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Und raus bist du

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Epigraph
  5. März 2008, in der Nacht von Samstag auf Sonntag
  6. Dienstagvormittag
  7. Dienstagnachmittag
  8. Dienstagabend
  9. Mittwochvormittag
  10. Mittwochnachmittag
  11. Mittwochabend
  12. Donnerstagvormittag
  13. Donnerstagnachmittag
  14. Donnerstagabend
  15. Die Nacht von Donnerstag auf Freitag
  16. Freitagvormittag
  17. Freitagnachmittag
  18. Freitagabend
  19. Über die Autorin

Grausam ans harte Band der Wirklichkeit

gekettet bleibt mir vom kahlen Rosenfeld der

Freud’ allein der ungepflückte Rest, und wie ein

Kartenhaus stürzt ein jegliches Erdenglück,

kein holder Traum wird mir errettet.

Bloß auf die dürre Krücke der Geduld gestützt

begann ich suchend durch die wilde Wüstennacht

zu irren in meinen Spuren schwere Ketten klirren,

deren Glieder nur der Tod zerteilen kann.

Doch tröstet mich der himmlische Gesang,

vom Himmelszelt im Rosenkranz ein Engel.

In güldner Fahrt er sich zur Erde niederschwingt.

Sanft rührt er mich mit seinem Lilienstengel.

Schon fällt die Kette ab mit hellem Kupferklang

Der Flügel streckt sich und die Silberstimme klingt.

ERIK JOHAN STAGNELIUS

März 2008, in der Nacht von Samstag auf Sonntag

Man hörte einen kurzen Laut, wie das Krächzen eines Vogels, dann wurde es still. Der Körper in seinen Armen wurde schwer, und im Badezimmerspiegel sah er, wie ihr Kopf zurück an seine Brust sank. Unnatürlich nach hinten geneigt, mit geschlossenen Augen und weit aufgerissenem Mund, als wäre sie im Bus eingeschlafen. Bald würde sie durch die unbequeme Haltung geweckt werden, und dann würde sie wieder einschlafen, aufwachen, einschlafen, aufwachen … Aber nein, der klaffende Schnitt durch ihren Hals und das Blut, das immer langsamer herausgepumpt wurde, zeugten von etwas ganz anderem. Diese Frau würde nie wieder aufwachen.

Er wischte die Klinge des Jagdmessers an ihrer Jeans ab und legte es auf das Waschbecken. Ohne sichtbare Anstrengung hob er sie auf, den rechten Arm unter ihren Knien und den linken unter Schultern und Nacken. Er trug den zierlichen Körper über die Schwelle der Badezimmertür ins Schlafzimmer, wo er ihn vorsichtig ins Doppelbett neben die beiden schlafenden Kinder legte. Mit leisen, entschlossenen Schritten ging er zurück, um seine Waffe zu holen. Das Mädchen, das zwischen der Mutter und dem etwas älteren Bruder lag, wurde durch die Bewegungen im Bett gestört, begann zu wimmern und mit dem Daumen nach ihrem Mund zu suchen.

In dem Augenblick, als sie ihn gefunden hatte, war er mit dem Jagdmesser wieder zurück, und ohne eine Sekunde zu zögern, schnitt er mit einer einzigen Bewegung den zarten Hals des Mädchens durch. Die Kleine gab keinen Laut von sich, und die ruhigen Atemzüge ihres Bruders waren das einzige Geräusch, das im Zimmer zu hören war. Er selbst atmete nicht. Ein paar Sekunden stand er regungslos da und schaute zu, wie das Blut aus dem kleinen Körper floss. Mit wenigen Schritten war er auf der anderen Seite des Bettes und beugte sich über den fest schlafenden Jungen, bevor er auch dessen junges Leben mit einem einzigen Schnitt durch die Kehle beendete.

Dienstagvormittag

Im ersten Augenblick dachte Kriminalkommissar Conny Sjöberg, sie würden schlafen – das kleine Mädchen, bezaubernd süß mit dem Daumen im Mund, und der Junge dicht neben ihr, entspannt auf dem Rücken liegend. Aber die unnatürliche Lage der Köpfe im Verhältnis zu den Körpern riss ihn schnell aus dieser Wunschvorstellung. Als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte er die großen Mengen Blut erkennen, die mittlerweile in den Laken und auf den drei Körpern geronnen waren. Die klaffenden Halswunden waren eigentlich mehr, als er vertragen konnte, aber er zwang sich, sich die makabre Szene genau einzuprägen, bevor er seinen Blick abwandte. Der Junge mochte etwa fünf Jahre alt sein, ungefähr wie seine Maja, das Mädchen ein gutes Jahr jünger, vielleicht so alt wie die Zwillinge. Jens Sandén stellte sich neben ihn, den Rücken den leblosen Körpern zugewandt. Er sprach leise und beugte sich so nah an sein Ohr, dass Sjöberg die Worte auf seiner Haut spüren konnte.

»Zumindest starben sie gemeinsam.«

»Was kann das für ein Mensch sein, der …«

»Wir müssen es so sehen«, unterbrach ihn Sandén, »Mutter und Kinder durften gemeinsam sterben.«

»Es muss schnell gegangen sein«, murmelte Sjöberg. »Die Kinder können nichts gemerkt haben, wenn sie geschlafen haben.«

Mit einem lauten Knall ließ Petra Westman das Rollo hochfahren. Graues Märzlicht strömte herein, und der ganze Raum lag plötzlich deutlich vor ihnen. Sandén warf einen Blick auf das Bett. Keines der Kinder war zugedeckt. Beide trugen Pyjamas; der Junge einen roten mit einem schwarzen Spinnennetz auf der Hose und einer Spiderman-Abbildung auf der Brust, das Mädchen einen hellblauen mit kleinen Teddybären. Die Frau trug Jeans und eine weiße, taillierte Bluse. Ihre Füße waren nackt, die Zehennägel durchsichtig lackiert.

»Im Badezimmer ist viel Blut«, sagte Sandén und deutete auf die offen stehende Tür. »Und überall auf dem Weg von dort bis zum Bett.«

»Er hat die Frau zuerst getötet«, stellte Sjöberg fest. »Während die Kinder in ihrem Bett schliefen. Dann hat er sie hierher getragen. Ich kann keine Anzeichen eines Tumults erkennen. Aber warum hat er die Kinder getötet, wenn sie gar nichts gesehen haben?«

»Vielleicht wussten sie etwas«, überlegte Sandén.

»Vielleicht ein Beziehungsdrama oder ein Verbrechen aus Leidenschaft. Gibt es einen Mann in dieser Familie?«

»Tja, an der Tür steht Larsson …«

» … aber sie sehen nicht wie typische Larssons aus«, führte Sjöberg seinen Gedanken zu Ende.

Sie wandten sich gleichzeitig wieder dem Bett zu. Das schwarze, glänzende Haar und die schön geschnittenen asiatischen Gesichtszüge der drei ließen darauf schließen, dass ihr Ursprungsland weit entfernt von Schweden lag.

»Vielleicht Thailand?«, schlug Sandén vor.

»Vielleicht.«

Auf dem Nachttisch lag ein aufgeschlagenes Buch mit englischen Kinderreimen:

»What are little boys made of?

Snips an snails, and puppy-dogs’ tails,

that’s what little boys are made of.

What are little girls made of?

Sugar and spice, and everything nice,

that’s what little girls are made of.«

»Sie könnte adoptiert gewesen sein«, mischte sich der gut dreißigjährige Kriminalassistent Jamal Hamad ein, der vor dem Badezimmer in die Hocke gegangen war und etwas betrachtete, das ein Schuhabdruck neben einer eingetrockneten Blutlache sein konnte.

Er stand auf und sah seine ranghöheren Kollegen an.

»Im Flur hängt eine Handtasche an einem Garderobenhaken«, fuhr er fort. »Soll ich einen Blick hineinwerfen, damit wir vielleicht die Identität der Frau feststellen können? Dann hat Einar schon etwas, mit dem er arbeiten kann, bis Bella hier fertig ist.«

Gabriella Hansson und ihre Techniker waren bislang noch nicht eingetroffen, aber Sjöberg wusste, dass sie unterwegs waren. Er verließ sich auf seinen Instinkt und wollte immer, dass sowohl er als auch seine Leute sich ein Bild vom Tatort machten, bevor ihn die Kriminaltechniker komplett in Beschlag nahmen.

»Tu das«, antwortete er.

Er vertraute Hamad und hatte nicht das Gefühl, dass er ihm noch erklären musste, wie man sich an einem Tatort zu verhalten hatte.

»Wo ist Einar überhaupt?«, fragte Sjöberg.

Sandén zuckte mit den Schultern.

»Keine Ahnung«, sagte Hamad, der schon auf dem Weg in den Flur war.

Sjöberg verließ das Schlafzimmer, sorgfältig darauf bedacht, nicht auf eine falsche Stelle zu treten, obwohl er schon Schuhschützer trug. Er durchquerte den Flur und begab sich in die Küche zu Westman, die mit dem Rücken am Fenster stand. Von hier aus konnte man den ganzen Raum überblicken.

»Was siehst du, Petra?«

»Zunächst einmal sehe ich Kinder, denen Schlimmes zugestoßen ist«, antwortete sie resigniert. »Schon wieder.«

Er vermutete, dass sie an den kleinen Jungen dachte, den sie vor weniger als einem halben Jahr in einem Gebüsch gefunden hatte. Sjöbergs Gedanken wanderten dagegen zu einem kleinen Mädchen in einer Badewanne zurück.

»Ich sehe eine einsame Frau«, fuhr Westman fort. »Eine entwurzelte Frau mit Geldproblemen.«

»In einer Eigentumswohnung in Norra Hammarbyhamnen? Die Wohnungen hier kosten Millionen.«

»Ja, ich weiß, dass das nicht zusammenpasst. Aber hier herrscht das Gegenteil von Überfluss. Der Kühlschrank und die Schränke enthalten nicht mehr als das Allernotwendigste. Und alles ist billig: Kleidung, Möbel, Hausrat, Körperpflegeartikel. Man könnte es auch sparsam möbliert nennen. So gut wie keine persönlichen Gegenstände. Es sieht nicht fertig aus. Das muss dir doch auch aufgefallen sein, Conny.«

»Und warum glaubst du, dass sie allein war?«

»Genau darum. Weil alles so unpersönlich ist. Sie wollte nicht hier sein. Zu Hause war für sie woanders.«

Als die Techniker mit Gabriella Hansson an der Spitze ankamen, hatte Sjöberg die Wohnung am Trålgränd 5 schon verlassen und befand sich unten im Hof. »Hallo, Bella«, sagte Sjöberg.

»Du siehst müde aus.«

Sie blieb nicht stehen, sondern verlangsamte nur ihr Tempo, als sie an den Polizisten vorüberging.

»Es sind Kinder. Überall Blut«, warnte Sjöberg.

»Unfall?«

»Ausgeschlossen.«

Sie beschleunigte wieder ihre Schritte und eilte zielstrebig weiter, leicht gebeugt von dem Gewicht der beiden großen Taschen, die sie in den Händen trug. Sjöberg machte kehrt und lief zum Eingang zurück, und während er ihr die Tür aufhielt, wagte er eine vorsichtige Bitte:

»Wir brauchen alles, was uns etwas über ihre Identität sagen kann. Persönliche Dokumente, Adressen, Rechnungen …«

»… Fotografien, Quittungen, Korrespondenz und so weiter«, ergänzte Hansson. »Du hast es vor vier auf deinem Schreibtisch.«

Auch der Rechtsmediziner Kaj Zetterström schlüpfte zusammen mit einem Kollegen hinein, bevor Sjöberg die Tür hinter ihnen ins Schloss fallen ließ und sich hinunter zum Hammarbykanal und dem Uferweg begab, über den man ein paar Blöcke weiter zur Polizeiwache gelangte. Er beeilte sich nicht, seine Kollegen einzuholen, deren Rücken gut hundert Meter weiter vorn im Nieselregen verschwanden. Er wollte eine Weile mit sich selbst und seinen Gedanken allein sein, zumindest während der vier Minuten, die er bis zur Östgötagatan 100 brauchte.

Dienstagnachmittag

Ein paar Stunden später hatten Conny Sjöberg, Jens Sandén, Petra Westman, Jamal Hamad und der groß gewachsene Staatsanwalt Hadar Rosén – wie üblich im grauen Anzug, mit weißem Hemd und Krawatte – sich um den Tisch im blauen, ovalen Besprechungsraum versammelt. Auch der stellvertretende Polizeidirektor Gunnar Malmberg war zu Sjöbergs Überraschung gekommen, denn er wollte sich ein Bild davon machen, wie man an diesen aufsehenerregenden Fall herangehen wollte. Er versuchte, ein Lächeln in sein vom Ernst der Stunde geprägtes Gesicht zu zaubern, während er jeden Einzelnen mit Handschlag begrüßte, und Sjöberg stellte mit Erleichterung fest, dass auch Westman unverkrampft mit der Situation umzugehen schien. Er konnte sich nicht erinnern, sie seit diesem unangenehmen Zwischenfall vor einem halben Jahr gemeinsam in einem Zimmer gesehen zu haben, als Malmberg ihr auf Anweisung von Polizeidirektor Roland Brandt mehr oder weniger befohlen hatte, ihren Abschied zu nehmen. Anlass war eine obszöne E-Mail, die von Westmans Mailkonto an Brandt geschickt worden war und die Sjöberg am liebsten niemals gesehen hätte. Aber das Ganze war mittlerweile von beiden Seiten anscheinend vergeben und vergessen, und das war auch gut so, denn interne Zwistigkeiten konnten sie sich nicht leisten.

»Bella kommt nicht, aus nachvollziehbaren Gründen«, begann Sjöberg, »aber sie hat schon einiges Material geliefert, mit dem wir arbeiten können.«

Er hielt eine durchsichtige Plastiktüte hoch, deren Inhalt offensichtlich aus verschiedenen Papieren, einem Pass und einigen Ansichtskarten bestand.

»Verdammt fix, diese Frau«, stellte Sandén fest.

»Ja, und dafür sollten wir dankbar sein.«

»Und wo steckt der gute Herr Eriksson heute?«, wollte Rosén wissen und ließ seinen Blick mit der Andeutung eines Lächelns durch die Runde schweifen.

»Anscheinend hat er heute frei«, sagte Sjöberg. »Hat ihn niemand gesehen?«

»Glaubst du tatsächlich, dass Einar Urlaub hat?«, grinste Sandén. »Vielleicht eine Woche Skifahren in Italien?«

Hamad konnte ein leises Lachen nicht unterdrücken. Die Vorstellung, dass der unnahbare Einar Eriksson, der nur widerwillig seinen Platz hinter dem Schreibtisch verließ, auf einem Paar Ski unterwegs sein könnte, war wirklich lächerlich. Westberg lächelte Sandén zu, während Sjöberg die Bemerkung ungerührt zur Kenntnis nahm.

»Tja, jedenfalls ist es bedauerlich«, sagte er. »Wir könnten ihn jetzt gut gebrauchen.«

Er stand auf und trat an das Whiteboard, nahm einen Stift aus der Halterung, schrieb »Catherine Larsson« ganz oben an den Rand und unterstrich den Namen.

»Catherine Larsson, geborene Calipayan, 34 Jahre alt, also 1973 geboren. Die Kinder, bei denen es sich wie angenommen um ihre eigenen handelt, heißen Tom und Linn Larsson, vier beziehungsweise zwei Jahre alt.«

Er las von einer handschriftlichen Notiz ab, und während er sprach, schrieb er die Informationen an die Tafel.

»Die Wohnung, in der wir sie gefunden haben, ist ihre eigene. Sie ist philippinischer Herkunft, schwedische Staatsbürgerin seit 2005 und hat seit 2001 in Schweden gelebt. Verheiratet mit einem Christer Larsson, Jahrgang 1949, der auch als Vater der beiden Kinder eingetragen ist. Er ist unter einer anderen Adresse gemeldet, sie scheinen also nicht zusammenzuleben. Sie selbst war bis Juni 2006, als sie in den Trålgränd zog, ebenfalls unter seiner Adresse gemeldet.«

»Wovon lebte sie?«, fragte Rosén.

»Sie ist arbeitssuchend gemeldet, und zwar seit August 2006, nachdem beide Kinder in die Kindertagesstätte aufgenommen worden sind. Bevor sie die Kinder bekam, hatte sie eine kurzzeitige Beschäftigung bei einer Gebäudereinigungsfirma, die ihr nach vier Monaten aufgrund von ›Arbeitsmangel‹ gekündigt hat. Ihr erstes Kind, Tom, ist wenige Monate später zur Welt gekommen. Man kann also davon ausgehen, dass auch das eine Rolle dabei gespielt hat.«

»Es ist eine Eigentumswohnung?«

Sjöberg nickte.

»Für eine arbeitslose Filipina scheint mir das eine reichlich kostspielige Unterkunft«, bemerkte Rosén.

»Ja, das werden wir untersuchen müssen, aber sie ist … sie war ja immer noch verheiratet.«

»Ich schätze, dass sie schwarzgeputzt hat«, warf Sandén ein. »Damit kann man eine ganze Menge Geld verdienen. Außerdem könnte sie schon Geld gehabt haben, bevor sie hierhergekommen ist, denn womit sie da drüben ihr Geld verdient hat, ist wohl nicht allzu schwer zu erraten.«

Sjöberg massierte sich ein Auge mit dem Fingerknöchel und seufzte leise.

»Vielleicht sollten wir ein bisschen wissenschaftlicher zu Werke gehen …«, versuchte er anzumahnen, aber das amüsierte Glitzern in seinem anderen Auge war Sandén nicht entgangen.

»Irgendjemand muss doch sagen, was alle denken«, antwortete er mit gespielter Empörung. »Aber gut. Lasst uns also dazu übergehen, im Schweiße unseres Angesichts diese längst bekannten Informationen auszugraben.«

Im selben Augenblick bemerkte Sjöberg, wie ein Schatten über Sandéns Gesicht zog und plötzlich alle Farbe daraus wich. Sjöberg hielt inne und versuchte sich hastig ein Urteil über den Gesundheitszustand seines Kollegen zu bilden – ein Reflex, der sich entwickelt hatte, nachdem Sandén ein halbes Jahr zuvor fast von einem Schlaganfall dahingerafft worden war. Ob Sandén bemerkte, dass er sich solche Sorgen machte, war ihm nicht anzusehen, aber wenige Augenblicke später war sein zufriedenes Grinsen wieder zurückgekehrt.

»Du und ich, wir nehmen uns Christer Larsson vor«, sagte Sjöberg, als ob nichts gewesen wäre, und deutete mit ausgestrecktem Arm auf seinen alten Wegbegleiter. »Petra und Jamal gehen Klinken putzen«, fuhr er fort. »Jens kommt später dazu. Ich werde mir den Inhalt dieser Tüte genauer ansehen, und anschließend werde ich wohl den Einar spielen müssen, bis er wieder zurück ist. Irgendwelche Anmerkungen?«

Er ließ seinen Blick über die Runde der Kollegen wandern.

»Ich habe das Gefühl, dass sie mit den Kindern allein dort gelebt hat, ohne irgendeinen Mann«, sagte West man.

»Ich habe das Gefühl, dass sie einen Kerl hatte«, sagte Hamad.

Westman warf ihm einen säuerlichen Blick zu.

»Verdammt, sie war doch verheiratet«, sagte Sandén.

Sjöberg hob die Hand, in der er den Stift hielt, um sie zu unterbrechen.

»Petra, wie war deine Überlegung?«

»Man kann wohl davon ausgehen, dass die Beziehung zu diesem Christer Larsson vorbei war, nachdem sie bei ihm ausgezogen ist«, begann sie. »Ich habe nichts gesehen, was darauf hindeuten könnte, dass sich ein Mann öfter in dieser Wohnung aufgehalten hat. Keine einschlägige Kleidung und auch im Badezimmer nichts. Und dazu kommt, was ich dir auch schon gesagt habe, Conny: Alles war so unpersönlich, die ganze Einrichtung hatte keine Seele. Aber das ist natürlich nur ein Gefühl.«

»Zwei Punkte dagegen«, sagte Hamad. »Zunächst einmal hatte sie ein Doppelbett.«

»Aber das könnte sie auch wegen der Kinder gehabt haben«, entgegnete Westman scharf. »Vielleicht hatte sie sie gerne bei sich im Bett.«

»Oder die Kinder hatten sie gerne bei sich im Bett«, warf Sjöberg ein und hatte dabei sich selbst und Åsa vor Augen, wie sie gemeinsam mit den fünf Kindern in ihrem Doppelbett lagen.

»Es könnte auch praktische Gründe gehabt haben«, fuhr Westman fort. »Vielleicht hat sie es beim Umzug mitgenommen. Das Doppelbett hat nichts zu bedeuten.«

»Zum anderen«, fuhr Hamad ungerührt fort, »hing ein grüner Herrenpullover an der Garderobe im Flur.«

Sjöberg zog eine Augenbraue hoch.

»Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer«, sagte Westman. »Natürlich bekommen sie manchmal Besuch von Christer Larsson.«

»Die Vorgehensweise«, sagte Sjöberg. »Was sagt uns die? Brutal, blutig, bestialisch. Hass? Rache? Leidenschaft?«

»Er hatte es ganz offensichtlich auf die Kinder abgesehen«, meinte Hamad. »Warum sonst hätte er sie töten sollen? Sie scheinen ja geschlafen zu haben.«

»Wir wissen nicht, ob es tatsächlich so war«, sagte Sjöberg. »Da müssen wir auf Zetterströms Bericht warten, aber ich glaube ebenfalls, dass einiges dafür spricht. Es ist doch sehr unwahrscheinlich, dass die Kinder artig im Bett liegen und warten, während die Mutter im Badezimmer ermordet wird.«

»Sie könnten auch zuerst umgebracht worden sein«, fuhr Hamad fort. »Aber es ist unwahrscheinlich, dass er in dieser Reihenfolge vorgegangen ist. Sie war im Badezimmer … Sie könnten einander gekannt haben. Wie auch immer, ich bin überzeugt, dass er es auf die Kinder abgesehen hatte.«

»Ist es ein ›er‹?«, fragte Sjöberg.

Alle am Tisch nickten.

»Wir sprechen hier auch nicht von irgendeinem kleinen Taschenmesser«, bemerkte Sandén. »Es muss schon eine massive Klinge gewesen sein. Und das Blutbad im Badezimmer kann nur ein Mann angerichtet haben. Catherine Larsson wird wohl ziemlichen Widerstand geleistet haben, obwohl sie nicht besonders groß war. Eine Frau hätte zugestochen, denke ich mir. Das hier ist das Werk eines Mannes. Stark. Entschlossen. Eiskalt.«

»Das sehe ich auch so«, sagte Sjöberg. »Aber warum bringt man zwei kleine Kinder um? Willst du vielleicht ein paar Vorurteilen Luft machen, Jens, damit ich es nicht tun muss.«

»Weil man der Vater der Kinder ist und von dem ganzen Mist die Schnauze voll hat«, antwortete Sandén bereitwillig. »Oder weil man gerne der Vater der Kinder gewesen wäre und von dem ganzen Mist die Schnauze voll hat.«

»Wer hat die Polizei alarmiert?«

Sjöberg schielte auf den Zettel, den er in der Hand hielt.

»Ein Nachbar namens Bertil Schwartz. Catherine Larsson hatte für heute Morgen eine Zeit in der Waschküche reserviert, ist aber nicht aufgetaucht. Schwartz hat bei ihr geklingelt, um zu fragen, ob er ihre Zeit übernehmen kann, aber niemand hat ihm geöffnet. Er schrieb ihr eine Mitteilung, und als er den Briefschlitz öffnete, um den Zettel einzuwerfen, nahm er einen unangenehmen Geruch wahr, weshalb er durch den Schlitz schaute und auf dem Fußboden Blut zu erkennen glaubte. Daraufhin hat er die Polizei gerufen. Ihr müsst kontrollieren, ob das mit der Waschküche stimmt.«

Die Aufforderung hatte er an Hamad und Westman gerichtet. An Sandén gewandt sagte er: »Du übernimmst auch den Kindergarten. Aber als Erstes müssen wir zu Christer Larsson. Dann legen wir los. Morgen zur selben Zeit treffen wir uns wieder hier.«

*

Um seinen Rücken zu schonen, lag er im Halbdunkel auf der Seite. Ein schmaler Streifen spätwinterlichen Lichts fiel durch die Fensterluke oberhalb der verschmutzten Waschwanne. Wenn er in das Licht schaute, wurde alles andere im Raum schwarz. Er zog es vor, die Gegenstände zu sehen, die ihn umgaben, deshalb richtete er seinen Blick auf ein paar Dosen im Regal. Er schaute hin, aber er sah nichts. In seinen Gedanken war es Mai, ein strahlender Frühlingstag vor vielen Jahren. Er stand am Wohnzimmerfenster, hatte den Arm um die Taille seiner Frau gelegt und schaute den Nachbarsjungen zu, die auf dem Hof spielten. Ein Lüftungsfenster war geöffnet, und der Wind spielte in den weißen Gardinen neben ihnen. Waren sie tatsächlich weiß, oder schien es ihm nur so, weil alle Erinnerungen an diesen Tag wie in einen milchigweißen Schleier gehüllt waren?

Sie hätten auch auf dem Balkon sitzen können, wenn dort nicht ihr kleines Begrünungsprojekt gelaufen wäre. Der Tisch und die beiden Stühle standen ordentlich zusammengeklappt an die Wand gelehnt, und der Betonfußboden war mit Zeitungen bedeckt. Ein Sack mit Erde lag zur Hälfte ausgeschüttet auf der Zeitungsunterlage, und darum herum standen ein Dutzend ineinandergestapelte Blumentöpfe und ein paar Kisten mit Pflanzen. Der Duft der Erde vom Balkon vermischte sich mit dem Geruch frisch gemähten Rasens, der vom Hof heraufstieg.

Es war Samstag, und ein paar ältere Kinder hatten alle Schaukeln in Beschlag genommen, sodass sich die beiden kleinen Jungen bis auf Weiteres mit dem Sandkasten begnügen mussten. Jeder buddelte zerstreut mit seinem kleinen Spaten im trockenen Sand herum und warf verstohlene Blicke zu den Schaukeln hinüber. Aber sie wagten es nicht, sich den größeren Kindern zu nähern, obwohl ihre Mutter direkt daneben auf einer Bank saß und in einer Illustrierten blätterte.

»Willst du auch so welche haben?«, fragte er und ließ seine Hand langsam ihr Rückgrat hinaufwandern, bis sie die weichen Haare in ihrem Nacken erreichte.

»Nein, ich will ein paar von dem da haben«, antwortete sie, drehte sich zu ihm um und kniff ihn in die Wange. »Nur kleiner«, fügte sie mit einem Lachen hinzu.

Er legte die Arme um sie und drückte sie an sich. Eine Weile blieben sie schweigend so stehen. Sein Blick fiel erneut auf die beiden kleinen Jungen im Sandkasten, und er beobachtete, wie sie gleichzeitig aufsprangen und zu etwas hinüberrannten, das sich außerhalb seines Gesichtsfelds befand. Nach ein paar Sekunden kamen sie zurück und zogen jeder an einer Hand ihren Vater hinter sich her. Die Mutter stand auf und sagte etwas zu ihm. Sie rollte ihre Zeitschrift zusammen und entfernte sich von ihnen. Bevor sie verschwand, sah er noch, wie sie den Jungen irgendetwas Alltägliches, Unsentimentales über die Schulter zurief, bevor sie sie verließ oder von ihnen verlassen wurde. Er dachte – nicht in jenem Augenblick, sondern später –, dass sie keinen von ihnen umarmt hatte, dass sie ihre rosigen Wangen nicht geküsst hatte, bevor sie ging, dass sie ihnen nicht über das Haar gestreichelt und ihnen gesagt hatte, wie sehr sie sie liebte. Damals dachte er, natürlich, bald ist es zehn, sie muss zu ihrer Arbeit im Frisiersalon.

»Dein Magen knurrt«, sagte sie und befreite sich aus seinen Armen. »Komm, lass uns frühstücken.«

Sie briet Eier mit Speck, während er den Küchentisch deckte. Durch das Fenster sah er, wie die größeren Kinder die Schaukeln verließen und die kleinen Nachbarsjungen blitzschnell herbeiliefen, um sie zu übernehmen. Ihr Vater hatte auf seiner Bank Gesellschaft von einem anderen Mann bekommen. Sie unterhielten sich, und ihre Körpersprache verriet, dass sie sich schon länger kannten.

Nachdem sie ihr spätes Samstagsfrühstück beendet hatten, ließen sie den Abwasch stehen und krochen noch einmal zurück ins Bett. Es war schon halb eins, als sie fertig waren, in der Küche aufgeräumt und die Gartenhandschuhe übergezogen hatten, um das Begrünungsprojekt auf dem Balkon erneut in Angriff zu nehmen.

Da klingelte es an der Tür.

*

Ohne viele Worte gingen sie Seite an Seite zum Trålgränd zurück, wo sie die Nachbarn befragen sollten. Hamad unternahm ein paar ungeschickte Versuche, eine Konversation in Gang zu bringen, aber Petra war nicht in der Stimmung, Theater zu spielen. So zu tun, als sei nichts gewesen. Er existierte nicht für sie, nicht als Mensch. Als Polizist schon. Sjöberg beharrte ja darauf, sie ständig als Zweierteam auf dieselben Aufträge anzusetzen, und Petra war professionell. Sie würde niemals zulassen, dass ihre Arbeit unter ihren Gefühlen litt. Aber es konnte nie wieder wie früher werden. Es war undenkbar, einfach einen Strich unter all das zu ziehen, was er ihr angetan hatte. Und all den anderen Frauen, die auf den Videoaufnahmen in Peder Fryhks Keller zu sehen waren.

Dass es Hamad war, der die Kamera gehalten hatte, war so gut wie bewiesen. Er hatte sie überredet, ihn in die Hotelbar des Clarion zu begleiten, und sie direkt in die Arme des Vergewaltigers Fryhk getrieben. Hamad hatte ihre Passierkarte genommen und sie ins Pelikan gelockt, wo er ihr jede Menge Bier eingeflößt hatte, denn er wollte sich später damit in die Polizeiwache einlassen, um eine erotische Mail an den Polizeidirektor zu verschicken. Von ihrer Mailadresse und ihrem Computer aus, dessen Passwort nur sie und der Vergewaltiger kennen konnten. Und das Bild, das an Roland Brandt verschickt wurde, hatte sie später auch auf Hamads Computer gefunden.

Und wenn das als Beweis noch nicht reichte, konnte sie es jederzeit schwarz auf weiß bestätigt bekommen, dass ihr Verdacht berechtigt war. Håkan Carlberg vom SKL, dem Schwedischen Kriminaltechnischen Labor in Linköping, besaß sowohl die Fingerabdrücke als auch die DNA des »anderen Mannes«, wie sie ihn genannt hatte, bevor er einen Namen bekam. Der andere Mann, der die Kamera gehalten hatte, während Peder Fryhk betäubte und bewusstlose Frauen vergewaltigte. Der Mann, der ebenfalls vergewaltigte, sich dabei aber niemals filmen ließ und keine Erinnerungen bei den Opfern hinterließ.

Aber sie tat es nicht. Sie hatte Hamads Fingerabdrücke nicht nach Linköping geschickt. Weil es nicht nötig war, sie wusste es ja bereits. Und weil es ihr zu spät schien, jetzt noch damit vor Gericht zu gehen, schließlich hatte sie ein für alle Mal beschlossen, das Verbrechen nicht anzuzeigen. Und vielleicht gab es ihr in der herrschenden Situation auch eine gewisse Sicherheit. Denn wie würde sie reagieren, wenn der endgültige technische Beweis dafür vorlag, dass Hamad dieser andere Mann war? Ihr naher Freund und Vertrauter? Oder noch schlimmer: wenn sich nach so langer Zeit herausstellen sollte, dass er unschuldig war? In jedem Fall würde ihre Existenz – die sie sich nach diesen Vorfällen so hart wieder erarbeitet hatte – zusammenbrechen. Nein, sie hatte nicht die Kraft, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen.

Aber Petra hielt Hamad auf Abstand, versuchte, sich ihm gegenüber neutral und sachlich zu verhalten, und gab ihm keine Chance, ihr zu schaden oder sich über sie zu erheben. Genau darauf war er aus, so hatte es auch Sjöberg gesehen, nachdem sie ihm von den genauen Umständen ihrer Vergewaltigung erzählt hatte. Macht und Rache – das waren die Motive, um die sich die Gedanken des anderen Mannes drehten. Macht, weil es bei einer Vergewaltigung im Grunde nur darum ging, und Rache, weil sie Peder Fryhk hinter Schloss und Riegel gebracht hatte. Das Pornobild an Brandt zu schicken war der nur haarscharf missglückte Versuch, sie aus ihrem Job zu katapultieren. Rache. Macht.

Wie raffiniert er gewesen war, dieser Hamad. Früher, als er die Gelegenheit dazu hatte. Er war darauf bedacht, sich immer in ihrer Nähe aufzuhalten. Ein Fels in der Brandung. Er hatte sie gerne berührt, den Arm um sie gelegt, ihr tief in die Augen geschaut, sich interessiert. Aber niemals mehr als das. Keine Annäherungen, keine Grenzüberschreitungen. Und sie wäre nicht abgeneigt gewesen. Er war smart, gut aussehend, warmherzig und charmant, was konnte man mehr verlangen? Außerdem war er frisch geschieden. Aber die ganze Zeit hatte er sich im Grunde nur für eines interessiert: mit ihr tun zu können, was er wollte, gegen ihren Willen. Darum war es also gegangen, sie war nur ein Spielzeug für ihn gewesen, ein feuchter Traum.

Aber es würde ihm nie gelingen, über sie zu triumphieren. Sie hatte sich ihm gegenüber nie schwach gezeigt. Sie hatte sich schnell erholt, war fast unmittelbar wieder auf die Füße gekommen. Ihr Interesse am männlichen Geschlecht war seit der Vergewaltigung vor anderthalb Jahren im Grunde erloschen, aber selbst da war sie mittlerweile wieder in der Spur. Woher auch immer das kommen mochte. Bei dem Gedanken an das Absurde in der Situation musste sie lächeln. Es würde niemals etwas daraus werden, es durfte nichts daraus werden, aber es war angenehm. Gut fürs Selbstbewusstsein. Ein One-Night-Stand mit einem reifen Mann in den besten Jahren. Familienvater. Es war nicht ihre Absicht gewesen, als sie sich vor einer Woche begegnet waren. Sie war mit ein paar Freundinnen unterwegs gewesen und hatte gefeiert. Zuerst war sie ihm mit gebührender Zurückhaltung begegnet, aber er hatte einen gut platzierten Keil in ihre Rüstung getrieben, hatte so interessante Sachen zu erzählen gewusst, dass sie sich am Ende zu einem Glas Tee in ihrer Wohnung überreden ließ. Und dann hatte das eine zum anderen geführt. Aber sie bereute nichts, verlor in der Situation niemals den Kopf und machte sich keine falschen Hoffnungen, im Gegenteil. Und dasselbe schien für ihn zu gelten. Sie hatten sich noch ein paarmal kurz gesprochen, auf eine abgeklärte Art und ohne Heuchelei. Wie richtige Erwachsene.

Als sie den Trålgränd erreicht hatten, suchten Petra und Hamad Bertil Schwartz auf, einen alleinstehenden Mann von etwa sechzig Jahren, der nichts über die tote Frau und ihre Kinder zu erzählen wusste. Sie seien ihm nie aufgefallen, und Hamad und Westman fanden nichts, was ihnen einen Grund gegeben hätte, an seiner Aussage zu zweifeln. Die Liste in der Waschküche hatte ihnen bestätigt, dass Catherine Larsson tatsächlich an diesem Dienstagvormittag eine Zeit reserviert hatte.

Ihre nächsten Nachbarn, mit denen sie das Stockwerk teilte, hatten auch nichts Wesentliches beizutragen. Niemand von ihnen hatte näheren Kontakt zur Familie Larsson gehabt, aber alle im Haus waren sich einig, dass sie kein großes Aufhebens von sich gemacht hätten, dass die Kinder artig gewesen seien und die Mutter immer freundlich grüßte.

Man habe bemerkt, dass ein Mann mit schwedischem Aussehen eine Rolle in ihrem Leben spielte, aber ob es sich dabei um Herrn Larsson oder einen anderen Mann handelte, wusste niemand zu sagen. Auch er sei ein stiller Zeitgenosse gewesen, wenngleich er im Treppenhaus stets grüßte. Möglicherweise habe er auch gelegentlich dort übernachtet; allerdings wusste niemand mit Sicherheit zu sagen, wie es sich damit verhielt. Der große Altersunterschied hätte vielleicht dagegen gesprochen, aber auf der anderen Seite konnte er ja auch nicht ihr Vater sein. Hin und wieder sei dieser Mann dabei beobachtet worden, wie er mit den beiden Kindern aus dem Haus gegangen oder wiedergekommen sei.

Catherine Larsson habe darüber hinaus auch regelmäßig Besuch von einer Frau in ihrem Alter bekommen, die ebenfalls asiatisch ausgesehen habe. Keiner der Nachbarn war jemals Zeuge von Krach oder lautem Geschrei in der Wohnung der Familie Larsson geworden. Zum Zeitpunkt des Mordes, der von der Rechtsmedizin mittlerweile auf die Zeit zwischen Samstagabend und Sonntagmorgen eingegrenzt worden war, hatte niemand im Haus etwas Ungewöhnliches wahrgenommen oder bemerkt, dass Catherine Larsson Besuch bekommen hätte.

In dem Nachbarhaus, in dem auch Bertil Schwartz wohnte, befragten die beiden Polizisten eine junge Frau von etwa fünfundzwanzig Jahren, Elin Lange. Sie war ziemlich klein, hatte blondes, kurz geschnittenes Haar und machte in ihren engen Jeans und einem T-Shirt in den Farben Brasiliens einen frischen und sportlichen Eindruck. Es stellte sich heraus, dass Elin Lange Catherine Larsson tatsächlich einmal begegnet war – und das ausgerechnet in der Waschküche. Weil sie unlängst eine Reise durch Asien unternommen hatte, hatte sie Catherine aus reiner Neugierde nach ihrer Herkunft gefragt und erfahren, dass sie von einer philippinischen Insel stammte, die sie auf ihrer Reise ebenfalls besucht hatte, nämlich Negros. Negros war laut Elin Lange ein sehr armer Teil der Philippinen, sodass sie es nicht weiter bemerkenswert fand, dass sich Catherine auf einer anderen Insel namens Mindoro einen Job in der Tourismusbranche gesucht hatte. Dort hatte sie irgendwann einen schwedischen Mann kennengelernt, in den sie sich verliebt hatte und dem sie nach Schweden gefolgt war, wo sie geheiratet und Kinder bekommen hatten. Catherine hatte Elin anvertraut, dass sie mittlerweile getrennt lebten, aber die Kinder in Schweden verwurzelt seien und auch sie selbst sich hier unter den freundlichen Schweden wohlfühlte. Aber wenn sie ganz tief in sich hineinhorchte, wäre sie am liebsten wieder nach Hause gegangen – wenn die Kinder nicht gewesen wären.

»Tourismusbranche …?«, fragte Westman.

Elin Lange musterte sie misstrauisch, bevor sie ihren Überlegungen zögerlich Ausdruck verlieh.

»Ja, also … Wir sind ja nicht in die Details gegangen, es war einfach nur nett, sich mit ihr zu unterhalten. Die Filipinos sind ein unheimlich freundlicher Menschenschlag, und man muss sie einfach mögen. Aber, na ja … wenn man die Tourismuszentren auf Mindoro besucht hat, dann ist ja nicht gerade der erste Gedanke, dass sie vielleicht Hotelrezeptionistin war … aber es sind ja nicht alle … und man soll ja keine Vorurteile haben … also, ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung.«

Westman nickte nachdenklich.

»Fällt Ihnen sonst noch etwas ein? Sie sind nämlich bisher die Einzige, mit der wir gesprochen haben, die mit Catherine Larsson mehr Worte gewechselt hat als nur Begrüßungsfloskeln.«

»Sie war ein sehr angenehmer Mensch«, antwortete Elin Lange. »So sind sie immer. Aber sie hat Heimweh gehabt, was ich gut verstehen kann. Kalt und armselig und isoliert … Wohlfahrt ist das Einzige, was dieses Land zu bieten hat, wenn die Liebe vorbei ist.«

Nach ein paar Sekunden fügte sie hinzu:

»Wie kann man zwei kleine Kinder umbringen …?«

»Wenn Ihnen noch etwas einfällt, dann rufen Sie uns doch bitte an«, sagte Hamad und reichte ihr seine Karte.

»Natürlich, das mache ich«, sagte sie, überflog die Karte und steckte sie in die Gesäßtasche ihrer Jeans.

»Vergessen Sie sie nicht, wenn Sie das nächste Mal im Waschkeller sind«, bemerkte Hamad mit einem Augenzwinkern, und sie lachte auf, als wäre sie ihm dankbar, dass er die gedrückte Stimmung ein wenig aufgelockert hatte.

Westman lächelte gemessen.

*

Christer Larsson war fast sechzig, sah aber trotz der ergrauten Haare bedeutend jünger aus. Er war groß gewachsen, stattlich gebaut und hatte kräftige Hände. Aus traurigen braunen Augen schaute er die beiden Polizisten etwas abwesend an.

Ohne sichtbare Verwunderung bat er sie in seine Wohnung, die im vierten Stock eines Hochhauses im Stadtteil Fredhäll lag. Obwohl die Einzimmerwohnung sehr beengt wirkte, war sie hübsch und ordentlich eingerichtet und roch frisch geputzt. Auf der Fensterbank standen ein paar Töpfe mit prächtig gedeihenden Pflanzen, und an den Wänden hingen eingerahmte Fotografien und Poster. An einer Wand stand ein verhältnismäßig großes Bücherregal, in dem tatsächlich nur Bücher standen, sonst nichts. Als sie auf dem Weg ins Zimmer an der Küche vorbeigingen, sah Sjöberg, dass auch dort alles sauber und aufgeräumt war.

Die beiden Polizisten nahmen auf dem Sofa Platz, von dem Sjöberg annahm, dass es in der Nacht als Bett fungierte. Larsson setzte sich in einen Sessel, breitbeinig und vornübergebeugt, und ließ die großen Hände zwischen den Knien baumeln. Sein Blick war auf den Teppich gerichtet.

»Sie sind mit Catherine Larsson verheiratet?«, begann Sjöberg.

»Ja«, antwortete Christer Larsson, ohne den Blick zu heben.

»Aber Sie wohnen nicht mehr zusammen?«

»Nein, sie ist hier ausgezogen.«

Er sprach sehr langsam und wirkte auf Sjöberg, als hätte er etwas getrunken.

»Sind Sie nüchtern?«, fragte er.

Auch jetzt sah Christer Larsson kaum verwundert aus, eher abwartend.

»Ja«, sagte er nur.

»Nehmen Sie Medikamente?«

»Nein, das tue ich nicht«, antwortete er trocken. »Wollen Sie sonst noch etwas wissen?«

»Sie sehen sich nach wie vor?«, kehrte Sjöberg auf seine ursprüngliche Linie zurück.

»Nein, das kann man so nicht sagen. Sie ist ein paarmal mit den Kindern hier gewesen.«

»Ein paarmal? Wann zuletzt?«

»Zwei Mal, glaube ich. Das letzte Mal ist über ein Jahr her.«

»Aber Sie sind der Vater der Kinder?«

»Mhm.«

»Haben Sie sie denn nicht besucht?«

»Nein, das habe ich nicht.«

»Aber Sie wissen, wo sie wohnen?«

»Ich habe die Adresse sicherlich bekommen, aber ich weiß nicht mehr, wo ich sie habe.«

Sandén, der nicht gerade für seine Geduld berühmt war, empfand eine gewisse Frustration angesichts des schleppenden Gesprächsverlaufs und schaltete sich ein.

»Sie waren also beispielsweise nicht am Samstagabend dort?«

»Nein, ich bin niemals zu Hause bei Catherine und den Kindern gewesen.«

Larsson begegnete Sandéns Blick mit einem Anflug von Trotz in den müden Augen. Sjöberg bedeutete Sandén mit einer Geste, dass er sich zurückhalten solle, und holte tief Luft, bevor er wieder das Wort ergriff.

»Es tut uns leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Catherine und die Kinder … nicht mehr unter uns sind.«

Ein skeptisches Lächeln huschte über Larssons Gesicht.

»Soll das ein Witz sein?«

»Leider nicht«, antwortete Sjöberg ernst. »Sie sind heute Vormittag tot in ihrer Wohnung aufgefunden worden.«

»Unfall?«

Sjöberg schüttelte den Kopf.

»Nein, wir gehen davon aus, dass sie ermordet worden sind.«

»Von wem?«

Christer Larssons Tonfall war unverändert, aber sein Blick wirkte etwas wacher.

»Das wissen wir nicht. Wir haben gedacht, dass Sie uns vielleicht helfen könnten.«

»Sie glauben natürlich, dass ich es gewesen bin?«

»Wir würden es gerne ausschließen, aber dafür brauchen wir Ihre Hilfe. Was haben Sie, sagen wir, zwischen sechs Uhr am Samstagabend und sechs Uhr am Sonntagmorgen gemacht?«

»Ich habe nichts gemacht, was irgendjemand bezeugen könnte. Ich war zu Hause und habe gegessen und ferngesehen und geschlafen. Doch, ich war draußen und habe für das Abendessen eingekauft, aber daran wird sich wohl niemand erinnern.«

»Wo haben Sie eingekauft?«

»Beim ICA unten im Stagneliusvägen.«

»Haben Sie mit der Karte bezahlt?«

»Ja, da bin ich mir sicher.«

»Gut, dann können wir zumindest das nachprüfen.«

»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mich in Ihrem Badezimmer umschaue?«, warf Sandén ein.

Larsson schüttelte den Kopf.

»Und ein bisschen in der Dreckwäsche herumwühle?«

»Tun Sie, was Sie tun müssen«, antwortete Christer Larsson, ohne den Kopf zu heben.

Sandén erhob sich vom Bettsofa, ging in den kleinen Flur hinaus und verschwand im Badezimmer.

»Können Sie mir von dem Verhältnis zwischen Ihnen und Catherine Larsson erzählen?«, sagte Sjöberg. »Wie Sie sich kennengelernt haben, warum es zu Ende gegangen ist, wie es dazu kam, dass Sie sich so lange nicht mehr gesehen haben, Ihr Verhältnis zu den Kindern und so weiter.«

Nach einem tiefen Seufzen und einem Augenblick des Schweigens begann Christer Larsson seine Geschichte zu erzählen. Sjöberg beschloss, ihm die Zeit zu geben, die er brauchte, und ihn nicht zu unterbrechen oder anzutreiben.

»Jemand auf der Arbeit war auf den Philippinen gewesen und war ganz begeistert davon, als er wieder zu Hause war. Ich war damals gar nicht so interessiert; ich war noch nie in ferne Länder gereist, aber ein paar Jahre später dachte ich, dass ich mich vielleicht doch einmal aufraffen und etwas anderes machen sollte, also beschloss ich, dorthin zu reisen. Ich kaufte mir einen Reiseführer und flog einfach hin. Besuchte alle möglichen Orte, und auf Mindoro traf ich Catherine. Ich war schon seit vielen Jahren nicht mehr mit einer Frau zusammen gewesen, und auch damals war ich nicht besonders interessiert, aber sie war ziemlich, ja, aufdringlich könnte man vielleicht sagen, gab nicht so schnell auf. Ich wusste gar nicht, was sie mit so einem alten Sack wie mir anfangen wollte, aber sie war hartnäckig. Und dann habe ich mich langsam auch in sie verliebt. Sie hat den alten Knaben wieder zum Leben erweckt. Man hat sich ein bisschen wie neugeboren gefühlt.«

Er warf einen etwas verschämten Blick auf Sjöberg, aber gleichzeitig blitzte in seinen Augen so etwas wie Freude auf.

»Wir sind mehrere Monate zusammen herumgereist und waren richtig ineinander verliebt. Sie hat mir meine gute Laune zurückgegeben. Also habe ich sie mit zurück nach Schweden genommen. Sie zog bei mir ein, und wir haben geheiratet. Dann kamen die Kinder. Liebe Kinder. Nett, einfach im Umgang, kein Geschrei und Gezänk. Catherine hat sich gut um sie gekümmert, eine gute Mutter. Aber mich hat es nach einer Weile irgendwie nicht mehr gereizt. Es gab eigentlich keinen Grund dafür, aber so bin ich nun mal. Also wurde ich immer mehr wieder zu meinem alten Ich und Catherine gelang es nicht mehr, mich zum Leben zu erwecken, sodass sie am Ende wohl aufgab. Es gab keinen Streit oder so etwas, aber eines Tages zogen sie und die Kinder aus, und das war wohl auch richtig so. Sie musste schließlich leben, auch wenn ich so bin, wie ich bin.«

Sie schwiegen und hörten Sandén im Badezimmer herumwirtschaften. Sjöberg fragte sich, wann die Nachricht wohl richtig bei ihm ankommen würde. Irgendetwas stimmte nicht mit dem Kerl. Ob er depressiv war oder ihm ganz allgemein die Fähigkeit zur Empathie fehlte, konnte Sjöberg nicht beurteilen. Wie nannte man das? Autistische Züge? Konnte so etwas nicht mit heftig aufflammender Aggressivität einhergehen?

»Wie sind sie gestorben?«, fragte Christer Larsson ruhig.

Sjöberg versuchte, Augenkontakt zu ihm herzustellen, aber er schaute erneut auf den Teppich zwischen seinen Füßen.

»Ihnen wurden die Kehlen durchgeschnitten«, antwortete Sjöberg sachlich.

Auch jetzt keine Reaktion.

»Auch den Kindern?«

»Auch den Kindern.«

Christer Larsson hob immer noch nicht den Blick. Sandén kam aus dem Badezimmer und schüttelte den Kopf.

»Haben Sie die Wohnung für Catherine gekauft?«, wollte Sjöberg wissen.

»Ich habe kein Geld.«

»Wovon leben Sie?«

»Ich bin Frührentner.«

»Aus welchem Grund?«

»Depressionen.«

»Seit …?«

»Seit vielen Jahren.«

»Aber Sie nehmen keine Medikamente?«

Christer Larsson schüttelte den Kopf.

»Ich fand nicht, dass es geholfen hat«, antwortete er.

»Bezahlen Sie Unterhalt für die Kinder?«

»Das Thema ist nie zur Sprache gekommen.«

»Also nein?«

»Nein, ich bezahle keinen Unterhalt.«

»Und Catherine, womit hat sie ihr Geld verdient?«

»Ich weiß nicht. Sie ist arbeitslos gewesen, seit sie bei dieser Putzfirma aufgehört hat.«

»Ich kann Ihnen erzählen«, sagte Sjöberg in einem mittlerweile schärferen Ton, »dass die Wohnung, die sie im Stadtteil Söder besitzt und in der sie und die Kinder gewohnt haben, einen Haufen Geld gekostet hat, mehr als zwei Millionen Kronen. Was glauben Sie, wie ist sie an eine solche Summe gekommen?«

Christer Larsson antwortete nicht.

»Entweder«, fuhr Sjöberg fort, »hat sie auf irgendeine Weise sehr viel Geld verdient, oder es gab jemand anderen, der die Wohnung für sie gekauft hat. Haben Sie etwas dazu zu sagen?«

Larsson schüttelte den Kopf. Sandén fühlte sich berufen, eine härtere Gangart einzulegen.

»Sie könnte im Lotto gewonnen haben, sie könnte eine Bank überfallen haben, sie könnte auf den Strich gegangen sein, oder vielleicht hat sie auch einen reichen Typen kennengelernt, der sie ausgehalten hat. Man hat einen Mann in Ihrem Alter beobachtet, der sie häufig besucht hat; könnten Sie das gewesen sein oder vielleicht ihr Zuhälter?«

Sjöberg warf Sandén einen strengen Blick zu, aber er musste zugeben, dass er selbst neugierig auf die Antwort war. Larsson begegnete trotzig Sandéns Blick.

»Sie ist nicht auf den Strich gegangen«, sagte er in derselben schleppenden Art wie bisher, allerdings mit einem säuerlichen Unterton. »Banken hat sie auch nicht ausgeraubt. Aber sie könnte natürlich einen Mann kennengelernt haben. Ich habe seit Ewigkeiten nicht mehr mit ihr gesprochen.«

»Vielleicht sind Sie eifersüchtig geworden und haben die Sache selbst in die Hand genommen?«, bohrte Sandén weiter, aber Larsson versank in Schweigen.

»Wissen Sie, ob sie Bekannte hatte?«

Sjöberg versuchte es wieder auf die freundliche Tour, und Larsson schien es zu spüren, denn er antwortete mit seiner normalen, klanglosen Stimme:

»Sie hatte eine Freundin, die auch von den Philippinen stammte. Sie hieß Vida; sie war eine Arbeitskollegin.«

»In der Putzfirma?«

»Ja, und auch danach.«

»Schwarzarbeit?«, fragte Sjöberg.

Larsson nickte müde.

»Davon haben Sie nichts gesagt, als ich vorhin gefragt habe.«

»Sie sind schließlich von der Polizei, verdammt. Jetzt habe ich es Ihnen ja gesagt.«

Sandén schluckte widerwillig einen sarkastischen Kommentar herunter und fragte stattdessen:

»Für wen hat sie geputzt? Wie ist sie an Kunden gekommen?«

»Wie ich es verstanden habe, hat sie für Privatpersonen geputzt, denen sie in den Firmen begegnet war, für die sie als Angestellte geputzt hat.«

»Wie viel hat sie dafür genommen?«, hakte Sandén unerbittlich nach.

»Siebzig Kronen die Stunde, wenn ich mich richtig erinnere. In einer Woche konnten ein paar Tausend zusammenkommen.«

»Schwarz!«, rief Sandén aus. »So viel verdient noch nicht einmal eine Krankenschwester.«

»Aber es reicht nicht für eine Wohnung in Norra Hammarbyhamnen«, bemerkte Christer Larsson.

Sjöberg und Sandén schauten einander an.

»Besitzen Sie eine Waffe?«, fragte Sjöberg.

»Nein«, antwortete Larsson schnell.

»Haben Sie etwas dagegen, wenn wir uns hier ein bisschen umschauen?«

»Das haben Sie doch schon«, antwortete Larsson, ballte die Hände und schlug die Knöchel gegeneinander.

»Wir würden gern noch ein bisschen genauer nachschauen«, antwortete Sjöberg mit seiner freundlichsten Stimme.

»Geht es hier um eine Hausdurchsuchung?«

»Nein, aber dazu könnte es kommen, wenn Sie nicht mit uns zusammenarbeiten«, drohte Sjöberg und hoffte, Christer Larsson damit so zu beeindrucken, dass er klein beigab.

»Machen Sie, was Sie wollen«, sagte Larsson resigniert. »Ich bleibe hier sitzen.«

»Darf ich um den Kellerschlüssel bitten?«, fragte Sandén mit einem schiefen Lächeln und streckte die Hand aus.

Eine Dreiviertelstunde später verließen sie den seltsamen Mann, ohne etwas gefunden zu haben, was auch nur das geringste Licht auf den Fall werfen könnte. Immerhin hatte Sjöberg Larssons Fingerabdrücke in einem Kuvert in der Jackentasche stecken.

»Das war ja ein verdammt zwielichtiger Typ«, meinte Sandén, nachdem sie sich ins Auto gesetzt hatten.

»Tja, offensichtlich leidet er an Depressionen«, sagte Sjöberg skeptisch. »Das scheint doch zu stimmen, oder was glaubst du?«

Sandén drehte den Zündschlüssel und warf einen Blick über die Schulter, bevor er rückwärts aus der Parklücke manövrierte.

»Die Tränen sind ja nicht gerade in Strömen geflossen, als er erfahren hat, dass seine Frau und seine Kinder ermordet worden sind.«

»Eine Depression kann wohl auch zu einer Gefühlslähmung führen. Wenn er starke Gefühle für sie gehegt hätte, hätte er sie wohl kaum einfach so aus seinem Leben verschwinden lassen, oder?«, dachte Sjöberg laut.

Sandén schlug das Lenkrad um und fuhr langsam vorwärts auf die Straße.

»Vielleicht war ja genau das der Fall. Er hat sie stattdessen aus dem Weg geräumt. Auf die klassische Weise. Er hat uns doch angelogen. Warum hätte er das tun sollen, wenn er nicht irgendetwas vor uns verbergen wollte? Warum hast du ihn eigentlich nicht zur Rede gestellt deswegen?«

»Du meinst, dass er wusste, wo sie wohnten? Das war wohl nicht direkt eine Lüge«, antwortete Sjöberg. »Wir können es ja erstmal ein bisschen sacken lassen.«

»Er ist groß und stark und könnte die Tat ohne Weiteres begangen haben«, stellte Sandén fest. »Er brauchte nicht in die Wohnung einzubrechen, sondern wurde bestimmt ohne Probleme hereingelassen. Und er hatte ausreichend Zeit, um zu waschen. Im Badezimmer stand eine Waschmaschine, der Wäschekorb war so gut wie leer, und im Mülleimer lag auch nichts.«

Sjöberg warf einen Blick auf das DN-Hochhaus. In dieser kalten Märzdämmerung sah es grau und trostlos aus.

»Großer Gott, wie langsam dieser Mann gesprochen hat! Ich war kurz davor, mich in meine Einzelteile aufzulösen«, feixte Sandén und schüttelte den Kopf.

»Ja, das hab ich gemerkt«, brummte Sjöberg. »Zum Glück sind wir nicht beide so. Keine Medikamente im Badezimmerschrank?«

»Keine Medikamente im Badezimmerschrank«, bestätigte Sandén. »Er scheint tatsächlich ganz von Natur aus so zu sein.«

»Apropos Medikamente, wie geht es dir eigentlich?«

Sandén zögerte einen Augenblick, bevor er antwortete. Er wäre dem Thema am liebsten ausgewichen, das wusste auch Sjöberg, konnte darauf aber keine Rücksicht nehmen. Es war schließlich erst sechs Monate her, dass sein Kollege von einem Schlaganfall getroffen wurde und mitten in einer Befragung zusammengebrochen war. Der Rettungswagen war schnell vor Ort gewesen, sonst hätte es schlimm ausgehen können. Sandén war sofort in Behandlung gekommen, war ein paar Monate lang krankgeschrieben gewesen und hatte anschließend in Teilzeit gearbeitet. Die Beweglichkeit seiner linken Körperhälfte war beeinträchtigt, doch mit einer Zielstrebigkeit, die Sjöberg ihm niemals zugetraut hätte, hatte Sandén sich zurückgearbeitet. Er war, körperlich gesehen, fast vollständig wiederhergestellt. Allerdings musste er jetzt mit der ständigen Gefahr leben, dass ein neuer und schlimmerer Schlag ihn jederzeit treffen konnte. Aber etwas Gutes hatte es auch mit sich gebracht: Sandén hatte seine Essgewohnheiten geändert und mindestens zwanzig Kilo abgenommen.

»Gut«, antwortete er. »Alles im grünen Bereich. Ich nehme mein Warfarin, ansonsten ist alles wie immer. Keine Aufregung.«

»Irgendwelche Pläne, wieder Vollzeit zu arbeiten?«

»Ich arbeite doch sowieso schon jeden verdammten Tag«, antwortete Sandén mit einem schiefen Lächeln.

»Dann solltest du zusehen, dass du auch dafür bezahlt wirst.«

Es begann zu schneien. Große, schwere Schneeflocken fielen vom Himmel, aber bevor sie die Polizeiwache an der Östgötagatan erreicht hatten, war der Schneefall in Regen übergegangen. Catherine Larsson hätte dieses Wetter nicht gemocht, dachte Sjöberg.

*

Als Sjöberg in sein Büro in der Polizeiwache zurückkehrte, stand ein Karton auf seinem Schreibtisch. Bella Hansson hatte, wie erwartet, Wort gehalten und Catherine Larssons Leben in Worten und Bildern zu ihm hinübergeschickt, hübsch verpackt in einer Art Schuhkarton. Die kleine Plastiktüte, die er zuvor schon bekommen hatte, lag daneben. Er zog die Tür hinter sich zu und setzte sich.

Er fing mit den Fotos an und konnte bald feststellen, dass Catherine Larsson offensichtlich keine eigene Kamera besaß. Die Bilder, die vor ihm lagen, stammten entweder von philippinischen Verwandten oder von professionellen schwedischen Fotografen. Eine Weile studierte er eine Reihe von Porträtaufnahmen, die die Kinder in verschiedenem Alter zeigten und vermutlich im Kindergarten gemacht worden waren.

Mit einem Seufzer legte er sie zur Seite und nahm eine Fotografie in die Hand, die die ganze Familie zeigte, außerdem ein paar ebenfalls professionelle Hochzeitsaufnahmen. Eine Weile betrachtete er nachdenklich das verliebte Paar. Christer Larssons noch nicht ganz so ergrautes Haar war sorgfältig gekämmt, er sah sonnengebräunt aus und schaute mit einem unbestimmten Lächeln in die Kamera. Er trug einen dunklen Anzug mit einer roten Rose im Knopfloch. Catherine, in einem einfachen weißen Kleid, sah lächelnd im Halbprofil zu ihrem frisch angetrauten Ehemann auf. Er war mehr als einen Kopf größer als sie, und seine große rechte Hand umschloss ihre ganze bloße Schulter.

War er ein Mörder? Hier noch nicht, aber was war dann passiert, nachdem dieses Bild aufgenommen worden war? Menschen verändern sich, die Umstände ändern sich. Christer Larsson war wieder zu seinem alten Ich geworden, was auch immer das zu bedeuten hatte.

Und was war mit Sjöberg selbst in dieser Zeit passiert? Er hatte seine Zukunft und die seiner Familie aufs Spiel gesetzt. Er hatte die große Liebe seines Lebens, seine beste Freundin, seine Lebensgefährtin, seine geliebte Åsa, wegen einer unbekannten Frau aufs Spiel gesetzt. Einer Frau, die aus dem Nichts gekommen war, die ihm eigentlich gar nichts bedeuten konnte.

Margit Olofsson, die Frau in seinen Träumen, aber nie und nimmer seine Traumfrau. Er gestattete sich nur selten, diesen Gedanken zu Ende zu denken, aber jetzt war er da und er konnte ihn nicht bremsen. Was trieb er da eigentlich? Er bot seine gesamte Energie auf, um sich davon zu überzeugen, dass diese Geschichte ein Ende finden musste. Jetzt. Oder wenn sie sich das nächste Mal sahen. Margit und er trafen sich nicht oft, aber wenn er sich fix und fertig fühlte, suchte er Trost in ihren Armen. Warum, wusste er nicht. Åsa war ihm immer eine gute Trösterin gewesen, aber seit dieser Traum ihn heimzusuchen begonnen hatte, hatte er sich verändert. Er war zu einem anderen Menschen geworden. Ein ängstliches, verzweifeltes, verdammt treuloses kleines Arschloch war er geworden.

In seinem Traum stand er stets auf einem taunassen Rasen und starrte auf seine nackten Füße hinunter. Er wagte nicht, nach oben zu schauen. Obwohl er wusste, dass er es tun sollte. Sein Kopf fühlte sich so schwer an, dass er ihn kaum heben konnte. Er nahm all seinen Mut und all seine Kraft zusammen, um sein Gesicht nach oben zu wenden, und da sah er sie. Die schöne Frau mit dem leuchtend roten Haar, das ihren Kopf wie eine Sonne umstrahlte. Sie tanzte ein paar Schritte, und sie begegnete seinem Blick mit einem verwunderten Ausdruck. Er streckte ihr die Arme entgegen, verlor aber das Gleichgewicht und fiel haltlos nach hinten. Die Frau war Margit; sie war zu Margit geworden, nachdem er ihr das erste Mal begegnet war, während der Fahndung nach einem Serienmörder vor gut einem Jahr. Sein Verstand sagte ihm unmissverständlich, dass er einen Schlussstrich ziehen musste, aber sie bedeutete ihm so ungeheuer viel. Sie weckte etwas in ihm, das er selbst nicht benennen konnte. Etwas Neues? Etwas Altes?

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