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Und plötzlich wird ein Märchen wahr

1. KAPITEL

„Das ist wohl ein schlechter Scherz, oder?“ Captain Jace Monroe vom Marinekorps der Vereinigten Staaten ließ den Blick forschend über den Waldrand gegenüber dem Haupttor schweifen. Wider Erwarten war keine Spur eines Fernsehteams von Candid Camera zu entdecken. Für sechs Uhr an einem späten Montagnachmittag ging es ungewöhnlich ruhig zu im Stützpunkt Mount Olive in Alabama, was bei Jace umso mehr Argwohn hervorrief. „Was immer Granola Ihnen auch bezahlt hat, ich verdopple den Betrag, wenn Sie mir helfen, es ihm heimzuzahlen.“

Die junge Blondine, die gerade in einem Wagen vorgefahren war und nun vor ihm stand, runzelte die Stirn. „Wer ist Granola?“

Zu ihren Füßen schlummerten Zwillinge in Tragetaschen. Mädchen, den rosa Decken und Mützen nach zu urteilen.

„Tun Sie doch nicht so, als ob Sie ihn nicht kennen.“ Er blickte über die Schulter, um zu sehen, ob sich der Wachposten gerade schieflachte. Der war jedoch in seine Schreibarbeit vertieft.

Die Frau nahm sich die große dunkle Sonnenbrille ab. Sie hatte geschwollene und gerötete Augen. „Erinnerst du dich nicht? Unsere Nacht in Mobile? Wie wir in dem Motel gelandet sind? Wie du dem Portier gesagt hast, dass wir auf Hochzeitsreise sind, und er uns ohne Aufpreis eine Luxussuite gegeben hat? Der Whirlpool? Die Minibar? Die Liege auf der Terrasse?“

Was für eine Nacht! Jace wurde ganz heiß. „Vicki?“

Sie atmete auf. „Gott sei Dank, du erinnerst dich.“

„Jetzt schon.“ Er trat von einem Fuß auf den anderen und strich sich durch das Haar. Als AH-1 Cobra-Pilot war er auf Multitasking spezialisiert. Weniger erfahren war er im Umgang mit Frauen. Deshalb war sein Mund wie ausgedörrt, und sein Herz schlug fast so schnell wie bei seinem letzten Kampfeinsatz. „Wir haben uns um zwei Uhr morgens Hackbällchen aufs Zimmer bestellt. Ich erinnere mich deshalb, weil du mir das ganze Knoblauchbrot weggegessen hast. Ich liebe Knoblauchbrot.“

Ihr schwaches Lächeln erreichte die Augen nicht. „Tja nun, ich wünschte, es gäbe nichts anderes zu besprechen als deine Lieblingsgerichte, aber du hast dir sozusagen zu viel auf den Teller geladen.“ Sie blickte hinunter zu den rosa Bündeln zu ihren Füßen.

Jace betete, dass sie nicht auf das hinauswollte, was er befürchtete.

„Mit einem Baby wäre ich vielleicht noch klargekommen. Aber zwei?“ Schniefend schüttelte sie den Kopf. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mich von meinen eigenen Kindern abwenden könnte. Aber ich muss das College beenden, und ich brauche zwei Jobs, um die Unkosten zu decken. Hast du eine Ahnung, wie teuer Säuglinge sind? Windeln, Säuglingsmilch, Kleidung, Kinderarzt … Ich schaffe es nicht. Es tut mir leid, aber da du der Vater bist, musst du jetzt übernehmen.“

„Wie bitte?“

„Sie gehören dir.“ Vicki senkte den Blick. Ihre Lippen zitterten.

So unmännlich es auch sein mochte, Jace fühlte sich einer Ohnmacht nahe. „Moment mal! Woher weiß ich überhaupt, dass sie von mir sind?“

„Sieh sie dir an.“

Wie auf Stichwort wachte ein Baby auf, steckte sich eine Faust in den Mund und krähte. Jace hockte sich vor die Tragetasche und starrte in Augen, die von demselben ungewöhnlichen Grün wie seine eigenen waren.

Vicki sagte: „Deine tollen Augen waren das Erste, was mich angezogen hat. Ich habe noch nie einen so leuchtenden Ton bei jemand anderem gesehen. Oder hast du vielleicht einen verlorenen Zwillingsbruder, mit dem ich an demselben Wochenende geschlafen haben könnte?“

„Nichts ist unmöglich.“ Er richtete sich auf und starrte gedankenverloren zu den Pinien. Die Zweige schaukelten im Wind. Irgendwo im Wald ging ein Specht seiner Tätigkeit nach. Das Hämmern wirkte auf Jace wie ein Verstärker seines unregelmäßig rasenden Herzschlags.

Noch vor wenigen Sekunden hatte er die ganze Sache für einen Streich gehalten und den Waldrand nach einem Kamerateam abgesucht. Nun dämmerte ihm, dass es bitterer Ernst war.

„Ich muss gehen.“ Vicki zielte mit der Fernbedienung auf den Kofferraum. Der Deckel sprang auf. Sie zerrte eine Riesenpackung Windeln heraus und ließ sie auf den Parkplatz fallen. Es folgten zwei Pappkartons und eine gelbe Plastikwanne mit Spielzeug. „Tut mir leid, dass ich einfach so verschwinde, aber du kommst schon klar.“

„Du willst die Babys doch nicht wirklich bei mir lassen? Das sind deine Kinder.“

„Sehr witzig.“ Sie lächelte wehmütig. „Da sie auch deine sind, wird es höchste Zeit, dass du an die Reihe kommst.“ Tränen rannen ihr über die Wangen, als sie die Fahrertür öffnete.

„Du lässt sie doch nicht wirklich bei mir, oder“, wiederholte er fassungslos.

Sie stieg ein und schlug die Tür zu.

„Was ist mit deinem Mutterinstinkt?“

Sie startete den Motor.

Er wollte die Tür öffnen, aber sie war verriegelt. Er hämmerte an die Scheibe. „Vicki! Mach die verdammte Tür auf!“

Ein Säugling begann zu weinen; der andere stimmte ein.

„Vicki!“

Schluchzend legte Vicki den Rückwärtsgang ein und schoss um Haaresbreite an den Windeln vorbei.

„Stopp!“, schrie Jace über den Motorlärm und das Babygeschrei hinweg. „Das kannst du nicht machen! Ich weiß ja nicht mal, wie sie heißen!“

Vicki floh vom Parkplatz und aus seinem Leben.

Emma Stewart ging in die Hocke und hob einen Sanddollar, eine Art Seeigel, aus der schäumenden Brandung auf. Kühles Wasser wirbelte kitzelnd um ihre Füße, brachte sie aber nicht zum Lachen wie einst während früherer Ferien.

In dem einen Monat, seit sie das Häuschen am Strand bewohnte, hatte sie hundertachtunddreißig Sanddollars angesammelt. Manche waren so groß wie Dollarmünzen, andere wie Zehncentstücke. Einer, mit einer kleinen Macke obendrauf, war fast so groß wie eine Untertasse.

Mit grimmiger Miene steckte sie den letzten Fund zu den Muscheln und Steinen in den rosa Plastikeimer, den sie in Olive im Eindollarshop aufgetrieben hatte. Als Investmentberaterin in Chicago hatte sie bis vor Kurzem mit Devisen statt mit Sanddollars zu tun gehabt. Schwedische Kronen, Chinesische Yen, Schweizer Franken …

Und jetzt? Ihre Tage waren nicht mehr von finanziellen Erfolgen bestimmt. Nun betrachtete sie es schon als kleinen Sieg, wenn es ihr gelang, eine Zeit lang an irgendetwas anderes als ihr früheres ausgefülltes Leben zu denken.

Sie wandte sich vom Meer ab und schlug den Weg ein, der zwischen Seegras zum Haus hinauf führte. Der feine, sonnenbeschienene Sand wärmte ihre kalten Füße.

Es roch nach Salz und Algen, und gelegentlich wehte der Kokosduft von Sonnenöl von dem Ferienhotel herüber, das eine halbe Meile entfernt am Strand stand. Dort musste Reggae-Tag sein, denn schon um neun Uhr morgens trug der Wind den fröhlichen Trommelrhythmus herüber.

Emma hob die Morgenzeitung neben dem Gartentor auf und stieg die vierzehn Stufen zur Terrasse hinauf. Sie setzte Wasser auf und steckte Rosinenbrot in den Toaster. Dann schaltete sie die Klimaanlage ab, öffnete alle Fenster und ließ frische Luft herein. Nachdem sie ihr Leben lang in Illinois zugebracht hatte, fiel es ihr schwer, sich an die meist drückend feuchte Hitze von Alabama zu gewöhnen.

Das Brot hatte sie mit Frischkäse bestrichen, den Tee mit Honig gesüßt. Nun setzte sie sich an den Tisch in der Essecke und schlug die Zeitung auf. Sie zuckte zusammen, als das Telefon schrillte.

Abgesehen von dem netten alten Ehepaar, das ihr das Haus vermietete, kannte nur ein einziger Mensch diese Nummer. Es war wohl besser, das Gespräch anzunehmen. Sonst kam sie gar nicht mehr zur Ruhe. Wenn ihre Mutter sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, ließ sie nicht mehr locker.

Beim vierten Klingeln hob Emma den Hörer von dem altmodischen Apparat mit Wählscheibe. „Hi, Mom.“

„Weißt du eigentlich, wie lange dein Vater und ich schon nichts mehr von dir gehört haben? Kannst du dir nicht wenigstens einen Anrufbeantworter zulegen? Meine Liebe, wir wissen ja, dass du immer noch traurig bist, aber …“

„Traurig?“, unterbrach sie. „Traurig ist man, wenn seine Fußballmannschaft verloren hat oder der Lieblingspullover eingelaufen ist. Ich habe erst meinen Sohn und dann meinen Ehemann verloren. Entschuldige, Mom, aber ich glaube, ich habe das Recht auf eine Auszeit.“

Ein schweres Seufzen ertönte. „Wir wissen, dass es ganz schrecklich für dich war, was du wegen Henry durchstehen musstest, aber das Leben geht weiter. Du hast mehrere Möglichkeiten.“

„Ach so?“

„Entweder suchst du dir einen neuen Mann und fängst noch mal von vorn …“

„Das kommt überhaupt nicht infrage.“

„Oder du kümmerst dich um ein Baby. Vielleicht kannst du bei einer Nachbarin babysitten oder so.“

Ungehalten trommelte Emma mit den Fingerspitzen auf den Esstisch und entgegnete sarkastisch: „Na klar. Dadurch würde ich mich einfach prima fühlen.“

„Dann adoptier ein Kind, und du wirst …“

„Hör auf! Ich habe meinen Sohn verloren. Henry war kein Hündchen. Er ist nicht zu ersetzen.“

„Glaubst du, das weiß ich nicht? Ich habe meinen Enkel verloren. Aber du kannst nicht den Rest deines Lebens mit Spaziergängen am Strand verbringen. Nach einer Weile geht dir das Geld aus, und du musst …“

„Das weiß ich alles. Aber ich brauche einfach noch Zeit.“

„Wofür? Vermutlich hast du Angst, dass Rick recht hat und du etwas mit Henrys Tod zu tun haben könntest. Aber das ist nicht wahr. Dein Vater und ich haben lange darüber gesprochen und sind der Ansicht, dass du am besten darüber hinwegkommst, wenn du dir selbst beweist, dass du eine wundervolle Mutter warst und noch immer bist.“

Mit Tränen in den Augen starrte Emma aufs Meer hinaus und sagte mit erstickter Stimme. „Mom, ich muss jetzt auflegen.“

„Emma, ich wollte dich nicht aufregen. Aber du warst immer so lebendig. Du hast einen tollen Beruf ausgeübt und dabei mit links deinen Haushalt gemanagt. Deshalb denken wir …“

„Entschuldige. Ich kann jetzt wirklich nicht mehr mit dir reden.“ Sie legte nicht nur den Hörer auf, sondern zog vorsichtshalber auch den Stecker aus der Dose.

„Sei nicht so starrsinnig. Versuch es noch mal.“

Zwei Tage waren nach Vickis unverhofftem Auftauchen und ebenso abruptem Verschwinden vergangen. Mit zusammengepressten Lippen machte Jace sich ans Werk und wünschte dabei, er wäre stattdessen in einem Kampfeinsatz. Es fiel ihm schon schwer genug, die Zwillinge auseinanderzuhalten. Die Windeln zu wechseln war ihm praktisch unmöglich.

Er hatte einen Privatdetektiv auf Vicki angesetzt, aber bisher ohne Erfolg.

Pam, die Frau seines besten Freundes Granola, boxte ihn unsanft in den Rücken. „Hör auf, Bea anzustarren, als wäre sie ein Alien. Mach weiter, bevor sie sich erkältet. Oder schlimmer noch, bevor ihre Schwester aufwacht.“

„Dräng mich doch nicht so“, fauchte er. „Das ist für mich nicht so leicht, wie du denkst. Du hast bei sechs jüngeren Geschwistern reichlich Erfahrung in diesen Dingen sammeln können, aber ich bin Einzelkind.“ Sollte er zuerst Creme und dann Puder auftragen? Oder umgekehrt? „Ich habe vorher noch nie ein nacktes Baby gesehen, und es macht mir irgendwie Angst.“

Sanft schob sie ihn aus dem Weg. „Du musst dich zusammenreißen. Morgen kommt das Ergebnis der DNA-Analyse. Was ist, wenn du der Vater bist? Ich kann nicht ewig hierbleiben. Ich habe schon einen Ehemann.“

„Seid ihr da drüben bald fertig?“, polterte Granola vom Wohnzimmer her. „Ich brauche allmählich etwas zu futtern.“

„Männer!“, murrte Pam. „Ihr seid unmöglich.“ Im Handumdrehen wickelte sie den Säugling und zog ihm einen rosa Strampelanzug an.

Vicki hatte einen ganzen Karton mit überwiegend rosa Babysachen dagelassen. Darunter befand sich auch ein Zettel mit den Namen – Beatrice, genannt Bea, und Bronwyn, abgekürzt Bron – und dem Hinweis, dass ein Muttermal an Bronwyns linkem großem Zeh das auffälligste Unterscheidungsmerkmal sei.

Pam übergab Jace die kleine Beatrice und eilte ins Wohnzimmer.

Er folgte ihr. In seinem Lieblingssessel, vor seinem brandneuen Plasmafernseher, hatte Granola es sich bequem gemacht. „Was zum Teufel …“

„Achte auf deine Worte“, mahnte Pam.

Er verdrehte die Augen. „Die Kinder können gerade mal ‚bah‘ sagen. Woher sollen sie wissen, was ‚Teufel‘ bedeutet?“

„Ich habe genug von euch beiden.“ Sie betätigte den Hebel am Fernsehsessel, sodass sich die Lehne aufrichtete.

Granola runzelte die Stirn. „Was zum Teufel soll das?“

„Deine Frau ist total durchgedreht“, gab Jace gereizt zurück.

„Sie ist außerdem auf dem Sprung.“ Pam schnappte sich ihre Handtasche und stürmte zur Tür. „Komm schon, William. Wenn du so großen Hunger hast, kannst du mich zum Dinner ausführen.“

„Und was ist mit mir?“ Hilflos blickte Jace zu dem zappelnden Bündel in seinen Armen. „Was ist, wenn die andere anfängt zu heulen? Du hast mich noch nie mit ihnen allein gelassen, und …“

„Und mein Rücken tut weh vom Schlafen auf deiner Couch. Früher oder später musst du lernen, Vater zu sein.“

„Später wäre mir lieber.“

„Komm schon.“ Pam zog Granola am Ärmel seines Tarnhemds und sagte zu Jace: „Wir kommen nach dem Essen noch mal vorbei und holen unsere Sachen. Danach bist du auf dich allein gestellt.“

Am Freitagmorgen nach dem Frühstück ging Emma wieder einmal am Strand spazieren. Inzwischen hatte die Sommerhitze eingesetzt, und die hohe Luftfeuchtigkeit erschwerte das Atmen. Das Wasser war glasklar, die normalerweise tosende Brandung kaum mehr als ein sanftes Plätschern.

Emma lief weiter und weiter, kühlte die Füße im Wasser und ignorierte die Sonne, die ihr auf den Kopf brannte. Als sie sich dem Ferienhotel näherte, hörte sie die Popmusik aus den Fünfzigerjahren donnern.

Bisher hatte sie das Hotelgelände nie betreten, doch nun fühlte sie sich von Kinderlachen magisch angezogen. Mit klopfendem Herzen ging sie an weißen Liegestühlen und roten Sonnenschirmen vorbei. Sie stieg die breiten Stufen hinauf zu einem hölzernen Bohlenweg, der den Hotelgästen zum Überqueren der Dünen diente.

Am Ende wartete das Paradies. Majestätische Palmen säumten einen Pool mit zweistöckigem Wasserfall und Rutsche an einem Ende und einer Poolbar am anderen. Roter Hibiskus säumte gewundene Backsteinwege, die zu Tennisplätzen und Minigolfanlagen führten.

In der Luft lagen die Gerüche von Kaffee aus einem Terrassenlokal, Chlor vom Pool und Sonnenöl von den Gästen.

Das Lachen der Kinder wurde lauter, aber sie waren nicht zu sehen. Emma suchte hektisch weiter, beinahe wie unter einem Zwang. Sie beschleunigte ihre Schritte. Im südländischen Landhausstil errichtete Villen umgaben das Hauptgebäude. Vor den weiß getünchten Fassaden wirkten die leuchtenden Blüten von Magnolien und Bougainvillea besonders farbenfroh.

Ein Pärchen näherte sich Hand in Hand.

Mit gesenktem Blick ließ Emma die beiden passieren.

Das Lachen wurde so deutlich, dass einzelne Stimmen auszumachen waren. Nach der nächsten Wegbiegung kollidierte Emma beinahe mit dem Putzwagen eines Zimmermädchens. „Entschuldigung“, murmelte sie und eilte weiter.

Unverhofft erreichte sie ein Planschbecken voller Kleinkinder mit ihren Müttern und Vätern. Ein junger Mann und eine Frau in Delfinkostümen erteilten Schwimmunterricht.

Emma sank auf eine rote Liege, hingerissen von dem Anblick so vieler glücklicher Familien. Hatte sie wirklich einmal zu diesem Personenkreis gehört? Hatte auch sie so gelacht und das Leben genossen? Es erschien ihr unvorstellbar.

„Entschuldigung“, bat eine sonnenverbrannte Rothaarige. „Könnten Sie wohl bitte ein Familienfoto von uns machen?“ Sie streckte einen Fotoapparat aus.

„Ja, sicher.“ Emma stand auf, atmete tief durch und bemühte sich, das Zittern ihrer Hände zu unterdrücken.

Die Frau hielt einen Säugling auf dem Arm. Der Mann neben ihr trug eine Windeltasche und ein Mädchen in rotem Badeanzug, das zappelnd zu den kostümierten Schwimmlehrern deutete und kreischte: „Daddy, runter! Ich will Fisch!“

„Tut mir leid“, sagte die Frau. „Wenn ich gewusst hätte, dass Mary so lästig wird, hätte ich Sie nicht gefragt.“

„Schon gut“, wehrte Emma ab. „Lassen Sie sich nur Zeit.“ Ich könnte ewig nur dastehen, Ihren Sohn ansehen und mir vorstellen, wie viel Spaß Henry und ich hätten haben können.

„Danke. Ich möchte keinen einzigen Moment versäumen. Es ist beängstigend, wie sehr man sich daran gewöhnt, Hunderte von Kinderfotos zu machen.“

Emma lächelte verkrampft und wartete auf einen günstigen Augenblick, bevor sie den Auslöser betätigte. Genau in diesem Moment bäumte sich das Mädchen auf dem Arm des Mannes auf, und die Windeltasche landete im Pool.

„Meine Brieftasche und Marys Asthmamedizin sind da drinnen!“, rief die Frau.

Der Vater stellte Mary auf den Boden und hechtete der Tasche hinterher.

„Fisch! Fisch!“, rief Mary und hüpfte ihm nach.

„Sie kann nicht schwimmen.“ Die Frau drückte Emma den Jungen in die Arme und sprang ebenfalls in den Pool.

Der gesamte Vorfall dauerte nur wenige Sekunden und erregte nicht einmal Aufsehen unter den anderen Hotelgästen. Mary wurde gerettet, ebenso wie die Windeltasche, deren Inhalt unversehrt und fast trocken geblieben war.

Emma dagegen war schwindelig geworden, und ihre Knie drohten nachzugeben. Doch sie riss sich zusammen, um das Kind auf ihrem Arm nicht zu gefährden.

„Vielen Dank“, sagte die Frau. „Ich weiß nicht, was wir ohne Sie getan hätten.“

„Dann hätte jemand anders geholfen.“ Emma atmete den Babyduft des Säuglings ein. Erinnerungen an Henry stürmten auf sie ein. An seinen Geruch frisch aus der Badewanne. An sein Kichern, wenn sie ihn am Bauch gekitzelt hatte …

„Wir möchten Sie trotzdem gern zu etwas einladen“, bot der Mann an. „Vielleicht auf einen Kaffee oder einen Cocktail?“

„Das ist nicht nötig.“ Emma unterdrückte den verzweifelten Drang, mit dem Baby wegzulaufen und es nie wieder loszulassen. Sie kämpfte mit den Tränen, während sie es dem Vater zurückgab.

„Wir können auch dem Kellner Bescheid sagen, dass er etwas auf unsere Rechnung setzt, wenn Sie lieber später etwas trinken möchten.“

„Oh ja“, warf die Frau ein. „Welche Zimmernummer haben Sie? Wir laden Sie und Ihren Mann ein.“

Emma wurde bewusst, dass sie versäumt hatte, ihren Ehering abzunehmen. „Vielen Dank, aber ich muss jetzt gehen. Ich bin spät dran. Furchtbar spät.“

Am Freitagabend, als die Babys endlich schliefen, kühlte Jace sich die Stirn am Fenster des Kinderzimmers und atmete mit geschlossenen Augen tief durch.

Der Vaterschaftstest bestätigte zu 99,99 Prozent, dass Beatrice und Bronwyn von Jace waren. Dieses Wissen lastete schwer auf seinen Schultern.

Großzügigerweise war er für eine Woche vom Dienst beurlaubt worden. Er hatte nach einer Nanny annonciert und von seinen Kameraden eine gebrauchte Grundausstattung mit zwei Wiegen sowie Laufstall und Wickeltisch ergattert. Er hatte den Vorrat an Windeln und Trockenmilch aufgefüllt und gelernt, die Babys zu füttern und zu wickeln. Doch wie sollte es weitergehen, wenn sein Kurzurlaub zu Ende ging?

Jace war mit seinem Latein am Ende. Kein gutes Gefühl für einen Mann, der ausgebildet war, um jede Situation auf überlegene rationale Weise zu meistern. Er geriet nie in Panik. Nicht einmal mitten in einem Kampf. Warum also klopfte ihm das Herz bis zum Hals, wenn er zwei schlafende Babys musterte?

In den vergangenen Tagen hatte Emma viel Seelenforschung betrieben. Am Sonntagmorgen, bei einem ihrer unvermeidlichen Spaziergänge am Strand, dachte sie noch immer über den Zwischenfall am Planschbecken nach. Es war ihr völlig richtig erschienen, den kleinen Jungen im Arm zu halten. Sie hatte sich in ihr früheres glückliches Leben zurückversetzt gefühlt.

Die aufwühlende Episode bewies ihr, dass ihre Mutter recht hatte, so ungern sie es sich auch eingestand. Es war wirklich höchste Zeit für einen Neuanfang.

Eine leichte Brise wehte salzige Meeresluft zu ihr.

Emma blieb stehen und blickte gedankenverloren zum Horizont. Im Geist hörte sie wie in einer Endlosschleife immer wieder die Stimme ihrer Mutter.

Entweder suchst du dir einen neuen Mann … oder du kümmerst dich um ein Baby …

Beide Vorschläge waren natürlich lächerlich. Ein neuer Mann war das Letzte, was Emma in ihrem Leben wollte oder brauchte. Und wer war schon bereit, ihr ein Baby anzuvertrauen, damit sie sich beweisen konnte, dass sie eine gute Mutter war?

Dann adoptier ein Baby …

Das war wohl der einzige gangbare Weg, aber ein furchtbar langwieriger.

Henrys Tod war nicht ihre Schuld. Vom Verstand her war ihr das völlig klar. Doch Ricks grausame Anschuldigungen lasteten schwer auf ihr.

Erhitzt und gereizt von der drückenden Hitze ging sie zurück zum Haus. Sie machte sich nicht die Mühe, ihre Fundstücke zu zählen, sondern stellte den rosa Eimer einfach neben die Treppe.

Mechanisch bereitete sie sich das Frühstück zu. Weil sie aber nicht hungrig war, ließ sie es auf dem Küchentresen stehen und schlug stattdessen die Zeitung auf.

Während sie vom heißen Tee nippte, überflog sie die Schlagzeilen. Die Nachrichten aus Politik und Wirtschaft wirkten frustrierend, die Promi-News langweilig, die Geburtsanzeigen deprimierend.

Unter den Kleinanzeigen fiel Emma eine Annonce für kostenlos abzugebende Welpen auf. Nach der Scheidung hatten all ihre Freunde ihr geraten, sich einen Hund anzuschaffen. Doch sie befürchtete, dass es ihr nicht reichte, ein Haustier zu bemuttern.

Sie hatte den Tee halb ausgetrunken, da stach ihr eine andere Anzeige ins Auge:

Mariner sucht verzweifelt Nanny für Zwillingssäuglinge.

Kost und Logis frei …

Kümmere dich um ein Baby, hörte sie im Geist ihre Mutter drängen. Eine Stellung als Tagesmutter kam dem ziemlich nahe.

Plötzlich zitterte ihre Hand so sehr, dass Emma ihren Tee verschüttete. Hektisch tupfte sie die Annonce mit Küchenpapier ab.

Sollte sie es wagen, anzurufen? Was war, wenn sie den Job bekam? Schlimmer noch: Was war, wenn sie ihn nicht bekam?

Mit gemischten Gefühlen wartete Emma, dass ihr potenzieller Arbeitgeber ihr die Tür öffnete. Sie war nervös. Sie machte sich Sorgen, dass sie der Aufgabe nicht gewachsen war, und fürchtete, dass sie sich erst recht in Einsamkeit und Selbstzweifel verlor, falls sie den Job nicht bekam.

Wenn ihr die Verantwortung für die Babys übertragen wurde, konnte sie sich beweisen, dass sie eine gute Mutter war. Das löschte sicher nicht den Kummer über Henrys Tod aus, vertrieb aber vielleicht die Dämonen, die Rick heraufbeschworen hatte.

Die Veranda des Backsteinhauses wirkte vernachlässigt. Auf den beiden Treppenstufen standen verwelkte Blumen in grünen Plastiktöpfen. Die Hollywoodschaukel war eingestaubt. Die Fenster hätten längst geputzt werden sollen. Der Rasen war mit Löwenzahn übersät und ungemäht. Unkraut überwucherte die Blumenbeete.

Die Tür flog auf. Ein breitschultriger Mann erschien. „Hallo. Sie müssen Emma sein.“

„Ja“, bestätigte sie. Augenblicklich fühlte sie sich wohler, als er lächelte. Er entsprach nicht gerade dem gängigen Schönheitsideal. Nicht im konventionellen Sinn. Seine Nase war schief. Das ausgeprägte Kinn wies mindestens zwei Tage alte Bartstoppeln auf. Wie bei einem Mariner nicht anders zu erwarten, war sein dunkles Haar kurz geschoren. Doch seine Augen waren von einem sensationellen Grün und äußerst attraktiv.

„Ich bin Jace. Kommen Sie bitte herein.“ Er hielt ihr die Tür auf. „Setzen Sie sich doch. Es sieht hier leider sehr unordentlich aus. Für gewöhnlich habe ich alles besser im Griff, aber ich bin ein Neuling im Umgang mit Kleinkindern.“

„Ach so?“ Emma blickte sich um. In einem weißen Wäschekorb häuften sich winzige pastellfarbene Kleidungsstücke. Der Couchtisch war übersät mit Büchern über Babypflege, Spielzeug und Fläschchen. Mitten im Zimmer, auf einer flauschigen rosa Decke, lagen zwei Säuglinge.

„Die Sache ist die“, sagte er. „Ich bin gewissermaßen …“

„Oh, wie süß!“, flüsterte Emma aufgeregt. Sie wollte gewiss nicht unhöflich sein, indem sie ihren potenziellen Arbeitgeber ignorierte, aber die Babys waren einfach unwiderstehlich. Tränen stiegen ihr in die Augen, und ihre Kehle war wie zugeschnürt.

Seit Henrys Tod hatte sie sich bemüht, jeden Kontakt zu Kindern zu meiden. Der Schmerz war noch zu frisch. Doch am Freitag, als ihr die fremde Frau den Jungen in die Arme gedrückt hatte, war sozusagen der Knoten geplatzt.

In jenem Moment hatte Emma erkannt, dass sie den Kummer nicht länger verdrängen durfte. Wenn sie jemals wieder zu sich selbst finden wollte, musste sie sich der quälenden Leere in ihrem Innern stellen. In kleinen Schritten. Indem sie sich zunächst um ein Kind kümmerte – beziehungsweise in diesem Fall um zwei. Später, falls das Schicksal auf ihrer Seite stand, gelang es ihr vielleicht wieder, das Leben zu genießen.

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