen mehr geben werde. Wir können uns unterhalten, über die alten Zeiten reden und …« Toby zögerte kurz. »Ich bin ziemlich froh, dass ihr noch zusammen seid, du und Markby. Weil ich nämlich ein Problem habe. Das heißt, nicht ich, sondern ein Freund von mir. Markby könnte ihm vielleicht einen Rat geben.«

Meredith schüttelte den Kopf. »Wenn dein Freund ein Problem mit dem Gesetz hat, dann sollte er sich vielleicht an einen Anwalt wenden. Alan ist keine Briefkastentante. Wenn es wirklich eine Polizeiangelegenheit ist, dann ist es noch einfacher. Dein Freund sollte zur nächsten Polizeistation gehen und dort mit jemandem reden. Alan kann sich nicht in fremde Zuständigkeitsbereiche einmischen. Wenn es eine Ermittlung wegen eines ernsten Verbrechens gibt, die außerhalb seines Gebiets stattfindet, dann muss er sich mit der lokalen Polizei arrangieren, aber das macht er bestimmt nicht wegen eines kleinen Problems, das ein Freund von einem Freund hat. Das weißt du ganz genau, Toby!«

»Ah«, entgegnete Toby unverzagt. »Aber das Problem liegt in Markbys Zuständigkeitsbereich. In eurer Ecke – deswegen ist er der ideale Ansprechpartner.«

Meredith seufzte. Toby war noch nie Alans Lieblingsbekanntschaft gewesen. Sie spürte instinktiv, dass eine Bitte, Toby zu helfen, auf taube Ohren stoßen würde. Doch Toby stand vor ihr und sah sie so voller Hoffnung an, und er war ein alter Freund. Man ließ alte Freunde nicht hängen. Sie musterte ihn. Ordnung war schon immer ein Fremdwort für ihn gewesen. Sein Anzug war so verknittert, dass es aussah, als hätte er den Flug von Peking nach London darin verbracht. Doch Toby gehörte nicht zu der Sorte von Leuten, die in einem Anzug reisten. Er hatte ihn wahrscheinlich in seinem Koffer zerdrückt. Der oberste Hemdenknopf war offen, und der Knoten seiner Krawatte hing fünf Zentimeter darunter. Plötzlich wurde Meredith bewusst, dass sie sich aufrichtig freute, ihn zu sehen.

»Natürlich gehe ich mit dir essen«, sagte sie.

Toby, der sich mental wahrscheinlich immer noch in Peking aufhielt, führte sie zu einem Restaurant in Chinatown. Es war voll, alle Tische besetzt, und die Kellner eilten hin und her. Die Aktivitäten und das Stimmengewirr ringsum bedeuteten, dass sie sich ungestört und vertraulich unterhalten konnten.

»Mal im Ernst«, sagte Toby, nachdem sie ihre Bestellungen aufgegeben hatten. »Meinen Glückwunsch und alles zu deiner bevorstehenden Heirat. Aber wieso hast du deine Meinung geändert? Ich weiß ja, dass er von Anfang an scharf darauf war, dich zu heiraten, aber ich hatte immer den Eindruck, dass du nicht wolltest.«

»Ich hab meine Meinung nicht geändert. Ich hab nur länger gebraucht, um mich zu entscheiden.«

Verdammt lange. Die Vorstellung zu heiraten, zur Ruhe zu kommen, hatte früher stets Panik in ihr aufsteigen lassen. Eigenartigerweise, nachdem sie sich endlich dazu entschlossen hatte, waren ihre Bedenken verschwunden.

»Das große Ereignis findet im Sommer statt, sagst du? Ich würde gerne auf deiner Hochzeit tanzen, aber mit ein wenig Glück hab ich bis dahin einen neuen Posten. Nein, sorry, das klingt, als wollte ich nicht kommen – du weißt, wie ich es gemeint habe. Wenn ich irgendwo in Europa bin, finde ich bestimmt einen Weg zu kommen – falls ich eingeladen bin, heißt das.«

»Selbstverständlich bist du eingeladen. Wir haben den Termin im Sommer gewählt, weil das Haus bis dahin nicht fertig renoviert ist. Wir kaufen nämlich das alte Vikariat in Bamford. Die Kirche will es seit langem verkaufen, und Alan war schon immer scharf darauf. Besonders auf den Garten. Aber es ist in einem grauenvollen Zustand. Wir brauchen eine neue Küche, ein neues Bad, neue elektrische Leitungen und müssen es von oben bis unten renovieren. Sicher kommen noch mehr Dinge hinzu, wenn wir erst einmal angefangen haben. Das ist immer so.«

»Und was passiert mit dem Vikar?«

»James wird in einen Ziegelkasten in einem Neubaugebiet umziehen. Die Kirche ist der Meinung, dass er dort näher bei seinen Gemeindemitgliedern ist. Hofft sie. James macht es nichts aus. Seine Haushälterin ist in den Ruhestand gegangen. Sie ist unglaublich alt. Niemand weiß, wie alt genau. Mrs Harmans Alter ist eine Art Staatsgeheimnis. Jedenfalls hat sie endlich die Schürze an den Nagel gehängt, und James muss sich nun selbst um sich kümmern. In einem neuen, kleineren Haus mit einer Einbauküche und einem kleinen Garten kommt er viel besser zurecht, und so sind alle glücklich und zufrieden. Bis auf die Tatsache, dass ich mich weigere, in einem Haus zu campieren, in dem Arbeiter die Treppen hinauf- und hinuntertrampeln. Ich wohne immer noch in meinem kleinen Reihenhaus in Bamford, und Alan wohnt in seinem Haus. Beide Häuser stehen zum Verkauf. Wer seines als Erster verkauft, zieht beim anderen ein. Wenn wir beide verkaufen, nun ja, dann wird uns wahrscheinlich nichts anderes übrig bleiben, als zwischen den Farbtöpfen zu campieren.«

»Ich hab immer noch meine Wohnung in Camden«, sagte Toby, als das Essen von einem gehetzten Kellner gebracht und unsanft vor ihnen abgesetzt wurde. Der Kellner hastete gleich wieder davon. »Sieht so aus, als wäre sie inzwischen obszön viel Geld wert. Ich kann es kaum glauben.«

Meredith manövrierte ihre Essstäbchen um eine Garnele und tauchte sie in die süß-saure Soße.

Toby nahm einen Bissen von seiner knusprigen Ente. »Jeder hat so seine Probleme – was mich zu meinem bringt, beziehungsweise dem meines Freundes.«

»Hör mal, Toby«, sagte Meredith entschieden. »Wenn es dein Problem ist, dann hör auf, so zu tun, als ginge es um einen Freund. Das wäre dumm, und ich will überhaupt nichts hören, es sei denn, du bist absolut offen zu mir. Das ist das Erste. Und das Zweite ist, dass ich dir nicht verspreche, mit Alan darüber zu reden. Ich biete dir lediglich meine Meinung an, das ist alles.«

»Einverstanden«, stimmte Toby zu. »Es ist nicht mein Problem, ehrlich nicht. Die Person, um die es geht – nun ja, er ist ein Verwandter. Jeremy Jenner. Er ist ein Cousin meines Vaters. Als ich ein kleiner Junge war, hab ich ihn Onkel Jeremy genannt. Heutzutage sage ich nur Jeremy zu ihm. Er hat für große multinationale Konzerne gearbeitet und viel Geld verdient, und mittlerweile hat er sich auf einen Landsitz in der Nähe von Bamford zurückgezogen, um von seinen schmutzigen Gewinnen zu leben.«

»Sind sie schmutzig?«

Toby schüttelte den Kopf. »Nein, absolut legal. Es sei denn, du gehörst zu den Globalisierungsgegnern. Dann würdest du ihn wahrscheinlich als Staatsfeind betrachten. Aber Jeremy ist so aufrichtig wie nur irgendwas. Er ist mit einer richtig netten Frau namens Alison verheiratet. Sie ist ein Stück jünger als er. In den Vierzigern, und er ist über sechzig, auch wenn er nicht so aussieht.«

»Ich verstehe. Und was ist das Problem? Er scheint doch ziemlich gesetzt zu sein.«

»Es ist nicht seins. Es ist das von Alison.«

Meredith stöhnte. »Also noch eine Stufe entfernter.«

»Ich hab ihn angerufen«, berichtete Toby. »Sobald ich gelandet war. Ich wollte meine Verwandten sehen, und offen gestanden hatte ich gehofft, dass er mich über das Wochenende einladen würde, über Ostern. Was er getan hat. Aber ich musste mir zwanzig Minuten lang die Geschichte von seinem beziehungsweise Alisons Problem anhören!«

»Dauert es so lange, mir die Geschichte zu erzählen?«, fragte Meredith.

»Nein, bestimmt nicht. Ich mach’s kurz«, versprach Toby. »Der alte Knabe war offensichtlich gestresst und ziemlich wütend obendrein. Wie es scheint, hat Alison Drohbriefe erhalten, schon seit einer ganzen Weile, und er hat es eben erst herausgefunden.«

»Dann sollte er damit zur zuständigen Polizei gehen!«, sagte Meredith prompt.

»Es gibt nur einen einzigen Brief, weil Alison die anderen verbrannt hat. Er ist damit am gleichen Morgen zur lokalen Polizeistation gegangen und war ganz und gar nicht glücklich über die Reaktion der Beamten dort. Deswegen war er so außer sich, als ich mit ihm gesprochen habe. Er hat gesagt, sie wären unhöflich, inkompetent und klein gewesen.«

»Klein?«, fragte Meredith, während sie überlegte, ob sie ihn richtig verstanden hatte in all dem Lärm ringsherum. »Meinst du kleinkariert oder wirklich klein?«

»Klein. Jeremy ist der Ansicht, dass sie die Mindestgröße für den Polizeidienst drastisch gesenkt haben. Seinen Worten nach zu urteilen waren die Beamten in Bamford praktisch Zwerge. Wenig beeindruckend, sagte er.«

»Ich glaube nicht, dass ich deinen Onkel Jeremy in die Nähe von Alan lasse!«, sagte Meredith. »Wenn er so etwas zu Alan sagt, dann geht Alan durch die Decke!«

»Ich gebe zu, dass der gute alte Jeremy manchmal ziemlich direkt sein kann«, sagte Toby. »Ich glaube, es liegt an den vielen Jahren als Industriekapitän. Er ist es gewöhnt, Befehle zu geben und zuzusehen, wie Untergebene hastig jedem seiner Wünsche nachkommen. Er hat die Beamten wahrscheinlich schikaniert, bis sie ihm höflich, aber bestimmt gesagt haben, dass er sich verziehen soll.«

»Ich werde ihn nicht mit Alan reden lassen!«, sagte Meredith entschieden.

»Warte! Er würde mit Markby nicht so umspringen, weil Markby von der richtigen Sorte ist.«

»Richtige Sorte?« Meredith ließ eine Garnele von ihren Essstäbchen fallen. Sie landete in der süß-sauren Soße. »Was zur Hölle ist die ›richtige Sorte‹?«

»Er hat einen hohen Rang. Er ist Superintendent, oder nicht? Jeremy ist daran gewöhnt, mit den Topleuten zu reden. Markby war auf einer Privatschule, er ist höflich gegenüber Damen und trägt polierte Schuhe. Er ist, wenn ich mich recht entsinne, ziemlich groß gewachsen. Groß genug, um Jeremys Vorstellung von einem ordentlichen Polizisten zu entsprechen. Sie würden wunderbar miteinander zurechtkommen.«

»Das wage ich zu bezweifeln! Dein Onkel Jeremy klingt wie ein richtiger Snob!«

»Das ist er nicht. Nicht wirklich. Nur ein wenig konditioniert von den vielen Jahren im Vorstand. Er ist ein wenig spröde, das ist alles. Alison ist ganz anders als er. Sie ist überhaupt nicht versnobt, wie du es nennst. Sie ist total süß. Du würdest sie mögen.«

»Vielleicht. Aber ich glaube nicht, dass ich deinen Onkel Jeremy mag. Nebenbei bin ich wahrscheinlich groß genug, um seiner Vorstellung von einem Polizeirekruten zu entsprechen.«

»Sei nicht so voreingenommen, Meredith«, bettelte Toby. »Er ist wirklich ein hochanständiger Bursche, aber er ist im Augenblick wegen dieser Briefe völlig daneben. Er braucht Hilfe. Glaub mir, er gehört nicht zu der Sorte, die gleich um Hilfe schreit. Er meldet sich erst, wenn die Situation wirklich verzweifelt ist. Er liebt Alison über alles. Er würde für sie morden, und ich möchte nicht in der Haut dieses Briefeschreibers stecken, wenn er ihn zu fassen kriegt. Außerdem hat er ein schwaches Herz. Diese ganze Aufregung ist nicht gut für ihn, bestimmt nicht.«

Meredith betrachtete Tobys in sorgenvolle Falten gelegtes Gesicht. Er kratzte sich den dichten Schopf brauner Haare und erwiderte ihren Blick.

Na schön, dachte Meredith. Wozu sind Freunde da? Toby scheint sich wirklich um seinen grauenvollen Verwandten zu sorgen. Ich könnte zumindest versuchen zu helfen.

»Hat die Polizei gesagt, ob irgendjemand aus der Gegend ebenfalls Drohbriefe bekommen hat?«, fragte sie. »Wenn ich mich recht entsinne, ist es häufig so, dass die Schreiber solcher Briefe einen Groll gegen eine ganze Gemeinde hegen. Sie setzen sich hin und schreiben diese Briefe an alles und jeden. Am Ende ist es meist jemand völlig Unerwartetes. Einer, den niemand verdächtigt hätte.«

Toby schüttelte den Kopf. »Nein. Nur Alison hat diese Briefe bekommen. Oder besser gesagt, niemand sonst hat sich bei der Polizei gemeldet. Wir und die Polizei glauben, dass die Briefe wahrscheinlich nur an sie gerichtet sind, weil es nicht die übliche Sorte von Drohbrief ist. Keine bösen Ausdrücke, keine Anschuldigungen wegen perversem Sex, nichts von den Dingen, die üblicherweise kranken Gehirnen entspringen. Die Briefe beziehen sich auf ein bestimmtes Ereignis aus Alisons Vergangenheit, etwas, das sich wirklich zugetragen hat. Deswegen ist sie so außer sich, genau wie Jeremy. Denk nur, dieser Irre hat ein paar sehr persönliche und private Informationen über Alison herausgefunden. Kein Wunder, dass sie so reagiert.«

»Das ist allerdings etwas Ernsteres«, sagte Meredith nüchtern. Sie fragte sich, ob Toby ihr erzählen würde, was für ein spezifisches Ereignis das gewesen war, oder ob sie ihn danach würde fragen müssen. Das Problem mit Familiengeheimnissen war, dass die Leute sie nur zögerlich mitteilten, selbst wenn sie gezwungen waren, Hilfe zu suchen. Jeremy, Alison und Toby würden lernen müssen, über ihre Geheimnisse zu sprechen. Meredith versuchte es zunächst auf einem Umweg. »Der Briefeschreiber hat kein Geld verlangt, habe ich Recht?«

»Nein, noch nicht jedenfalls. Er erhebt lediglich eine Anschuldigung, immer und immer wieder, und er droht, alles publik zu machen.«

»Wo ist der Brief jetzt?«

»Bei der Polizei. Sie versuchen Fingerabdrücke zu finden oder so etwas. Alison ist außer sich bei dem Gedanken, dass die Cops ihn lesen. Sie möchte nicht, dass irgendjemand davon erfährt. Jeremy kennt die Geschichte, weil sie ihm alles erzählt hat, als sie geheiratet haben. Ich weiß es, weil er mir alles am Telefon erzählt hat. Aber niemand sonst weiß etwas, es sei denn, der Schreiber setzt seine Drohung in die Tat um und macht alles publik. Falls es ein Schreiber ist und nicht eine Schreiberin, was wir nicht wissen. Ich würde sagen, es ist eine Frau. Frauen machen solche Dinge.«

»Die Waffe der Frau ist Gift, ob nun in einer Flasche oder auf Papier niedergeschrieben, meinst du? Es gibt genügend Männer, die solche Briefe geschrieben haben.«

»Schon gut. Wir nehmen mal an, dass es ein Mann war, okay? Alison ist jedenfalls in Panik. Sie sagt, sie müssten das Haus verkaufen und fortziehen, wenn die Geschichte bekannt würde. Die Leute auf dem Land sind schon merkwürdig. Sie zeigen ein ungesundes Interesse für Dinge, die sie nichts angehen, und Gerüchte verbreiten sich wie Lauffeuer.«

»Nicht mehr als in der Stadt«, widersprach Meredith in dem Bemühen, das Leben auf dem Land zu verteidigen.

»Glaub das bloß nicht. Die Bauern sind absolut scheinheilig, und sie können erbarmungslos sein, wenn sie glauben, dass man sich nicht einfügt. Auf dem Land ist so wenig los, dass das gesellschaftliche Leben alles ist. Von jeder Gästeliste gestrichen zu werden bedeutet eine Katastrophe. In der Stadt sucht man sich neue Freunde, dort gibt es einen größeren Pool, wenn man so will. Auf dem Land ist man auf seine Nachbarn angewiesen. Wenn der Inhalt dieses Briefes bekannt wird, dann werden sie Jeremy und Alison schneiden, ohne Zweifel. In der Stadt gibt es zu viele andere Dinge, als dass sich irgendjemand um das scheren würde, was sein Nachbar treibt.«

»Conan Doyle«, warf Meredith ein, nicht bereit, in diesem Disput so schnell nachzugeben. »Conan Doyle hat geschrieben, dass es sich genau andersherum verhält. Oder wenigstens sagt Holmes das in einer seiner Geschichten. Holmes sagt zu Watson, dass niemand genau weiß, was auf dem Land so passiert, weil die Menschen so isoliert sind.«

Toby dachte über ihr Argument nach. »Wie dem auch sei – diese ländliche Stille und dieser scheinbare Frieden tun den Leuten nicht gut. Es macht sie merkwürdig, und wer weiß, was in ihren Köpfen vorgeht?«

»Willst du andeuten, dass einer von ihnen Alisons Geheimnis entdeckt hat und diese Briefe schreibt, um es ihr zu zeigen? Aber wie hat er es herausgefunden? Wenn wir das in Erfahrung bringen, wissen wir vielleicht schon, wer es war.« Meredith runzelte die Stirn. »Warum Alison mit Drohungen quälen? Wenn das Ergebnis, wie du sagst, zu sozialer Isolation führen würde, warum erzählt der Unbekannte es nicht allen, wenn sein Ziel ist, ihr zu schaden? Stattdessen schreibt er ihr Briefe. Was will er bezwecken?«

»Das ist eine Frage, die keiner von uns beantworten kann. Alison würde keiner Fliege etwas zuleide tun. Sie hat keine Feinde.«

»Sie hat zumindest einen Feind«, berichtigte Meredith ihn. »Es sei denn, diese Briefe sind nur ein übler Scherz. Hat sie den Umschlag behalten? Wenn der Schreiber die Marke geleckt hat, finden sich darauf vielleicht Spuren von seiner dns.«

»Siehst du? Du weißt so viel über diese Dinge. Ich wusste, dass es richtig war, mit dir zu reden!« Tobys Gebaren war das eines Mannes, der erfolgreich eine Bürde auf eine andere Schulter abgeladen hatte.

Ich bin eine dumme Kuh, dachte Meredith. Warum hab ich zugelassen, dass er mir die Sache in den Schoß legt? »Noch eine Sache«, sagte sie. »Und es ist wichtig. Bevor ich mich entscheide, ob ich Alan diese Geschichte erzähle, muss ich wissen, worum es genau geht. Was hat Alison in ihrer Vergangenheit angestellt? Das ist nämlich die Ursache für all die Scherereien. Ich bin die Diskretion in Person, Toby. Ich werde mit niemandem darüber reden. Aber du bittest mich mehr oder weniger, Alan zu sagen, dass er zu der zuständigen Polizeistation gehen und einen Aufstand veranstalten soll. Alan hat auch ohne das genug Arbeit um die Ohren. Ich muss wissen, ob es wirklich wichtig genug ist. Tut mir Leid, aber allein die Gefahr, dass Jeremy und Alison all ihre Freunde verlieren könnten, reicht mir nicht. Wie es aussieht, sind diese Freunde sowieso oberflächlich.«

Toby nickte. »Ja. Mir ist klar, dass du es erfahren musst. Ich habe Jeremy gewarnt.«

»Du hast Jeremy gesagt, du würdest mit mir reden? Ehrlich, Toby …«

Er schnitt ihr den hervorgesprudelten Protest ab, indem er hastig seine Geschichte fortsetzte, im vollen Bewusstsein, wie Meredith sich säuerlich eingestand, dass ihre Neugier über den Ärger siegen würde.

»Vor fünfundzwanzig Jahren stand Alison vor Gericht. Sie wurde für unschuldig befunden. Das heißt, sie war nicht schuldig, und die Jury kam zum gleichen Schluss.«

»Und warum soll daraus heute ein Problem entstehen?«, fragte Meredith. »Warum sollte sie sich Sorgen machen, dass die Nachbarn es erfahren könnten? Ich denke, die Menschen auf dem Land sind viel toleranter, als du glaubst.« Meredith zögerte. Toby wich ihrem Blick aus. »Toby? Weswegen stand Alison vor Gericht?«

»Mord«, antwortete Toby leise.

KAPITEL 2

»Ich habe mich so auf die Osterfeiertage gefreut!«, sagte Alan Markby. Er starrte missmutig auf einen übergewichtigen jungen Mann, der an ihrem Tisch vorbeigeschlurft war. Das Bier im Glas des Jungen war übergeschwappt und hätte sie fast getroffen. »Und jetzt erzählst du mir, dass dieser elende Smythe über Ostern in der Gegend ist!«

»Hey!«, protestierte Meredith. »Ich lasse nicht zu, wenn er dir böse Namen gibt, also solltest du ihn auch nicht ›diesen elenden Smythe‹ nennen! Er ist ein netter Kerl, und er hat ein gutes Herz. Man muss sich nur ein wenig an seinen Sinn für Humor gewöhnen.«

»Muss man das? Ich werde versuchen, daran zu denken. Soweit es mich betrifft, ist er ein wandelndes Katastrophengebiet. Er übt einen schlimmen Einfluss auf alles und jeden in seiner Umgebung aus, ganz besonders, wie ich hinzufügen möchte, auf dich, sobald du in seine Nähe kommst. Er ist ein Unglücksbringer. Überleg nur, was passiert ist, als er dir seine Wohnung vermietet hat. Kurze Zeit später taucht er wieder auf, weil er aus irgendeinem Land geworfen wurde, als Persona ingrata! Du musstest ausziehen und bei Ursula Gretton im Bauwagen auf einer archäologischen Grabung wohnen, bis zu den Knien im Schlamm und rein zufällig neben Bergen von Leichen! Dann brach er sich das Bein, und du musstest …«

Meredith warf die Hände hoch. »Alan, hör auf, bitte! Er hat sich das Bein schließlich nicht absichtlich gebrochen! Genauso wenig, wie er wegen irgendetwas, das er tatsächlich getan hätte, aus diesem Land verwiesen wurde! Es war eine diplomatische Angelegenheit, wie du mir, so ich dir! Wir hatten einen von ihnen ausgewiesen, und sie haben sich revanchiert, indem sie einen von uns ausgewiesen haben. Zufällig war es Toby. Es tut mir Leid, wenn du ihn nicht magst, aber er ist ein alter Freund …«

»Es ist nicht so, dass ich ihn nicht mag«, unterbrach Alan sie. »Ich stimme dir ja zu, er ist ein netter Kerl. Er hat halt nur das Pech an den Sohlen kleben! Wie ist er eigentlich in seinem Job?«

»Rein zufällig sehr gut. Er ist gewissenhaft. Er gibt sich große Mühe, den Menschen zu helfen. Genau wie er jetzt versucht, seinem Onkel Jeremy zu helfen. Toby würde sich niemals abwenden, wenn jemand Hilfe braucht. Zumindest in dieser Hinsicht denke ich, dass er genauso ist wie du!«

»Hah!«, machte Markby, momentan zum Schweigen gebracht durch diese niederträchtige Attacke.

Es war Donnerstagabend, und sie waren aufs Land gefahren, um in einem Restaurant am Fluss zu essen. Von ihrem Platz am Fenster konnten sie den Sonnenuntergang beobachten und die gelb-goldenen Strahlen, die sich in den Wellen brachen.

»Es sieht aus wie dieses Glitzerzeug«, hatte Meredith beobachtet, »das man auf selbst gemachte Weihnachtskarten tut.« Sie hatte gehofft, dass Alan sich nicht sperren würde wegen Toby. Doch sie hatte mit einem gewissen Mangel an Begeisterung gerechnet und sich darauf eingestellt. Wie dem auch sein mochte, sie würde sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen lassen. »Bist du diesem Jeremy Jenner eigentlich je begegnet?«, fragte sie nun.

»Nein, nicht dass ich wüsste. Ich habe den Namen schon gehört. Ich kenne das Anwesen, Overvale House. Ich kannte die Leute, die früher dort gewohnt haben. Es ist ein hübsches Haus. Heutzutage, bei den Immobilienpreisen, sicherlich auch ein ziemlich kostspieliges. Wir könnten es uns jedenfalls nicht leisten. Jenner muss recht wohlhabend sein.« Markby nahm sein Glas zur Hand und leerte den letzten Wein darin. »Möchtest du einen Kaffee?«

»Ja bitte.« Wenigstens, dachte sie, scheint er bereit, darüber zu sprechen.

»Ich muss zur Theke, um die Bestellung aufzugeben. Bin gleich wieder da.«

In seiner Abwesenheit lehnte sich Meredith zurück, strich sich das dicke braune Haar aus der Stirn und sah sich um. Das Pub war sehr alt. Es war nicht ungewöhnlich in den Cotswolds, wo es haufenweise so alte Gemäuer gab. Andere Gebäude, dachte sie, werden abgerissen oder umgebaut, bis man sie nicht mehr wiedererkennt, doch das Dorfpub bleibt, wie es ist, auch wenn es sich auf andere Weise ändert. Die Dörfer selbst hatten sich verändert. Wohlhabende Aufsteiger lebten in den Cottages, die für Landarbeiter errichtet worden waren. Sie ließen zusätzliche Badezimmer und Büros ein- oder anbauen. Die Nachfahren der Landarbeiter wurden in Mietskasernen verbannt. Die neuen Bewohner der Dörfer wollten ein malerisches Pub – ein malerisches Pub mit allem Komfort. Als Resultat waren alle Pubs mehr oder weniger zu Restaurants geworden. In verschiedenem Ausmaß selbstverständlich. Einige hatten nur eine ganz kleine Auswahl an Speisen. Andere – wie dieses hier – hatten praktisch aufgehört, Lokale zu sein, wo sich Menschen gesellig trafen und ihr Bier tranken. Die ehemaligen Gäste würden es nicht wiedererkennen. Auch wenn viele dieser Pubs an ehemaligen Kutschenwegen standen und ursprünglich Gasthöfe gewesen waren, die müden Reisenden Nahrung und Unterkunft geboten hatten. Indem sie heute wieder Speisen anboten, waren sie zu alter Tradition zurückgekehrt.

Sie sprach laut ihre Gedanken aus, als Alan wieder da war.

Er lächelte sie an. »Es heißt, dieser Gasthof hier wäre schon im Mittelalter eine Herberge für Pilger auf dem Weg in das West Country und Glastonbury gewesen.«

»So alt ist das Pub?«

Ein junger Kellner brachte den Kaffee, und als er wieder gegangen war, sagte Markby im Unterhaltungston: »Also hat Mrs Alison Jenner unangenehme Korrespondenz erhalten, richtig?«

»Ja, hat sie. Und du kümmerst dich um die Angelegenheit? Ich weiß, dass die örtliche Polizei sich schon damit befasst, aber Toby zählt ehrlich auf deine Hilfe bei seinem Problem.«

Das kam nicht besonders gut an. Markby hatte Mühe, eine unwirsche Antwort zu unterdrücken. Er warf die Hände hoch, ließ sie laut auf die Tischplatte fallen und zischte: »Es ist nicht sein Problem, oder? Es ist das Problem dieser Lady. Könntest du deinem allerliebsten Freund Smythe vielleicht klar machen, dass ich ein ganz normaler Kriminalbeamter bin und nicht Philip Marlowe? Wenn diese Mrs Jenner mit mir über ihr Problem sprechen möchte, bin ich bereit zuzuhören. Aber sie ist diejenige, die sich an mich wenden muss! Ehrlich, und da fragst du dich noch, warum mich dieser Smythe immer wieder in Rage bringt? Ich zweifle nicht daran, dass er all die exzellenten Qualitäten besitzt, die du ihm attestierst. Aber du kennst ja das alte Sprichwort – der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Absichten.«

»Jetzt bist du aber unfair!«, protestierte sie halsstarrig.

Markby musterte sie. Wann immer sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte (und das geschah nicht selten – es war eines der Dinge, die verbale Rangeleien mit ihr zu einer so erfrischenden mentalen Übung machten), reckte sie das Kinn vor und stülpte die Unterlippe heraus. Er fand diese Eigenart liebenswürdig und komisch zugleich. Er wollte sie immer küssen, wenn sie ihn so ansah – doch das konnte er nicht, nicht hier, mitten im Restaurant. Es mochte Freigeister geben, die so etwas taten, doch Markby gehörte nicht dazu.

»Nun«, sagte er vorsichtig, weil er wusste, dass er letztendlich nachgeben würde, doch er wollte es nicht so offensichtlich tun. »Wenn Mrs Jenner zu mir kommt und ich mich einverstanden erkläre, die Angelegenheit in Augenschein zu nehmen, dann nur, weil ich nicht meine ganzen Osterfeiertage damit verbringen will, deine vorwurfsvollen Blicke und Bemerkungen zu ertragen! Sieh mich nicht so beleidigt an! Ich kenne dich gut genug, um zu wissen, dass du niemals aufgibst. Nebenbei bemerkt hoffe ich doch sehr, dass du und Toby nicht irgendwelche wilden Fantasien entwickelt habt von wegen auf eigene Faust ermitteln?«

»Das ist es nicht, was Toby möchte!«, sagte Meredith und wich einer direkten Antwort geschickt aus.

»Und ich möchte es ebenfalls nicht. Es ist eine Polizeiangelegenheit, Meredith. Ich habe nichts dagegen, mich mit den Jenners zu unterhalten, aber ich hoffe sehr, dass Toby und sein Onkel nicht glauben, ich würde den Fall innerhalb von zehn Minuten aufklären. Die Schreiber von derartigen Briefen aus ihrer Deckung zu locken kann ein ziemlich langwieriges Unterfangen werden. Wir verschwenden unsere Zeit damit, jeder verdächtigen Person aus der Nachbarschaft nachzuspüren, bis sich schließlich herausstellt, dass es eine liebenswürdige alte Lady war, die ganz allein mit ihrem Hund lebt und jeden Sonntag artig zur Kirche geht.«

»So etwas Ähnliches hab ich Toby auch schon gesagt. Ich bin sicher, sie wiegen sich nicht in dem Glauben, dass es einfach wäre.« Meredith atmete tief durch, bevor sie weiter auf Markby einredete. »Wir sind für morgen zum Essen auf Overvale House eingeladen. Ich habe natürlich noch nicht zugesagt, selbstverständlich nicht! Ich wollte vorher mit dir reden.«

»Oh, ich danke auch recht schön!«

»Ich hab gesagt, ich würde gleich morgen Früh anrufen und Bescheid geben.«

Alan verzog das Gesicht, schob eine störrische blonde Strähne aus dem Gesicht und seufzte. »Das lässt mir überhaupt keine Zeit, mir noch ein paar Hintergrundinformationen zu verschaffen. Ich mag es nicht, unvorbereitet in solche Geschichten gezogen zu werden. Sicher, du hast mir alles erzählt, was Toby dir gesagt hat. Trotzdem würde ich mir gerne die Akte über diesen alten Mordfall ansehen, nur um herauszufinden, was dieser unerwünschte Brieffreund von Alison in der Hand haben könnte. Aber meinetwegen, sag ihnen, dass wir kommen, in Gottes Namen. Ich kann verstehen, dass sie aufgebracht sind.« Nach kurzem Zögern fügte er hinzu: »Wenn du mich fragst, es klingt nach einem ersten Zug in einem Plan, die Jenners zu erpressen.«

»Toby sagt, niemand hätte Geld gefordert, und Alison würde darauf beharren. Sie hat bisher fünf dieser Briefe bekommen. Die ersten vier hat sie verbrannt. Sie enthielten ausnahmslos die gleiche Drohung, ihr Geheimnis der Öffentlichkeit preiszugeben.«

An diesem Punkt murmelte Markby missmutig: »Warum ist es nur immer wieder das Gleiche? Warum zerstören sie diese Briefe nur? Irgendwann kommen sie ja doch zu uns und erstatten Anzeige, und wenn wir fragen, wie viele Briefe es gegeben hat, werden sie nervös und wollen nicht mit der Sprache heraus, bis sie schließlich zugeben, dass es bereits eine ganze Reihe gegeben hat, die sie ausnahmslos zerrissen, weggeworfen oder verbrannt haben. Am liebsten verbrennen sie sie. Wie sollen wir etwas unternehmen, wenn es keine Beweise gibt?«

Er trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. In seinen Augen stand ein entrückter Blick. Gegen seinen Willen interessierte ihn der Fall. »Wenn die Drohung in diesen Briefen, den alten Skandal publik zu machen, real ist, wenn der Schreiber dem sozialen Status der Jenners schaden will, warum tut er es dann nicht gleich und erzählt es herum? Warum macht er sich die Mühe, zuerst Briefe zu schreiben? Ein paar Worte in die richtigen Ohren würden reichen. In einer Sache hat Toby Recht. Gerüchte verbreiten sich in kleinen Gemeinschaften wie Lauffeuer.«

»Und das ist es, was Alison fürchtet, sagt Toby. Sie glaubt, der Schreiber will sie für eine Weile schwitzen lassen, bevor er seine Drohung wahr macht. In meinen Augen sieht das nach echtem Hass aus. Aber Toby sagt, Alison wäre eine stille, freundliche, harmlose Person.« Meredith war der entrückte Blick von Markby nicht entgangen, und sie wusste, dass er zwar missmutig war, aber dennoch tun würde, worum sie ihn gebeten hatte.

»Eine nette Person, die wegen Mordes vor Gericht gestanden hat? Du und ich, wir sehen die Sache bereits aus zwei verschiedenen Blickwinkeln. Du sprichst von Hass, und ich denke an Erpressung. Wenn ein Mann so viel Geld hat wie Jeremy Jenner, dann muss man Erpressung als Motiv in Betracht ziehen. Der Briefeschreiber hat bis jetzt noch kein Geld verlangt, aber das wird er tun. Er kocht die beiden zuerst weich. Dann, wenn sie vollkommen in Panik sind und er sie fest in seinem Würgegriff hat, schlägt er ihnen eine einmalige Zahlung vor, und sie werden diese vermeintliche Chance beim Schopf ergreifen, um ihren Quälgeist loszuwerden, die Armen. Die Sache ist nur – es wird nicht bei einer einmaligen Zahlung bleiben. Sie werden eine weitere Forderung erhalten, und es wird kein Ende nehmen. Ich neige dazu, bei meiner Erpressungstheorie zu bleiben.«

»Aber das, was du sagst, klingt nicht nach einer alten Lady mit einem Schoßhündchen, die ihre Befriedigung aus anonymen Briefen an die Nachbarschaft zieht«, entgegnete Meredith. »Es ist ein großer Sprung von dem Versuch, jemandem Angst zu machen, bis zu richtiger Erpressung.«

»Das ist es. Aber manchmal fängt jemand mit einem Plan an, und dann, während der Durchführung, fällt ihm ein, wie er seinen Plan noch verbessern kann.«

»Vielleicht«, sagte Meredith ernst. »Ich denke, die Jenners wären sogar erleichtert, wenn es um Erpressung als Motiv ginge. Die Tatsache, dass jemand dein Geld will, ist leichter zu ertragen als die Vorstellung, dass jemand dich hasst und Vergnügen daran findet, dich zu quälen.« Sie atmete tief durch. »Die Jenners wissen nicht, wie dieser Schreiber auf sie beziehungsweise Alison gekommen sein könnte.«

»Das ist vielleicht gar kein so großes Geheimnis. Die Gerichtsverhandlung ist in den Akten verzeichnet. Vielleicht ist jemand über einen Verweis gestolpert oder hat einen Bericht in der Zeitung gelesen.«

»Aber er würde nicht wissen, dass es sich um Alison Jenner handelt, oder? Ihr Name lautete damals noch Harris, sagt Toby. Sie heißt erst seit zehn Jahren Jenner. Wieso sollte der Schreiber die beiden Namen miteinander in Verbindung bringen? Selbst wenn es ein Foto gab, in der Zeitung oder in einem Magazin – vorausgesetzt, der Briefeschreiber ist dadurch auf die Geschichte aufmerksam geworden –, die Menschen verändern sich in fünfundzwanzig Jahren. Alison muss inzwischen achtundvierzig sein. Zum Zeitpunkt der Gerichtsverhandlung war sie dreiundzwanzig.«

Markby hatte ihren Einwänden schweigend gelauscht. Er nickte, als sie verstummte. »Klingt einleuchtend. Hör zu, Inspector Winter drüben in Bamford ist ein gewissenhafter Beamter, und ich bin sicher, dass er sämtliche erforderlichen Maßnahmen in Bezug auf diese Briefe getroffen hat. Vielleicht ist er mehr als erfreut, wenn er den Fall an jemanden vom Regionalen Hauptquartier abgeben kann – wenn sich herausstellt, dass es um Erpressung geht, dann benötigen die Ermittlungen Zeit und Personal, und Winter hat beides nicht. Außerdem sind die Jenners die Sorte von Leuten, für die sich die Regenbogenpresse interessiert. Reicher Mann, junge, attraktive Frau, Skandal in der Vergangenheit dieser Frau. War Jenner früher eigentlich schon mal verheiratet? Er muss schon über fünfzig gewesen sein, als er Alison zur Frau genommen hat.«

Meredith rieb sich die Nase. »Ich weiß es nicht. Ich frage Toby.«

»Dann ist da noch Jenner selbst«, sagte Markby. »Gut möglich, dass er sich während seiner langen, erfolgreichen Karriere Feinde gemacht hat. Niemand kommt in der Geschäftswelt ohne ein gerüttelt Maß an Skrupellosigkeit so weit nach oben. Vielleicht versucht jemand, es ihm über seine Frau heimzuzahlen?«

»Er klingt ziemlich schroff, zugegeben«, räumte Meredith ein. »Toby sagt, es käme wahrscheinlich daher, dass er daran gewöhnt wäre, das Sagen zu haben. Er meint, sein Onkel wäre eigentlich ganz in Ordnung.«

»Aber er mag es nicht, in eine Situation zu geraten, in der er nicht weiß, was er tun soll, richtig? Kann ich gut verstehen.« Markby nickte. »Also schön, wir treffen uns zum Essen mit ihnen und hören uns an, was sie zu sagen haben. Ich rufe gleich morgen Früh Winter an und sage ihm, was ich vorhabe. Ich kann nicht hinter seinem Rücken ermitteln. Außerdem kann er mir eine kurze Zusammenfassung geben, welche forensischen Beweise auf dem letzten noch existierenden Drohbrief gefunden wurden. Das Problem für mich ist, wenn wir den Fall beim Regionalen Hauptquartier übernehmen – wem übertrage ich die Leitung der Ermittlungen? Ich werde Dave Pearce sicher vermissen, aber er arbeitet jetzt am anderen Ende des Landes und kommt wahrscheinlich nicht zu uns zurück. Natürlich könnte ich seinen Ersatz nehmen, Jessica Campbell.«

»Kenne ich sie?«, fragte Meredith stirnrunzelnd.

»Ich glaube nicht, nein. Sie ist erst vor kurzem zu uns gekommen, um die Stelle von Pearce zu besetzen. Mit ein wenig Glück wird sie eine großartige Verstärkung unseres Teams. Sie macht einen fleißigen Eindruck. Ich bin sicher, sie brennt darauf, sich in diesen Fall zu verbeißen. Aber sie muss vorsichtig sein. Fälle wie dieser sind immer peinlich für die Betroffenen, und meist fördern sie Überraschungen zu Tage.«

»Jede Wette«, sagte Meredith und grinste spitzbübisch, »dass der gute alte Jeremy Jenner alles andere als erbaut ist, wenn er hört, dass der Fall an eine Frau übertragen wurde.«

Markbys Grinsen war genauso wölfisch. »Der gute alte Jeremy, wie du ihn nennst, wird akzeptieren müssen, dass ich bestimme, wer an diesem Fall arbeitet, wenn ich die Zuständigkeit übernehme.«

»Halt still!«, befahl Jess Campbell. »Du bewegst dich ständig!«

»Dann beeil dich! Das Licht wird immer schlechter.«

Die Kamera klickte, und zur gleichen Zeit explodierte der Blitz. »So, das war’s«, sagte Jess.

»Na endlich!« Der junge Mann kletterte vom Zauntritt und sah zu, wie sie die Kamera in ihren Rucksack packte und sich den Rucksack über die Schulter schlang. »Kriege ich einen Abzug?«, fragte er.

»Sicher. Ich schicke Mum und Dad auch einen.«

Die untergehende Sonne streifte ihre Köpfe und ließ ihr Haar im gleichen dunklen roten Feuer glühen. Sie hatten sich immer sehr ähnlich gesehen. Niemand stellte infrage, dass sie Zwillinge waren. »Wie ist es denn so, wenn man Zwilling ist?«, waren sie seit frühester Kindheit von den Leuten gefragt worden.

»Ich weiß nicht, wie es ist, keiner zu sein, deswegen kann ich es nicht sagen«, pflegte Jess zu antworten.

Doch manchmal war es auch eine schmerzliche Angelegenheit. Sie fielen in Gleichschritt, während sie über den ausgetrampelten Pfad zu der Stelle gingen, wo Jess’ Wagen geparkt stand.

»Ich bin froh, dass du ein paar Tage freimachen und herkommen konntest«, sagte sie. »Bevor du wieder weggehst.«

Die Worte hingen in der stillen Abendluft. In den Büschen zur Rechten raschelte es, und dann tauchte, fast vor ihren Füßen, ein Kaninchen auf und hüpfte flüchtend davon. Sie sahen ihm hinterher, bis der weiße Schwanz in einem Graben verschwand.

»Vor der Eroberung durch die Normannen gab es in England keine Kaninchen, wusstest du das?«, fragte Simon.

»Das klingt wie eine von diesen Feststellungen, die Leute während einer langweiligen Phase auf einer Dinnerparty von sich geben«, erwiderte sie. »Haben sich die Kaninchen vielleicht auf den Schiffen von William dem Eroberer versteckt?«

»Sie wurden hergebracht und gezüchtet, als Nahrung. Die normannischen Ritter liebten Kanincheneintopf. Es war ein Reicheleuteessen, und es gab empfindliche Strafen für den Diebstahl von Kaninchen.« Simon grinste. »Ich bin voll mit nutzlosen Informationen wie dieser.«

»Kann man nie wissen«, entgegnete seine Schwester. »Du weißt nicht, ob sie irgendwann mal nützlich sein könnte.«

»Bestimmt nicht, wenn man in einem schwülen Zelt sitzt, nach Stechmücken schlägt und sein Bestes gibt, heulende Babys zu impfen«, sagte er. Erneut senkte sich Schweigen herab.

»Ich will ja nicht sagen, dass ich wünschte, du würdest nicht weggehen«, begann Jess nach einer Weile. »Weil ich weiß, wie wichtig deine Arbeit ist und wie schwierig die Bedingungen sind. Ich sehe selbst schlimme Dinge in meinem Beruf bei der Polizei. Aber du siehst alles hundertmal schlimmer und häufiger, mit all den Flüchtlingen und all dem Elend.«

»Natürlich ist es nicht leicht«, räumte er ein. »Ich hoffe, dass es nie aufhört, mir schwer zu fallen. Aber zumindest im Moment habe ich keine Zeit, mir über meine Gefühle den Kopf zu zerbrechen. Nicht, wenn ich dort bin, meine ich. Ich habe zu viel zu tun, und alle paar Minuten gibt es Notfälle. Ständig muss man Entscheidungen treffen oder improvisieren. Ich hatte noch nie Zeit, mir zu wünschen, ich wäre woanders oder würde etwas anderes tun. Ich fühle mich im Gegenteil schuldig, wenn ich mir mal zwei Wochen freinehme. Aber es verschafft mir Gelegenheit, mit den Leuten hier zu reden und ihnen zu erklären, womit wir es zu tun haben.«

»Ich hab dich im Frühstücksfernsehen gesehen. Das war ein guter Auftritt.«

Er grinste ironisch. »Danke. Ich schätze, ich habe mehr Angst vor den Fernsehkameras als vor einer Bande Macheten schwingender so genannter Soldaten, die aus dem Unterholz hervorbrechen und verlangen, dass wir ihnen unsere Medikamente übergeben.«

Sie erschauerte. »Das ist eines der vielen Dinge, weswegen ich Angst um dich habe.«

»Hör zu«, sagte er. »Wenn ich wirklich meine Zeit damit verbringen würde, darüber nachzudenken, wäre ich nicht mehr imstande zu arbeiten. Dir muss es doch ähnlich gehen.« Er grinste. »Ganz besonders, wenn du samstags abends in einem Streifenwagen sitzt und zusehen musst, wie Rowdys Fensterscheiben einwerfen und sich gegenseitig das Hirn aus dem Schädel prügeln.«

»So sieht meine Arbeit aber nicht aus. Nicht mehr jedenfalls. Das habe ich damals gemacht, als ich angefangen habe.«

»Ich weiß! Du jagst jetzt die großen Fische, die richtigen Kriminellen. Mum und Dad sind echt stolz auf dich, Jess.«

»Tatsächlich? Ich möchte nicht, dass sie stolz sind. Nur zufrieden würde mir völlig reichen. Aber ich weiß, dass Dad wünscht, ich würde eine ›weniger gefährliche‹ Arbeit machen, und Mum versteht einfach nicht, warum ich überhaupt zur Polizei gegangen bin. Dad hat nichts gegen eine Polizeilaufbahn; er wünscht sich nur, ich würde irgendwo in einem Hinterzimmer sitzen und eine Computertastatur bedienen.« Jess seufzte. »Ob du es glaubst oder nicht, es gibt Tage, da mache ich von morgens bis abends genau das.«

»Glaub mir«, beharrte er. »Sie sind stolz auf dich.« Nach kurzem Zögern fügte er hinzu: »Und ich manchmal übrigens auch.«

»Nur manchmal?« Sie blickte ihn in gespielter Entrüstung an.

»Nun werd bloß nicht eingebildet!« Er streckte die Hand aus und raufte ihr durch das kurz geschnittene rote Haar.

»Wohl kaum«, sagte sie melancholisch. »Bestimmt nicht bei der Polizei.«

Simon runzelte die Stirn. »Ah, ich entdecke einen Unterton von Frustriertheit. Du glaubst, du wirst deine neue Stelle nicht mögen, ist es das?«

»Ich mag meine Arbeit! Ich denke, ich werde den Rest des Teams mögen, vorausgesetzt, sie erzählen mir nicht ständig, wie mein Vorgänger gearbeitet hat. Du weißt ja, wie das ist, wenn eine Frau auftaucht und einen beliebten männlichen Kollegen ersetzt. Der Typ, dessen alte Stelle ich bekommen habe, wird ständig zitiert. Er scheint der beliebteste Polizeibeamte in der Geschichte zu sein, und zusätzlich stammt er aus der Gegend. Er hat nie auch nur den kleinsten Fehler gemacht.«

»Wow!«, rief Simon.

»Ich weiß, ich klinge missmutig, aber das kommt nur daher, dass ich nervös bin. Nicht, dass ich es den anderen gegenüber zeigen würde.«

»Sie wissen es wahrscheinlich auch so«, sagte Simon. »Was ist mit deinem neuen Boss, diesem Superintendent Maltky oder wie er heißt?«

»Markby? Ich hab noch nicht viel von ihm gesehen. Aber er ist noch so einer, dem alle scheinbar übermenschliche Kräfte zuschreiben. Mehr noch als Pearce. Ständig kriege ich erzählt, was Markby machen würde. Ich bin ihm nur einmal kurz begegnet, als er mich an meinem ersten Tag begrüßt hat. Er scheint ganz in Ordnung zu sein, nicht ganz die gewöhnliche Sorte von Vorgesetztem.«

»Oh? Wie das? Keine gebrochene Nase vom Rugby und kein verdächtiges Blinzeln in den Augen?«

»Ich weiß nicht, ob er Rugby gespielt hat. Er hat jedenfalls keine gebrochene Nase, und er ist ein ziemlich gut aussehender Bursche, groß, blonde Haare, bemerkenswert blaue Augen. Kein Blinzeln.«

»Meine Güte!«, rief Simon. »Du hast dich doch wohl nicht in diesen Kerl verguckt, oder? Das würde eine Menge Unruhe mit sich bringen!«

»Das würde es, ohne Zweifel, wenn ich ein Auge auf ihn geworfen hätte, weil er nämlich kurz davorsteht zu heiraten. Aber das habe ich nicht. Es ist nur, als ich vor ihm stand, hat es mich ziemlich umgehauen. Ich habe die übliche Begrüßung erwartet, zusammen mit einem Vortrag über die Aufklärungsrate seiner Abteilung und einer Ermahnung, meine Berichte pünktlich abzugeben. Aber es war eher wie ein Bewerbungsgespräch mit dem Leiter einer ziemlich guten Schule. Ich schätze übrigens, dass er auf einer ziemlich guten Schule war. Ich hatte das deutliche Gefühl, dass er mich unter seinen freundlichen Wünschen, dass es mir hier gefallen würde und dass ich eine hübsche Wohnung gefunden hätte, ganz genau beobachtet und eingeschätzt hat. Ich denke, er ist ein verdammt harter und cleverer Brocken, auch wenn er es nicht durchscheinen lässt.« Jess zögerte. »Er hat mir richtig Angst eingejagt, ob du es glaubst oder nicht.«

»Keine Sorge, du wirst schon zurechtkommen, Jess.« Simon berührte ihren Arm. »Genau wie ich.«

Der Himmel über ihnen verdunkelte sich für einen Moment, als ein großer Schwarm Stare über sie hinwegsegelte auf dem Weg zu einer Gruppe von Bäumen in der Nähe. Jess wandte den Kopf zu ihrem Bruder und sah, dass er das Gesicht erhoben hatte und die Vögel beobachtete.

»Manchmal denke ich allerdings …«, sagte er leise, ohne den Blick von den Vögeln zu wenden, »… manchmal denke ich, dass ich an zu vielen Orten gewesen bin, wo kreisende Vögel Leichen unten am Boden bedeuten.«

Jess biss sich auf die Lippe. Sie erreichten den Wagen ohne weitere Unterhaltung, stiegen ein und fuhren los. An der Abzweigung zur befestigten Straße bemerkten sie ein Pub. Es sah einladend aus mit einer Reihe bunter Lichter entlang der Fassade unter dem Dachsims.

»Lust, was zu trinken?«, fragte Simon. »Ich weiß, ihr Cops trinkt nicht im Dienst, aber du bist schließlich nicht im Dienst.«

»Das nicht, aber ich sitze am Steuer eines Wagens.«

»Ach, komm schon. Ein Drink. Oder meinetwegen kannst du auch einen Tomatensaft schlürfen, während du mir Gesellschaft leistest.«

Sie grinste und lenkte den Wagen auf den Parkplatz, doch als sie im Begriff waren auszusteigen, stockte sie plötzlich. »Nein, nicht hier!«, sagte sie entschieden.

»Warum denn nicht?«

»Weil es nicht geht. Oder besser, weil ich es vorziehe, jetzt nicht in dieses Pub zu gehen. Siehst du den bmw dort? Das ist Markbys Wagen.«

»Bist du sicher?« Simon spähte durch die Scheibe.

»Ich kenne das Nummernschild. Wir Cops sind darauf trainiert, uns Kennzeichen zu merken. Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich meinen Tomatensaft lieber nicht unter den Augen von Superintendent Markby trinken.«

»Vielleicht ist er mit dieser Frau da, die er heiraten wird? Bist du denn nicht neugierig, sie mal zu sehen?«

»Nein!«, sagte Jess. »Bin ich nicht. Und ich hätte nicht gedacht, dass du so neugierig sein könntest. Wir halten beim nächsten anständigen Pub, versprochen.«

»Ich wusste gar nicht …«, beschwerte sich ihr Bruder, »… ich wusste gar nicht, dass das Leben einer Polizistin so kompliziert sein kann!«

Es gibt eine ganze Menge Dinge, die du nicht weißt, was das Leben einer Polizistin angeht, dachte Jess, doch das sagte sie nicht laut.

KAPITEL 3

Meredith war nicht auf den Anblick von Overvale House vorbereitet. Sie fuhren bergauf und bergab durch eine bewaldete Gegend, bis sie unvermittelt auf einem Kamm vor einem steilen Hang ankamen und vor sich ein weites Panorama des darunter liegenden Tals erblickten. Die Landschaft war übersät mit Feldern voller leuchtend gelbem Raps. Die Samen waren im Verlauf der Jahre umhergeflogen, und wilder Raps hatte sich rechts und links der Straße ausgebreitet. Die gelben Blüten nickten vorbeifahrenden Wagen hinterher. In einer geschützten Ecke des Tals stand ein Obsthain in voller Blüte, ein Meer aus Pink. Doch sie bogen von der Straße ab, ohne das Tal zu durchqueren, und folgten Tobys skizzierter Wegbeschreibung auf eine schlecht erhaltene schmale Landstraße, kaum mehr als ein Feldweg. Bald war der herrliche Ausblick auf das Tal verschwunden, und sie waren zurück in den schweren Schatten auskragender Bäume.

Sie ratterten über zahllose Schlaglöcher, bis sie unerwartet hinter einer Kurve wieder im Freien und vor einer gleichermaßen atemberaubenden Aussicht herauskamen. Vor ihnen lag Overvale House, auf einer Anhöhe auf der gegenüberliegenden Seite des Tals, ein ausladendes georgianisches Gebäude inmitten weiter grüner Rasenflächen und dunkler Baumgruppen. Auf einer Koppel weideten friedlich Pferde, und am Talgrund glitzerte ein ovaler See im Sonnenlicht. Meredith stieß einen Laut des Entzückens aus. Alan hielt an, beide stiegen aus, überquerten den Weg und blieben am Rand des Kamms stehen, um die Aussicht zu genießen.

»Das ist der See«, sagte Alan und deutete nach unten auf das Oval aus tanzenden, glitzernden Reflexen. »Er ist nicht besonders groß, wie du siehst, und er ist künstlich. Er wurde Anfang des neunzehnten Jahrhunderts angelegt, um die Gäste mit Bootsfahrten zu amüsieren, denke ich.«

»Natürlich, du kennst das Haus und das Land. Ich kann es kaum abwarten, alles näher in Augenschein zu nehmen!« Der Wind fuhr ihr in die Haare, als sie sprach, und sie strich es sich mit der Hand aus dem Gesicht.

»Frag die Jenners. Ich bin sicher, sie zeigen dir ihren Besitz mit dem größten Vergnügen.« In seiner Stimme schwang ein trockener Unterton.

Sie sah ihn von der Seite an. »Es tut mir Leid, Alan. Ich hätte dich nicht in diese Geschichte hineinziehen sollen.«

Markby schüttelte den Kopf und grinste sie an. »Nicht nötig, sich zu entschuldigen. Erstens sieht es dir überhaupt nicht ähnlich, und das macht mich nervös. Außerdem wäre der Fall wahrscheinlich sowieso auf meinem Schreibtisch gelandet – falls sich herausstellt, dass es um Erpressung geht. Ich bin auf gewisse Weise sogar froh, so früh dabei zu sein. Wie ich bereits letzte Nacht sagte – normalerweise werden wir immer erst viel zu spät gerufen.«

Sie war erneut in die Aussicht versunken. »Es ist so ein wunderschönes Haus, die ganze Umgebung, einfach alles. Es ist … es ist, als wäre man in einem Märchen an einem verzauberten Ort angelangt.«

»Ein guter oder ein böser Zauber?«, fragte Markby vorsichtig. Dann, als sie sich überrascht zu ihm wandte, lächelte er und fügte neckisch hinzu: »Es ist nicht wie das Vikariat von Bamford.«

»Nein. So etwas könnten wir uns gar nicht leisten – wir könnten es nicht einmal unterhalten, wenn wir es ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Und sei getreu bis in den Tod" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen