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Und plötzlich reißt der Himmel auf

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Prolog (2000)
  8. Erster Teil Die Dynastie (2001)
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  9. Zweiter Teil Die Legende (1940)
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  10. Dritter Teil Das Vermächtnis (2001)
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  11. Danksagung
  12. Personenverzeichnis

Über dieses Buch

Ein schicksalsschweres Vermächtnis

»Geh nach London zu Emma Harte! Sie hat den Schlüssel zu deiner Zukunft.« Diese Worte richtet Evans Großmutter vor ihrem Tod an sie. Doch als Evan daraufhin nach London reist, muss sie feststellen, dass Emma Harte, die Gründerin des legendären Kaufhausimperiums, schon seit dreißig Jahren tot ist. Doch die Frage, wie ihr Leben mit dem der Hartes zusammenhängt, lässt Evan nicht mehr los …

Über die Autorin

Barbara Taylor Bradford verbrachte ihre Kindheit und Jugend in England. Sie arbeitete als Journalistin, bevor sie im Alter von achtzehn Jahren begann, Kinderbücher zu schreiben. Schon bald folgten Romane, der Durchbruch gelang ihr mit »Des Lebens bittere Süße«. Seitdem hat sie fünfundzwanzig Bücher geschrieben, die allesamt Bestseller wurden. Sie widmet alle Werke ihrem Mann, mit dem sie in New York lebt.

Barbara Taylor Bradford

Und plötzlich reißt der Himmel auf

Aus dem Englischen von Michelle Pyka

Jetzige Zeit und vergangene Zeit

sind vielleicht gegenwärtig in künftiger Zeit

und die künftige Zeit enthalten in der vergangenen.

T. S. Eliot: Vier Quartette, Burnt Norton

Prolog (2000)

Sie saß regungslos auf dem Stuhl neben dem Bett ihrer Großmutter und hielt ihre Hand. Im Krankenzimmer war es so still, dass sie die Geräusche ihres eigenen Atems hören konnte.

Das Gesicht der alten Dame war völlig entspannt. Im Schlaf wirkte sie jünger, so jung wie schon lange nicht mehr.

Vielleicht wird sie ja doch wieder gesund, dachte Evan, während ihr Blick unverwandt auf ihrer Großmutter ruhte – dem Menschen, den sie außer ihrem Vater auf der ganzen Welt am meisten liebte. Sie wünschte sich, ihr Vater würde endlich kommen. Er hatte sich bereits vor einigen Stunden auf den Weg von Connecticut nach Manhattan gemacht. Evan konnte sich nicht vorstellen, warum er sich dermaßen verspätete. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, und angesichts der Uhrzeit wurde ihr klar, dass er wahrscheinlich irgendwo in Manhattan im Spätnachmittagsverkehr feststeckte. Die Rushhour stand unmittelbar bevor, außerdem war in der nächsten Woche Thanksgiving. Heute sind einfach zu viele Autos in der City unterwegs, dachte Evan und versuchte, sich zu entspannen. Einen Moment später richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder ganz auf die Großmutter, und ihr entfuhr ein leiser Seufzer – sie konnte sich ein Leben ohne ihre geliebte Gran einfach nicht vorstellen. Aber die Aussichten waren düster. Großmutter litt an einer Nierenentzündung, die unweigerlich zu Nierenversagen führen würde. Es war lediglich eine Frage der Zeit.

Glynnis Jenkins Hughes. Das Mädchen aus dem Rhondda Valley in Wales, das vor vierundfünfzig Jahren als GI-Braut nach Amerika gekommen war. Glynnis war ihrem Mann gefolgt, dem US-Soldaten Richard Hughes, zusammen mit ihrem gemeinsamen Sohn Owen, der während des Zweiten Weltkrieges in England gezeugt und geboren worden war.

Gran ist für mich eine ebenso gute Mutter gewesen wie für Dad, dachte Evan, lehnte sich zurück, schloss die Augen und überließ sich einer Flut von Kindheitserinnerungen. Gran, die immer für sie da war … die stets ein Lächeln im Gesicht trug und so voller Fröhlichkeit steckte … die sie mit Wärme und Liebe überschüttete und deren Mitgefühl keine Grenzen kannte.

Ihre eigene Mutter war krank, seit Evan denken konnte – sie war manisch-depressiv und lebte in ihrer eigenen Welt, die kaum noch Berührungspunkte mit der Realität und dem Leben ihrer Familie hatte.

An einem Tag, der jetzt schon viele Jahre zurücklag, war Großmutter in Connecticut aufgetaucht und hatte das Ruder übernommen – mit den Worten, dass die Kinder zu klein seien, um für sich selbst zu sorgen. Und dann hatte sie leise (aber nicht so leise, dass Evan es nicht gehört hätte) hinzugefügt, ein Mann brauche doch eine warme Mahlzeit, wenn er abends nach Hause komme, und Arme, die ihn liebend umfingen, und eine gute Frau, die ihm Wärme und Verständnis entgegenbringe. Eine Frau, die ihn aufrichten und sein Selbstvertrauen stärken konnte, wenn er es nötig hatte.

Großmutter hatte sich mehrere Jahre um Evan und ihre beiden Schwestern Elayne und Angharad gekümmert, hatte sie behütet und geleitet. Ihre Kraft, ihre Energie, Begeisterung und ihr guter Wille waren dabei unverwüstlich gewesen. Sie war einfach eine glückliche Frau, die sich in ihrer Haut wohl fühlte und die ihre Lebensfreude mit ihren Enkelinnen und deren Vater, ihrem einzigen Kind, teilen wollte. Und das ist ihr vollkommen gelungen, dachte Evan. Gran war das Beste, was mir je passieren konnte. Sie hat mich zu dem gemacht, was ich bin.

Evan öffnete die Augen und warf einen Blick auf ihre Großmutter. Als sie erkannte, dass Glynnis wach war, breitete sich ein Lächeln auf ihrem besorgten Gesicht aus.

»Du hast geschlafen, Evan«, flüsterte Glynnis mit schwacher Stimme.

»Nicht wirklich. Ich habe nur kurz die Augen zugemacht und ein bisschen nachgedacht, Gran.«

»Worüber denn?«

»Über dich und darüber, dass du so gut für uns gesorgt hast, als wir klein waren. Und natürlich auch für Dad.«

Auch Glynnis’ Mund umspielte ein Lächeln. Ganz unerwartet klärte sich ihr Blick, und ihre blauen Augen begannen zu strahlen.

Evan drückte ihrer Großmutter die Hand und sagte eindringlich: »Du kommst bestimmt bald hier heraus! Du wirst schon sehen.«

»Wo ist Owen?«, murmelte Glynnis kaum hörbar.

»Dad ist auf dem Weg. Er wird jede Minute hier sein … Wahrscheinlich steckt er im Verkehr fest.«

»Geh fort«, wies Glynnis ihre Enkelin plötzlich mit rauer Stimme an.

»Ich kann dich doch nicht allein lassen, Gran!«, protestierte Evan und schüttelte den Kopf. Sie fragte sich, was auf einmal in ihre Großmutter gefahren war, und fügte stirnrunzelnd hinzu: »Außerdem bin ich hier, weil ich mich um dich kümmern möchte, und das gilt bestimmt auch für Dad.«

»Geh weg aus New York … das habe ich gemeint … Du bist jetzt sechsundzwanzig … du solltest dich in der Welt umsehen …« Glynnis’ Stimme wurde immer matter und verstummte schließlich. Die Großmutter seufzte und schien noch tiefer in die Kissen zu sinken.

Evan beugte sich vor und sah ihr fest in die Augen. »Aber ich bin glücklich hier. Ich liebe meine Arbeit bei Saks, und außerdem möchte ich in deiner Nähe sein.«

»Ich werde sterben.« Glynnis’ Lider flatterten. Dann warf sie ihrer Enkeltochter einen langen, ruhigen Blick zu.

»Sag doch so etwas nicht, Gran! Du wirst dich wieder erholen, da bin ich mir ganz sicher.« Evans Augen füllten sich mit Tränen, und sie schloss ihre Hand fester um die zerbrechlichen Finger ihrer Großmutter.

»Ich bin alt geworden«, flüsterte Glynnis. »Zu alt.«

»Nein, das stimmt nicht! Du bist erst neunundsiebzig, das ist heute überhaupt kein Alter mehr«, widersprach Evan laut.

Glynnis entfuhr ein Seufzer, und ihr Herz zog sich zusammen. Sie konnte es kaum ertragen, die Tränen und den Schmerz ihrer Enkelin mit anzusehen. Meine einzige wahre Liebe, dachte sie. Nein, da war noch die andere, aber die ist schon so lange her, dass sie nicht mehr zählt. Evan hat immer schon zu mir gehört. Als wäre sie meine eigene Tochter, die Tochter, die ich mit Richard nie hatte. Lieber, guter Richard. Der treueste Ehemann, den sich eine Frau wünschen konnte. Ein guter Mann. Der beste Mann, der mir jemals begegnet ist. Der Richtige für das ganze Leben. Es gibt so vieles, was ich Evan noch sagen muss. Und mir bleibt nur noch so wenig Zeit. Ich muss meine Gedanken ordnen … alles klären. Ich hätte es ihr schon früher sagen sollen … aber ich hatte Angst …

»Gran! Gran!«, rief Evan. »Bitte mach die Augen auf, Gran!«

Langsam hoben sich Glynnis’ Lider, und während sie ihre Enkeltochter anblickte, begann ihr runzeliges Gesicht auf einmal wie von innen zu leuchten. »Ich habe an deinen Großvater gedacht, Evan. Er war solch ein guter Mann, mein Richard Hughes.«

»Wir haben ihn auch sehr geliebt, Gran.«

»Glaubst du, dass er auf mich wartet? Glaubst du an ein Leben nach dem Tod, Evan? Gibt es einen Himmel – was denkst du?«

»Ich weiß es nicht, Großmutter.« Evan wischte sich verstohlen die Tränen aus den Augenwinkeln. »Ich hoffe es. Ich hoffe es wirklich.«

»Vielleicht gibt es einen Himmel … Weine nicht um mich, Evan. Ich hatte ein schönes Leben … Es war zwar manchmal traurig und auch schmerzhaft, aber ich habe es gern gelebt. Man muss es nehmen, wie es kommt …« Glynnis verstummte erneut, verlor sich in ihren Gedanken und versuchte dann, noch einmal all ihre Kräfte aufzubieten.

Evan beugte sich vor und strich Glynnis sanft über die Wange. »Ich bin hier, Gran.«

»Ich weiß, mein Schatz.« Glynnis seufzte. Ihr Mund zeigte die Andeutung eines Lächelns.

»Dad muss jeden Augenblick kommen«, sagte Evan und hoffte, dass sie damit Recht hatte. Sie bemühte sich, ihre ständig wachsende Angst zu unterdrücken.

»Ich habe ihn zu sehr geliebt«, murmelte Glynnis plötzlich.

»Man kann ein Kind niemals zu sehr lieben, das hast du selbst einmal gesagt, Gran.«

»Hab ich das wirklich gesagt?«

»Ja, vor langer Zeit, als ich ein kleines Mädchen war.«

»Ich kann mich nicht mehr erinnern. Evan?«

»Ja, Gran?«

»Geh zu Emma.«

»Emma? Wer ist Emma?«

»Emma Harte, in London. Sie hat … den Schlüssel … zu deiner Zukunft. Oh Evan –« Glynnis verstummte abrupt und starrte ihre Enkelin mit einer solchen Intensität an, als wolle sie sich ihr Gesicht für alle Ewigkeit einprägen. Dann schloss sie die Augen. Ein langer, tiefer Seufzer entwich ihrem Mund, bevor sie schließlich vollkommen still lag.

»Gran«, sagte Evan eindringlich. »Gran!«

Sie erhielt keine Antwort, noch nicht einmal ein Wimpernzucken. Evan blickte auf die Bettdecke. Die Hand ihrer Großmutter, die sie noch immer fest in der ihren hielt, war schlaff geworden. Trauer schnürte ihr die Kehle zu, und Tränen schossen ihr in die Augen.

Sie beugte sich vor und drückte einen Kuss auf Glynnis’ noch warme Wange. Dann überwältigte sie der Kummer. Evan war so verzweifelt, dass sie nicht hörte, wie ihr Vater in das Krankenzimmer trat. Erst als sie den leichten Druck seiner Hand auf ihrer Schulter spürte, wurde sie sich seiner Gegenwart bewusst.

Owen fragte mit stockender Stimme: »Sie ist gestorben?«

»Ja, Dad, gerade eben.« Evan strich mit einer Hand über Glynnis’ silbergraues Haar. Dann erhob sie sich und wandte sich ihrem Vater zu. Als sie die Tränen in seinen blauen Augen und den Kummer in seinem Gesicht sah, nahm sie ihn in die Arme. Sie wollte ihn trösten und brauchte doch selbst seinen Trost.

Eine Weile lang hielten sie sich stumm aneinander fest. Schließlich sagte Owen: »Ich wollte rechtzeitig hier sein! Ich habe alles versucht.«

»Ich weiß, Dad. Und Gran wusste es auch.«

»Hat sie noch etwas gesagt? Irgendetwas für mich?«

»Sie hat gesagt, sie hätte dich zu sehr geliebt.«

Ihr Vater schwieg, und ein nachdenklicher Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. Einen Augenblick später ließ er Evan los, trat an das Bett und setzte sich neben seine Mutter. Er beugte seinen Kopf zu ihr nieder und verharrte so in seiner Trauer.

Evan beobachtete ihn und vergaß über ihrer Sorge einen Moment lang die Worte, die ihre Großmutter an sie gerichtet hatte. Und als sie ihr wieder einfielen, stellte sie fest, dass sie ihr ein Rätsel aufgaben.

Einige Zeit später ging sie nach London. Um Emma Harte zu suchen. Um ihre Zukunft zu finden.

Erster Teil
Die Dynastie (2001)

Umarme deine Freunde, umklammere deine Feinde.

(anonym)

Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben
einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.

Die Bibel

1

Es war ein stürmischer Morgen.

Der scharfe Wind, der von der Nordsee her über das Land wehte, brachte eine schwere, eisige Feuchtigkeit mit. Linnet O’Neill hatte das Gefühl, als würde die feuchte Kälte langsam bis in ihre Knochen durchsickern.

Sie kuschelte sich in ihren dicken, lodengrünen Wollmantel und schlang sich den Schal fester um Hals und Kopf. Sie trug Handschuhe, schob ihre Hände aber trotzdem noch in die Manteltaschen und stapfte dann beharrlich weiter den gewundenen Pfad entlang, der hinauf zum Moor führte.

Einen Moment später hob sie den Kopf und blickte auf. Das metallische Grau über ihr wurde lediglich von einigen dahinjagenden Wolkenfetzen aufgelockert, die in dem klaren, für diese nördlichen Breiten so charakteristischen Licht faserig erschienen. Es war ein unheimliches Licht, das aus einer verborgenen Quelle unterhalb des Horizonts zu stammen schien.

Zu Beginn ihrer Wanderung durch die Hügel oberhalb von Pennistone Royal hatte Linnet damit gerechnet, dass es Regen geben würde, aber der böige Wind hatte die schwarzen Wolkenmassen vertrieben.

Da Linnet ihr ganzes Leben in dieser Landschaft verbracht hatte, kannte sie die Unberechenbarkeit des Wetters und wusste, dass sich der Himmel über Yorkshire ständig veränderte. Es war gut möglich, dass bis zum Mittag die Sonne durch das Grau brechen und das Land mit ihren Strahlen erhellen würde, doch ebenso gut konnte auch unerbittlicher Regen einsetzen.

Die Moorlandschaft übte seit Linnets frühester Kindheit eine unwiderstehliche Anziehung auf sie aus. Sie war gern mit ihrer Mutter hierher gekommen und durch Heidekraut und Adlerfarn gestreift, völlig zufrieden damit, in der unendlichen Einöde allein mit ihren Stofftieren zu spielen. Das Moor war ihre Welt, selbst heute noch.

An diesem Morgen herrschte Schweigen über dem Moor.

Im Frühling, Sommer und auch noch im Herbst waren Geräusche wie das Gurgeln und Glucksen von Wasser, das über Felsformationen in Bäche voller Kiesel stürzte, das Gezwitscher kleiner Vögel und das schnelle Surren ihrer Flügelschläge allgegenwärtig.

Doch an diesem kalten Samstag im Januar gab es nichts dergleichen. Die Vögel waren schon längst an wärmere Orte gezogen, und die Bäche bedeckte eine Eisschicht. Während Linnet den steilen Pfad erklomm, umgab sie eine eigenartige Stille. Sie vermisste die Geräusche der Sommermonate. An jenen lieblichen, milden Tagen war es eine Wohltat, hier heraufzukommen, schon allein, um dem harmonischen Chor der Hänflinge in den Sträuchern zu lauschen. Diese kleinen Vögel ließen sich gern auf Brombeerbüschen und im Stechginster nieder, wo sie oft auch ihre Nester bauten oder nach Samen suchten.

An jenen Tagen strahlte die Sonne vom tiefblauen Himmel, wilde Kaninchen huschten umher, ab und zu erklangen die Schreie von Raubvögeln, und die Luft roch nach warmem Gras, Wildblumen, Farn und Heidelbeeren. Das Moor zeigte sich von seiner schönsten Seite, vor allem im späten August und frühen September, wenn das Heidekraut blühte und die ansonsten graubraunen Hügel in ein wogendes Meer aus Violett und sanften Grüntönen verwandelte.

Plötzlich wurde der Wind noch schneidender, und eine Böe traf Linnet so unvorbereitet, dass sie beinahe ins Stolpern geriet. Nachdem sie ihr Gleichgewicht wiedererlangt hatte, dachte sie: Kein Wunder, dass sich die Tiere entweder in ihre Höhlen zurückgezogen haben oder davongeflogen sind. Sie fragte sich, ob es nicht dumm gewesen war, in dieser bitteren Kälte aus dem Haus zu gehen.

Aber wann immer Linnet nach Pennistone Royal zurückkehrte – mochte ihre Abwesenheit auch noch so kurz gewesen sein –, führte ihr erster Weg sie ins Moor. Hier oben fühlte sie sich im Einklang mit sich selbst, hier konnte sie über alles nachdenken, ihre Gedanken ordnen und Entscheidungen fällen. Vor allem, wenn sie Probleme hatte. Diesmal kreisten ihre Gedanken um ihre Schwester Tessa, die in mehrfacher Hinsicht zu ihrer Rivalin geworden war – insbesondere im Geschäft, in dem sie beide arbeiteten.

Doch in erster Linie freute sich Linnet darüber, dass sie wieder zu Hause war, an dem Ort, an den sie wirklich gehörte.

Auch ihre Mutter liebte das Moor, jedoch nur in den Frühlings- und Sommermonaten. Im Winter konnte Paula die Begeisterung ihrer Tochter für diese wilde, einsame Landschaft nicht ganz teilen. Manche Menschen hielten die Moore von Yorkshire in der kalten Jahreszeit sogar für den trostlosesten Landstrich in ganz England.

Shane O’Neill hingegen, Linnets Vater, fühlte sich das ganze Jahr über im Hochmoor wohl und verspürte auch sonst eine große Liebe zur Natur. Er war es, der Linnets Liebe für die ungezähmte Natur und die Flora und Fauna von Yorkshire geweckt und gefördert hatte.

Linnet wusste von ihrer Mutter, dass ihre Urgroßmutter eine ebensolche Leidenschaft für das Moor empfunden hatte wie sie selbst und dass sie ihr ganzes Leben lang immer wieder viele Stunden in den Hügeln rings um Pennistone Royal verbracht hatte. »Wenn Grandy Sorgen hatte, ist sie auch immer über ihr geliebtes Moor gewandert«, hatte Linnets Mutter ihr vor Jahren einmal erzählt. Linnet verstand genau, warum ihre Urgroßmutter in der Landschaft Trost gefunden hatte, schließlich war sie in einem der Moordörfer geboren worden und im Schatten der Bergkette der Penninen aufgewachsen.

Linnets Urgroßmutter war die berühmte Emma Harte, eine Legende ihrer Zeit. Einige der Menschen, die Emma noch gekannt hatten, behaupteten, Linnet sei ihr ähnlich, und stellten Vergleiche zwischen den beiden Frauen an. Linnet tat derlei mit einem Lachen ab, freute sich insgeheim jedoch darüber. Wer würde nicht gern mit jener äußerst ungewöhnlichen Frau verglichen werden, die ganz allein eine große Familiendynastie und darüber hinaus ein gewaltiges Geschäftsimperium gegründet hatte, das den gesamten Globus umspannte?

Auch Linnets Mutter sagte, Linnet sei ganz wie ihre Urgroßmutter, weil sie über einen beträchtlichen Geschäftssinn verfüge und eine Begabung für den Handel habe. »Genau wie Grandy«, betonte Paula ständig mit einem stolzen Lächeln.

Bei dem Gedanken an ihre Mutter, Paula McGill Harte Amory Fairley O’Neill, wurde Linnet ganz warm ums Herz. Paula war einzigartig, ein ganz besonderer Mensch und immer gut und gerecht, gleichgültig, was andere von ihr denken mochten. Und was Linnets Vater betraf – nun, er war einfach beeindruckend.

Linnets Beziehung zu Shane war immer schon harmonisch gewesen, doch nach Patricks Tod vor zehn Jahren waren sich Vater und Tochter noch näher gekommen. Linnets älterer Bruder war mit siebzehn an einer seltenen Blutkrankheit gestorben. Die ganze Familie hatte sehr um Patrick getrauert, der zwar von Geburt an geistig zurückgeblieben, aber herzensgut und einfühlsam gewesen war. Er war jedermanns Liebling gewesen. Jedes Familienmitglied hatte ihn auf seine eigene Weise beschützt und gefördert, vor allem aber Linnet. Sie vermisste ihn noch immer.

Während sie weiterwanderte, immer weiter hinauf, bemerkte Linnet, dass kleine Eiszapfen an den Zweigen der Brombeersträucher hingen und der Boden steinhart gefroren war. Nun, da sie den Grat beinahe erreicht hatte, wurde es merklich kälter, und der Wind war rau und schneidend. Linnet wusste, dass der Pfad auf dem nächsten Stück sehr steil werden würde. Sie spürte ihre Wadenmuskeln und war innerhalb von wenigen Minuten außer Atem. Sie blieb stehen, um sich ein wenig auszuruhen. Als sie nach oben blickte, stellte sie fest, dass es bis zum Hügelkamm nur noch ein paar Meter waren. Dort oben ragte eine riesige, zerklüftete Felsformation in den Himmel – wie ein Monument für eine alte keltische Gottheit.

Einmal hatte Linnet ihrem Cousin und besten Freund Gideon Harte gegenüber die These aufgestellt, dass der Monolith wahrscheinlich von Menschen geschaffen war, vielleicht sogar von den Kelten. Oder von Druiden. Aber der auf vielen Wissensgebieten bewanderte Gideon hatte dies sofort verworfen.

Er erklärte ihr, dass die schwarzen Felsblöcke, die aussahen, als könnten sie jeden Augenblick von ihrem Kalksteinsockel stürzen, von einem gewaltigen Gletscher dorthin getragen worden waren, und zwar in der Eiszeit, lange bevor die ersten Menschen auf den Britischen Inseln erschienen. Die Felsen befänden sich schon seit Äonen an genau dieser Stelle, fügte er hinzu, und daher bestünde in Wirklichkeit überhaupt keine Gefahr, dass sie herabstürzen könnten.

Linnet erreichte das Plateau und stand nun im Schatten des riesigen Monolithen. Sein vor Jahrtausenden von der Natur geschaffener Fuß aus Kalkstein hatte eine merkwürdige Form: Zu beiden Seiten einer schmalen, hohen Wand standen zwei Felsstücke hervor und formten so eine enge Nische, in der man vor den heftigen Winden geschützt war, die hier oben im Hochmoor mitunter Orkanstärke erreichen konnten.

Vor vielen Jahren hatte Emma einen Felsbrocken in die Nische schieben lassen, der als provisorische Bank diente. Wie immer ließ sich Linnet nun darauf nieder und hielt unwillkürlich den Atem an – das Panorama erfüllte sie jedes Mal aufs Neue mit Ehrfurcht. Die Landschaft war einfach grandios.

Linnets Blick schweifte über kahle, öde Berge, an denen sich der Wind abarbeitete und über denen sich der bedrohlich dunkle Himmel wölbte. Die Berge strahlten Härte, Unerbittlichkeit und Einsamkeit aus – und dennoch fühlte sich Linnet hier oben niemals einsam, und niemals verspürte sie Angst.

Tief unten sah Linnet die Felder und Weiden der Yorkshire Dales, deren sommerlich-saftiges Grün von winterlichem Grauweiß abgelöst worden war.

Die frostbedeckten Wiesen und Felder schimmerten weiß, und der Fluss wand sich durch das idyllische Tal wie eine silberne Schnur, die im kalten Licht des Nordens glitzerte.

Und dort, inmitten der friedvollen Landschaft, zwischen den von Steinwällen eingefassten Weiden, lag Pennistone Royal, das prächtige alte Haus, das Emma Harte 1932, vor beinahe siebzig Jahren, gekauft hatte.

In den Jahren, die sie dort lebte, hatte sie aus dem Anwesen einen geradezu magischen Ort gemacht. Weitläufige Gartenanlagen umgaben das Haus, Rasenflächen erstreckten sich bis hinunter an den Fluss, und in den Frühlings- und Sommermonaten blühten die Blumenrabatten und Büsche in den leuchtendsten Farben.

Doch nirgendwo in diesen wunderschönen Gärten waren Rosensträucher zu finden. Eine Familienlegende besagte, dass Emma Harte Rosen verabscheute, weil sie im Rosengarten von Fairley Hall von Edwin Fairley im Stich gelassen worden war. An jenem Tag vor so vielen Jahren war Emma noch ein blutjunges Mädchen gewesen und gestand Edwin, dass sie ein Kind von ihm erwartete. Entsetzt wies er sie aus Furcht vor seinem mächtigen Vater, Adam Fairley, zurück und machte ihr deutlich, dass sie in dieser Zwangslage ganz auf sich allein gestellt sein würde. Er bot Emma eine kleine Geldsumme an, woraufhin sie fragte, ob er ihr einen Koffer leihen könne.

Und dann war Emma davongelaufen. Fort von ihrer Familie und fort aus dem Dorf Fairley, das sich am Fuße der Penninen in den Schatten der Hügel schmiegte. Sie hatte all ihren Mut zusammengenommen und war nach Leeds gegangen, um ihren guten Freund Blackie O’Neill zu finden. Sie wusste, dass er ihr helfen würde.

Und das hatte er auch getan. Er brachte sie bei seiner Freundin und späteren Ehefrau Laura Spencer unter, die sich bis zu Edwinas Geburt um Emma kümmerte. Damals hatte sich Emma Harte geschworen, dass sie eine reiche, mächtige Frau werden würde, damit sie sich und ihr Kind selbst schützen konnte. Sie hatte geschuftet wie ein Packesel, um dies zu erreichen, und alles, was sie angefasst hatte, war zu Gold geworden.

Linnets Großvater Bryan O’Neill hatte seiner Enkelin einmal erzählt, dass ihre Urgroßmutter nie zurückgeblickt hatte. Als junge Frau war sie von Erfolg zu Erfolg gestürmt, hatte stets nach den Sternen gegriffen, immer das Unmögliche vollbracht und war schließlich in jeglicher Hinsicht zu einer vermögenden Frau geworden.

Laut Linnets Großvater hatte Emma jenen furchtbaren Tag im Rosengarten von Fairley Hall jedoch niemals vergessen. In ihrem Kopf hatte sich nach der Aussprache mit Edwin alles gedreht, ihr war übel geworden, und als sie wieder allein war, hatte sie sich heftig übergeben müssen. Emma hatte den Geruch der Rosen für diesen Übelkeitsanfall verantwortlich gemacht und war danach für den Rest ihres Lebens jedes Mal von Ekel überwältigt worden, sobald ihr Rosenduft in die Nase stieg.

Aus Respekt für ihre geliebte Grandy hatte Paula stets darauf geachtet, dass in Pennistone Royal Rosen weder angepflanzt wurden, noch in den Blumenarrangements im Haus Verwendung fanden.

Linnet war fünfundzwanzig Jahre zuvor im Mai im Haus ihrer Urgroßmutter zur Welt gekommen. Ihre Großmutter Daisy, Emmas Lieblingstochter aus der Verbindung mit Paul McGill, hatte Pennistone Royal von Emma geerbt. Sie hatte das Anwesen jedoch sofort ihrer eigenen Tochter Paula als Schenkung überlassen, da sie selbst es vorzog, in London zu wohnen, und sich auf diese Weise außerdem die Erbschaftssteuer umgehen ließ. Und so lebte Paula seit Emmas Tod in Pennistone. Das Haus bedeutete Linnet mehr als jeder andere Ort auf der Welt, und obwohl sie die Woche über in London arbeitete, fuhr sie jedes Wochenende nach Yorkshire.

Im vergangenen November hatte Paula ihre Tochter bezüglich einer Angelegenheit ins Vertrauen gezogen, die ihr sehr am Herzen lag. »Es gibt eine Regel, die Grandy vor vielen Jahren aufgestellt hat«, hatte sie Linnet erklärt. »Sie besagt, dass Pennistone Royal immer an die Person vererbt werden soll, die es am meisten liebt – vorausgesetzt, diese Person verfügt über die Intelligenz und das Wissen, die für die Verwaltung des Hauses nötig sind. Ich weiß, dass Tessa als die Älteste glaubt, ich würde es ihr hinterlassen, aber das kann ich einfach nicht tun. Das Anwesen hat keine wahre Bedeutung für sie. Für sie zählt nur, dass Pennistone innerhalb der Familie ein Symbol für Macht und Prestige ist. Und das hätte Grandy ganz sicher nicht gewollt.« Paula schüttelte den Kopf und fuhr dann fort: »Lorne interessiert sich nicht für das Haus, und Emsie hat nur den Pferdestall im Kopf, und ich bezweifle, dass sich das jemals ändern wird. Was Desmond betrifft – er wird eines Tages das Haus seines Großvaters Bryan in Harrogate erben.« Paula griff nach der Hand ihrer Tochter, ehe sie weitersprach. »Und deshalb habe ich vor, Pennistone Royal dir zu vermachen, denn ich weiß, wie viel es dir bedeutet und dass du es wirklich liebst. Aber rede bitte mit niemandem darüber. In Ordnung, Liebes?«

Linnet hatte genickt, sich überschwänglich bei ihrer Mutter bedankt und ihr versprochen, ihr Vertrauen nicht zu missbrauchen. Sie war sich sehr wohl darüber bewusst, welche Probleme sich aus Paulas Entscheidung ergeben konnten.

Die Worte ihrer Mutter hatten sie vollkommen überrascht. Tief in ihrem Herzen freute sie sich, doch andererseits mochte sie nicht darüber nachdenken, was es bedeutete, eines Tages von ihrer Mutter und ihrem Vater etwas zu erben. Ihre Eltern standen ihr sehr nahe, und sie wünschte sich sehr, dass die beiden noch lange am Leben blieben.

Linnet lehnte sich gegen die Kalksteinwand der Nische und seufzte, in Gedanken immer noch bei ihrer Mutter und deren Entscheidung. Sie wusste, dass es mit ihrer Halbschwester Tessa Schwierigkeiten geben würde, sobald diese von Paulas Absichten erfuhr.

Es stimmte, dass sich Tessa im Grunde nicht für das Haus und das Land ringsum interessierte, aber als Folge ihrer ausgeprägten Habsucht wollte sie beides unbedingt besitzen. Auch was Lorne anging, hatte Paula Recht – ihm war es mit Sicherheit gleichgültig, wem Pennistone vererbt wurde. Sein Revier war und blieb London, und außer zu besonderen Anlässen, Familientreffen und an Feiertagen kam er so gut wie nie mehr in den Norden. Als beliebter und erfolgreicher Schauspieler lebte er in seiner eigenen Welt, der Theaterszene des Londoner Westend. Er widmete sich mit aller Leidenschaft seiner Karriere und war im Gegensatz zu seiner Zwillingsschwester Tessa weder habgierig noch aggressiv. Er besaß ein liebevolles, sanftes Wesen und hatte in der Vergangenheit schon oft für Linnet und gegen Tessa Partei ergriffen. Das hieß jedoch keineswegs, dass er seine Zwillingsschwester nicht liebte – wie die meisten Zwillingspaare standen sich auch Lorne und Tessa sehr nahe und verbrachten viel Zeit miteinander.

Die beiden jüngsten Sprösslinge der O’Neill-Sippe, Emsie und Desmond, spielten zumindest in Tessas Augen so gut wie keine Rolle. Emsie war ein verträumtes junges Mädchen, das ein wenig versponnen wirkte und eine künstlerische Ader hatte. Besitztümer bedeuteten ihr nichts, ihre Pferde und Hunde waren ihr sehr viel wichtiger als modische Kleidung oder andere hübsche Dinge. Letzteres bezeichnete sie ziemlich verächtlich als »unnützen Kram« und zog es vor, in Jeans und einem alten Pullover die Ställe auszumisten, statt sich hübsch zu machen und auf Partys zu gehen.

Linnet lächelte bei dem Gedanken an ihre kleine Schwester, die sie sehr liebte und der gegenüber sie einen ausgeprägten Beschützerinstinkt entwickelt hatte. Die siebzehnjährige Emsie war ein verletzliches, empfindsames Mädchen, konnte manchmal jedoch auch ausgesprochen komisch sein. Ihre Eltern hatten sie nach Emma Harte benannt, erkannten aber schon wenige Tage nach ihrer Geburt, dass für eine zweite Emma kein Platz in der Familie war, und nannten sie fortan nur noch Emsie.

Desmond war das Nesthäkchen der O’Neills und der Sohn, den sich Linnets Vater immer gewünscht hatte. Er war fünfzehn Jahre alt und Shane wie aus dem Gesicht geschnitten, über einen Meter achtzig groß, dunkelhaarig und gut aussehend. Für sein Alter wirkte er schon sehr erwachsen. Linnet zweifelte keinen Augenblick lang daran, dass die Frauen ihm ebenso zu Füßen liegen würden wie ihrem Vater früher. Doch Desmond war nicht nur Shanes Liebling, sondern auch der heiß ersehnte Erbe des Hotelimperiums, dessen Grundstein sein Urgroßvater Blackie O’Neill gelegt hatte. Im Laufe der Jahre hatte Desmonds Großvater Bryan die Hotelkette zu einem weltumspannenden Konzern ausgebaut, gemeinsam mit seinem Sohn Shane, der sie gegenwärtig führte.

Seltsamerweise mochte Tessa ihren Halbbruder Desmond sehr und zog ihn den anderen O’Neill-Geschwistern vor. »Wahrscheinlich, weil er keine Bedrohung für sie darstellt«, hatte Linnet kürzlich ihrem Cousin Gideon gegenüber bemerkt. Gideon hatte zustimmend genickt und im Stillen hinzugefügt: Er ist aber auch einfach unwiderstehlich.

Während Linnet über ihre ältere Halbschwester nachdachte, trat ein grimmiger Ausdruck auf ihr Gesicht. Tessa stammte aus Paulas erster Ehe mit Jim Fairley. Sie und ihr Zwillingsbruder Lorne waren noch Kinder gewesen, als ihr Vater bei einem Lawinenunglück in der Nähe von Chamonix auf tragische Weise ums Leben kam.

Die Tatsache, dass Tessa ein paar Minuten vor Lorne das Licht der Welt erblickt hatte, machte sie zu Paulas erstgeborenem Kind, und diesen Umstand ließ Tessa weder ihren Zwillingsbruder noch sonst jemanden jemals vergessen. Sie betonte immer wieder, dass sie als ältestes von sechs Kindern, von denen nur noch fünf lebten, Paulas gesetzliche Erbin war.

Linnet wurde wieder einmal klar, wie sehr Tessa von Konkurrenzdenken und Geschwisterrivalität beherrscht wurde, und sie erschauderte innerlich. Sie selbst hasste Konfrontationen und Machtkämpfe und übernahm innerhalb der Familie häufig die Rolle der Friedensstifterin. Doch möglicherweise passte diese Rolle ja nun nicht mehr zu ihr.

Linnet und ihr Cousin Gideon hatten wenige Tage zuvor noch über Tessa gesprochen. Gideon war davon überzeugt, dass Tessa eifersüchtig und neidisch auf Linnet war, und obwohl ihr der Gedanke widerstrebte, musste Linnet ihrem Cousin Recht geben. Gideon hatte sie daran erinnert, wie geizig und missgünstig Tessa sich schon als Kind gezeigt hatte.

Ein ungutes Gefühl beschlich Linnet. Im Grunde hatte sich seit damals nichts geändert, auch wenn sie und ihre Halbschwester inzwischen erwachsen waren. Tessa hatte sie während ihrer Kindheit schikaniert und herumkommandiert und tat dies indirekt immer noch – oder versuchte es zumindest.

Plötzlich schoss Linnet durch den Kopf, wie sie sich einmal im zarten Alter von fünf Jahren Tessa gegenüber behauptet hatte. Damals hatte sie die ganze Familie überrascht, einschließlich sich selbst – am meisten jedoch Tessa. Linnet hatte ihre Unabhängigkeit bewiesen, hatte allen gezeigt, dass mit ihr zu rechnen war und dass Emma Hartes unbändige Willenskraft auch in ihr steckte. Und ihre zwölfjährige Halbschwester hatte klein beigeben müssen, nachdem klar war, dass Linnet es mit ihr aufnehmen konnte.

Linnet lachte laut auf, als sie an die Episode mit dem knallgelben Sonnenhut dachte, auf den Tessa so stolz gewesen war. Vor ihrem geistigen Auge sah sie ihn vor sich, wie er langsam im Swimmingpool der Villa Faviola in Frankreich trieb – in den sie ihn absichtlich hineingeworfen hatte …

Tessa war vor Wut beinahe geplatzt und hatte geschrien, Linnet habe mutwillig ihren teuren, nagelneuen Hut ruiniert, für den sie auf dem Markt in Nizza ihr Taschengeld einer ganzen Woche ausgegeben hatte.

Gideon und sein Bruder Toby hingegen konnten sich vor Lachen kaum halten – sehr zu Tessas Verdruss, denn normalerweise gehörte gerade Toby zu ihren treuesten Anhängern, redete ihr stets nach dem Mund und scharwenzelte den ganzen Tag lang um sie herum. Was er im Übrigen immer noch tat.

Inzwischen war Tessa einunddreißig Jahre alt und eine verheiratete Frau. Mark Longden, ihr Ehemann, war ein bekannter Architekt, der sich mit seinen ultramodernen Entwürfen einen Namen gemacht hatte. Ihre gemeinsame Tochter Adele war drei Jahre alt und nach Tessas Ururgroßmutter Adele Fairley benannt. Tessa war sehr stolz auf ihre Verbindung zu den aristokratischen Fairleys und rieb auch dies jedem gern unter die Nase.

Trotz ihres Alters und ihrer Stellung war Tessa oft immer noch geizig und gemein, und das häufig ohne ersichtlichen Grund. Die anderen Mitglieder der Familie waren entsetzt über ihr Verhalten und hielten sie für unreif oder sogar niederträchtig.

Linnet und Tessa arbeiteten beide bei Harte’s im vornehmen Londoner Stadtteil Knightsbridge, dem Flaggschiff der Kaufhauskette ihrer Mutter. Doch Tessa hatte eine weit wichtigere Position inne als Linnet – sie leitete eine ganze Reihe von Abteilungen, während Linnet lediglich die Modeabteilung führte und ihrer Mutter beim Merchandising und Marketing assistierte. Es stand außer Frage, dass Tessa größere Macht und mehr Einfluss besaß als Linnet, nichtsdestotrotz war sie ihrer jüngeren Halbschwester in den vergangenen Monaten mit zunehmender Feindseligkeit begegnet.

Erst vor wenigen Tagen hatte eine Art Vorahnung Linnet beschlichen, dass sich Ärger zusammenbraute, der bald über sie hereinbrechen würde. Die Vorstellung beunruhigte sie, vor allem, da sie den Grund für Tessas Feindseligkeit nicht kannte.

Entferntes Donnergrollen riss Linnet aus ihren Gedanken. Sie blickte hinauf in den Himmel, der plötzlich viel dunkler wirkte. Es war nicht zu übersehen, dass ein Sturm drohte.

Linnet sprang auf. Sie wollte hier oben im Moor nicht in einen Regen- oder vielleicht sogar in einen Schneesturm geraten. Sie begann auf der Stelle mit dem Abstieg über den steilen Pfad, der sie schließlich nach Pennistone Royal bringen würde. Das Anwesen unter ihr im Tal war gerade noch zu erkennen.

Der Anstieg war lang und anstrengend gewesen, aber hinab ging es sehr viel leichter, und Linnet kam schnell voran. Immer noch beschäftigte sie sich in Gedanken mit ihrer älteren Schwester. Tessas kaltes Verhalten während der letzten Wochen gab ihr Rätsel auf. Linnet fiel kein guter Grund für ihr verändertes Benehmen ein … es sei denn, sie hatte auf irgendeine Weise von den Plänen ihrer Mutter bezüglich Pennistone Royal erfahren und wusste, wer das Haus eines Tages erben würde.

Doch woher konnte sie das wissen?

Linnet rief sich noch einmal das Gespräch ins Gedächtnis, das sie im November mit ihrer Mutter geführt hatte.

Die Unterredung war vertraulich gewesen und hatte in Paulas Allerheiligstem in ihrem Kaufhaus in Leeds stattgefunden. Sie waren völlig allein gewesen, und Tessa hatte sich zu der Zeit ohnehin in London aufgehalten. Nein, Tessa konnte unmöglich etwas erfahren haben, sagte sich Linnet.

Und doch … Ihr fiel ein, dass Tessas Feindseligkeit sich im Dezember auch gegen ihre Mutter gerichtet hatte – zumindest hatte Linnet ihr Verhalten so interpretiert und sich darüber gewundert. Tessa hatte ganz unerwartet verkündet, dass sie zu Weihnachten nicht nach Pennistone Royal kommen würde – was in ihrer Familie einem Sakrileg gleichkam.

Seit ewigen Zeiten verbrachten die Hartes, die O’Neills und die Kallinskis alle hohen Feiertage gemeinsam auf Pennistone Royal. Emma Harte hatte diese Tradition im Jahr 1933 begründet, kurz nachdem sie den Landsitz gekauft hatte.

»Die Zusammenkunft der drei Klans«, nannte Linnets Großvater diese Familienversammlungen und traf damit den Nagel auf den Kopf. Emma Harte, Blackie O’Neill und David Kallinski waren in den frühen Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts zu guten Freunden geworden und es ihr Leben lang geblieben, genau wie ihre ständig wachsenden Familien. Und inzwischen waren die Hartes und die O’Neills auch durch Heirat und Blutsbande miteinander verflochten.

Als Paula von Tessas Absicht hörte, während der Feiertage in London zu bleiben, war sie sehr bestürzt und verärgert. Schließlich sprach sie ein Machtwort – auf ihre unnachahmliche Weise und ganz im Stil Emma Hartes.

Natürlich blieb Tessa letzten Endes nichts anderes übrig, als sich zu fügen und Pennistone doch einen Besuch abzustatten. Zweifellos hatte ihr Mann, Mark Longden, ihr ebenfalls dazu geraten, denn wie jeder schlaue Spieler war auch er nur auf seinen Vorteil bedacht.

Seitdem sich Mark fünf Jahre zuvor geschickt in ihre Familie eingeschlichen hatte, unterzog Linnet ihn heimlich regelmäßig einer eingehenden Prüfung. Sie beobachtete ihn und die unterwürfige Aufmerksamkeit, die er ihrer Mutter entgegenbrachte, genau. Für sie war offensichtlich, dass er Paula nicht nur als Matriarchin betrachtete, vor der man katzbuckeln musste, sondern auch als Geldsack auf zwei Beinen, den man sich durch endlose Schmeicheleien gewogen machen konnte.

Linnet war von Anfang an misstrauisch gewesen, was Mark betraf. Sie hielt ihn für einen Opportunisten, der sich nur für Geld interessierte, und hatte sich oft gefragt, was Tessa eigentlich an ihm fand. Denn ihre Schwester war schön, konnte überaus charmant und kultiviert sein, wenn sie wollte, und verfügte über beträchtliche Intelligenz. Darüber hinaus besaß sie viele weitere Qualitäten, die ihre weniger anziehenden Charaktereigenschaften oft vergessen ließen. Und trotzdem hatte sie sich für Mark entschieden. Es bekümmerte Linnet, dass ihre Schwester jemanden geheiratet hatte, der ihr im Grunde nicht das Wasser reichen konnte.

Zögernd und widerwillig hatte Tessa nach Paulas Machtwort versprochen, Weihnachten doch auf Pennistone Royal zu verbringen. Aber sie handelte einen Kompromiss aus – sie, Mark und Adele würden am vierundzwanzigsten Dezember rechtzeitig zum Nachmittagstee eintreffen, um gemeinsam mit der Familie die Kerzen am Weihnachtsbaum zu entzünden, jedoch am ersten Feiertag direkt nach dem Mittagessen wieder abreisen. Sie erklärte, der Besuch müsse so kurz ausfallen, weil sie am zweiten Feiertag bei Marks Eltern in Cirencester eingeladen seien.

Tessa schien offenbar nicht bereit zu sein, mehr als vierundzwanzig Stunden für ihre Familie zu erübrigen, worüber vor allem Großvater Bryan, der dabei in erster Linie an Paula dachte, sehr ungehalten war. Nach der Abreise der Longdens machte er seinem Ärger Linnet gegenüber in einigen negativen Bemerkungen Luft.

Linnet war trotz des allgemeinen Festtrubels aufgefallen, dass sich Tessa ziemlich merkwürdig verhielt. Ihre Schwester war von Natur aus launisch, was sich vor allem in ihrer Kindheit in regelmäßigen Wutanfällen geäußert hatte. Das Familientreffen zu Weihnachten schien diese Neigung noch zu verstärken. Während ihres kurzen Besuchs gab sie sich keinerlei Mühe, ihre Übellaunigkeit zu verbergen, und legte es geradezu darauf an, mit allen in Streit zu geraten. Linnet hatte sich mehr als einmal gefragt, warum ihre Schwester dermaßen gereizt war.

Paula hatte weder zu Weihnachten noch danach jemals über Tessas fragwürdiges Verhalten gesprochen. Aber Linnet kannte ihre Mutter sehr genau und wusste, dass ihr nichts entgangen war. Paula wartete lediglich den richtigen Augenblick ab. Es war höchst unwahrscheinlich, dass sich Paula Tessas Launen noch lange gefallen lassen würde.

»Wie dem auch sei …«, murmelte Linnet vor sich hin. »Es kommt, wie es kommen soll. Falls es wirklich Probleme gibt, werde ich mich im geeigneten Moment darum kümmern und mir bis dahin nicht allzu viele Sorgen machen.«

Doch trotz dieses guten Vorsatzes hörte Linnet nicht auf zu grübeln. Sie wusste, dass Tessa bis aufs Messer kämpfen konnte.

Linnet hoffte, dass es nicht so weit kommen würde. Aber wenn doch, würde sie sich verteidigen müssen. Es gab keine andere Wahl.

2

Bryan O’Neill war mehr als eine Stunde zuvor in Pennistone Royal angekommen. Nachdem er seinem Enkelsohn Desmond, der sich gerade von einer Grippe erholte, einen kurzen Besuch abgestattet hatte, begab er sich in das Wohnzimmer im ersten Stock.

Dort stellte er sich an eines der Fenster, blickte auf das Moor hinaus und wartete voller Unruhe auf Linnets Rückkehr. Er machte sich Sorgen um sie.

Doch bald darauf sah er sie den Weg entlangrennen und entspannte sich zum ersten Mal, seitdem er das Haus betreten hatte. Er war davon überzeugt gewesen, dass sie wie schon einmal in einen Schneesturm geraten würde.

Ein leiser Seufzer entfuhr ihm. Er liebte all seine Enkelkinder und bemühte sich, keines den anderen vorzuziehen, doch seine Gefühle für Linnet waren etwas Besonderes.

Gewiss, Linnet war in vielerlei Hinsicht eine wunderbare junge Frau – aber das galt ebenso für seine anderen Enkeltöchter. Es gab jedoch einen bestimmten Grund, warum er sie besonders in sein Herz geschlossen hatte, und dieser Grund war untrennbar mit seiner eigenen Kindheit und seinen Erinnerungen verbunden.

Bryan durchquerte das Wohnzimmer mit langen Schritten und trat auf den Korridor hinaus. Man sah ihm nicht an, dass er im vergangenen Dezember seinen vierundachtzigsten Geburtstag gefeiert hatte. Er erfreute sich bester Gesundheit und war eine beeindruckende Erscheinung: kraftvoll und energisch, groß und breitschultrig, mit vollem, silbergrauem Haar und fröhlich dreinblickenden Augen, die von einem so dunklen Braun waren, dass sie beinahe schwarz wirkten. Diese Augen hatte er von seinem Vater Blackie geerbt und an seinen eigenen Sohn Shane weitergegeben.

Während Bryan auf die große Freitreppe zuging, hörte er die Vordertür ins Schloss fallen, und als er den ersten Absatz erreichte, sah er unten in der Stone Hall Linnet stehen, die sich gerade von Schal und Mantel befreite.

Unbemerkt schaute er zu, wie sie den antiken Garderobenschrank neben der Eingangstür öffnete und die beiden Kleidungsstücke hineinhängte.

Bryan wusste, dass ihr Äußeres eine starke Faszination auf die Menschen ausübte und alle Blicke auf sich zog: ihr prachtvolles rotes Haar, ihre helle, durchsichtige Haut, die feinen, klaren Züge ihres ovalen Gesichts und vor allem ihre grünen Augen, deren Farbe besonders intensiv war. Linnet hatte die berühmte Haar-‍, Haut- und Augenfarbe und die nicht minder berühmten körperlichen Vorzüge der Hartes geerbt, und Bryan sah in ihr die Verkörperung wahrer Schönheit.

Plötzlich erklang in einem verborgenen Winkel seines Gedächtnisses Edwinas Stimme und führte ihn zurück in die Vergangenheit. Er erinnerte sich an eine Bemerkung, die sie vor mehr als dreißig Jahren fallen gelassen hatte. »Die Hartes – was haben die denn schon, außer ihrem Reichtum? Oh, gewiss, ihr Aussehen. Keine Frage, jedes einzelne Familienmitglied ist äußerst attraktiv.«

Bryan hatte weder diese Worte noch die kalte Verachtung, mit der sie ausgesprochen worden waren, jemals vergessen. Edwina, die inzwischen über neunzig Jahre alt war, gab diesen Kommentar auf der Feier ab, die nach Lornes und Tessas Taufe in der Kirche von Fairley stattfand. Edwinas Tonfall hatte ihn schockiert, und ihre Haltung trieb ihm die Zornesröte ins Gesicht.

Als Emmas erstgeborenes Kind war Edwina selbst eine Harte, doch sie hatte immer nur der Familie Fairley angehören wollen. Blackie O’Neill hatte diesen Wunsch als Beleidigung gegenüber Emma aufgefasst, und sein Sohn Bryan war derselben Meinung.

Dennoch steckte in Edwinas Worten ein Körnchen Wahrheit, zumindest was das Aussehen der Hartes betraf. Sie waren in der Tat attraktive Menschen, und das schon seit vier Generationen. So gab es noch andere Frauen unter den Hartes, die Linnets Haar- und Augenfarbe hatten, aber sie war diejenige, die Emma Harte zum Verwechseln ähnlich sah, die ihr wie aus dem Gesicht geschnitten war, bis hin zu dem spitz zulaufenden Haaransatz über der glatten Stirn.

»Grandpops! Wieso bist du denn jetzt schon hier? Wir hatten dich erst zum Nachmittagstee erwartet!«, rief Linnet, als sie Bryan auf dem Treppenabsatz entdeckte. Dann lief sie zum Fuß der Treppe und blickte lächelnd zu ihm auf. Ihr Großvater und sie waren seit ihrer Kindheit enge Vertraute.

»Es langweilt mich, ganz allein in diesem großen alten Haus in Harrogate umherzuschlurfen, das weißt du doch«, erwiderte Bryan und stieg mit sicheren Schritten die Stufen hinab.

»Außer uns beiden ist keiner da. Na ja, abgesehen von Desmond, der immer noch krank im Bett liegt«, verkündete Linnet und schwang sich übermütig auf das Geländer. »Paula und Shane sind ausgegangen.«

Bryan stutzte stets aufs Neue, wenn Linnet ihre Eltern beim Vornamen nannte, obwohl sie sich dies schon vor Jahren angewöhnt hatte. Er fragte: »Und wohin sind deine Mutter und dein Vater gegangen?«

»Dad wollte sich in Harrogate mit Onkel Winston zum Mittagessen treffen …«

»Lass mich raten – im Drum and Monkey, oder?«, unterbrach sie ihr Großvater.

Linnet grinste. »Stimmt genau. Und Mummy ist in der Niederlassung in Harrogate.«

»Ich habe vorhin kurz nach Desmond gesehen«, erzählte Bryan. »Dein Vater sagte mir bereits, dass der Junge krank ist. Aber wo steckt denn Emsie an einem so scheußlichen Tag? Margaret sagt, sie sei ebenfalls nicht da.«

»Emsie ist ins Dorf gegangen. Ihre Freundin Anne hat ein neues Pferd, und das muss sie sich natürlich ansehen. Sie wollte zum Essen dort bleiben – das habe ich zumindest ihrem Gemurmel entnommen. Aber ich bin ja auch noch da, Grandpops, also können wir beide ganz gemütlich zu Mittag essen. Margaret wird bestimmt gern etwas ganz Besonderes für dich zaubern.«

Lächelnd und mit strahlenden Augen trat Bryan auf seine Enkelin zu und schloss sie in die Arme. Nachdem er sie einen Augenblick lang hin und her gewiegt hatte, hielt er sie auf Armeslänge von sich und sagte: »Du siehst heute ganz besonders hübsch aus, Mavourneen.«

Linnet lächelte ebenfalls, schob ihren Arm unter den seinen und führte ihn durch die Stone Hall zu dem Kamin, in dem mächtige Holzscheite brannten.

»Wie wäre es vor dem Mittagessen mit einem Gläschen deines geliebten irischen Whiskeys, Grandpops?«, fragte sie und tätschelte Bryans Hand.

»Dazu sage ich nicht Nein. Vielen Dank, mein Schatz.«

»Dann wird dir gewiss gleich mollig warm … Whiskey ist genau das Richtige an einem Tag wie diesem.« Linnet ging zu der Kommode in der Ecke, auf der sich ein Tablett mit einer stattlichen Reihe von Flaschen, Gläsern und einem Eiskübel befand.

Bryan stellte sich mit dem Rücken zum Feuer und genoss die Wärme. Angesichts Linnets Fürsorglichkeit musste er lächeln. Schon als Kind hatte sie ihn bemuttert, genauso wie sie ihrem Bruder Patrick gegenüber stets die Mutterrolle eingenommen hatte. Doch ihre Fürsorge wirkte völlig natürlich und schien ihr einfach im Blut zu liegen. Wenn sie eines Tages heiratete, würde sie eine wunderbare Ehefrau und Mutter abgeben.

Unvermittelt schweiften Bryans Gedanken zu Julian Kallinski. Ein gut aussehender junger Mann. Und intelligent dazu. Der Erbe des Kallinski-Imperiums. Falls er und Linnet tatsächlich den Bund fürs Leben schlossen, würde Emmas größter Wunsch in Erfüllung gehen. Durch diese Heirat würden endlich alle drei Klans vereint sein.

Linnet und Julian wären ein perfektes Paar. Bryan wollte seine Enkelin gerade nach ihm fragen, da fiel ihm Shanes Warnung wieder ein, die er in der Woche zuvor geäußert hatte. Offenbar hatten sich die beiden bezüglich der Heirat zu sehr unter Druck gesetzt gefühlt und daher »einen Gang heruntergeschaltet«, wie Shane es ausdrückte. Nein, es war wohl besser, Julian heute nicht zu erwähnen, beschloss Bryan. Man musste ja nicht noch Öl ins Feuer gießen.

Er straffte sich und ließ seinen Blick durch die Stone Hall schweifen. Mit ihrer hohen, von dunklen Holzbalken durchzogenen Decke verdankte sie ihren Namen den grauen, aus den Steinbrüchen der Gegend stammenden Steinen, die überall ringsum verbaut worden waren – in den Mauern, der Decke, dem Boden und dem Kamin.

Im Alter von sechzehn Jahren hatte Bryan die Stone Hall zum ersten Mal betreten, zusammen mit Emma und seinem Vater. Sie hatte das Haus gerade erst gekauft und wollte es ihnen zeigen, und sowohl Bryan als auch sein Vater waren von der Erhabenheit des Gebäudes tief beeindruckt. »Platzverschwendung«, hatte Emma an jenem Tag gemurmelt, während sie sich in der riesigen Halle umsah. Aber letzten Endes hatte sie den Raum in einen der herrlichsten Wohnräume verwandelt, die Bryan jemals zu Gesicht bekommen hatte.

Trotz ihrer gewaltigen Ausmaße strahlte die Stone Hall eine gewisse Wärme und Intimität aus, denn Emma bestückte sie mit schönen dunklen Holzmöbeln aus der Tudorzeit und der Zeit Jakobs I. und verteilte überall bequeme Sofas und Stühle.

Bryan fand, dass sich die Halle seit Emmas Tagen überhaupt nicht verändert hatte, obwohl er wusste, dass Paula sie im Laufe der Jahre oft hatte renovieren lassen. Doch dabei hatte sie sich immer an Emmas Stil orientiert – wie auch in so vielen anderen Dingen. Und genau wie Emma hatte auch Paula den Raum mit Blütenpflanzen in blau-weißen Keramiktöpfen und Kupfereimern dekoriert. Auf den Tischen aus poliertem Holz und auf den Konsolen standen rosafarbene, hell- und dunkelgelbe Chrysanthemen, orangerote Amaryllen und unzählige der weißen Orchideen, die Paula so sehr liebte und die sie in ihrem Gewächshaus züchtete.

Linnet trat mit einem Glas Whiskey und einem kleinen Glas Sherry zu Bryan. Sie stießen miteinander an und sagten wie aus einem Munde: »Cheers.«

Bryan trank einen Schluck und sagte dann leise: »Wenn ich mich nicht irre, bist du in diesem gottverlassenen Moor herumgewandert, weil dich etwas bedrückt.«

Linnet nickte, gab jedoch keine Antwort.

Bryan fragte sich, ob sie wohl mit Julian Probleme hatte, und erkundigte sich so beiläufig wie möglich: »Möchtest du darüber reden?«

Linnet zögerte für den Bruchteil einer Sekunde und erwiderte dann: »Es geht um Tessa. Ich mache mir Sorgen um sie. Besser gesagt, um ihre Einstellung mir gegenüber, Grandpops. Sie verhält sich in letzter Zeit so feindselig.«

»Das ist doch nichts Neues, oder?«, warf er ein und runzelte die Stirn.

»Da hast du Recht; sie hat mich früher schon oft merkwürdig behandelt. Du kannst dich bestimmt daran erinnern, wie sie mich als Kind immer herumkommandiert hat. Aber seitdem wir beide bei Harte’s arbeiten, ist sie richtig herrisch geworden.«

»Wahrscheinlich glaubt sie, mit dir konkurrieren zu müssen.«

»Das könnte sein«, stimmte Linnet zu.

Bryan hielt einen Augenblick lang grübelnd inne und sagte dann langsam: »Ich fürchte, sie hat Hummeln im Hintern.«

Linnet warf ihrem Großvater einen verdutzten Blick zu. »Was meinst du damit?«

»Nun, bei ihr müsste es wohl eher heißen: Hummeln im Kopf. Sie scheint ständig schwere Gedanken zu wälzen und kann nicht abschalten. Und ich bin ziemlich sicher, dass dem so ist, weil sie Angst um ihre Stellung bei Harte’s hat. Sie möchte vermutlich die absolute Gewissheit haben, dass sie eines Tages die Nachfolge eurer Mutter antreten wird.«

Linnet nickte eifrig. »Genau. Sie glaubt fest daran.«

»Und was glaubst du, Mavourneen?«, erkundigte sich Bryan, während der Blick seiner dunklen Augen mit großem Interesse auf ihr ruhte.

»Ich weiß nicht, wie Mamas Pläne aussehen. Aber Tessa ist das älteste Kind, also hat sie wohl ein Recht darauf, Paulas Position einzunehmen, wenn sie sich aus dem Geschäft zurückzieht.«

Bryan schüttelte nachdrücklich den Kopf, griff nach Linnets Arm und führte sie zu dem Sofa, das dem Kamin am nächsten stand. »Setzen wir uns doch«, murmelte er. Nachdem er es sich mit einigen Gobelin-Kissen im Rücken gemütlich gemacht hatte, fuhr er fort: »Deine Mutter denkt nicht in solchen Zusammenhängen. Sie hält nichts von den üblichen Erbschaftsregeln oder dem Erstgeburtsrecht. Paula wird sich als ihren Nachfolger im Familiengeschäft jemanden aussuchen, der ihr passt, daran habe ich keinen Zweifel. Schließlich ist sie die größte Einzelaktionärin und außerdem Generaldirektorin.«

Als Linnet darauf nichts erwiderte, fügte Bryan hinzu: »Wir sollten nicht vergessen, dass deine Mutter jahrelang von Emma Harte ausgebildet wurde. Dies sind Emmas Grundsätze und ihre Geschäftspolitik gewesen. Emma besetzte die Schlüsselpositionen immer nur mit Personen, die es verdient hatten und dafür geeignet waren. Und Paula wird dasselbe tun.«

»Wahrscheinlich hast du Recht, Grandpops. Aber Tessa leistet sehr gute Arbeit für Harte’s. Sie ist eine hervorragende Managerin.«

»Wäre sie fähig, das Kaufhaus in Knightsbridge und darüber hinaus die gesamte Kette zu führen?«, wollte Bryan wissen und betrachtete seine Enkelin aufmerksam.

Linnet biss sich auf die Unterlippe und wich dem forschenden Blick ihres Großvaters aus. Sie dachte an die Gespräche, die sie mit Gideon über genau dieses Thema geführt hatte. Und nicht nur mit ihm, sondern auch mit ihrer Cousine India Standish, die ebenfalls bei Harte’s arbeitete. Beide waren der Meinung, dass Tessa eine solche Aufgabe nicht bewältigen würde, doch Linnet musste zugeben, dass ihr Urteil keineswegs unbefangen war, denn auch sie hatten in der Vergangenheit unter Tessa gelitten.

Linnet räusperte sich und erwiderte: »Als Managerin ist Tessa sehr gut. Sie geht planvoll vor, denkt praktisch und löst die Alltagsprobleme mit Geschick …« Sie verstummte und dachte an die Auseinandersetzungen, die immer wieder zwischen ihrer Mutter und Tessa stattfanden und in denen es um die Zukunft und zukünftige Vorhaben ging. Dann sagte sie seufzend: »Ach Grandpops, Tessa ist meine Schwester, und ich habe sie lieb …«

»Und jetzt kommt ein großes Aber, was ihre Arbeit betrifft – habe ich Recht?«

»Ja. Wie gesagt, von einem Tag zum nächsten leistet Tessa gute Arbeit. Aber sie plant nie voraus.«

»Vielleicht besitzt sie einfach keinen Weitblick und hat keine Visionen«, sagte Bryan. »Visionen sind in jeder Branche unerlässlich, aber im Einzelhandel ganz besonders, sonst entwickeln sich die Kaufhäuser nicht weiter und gehen früher oder später vor die Hunde. Weitblick und Visionen, das sind schon immer die Stärken deiner Mutter gewesen, Linnet. Das hat auch Emma gewusst, sie hat oft mit mir darüber gesprochen. Deine Urgroßmutter war sehr stolz auf Paula und hatte keine Bedenken, ihr das Harte-Imperium zu hinterlassen.«

»Mama ist ja auch ein richtiges Genie. Weißt du, dass sie sich über Tessas Meinung zu meinem neuen Projekt ziemlich geärgert hat? Tessa hält meine Idee einer Mode-Retrospektive für verrückt und glaubt, dass ich mit dieser Show keinen Erfolg haben werde. Aber ich bin sicher, dass sie ein Erfolg wird, und Mama hat mir ihre Zustimmung gegeben.«

Bryan runzelte die Stirn. »Aber deine Mode-Retrospektive ist genau das, was Harte’s braucht! Sie wird Hunderte von Frauen anlocken, und wenn sie erst einmal das Kaufhaus betreten haben, werden sie ihr Geld in den Modeabteilungen ausgeben.«

»Ganz genau, Grandpops! Darum geht es ja, aber Tessa begreift das einfach nicht.«

Oder will es nicht begreifen, dachte Bryan. Laut sagte er: »Die Hauptsache ist, dass die Retrospektive ein großer Erfolg sein wird. Mach dir keine Gedanken darüber, was Tessa sagt oder denkt. Wichtig ist nur, was deine unmittelbare Vorgesetzte davon hält, und das ist nun einmal deine Mutter.«

Linnet nickte. »Paula findet es toll, dass ich so viele von Grandys Haute-Couture-Kleidern zeigen will. Original-Kleidungsstücke aus vergangenen Jahrzehnten sind heutzutage unheimlich in, und unsere Show deckt über achtzig Jahre Modegeschichte ab. Sie wird viele junge Frauen interessieren. India ist derselben Meinung.«

»Wie gesagt, ich ebenfalls. Apropos – wie macht sich denn unsere kleine India?«

»Sehr gut, Großvater, aber ›klein‹ kann man sie wirklich nicht mehr nennen. Sie ist eine flotte junge Dame geworden.«

»Das habe ich schon am Silvesterabend bemerkt.« Bryan lachte. »Mit ›klein‹ meine ich auch eher, dass sie sehr zart und zerbrechlich ist.«

»Das stimmt … Aber um auf Tessa zurückzukommen: Gideon meint, dass sie nicht mit Menschen umgehen kann, dass es ihr an Einfühlungsvermögen und Mitleid fehlt.« Linnet lehnte sich zurück und verzog leicht das Gesicht. »Mama sagt aber immer, dass es für einen Arbeitgeber wichtig ist, sich in Menschen einfühlen zu können.«

»Und was glaubst du?«

Linnets Schweigen genügte Bryan als Antwort. Sie war eine wunderbare junge Frau, und er wusste, wie ungern sie andere kritisierte. Er beschloss, nicht nachzuhaken, und lehnte sich ebenfalls in die Kissen zurück. Plötzlich schnürte ihm eine Welle von Emotionen die Kehle zu, denn er sah nicht mehr Linnet O’Neill vor sich, seine fünfundzwanzigjährige Enkelin, sondern Emma Harte, die im Alter von siebenundzwanzig Jahren zu seiner Ersatzmutter geworden war. Bryans leibliche Mutter, Laura O’Neill, war im Dezember 1916 unmittelbar nach seiner Geburt gestorben. Da sein Vater Blackie im Ersten Weltkrieg kämpfte, sorgte Emma Harte für ihn, die beste Freundin seiner Eltern. Sie holte ihn zu sich und zog ihn auf wie einen eigenen Sohn. Es war ihr Gesicht gewesen, zu dem er aus seiner Wiege emporgeblickt hatte, ihr Gesicht, das er von klein auf zu lieben gelernt hatte.

Und nun, in diesem Moment, vierundachtzig Jahre später, blickte er in das gleiche Gesicht. Linnets Ähnlichkeit mit Emma war frappierend.

»Ist alles in Ordnung, Grandpops? Du siehst so seltsam aus«, sagte Linnet beunruhigt.

Bryan setzte sich auf, blinzelte ein paar Mal und lächelte sie an. Er hustete hinter vorgehaltener Hand und antwortete dann: »Ich habe zu Hause einige Fotografien von deiner Urgroßmutter, auf denen sie ungefähr in deinem Alter ist. Es ist, als wäre Emma in dir wiedergeboren worden. Du bist nicht nur körperlich ihr Ebenbild – das hörst du ja ständig von allen Seiten –, sondern gleichst ihr auch in Mimik und Gestik. Und du denkst wie sie. Auf jeden Fall hast du ihren Elan, ihre Energie und ihr Verkaufstalent geerbt und bist eine gute Geschäftsfrau. Und mit ein wenig mehr Lebenserfahrung wirst du sogar noch besser werden.«

»Du bist voreingenommen, Grandpops!«

»Mag sein. Nichtsdestotrotz wirst du es schaffen … du wirst eine zweite Emma Harte werden.«

»Ich werde versuchen, ihr in allen Dingen nachzueifern. Ich weiß, dass sie großen Wert auf Integrität legte, dass sie eine ehrenhafte Frau war, eine Frau mit Moral, die Recht von Unrecht unterscheiden konnte und in ihren Handlungen immer fair und gerecht war.«

»Das war sie in der Tat, und du wirst diesem Vorbild zweifellos gerecht werden, Mavourneen.« Bryan griff nach ihrer Hand. »Du genießt mein vollstes Vertrauen, Linnet, und meiner Meinung nach solltest du deiner Mutter nachfolgen, wenn sie sich aus dem Geschäft zurückzieht. Harte’s sollte dir gehören.«

»Das würde mir auch gefallen, aber die Entscheidung liegt ganz allein bei meiner Mutter.«

Wahrscheinlich hat sie sich schon längst für dich entschieden, dachte Bryan. Doch er sprach seinen Gedanken nicht aus, sondern sagte stattdessen: »Ich möchte dir meine Fotografien von Emma schenken. Ich werde sie bei meinem nächsten Besuch mitbringen.«

»Oh, vielen Dank, Grandpops. Ich werde sie hüten wie einen Schatz.«

Kurz darauf betrat Margaret die Stone Hall und verkündete auf ihre übliche zurückhaltende Weise: »Mr O’Neill, Linnet – das Mittagessen ist fertig. Wenn Sie möchten, serviere ich es im Frühstückszimmer. Dort brennt ein schönes Feuer, und es ist viel gemütlicher als im Speisezimmer.«

»Danke, Margaret, wir werden sofort hinübergehen«, erwiderte Bryan und erhob sich langsam. »Linnet hat gesagt, Sie würden etwas Besonderes für mich zaubern. Daher bin ich neugierig – was gibt es denn Gutes?«

Margaret lachte und sagte: »Oh, einige Ihrer Lieblingsspeisen, Mr O’Neill. Eingemachte Garnelen aus der Morecombe Bay, die ich eigentlich erst morgen auf den Tisch bringen wollte, und dazu mein selbst gebackenes Vollkornbrot mit Butter. Außerdem habe ich einen Cottage Pie gemacht, mit frischem Hackfleisch und einer Kruste aus pürierten Kartoffeln, Erbsen und Pastinaken. Und zum Nachtisch können Sie zwischen frischem Apfelstreusel mit heißer Vanillesoße oder Trifle wählen.«

»Grundgütiger, Sie verwöhnen mich, Margaret! Das klingt ja alles ganz köstlich«, sagte Bryan und schenkte der Haushälterin ein strahlendes Lächeln. Dann wandte er sich an Linnet, die an seiner Seite durch die Halle schritt, und fuhr fort: »Ich denke gerade ernsthaft darüber nach, hier einzuziehen.«

»Das wäre herrlich, Grandpops!«, rief Linnet.

»Die Vorstellung ist tatsächlich verlockend, Mavourneen. Aber ich glaube, es ist das Beste, wenn ich in Harrogate bleibe. Schließlich hat Blackie das Haus gebaut, und ich lebe schon seit einer Ewigkeit dort. Außerdem halte ich es sozusagen für Desmond warm. Eines Tages, wenn ich nicht mehr bin, wird es ihm gehören.«

»Lass uns bitte nicht über so etwas reden!«, bat Linnet und schob ihren Großvater in das Frühstückszimmer. »Du hast noch viele Jahre vor dir.«

»Das hoffe ich, Linny. Aber Blackie pflegte immer zu sagen: Wenn man die Achtzig überschritten hat, läuft die Uhr langsam ab.«

Die beiden setzten sich an den runden Tisch aus Walnussholz, der vor dem Erkerfenster stand. Noch bis vor kurzem hatte das Frühstückszimmer als Büro gedient, war jedoch nur selten benutzt worden. Paula hatte dies für Platzverschwendung gehalten und den Raum einige Monate vor Weihnachten umgestaltet. Nun eignete er sich hervorragend für zwanglose Mahlzeiten wie eben das Frühstück, kleine Mittagessen oder den Nachmittagstee, und alle Hausbewohner hielten sich gern dort auf.

Paula hatte als Grundfarben für das Zimmer Weiß und ein blasses Apfelgrün gewählt, die für eine frühlingshafte Atmosphäre sorgten – grüne Wände, grün-weiß gestreifte Vorhänge an den Fenstern, grün-weiß karierte Sitzbezüge auf den Stühlen. Die Sammlung von sechsunddreißig Drucken mit Blumen- und Pflanzenmotiven, die an einer der Wände hing, verstärkte die Wirkung noch, ebenso die Krüge voller gelber und weißer Chrysanthemen, die auf einem langen, mit Schnitzereien verzierten Sideboard sowie einer Kommode aus der Zeit Königin Annes standen. Das lodernde Feuer im Kamin wirkte an diesem nasstrüben Tag besonders anheimelnd und einladend. Um den Kaffeetisch vor dem Kamin waren ein zierliches Tête-à-tête und einige mit rosafarbenem Leinen bezogene Lehnstühle gruppiert. Hier wurde oft der Tee serviert.

Wie immer konnte Bryan nicht anders, als Paulas Geschmack zu bewundern. Genau wie seine verstorbene Frau Geraldine verstand es auch seine Schwiegertochter, einem Raum Eleganz zu verleihen. Dennoch wirkte diese Eleganz niemals einschüchternd, denn Paula besaß ein Talent dafür, sie mit einem großen Maß an Gemütlichkeit zu vervollkommnen.

Linnet sagte: »Manchmal möchte ich deine Gedanken lesen können, Grandpops.«

Bryan lächelte. »Ich habe an nichts Besonderes gedacht. Aber …« Er hielt inne, beugte sich über den Tisch und fragte dann in verschwörerischem Tonfall: »Gibt es neue Informationen über Paulas Pläne für Shanes Geburtstag?«

Linnet nickte. »Mama hat letztens mit mir darüber gesprochen. Onkel Winston wird ja im Juni auch sechzig, und sie hat überlegt, ob sie nicht eine gemeinsame Geburtstagsfeier für die beiden organisieren soll. Sie sagte mir, dass sie mit dir darüber reden würde, Großvater.« Linnet warf Bryan einen forschenden Blick zu und runzelte dann die Stirn. »Aber du siehst aus, als wüsstest du von nichts.«

»Das ist richtig …« Bryan verstummte, denn Margaret trat mit einem Tablett in das Zimmer. Sie stellte zwei Teller mit eingemachten Garnelen auf den Tisch. »Brot und Butter sind ja bereits da, Mr O’Neill«, sagte sie und blickte dann fragend vom einen zum anderen. »Möchten Sie sonst noch etwas?«

»Wir haben alles, was wir brauchen. Vielen Dank, Margaret«, erwiderte Linnet.

Die Haushälterin nickte, lächelte kurz und verließ den Raum.

Bryan griff nach seiner Gabel und spießte eine kleine, blassrosa Garnele auf. »Mm … sie sind köstlich«, verkündete er einen Moment später. »Eine gemeinsame Feier also? Hat sich deine Mutter schon überlegt, wo diese Feier stattfinden soll?«

»Hier auf Pennistone Royal …« Linnets Stimme stockte, als sie bemerkte, dass sich Bryans Gesichtsausdruck veränderte. »Gefällt dir Mamas Idee nicht, eine Party für beide zusammen auszurichten?«

»Doch, doch, natürlich. Ich finde die Idee sogar sehr gut, mein Schatz. Dein Vater und Winston sind schon seit ihrer Kindheit die besten Freunde, und als junge Männer haben sie zusammen in Beck House in West Tanfield gewohnt. Was für Schlingel die beiden als kleine Jungen waren!« Bryan lachte auf. »Und nicht nur damals, auch später, als sie anfingen, den Mädchen nachzulaufen … Hübsche Burschen waren sie.«

»Das sind sie immer noch«, stellte Linnet fest und lachte ebenfalls.

»Stimmt. Aber sie haben ordentlich die Flügel gestutzt bekommen! Und zwar von Emmas Lieblingen … deiner Mutter und Emily.« Bryan sah seine Enkelin grinsend an. »Die schönen Harte-Mädchen haben einmal mit den Wimpern geklimpert, und schon waren Shane und Winston hin und weg.« Immer noch lächelnd spießte er die nächste zartrosa Garnele auf.

Nachdem sie ihr Mahl beendet hatten, lehnte sich Bryan zurück und betrachtete Linnet über den Tisch hinweg. Das kalte Licht strömte durch das Erkerfenster und ließ ihr Haar und ihren Teint lebendig aufleuchten. Und dennoch – ihre Haut war heute so blass, so durchscheinend, dass sie Bryan auf einmal sehr zerbrechlich vorkam.

Aber er wusste genau, wie stark Linnet war, und zwar nicht nur psychisch, sondern auch körperlich. Sie besaß ungeheure Willenskraft und Beharrlichkeit und steckte voller Energie.

Sie wird ihre ganze Stärke brauchen, dachte er. Und außerdem einen klaren Kopf. Tessa wird alles für sich beanspruchen, sie ist davon überzeugt, dass es ihr zusteht, und sie wird darum kämpfen. Bryans Instinkt sagte ihm, dass Paula das Imperium Linnet vererben würde – dem Kind, das sie von Shane bekommen hatte, der großen Liebe ihres Lebens, dem Helden ihrer Kindheit, ihrem Seelenverwandten. Linnet war ein Kind der Liebe, gezeugt in großer Leidenschaft und sehnlich erwartet. Außerdem war sie das Abbild der Frau, die die Familiendynastie der Hartes und das Handelsimperium gegründet hatte. Ja, es musste für Paula einfach außer Frage stehen, wer ihre Nachfolgerin werden sollte. Linnet eignete sich am besten dafür, in ihre Fußstapfen zu treten, denn sie besaß starke Nerven und eine Scharfsichtigkeit, die in Anbetracht ihres Alters bemerkenswert war.

Davon einmal abgesehen, verfügte Tessa einfach nicht über Linnets Geschäftssinn, ihren Weitblick und ihre Ausdauer – Qualitäten, die für jemanden, der die Harte-Kette führen wollte, unerlässlich waren.

Tessas Charme hatte Bryan schon immer kalt gelassen. Selbst als sie noch ein Kind war, lange vor Shane und Paulas Hochzeit, hatte er Jim Fairleys Tochter mit Argwohn betrachtet. Schon damals hatte er bei ihr Eitelkeit, Doppelzüngigkeit und einen Hang zu lügen festgestellt. Und später hatte ihn ihr Neid auf Linnet gegen sie aufgebracht. Nun, da die beiden erwachsen waren, reagierte Tessa nicht nur neidisch auf Linnet, sondern empfand ihr gegenüber einen regelrechten Groll – vor allem wegen ihres Aussehens.

Die anderen Gründe für Tessas Verbitterung hatten mit den Fairleys zu tun, außerdem mit Shane, der sich zwar stets liebevoll um sie gekümmert hatte, den sie aber nichtsdestotrotz als »Stiefvater« betrachtete, und nicht zuletzt mit Emma Harte. Das war nicht schwer zu verstehen, zumindest Bryan hatte es bereits vor einiger Zeit begriffen.

Uns stehen tränenreiche Auseinandersetzungen ins Haus, dachte er und trank einen Schluck Wasser.

Die Würfel waren gefallen. Und zwar schon vor langer Zeit.

3

»Ich habe nur die Grippe, Dad. Daran werde ich schon nicht sterben«, nuschelte Evan. Sie hatte sich den Telefonhörer zwischen Kopf und Schulter geklemmt und griff nun nach der Box mit Papiertaschentüchern, die auf dem Nachttisch stand. »In ein paar Tagen bin ich wieder gesund«, fügte sie hinzu und putzte sich ausgiebig die Nase. »Grüße bitte alle von mir.«

»Das werde ich tun. Auf Wiedersehen, mein Liebling.«

»Auf Wiedersehen, Daddy.«

Nachdem Evan aufgelegt hatte, glitt sie wieder unter die Bettdecke und zog sie hoch bis unter das Kinn. Die Grippe hatte sie am Abend ihrer Ankunft aus New York niedergestreckt. Das war am Mittwoch gewesen. Nun war es Samstag, und Evan fühlte sich immer noch nicht viel besser, obwohl der Arzt ihr verschiedene Medikamente verschrieben hatte, die sie auch gewissenhaft einnahm.

Aber immerhin ist es besser, hier krank im Bett zu liegen als in einem dieser riesengroßen Hotels, dachte Evan. Nachdem sie den Entschluss gefasst hatte, nach London zu reisen, hatte ihr Vater darauf bestanden, dass sie ein Zimmer in dem kleinen Familienhotel in Belgravia buchte, das seinem alten Freund George Thomas gehörte. Als junger Mann hatte Owen Hughes für einige Zeit in London gelebt, und seit dieser Zeit waren er und George Freunde. Evan war froh, dass sie auf ihren Vater gehört hatte. George Thomas, an den sie sich aus Kindertagen dunkel erinnern konnte, war Waliser und ausgesprochen liebenswert. Seine Frau Arlette stammte aus Frankreich und war eine patente, resolute, tatkräftige Frau, die über alles und jeden Bescheid zu wissen schien. Beide hatten Evan mit großer Wärme und Herzlichkeit aufgenommen und ihr ein komfortables Zimmer gegeben, das heimelig und geschmackvoll zugleich war.

Es befand sich im obersten Stockwerk, direkt unter dem Giebel des prachtvollen viktorianischen Stadthauses, in dem George und Arlette vor einigen Jahren ihr kleines, aber feines Hotel eröffnet hatten. Der Raum war mit hübschen, farbenfrohen Chintzstoffen ausgestattet und mit viktorianischen Möbeln eingerichtet, darunter auch das prächtige Himmelbett, in dem Evan nun unter der federleichten Bettdecke lag. Sie fühlte sich dank Arlettes mütterlicher Fürsorge gut behütet.

Doch trotz der guten Pflege hätte Evan alles dafür gegeben, nicht krank zu sein. Ihr Plan war gewesen, nach ihrer Ankunft unverzüglich das Harte-Kaufhaus in Knightsbridge aufzusuchen und unter Angabe des Namens ihrer Großmutter um eine Unterredung mit Emma Harte zu bitten. Aber die Grippe hatte ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht. Nächste Woche, dachte sie, nächste Woche werde ich mit Emma Harte reden.

Seit dem Tod ihrer Großmutter im vergangenen November fühlte sich Evan oft verloren. Glynnis Hughes, diese fröhliche, unerschütterliche Frau, war immer für sie da gewesen. Sie hatte Evan stets angespornt und ihr immer wieder gesagt, dass sie alles erreichen konnte, was sie wollte, wenn sie sich nur anstrengte und hart genug dafür arbeitete.

Plötzlich sah Evan das Gesicht ihrer Mutter vor ihrem geistigen Auge und konzentrierte ihre Gedanken einen Moment lang ganz auf sie. Marietta Hughes war einmal eine begabte Künstlerin gewesen, doch irgendwann war etwas in ihrem Inneren zerbrochen, und sie hatte einfach aufgegeben, vor dem Leben kapituliert.

Als Evan ihrem Vater im Dezember erzählt hatte, dass sie in Erwägung zog, für ein Jahr nach London zu gehen, hatte er sofort mit Begeisterung reagiert. Doch dann bemerkte sie, wie seine Augen auf einmal ihren Glanz verloren. Evan wurde klar, dass er sie schmerzlich vermissen würde, ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter. Marietta war offenbar noch nicht einmal aufgefallen, dass ihre Tochter sieben Jahre zuvor von zu Hause aus- und nach New York gezogen war.

Als Evan an jenem Dezembertag merkte, wie betrübt ihr Vater war, sagte sie rasch, es sei vielleicht besser, wenn sie nicht nach England flöge. Doch er bestärkte sie, dieses »Sabbatjahr«, wie er es nannte, anzutreten, und erinnerte sie daran, dass er mehr als dreißig Jahre zuvor auch nach London gereist war. Er hatte die Stadt wiedersehen wollen, in der er während des Zweiten Weltkrieges geboren worden war. Und dort hatte er dann Marietta kennen gelernt, die am Royal College of Art Kunst studierte. Marietta Glenn – ein wunderschönes blondes Mädchen aus Kalifornien, in das er sich bis über beide Ohren verliebt hatte. Sie hatten noch in London geheiratet.

»London ist dein Geburtsort, vergiss das nicht«, erinnerte Owen Hughes seine Tochter.

Da erzählte Evan ihrem Vater endlich von den letzten Worten ihrer Großmutter. Er war ebenso erstaunt und verwirrt, wie sie es gewesen war. »Aber dann muss Emma Harte doch schon sehr alt sein! Ich kann mich vage daran erinnern, dass deine Großmutter sie einmal erwähnt hat. Sie hatte sie während des Krieges kennen gelernt, kurz bevor sie ihren ›wundervollen GI‹ – so nannte sie deinen Großvater immer – heiratete und nach Amerika kam. Du kennst ja die alten Familiengeschichten … Aber ich bezweifle, dass Emma Harte mit dem Namen meiner Mutter irgendetwas verbindet, sei also nicht enttäuscht, wenn sie seltsam reagiert, mein Schatz.«

Evan versprach ihm, sich in England von nichts und niemandem enttäuschen zu lassen, und meinte dies durchaus ernst. Daraufhin umarmte Owen seine Tochter und wies sie darauf hin, dass sie problemlos in London würde arbeiten können, da sie genau wie er die doppelte Staatsbürgerschaft besaß. Sie war als Kind einer US-Amerikanerin und eines in Großbritannien geborenen US-Amerikaners in London zur Welt gekommen und daher auf beiden Seiten des Atlantiks legal zu Hause.

Nachdem der Termin für Evans Reise feststand, nahm Owen Kontakt zu seinem alten Freund George auf und traf mit ihm die nötigen Abmachungen. Er riet Evan, George und Arlette wie Familienmitglieder zu betrachten. »Ich wünsche dir viel Spaß – und vor allem, dass du in London glücklich bist, Evan«, hatte er ihr zum Abschied ins Ohr geflüstert und sie dann fest an sich gedrückt. »Das Leben ist kurz, also genieße es und mache das Beste daraus.«

Was für ein wunderbarer, tapferer und positiv denkender Mensch ihr Vater doch war! Er wirkte meistens heiter und ausgeglichen, trotz der Belastung, die Marietta für ihn darstellen musste. Seit Jahren fragte sich Evan immer wieder nach dem Grund für die psychische Erkrankung ihrer Mutter, aber sie fand einfach keine Antwort. Gewiss, es gab Frauen, die sich gern in Krankheiten hineinsteigerten, aber welche Frau war schon freiwillig manisch-depressiv? Es gab so viele Dinge, die Evan nicht begreifen konnte … Die Ärzte verschrieben ihrer Mutter ständig neue Medikamente, die sie auch bereitwillig schluckte. Und trotzdem hüllte sie noch immer der schwarze Mantel der Depression ein. Oder?

Evan hatte sich schon oft gefragt, ob ihre Mutter die Depressionsanfälle manchmal womöglich nur vortäuschte, um sich ihrem Mann zu entziehen, ihrer Familie, der Verantwortung und der Welt. Was für ein schrecklicher Gedanke!

Ich will mein Leben auskosten, dachte Evan. Ich möchte meine Träume verwirklichen und meine Ziele erreichen. Ich will in der Modebranche Karriere machen. Ich möchte einem wundervollen Mann begegnen, heiraten und Kinder bekommen. Ich will mein Leben leben. Mein eigenes Leben.

Sie rollte sich unter der Bettdecke zusammen, döste und ließ ihren Gedanken freien Lauf.

Sie war nicht sicher, ob sie in London ihr Glück finden würde, aber sie wollte es versuchen. Dies war die Stadt, in der sie geboren worden war und die ersten vier Jahre ihres Lebens verbracht hatte. Dann waren ihre Eltern mit ihr nach New York zurückgekehrt und hatten sich bald darauf in Connecticut niedergelassen, wo sie auch Elayne und Angharad adoptiert hatten. Evans Mutter hatte eine Totaloperation über sich ergehen lassen müssen, sich jedoch noch weitere Kinder gewünscht.

Und dort, in einem weitläufigen alten Haus in Kent, hatte Owen Hughes – mit der Hilfe seiner Mutter Glynnis – seine Kinder großgezogen, während er sich gleichzeitig dem Aufbau seines Antiquitätengeschäftes widmete. Er trat damit in die Fußstapfen seines Vaters Richard Hughes, der all sein Wissen an seinen Sohn weitergegeben hatte.

Als Evan zwölf Jahre alt war, nahmen ihre Großeltern sie mit auf eine Reise nach London. Ihr Großvater Richard wollte dort Antiquitäten kaufen.

Evan und Glynnis verbrachten einen Teil der Zeit damit, mit ihm nach erlesenen Stücken für sein Geschäft zu suchen, wobei sie auch die Kleinstädte rings um London abklapperten und sogar bis nach Gloucestershire und Sussex fuhren, stets auf der Jagd nach kostbaren Dingen. Für Evan war das Ganze ein aufregendes Abenteuer, das sie in vollen Zügen genoss.

Manchmal, wenn Richard Hughes Frau und Enkelin allein ließ, um wichtige Verhandlungen mit anderen Antiquitätenhändlern zu führen, unternahmen Glynnis und Evan Ausflüge zu zweit. Glynnis zeigte Evan die Schlösser Windsor Castle, Hampton Court und den Königlichen Botanischen Garten in Kew. Evan lernte viel über die Geschichte Großbritanniens und vor allem über Wales, denn ihre Großmutter kannte sich auf diesem Gebiet sehr gut aus und verstand es, anschaulich zu erzählen.

Evans Großvater ging gern ins Theater, also sahen sie sich einige der Stücke an, die im Londoner Westend gespielt wurden. Einmal gönnten sie sich sogar ein Abendessen im Hotel Savoy, in dem eleganten Speisesaal mit Blick über die Themse. Und an einem anderen Abend führte Richard seine beiden Damen nach dem Theater in das traditionsreiche, berühmte Restaurant Rules aus, das Evans Großeltern schon seit langer Zeit kannten. Derlei Vergnügungen waren für ein Mädchen von zwölf Jahren etwas ganz Besonderes, und Evan vergaß diese Erlebnisse nie.

Nachdem sie beinahe zwei Wochen in London verbracht hatten, überquerten sie den Kanal und reisten nach Frankreich, wo Richard Hughes weitere interessante Stücke für sein Geschäft zu finden hoffte. Er war Experte für georgianische Möbel und hatte sich außerdem auf englisches und europäisches Porzellan spezialisiert. Das war der eigentliche Grund für die Frankreichreise gewesen – die Suche nach altem Porzellan in gut erhaltenem Zustand.

Owen Hughes hatte von seinem Vater Richard alles über dieses Porzellan gelernt, genauso wie über antike Möbel. »Ich bin bei einem wahren Meister in die Lehre gegangen«, pflegte er häufig zu sagen. Inzwischen war Owen selbst ein Experte und gehörte zu den führenden Händlern. Im Laufe der Jahre hatte er sich auf diesem Gebiet einen Namen gemacht und hielt in seinem Geschäft regelmäßig Vorträge, die sehr gut besucht wurden. Evan wusste, dass die Arbeit ihrem Vater über vieles hinweggeholfen hatte.

Angharad, die jüngste seiner Töchter, hatte ein Talent dafür, »Schnäppchen aufzuspüren«, wie ihre Großmutter es genannt hatte. Auch Owen hatte schnell bemerkt, dass sie ein gutes Auge besaß. Sobald sie alt genug dazu war, nahm er sie mit ins Geschäft, und inzwischen arbeitete sie ein paar Tage in der Woche und sonntags mit in seinem Geschäft in New Milford.

Elayne, die Zweitälteste, war Künstlerin mit einem eigenen kleinen Atelier ganz in der Nähe des Familiendomizils in Kent. Owen stellte Elaynes Gemälde in seinem Laden aus, und sie verkauften sich sehr gut. Die Menschen mochten ihre atmosphärisch dichten Landschaftsbilder, ihre sonnigen Küstenszenen und vor allem die Mutter-und-Kind-Studien.

Während ihrer Kindheit und besonders in den späten Teenagerjahren hatte Evan ihre Großmutter Glynnis stets als ihre beste Freundin betrachtet. Mit siebzehn war sie zu den Großeltern nach Manhattan gezogen, und sechs Monate später, nach ihrem achtzehnten Geburtstag, hatte sie sich im Fashion Institute of Technology auf der West 27th Street eingeschrieben. Sie war ihrer Berufung gefolgt und hatte Modedesign studiert.

Wieder einmal musste sie an das Testament ihrer Großmutter denken, das sie und ihren Vater sehr überrascht hatte. Glynnis hatte beinahe vierhunderttausend Dollar hinterlassen, eine Summe, bei der es ihren Erben im ersten Moment die Sprache verschlug.

»Wo kommt das ganze Geld bloß her?«, fragte Evan ihren Vater, als sie einige Tage nach der Beerdigung das Büro des Notars verließen.

Owen zuckte ratlos die Achseln. »Ich habe keine Ahnung, mein Schatz. Aber Mutter war immer sparsam und außerdem eine gute Geschäftsfrau. Sie hat jahrelang die Bücher für deinen Großvater geführt und konnte gut mit Zahlen umgehen. Ich weiß, dass sie sich ein wenig mit dem Aktienmarkt beschäftigt hat und im Laufe der Jahre ganz gut damit zurechtgekommen ist. Aber sie war vor allem klug und sehr vorsichtig. Wahrscheinlich hat sie durch ihre Umsicht so viel Geld angehäuft.«

Evans Vater erbte den größten Teil des Geldes und das Apartment, das Glynnis nach dem Tod ihres Mannes Richard einige Jahre zuvor vermacht bekommen hatte. Elayne und Angharad erhielten jeweils eine großzügige Summe, doch Evan erbte dreißigtausend Dollar – viel mehr als ihre beiden Schwestern. Diese zeigten jedoch Verständnis für die Entscheidung ihrer Großmutter, denn schließlich war Evan das älteste Enkelkind. Glynnis vererbte ihre wenigen Schmuckstücke hauptsächlich ihren drei Enkelinnen, ein paar der besten Stücke hinterließ sie jedoch Marietta. Offenbar hatte sie ihre Schwiegertochter nicht kränken oder übergehen wollen.

Verwirkliche deine Träume, hatte Owen zu seiner Tochter gesagt. Evan wollte es versuchen, und ihre Großmutter hatte ihr die Möglichkeit dazu gegeben. Dank Glynnis konnte sie die Reise nach London selbst bezahlen, ohne ihren Vater um Geld bitten zu müssen.

Die letzten Worte ihrer Großmutter hallten immer noch in Evan nach, und sie fragte sich wieder einmal, warum diese Emma Harte den Schlüssel zu ihrer Zukunft besaß. Was hatte Glynnis damit gemeint? Evan konnte sich keinen Reim darauf machen. Und nun musste sie zu allem Übel mit ihren Nachforschungen warten, bis es ihr wieder besser ging.

Evan schlug die Bettdecke zurück, stand auf und tapste langsam zu der Kommode neben dem Kamin, auf die sie einige Familienfotos gestellt hatte. Sie nahm ein Bild zur Hand, das sie als Zwölfjährige mit ihren Großeltern zeigte und während der berühmten Londonreise aufgenommen worden war.

Evan musterte das Foto einen Moment lang eingehend. Sie stand darauf vor den Toren des Buckingham-Palasts – in einem karierten Rock, einer weiße Bluse, weißen Socken und Ballerinas aus Lackleder – und blinzelte in die Sonne.

Evan musste lächeln. Mit den langen, dünnen Beinen und Armen wirkte sie so schlaksig und unbeholfen! Sie stellte fest, dass diese Ponyfrisur ihr überhaupt nicht stand. Damals war ihr wohl nicht aufgefallen, dass sie aussah, als liefe ihr eine dunkle, schnurgerade Linie quer über die Stirn.

Ihr Großvater, der mit gestrafften Schultern neben ihr aufragte und eine beinahe militärische Haltung angenommen hatte, sah in seinem dunklen Jackett mit grauer Hose, hellblauem Hemd und marineblauer Krawatte ausgesprochen flott und gepflegt aus. Sein schmales, kantiges Gesicht wurde von grau meliertem Haar umrahmt, und seine hellgrauen Augen strahlten.

Am meisten beeindruckte Evan jedoch das Aussehen ihrer Großmutter, die zu jenem Zeitpunkt fünfundsechzig Jahre alt gewesen war. Schon Jahre zuvor hatte sie aufgehört, ihr Haar zu tönen, sodass es wie eine duftige silbergraue Wolke um ihr immer noch jugendlich wirkendes Gesicht lag und mit dem intensiven Blau ihrer Augen konkurrierte. Glynnis lächelte das breite, herzliche Lächeln, in dem sich ihr liebevolles Wesen ausdrückte und das Evan ihr Leben lang gekannt und geliebt hatte.

Evan hielt es für wichtig, dass man seine Großeltern und seinen gesamten familiären Hintergrund gut kannte. Das Wissen um seine Wurzeln sagte viel darüber aus, welche Entwicklungsmöglichkeiten in der eigenen Persönlichkeit lagen. Es verlieh dem eigenen Leben Sinn und Ziel.

4

Am späten Nachmittag begab sich Linnet auf den Dachboden des Ostflügels von Pennistone Royal. Seit mehreren Monaten hielt sie sich am Wochenende regelmäßig dort auf, um Emmas Haute-Couture-Kleider zu katalogisieren. Nun war die Arbeit beinahe beendet.

Linnet schloss die Tür auf, knipste das Licht an und verharrte dann einen Augenblick lang, um sich umzusehen. Ein freudiges Lächeln huschte über ihr Gesicht.

Sie hatte diesen Dachboden nach ihren Wünschen umgestaltet. Was ihn so einzigartig machte, war seine enorme Größe. Er hatte nichts mit den kleinen Verschlägen gemein, die man normalerweise unter dem Dach eines Hauses vorfand und in denen man sich nur gebückt aufhalten konnte.

Dieser Boden war sehr geräumig, besaß eine ziemlich hohe Decke und war vor vielen, vielen Jahren im Auftrag ihrer Urgroßmutter ausgebaut worden. Emma hatte die Wände mit Zedernholz verkleiden und den Fußboden mit Teppich auslegen lassen. Außerdem war eine ausgezeichnete Beleuchtungsanlage installiert worden, vergleichbar mit derjenigen in den Kaufhäusern der Harte-Kette.

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