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Und plötzlich warst du wieder da

PROLOG

Richards, der langjährige Rechtsbeistand und Notar der Familie, hob den Blick von Everett Kincaids Testament und richtete ihn über den schweren Esstisch hinweg auf Nadia Kincaid, die jüngste Erbin. „Ich verlese jetzt den Teil des Testaments, der Sie betrifft, Miss Kincaid.“ Richards räusperte sich umständlich.

Nadia wartete gespannt. Diese ganze Prozedur zerrte an ihren Nerven. Von seinen Kindern hatte sie dem Verstorbenen am nächsten gestanden. Aber es hatte auch so etwas wie Hassliebe zwischen ihr und ihrem Vater geherrscht. Deshalb war Nadia während der Testamentsverlesung im Esszimmer von Kincaid Manor sehr angespannt. Nach dem, was sie bisher gehört hatte, hatte sie nichts Gutes zu erwarten. Offenbar hatte es Everett Kincaid gefallen, jedem seiner Kinder eine spezielle Aufgabe aufzuerlegen, die in einer Jahresfrist zu erfüllen war, bevor sie das Milliarden-Erbe antreten konnten.

Nachdem Richards sich Nadias Aufmerksamkeit vergewissert hatte, fuhr er mit der Verlesung fort: „Zu guter Letzt nun zu dir, meine Tochter Nadia. Der Einsatz und die Erfolge deiner Arbeit für unser Unternehmen, liebe Nadia, sind sehr beachtlich …“

Nadias Anspannung wuchs. Wenn ihr Vater anfing, jemanden zu loben, konnte man sicher sein, dass das dicke Ende folgte. Sie sollte recht behalten.

Richards las weiter: „Deine Verdienste täuschen mich jedoch nicht darüber hinweg, dass du es bisher versäumt hast, deinem Leben eine Richtung zu geben. Du bist kein Teenager mehr, Nadia, trotzdem umgibst du dich mit Freunden, die nicht weiter als bis zur nächsten Party denken. Angesichts dessen halte ich es für angebracht, dass du dein bequemes Nest verlässt, um endlich flügge zu werden.“

Everett Kincaids Urteil war unbestechlich und gnadenlos scharfsichtig wie immer. Allerdings hatte er außer Acht gelassen, dass Nadia einiges durchgemacht und ein gewisses Maß an Ablenkung gebraucht hatte, um nicht in eine schwere Depression zu fallen.

„Mit sofortiger Wirkung bist du von deiner Stellung im Management der Kincaid Cruise Lines unbezahlt und für die Dauer eines Jahr beurlaubt. Während dieses Jahres hast du dich von allem, was in irgendeiner Form zum Geschäftsbetrieb der KCL-Reederei gehört, sowie vom Familienstammsitz Kincaid Manor fernzuhalten.“ Richards atmete ein.

Nadia konnte es nicht fassen. Mit einem Federstrich hatte ihr Vater ihr nicht nur ihren Job, sondern auch ihr Zuhause genommen!

„Du wirst dieses Jahr über in meinem Penthouse-Apartment in Dallas, Texas, wohnen …“

„Daddy hat ein Penthouse in Dallas?“, unterbrach Nadia den Notar. Rand, ihr älterer Bruder, hob die Hand und brachte sie zum Schweigen.

„… jede Erwerbstätigkeit ist dir ausdrücklich untersagt. In dem Apartment werden keine Partys veranstaltet. Außerdem herrscht dort für dich zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens strikte Anwesenheitspflicht. Solltest du diese Bedingungen in irgendeiner Form nicht erfüllen, ist das Erbe nicht nur für dich, sondern auch für deine Brüder verwirkt.“

Nadia konnte nicht länger an sich halten. „Was soll das denn?“ Fassungslos blickte sie von Mitch zu Rand. „Das darf doch nicht wahr sein“, protestierte sie empört. „Er schmeißt mich einfach raus – aus der Firma, aus dem Haus. Das ist ja wie früher, als er mich auf mein Zimmer geschickt hatte. Ich bin doch keine vierzehn mehr!“ Nadia verschränkte trotzig die Arme vor der Brust und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Lächerlich! Das mache ich nicht mit. Kommt überhaupt nicht infrage.“

„Du hast keine andere Wahl“, meinte Mitch, der jüngere der Brüder, in ruhigem Ton.

Nadia stieß einen verächtlichen Laut aus. Typisch Mitch, unser cooler Krisenmanager, dachte sie. „Hör mal zu. Wie kann Dad von mir verlangen, mein Zuhause, meinen Job und all meine Freunde aufzugeben?“

„Er kann es.“ Rand hatte den Platz am Kopf der Tafel eingenommen und beugte sich jetzt vor. „Du hast doch gehört, was im Testament steht. Wenn du nicht spurst – wenn wir nicht alle spuren –, sind wir die Reederei und den Familienbesitz los. Aber reg dich nicht auf. Mitch und ich sind bei dir.“

„Seid ihr eben nicht. Wie denn? Ihr seid hier in Miami, und ich sitze in Dallas fest.“ Von klein auf hatte Nadia zu Rand aufgeblickt. Als ihr ältester Bruder war er ihr engster Vertrauter gewesen, dem sie all ihre großen und kleinen Sorgen anvertraut hatte. Und dabei war es auch später geblieben. Aber was er jetzt einwarf, das war ihr keine besondere Hilfe.

„Dallas liegt ja nicht am Ende der Welt. Wir werden dich schon auf die eine oder andere Weise unterstützen.“ Rand ließ die Hände sinken.

„Trotzdem ist das alles totaler Schwachsinn!“

Richards beendete die Diskussion mit einem diskreten Hüsteln. „Darf ich? Wir sind noch nicht ganz fertig. Ich lese weiter: ‚Lange genug bist du umsorgt und verwöhnt worden, Nadia. Anders als deine Brüder hast du nicht einmal den Versuch unternommen, dir außerhalb von Kincaid Manor den Wind um die Nase wehen zu lassen. Es wird höchste Zeit, dass du lernst, auf eigenen Beinen zu stehen und für dich selbst zu sorgen. Demzufolge stehen dir in deinem Jahr in Dallas weder ein Koch noch ein Dienstmädchen oder Chauffeur zur Verfügung. Stattdessen wirst du deinen Führerschein machen. Die Fahrstunden sind bereits bezahlt. Im Übrigen erhältst du zu deinem Unterhalt einen monatlichen Betrag von zweitausend Dollar. Da du keine Miete zahlen musst, sollte diese Summe zur Bestreitung deines Lebensunterhalts ausreichen und dir gleichzeitig ein realistisches Bild von den Lebensbedingungen vermitteln, unter denen die Mehrzahl unserer Angestellten und Kunden lebt.‘“

Zweitausend Dollar – die Summe gab Nadia manchmal bei einem einzigen Einkaufsbummel aus. Andererseits … Nadia überlegte. Immerhin hatte sie Buchhaltung von der Pike auf gelernt, und wenn sie die Wirtschaftlichkeit eines Konzerns wie KCL mit einem Milliarden-Umsatz und Tausenden von Mitarbeitern überwachen konnte … Dann würde sie es auch schaffen, mit einem eigenen Budget hauszuhalten. Was Nadia jedoch in Rage versetzte, war, bevormundet zu werden. „War Daddy noch bei Sinnen, als er das geschrieben hat?“

Richards blickte Nadia über seine schmale Lesebrille hinweg an. „Die Forderungen des Verstorbenen sind nach Recht und Gesetz zumutbar. Ich kann nur wiederholen, was ich den jungen Herren bereits gesagt habe: Sollte nur einer von Ihnen die Klauseln dieses Testaments nicht erfüllen, ist das gesamte Erbe verwirkt – für jeden von Ihnen. So hat Ihr Vater es verfügt. Sie verlieren dann nicht nur die Reederei und alles sonstige Firmenvermögen, sondern auch sämtliche privaten Anlagewerte und Immobilien einschließlich Kincaid Manor.“

Er musterte die Anwesenden ernst. „All das würde im Falle einer Verfehlung von Ihrer Seite an die Firma Mardi Gras Cruising zum symbolischen Kaufpreis von einem Dollar gehen. Ihnen blieben dann nur Ihre persönlichen Guthaben.“

Also so gut wie nichts, dachte Nadia, großartig! Vor elf Jahren hatte sie durch einen Unfall ausgerechnet in der Hochzeitsnacht ihren Mann und ihr noch ungeborenes Baby verloren. Diesen harten Schicksalsschlag hatte sie nie richtig verwinden können. Um ihren Schmerz zu betäuben, hatte Nadia die Jahre danach einen Lebensstil geführt, bei dem ihr die Ausgaben und ihr Kontostand ziemlich gleichgültig gewesen waren.

„Eines verstehe ich überhaupt nicht“, sagte sie, nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte. „Wieso an Mardi Gras? Ausgerechnet unsere schärfsten Konkurrenten! Dad hat sie aus tiefstem Herzen gehasst. Sie haben uns das Leben schwer gemacht und uns wertvolle Marktanteile abgenommen.“

Richards zuckte die Schultern. „Über dieses Detail wurde nicht gesprochen.“

Rand trommelte nervös mit den Fingern auf der Tischplatte herum. „Dad würde sich im Grab umdrehen, wenn diese Halsabschneider von Mardi Gras ihr Emblem auf die Schornsteine unserer Schiffe pinseln. Der Gedanke, dass er da unten rotiert, ist zwar verlockend, aber ich habe trotzdem etwas dagegen, dass wir um das gebracht werden, was uns zusteht.“

Mitch nickte. „Wir tun, was er verlangt. Es steht einfach zu viel auf dem Spiel.“

Beide sahen Nadia erwartungsvoll an. Sie konnte sich denken, was in ihren Köpfen vorging: Wenn einer von uns es vermasselt, bist du es.

Das tat weh. Ihr dämmerte, was hinter den unsinnig scheinenden Bedingungen dieses Testaments steckte. Everett Kincaid wollte seine Kinder zum krönenden Abschluss noch einmal testen. Darin war er schon immer groß gewesen. Nadia vermutete, dass auch ihr Vater darauf getippt hatte, dass sie versagen würde, seine Tochter, die ihn immer so sehr an seine Frau erinnert hatte. An Elizabeth Kincaid, die letztendlich auch nicht stark genug gewesen war.

Nadia straffte die Schultern. Ich werde es ihm zeigen, dachte sie, euch allen werde ich es zeigen. Zudem war sie es ihren Brüdern schuldig. Sie hatten ihr beigestanden, als sie vor elf Jahren am Boden zerstört gewesen war.

Am schwierigsten würde es werden, sich nicht von der Vergangenheit einholen zu lassen und nicht ins Grübeln zu verfallen. Nadia dürfte ja nicht einmal einen Job annehmen, um sich abzulenken.

Abrupt hob sie den Kopf und schaute in die Runde. „Okay. Wann soll es losgehen?“

1. KAPITEL

Das Penthouse in Dallas ließ im Grunde nichts zu wünschen übrig. Es war eine mit allem Komfort ausgestattete Wohnung. Trotzdem kam Nadia sich vor wie ein Einsiedler in seiner Höhle. Um sie herum herrschte eine reine Grabesstille. Denn in den anderen Stockwerken gab es nur Büros, Kanzleien und Arztpraxen. In diesem fünfzigstöckigen City-Hochhaus existierte nur ein weiteres Apartment, das genau gegenüber von Nadias lag. Aber seit sie vor acht Wochen eingezogen war, hatte sich niemand dort eingerichtet.

Nadia steckte das Staubtuch weg und sah sich um. Rand hatte sein Versprechen gehalten. Erst vor einem Tag war wieder ein Paket mit Büchern und DVDs von ihm eingetroffen. Er versorgte sie mit Unterhaltungsstoff, so gut es ging. Nadia lächelte. Inzwischen hatte sie sich mit Hilfe einiger der DVDs und einschlägigen Fernsehsendungen die Grundbegriffe des Kochens angeeignet. Sogar die jüngsten Versuche, Kekse zu backen, konnte sie als einigermaßen gelungen bezeichnen. Allerdings fragte sie sich, wer diese Mengen essen sollte. Die Geschäftsleute und Ärzte im Haus wären sicher nicht sonderlich begeistert, wenn sie in den Büros und Wartezimmern herumging und Kekse verteilte.

Nach den ersten zwei Monaten hatte Nadia ihren kleinen Haushalt einigermaßen im Griff, und die – überwiegend kleinen – Missgeschicke hielten sich in Grenzen. Die meisten notwendigen Dinge ließ sie sich liefern. Um alles andere kümmerte Nadia sich selbst, von der Wäsche bis zum Abwasch machte sie alles. Erst jetzt merkte sie, wie viele häusliche Aufgaben und Pflichten es gab, die ihr früher in Kincaid Manor abgenommen worden waren. Aber das hatte sie jetzt im Griff. Und in der verbleibenden Zeit sogar mittlerweile nahezu jeden aktuellen Bestseller gelesen und jeden Film gesehen, der in den letzten zehn Jahren gedreht worden war. So kam es ihr jedenfalls vor.

Das Einzige, was Nadia noch nicht in Angriff genommen hatte, waren die Fahrstunden. Sie konnte sich einfach nicht dazu überwinden, sich hinter das Lenkrad eines Autos zu setzen. Die Erinnerungen an den Unfall damals lähmten sie immer noch. Schon ein flüchtiger Gedanke daran versetzte sie in Panik.

Seufzend zog Nadia das Staubtuch wieder hervor und wischte über den glänzend polierten Kaminsims.

Wie ungerecht das alles war. Zugegeben, sie beneidete Rand auch nicht gerade. Er hatte alles stehen und liegen lassen müssen, nachdem er sich in Kalifornien eine neue Existenz aufgebaut hatte, um nach dem Willen seines Vaters nach Miami zurückzukehren. Mitch musste Ersatzpapa für Everett Kincaids unehelichen Nachwuchs spielen. Aber immerhin durften ihre Brüder ihre Jobs bei KCL behalten, während sie hier saß und die Wände anstarrte.

Wieder seufzte Nadia. Tief hinter ihrer ganzen Wut auf ihren Vater steckte die Trauer um ihn. Sooft seine Nörgelei und sein Despotismus sie früher in Rage versetzt hatten, vermisste sie ihn doch. Nie wieder würden sie sich beim Frühstück um den Wirtschaftsteil der Zeitung streiten, nie mehr über die Tagesgeschäfte von KCL diskutieren. Natürlich waren sein Kontrollzwang und seine ewige Kritik an ihr oft unerträglich gewesen. Aber Nadia hatte, selbst wenn sie es nie zugeben würde, immer gewusst, dass es jemanden gab, der sich um sie kümmerte. Jemanden, für den sie wichtig war.

Sie gab sich einen Ruck und vertrieb die deprimierenden Gedanken. Selbstmitleid half ihr auch nicht weiter. Sie musste durchstehen, wozu ihr Vater sie verdammt hatte, und wenn ihr dabei noch so sehr die Decke auf den Kopf fiel. Wenn ihr bloß etwas einfallen würde außer Putzen, Kochen und Waschen. Allmählich bekam sie das Gefühl, langsam, aber sicher zu verblöden. Und dagegen musste sie etwas unternehmen.

Nadia schaute auf die alte Standuhr. Es war elf Uhr abends. Die Zeit kroch wie alle Tage träge dahin. Sich ins Bett zu legen hatte keinen Zweck, weil sie noch nicht müde war. In Miami konnte sie jetzt nicht mehr anrufen, weil es wegen der Zeitverschiebung schon zu spät war. Zu gern hätte Nadia etwas darüber gehört, was sich bei ihren Brüder entwickelte. Beide hatten sich inzwischen verliebt, und dieser Umstand versüßte ihnen die Erfüllung ihrer Aufgaben. Es hatte den Anschein, als meisterten sie die von ihrem Vater gestellten Bedingungen recht gut. Ein Grund mehr, dass ich meinen Teil dazu beitragen muss, das Erbe zu erhalten, überlegte Nadia mürrisch.

Gerade als sie sich entschlossen hatte, ein Work-out zu machen, und aus dem Bücherregal die passende DVD suchte, hörte sie vom Treppenhaus einen Laut und hielt inne. Seltsam. Für Ella, das Hausmädchen, das im Apartment nebenan zweimal die Woche sauber machte, war es viel zu spät. Und der Wachmann Grumpy alias Gary machte seine Runde für gewöhnlich viel später.

Nadia schlich an ihre Eingangstür und blickte durch den Spion.

Vor der gegenüberliegenden Wohnung stand ein groß gewachsener, blonder Mann. Er hatte ihr den Rücken zugekehrt und war gerade dabei, den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Was Nadia von ihrem Beobachtungsposten aus sehen konnte, war eine beeindruckend athletische Figur mit breiten Schultern und schmaler Hüfte. Er trug einen taubengrauen, maßgeschneiderten Anzug. Der Mann hielt einen Aktenkoffer in der Hand. Rechts neben ihm lag ein großer Kleidersack auf dem Boden.

Nadia jubelte innerlich. Endlich hatte sie einen Nachbarn. Die Verlassenheit in diesem Obergeschoss hatte ein Ende. Es war jemand da, mit dem sie wenigstens ab und zu einmal reden konnte, ohne Ella oder den Wachleuten auf die Nerven gehen zu müssen. Schwungvoll zog Nadia die Tür auf.

Der Mann fuhr herum, und ihr wich das Blut aus dem Gesicht.

Nein, das konnte nicht sein. Instinktiv wich Nadia einen Schritt zurück. Ihr waren die Knie weich geworden. Das musste eine Erscheinung sein. Dort, ein paar Meter entfernt, stand – das Ebenbild von Lucas. Aber Lucas ist tot.

„Nadia?“ Der Mann oder das Gespenst, oder was immer es war, hatte sogar die gleiche Stimme wie ihr Ehemann, der bei dem Unfall an ihrem Hochzeitstag ums Leben gekommen war.

In ihrem Kopf schien sich alles zu drehen. Kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn. Nadia griff nach dem Türrahmen, um das Gleichgewicht zu halten.

„Nadia, was ist los? Ist dir nicht gut?“

Sie brachte noch immer kein Wort hervor. Sie schloss die Augen. Die Knie gaben unter ihr nach, und sie wäre zu Boden gesunken, hätte der Ankömmling nicht geistesgegenwärtig reagiert, seinen Aktenkoffer fallen gelassen, wäre zu ihr gesprungen und hätte sie aufgefangen.

Jetzt ist es passiert, schoss es ihr durch den Sinn. Du bist verrückt geworden und wirst wie deine Mutter enden. Nadia kniff die Augen zu. Sie hatte panische Angst, dass ein wildfremder Mann sich über sie beugte, wenn sie wieder hinsah, und sie damit die Bestätigung erhielt, dass sie den Verstand verloren hatte.

„Halt den Kopf hoch“, hörte sie die ihr vertraute Stimme sagen.

Seine Hand stützte ihr den Nacken, und diese Hand fühlte sich warm, kräftig und sehr real an. Allmählich hörte das Treppenhaus auf, sich wie ein Karussell zu drehen. Nadia stand wieder sicherer auf den Beinen und wagte, zögernd die Augen zu öffnen.

Aber alles Blinzeln half nichts. Der Mann vor ihr war das exakte Ebenbild von Lucas Stone. Sein blondes Haar war kürzer. Sein Gesicht wirkte schmaler, seine Züge schienen ein wenig härter geworden zu sein. Doch seine Augen hatten die unverwechselbare blaue, ins Silbergrau spielende Iris von Lucas. Genauso unverwechselbar waren die kaum erkennbar schiefe Nase und das energische, kantige Kinn.

„Das … das kann doch nicht sein“, stammelte sie. „Ich denke, du bist … tot.“

Er zog die Augenbrauen hoch, und seine Mundwinkel zuckten. Sein schöner Mund … Wie süß waren seine Küsse, dachte Nadia. „Wenn ich nicht sehr irre, lebe ich noch“, meinte er lakonisch.

„Aber Daddy hat mir doch gesagt, dass du bei dem Unfall ums Leben gekommen bist. Ich konnte nicht zu deiner Beerdigung kommen …“

„Everett Kincaid hat behauptet, ich wäre tot?“ Der Blick des Lucas-Doppelgängers verfinsterte sich.

Nadia nickte stumm.

„Dieser verfluchte Gauner.“ Er vergewisserte sich, dass sie sicher auf den Beinen stand, und ließ sie los.

Unwillkürlich fiel Nadias Blick auf seine Hand, an der er, als sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte, einen funkelnagelneuen goldenen Ehering getragen hatte. Noch einmal sah Nadia sich unsicher um. Vielleicht kämen doch gleich Männer in weißen Kitteln, die die Zwangsjacke für sie bereithielten. Aber nichts dergleichen geschah. Sie waren allein auf dem Hausflur. Die Türen des Aufzugs standen noch offen.

„Ich kann es immer noch nicht glauben, dass du es bist. Bestimmt wache ich gleich auf und …“ Nadia sprach den Satz nicht zu Ende. Unentschlossen ging sie in ihr Apartment zurück, und der blonde Mann folgte ihr.

„Und ich kann nicht glauben, dass dein Vater das Märchen in die Welt gesetzt hat, ich wäre tot“, erklärte er fest. „Was hat er dir noch erzählt?“

„Nichts – nichts weiter“, erwiderte Nadia verwirrt.

Sie blieben einen Schritt entfernt voneinander stehen. Nadia konnte sein Aftershave riechen. So perfekt war doch kein Trugbild, dass man auch noch riechen konnte, was man sich einbildete?

Kein Zweifel, es war Lucas.

Während ihr das endlich klar wurde, stieg eine unermessliche Freude in ihr auf. Er lebt! Nadia war drauf und dran, ihm um den Hals zu fallen und ihm die Beine um den Leib zu schlingen, wie sie es früher vor überschwänglicher Freude getan hatte.

Allerdings hielt irgendetwas sie davor zurück. Sie knuffte ihn mit der Faust am Oberarm. Der stahlharte Bizeps war ein weiterer Beleg dafür, dass Lucas tatsächlich vor ihr stand. „Wenn du überlebt hast, bedeutet das, dass du mich schnöde verlassen hast, du Schuft.“

„Du wolltest doch, dass ich dich verlasse“, erwiderte Lucas ernst.

„Bist du verrückt geworden?“ Nadia sah ihn fassungslos an. „Was ist das denn für ein Schwachsinn! Mit unserer Heirat habe ich riskiert, enterbt zu werden. Warum sollte ich da wollen, dass du mich verlässt?“

„Dein Vater hat es mir so erzählt. Du hättest deine Trotzphase ausgelebt und erkannt, dass ein kleinbürgerliches Dasein an meiner Seite doch nichts für dich ist. Und du wolltest die Scheidung.“

Nadia war entsetzt. Wenn das stimmte, hatte ihr Vater sie und Lucas bewusst und mit einem raffinierten Plan auseinandergebracht. Er hatte sie beide ungeniert angelogen. „Ich habe kein Wort in der Richtung gesagt“, erklärte sie mit Nachdruck.

„Dein Vater hat behauptet, du wollest mich nie mehr wiedersehen, weil ich …“ Sekundenlang versagte ihm die Stimme. „… weil ich dein Kind … unser Kind umgebracht hätte.“

Prompt schlug sie den Blick nieder. Im Nu hatte die schreckliche Erinnerung sie eingeholt. Nadia brauchte Zeit, um sich zu sammeln. Dann sah sie Lucas an, nahm ihren Mut zusammen und sprach aus, was sie nie zuvor zu sagen gewagt hatte: „Lucas, du hast das Leben unseres Kindes nicht auf dem Gewissen, sondern ich.“

Er wurde blass. „Was sagst du da, Nadia?“, fragte er entsetzt.

Nadia wurde erst jetzt bewusst, was er vermutete, und sie erschrak. „Nein, es ist nicht, was du denkst. Ich habe die Schwangerschaft nicht abgebrochen. Auf so eine Idee wäre ich niemals gekommen. Was ich sagen wollte – der Unfall war meine Schuld.“

Er sah sie ratlos an. „Wieso? Ich bin doch gefahren.“

Als Nadia erkannte, dass er die Verantwortung für das Unglück sich allein anlastete, wurde ihr noch elender zumute. Sie wusste nur zu gut, was es bedeutete, mit dieser Schuld zu leben. Genau das tat sie seit Jahren, denn sie war überzeugt, dass sie die verhängnisvolle Kettenreaktion ausgelöst hatte. Hätte Nadia nur zehn Minuten gewartet, nur zehn Minuten länger, und Lucas erst zwischen die Beine gegriffen, als sie in ihrem Flitterwochen-Hotel angekommen waren … Wie oft hatte sie sich für diese Gedankenlosigkeit verflucht. Alles wäre anders gekommen – alles. Zwischen dem Augenblick ihres vollkommenen Glücks und dem, in dem sie endgültig und unwiederbringlich alles verloren hatte, waren nur Sekunden verstrichen.

„Weißt du nicht mehr? Ich habe dich angefasst …“

Die Züge um seinen Mund wirkten hart. „Das Stopp-Schild habe ich übersehen.“

„Ja, weil ich dich abgelenkt habe.“ Sie umfasste seinen Arm fester und spürte, wie der Muskel unter ihrem Griff zuckte. „Lucas, ich habe eine Woche im Koma gelegen, sonst hätte ich verlangt, dich zu sehen – lebendig oder tot.“

Er sah sie prüfend an. „So ein verlogenes A…“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Wen meinst du?“

„Deinen Vater.“ Lucas presste die Lippen aufeinander. Hass flammte in seinen Augen auf.

Nadia überlegte. Hatte Everett Kincaid sie und Lucas tatsächlich bewusst belogen, um ihre Beziehung zu zerstören? Auch wenn es wehtat, es zuzugeben, Nadia traute es ihm zu. Er hatte auch keinen Zweifel daran gelassen, dass er seine Tochter enterben würde, sollte sie an den Heiratsplänen festhalten. Er war nicht zur Trauungszeremonie erschienen. Nach dem Unfall jedoch hatte er allerdings plötzlich getan, als hätte es zwischen ihnen nie Streit über die Heirat gegeben. Und Nadia hatte angenommen, dass ihm der Schock die Augen geöffnet hätte und er endlich eingesehen hatte, dass es ihre Entscheidung und ihr Leben waren. Sie hätte es besser wissen müssen.

Ihr Vater hatte Fehler nie eingestanden.

Trotzdem blieb da noch etwas, das Nadia störte, weil sie es nicht verstand. „Warum hast du eigentlich nicht darauf bestanden, mich zu sehen und mit mir zu sprechen?“, platzte sie heraus.

Sein Schläfenmuskel zuckte. „Konnte ich nicht“, antwortete Lucas kurz angebunden.

„Ich bitte dich! Ich kann mir nicht vorstellen, dass es dir nicht möglich gewesen sein soll, das Krankenhaus ausfindig zu machen, in dem ich gelegen habe, und mich dort zu besuchen.“

Er sah an ihr vorbei. Nach einer Weile sagte er: „Es war keine Frage des Willens. Ich war vom dritten Lendenwirbel an abwärts gelähmt. Die Ärzte haben mir erzählt, dass meine Chancen, je wieder gehen zu können, äußerst gering waren.“

„Mein Gott“, sagte Nadia betroffen. Verstohlen betrachtete sie seine durchtrainierten Arme. Lucas war schon immer ein sehr gut aussehender Mann gewesen. Tatsächlich hatte seine unglaublich attraktive äußerliche Erscheinung ihr Interesse geweckt. Vom ersten Moment an, als er zusammen mit einer Kolonne von Landschaftsgärtnern im Park von Kincaid Manor gearbeitet hatte.

„Aber das ist nicht alles. Dein Vater hat gesagt, dass du nichts mehr von mir wissen willst, weil du dich mit keinem Krüppel abgeben willst.“

„Und das hast du ihm einfach so geglaubt? Du hast ihm mehr geglaubt als mir, nachdem ich vor dem Altar geschworen habe, zu dir zu stehen ‚in guten wie in schlechten Tagen‘?“

„Nadia, sieh es doch mal realistisch. Du bist dein Leben lang ein verwöhntes kleines Prinzesschen gewesen. Ich konnte doch nicht ernsthaft davon ausgehen, dass du ein Leben in Armut akzeptieren würdest! An der Seite eines Mannes, der noch nicht einmal in der Lage ist, allein aufs Klo zu gehen.“

Nadia zuckte zusammen. Das war deutlich! Alle schienen zu glauben, dass sie ein verhätscheltes Gör und nutzloses Glied dieser Gesellschaft war. Sicherlich hatte sie ihre Macken und ein paar verstiegene Ansprüche. Aber dass ihr Vater und Lucas über ihren Kopf hinweg entschieden, was ihr zuzumuten war und was nicht, das ging entschieden zu weit.

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