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Und plötzlich ist es Liebe!

Laura Marie Altom

Und plötzlich ist es Liebe!

1. KAPITEL

„Cool! Können wir es behalten?“

Oliver Garvey, der eine ganze Minute älter war als sein eineiiger achtjähriger Zwillingsbruder Owen, schaute in den Korb und verliebte sich auf der Stelle. Es war ein Mädchen. Das wusste er, weil die Decke pinkfarben war. Wie der Schlafanzug, an dem ein gelber Zettel befestigt war. Darauf stand: Bitte kümmert euch um mich.

„Natürlich behalten wir es, du Trottel“, sagte Oliver, der als Ältester auch beanspruchte, der Klügste zu sein.

„Ich bin kein Trottel“, protestierte Owen und wäre fast vom Karussell des kleinen Spielplatzes im Park gefallen, als er seinem Bruder mit geballter Faust drohte.

„Darf ich ihr einen Namen geben?“, fragte Dillon Tate, ihr siebenjähriger Freund. „Ich wollte immer ein Baby, aber Dad sagt, sie sind laut und stinken.“

„Ich finde nicht, dass sie laut ist und stinkt“, widersprach Owen.

„Warte, bis sie pupst.“ Oliver schnupperte an der Decke. „Ich habe mal einen Film gesehen, in dem Babys ganz oft pupsen. Wir brauchen Windeln.“

„Ich wette, Mom hat welche“, erwiderte Owen. Ihre Mutter war Kinderärztin und hielt für Notfälle immer Babysachen bereit.

„Nein!“ Dillon stampfte mit dem Fuß auf. „Ich will nicht, dass ihr es eurer Mom erzählt.“

„Warum denn nicht?“, fragte Oliver.

„Weil wir Jungs sind, deshalb. Ihr dürft eurer Mom nichts sagen.“

„Wieso nicht?“, wollte Owen wissen.

„Weil wir ein reiner Jungsklub sind. Eure Mom kann kein Mitglied werden.“

„Soll sie doch gar nicht. Aber sie weiß alles über Babys. Sie ist Ärztin.“

„Mein Dad weiß auch alles über Babys. Er ist Feuerwehrmann. Außerdem ist er ein Mann. Mit ihm hat man viel mehr Spaß als mit eurer Mom.“

„Ich habe meine Mom lieb“, sagte Owen. „Sie kocht gut.“

„Kann schon sein.“ Dillon verdrehte die Augen. „Ich meine nur, das Baby muss ein Jungsgeheimnis bleiben.“

Owen sah seinen älteren Bruder an. „Was meinst du?“

Oliver überlegte. Wahrscheinlich wusste seine Mom mehr über Babys, doch sie war nun mal eine Frau. Dillons Dad kannte sich mit Feuer und so aus und würde wissen, was zu tun war, wenn das Baby brannte. Natürlich konnten sie das Baby fragen, was es wollte, aber das wäre dämlich, denn es konnte noch nicht sprechen.

„Dillon hat recht. Es muss unser Geheimnis bleiben.“

„Lasst uns abstimmen“, schlug Owen vor.

Oliver seufzte. „Wer findet, dass wir es zu Dillons Dad bringen sollten, hebt die Hand.“

Oliver und Dillon taten es.

„Okay“, sagte Oliver. „Und jetzt hebt die Hand, wenn ihr es zu unserer Mom bringen wollt.“

Owen und Dillon hoben die Hand.

„Du kannst nicht zwei Mal abstimmen, Dillon.“ Oliver schüttelte den Kopf. Manchmal war sein bester Freund einfach zu dämlich. „Was willst du denn jetzt?“

„Ich will, dass wir es zu meinem Dad bringen, aber ich wollte nicht gegen Owen stimmen. Außerdem kocht eure Mom wirklich gut.“

Oliver seufzte. Die beiden Schwachköpfe machten es ihm nicht leicht. „Okay, stimmen wir noch mal ab. Wer ist für Dillons Dad?“

Oliver und Dillon hoben die Hand.

„Wer ist für unsere Mom?“

Owen und das Baby hoben die Hand.

„Sehr witzig“, sagte Oliver. „Owen, lass sie los. Du brichst ihr den Arm.“

„Tue ich nicht.“

„Doch.“

„Okay, das reicht“, verkündete Oliver. „Ich bin euer Boss und sage, wir bringen es zu Dillons Dad.“

Owen streckte ihm die Zunge heraus.

Sie hatte es getan.

Ihrem Baby würde es gut gehen. Sie hatte die drei Jungen oft genug in der Kindertagesstätte gesehen und wusste, dass sie ein liebevolles Zuhause hatten, wie sie es ihrem kleinen Mädchen niemals bieten konnte.

Ihre Tochter auszusetzen war das Schwerste, das sie jemals getan hatte. Es war sogar noch schwerer, als sieben Monate auf der Straße zu leben und dann in ein Heim für schwangere Teenager zu gehen, damit ihre Großmutter und ihr Vater sich nicht für sie schämen mussten.

Kurz nach der Geburt hatte sie es aus dem Heim entführt, um hierher zurückzukehren.

Als sie ihr Baby weinen hörte, schloss sie die Augen.

Sie durfte jetzt nicht zu ihrem Kind gehen. Es war besser so.

Jackson Tate hatte keinen guten Tag hinter sich, und der Lärm in seinem Haus ließ vermuten, dass er noch schlimmer werden würde.

Mit schweren Schritten überquerte er die Veranda und riss die Fliegengittertür auf. Als sie sich vom obersten Scharnier löste, schluckte er einen Fluch hinunter. Großartig. Noch etwas, das er reparieren musste.

Bis seine Ex gegangen war, hatte er alles tadellos in Ordnung gehalten. Julie hatte darauf bestanden, ihre mageren Ersparnisse in das alte Haus zu stecken. Da es in der Nähe der Schulen und des Parks lag, sei es ideal für eine Familie.

Jetzt fragte er sich, welche Familie sie gemeint hatte. Denn schon bald war Julie ihre Karriere als Anwältin wichtiger gewesen als Ehemann und Sohn.

Jackson zog die Stiefel aus und knöpfte das blaue Uniformhemd auf.

Verdammt. Warum verging kein Tag, an dem er nicht an sie dachte? Er liebte sie nicht mehr, er hatte sich nur noch nicht daran gewöhnt, dass sie fort war.

„Dad, Dad!“ Sein Sohn Dillon stand vor ihm. „Sieh dir an, was wir gefunden haben!“

„Nicht jetzt, kleiner Mann“, sagte Jackson so sanft wie möglich. Seit Julie fort war, versuchte er, dem Jungen ein besonders guter Vater zu sein. Aber in letzter Zeit schienen Dillon und er verschiedene Sprachen zu sprechen. „Ich hatte eine harte Schicht. Wo ist deine Großmutter?“

„Bei ihrem Frauentreffen. Ich soll dir sagen, dass dein Abendessen im Kühlschrank ist. Du brauchst es nur aufzuwärmen.“

„Danke.“ Seufzend ließ er sich auf die Couch fallen. „Jetzt mach den Fernseher aus. Ich möchte ein Nickerchen machen. Danach essen wir und trainieren deine Fanghand.“

„Aber der Fernseher ist nicht an.“

„Egal, woher der Lärm kommt, sorg dafür, dass er aufhört.“

Jackson schloss die Augen und legte sich ein Kissen aufs Gesicht. Es roch nach Ahornsirup. Er sollte Dillon verbieten, im Wohnzimmer zu frühstücken.

„Dad, genau darum geht es.“

„Sohn, bitte. Gib mir eine Stunde, okay?“

„Okay …“

Mit gesenktem Kopf trottete Dillon in die Küche.

Er würde alles tun, um seine Mom zurückzubekommen. Dann wäre sein Dad auch wieder so wie früher. Manchmal fragte er sich, ob sein Dad ihm die Schuld daran gab, dass seine Mom jetzt in Kansas City lebte. Hatte er deswegen immer so schlechte Laune?

„Und?“, fragte Oliver, als Dillon auf die hintere Veranda zurückkehrte. „Kommt dein Dad?“

Mit Tränen in den Augen schüttelte Dillon den Kopf.

„Weinst du etwa?“

Wieder schüttelte Dillon den Kopf.

Oliver stützte die Hände auf die Hüften. „Wo ist dein Dad?“

„Er schläft.“ Dillon nahm den Korb mit dem Baby. „Wir bringen das Baby zu deiner Mom.“

Kinderärztin Ella Garvey stieg aus ihrem Minivan, eilte ins Haus und ging schnurstracks an den Kühlschrank. Dies war mal wieder ein Schokoladeneis-Tag.

Der erste Bissen schmeckte herrlich.

Sie schloss die Augen. Ihre müden Knochen brauchten das Fett und die Kalorien. Mit der Diät würde sie morgen wieder anfangen.

Heute hatte sie höflich zur neuen Braut ihres Exmanns sein müssen. Zu der Frau, die einmal ihre beste Freundin und vertrauenswürdige Sprechstundenhilfe gewesen war. Damit hatte sie sich nicht nur Eiscreme verdient, sondern auch noch Pizza und Fleischwurst und Chips mit einem leckeren Dip und Fruchtbonbons und und und …

„Mooo-om!“ Die Haustür quietschte und knallte wieder zu.

Dann stellten ihre Zwillinge auch noch den Fernseher an. Zu ihrem Getrampel kam das herzzerreißende Weinen eines Babys.

Verdammt.

„Ich bin hier, Jungs!“ Sie gönnte sich noch einen Bissen und wünschte, ihre Lieblinge wären wieder im Sommercamp. Sie liebte die beiden über alles, aber manchmal waren sie wirklich anstrengend.

„Mom, Mom!“

„Langsam“, rief sie. „Und stellt um Himmels willen den Fernseher …“

„Sieh doch mal!“ Oliver konfrontierte sie mit einem Anblick, bei dem ihr das Eis wieder hochzukommen drohte. „Können wir es behalten?“

„Oliver William Garvey, wo um alles in der Welt hast du sie her?“ Ella warf den Löffel ins Spülbecken, nahm das aus vollem Hals schreiende Baby aus dem Wäschekorb und drückte es an die Brust.

„Psst … du brauchst keine Angst zu haben“, beruhigte sie das höchstens drei Wochen alte Mädchen. Ihre Lieblinge würden ihr eine Menge Fragen beantworten müssen, doch im Moment gab es Wichtigeres. „Oliver, hol meine Arzttasche. Owen, setz einen Topf Wasser auf.“

„Aber du hast gesagt, ich darf den Herd nicht anstellen.“

„Mach schon! Dillon, geh an Owens und Olivers Schrank und bring mir das kleinste T-Shirt, das du finden kannst.“

„Das peinliche mit dem lila Dinosaurier drauf, das Owen in der ersten Klasse getragen hat? Das er jetzt ganz hinten versteckt, weil er sich dafür schämt?“

„Genau das“, erwiderte sie.

„Es ist nicht peinlich“, protestierte Owen.

„Hier, Mom.“ Keuchend reichte Oliver ihr die Arzttasche.

„Danke, mein Schatz.“ Sie legte das Baby in den Korb zurück und füllte eine Flasche mit Babynahrung. Dann drehte sie den Gasherd ab, schob den Topf zur Seite und legte die Flasche hinein.

Dillon kehrte zurück. „Hier ist das T-Shirt.“

„Großartig. Oliver, nimm eine Windel und ein paar feuchte Tücher aus der Tasche.“

„Okay, Mom.“

Der kleine Strampelanzug war klitschnass. Ella breitete ein Handtuch auf dem Küchentisch aus, legte die Kleine darauf, säuberte und wickelte sie, bevor sie ihr Owens T-Shirt anzog. Es war viel zu groß, aber trocken.

Danach setzte sie sich das zappelnde Baby auf die Hüfte und prüfte die Temperatur der Flasche. Perfekt.

Es brauchte fast eine Minute, um zu begreifen, was es tun sollte. Offenbar war es bisher nur gestillt worden. Ella hielt dem Mädchen den kleinen Finger hin, und sofort begann es daran zu saugen. Sie legte den Finger an den Nuckel der Flasche, um das Baby zu überlisten. Zum Glück war das arme Ding so hungrig, dass es auf Anhieb klappte. Das Weinen verstummte, als es sich den Muttermilchersatz schmecken ließ.

„Puh!“, sagte Oliver. „Ich dachte schon, sie hört gar nicht mehr auf.“

„Sie muss am Verhungern sein.“ Ella strich ihr über den blonden Flaum. „Und jetzt erzählt ihr mir, wo ihr diesen Engel herhabt.“

Als Jackson erwachte, sah er sich blinzelnd um. Er war zu Hause, nicht in der Feuerwache. Obwohl er kein bisschen hungrig war, stand er auf, um für Dillon das Essen aufzuwärmen.

Ohne seine Mutter hätten sie beide die Scheidung nicht so gut überstanden. Wenn er im Dienst war, nahm sie seinen Sohn zu sich. Und sie sorgte dafür, dass sie nicht verhungerten. Manchmal schämte er sich dafür, wie abhängig er von ihr war.

„Dillon!“

Der Junge antwortete nicht.

Jackson schaute aus dem Wohnzimmerfenster. Der Mond ging gerade auf. Über dem halb vertrockneten Rasen schwebten ein paar Leuchtkäfer. Gegenüber ragten Joe Parkers Beine unter seinem 63er Chevy hervor. Aber von drei Frisbee spielenden Jungen war nichts zu sehen.

Stirnrunzelnd ging er die Küche, Dillons Zimmer, sein Arbeitszimmer, in dem der Computer stand, und schließlich den Garten ab.

Gerade wollte er bei seinen Eltern anrufen und fragen, ob sein Sohn bei ihnen war, da läutete es an der Haustür.

Es war Ella Garvey.

„Hallo“, sagte er und hob das kaputte Fliegengitter an. „Komm herein. Hast du zufällig Dillon gesehen?“

Sie lachte, aber es klang nicht fröhlich, sondern panisch. „Ich hatte gehofft, du könntest mir sagen, wo Owen und Oliver stecken.“

„Ich weiß nicht, ob wir das Richtige tun“, meinte Owen. Mit der Arzttasche seiner Mutter, Babynahrung und einer Wolldecke folgte er den anderen Jungen. Sein Bruder trug das Baby und die Windeln, Dillon Handtücher, Chips, Getränke und Kuchen.

„Hör auf zu jammern“, befahl Oliver.

„Du hast mir gar nichts zu sagen“, entgegnete Owen. „Es ist keine gute Idee.“

„Natürlich habe ich dir was zu sagen. Und wenn du nicht mit dem Gejammer aufhörst, lasse ich dich nie mein neues Xbox-Spiel spielen.“

„Dad kauft es dir gar nicht“, gab Owen zurück. „Er hat mich mehr lieb als dich.“

„Hat er nicht.“

„Hat er doch.“

„Hat er nicht!“

„Haltet endlich die Klappe!“, fuhr Dillon sie an. „Oder wollt ihr Idioten das Baby wecken?“

„Ich nicht.“ Oliver warf seinem Bruder einen giftigen Blick zu.

Owen verdrehte die Augen. „Wie weit ist es noch?“

Sie waren schon ziemlich lange unterwegs, und das querfeldein, damit kein Erwachsener sie entdeckte. Oliver hatte schon Seitenstiche und – was er seinem Bruder und Dillon natürlich nie erzählen würde – echt Angst. Es wurde langsam dunkel, und so weit war er noch nie von zu Hause weg gewesen, außer mit seinen Eltern im Auto. Aber jetzt lebte sein Dad nicht mehr bei ihnen, und er sah ihn nur selten. Manchmal machte es ihn traurig, dass sein Vater seine neue Familie lieber hatte als ihn. Meistens war er jedoch einfach nur wütend.

Oliver würde dem Baby ein viel besserer Dad sein, als sein Vater es für ihn gewesen war. Deshalb hatte er Owen und Dillon gesagt, dass sie weglaufen mussten. Seine Mom hatte nämlich die Polizei anrufen wollen.

Jeder wusste, dass man sofort ins Gefängnis kam, wenn die Polizei einen erwischte. Und ein Baby hatte hinter Gittern nichts verloren. Wahrscheinlich würden sie dem kleinen Mädchen dort nur Kakerlaken und so zu essen geben. Er würde nicht zulassen, dass sein Baby Ungeziefer aß.

„Bitte“, flehte Owen. „Lasst uns anhalten.“

„Noch nicht.“ Oliver drückte das Baby fester an sich. „Wir sind fast da.“

„Die drei haben was gefunden?“, fragte Jackson fassungslos.

Geduldig wiederholte Ella, dass die Jungen im Park auf ein ausgesetzes Kind in einem Wäschekorb gestoßen waren.

Das konnte nur ein Scherz sein. Mit angehaltenem Atem wartete Jackson auf die Pointe. Doch die kam nicht. Stattdessen erzählte Ella mit feuchten Augen, dass die Jungen zusammen mit dem Findelkind verschwunden waren.

In seinem Beruf waren Tränen fast die Regel. Ella unterdrückte sie mühsam, und das rührte ihn mehr, als wenn sie laut geschluchzt hätte.

Seine Ex hatte nie geweint.

Selbst am Tag ihrer Scheidung war sie so kühl und professionell gewesen, als wäre das Ende ihrer Ehe für sie nicht mehr als ein verlorener Tag vor Gericht. Zu wissen, dass er sie nicht retten konnte, hatte geschmerzt. Retten war schließlich sein Beruf. Er rettete kleine Kinder, Kätzchen und bettlägerige Senioren. Er sah nicht untätig zu, wenn sie in Gefahr waren. Doch als seine Ehe in Gefahr geraten war, hatte er nichts tun können. Julie hatte es nicht zugelassen.

Auch jetzt fühlte er sich machtlos. „Hast du mit Hank gesprochen?“

Hank war ein langjähriger Freund und der Sheriff der Stadt.

„Nein.“ Ella schaute zur Seite und wischte sich hastig die Augen ab. „Ich wollte erst nachsehen, ob sie hier sind.“

„Okay“, erwiderte er, schon auf dem Weg zum Telefon.

Fünf Minuten später leitete Hank die Suche ein.

„Drei Jungs und ein Baby“, sagte Jackson zu Ella, die schon wieder den Tränen nahe war. „Weit können sie nicht gekommen sein. In spätestens dreißig Minuten haben wir sie.“

„Bestimmt.“ Sie klang nicht sehr zuversichtlich.

Waren alle Frauen so? Warum sprachen sie nicht einfach aus, was sie fühlten? Warum gab Ella nicht einfach zu, dass sie Angst hatte und seine Hilfe brauchte?

Und warum ging ihm ihr zutiefst besorgter Blick so ans Herz?

2. KAPITEL

Bitte, lieber Gott, lass Hank sie finden, bevor ihnen etwas zustößt.

Hundert Mal hatte Ella in dieser endlosen Nacht darum gebetet. Die Morgensonne schien ins Zimmer der Jungen. Sie hatte sich dem Suchtrupp anschließen wollen, aber der Sheriff hatte sie gebeten, zu Hause zu bleiben.

Im Wohnzimmer und in der Küche drängten sich besorgte Freunde und Angehörige. Auf den Tischen türmten sich Kekse, Kuchen und Sandwiches. Aus Jacksons dreißig Minuten waren inzwischen zehn Stunden ohne ihre Söhne geworden.

Als Ärztin war sie auf alle möglichen Notfälle vorbereitet. Mit gebrochenen Armen und Beinen wurde sie fertig. Doch das hier brachte sie um.

Es klopfte an der offenen Tür des Kinderzimmers. „Claire hat mir gesagt, dass ich dich hier oben finde.“

„Jackson.“ Mit Owens Stofftiger in den Armen drehte sie sich zu ihm um. „Gibt es schon eine Spur?“

„Eine schmutzige Windel und Schokoriegelpapier draußen beim alten Haus der Hampsteads. Sieht aus, als hätten sie dort übernachtet. Aber seitdem kein Lebenszeichen mehr.“

Ella wehrte sich gegen die Übelkeit. „Was jetzt?“

„Vor zwei Stunden haben wir Hilfe aus Buckhorn County angefordert. Und ungefähr fünfzig Männer von der Nationalgarde machen mit. Meine … Ex … hat Beziehungen. Sie sind bald wieder zu Hause.“

„Ich weiß.“ Ella biss die Zähne zusammen. Sie durfte nicht zusammenbrechen. Dazu kannte sie Jackson Tate nicht gut genug.

„Wir setzen Spürhunde ein.“

Nicht weinen, nicht weinen …

„In höchstens dreißig Minuten haben wir sie.“

„Das hast du gestern schon gesagt.“ Ihre Augen brannten.

„Da habe ich mich verschätzt, aber dieses Mal …“

„Dieses Mal was?“, schrie sie ihn fast an. „Bist du ein Hellseher?“ Schluchzend wandte sie sich ab. Jackson legte die Arme um sie. Und weil die durchwachte Nacht, die unbeschreibliche Angst und das Gefühl der Hilflosigkeit ihr die letzte Kraft geraubt hatten, hielt sie sich an ihm fest. „Ich … habe solche Angst. Wenn ihr sie nun nicht findet? Oder wenn …“

„Nicht.“ Er legte die Hand um ihren Hinterkopf, als könnte er sie dadurch vor der bitteren Realität beschützen. „Wir finden sie. Alles wird gut.“

Weil er so zuversichtlich klang, glaubte sie ihm. Und weil alles andere unvorstellbar war.

Als ihre Tränen getrocknet waren, klopfte Jackson ihr verlegen auf den Rücken und ließ sie los.

„Ich muss zurück“, sagte er und ging zur Tür.

„Ich komme mit. Ich will hier nicht untätig herumsitzen.“

Er seufzte. „Du solltest besser zu Hause bleiben. Nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass du gebraucht wirst.“

„Was soll das heißen? Willst du damit auf taktvolle Weise andeuten, einer der Jungen könnte medizinische Hilfe benötigen?“

„Nur für den Fall“, wiederholte er. „Du musst fit sein, wenn jemand – ob nun die Jungen, das Baby oder einer aus dem Suchtrupp – erste Hilfe braucht.“

Er hatte recht, aber Ella ertrug es nicht mehr, untätig zu warten. „Bitte, Jackson, es muss etwas Sinnvolles geben, das ich tun kann.“

„Ich nehme an, Sandwiches zu machen kommt nicht infrage?“

Sie lächelte. „Unten sind schon jetzt genug, um den ganzen Bundesstaat zu verpflegen.“

„Na gut“, gab er nach. „Mal sehen, ob ich eine andere Aufgabe für dich finde.“

„Hier stinkt es“, verkündete Owen. Er schaute zur mit Spinnweben übersäten Decke des Regenwasserkanals hinauf und drückte seinen Rucksack fester an sich. „Ich habe Hunger. Gehen wir wieder nach Hause.“

„Wir können nicht einfach nach Hause gehen“, widersprach Oliver, obwohl auch ihm der Magen knurrte und seine Beine wehtaten. Er dachte an die Blaubeerpfannkuchen, auf die seine Mom mit Schlagsahne immer lustige Gesichter malte. Und an sein Bett. Sie hatte ihn gefragt, ob er mehr Kissen wollte, aber er hatte Nein gesagt. Ein Bett, auf dem zu viel herumlag, war etwas für Mädchen.

Schließlich war er jetzt der Mann im Haus und musste ein gutes Vorbild für seinen kleinen Bruder, Dillon, und das Baby sein. „Wenn wir nach Hause gehen, bekommen wir garantiert Stubenarrest, und Narzisse landet im Gefängnis.“

„Ich finde den Namen immer noch blöd“, sagte Owen. „Und sie landet nicht im Gefängnis, sondern in einem Erziehungsheim.“

„Das stimmt nicht.“ Dillon umarmte das schlafende Baby. „Sie kommt in einen Hoch…sicherheits…trakt. Das ist viel schlimmer als das Gefängnis oder ein Heim. Sie muss sich sicher irgendeiner Bande anschließen.“

Oliver verdrehte die Augen. „Sie ist ein Baby. Was soll sie denn in einer Bande?“

Dillon küsste das Baby auf den Kopf. „Meine Lehrerin Mrs Henseford sagt, dass jede Bande Nachwuchs braucht und die Anführer deshalb junge Mitglieder suchen.“

„Bitte“, jammerte Owen. „Ich will nach Hause.“

„Nein.“ Oliver warf einen Stein nach einer Blechdose. „Wir müssen uns Jobs besorgen – und einen Wagen.“

„Ja.“ Dillon seufzte schwer. „Aber vorher braucht sie einen richtigen Namen. Habt ihr eine Idee?“

„Rapunzel, habe ich doch schon gesagt“, erwiderte Owen.

„Kein schlechter Name“, sagte Dillon. „Aber sie hat keine Haare.“

„Wie wäre es mit Glatzi?“

Dillon rümpfte die Nase. „Das ist nicht hübsch. Wir müssen ihr einen Mädchennamen geben.“

„Fluffy? Kimmy? Cassy?“

„Nein, die passen nicht zu ihr.“

„Okay, wenn dir Narzisse nicht gefällt, was hältst du von Rose? Rosen sind hübsch und riechen gut.“

„Stimmt, aber dieses Baby riecht meistens schlecht“, wandte Dillon ein.

„Nur weil sie sich oft in die Windel macht“, erklärte Owen. „Das hört auf, wenn sie älter ist.“

„Also Rose?“, fragte Oliver.

Dillon betrachtete das kleine Mädchen und lächelte. „Das klingt echt hübsch.“

„Danke“, sagte Ella. Ihr Lächeln bewies Jackson, dass es richtig gewesen war, sie an die Telefonanlage des Polizeireviers zu setzen. „Es hat mich ein wenig abgelenkt.“

„Gern geschehen.“

Um sie herum herrschte Hektik.

Fernschreiber ratterten.

Hank bellte Befehle.

Die Nationalgarde hatte auf dem Parkplatz ihr Lager aufgeschlagen. Viele Feuerwehrleute waren gekommen, um bei der Suche zu helfen. Jacksons bester Freund Vince Calivaris war mit einem Trupp zum stillgelegten Steinbruch unterwegs.

„Kaffee, Mrs Garvey?“ Deputy Heidi Wesson reichte ihr einen dampfenden Becher. „Zucker oder Sahne?“

„Nein, danke.“

Heidi gab auch ihm einen Becher.

„Ein paar Eltern von Mitschülern haben im Pausenraum einen Tisch mit Snacks aufgestellt, falls Sie …“

„Ich muss los“, unterbrach Ella sie matt. „Nochmals danke für …“ Sie zeigte auf den Becher, den sie auf einem Klappstuhl abgestellt hatte.

„Soll ich nach ihr sehen?“, fragte die Polizistin, als Ella zum Ausgang rannte.

„Lass mich das tun“, entgegnete Jackson.

„Bist du sicher? Ich glaube, die Situation erfordert etwas Feingefühl.“

Er ignorierte die Bemerkung und stellte seinen Becher zu Ellas.

„Ich meine ja nur …“ Sie hob die Hände.

Er schüttelte den Kopf und ging nach draußen.

Es war ein warmer, sonniger Tag. Keine Wolke am Himmel. Ein Wetter, das nicht zu seiner Stimmung passte.

Er wollte zu Ella gehen, doch ein Nationalgardist in voller Montur war schneller. Der Mann legte den Arm um ihre zuckenden Schultern und sagte etwas.

Jackson wusste nicht, warum es so war, aber der Anblick löste in ihm etwas aus, das er nicht empfinden wollte. Eifersucht. Er wollte es sein, der sie tröstete. Der ihr Mut machte. Der dafür sorgte, dass ihre Söhne und das Baby gesund nach Hause zurückkehrten.

Er räusperte sich. „Ich übernehme.“

„Nicht nötig.“

Jackson senkte die Stimme. „Im Ernst. Sie gehört zu mir.“

Der Mann ließ Ella los. „Ich wollte nur helfen.“

„Ich weiß. Danke.“

Als der Nationalgardist davonging, schob Jackson die Hände in die Hosentaschen. Er hätte Dillons Mutter gern an sich gedrückt, doch er traute sich nicht. Als hätte Julie etwas von ihm mitgenommen, als sie gegangen war.

„Entschuldigung“, flüsterte sie. „Ich hätte mich nicht so gehen lassen dürfen.“

„Dazu hast du jedes Recht.“

„Du tust es doch auch nicht.“

Aber ich bin kurz davor.

„Wir sind beide dazu ausgebildet, mit allen möglichen Notfällen umzugehen. Trotzdem verliere ich die Fassung.“

„Ich bezweifle, dass man dir im Medizinstudium beigebracht hat, wie du dich verhalten musst, wenn deine Zwillinge vermisst werden.“

Ella wischte sich die Augen ab. „Stimmt.“

„Komm schon.“ Er griff nach ihrer Hand.

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