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Und in dir die Finsternis

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel des Autors bei beTHRILLED
  3. Über dieses Buch
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Kapitel eins
  9. Kapitel zwei
  10. Kapitel drei
  11. Kapitel vier
  12. Kapitel fünf
  13. Kapitel sechs
  14. Kapitel sieben
  15. Kapitel acht
  16. Kapitel neun
  17. Kapitel zehn
  18. Kapitel elf
  19. Kapitel zwölf
  20. Kapitel dreizehn
  21. Kapitel vierzehn
  22. Kapitel fünfzehn
  23. Kapitel sechzehn
  24. Kapitel siebzehn
  25. Kapitel achtzehn
  26. Kapitel neunzehn
  27. Kapitel zwanzig
  28. Kapitel einundzwanzig
  29. Kapitel zweiundzwanzig
  30. Kapitel dreiundzwanzig
  31. Kapitel vierundzwanzig
  32. Kapitel fünfundzwanzig
  33. Kapitel sechsundzwanzig
  34. Kapitel siebenundzwanzig
  35. Kapitel achtundzwanzig
  36. Kapitel neunundzwanzig
  37. Kapitel dreißig
  38. Epilog
  39. Danksagungen

Über dieses Buch

Sie glaubt, das Schlimmste hinter sich zu haben. Doch ihr Alptraum fängt gerade erst an …

Lisa ist vor 14 Jahren gestorben – zumindest denken das alle. In Wirklichkeit ist sie damals untergetaucht, um ihrem gewalttätigen Ehemann zu entkommen. Seitdem lebt sie unter neuem Namen mit ihrem Sohn Josh zusammen in Seattle. Er weiß nichts von ihrer schrecklichen Vergangenheit. Doch jemand anderes schon. Zuerst sind es nur anonyme E-Mails und Anrufe. Aber dann passiert das Unfassbare: Ein maskierter Mann bricht in ihr Zuhause ein und entführt Josh. Um ihren Sohn zu retten, bleibt Lisa keine andere Wahl, als sich ihren Dämonen zu stellen …

eBooks von beTHRILLED – mörderisch gute Unterhaltung.

Über den Autor

Kevin O’Brien wuchs in Chicago auf und studierte Journalismus an der Marquette Universität in Milwaukee. Fast zwanzig Jahre lang reiste er tagsüber als Gleis-Inspektor einer Eisenbahngesellschaft quer durchs ganze Land, während er nachts seine ersten Romane schrieb. Inzwischen ist er Bestsellerautor und seine Thriller erscheinen in mehr als vierzehn Ländern. Kevin O’Brien lebt in Seattle.

Homepage des Autors: https://kevinobrienbooks.com/.

Kevin O’Brien

UND IN DIR
DIE FINSTERNIS

Psychothriller

Aus dem amerikanischen Englisch von
Diana Beate Hellmann

Kapitel eins

GLENVIEW, ILLINOIS – 25. OKTOBER 1996

Ihr Sohn war plötzlich so auffallend still.

Maggie hatte es sich auf einer der Parkbänke des kleinen Spielplatzes gemütlich gemacht und verbrachte die Zeit damit, eine Einkaufsliste zu erstellen und gleichzeitig ihren vierjährigen Sohn Mark zu beaufsichtigen, der auf dem Klettergerüst spielte.

BBQ Kartoffelchips schrieb sie auf den personalisierten Notizblock, dessen Zettel jeweils am Oberrand mit Ms. Margaret Farris und der kitschigen Abbildung eines Kürbisfeldes bedruckt waren. Bekommen hatte sie den Block entweder von der American Cancer Society, der March of Dimes oder irgendeiner dieser anderen Wohltätigkeitsorganisationen, die einen ständig mit Postwurfsendungen und Werbebriefen bombardierten. Ein bisschen hatte sie immer ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihr »persönliches Geschenk« behielt und den Rest wegwarf. Aber nur ein bisschen – im Büro spendete sie dem Netzwerk United Way.

Maggie arbeitete halbtags und verkaufte Werbeflächen in der PIONEER PRESS, einem Nachrichtenmagazin für die Metropolregion Chicago, das jede Woche in mehreren Städten des North Shore District erschien. Sie liebte es, freitags nicht arbeiten zu müssen, und verbrachte den Tag immer mit Mark. Nach dem Spielplatz würden sie bei Dominic’s ihre Lebensmitteleinkäufe tätigen. Wie sie die Freitagabende verbrachten, hatte inzwischen Tradition: Sie und Mark holten ihren Ehemann Ed in Glenview vom Bahnhof ab und gingen anschließend zum Abendessen ins The Willow Inn.

Wie sie so auf dieser Parkbank saß, eingemummt in eine doppelreihige Jacke aus festem Tuch, und ihr hellbraunes Haar im Wind flatterte, hatte Maggie keine Ahnung, dass das hier keiner ihrer normalen Freitagabende werden würde. Der Supermarktbesuch würde heute ausfallen.

Sie schrieb Reis auf ihre Einkaufsliste und dann Kmart-Riegel. So nannte Mark die Special-K-Müsliriegel. Maggie war es gelungen, ihn dazu zu verleiten, gesunde Snacks zu essen, aber sie arbeitete noch daran, ihm beizubringen, diese bei ihrem richtigen Namen zu nennen. Folglich hießen sie im Farris-Haushalt Kmart-Riegel, nach der Ladenkette Kmart, die für ihre großen Spielzeugabteilungen bekannt war. Und wenn man zu viele von denen aß, bekam man unter Umständen Bauchschmerzen und musste dann nicht Pepto-Bismol, sondern Pepsi Mussmal trinken – eine weitere Mark’sche Wortkreation.

Bekleidet mit Jeans, roten Tennisschuhen und seiner blauen Jacke der Chicago Bears mit dem orangefarbenen C-Logo auf dem Rücken, rannte er auf die Rutsche zu. Das Licht der Sonne traf ihn aus einem ganz bestimmten Winkel und sorgte so dafür, dass sein lockiges, dunkelbraunes Haar golden strahlte.

Es war ein traumschöner, kühler und klarer Herbstnachmittag. Die Bäume waren ein Tumult aus Farben, und abgefallene Blätter tanzten über das Gras. Der Spielplatz befand sich am äußeren Ende einer großen Grünfläche. Ein paar Büsche in der Nähe des Klettergerüsts bildeten eine natürliche Barriere zu einem Abwasserkanal, der an Eisenbahnschienen entlangführte. Es roch, als würde irgendwo jemand Laub verbrennen.

Sie beobachtete, wie Mark die Rutsche runterschlitterte – ohne dabei einen Mucks von sich zu geben. Er spielte, wie manche Menschen lernten – still und konzentriert. Beim Fernsehen und beim Essen, selbst wenn er im Bett lag, war er indes eine regelrechte Quasselstrippe. Dann unterhielt er sich sogar mit sich selbst. Jetzt jedoch nicht. Er konzentrierte sich auf die anstehende Aufgabe, die darin bestand, die Rutsche runterzurutschen.

Maggie war froh, dass es so war. Die Stille war herrlich – kein Verkehrslärm, nur hin und wieder das Zwitschern irgendwelcher Vögel. Sie beschäftigte sich wieder mit ihrer Einkaufsliste. Es musste unbedingt etwas her für die Halloween-Süßigkeitensammler, aber was? Eigentlich egal, denn wem wollte sie hier etwas vormachen? Sie würde sich ja doch wieder an allem »vergehen«. Verdammt, vermutlich würde sie vor Halloween noch einmal das ganze Zeug neu kaufen müssen. Sie verschenkte wohl mal besser Süßigkeiten, die nicht so verlockend waren – vielleicht Fruchtdrops von Mike & Ike oder Hot Tamales, diese Zimtbonbons. Nein, auch die würde sie wegfuttern. Maggie notierte sich noch ein paar andere Süßigkeiten, die als Kandidaten infrage kamen, strich dann alles wieder durch und kritzelte auf den Block: Halloween-Kacke – was halt gerade im Angebot ist.

In der Ferne hörte sie das laute Dröhnen eines Zughorns. Automatisch blickte sie auf. Mark war nicht mehr auf der Rutsche. Sie schaute auf das leere Klettergerüst – und dann auf die Schaukeln. Die leeren Sitze wiegten sich in der Brise. Die Ketten, an denen sie hingen, quietschten leise.

»Mark?«, rief sie. Maggie sprang auf. Notizblock und Kugelschreiber fielen auf den Boden. »Mark, Schatz, wo bist du?«, brüllte sie. Mit den Augen suchte sie die Parkanlage ab und hatte plötzlich dieses entsetzliche Gefühl in der Magengrube. Auf den Eisenbahnschienen hinter den Büschen sah sie ihn nicht, und er spielte auch nicht auf dem Rasen. Wie konnte er einfach verschwunden sein?

Noch hoffte sie, ihn jeden Moment lachen zu hören. Vielleicht spielte er Verstecken mit ihr? Doch das Einzige, was sie hörte, war das Zughorn, das mit jeder Sekunde lauter wurde. Verängstigt schaute sie noch einmal auf die Eisenbahnschienen. Nach wie vor fehlte jede Spur von Mark.

Die Straße befand sich auf der anderen Seite der Grünfläche, und sie sah weder Fahrzeuge kommen noch welche wegfahren. Niemand konnte ihn in den Wagen geladen und mit ihm weggefahren sein. Sie hatte doch nur für wenige Sekunden den Blick abgewandt. Unschlüssig griff sie sich mit der Hand an die Stirn, irrte durch den kleinen Park und rief immer wieder seinen Namen.

Warum, in Gottes Namen, antwortete er ihr nicht?

Donnernd raste der Zug vorüber und übertönte ihre Rufe. Mit jedem Meter, den er sich alsbald wieder entfernte, wurde das Dröhnen leiser – und stattdessen hörte sie die Schreie ihres Sohnes. Panik erfasste Maggie, denn ihres Erachtens konnte das nur eines bedeuten: dass der Zug ihn überrollt und ihm womöglich einen Fuß oder einen Arm abgefahren hatte.

Maggie quetschte sich an den Büschen vorbei und raste auf die Eisenbahnschienen zu. Als sie auf den Abwasserkanal neben den Schienensträngen schaute, erblickte sie Mark. »Schätzchen?«, hauchte sie.

Ihr kleiner Junge stand am Fuß der Wasserrinne – inmitten dorniger Büsche, Gestrüpp und wuchernden Grases. Gerade hatte er etwas aus einem schwarzen Plastik-Müllsack gezogen. Wie erstarrt hielt er es in seiner zitternden Hand und schrie. Das Etwas war der Arm eines Menschen.

Er schien sich nicht rühren, das verstümmelte Ding aber auch nicht loslassen zu können. Und er konnte nicht aufhören zu schreien.

Entsetzt rannte Maggie zu ihm. Sie musste ihm den abgetrennten Arm förmlich aus der Hand schlagen, so fest hielt er ihn. Die leere schwarze Plastiktüte tanzte im Wind. Maggie schloss ihren kleinen Sohn fest in die Arme, doch er hörte nicht auf zu schreien. Sie spürte, wie sein kleiner Körper zitterte und bebte.

Maggie starrte auf das blau-weiß verfärbte Körperteil, das neben ihr im Gras lag. Die Fingerkuppen der Hand waren abgeschnitten worden, und Ameisen krabbelten darüber – zu Hunderten.

Die Schlagzeile und der Untertitel standen ganz oben auf Seite drei der Samstagsausgabe der CHICAGO TRIBUNE

Ein weiterer grausiger Fund im »Müllsack«-Mord


Unweit des Glenviewer Spielplatzes wurde ein Arm gefunden

Er saß auf einem Barhocker am Fenster der Starbucks-Filiale im Einkaufszentrum Plaza del Lago in Wilmette und achtete weder auf den Verkehr auf der Sheridan Road noch auf den Blick, den man von hier auf den Michigansee hatte. Er nippte an seinem Caffè Americano und brütete über dem Zeitungsartikel. Dass die Story es nicht auf die Titelseite geschafft hatte, enttäuschte ihn ein wenig.

Dem Artikel war kein Foto beigefügt, wohl aber eine Landkarte mit den Vororten des Chicago North Shore District. Darauf war jede Stelle markiert, an der man einen Müllsack mit einem Körperteil gefunden hatte. Bisher gab es auf dieser Karte drei Stellen, die alle nur ein paar Meilen voneinander entfernt waren.

Der jüngste Fund war der rechte Arm gewesen, den er in Glenview in der Nähe eines Spielplatzes neben Eisenbahnschienen in einen Graben geworfen hatte. Er hatte den Sack ordentlich verschlossen, aber das garantierte nicht, dass sich keine Waschbären oder Vögel daran zu schaffen machten. Zum Glück war denen ein vierjähriger Junge aus Glenview – sein Name wurde in der Zeitung nicht genannt – zuvorgekommen. Der Artikel deutete darauf hin, dass seiner Hände Werk noch intakt gewesen war – nichts war abgenagt worden, und es verschandelten keine Bisswunden die sauberen chirurgischen Schnitte, die er gleich unter ihr Schulterblatt gesetzt hatte.

Mit dem ersten Fund hatte er nicht so viel Glück gehabt. Waldbewohner hatten das linke Bein entdeckt, und die Opossums oder Waschbären hatten den Müllsack – mitsamt der halb aufgefressenen Gliedmaße – an den Rand eines Waldweges gezerrt, wo er erst Stunden später zufällig von Schulkindern gefunden wurde, die an diesem Montagmorgen mit ihrer Klasse einen Ausflug in die Glencoe Turnbull Woods unternahmen.

Ein anderes Tier, ein Collie namens Tippin, hatte den linken Arm zutage gefördert, der eingewickelt in einen Müllsack in Winnetka vor ein paar Büschen am Außenrand des Tower Road Beach gelegen hatte. Bradley Rice, ein pensionierter Englischlehrer, hatte Tippin in den späten Nachmittagsstunden des Donnerstags ohne Leine am Strand laufen lassen, als der Hund die Entdeckung machte. »Dennis Gottlieb, der Gerichtsmediziner von Cook County, hat bestätigt, dass die Arme und das Bein von dem gleichen, noch nicht identifizierten weiblichen Opfer stammen«, hieß es in dem Artikel. »An beiden Händen wurden die Fingerkuppen entfernt. Gottlieb gab an, das Opfer sei innerhalb der letzten zwei Wochen ermordet worden.«

Präzise gesagt, vor neun Tagen, dachte der Mann, der sich am Fenster über seine Zeitung beugte. Erwürgt hatte er sie am vergangenen Donnerstag. Eine Nacht der Versöhnung hatte es werden sollen, das hatte sie zumindest geglaubt. Er hatte sie mit einer Flasche Champagner überrascht und mit einem Becher Erdbeereiscreme von Ben & Jerry’s. Sie hatte nicht die Gelegenheit bekommen, das erste Glas Champagner zu leeren.

Drei Müllsäcke mit sterblichen Überresten von ihr waren immer noch da draußen, an verschiedenen Stellen des North Shore. Ein Kälteeinbruch hatte dazu beigetragen, die Gliedmaßen relativ frisch zu halten. Noch nicht gefunden hatten sie das rechte Bein, ihren Unterkörper und ihren Oberkörper. Sie würden sie aber finden – schon bald.

Dass sie ihren Kopf jemals finden würden, glaubte er nicht. Den hatte er sehr sorgfältig vergraben.

Wie aus dem Zeitungsartikel hervorging, hatte am Donnerstag einer der Detectives am Tower Road Beach den Fund als Teil des Müllsack-Mordes bezeichnet. Der Mann, der in dem Starbucks saß, hoffte, dass dieser Spitzname sich durchsetzte. Ihm gefiel, wie das klang.

»Wenn ich dir ein Geheimnis anvertrauen würde – ich meine, ein echt total ernstes Geheimnis –, würdest du mir versprechen, niemandem davon zu erzählen?«

Die siebzehnjährige Candy Kruger konnte es nicht länger für sich behalten. Sie musste mit irgendjemandem reden. Nervös fuhr sich sich mit der Hand durch ihr hellbraunes Haar – das genauso frisiert war wie das von Rachel in Friends. Der aufwendige Schnitt passte nicht so recht zu ihrer St.-Regina-High-School-Schuluniform: weiße Bluse mit Bubikragen, karierter Schottenrock und Kniestrümpfe.

Ihre beste Freundin, Trish Scanlin, sah sie durch die Gläser einer etwas unweiblichen Brille an. Sie hatte krauses rotes Haar, das heute nach hinten gebürstet und geflochten war. Sie blinzelte ein paarmal mit den Augen. »Gott«, flüsterte sie, »was ist es denn?«

»Candice und Patricia!«, tadelte ihre Biologielehrerin Ms. Trotter die beiden. Vielleicht lag es an dem Foto von Präsident Clinton neben der Tafel – gleich unter dem Foto von Papst Johannes Paul II. –, dass Ms. Trotter wegen Candy immer an Hillary Clinton erinnert wurde. Sie war zwar ein Rotschopf, trug ihr Haar aber genau wie die First Lady – und legte auch das gleiche nüchtern-sachliche und intelligenzbestienhafte Benehmen an den Tag. »Konzentrieren Sie sich auf Ihre Arbeit, und ziehen Sie bitte Ihre Handschuhe an«, verlangte Ms. Trotter.

Automatisch setzte Candy sich kerzengerade auf ihren Stuhl. Seufzend zog sie ein Paar Latexhandschuhe über, die man vor ihr auf den Arbeitstisch gelegt hatte. Sie schaute Trish an und verdrehte dabei die Augen, dann musterte sie das schrumpelige, gräulich rosafarbene tote Ding in der Schale und die zusammengerollte Plastiktüte, die daneben lag. Candy spitzte die Lippen. Ein Teil der Nabelschnur hing immer noch an dem Schweinefötus, den sie im Unterricht sezieren mussten. Sie und Trish arbeiteten jetzt seit drei Tagen an dem ungeborenen Ferkel, und Candy hatte sich immer noch nicht daran gewöhnen können. Das Schneiden übernahm vorwiegend Trish. Sie hatten das arme Ding Boris getauft, nach ihrem lahmarschigen Trigonometrielehrer, der immer stank, weil er zu viel billiges Aftershave auftrug. Ihr kleiner Boris stank ebenfalls – nach Formaldehyd oder wie immer die Lösung hieß, die ihn konservierte.

Laut Aussage von Ms. Trotter waren die Eingeweide eines Schweines denen eines Menschen sehr ähnlich, was der Grund dafür war, dass dieses Tier sich ideal zum Sezieren eignete. Und es wurden für diese Biologiestunden keine Schweineföten ermordet – zumindest nicht direkt. Es handelte sich bei den Tieren um die ungeborenen Ferkel von Säuen, die von der fleischverarbeitenden Industrie abgeschlachtet wurden; sie wurden dem Uterus der toten Sau entnommen.

Diese Information machte es Candy keineswegs leichter, in das arme Ding hineinzuschneiden. Das Ganze hatte zur Folge gehabt, dass sie gebratenem Speck abgeschworen hatte – zumindest bis zum Ende des Semesters.

Nach wie vor starrte sie auf Boris und auf die Plastiktüte, in der sie ihn zwischen den Unterrichtsstunden aufbewahrten. Sie stellte sich vor, in ihn hineinzuschneiden, und musste unwillkürlich an den jüngsten Fund im Müllsack-Mord denken.

Tags zuvor hatte man den Oberkörper der Frau entdeckt. Er hatte in einem schwarzen Müllsack gesteckt, der auf einer Baustelle gelegen hatte – einer halbfertigen neuen Villa in Hubbard Woods, nicht weit entfernt von dem Haus, in dem sie »KEVIN-ALLEIN-ZU-HAUS« gedreht hatten. Als würde jetzt noch jemand in dieser neuen Villa wohnen wollen, da konnte sie noch so schön sein, und dass sie in diesem stinkvornehmen Reichenviertel stand, nützte da auch nichts.

Wie in den Fernsehnachrichten behauptet wurde, wies der Oberkörper ein paar besondere Merkmale auf.

»Also – was ist das große Geheimnis?«, wisperte Trish. Sie beugte sich über Boris, hielt einen chirurgischen Faden in der behandschuhten Hand, aber ihr Blick ruhte auf Candy.

Ms. Trotter war gerade damit beschäftigt, Barbie Ray zu helfen, die sich total dämlich anstellte, also ging Candy davon aus, dass es okay war zu reden. »Du weißt doch, dass sie gestern einen weiteren Teil dieser Frau gefunden haben, die ermordet wurde«, sagte sie im Flüsterton. »Und du weißt, dass meine Tante sich angeblich das Leben genommen hat.«

Mit finsterer Miene sah Trish sie an. »Was meinst du denn mit angeblich?«

»Damit meine ich, ich glaube nicht daran, dass sie Selbstmord begangen hat«, gab Candy leise zur Antwort. Sie hielt den Kopf gesenkt und tat so, als konzentriere sie sich auf den Schweinefötus, der vor ihr lag. »Ich glaube, dass sie diejenige ist, deren Leichenteile sie jetzt überall finden.«

»Machst du Witze?«, erwiderte Trish, und das laut.

Automatisch blickte Candy zu Ms. Trotter hinüber, die sie zornig anblitzte. »Patricia, Candice? Sind Sie zu irgendeiner Erkenntnis gelangt, die Sie gern mit den anderen in der Klasse teilen möchten? Und hat das Ganze etwas mit dem Verdauungsapparat unseres Präparats zu tun?«

Candy und Trish saßen beide mit offenem Mund da und schüttelten rasch die Köpfe. Im nächsten Moment taten sie so, als würden sie weiter an Boris arbeiten. Candy starrte auf die inneren Organe des ungeborenen Wesens. Sie dachte an ihre Tante Lisa – und an den Körperteil, den man jetzt auf dieser Baustelle gefunden hatte.

Candy wurde übel. Sie erinnerte sich daran, wie schön ihre Tante Lisa war. Altersmäßig waren sie nicht allzu weit auseinander. Lisa war gerade mal fünfundzwanzig. Sie hatte welliges, schulterlanges, kastanienbraunes Haar und große blaue Augen mit langen, dichten Wimpern. Candy hatte sie schon mal ohne Make-up gesehen, und sie war immer noch umwerfend schön. Candy hatte sie auch nackt gesehen. Während des Sommermonate hatte ihre Tante sie mehrmals in den Country Club mitgenommen, und einmal hatte Candy nach dem Schwimmen im Pool in der Umkleidekabine einen neugierigen Blick auf sie riskiert. Als sie ihre Tante nackt sah, fühlte sie sich selbst klobig und käsig. Lisa hatte lange, braun gebrannte, wohlgeformte Beine, eine Wespentaille und einen kleinen, perfekten Busen. Sie schien makellos zu sein – bis Candy den violett verfärbten Bluterguss an Lisas Kreuz erblickte. Sie hatte auch eine hässliche Narbe auf der linken Seite ihres Brustkorbs – drei untereinander liegende, hochrote Flecke, die jeweils so groß waren wie eine Fünf-Cent-Münze.

Lisa schien sie dabei zu ertappen, wie sie daraufstarrte, und schlang sich hastig ein Handtuch um. Vorher, während des Schwimmens, hatte Candy sich gefragt, warum ihre Tante – mit diesem Killer-Body! – einen derart langweiligen einteiligen Badeanzug trug. Jetzt wusste sie es. »Gott, Tante Lisa, was ist passiert?«, fragte Candy. »Das sieht aus, als hättest du dich da verbrannt, und auf deinem Rücken …«

Ihre Tante schüttelte nur den Kopf, was Candy als Aufforderung deutete, nur ja nicht weiterzusprechen. Draußen kreischten Kinder, lachten und plantschten im Pool. Derweil starrte Candy ihre Tante Lisa in der kleinen Nische im Umkleideraum einfach nur weiter an.

Lisa stieß einen nervösen Lacher aus. »Ach, ich bin so tollpatschig. Ich … ich hatte einen Unfall mit dem Grill, Süße. Das war die Strafe dafür, dass ich an Geräten herumhantiert habe, die nur dein Onkel Glenn bedienen kann. Ich bin gefallen – und plötzlich lag überall auf der Terrasse glühende Holzkohle und ich mittendrin …« Sie machte eine abwinkende Bewegung mit der Hand, als wolle sie das Thema damit beenden. »Das ist mir dermaßen peinlich. Ich mag nicht einmal darüber reden. Weißt du was? Ich glaube, wir sollten zur Old Orchard Mall fahren und ein bisschen einkaufen gehen. Der Herbst naht, Süße, und du brauchst Garderobe für all die vielen Verabredungen, die du haben wirst …«

Tante Lisa hielt das Handtuch um ihren Körper fest umschlungen und bewegte sich in den Duschbereich. Candy runzelte die Stirn, als sie sah, wie sie sich in die hinterste Ecke des gefliesten Raums verkroch. Schon da hatte sie gewusst, dass diese Geschichte über den Holzkohlegrill vermutlich eine Lüge war.

Glenn war Candys Onkel – der jüngere Bruder ihrer Mom und ein megamäßig erfolgreicher Chirurg. Seit einem Jahr waren er und Lisa verheiratet. Lisa hatte einen Bruder, der Krebs hatte oder irgendetwas in der Art und ständig im Krankenhaus lag. So hatte Lisa Glenn kennengelernt – während eines Krankenhausbesuchs bei ihrem Bruder. Weitere Familie hatte sie im Grunde nicht. Was Freundinnen anging, hatte Lisa es so erklärt, dass sie sich, als sie Glenn heiratete, einfach anders weiterentwickelt hätte als die meisten ihrer Freundinnen. Sie wurde so etwas wie Candys große Schwester – eine große Schwester, die Geld hatte, ihr neue Dinge zeigte und ihr Sachen kaufte. Außerdem war sie lustig und lieb und konnte gut zuhören. Candy hatte Vertrauen zu ihr. Sie glaubte nicht, dass es etwas gab, was sie ihrer Tante Lisa nicht erzählen konnte.

Und dennoch, an diesem Nachmittag in der Damenumkleidekabine neben dem Pool des Country Clubs hatte sie begriffen, dass es ein paar Dinge gab, die Lisa vor ihr geheim hielt.

Candy sollte erst erfassen, was es mit dem Bluterguss und den Brandwunden auf sich hatte, nachdem Tante Lisa verschwunden war.

Inzwischen wurde sie seit fast drei Wochen vermisst. Man vermutete, dass sie sich ertränkt hatte. Die Polizei hatte Lisas blaugrünen Honda Civic auf einer einsam gelegenen Brücke in Iowa gefunden – ausgerechnet. Sie musste einen halben Tag gefahren sein, um dorthin zu gelangen. Im Inneren des Wagens fanden sie einen Liter Bourbon, eine Schachtel Valium, ihre Handtasche und einen Zettel, auf dem nichts weiter stand als:

An meine Hinterbliebenen, denen ich etwas bedeutet habe – es tut mir leid.

So offenkundig auch war, dass der Mississippi Lisas Körper verschluckt hatte, meldete Candys Onkel Glenn seine Frau als vermisst. Er schien der Einzige zu sein, der sich weigerte zu glauben, dass Lisa sich umgebracht hatte.

Aufgrund von Tante Lisas – vermeintlichem oder echtem – Selbstmord war Candy einige Tage nicht zur Schule gegangen. Sie war am Boden zerstört gewesen und hatte sich immerzu gefragt, warum Tante Lisa sich das Leben genommen hatte – bis sie eine Woche später eine Unterhaltung ihrer Eltern belauschte.

Während sie versuchte, den versäumten Unterrichtsstoff aufzuholen, setzte sie sich zum Lernen immer wieder an andere Stellen im Haus, damit das Ganze nicht allzu langweilig wurde. An jenem Abend saß sie auf dem oberen Absatz der Hintertreppe – gleich über der Küche. Die Eltern wussten nicht, dass sie dort war. Ihre Mutter kochte das Abendessen. Candy konnte hören, wie Eiswürfel in Gläsern klirrten und Mutter und Vater sich im Flüsterton unterhielten.

»Ich glaube, Glenn leidet im Moment so unter Schuldgefühlen, dass er das Ganze nicht wahrhaben will«, sagte ihre Mutter.

»Der ist nur sauer, weil Lisa ihm zuvorgekommen ist«, knurrte Candys Vater. »Wir hätten etwas unternehmen müssen, Audrey. Wie dein Bruder dieses arme Mädchen verprügelt hat, dann all diese geheimen Fahrten ins Krankenhaus, um sie wieder zusammenzuflicken – ich dachte wirklich, dieser Hurensohn würde sie irgendwann umbringen.«

Mit einem Textmarker in der Hand und einer Ausgabe von »BEOWULF« auf dem Schoß, saß sie auf dem oberen Absatz der Treppe. Candy konnte sich absolut nicht erinnern, ihren Onkel Glenn jemals etwas kochen gesehen zu haben – weder auf dem Grill noch auf dem Herd oder im Tischbackofen. Das Kochen hatte immer Tante Lisa übernommen, während Onkel Glenn sich mit einem schicken, aus Deutschland importierten Bier und einer dicken Zigarre aus Kuba zurückgelehnt und entspannt hatte. Candy erinnerte sich allerdings daran, wie er an dieser Zigarre gezogen hatte, und wie die Glut geglüht hatte – wie ein orangefarbener Kreis aus Asche, der in etwa so groß gewesen war wie eine 5-Cent-Münze!

Abrupt stand Candy auf. Ihr Buch fiel ihr vom Schoß und polternd die Stufen hinunter. Sie nahm sich zusammen und lief schnellen Schrittes die Treppe hinunter, um das Buch aufzuheben, klemmte es sich vor die Brust und lief dann durch die Küche, ohne ihre Eltern anzuschauen. Sie marschierte einfach immer weiter – bis ins Arbeitszimmer ihres Vaters im vorderen Teil des Hauses. Ihre Mutter rief ihr nach, das Abendessen sei in etwa zehn Minuten fertig. »Okay!«, gab sie zur Antwort und setzte sich mit hochgezogenen Beinen auf das Ledersofa in dem holzgetäfelten Raum.

Sie erzählte ihren Eltern nicht, was sie gehört hatte – und sie erzählte ihnen nichts von dem Bluterguss und den Brandwunden, die außer ihr niemand gesehen hatte.

Candy hatte nie den Verdacht gehegt, dass ihre Tante misshandelt wurde. Jetzt machten gewisse Dinge plötzlich Sinn. Ihr Onkel hatte von jeher etwas an sich gehabt, was sie nicht leiden konnte. Er war großzügig und machte ihr zu Weihnachten und zum Geburtstag immer die besten Geschenke. Doch als sie ins Highschool-Alter kam, fiel ihr auf, dass er immer so von oben herab mit ihr redete, als sei sie blöde oder so. Und er konnte verdammt taktlos sein. Niemals würde sie den Tag vergessen, an dem er anfing, die Pickel in ihrem Gesicht zu zählen – und meinte, sie bräuchte einen guten Hautarzt. An jenem Abend weinte sie sich in den Schlaf. Mit ihrer Mutter und mit Tante Lisa sprach er aber genauso – immer so kritisch. Er benahm sich, als würde seine Kacke nicht stinken – wohl aber die jedes anderen.

So wenig sie Onkel Glenn leiden konnte, so sehr hatte sie seine junge Ehefrau vergöttert.

Manchmal hatte Lisa ihre Verabredungen mit ihr verschieben müssen und als Gründe immer nur so ganz vage Erklärungen abgegeben. In der Folge hatte man sich dann tagelang nicht mit ihr treffen können. Jetzt fragte Candy sich, ob Lisa sich in diesen Phasen vielleicht versteckt hatte, weil sie sich von einer weiteren Runde mit Glenn erholen musste. Candy erinnerte sich an den Wutanfall, den sie an ihrem letzten Geburtstag bekommen hatte, weil Lisa am späten Vormittag angerufen und versucht hatte, das gemeinsame Mittagessen abzusagen, das sie geplant hatten. Es war ihr gelungen, ihre Tante dazu zu überreden, ihre Verabredung bei Hackney’s doch noch einzuhalten. An einem Tisch am Fenster hatten sie gesessen, und Candy hatte es aufregend gefunden, wie eine Erwachsene mit einer Freundin beim Lunch zu sitzen; es war ihr gar nicht richtig aufgefallen, dass Lisa irgendwie anders war als sonst. Sie sprach nicht viel, und wenn sie etwas sagte, klang das irgendwie lustig, ganz so, als würde sie lallen. Lisa hatte Suppe bestellt, aber kaum davon gegessen. Candy fand, dass ihr Cheeseburger schlichtweg köstlich schmeckte, und versuchte, Tante Lisa dazu zu bewegen, davon zu probieren. Sie musste ihr den Burger mehr oder weniger zwischen die Zähne schieben, damit sie es tat.

Candy fiel auf, dass sich die Augen ihrer Tante mit Tränen füllten, als sie anfing zu kauen. Schließlich stieß sie einen wimmernden Laut aus und spuckte den Bissen in ihre Serviette. Der Klumpen war voller Blut. Candy schnappte nach Luft, als sie das sah.

Sofort trank Lisa ein paar Schlucke Wasser. Als sie das Glas wieder abstellte, sah Candy, dass das Wasser jetzt einen ganz leichten rosafarbenen Stich hatte. »Es blutet in deinem Mund«, flüsterte Candy.

Lisa nickte. »Ich hatte einen schlimmen Morgen beim Zahnarzt«, sagte sie mit dieser schleppenden Stimme. Sie fing an zu weinen. »Ich hätte dir das eher sagen müssen, aber ich wollte dir dein Geburtstagsessen nicht vermiesen. Und genau das habe ich jetzt getan. Es tut mir so leid, Süße …«

Danach blieben sie nicht mehr lange. Candy ließ sich den Rest ihres Burgers einpacken. Als Lisa sie in ihrem blaugrünen Honda Civic nach Hause fuhr, waren sie ungewöhnlich still. Die Sonne strahlte durch die Windschutzscheibe, und in dem harten Licht fiel Candy auf, dass ihre Tante sehr viel Make-up trug, vor allem Grundierung. Doch komplett verdeckte die den Bluterguss an ihrem Kinn nicht.

Candy erinnerte sich auch, sie zum Abschied vorsichtig auf die Wange geküsst zu haben. Nie hatte sie es gewagt, sich selbst die Frage zu stellen, was ihr wohl wirklich passiert war. Sie hatte Lisa die Zahnarztgeschichte abgenommen – als würde irgendein Zahnarzt, der bei Verstand war, eine Patientin mit blutendem Mund nach Hause schicken.

An dem Abend, an dem Candy ihre Eltern in der Küche hatte reden hören, fing plötzlich alles an, Sinn zu machen. Nur zwei Wochen vor ihrem Sprung von dieser hohen Brücke in Iowa war Lisas Bruder gestorben. Vielleicht hatte sein Tod sie an den Rand der Verzweiflung getrieben. Einen zusätzlichen Stups hatte ihr aber ganz bestimmt dieses Arschloch von Ehemann verpasst, der sie misshandelt hatte.

Nichtsdestoweniger fragte Candy sich, warum Tante Lisa ihr nicht gesagt hatte, wie sehr sie litt. Hätte Candy davon gewusst, hätte sie darauf bestehen können, dass ihre Eltern etwas unternahmen – oder sie hätte selbst die Polizei alarmiert. Sie wäre unter Umständen in der Lage gewesen, ihr zu helfen. Candy vermisste ihre Tante Lisa, konnte aber dennoch nicht umhin, ihr gegenüber auch Wut und Groll zu empfinden.

Dann passierte etwas, und ihr ging auf, dass ihre Tante sich vielleicht gar nicht umgebracht hatte: Auf einer Baustelle in Hubbard Woods fand man in einem Müllsack den Oberkörper einer Frau.

Candy starrte auf den Ferkelfötus in der Sezierschale – und auf die zusammengerollte Plastiktüte, die gleich danebenlag. Sie konnte einfach nicht aufhören, an ihre Tante Lisa zu denken.

»Was redest du denn da?«, fragte Trish mit gedämpfter Stimme. Mit zusammengekniffenen Augen sah sie Candy an. »Deine Tante ist von einer Brücke gesprungen und hat sich ertränkt. Das stand in sämtlichen Zeitungen, war im Fernsehen und …«

Zur Vorsicht schaute Candy kurz zu Ms. Trotter hinüber, die gerade einer anderen Schülerin half. Dicht lehnte sie sich zu ihrer Freundin rüber. »Sie haben ihre Leiche nie gefunden«, wisperte sie. »Mein Onkel hat sie ständig geschlagen. Letzten Sommer habe ich die Blutergüsse überall an ihrem Körper gesehen – und diese Brandwunden an ihrem Oberkörper. Ich wusste nicht, was das war – bis ich durch Zufall gehört habe, wie meine Eltern sich darüber unterhielten, dass er sie misshandelt hat. Mein Onkel Glenn. Ich bin ziemlich sicher, dass er seine Zigarre auf ihr ausgedrückt hat …«

Trish verzog das Gesicht und legte den chirurgischen Faden hin. »Gott, das ist ja fürchterlich«, gab sie im Flüsterton von sich. »Er hat ihr Brandwunden beigebracht?«

Candy schossen Tränen in die Augen, und sie nickte. »Ich glaube, er hat sie umgebracht. Der Oberkörper, den sie gestern gefunden haben … in der Zeitung hieß es, an dem seien besondere Merkmale gewesen – drei Brandwunden an der Seite.«

Trish hörte, wie auf der anderen Seite der Schlafzimmertür »It’s The End Of The World As We Know It« von R.E.M. erklang. Sie klopfte und drückte die Tür im nächsten Moment auf.

Ihre zweiundzwanzigjährige Schwester Mary Ellen, die im vergangenen Jahr ihren Collegeabschluss gemacht hatte, saß im Schlafanzug auf ihrem Zottelteppich auf dem Boden. Der Rekorder stand neben ihr, und drumherum lagen mehrere CDs – einige in ihren Schutzhüllen, andere nicht. Ihr rotbraunes Haar hatte sie sich zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Mit finsterem Blick sah sie ihre Schwester an. »Trish, ich muss doch sehr bitten. Ich bin beschäftigt! Ich mache gerade eine Mixkassette für Greg …«

Trish blieb zögerlich im Türrahmen stehen. Sie schaute hinter sich, um sich zu vergewissern, dass ihre Eltern nicht in Hörweite waren. »Sag mal«, meinte sie dann und biss sich auf die Lippe, »wenn ich dir ein Geheimnis anvertrauen würde – ich meine, ein ganz, ganz ernstes Geheimnis –, würdest du mir versprechen, es nicht weiterzuerzählen?«

Mit einem Griff schaltete Trishs Schwester den Rekorder ab und brachte R.E.M. mitten im Song zum Schweigen. Sie starrte sie an und fragte: »Wovon redest du?«

Kapitel zwei

SEATTLE, WASHINGTON – 14. NOVEMBER 1996

Sie konnte einen Arztbesuch nicht noch länger vor sich herschieben. Mindestens zwei Wochen litt sie nun schon an Müdigkeit, Schwindelgefühlen und Brechreiz. Sie konnte noch so viele Rolaids kauen, das ständige Sodbrennen und die Magenschmerzen gingen einfach nicht weg. Mehrmals hatte sie sich sogar erbrochen, was dem Aufruhr in ihrem Magen nur auch keine Erleichterung verschafft hatte. Sie betete, dass es nur irgendein Grippevirus war.

Eine Krankenversicherung hatte sie nicht, und dieser Dr. Christopher Amato war ein wildfremder Mensch für sie. Wahrscheinlich würde er ihr eine Menge Fragen stellen. Nun, im Hinblick auf gewisse Dinge würde sie ihn belügen müssen. Sie versuchte, nicht an den Termin zu denken, weil ihre Magenschmerzen dadurch nur noch schlimmer wurden.

Da sie etwas zu früh dran war, setzte sie sich draußen vor dem dreistöckigen Ärztehaus aus Beton und Glas, das sich gleich neben dem Swedish Medical Center von Ballard befand, auf eine Parkbank. Es war ein klarer, kalter, sonniger Tag. Warm eingepackt in ihren Trenchcoat, überflog sie die CHICAGO TRIBUNE, die sie gekauft hatte, bevor sie sich auf den Weg zur Praxis des Arztes gemacht hatte. Die Seiten der Zeitung flatterten im Novemberwind.

Sie konnte sich allerdings nicht auf den Text konzentrieren, den sie las. Immerzu dachte sie, dass Dr. Amato bestimmt ihre Krankenakte würde sehen wollen, und sie besaß keine. Das Einzige, was sie besaß, war ihr in Wisconsin ausgestellter Führerschein, auf der ihr Name stand: Keeslar, Megan Anne. Laut diesem Führerschein hatte sie vor ihrem unlängst erfolgten Umzug nach Seattle auf dem West Moreland Boulevard in Waukesha, Wisconsin, gewohnt. Ihr Geburtsdatum machte sie zu einem fünfundzwanzigjährigen Zwilling. Die Angaben zu ihrer Körpergröße, ihrem Gewicht und der Farbe ihrer Augen und Haare beschrieben sie korrekt als eine einhundertfünfundsiebzig Zentimeter große und vierundfünfzig Kilogramm schwere Frau mit blauen Augen und blonden Haaren. Sie schätzte, dass Dr. Amato, wenn er sie erst einmal untersucht hatte, wissen würde, dass das nicht ihre wirkliche Haarfarbe war. Jeder, der ihr auf der Straße begegnete, nahm indes als gegeben hin, dass sie eine Blondine war.

Im Moment schien sie auf der Straße überhaupt niemand wahrzunehmen. Einige Menschen – hauptsächlich ältere Leute – waren an ihr vorbei- und durch die doppelten Glastüren in das Ärztehaus gelaufen. Eine blasse, rothaarige Frau, die wohl in den Dreißigern war, trat nach draußen, um eine Zigarette zu rauchen. Gleich gegenüber, auf der anderen Seite der verkehrsreichen Straße, waren Geschäfte und eine Taverne mit einer irischen Flagge neben der großen Holztür. Sie sah nichts – und niemanden – Verdächtiges. Vielleicht litt sie an Verfolgungswahn, aber in letzter Zeit dachte sie jedes Mal, wenn sie bemerkte, dass ein Mann sie auf der Straße anstarrte oder sie eine undurchsichtige Gestalt erblickte, die allein in einem geparkten Wagen saß, unwillkürlich, man würde sie beobachten. Sie musste sich selbst darauf aufmerksam machen, dass einige dieser Männer, die sie auf der Straße anschauten, vielleicht einfach nur fanden, dass sie hübsch war. Und nicht jeder, der allein in einem geparkten Wagen saß, war ein Spion oder ein Privatdetektiv.

Seufzend wandte sie sich wieder ihrer CHICAGO TRIBUNE zu. Sie kaufte die auswärtige Zeitung zwei- oder dreimal in der Woche, um sich über das zu informieren, was im Mittleren Westen vorging. Zuerst las sie immer den Lokalteil. Dieses Mal sah sie jedoch ganz oben auf Seite zwei des vorderen Teils etwas, und für einen kurzen Moment hatte sie das Gefühl, ihr Herz habe aufgehört zu schlagen.

Prominenter Winnetka-Chirurg
als Müllsack-Mörder verhaftet


ZERSTÜCKELTE LEICHE WIRD FÜR »VERMISSTE« EHEFRAU GEHALTEN

Berichte über den Müllsack-Mord standen in allen Chicagoer Zeitungen. Die Details waren jedoch dermaßen schaurig, dass Megan aufgehört hatte, die Artikel zu lesen, nachdem man einen weiteren schwarzen Müllsack mit dem Arm gefunden hatte. Es hatte geheißen, sämtliche Fingerkuppen seien abgeschnitten worden – um es nur noch schwieriger zu gestalten, das Opfer zu identifizieren. Sie hatte gewusst, dass sie den Kopf der Frau immer noch nicht gefunden hatten – und ebenso wenig ihren Mörder. Und sie hatte keinerlei Bedürfnis verspürt, noch mehr darüber zu lesen – nicht bis zu diesem Moment.

Jetzt musste sie genauestens in Erfahrung bringen, was passiert war.

Die Seite der Zeitung flatterte weiter im Wind, und ihre Hände zitterten. Ihr war, als müsse sie sich jeden Moment übergeben, gleich vor der Tür des Ärztehauses. Sie konnte immer nur kurze Bruchstücke des Artikels lesen, weil ihr im Kopf ganz schummrig wurde, wenn sie sich auf die gedruckten Worte konzentrierte:

Am Mittwochabend wurde der in Winnetka wohnhafte Dr. Glenn Swann, 33, Chirurg am Evanston-Northwest Hospital, wegen des Mordes an seiner Ehefrau, Lisa Densmore Swann, 25, verhaftet. Es wird davon ausgegangen, dass Mrs. Swann, die seit dem 9. Oktober vermisst und für tot gehalten wird, das Opfer des berüchtigten »Müllsack«-Mörders ist …

Das machte überhaupt keinen Sinn. Erst vor wenigen Wochen war in der TRIBUNE berichtet worden, dass die Behörden glaubten, Lisa Swann habe Selbstmord begangen. Sie war ihrer Ansicht nach im Wasser des Mississippi ertrunken – sofern sie nicht bereits durch den Sturz von einer der höchsten Brücken Iowas zu Tode gekommen war.

Megan überflog ein paar Informationen über den Müllsack-Mord, die ihr schon bekannt waren. Dann sah sie wieder seinen Namen:

Am Dienstag identifizierte Dr. Swanns 17-jährige Nichte drei Brandmale an der linken Seite des abgetrennten Oberkörpers des Opfers als die Narben, die sie zu einem früheren Zeitpunkt an ihrer Tante gesehen hatte. Der obere Teil des Rumpfes, den man auf einer Baustelle in einem Wohnviertel von Winnetka in einem Müllsack gefunden hatte, war der vierte aufgefundene Körperteil innerhalb von drei Tagen …

Megan musste das zweimal lesen. Sie sagte sich, dass das nicht möglich war. Doch der Zeitungsartikel wartete mit weiterem Beweismaterial gegen den prominenten Chirurgen auf. Mehrere Bekannte des Ehepaares gaben zu, gewusst zu haben, dass Swann seine Frau körperlich misshandelt hatte. Eine ungenannte Quelle im Evanston-Northwest Hospital wies darauf hin, Mrs. Swann sei mehrmals in der Notaufnahme behandelt worden, nachdem ihr Ehemann sie verprügelt hatte. Die Quelle sagte, das Ganze sei innerhalb des Krankenhauses ein »offenes Geheimnis« gewesen, und zog Vergleiche zu der erbarmungslosen häuslichen Gewalt, über die im Jahr zuvor im Zuge des Simpson-Goldman-Mordprozesses berichtet worden war.

Megan zitterte am ganzen Körper und stellte fest, dass ihr die Nase lief. Für einen Moment ließ sie die Zeitung los, um sich ein Papiertaschentuch aus der Manteltasche zu ziehen. Sie putzte sich die Nase, dann las sie weiter:

Lisa Swann und das zerstückelte Opfer hatten die gleiche Blutgruppe, und Spuren dieses Blutes fand die Kriminalpolizei im Kofferraum von Dr. Swanns BMW. Winzige Stücke schwarzen Plastikmaterials, das mit dem der Müllsäcke übereinstimmt, mit denen die abgetrennten Gliedmaßen und die beiden Rumpf-Teile des Opfers umwickelt waren, wurden ebenfalls im Kofferraum von Dr. Swanns Wagen gefunden …

Laut Aussage des Gerichtsmediziners von Cook County sahen die Schnitte, mit denen die tote Frau zerstückelt wurde, ganz so aus, als seien sie von einem sachkundigen Chirurgen ausgeführtt worden. Dr. Swann hatte für den Zeitpunkt des Verschwindens seiner Ehefrau kein Alibi. Er hatte sich bei den Behörden in Clinton, Iowa, keine Freunde gemacht, als er öffentlich Kritik an ihren Ermittlungen zu Lisa Swanns scheinbarem Selbstmord übte. Einer der Kriminalbeamten, der vor Ort gewesen war, führte an, alles an der Stelle – der verlassene Wagen neben der Brücke, der Schnaps, die Tabletten und ein ambivalenter Abschiedsbrief – habe inszeniert gewirkt.

Dass der reiche, aufgeblasene Chirurg nach Ansicht der Presse und der Polizei kein sympathischer Tatverdächtiger war, war augenfällig. Viele Leute hatten ihre Meinung wahrscheinlich schon gefällt und hielten Dr. Glenn Swann für schuldig.

Megan, die immer noch auf der Bank vor dem Ärztehaus saß, schlug die Zeitung zu und rollte sie zusammen. Ihre Hände zitterten. Sie wusste genau, dass Dr. Glenn Swann seine Frau körperlich misshandelt hatte, aber ermordet hatte er sie nicht.

Ein einziger Anruf von ihr würde genügen, und man würde sämtliche Anklagepunkte gegen ihn fallen lassen. Im Moment konnte sie das nur nicht riskieren. Außerdem … Sosehr sie es auch verabscheute, dass hier jemandem Unrecht getan wurde, hatte sie diese Stimme im Kopf, die immerzu sagte: Er hat es nicht anders verdient … der Dreckskerl hat es nicht anders verdient …

Besser fühlte sie sich dadurch aber nicht.

Sie stopfte die zusammengefaltete CHICAGO TRIBUNE in ihre Handtasche, stand auf und machte sich auf den Weg in das Ärztehaus; dabei war ihr die ganze Zeit schwindlig. Nur mühsam unterdrückte sie den Drang, sich zu übergeben.

Ende letzter Woche hatte sie einen dieser Heim-Schwangerschaftstests gemacht, und der war negativ gewesen. Sie wusste, dass einige dieser Tests nicht zuverlässig waren. Sie hatte nach wie vor das Gefühl, schwanger zu sein, hoffte aber bei Gott, dass es nur die Grippe war.

Im Wartezimmer des Arztes belog Megan Keeslar das pummelige, etwa zwanzigjährige brünette Mädchen mit dem netten Lächeln, das am Empfang saß. Sie behauptete, ihr letzter Hausarzt zöge im Moment mit seiner Praxis nach Phoenix um. Sie versprach, ihn in den nächsten paar Tagen anzusprechen und zu veranlassen, dass er Dr. Amato ihre Krankenakte schickte. Sie erwähnte ebenfalls, dass sie gerade ihre Krankenversicherung wechseln würde. Als das Mädchen am Empfang das hörte, schwand ihr nettes Lächeln für einen Moment, doch dann nickte sie und reichte Megan einen Kugelschreiber und ein Klemmbrett mit einem leeren Formblatt.

Sie setzte sich auf einen bordeauxroten gepolsterten Stuhl, der gleich neben einem riesigen Aquarium mit tropischen Fischen stand, und fing an, das Formular auszufüllen. Als sie zu der Stelle kam, an der es um ihren Familienstand ging, zögerte sie zunächst. Im Endeffekt kreuzte sie das Kästchen VERWITWET/GESCHIEDEN an. Wenn sie wirklich schwanger war, hätte sich ihre altmodische katholische Mutter im Grab umgedreht, falls sie sich hier als ledig ausgewiesen hätte. Außerdem gefiel ihr im Grunde die Vorstellung, Witwe zu sein. Und gewissermaßen war es die Wahrheit. Sie hatte einen entsetzlichen Ehemann überlebt.

Bei ihren bisherigen gesundheitlichen Problemen kreuzte sie alle zutreffenden Kästchen an. Auf dem Couchtisch, der vor ihr stand, fiel ihr inmitten vieler anderer Illustrierten eine Ausgabe des INSTYLE-Magazins auf, dessen Cover Gloria Estefan zierte. Unter die Frage, wer im Notfall zu benachrichtigen sei, schrieb sie Gloria Styler zusammen mit einer frei erfundenen Telefonnummer mit der Vorwahl von Portland: 503. Ihre Beziehung zu der Person, die im Notfall zu benachrichtigen war, erklärte sie mit Freundin.

Die Wahrheit war, dass sie weder Freunde noch Familie in Portland hatte und hier in Seattle keine Menschenseele kannte – davon ging sie zumindest aus. Dr. Amatos Namen hatte sie aus dem Telefonbuch; es kam nicht von ungefähr, dass sein Name mit A begann. Während der letzten drei Wochen hatte sie in einem winzigen einräumigen Apartment gewohnt – sich dort versteckt, das traf es wohl eher. Die Miete war günstig – das, was sie sich leisten konnte. Etwas Geld hatte sie gebunkert, musste aber zusehen, dass sie möglichst lange damit auskam. Möbliert hatte sie die Wohnung mit einem Gemisch aus Sachen, die sie entweder bei Ikea oder auf privaten Flohmärkten gefunden hatte. Das Bücherregal bestand aus Ziegelsteinen und Brettern – und in dem verzweifelten Versuch, die Wohnung etwas freundlicher zu gestalten, hatte sie sie mit Weihnachts-Lichterketten dekoriert. Das Apartment sah aus, als würde eine Collegestudentin darin leben, die bestenfalls im zweiten Studienjahr war. Von sieben Uhr morgens bis zweiundzwanzig Uhr abends donnerte alle dreißig Minuten die Einschienenbahn an ihrem Wohnzimmerfenster vorbei. Sie lebte auf der vierten Etage eines kalten und nichtssagenden, sechsstöckigen, modernen Wohnhauses im Seattler Stadtteil Belltown. Die Mieter des Hauses schienen einander überhaupt nicht zu kennen. Es war einfach, dort anonym zu bleiben. Letzte Woche hatte sich jemand in dem Fahrstuhl aus Edelstahl übergeben, und das war tagelang nicht weggeputzt worden. Es stank noch immer widerlich darin. Also hatte sie die Treppe genommen – einen gruseligen Betonschalen-Schacht, in dem jedes Geräusch schallte – vier Etagen nach oben zu ihrer Wohnung.

Nicht, dass sie sich groß nach draußen traute. Sie hatte Angst davor, die Wohnung zu verlassen, Angst davor, es könnte irgendjemand sie erkennen. Trotzdem hatte sie diese paar Ausflüge zu Ikea und den privaten Flohmärkten unternommen. Wenn sie ihren Wagen aus der Tiefgarage des Gebäudes fuhr, hatte sie jedes Mal das Gefühl, ihr Glück herauszufordern. Das Auto hatte immer noch das Nummernschild von Wisconsin, und das Letzte, was sie wollte, war, dass irgendein Polizist sie an den Straßenrand winkte. Folglich ging sie, wann immer das möglich war, zu Fuß. Manchmal rannte sie wie eine Verrückte zum Vine Street Gourmet, einem Minimarkt, der ganz in der Nähe war, lächerlich niedrige Preise und eine Feinkosttheke mit frischen Sachen hatte. Und dann kaufte sie sich an dem Zeitungsstand am Pike Place Market auch immer eine Ausgabe der CHICAGO TRIBUNE.

Anfang der Woche hatte sie sich getraut, den ganzen Block hinunterzulaufen und ins Cinerama zu gehen, um sich DER ENGLISCHE PATIENT anzusehen, der gerade angelaufen war. Obwohl es dunkel und rappelvoll in dem Kino gewesen war, hatte sie nicht damit aufhören können, sich darum zu sorgen, dass irgendjemand aus ihrer Vergangenheit hier sein und sie ihm auffallen könnte. Dann war ihr plötzlich übel geworden. Während des Spielfilms war sie gegangen und hatte sich, als sie durch den Mittelgang zum Ausgang lief, die Stirn gerieben, um ihr Gesicht zu verbergen.

Jedes Mal, wenn sie diese deprimierende kleine Wohnung verließ, hatte sie das Gefühl, von jemandem beobachtet zu werden. Der Ausflug zu Dr. Amato war ganz besonders nervenaufreibend. Und dann sah sie diese Story in der TRIBUNE. Ein Foto des Opfers, Lisa Densmore Swann, war dem Tribune-Artikel nicht beigefügt, aber die Story war grausig genug, um landesweit Aufmerksamkeit zu erregen. Und da war es nicht allzu weit hergeholt, sich vorzustellen, dass Fotos von Lisa Swann bald schon in allen möglichen Zeitungen auftauchen würden, im ganzen Land – auch in Seattle.

Bei dem Gedanken meldete sich ihr Magen gleich noch einmal.

Mit dem Klemmbrett auf dem Schoß blickte sie auf den Absatz vor der Zeile für ihre Unterschrift: Ich bestätige, dass alle von mir gemachten Angaben nach bestem Wissen gemacht wurden und korrekt sind …

Sie brauchte nur noch zu unterschreiben, zögerte aber. Dann atmete sie tief durch und kritzelte mit zitternder Hand: Megan Anne Keeslar – 14.11.1996. Als sie aufstand, um dem Mädchen am Empfang das Formular, den Kugelschreiber und das Klemmbrett zurückzugeben, war ihr ganz schummrig im Kopf.

Die Brünette schaute kurz zu ihr auf, nahm ihr das Klemmbrett aus der Hand und fragte sie besorgt: »Geht es Ihnen gut?«

Sie klammerte sich an die Kante des Tresens und konnte nur noch mit dem Kopf schütteln.

Das Mädchen am Empfang sagte irgendetwas davon, dass man sie in einen Untersuchungsraum schaffen würde, damit sie sich hinlegen könne. Dann rief sie eine der Arzthelferinnen.

Megan ließ sich von der älteren, robust aussehenden Krankenschwester mit der ebenholzfarbenen Haut in den hinteren Bereich führen. Der enge Korridor schien sich zu drehen. Die Krankenschwester brachte sie in einen der kleinen Räume und sorgte dafür, dass sie sich auf den Untersuchungstisch setzte. Sie gab ihr ein Glas Wasser, und das half. Die Krankenschwester hatte ein liebes verhärmtes Gesicht und tiefschwarzes Haar, das aussah, als habe man es lackiert.

»Danke«, flüsterte Megan. »Es … es tut mir leid, dass ich Ihnen solche Mühe mache. Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Es könnte sein, dass … es könnte sein, dass ich schwanger bin.«

»Nun, wir werden sehen, was Dr. Amato sagt«, gab die Krankenschwester zur Antwort. Sie öffnete die Schublade eines Schränkchens und zog einen zusammengefalteten hellblauen Kittel heraus. »Machen wir Sie mal fertig, damit er Sie untersuchen kann. Sie kommen mir immer noch etwas zittrig vor. Brauchen Sie Hilfe beim Ausziehen?«

Verlegen nickte Megan. Die Krankenschwester hängte jedes Kleidungsstück, das Megan ihr reichte, sofort auf. Zwischendurch erhaschte sie einen Blick in den Spiegel, der über dem Waschbecken hing, und auf ihr Spiegelbild. Sie saß auf einem gepolsterten Tisch und trug nur noch ihre Unterwäsche.

Sie sah die drei Narben von der Größe eines 5-Cent-Stücks auf der linken Seite ihres Brustkorbs. Schnell entledigte sie sich ihres Büstenhalters und zog den blauen Kittel über, um sich zu bedecken – und die Narben. Dann schlängelte sie sich aus ihrem Höschen.

Die Krankenschwester maß ihren Blutdruck und verkündete, der sei normal. Das erstaunte Megan – angesichts der Tatsache, wie krank sie sich fühlte und wie verängstigt sie war.

»Ich werde Dr. Amato holen«, sagte die Krankenschwester. »Sollten Sie sich neuerlich schlecht fühlen, rufen Sie mich bitte sofort. Ich heiße Loretta.«

»Danke, Loretta«, antwortete sie und legte sich auf den Tisch. Der war an einem Ende etwas höher, sodass ihr Kopf leicht erhöht lag. Sie konnte den Spiegel über dem Waschbecken sehen. Darin spiegelten sich ihre Sachen, die aufgereiht an Haken an der Wand hinter ihr hingen. Sie starrte auf ihre Handtasche zwischen den Kleidungsstücken – und auf die zusammengerollte Zeitung, die daraus herausragte.

Sie dachte an das Opfer des Müllsack-Mordes – und an diesen Teil des Rumpfes, den sie gefunden hatten, der an einer Seite die Brandmale aufwies.

Dann spürte sie, wie eine weitere Woge Übelkeit sie überkam, und legte sich die Hand auf den Magen.

So lag sie dort auf dem Tisch und wartete auf den Arzt. Die Frau, die den ärztlichen Fragebogen mit dem Namen Megan Anne Keeslar unterzeichnet hatte, starrte auf den hellblauen Kittel, den sie trug. Sie wollte nicht schwanger sein – sie konnte nicht schwanger sein.

Und trotzdem fragte sie sich, ob das Hellblau bedeutete, dass es ein kleiner Junge wurde.

Kapitel drei

SEATTLE – 14. JULI 1997

»Hör bitte auf«, flüsterte sie. Megan hatte Tränen in den müden, geröteten Augen. »Bitte, Gott! Mach, dass er aufhört …«

Doch Josh schrie unermüdlich weiter. Megan nahm ihn ganz fest in die Arme, wiegte ihn hin und her, und so lief sie mit ihrem neun Wochen alten, von Koliken geplagten Sohn in der Wohnung auf und ab. Es war spät – 23:44 Uhr laut der digitalen Uhr in ihrem Videorekorder. Die Einschienenbahn fuhr heute Nacht nicht mehr.

Sie trug ein T-Shirt und eine karierte Pyjama-Hose mit Tunnelzug und ließ sich vom Ventilator die Luft auf den Körper pusten, während sie barfuß durch ihr kleines Wohnzimmer tigerte. Die Arme taten ihr davon weh, ihn ständig herumtragen und schaukeln zu müssen. Diese Schreiorgien fanden jetzt jede Nacht statt. Gegen Mitternacht wachte Josh immer auf und schrie sich die kleinen Lungen aus dem Leib. Und er war überhaupt nicht hungrig, nur knatschig. Megan tat alles, was ihr Kinderarzt und die Bücher ihr rieten, aber das schien alles nicht zu funktionieren. Sie wusste nicht, ob er es lieber hell oder dunkel im Raum hatte – oder ob er vielleicht wollte, dass nur diese eine Lampe in der Ecke des Zimmers eingeschaltet blieb. Hatte das Fernsehen eine beruhigende Wirkung auf ihn, oder machten diese Geräusche ihn nur noch unruhiger? Das hatte sie immer noch nicht herausgefunden. In einer Nacht hatte es den Anschein erweckt, als würde ihn ihre Interpretation von »Old MacDonald hatte eine Farm« beruhigen, doch war er nicht eingeschlafen, sondern noch hellwach gewesen, als ihr die Farmtiere schon längst ausgegangen waren: »Old MacDonald hatte ’nen Leguan …« Als sie ihm in der nächsten Nacht das gleiche Ständchen brachte, hatte ihn das veranlasst, Zeter und Mordio zu schreien. Durch das viele Schreien spuckte er auch viel. Megan war sich bewusst, dass sie die Hälfte der Zeit nach Babykotze roch.

In den Büchern hieß es, wenn sie mit ihrer Weisheit am Ende sei, solle sie das Baby einfach in sein Bettchen legen und schreien lassen – bis sie sich wieder besser fühlte. Doch wie sollte ihr Befinden sich bessern, wenn er so laut schrie? Und sie musste ja auch an ihre Nachbarn denken. Die hassten sie. Als sie in dieses Haus gezogen war, hatte sie sich zum Ziel gesetzt, anonym zu bleiben. Nun, das war sie jetzt nicht mehr. Dank Josh und seiner nächtlichen »Schrei-a-thons« konnte keiner die Frau in 4-E ausstehen.

Sie hatte sich daran gewöhnt, Dinge mit einer Hand zu tun, während sie ihn herumtrug. Also stellte sie den Ventilator auf höchste Stufe, weil sie hoffte, das weiße Rauschen würde ihn beruhigen, griff nach seiner gelben Babydecke mit der Cartoon-Giraffe und deckte ihn damit zu. Megan ließ sich auf ihr Ikea-Sofa plumpsen und fing an, das kreischende, schwitzende und sich windende Bündel in den Armen zu wiegen, und dabei betete sie: »Bitte, Gott! Mach, dass er aufhört. Bitte …«

Das Geld für den Heimschwangerschaftstest, den sie acht Monate zuvor gemacht hatte und der negativ gewesen war, hätten sie ihr eigentlich zurückzahlen müssen. Ihre Vorahnung beim Anblick des blauen Kittels in Dr. Amatos Praxis war erheblich akkurater gewesen. Sie hatte tatsächlich ein Kind erwartet, einen Jungen – das hatte sich bei der dritten Ultraschall-Untersuchung herausgestellt.

Zuerst hatte ihr vor der Vorstellung, möglicherweise schwanger zu sein, gegraust. Als Megan jedoch bewusst geworden war, dass ein neues Leben in ihr heranwuchs, hatte das alles verändert. Plötzlich fühlte sie sich nicht mehr so völlig allein in ihrer schäbigen Einzimmerwohnung neben der Einschienenbahn. Da war auf einmal noch jemand, um den sie sich kümmern musste – ein Grund, noch einmal ganz von vorn anzufangen.

Selbst mit einem Ehemann, einem wunderschönen großen Haus und all ihren Freunden an Chicagos North Shore hatte sich Mrs. Glenn Swann zumeist sehr viel einsamer und ziellos gefühlt. Es war ihr erheblich schlechter gegangen.

Ein Foto von Mrs. Swann schaffte es am 16. November 1996 – zwei Tage nach Megans erstem Besuch bei Dr. Amato – auf Seite drei des SEATTLE POST-INTELLIGENCER. Das Foto erschien neben einem Bericht über den Chicagoer Müllsack-Mord. Alle waren sicher, dass Glenn Swann seine Ehefrau ermordet hatte.

Am gleichen Abend wurde landesweit in den Nachrichten über den Fall berichtet, und dabei zeigten sie das gleiche Foto der verstorbenen Mrs. Swann. Megan sah sich die Sendung an und hielt sich dabei die ganze Zeit entsetzt die Hand vor den Mund. Automatisch schaute sie aus dem Fenster und sah hinter den Scheiben der Wohnhäuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite das Licht der Fernsehapparate flimmern. Sie fragte sich, ob sich diese Leute die gleiche Sendung ansahen.

In den nächsten paar Tagen hatte Megan Angst davor, einen Fuß vor die Tür ihrer Wohnung zu setzen. Sie stellte sich vor, wie Dr. Amato, seine Krankenschwester oder das Mädchen am Empfang das Foto in der Seattler Zeitung erblickten. Sie dachte an ihre Nachbarn im Haus und an die Menschen im Vine Street Gourmet, die möglicherweise meinten, die tote Mrs. Glenn Swann käme ihnen schrecklich bekannt vor. Jedes Mal, wenn sie hörte, dass sich am Ende des Korridors auf ihrer Etage die Fahrstuhltür öffnete, dachte sie, dass das vielleicht die Polizei wäre, die kam, um sie abzuholen. Jedes Mal, wenn das Telefon läutete, meinte sie, ihr würde das Herz stehen bleiben.

Megans Ansicht nach war die Story genau die Art von Geschichte, die Leuten über geraume Zeit Gesprächsstoff liefern würde: Ein prominenter Chirurg wurde beschuldigt, die Ehefrau ermordet zu haben, die er über ein Jahr lang misshandelt hatte; ihr fingierter Selbstmord auf einer hohen Brücke über dem Mississippi; der Arzt, der sie als vermisst gemeldet hatte, obwohl offenkundig zu sein schien, dass er sie zerstückelt und die Leichenteile dann an verschiedenen Stellen von Chicagos North Shore entsorgt hatte. Megan hatte damit gerechnet, monatelang wie ein völliger Einsiedler leben zu müssen.

Doch so sensationell die Geschichte auch war, gab es dafür keinen Platz mehr im Leben der Einwohner von Seattle, die bereits so bedient waren von dem immer noch laufenden Zivilprozess gegen O.J. Simpson, dass sie sich nicht auch noch um einen in gewisser Hinsicht ähnlichen Fall scheren konnten, zu dem es in Chicago gekommen war und der in den Medien sehr viel weniger Beachtung fand. Während in der CHICAGO TRIBUNE, die Megan immer noch am Zeitungsstand am Pike Place Market kaufte, über jede neue Entwicklung im Müllsack-Mord berichtet wurde, war in den Seattler Zeitungen nicht mehr viel darüber zu lesen.

Mrs. Glenn Swanns Kopf fanden sie nie. Und den würden sie natürlich auch niemals finden.

Hatte bislang im Hinblick auf die Frage, ob sie Dr. Glenn Swann für den Mord an seiner Frau ins Gefängnis wandern lassen sollte, zwei Herzen in ihrer Brust geschlagen, so bestärkte das Baby sie jetzt in ihrem Entschluss, nichts zu tun. So groß war der Unterschied zwischen einem Frauenschläger und einem Kinderschänder schließlich nicht, oder? Es wäre töricht von ihr gewesen, einen kleinen Jungen einem Menschen auszusetzen, der zu derartiger Gewalt fähig war. Glenn war reich, und sein Anwalt konnte ihm aller Wahrscheinlichkeit nach Besuchsrecht verschaffen – vielleicht sogar das alleinige Sorgerecht. Sie konnte nicht zulassen, dass das geschah. Die Zeiten, dass sie nur sich selbst beschützen musste, waren vorbei.

Derzeit verbüßte Dr. Swann den dritten Monat einer lebenslangen Haftstrafe im Illinois Stateville Prison. Nach wie vor behauptete er beharrlich, seine Ehefrau nicht ermordet zu haben. Megan wusste, dass das der Wahrheit entsprach. Sie wusste indes nicht, wer die Frau war, die man fälschlicherweise für Lisa Densmore Swann hielt. Das Opfer des Müllsack-Mordes hatte offenbar die gleiche Blutgruppe, die gleiche Hautfarbe und die gleichen Brandmale auf der linken Seite ihres Brustkorbs.

Unwillkürlich stellte Maggie sich die Frage, ob Dr. Swann eine seine Freundinnen vielleicht genauso gebrandmarkt hatte wie seine beklagenswerte Frau. Vielleicht hatte er auch auf diesem armen Wesen seine dicke, stinkende kubanische Zigarre ausgedrückt. Und es war durchaus möglich, dass er diese namenlose Frau ermordet hatte.

Es verging keine Woche, in der Megan sich nicht vorbeten musste, welche Vernunftgründe dafür sprachen, dass sie Glenn Swann im Gefängnis verrotten ließ. Ihr Sohn Josh war immer der beste Grund. Sie versuchte sich vorzustellen, wie der brutale und jähzornige Dr. Swann sich in Gegenwart eines Babys aufgeführt hätte, das ununterbrochen schrie, weil es an Koliken litt. Das hätte er sich nicht bieten lassen.

»Nun komm, mein Schatz«, flüsterte sie und wiegte ihn in den Armen. »Bitte! Mama braucht mal eine Auszeit …«

Er schrie und trampelte mit solcher Wucht mit den Beinchen, dass er blutrot anlief.

Megan versuchte es mit Vorsingen … Irgendwann läutete das Telefon, und sie fuhr zusammen. Josh stieß ein lautes Wehklagen aus. »Ach, Scheiße«, murmelte sie, als sie auf die Uhr des Videorekorders schaute: 00:09 Uhr. Das war bestimmt irgendein Nachbar. Sie starrte auf das Telefon und den Anrufbeantworter am anderen Ende des Raums, wiegte Josh in ihren Armen und betete, der Anrufer möge auflegen. Der Anrufbeantworter schaltete sich ein.

»Hier spricht 4-D«, verkündete die Frau. »Ich weiß, dass Sie zu Hause sind, weil ich Ihr Baby schreien höre. Tatsache ist, dass ich Ihr Baby seit ich-weiß-nicht-wie-vielen Tagen jede verfluchte Nacht schreien höre. Ich weiß nicht, was für eine Art von Mutter Sie sind, aber …«

Seufzend nahm Megan den Telefonhörer von der Gabel. »Es tut mir leid«, sagte sie. »Ich hatte ihn jetzt fast zur Ruhe gebracht. Er hat Koliken. Er …«

»Verdammt noch mal, ich versuche zu schlafen«, fiel die Frau ihr ins Wort. »Wenn Sie dieses Baby nicht zum Schweigen bringen können, rufe ich die Polizei – oder das Jugendamt. Das sage ich nicht nur so dahin. Es ist lächerlich, es ist fahrlässig, ich habe diesen Lärm satt. Irgendein Gesetz muss es da geben. Ich rufe die Polizei, wenn das so weitergeht.«

»Es tut mir leid«, wiederholte Megan in gereiztem Ton. Die Hand, mit der sie den Telefonhörer festhielt, zitterte. Josh weinte ihr in das andere Ohr. »Ich tue, was ich kann …«

»Wissen Sie was?«, fiel die Frau ihr neuerlich ins Wort. »Wenn ich in fünfeinhalb Stunden aufstehe, weil ich zur Arbeit muss, und Sie schlafen, werde ich gegen die Wand hämmern und mal sehen, wie Ihnen das gefällt.«

Megan hörte das Klicken am anderen Ende der Leitung.

Josh weinte immer noch.

Sie fing ebenfalls an zu weinen. Erschöpft und niedergeschlagen setzte sie sich wieder aufs Sofa, legte Josh bäuchlings auf ihren Schoß und massierte ihm den Rücken. In der Vergangenheit hatte sie damit manchmal Erfolg gehabt – bis vor etwa einer Woche, als er dadurch nur noch knatschiger geworden war. Sie versuchte, ihm etwas vorzusummen, verschluckte sich aber immer wieder an ihren Tränen.

Würde die Frau in 4-D tatsächlich so weit gehen, ihr die Polizei auf den Hals zu hetzen? Megan war inzwischen seit fast einem Jahr in Seattle, fühlte sich aber immer noch, als wäre sie auf der Flucht. Es war zwar äußerst selten vorgekommen, doch jedes Mal, wenn sie sah, dass ein Streifenwagen vor dem Haus hielt, versetzte sie das in Panik – bis sie hundertprozentig wusste, dass die Polizei nicht ihretwegen gekommen war. Bei der Vorstellung, sie könnten an ihre Tür klopfen, wurde ihr jedes Mal angst und bange.

Zu ihrer grenzenlosen Erleichterung fing Josh an, sich zu beruhigen. Summend massierte sie ihm weiter den Rücken.

Sie dachte über die Frau in 4-D nach. Das war vermutlich die gleiche Schlampe, die vor einigen Monaten in den Fahrstuhl gekotzt hatte. Megan hatte mehrmals mitbekommen, wie sie betrunken nach Hause gewankt war – mit schleppender Stimme in ihr Handy gelallt und allen möglichen Rabatz veranstaltet hatte. Aber hatte sie jemals damit gedroht, 4-D die Polizei auf den Hals zu hetzen?

Hätte die Frau nicht etwas geduldiger sein, sich nicht etwas mehr wie eine gute Nachbarin benehmen können – wäre das zu viel verlangt gewesen?

Megan wurde klar, dass ihr der Versuch, in diesem Haus anonym zu bleiben, nicht länger zum Vorteil gereichte. Tatsache war, dass sie sich so sehr bemüht hatte, unkenntlich und unauffällig zu sein, dass sie sich gar nicht mehr erkannte, wenn sie in den Spiegel schaute. Sie musste abnehmen, um wieder auf das Gewicht zu kommen, das sie vor der Schwangerschaft gehabt hatte. Früher war sie Expertin darin gewesen, Blutergüsse und blaue Augen zu überschminken, und jetzt hatte sie weder die Zeit noch die Energie, irgendetwas gegen die aufgrund von Schlafmangel entstehenden dunklen Ringe unter ihren Augen zu unternehmen oder gegen den braun herauswachsenden Haaransatz ihrer schulterlangen blonden Haare. Sie kannte diese Frau im Spiegel nicht – ebenso wenig wie ihre Nachbarn sie kannten.

Sie hielt es für das Beste, Miss 4-D mit moralischem Anstand zu begegnen. Am nächsten Morgen schnallte Megan Josh in der Babytrage fest, und sie marschierten zum Vine Street Gourmet, wo sie für $16,99 eine Flasche Merlot erstand. Die hinterließ sie vor 4-D mit einem Kärtchen:

Hi, Nachbarin,

es tut mir so leid, dass das Schreien meines Babys Sie letzte Nacht wach gehalten hat. Glauben Sie mir bitte: Ich tue, was ich kann, um den Kleinen zu beruhigen, wenn er knatschig wird. Er hat nur leider Koliken und dagegen ist man machtlos. Mir gefällt das auch nicht, wenn er schreit. Die Wahrheit ist, dass es mir in der Seele wehtut, mitansehen zu müssen, dass er so leidet. In jedem Fall hoffe ich, dass Sie diese Flasche Wein als Entschuldigung für den Lärm annehmen.

Vielen Dank,
Ihre Nachbarin Megan Keeslar (Joshs Mom)

Megan sagte sich, dass die Menschen im Hinblick auf Lärm sehr viel geduldiger waren, wenn sie ihre Nachbarn kannten und mochten. Also würde Miss 4-D nach dem freundlichen Kärtchen mit ihrer Entschuldigung und dem Trostpflaster vielleicht etwas nachsichtiger mit ihr sein. Vielleicht würden sie und 4-D im Endeffekt sogar Freundinnen werden! Sie erging sich in Fantasien von einer transformierten, warmherzigen und freundlichen Miss 4-D, die ihr anbot, ein paar Stunden in der Woche das Baby zu sitten: »Warum legst du dich nicht mal ein Stündchen hin, Megan, oder machst einen Spaziergang? Du brauchst eine Auszeit. Ich werde auf ihn aufpassen …«

4-D kontaktierte sie jedoch nie, um ihr zu sagen, dass sie das Entschuldigungsgeschenk an sich genommen hatte. Dass sie es bekommen hatte, wusste Megan, weil sie gehört hatte, wie sie draußen auf dem Korridor in ihr Handy sprach und meinte: »Oh, jemand hat mir was vor die Tür gestellt …« Dann hörte sie, wie die Tür geschlossen wurde. Und danach nichts mehr, das war’s.

Als Josh das nächste Mal schrie, rief die Schlampe wenigstens nicht die Polizei.

Trotzdem, die Sorge, dass es passieren könnte, die schleichende Angst, dass die Polizei jeden Moment an ihre Tür trommeln könnte, war immer da. Das Gescheiteste, was sie tun konnte, war, zu niemandem eine enge Beziehung aufzubauen.

Es gab nur sie und ihren kleinen Jungen. Es gab niemanden, den sie anrufen konnte, wenn sie sich Sorgen um ihn machte – oder wenn er irgendetwas Verblüffendes tat. Megan schoss Unmengen Fotos von ihm, konnte sie aber niemandem zeigen. Eigentlich hatte Josh keine Großeltern oder Onkel und Tanten. Sie war seine einzige Familie.

Sie konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass man ihr den Jungen eines Tages, und zwar bald, wegnehmen würde. Megan sagte sich, dass das vermutlich eine Angst war, die alle Eltern tief in ihrem Inneren plagte, konnte sich dieser Vorahnung aber trotzdem nicht erwehren.

Kapitel vier

SEATTLE – 18. MAI 2000

Die hübsche, etwa zwanzigjährige Barista, die ihr hellbraunes Haar mit einem mit Stoff überzogenen Gummiband im Nacken zusammengebunden hatte, trug heute zu viel Make-up. Obwohl in der Warteschlange noch zwei Leute vor ihr standen, die sich Kaffee holen wollten, konnte Megan sehen, dass die junge Frau versucht hatte, ein blaues Auge und einen Bluterguss am Kinn zu überschminken. Menschen, die sich mit solchen Dingen nicht auskannten, fiel das wahrscheinlich gar nicht so auf. Die wollten einfach nur ihre morgendliche Koffein-Dröhnung.

Café Z war ein Espressostand in der Eingangshalle eines modernen, vierunddreißigstöckigen Gebäudes in der Seattler Innenstadt. Ein paar Cafétische mit Stühlen standen unmittelbar vor dem Tresen, hinter dem die überarbeitete Barista nicht nur Kaffee und Espresso servierte, sondern auch Sandwiches, Süßspeisen und Snacks, die, wie das Schild behauptete, »täglich frisch geliefert« wurden. Der kleine Stand befand sich genau zwischen einer Filiale des Copyshops Kinko’s und dem grauenhaften Minimarkt, den Megan boykottierte, seit man ihr dort für eine lausige 350-Milliliter-Dose Cola Light $1,91 abgeknöpft hatte.

Sie arbeitete als Büroangestellte bei Camper, George and White Law Partners, einer kleinen Anwaltskanzlei in der siebzehnten Etage. Seit fast zwei Jahren war sie jetzt schon dort, nahm Telefonate entgegen, machte Fotokopien und erledigte jede Menge Botengänge, zu denen unter anderem gehörte, der Belegschaft Kaffee aus dem Café Z in der Lobby zu holen. Dann hatte sie den Geistesblitz gehabt, ihren kleinen Pausenraum mit einer Kaffeemaschine der Marke Mr. Coffee zu bestücken. Sobald sie morgens um 8:30 Uhr zur Arbeit erschien, sorgte sie dafür, dass stets für jeden in der Firma frischer Kaffee aufgebrüht war. Nur Megan – und hin und wieder schon mal jemand, der vor allen anderen im Büro war – tankte morgens nach wie vor bei Café Z. Bei der letzten Mitarbeiterversammlung hatte Mr. Camper gemeint, ohne sie würde die Kanzlei »eingehen«. Es hatte sie gefreut, das zu hören, denn es bedeutete, dass sie einen sicheren Arbeitsplatz hatte. Außerdem war das Lob fast so etwas wie eine Entschädigung für die viele Zeit, die sie aufgrund langer Arbeitstage und gelegentlicher abendlicher Überstunden nicht mit Josh verbringen konnte. Aber nur fast.

Megan hasste es, von Cara, Beth, Lilly oder irgendeinem anderen Mitarbeiter der Kindertagesstätte Alphabet Junction Daycare von den kleinen Meilensteinen in Joshs Leben zu erfahren. Im Alter von fünfzehn Monaten war Josh zum ersten Mal gelaufen – für Lilly. Er wartete noch einmal zwei Wochen, bis er für sie seine ersten Schritte tat. Es war Beth, die ihm beibrachte, als Antwort auf die Frage »Wie groß ist Josh?« die Händchen über den Kopf zu heben. Megan sah Beth dabei zu, als sie ihr vorführte, wie schön er das machte. Josh war so niedlich, als er da auf seinem Hochstuhl der Alphabet Junction Daycare saß und auf Beths Stichwort zu kichern begann und die pummeligen Ärmchen hob. Megan lachte und weinte gleichzeitig.

Am gleichen Abend, ein paar Stunden später, weinte sie nur noch.

Das »Wie groß ist Josh?«-Spielchen war lediglich eine weitere Sache, die vor ihr ein anderer Mensch mit Josh geteilt hatte. Megan spielte das auch mit ihm, und sie liebte seine fröhliche Reaktion. Das Miteinander fühlte sich jedoch an, als habe sie es sich von der Angestellten der Kindertagesstätte, die es ins Leben gerufen hatte, ausgeliehen. Die Rolle von Beth in »Wie groß ist Josh?« spielt heute ausnahmsweise Joshs Mutter, Megan.

Nichtsdestoweniger war sie dankbar für die Alphabet Junction Daycare – und die Mitarbeiter, die Josh einer wie der andere vergötterten. Um seinen ersten Geburtstag herum war Megan klar geworden, dass ihr das Geld, das sie zur Seite geschafft hatte, allmählich ausging. Sie musste sich einen Job suchen. Und sie musste einen Babysitter für Josh finden. Sie lud etwa zwanzig Kandidaten zu einem Vorstellungsgespräch ein und entschied sich für Hildy, eine stabile Russin, die wenig Englisch sprach und nur fünf Straßen entfernt wohnte. Ihre Wohnung roch nach gekochtem Kohl und Schweiß, und irgendwie sah es immer unordentlich darin aus. Außerdem hatte sie die Angewohnheit, Josh nach dem Windelnwechseln fast immer die Sachen verkehrt herum anzuziehen – entweder mit der Innenseite noch außen oder mit dem Rückenteil nach vorn. Megan kam nie dahinter, warum. Josh schien sie aber zu mögen. Hildy blieb ihr fünf Wochen erhalten – bis man sie wegen irgendeines Lebensmittelmarken-Betrugs verhaftete. Kurz danach fand Megan die Alphabet Junction Daycare.

Eine neue Bleibe fand sie ebenfalls: eine kurz zuvor renovierte, dreiräumige Kellerwohnung in einer großen, alten, mit weißen Schindeln gedeckten Villa in Capitol Hill, in der sich noch vier weitere Wohneinheiten befanden. Ihr Apartment war entzückend und erstaunlich hell für eine Kellerwohnung. Und Josh hatte endlich ein eigenes Zimmer. Das Haus war drei Straßen vom Group Health Hospital, einem Safeway-Supermarkt und der Bushaltestelle entfernt. Megan war mit all ihren Nachbarn flüchtig bekannt: dem lesbischen Paar, dem älteren Witwer, der jedes Mal gewissermaßen über Josh herfiel, wenn er ihn sah, dem jungvermählten Ehepaar, die beide Jura studierten, und dem alleinstehenden Mann, der um die dreißig war, genau über Megan wohnte und häufig verreiste.

Ihre Wohnung war die einzige im Kellergeschoss. Die Waschküche und die Abstellräume befanden sich auf der gegenüberliegenden Seite des Korridors. Megan hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt, dass ihre Nachbarn die Kellertür benutzten, wenn sie ihre Wäsche wuschen. Das Geräusch, das es verursachte, wenn jemand die Außentür aufschloss, die in den Keller führte, versetzte sie jedes Mal in Panik. Sie dachte dann automatisch, das sei die Polizei, ein Privatdetektiv oder – so abwegig das auch erscheinen mochte – vielleicht sogar ein Auftragsmörder, den man hergeschickt hatte, damit er eine alte Rechnung beglich.

Megan vergaß nie, dass sie auf der Flucht war. Und sie rechnete immer mit dem Schlimmsten. Hin und wieder kam es vor, dass jemand an ihre Wohnungstür klopfte, um sich ein paar 25-Cent-Münzen für die Waschmaschine zu borgen, und jedes Mal zuckte sie zusammen – bis sie feststellte, dass es ja nur ein Nachbar war.

Sie und Josh waren Besucher nicht gewohnt.

Zu gewissen Arbeitskollegen hatte sie ein freundschaftliches Verhältnis, lud diese Menschen aber nie zu sich nach Hause ein. Es war nicht so, als würde ein Gast in der Wohnung Hinweise auf ihre persönliche Vergangenheit finden können. Nein, sämtliche Fotos und Erinnerungsstücke aus ihrem Leben davor waren gut versteckt – in der hintersten Ecke ihres Kleiderschranks, in einem alten Karton der Kaufhauskette Nordstrom. Es behagte Megan trotzdem nicht, Menschen in ihr Heim zu lassen.

Was das anging, würde sie jetzt gleich jedoch eine Ausnahme machen.

Sie wusste, wie die hübsche Barista im Café Z hieß. Es war nicht das erste Mal, dass Jade mit schlecht überschminkten Blutergüssen zur Arbeit gekommen war. Sie waren heute nur deutlicher zu sehen, weil sie sich die hängenden, ungewaschenen Haare mit einem Gummi nach hinten gebunden hatte. Megan erinnerte sich an diese Nächte, in denen ihr Kopf von den Schlägen dermaßen geschmerzt hatte, dass sie sich die Haare nicht nur nicht hatte waschen, sondern nicht einmal hatte bürsten können. Sie nahm an, dies war der Grund dafür, dass Jade heute Morgen dieses mit pinkfarbenem Stoff überzogene Haargummi trug.

In ihren kurzen Unterhaltungen mit Jade hatte Megan von Wes gehört: ›Wes hat an diesem Wochenende ein Baseball-Spiel‹ und ›Ich konnte die ganze letzte Woche nicht arbeiten, weil Wes krank war, der arme Schatz‹ und ›Wes hat sich mit dem Sohn des Nachbarn geprügelt.‹ Eine ganze Weile hatte Megan geglaubt, Wes sei Jades Sohn und dass er in einer Mannschaft der Little League Baseball spiele. Aber nein, er war ein großer Junge, ihr Freund und Lebensgefährte – und ein totaler Dreckskerl, wie Megan folgerte. Der Sohn des Nachbarn war im College-Alter, und allem Anschein nach war Wes betrunken oder high gewesen, als es zu der Prügelei gekommen war.

Megan hatte keine Ahnung, in was für einem Zustand Wes war, wenn er auf Jade losging – ob er in diesen Fällen betrunken oder wütend sein musste oder ob bereits ausreichte, dass er sich langweilte. Sie wusste aus eigener Erfahrung, dass alles der Auslöser für eine Prügelorgie sein konnte, wusste aber ebenfalls, dass Jade nicht darüber sprechen wollte. Sie hatte gehört, wie andere Kunden Jade auf ihre blauen Flecke angesprochen hatten – manchmal waren die violett verfärbten Male in ihrem Gesicht, manchmal an ihren Armen, weil sie versucht hatte sich zu wehren. Jade erzählte dann immer die gleichen Lügengeschichten, die Mrs. Glenn Swann in diesen Fällen erzählt hatte, dass sie über irgendetwas gestolpert oder gegen einen Türpfosten gerannt war.

Megan war als Nächste an der Reihe. Sie beobachtete Jade bei der Arbeit hinter dem Tresen, die sie so langsam wie eine Schnecke verrichtete, so zumindest hatte ihre Mutter das immer formuliert. Jade bewegte sich schwerfällig an den Tagen, an denen sie bunt und blau war. Und sie war dann auch nicht so quirlig, mitteilsam und kokett wie sonst. Die Hälfte der Männer in der Firma waren scharf auf Jade. Sie war in der Tat recht hübsch, hatte seidige Haut, blaue Augen mit langen Wimpern und – sofern sie sauber waren – wellige, glänzende, hellbraune, schulterlange Haare. Die burgunderrote Schürze, die sie trug, konnte ihre tolle Figur nicht ganz verstecken. Jedes Mal, wenn Megan hörte, dass jemand behauptete, sie sähe aus wie Jade, betrachtete sie das als Kompliment. Jade hatte ihr irgendwann sogar erzählt, dass ein Kunde sie gefragt habe, ob sie eine Schwester hätte, die in der Anwaltskanzlei auf der siebzehnten Etage arbeiten würde. Megan hätte sich geschmeichelt fühlen können, doch die Vorstellung, dass irgendein Fremder Fragen nach ihr stellte – selbst wenn es sich dabei um derart harmlose Fragen handelte –, beunruhigte sie.

Der Mann vor Megan stopfte einen Ein-Dollar-Schein in Jades Trinkgeld-Glas und zog mit seinem Caffè Latte ab. Jade sah sie mit einem schiefen Lächeln an. »Hi, Meg, das Übliche?«

Sie lehnte sich gegen den Tresen und nickte. »Danke.«

»Könnten Sie mir einen Gefallen tun?«, fragte Jade, während sie die Espressomaschine bediente. »Könnten Sie einen Anruf tätigen und behaupten, es wäre eine Bombe im Haus versteckt – damit sie das Gebäude evakuieren? Dann könnte ich vielleicht Feierabend machen und nach Hause gehen. Heute wäre ich am liebsten gar nicht hier.«

»Schlimmen Abend gehabt?«

»So könnte man es ausdrücken.« Jade seufzte, untermalt vom Fauchen der Espressomaschine.

»Hat Wes Ihnen wieder Ärger gemacht?«, bedrängte sie die junge Frau weiter.

Jade gab ihr keine Antwort darauf. Megan nahm an, dass sie nur so tat, als habe sie die Frage nicht gehört. Sie durchwühlte ihre Handtasche, förderte einen Fünf-Dollar-Schein und einen Kugelschreiber zutage, und dann kritzelte sie ihre Telefonnummer auf eine Serviette. Als Jade ihr ihren Kaffee auf den Tresen stellte, reichte Megan ihr die Serviette. »Das ist meine Telefonnummer«, flüsterte sie. Sie warf einen Blick über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass niemand hinter ihr stand. »Wenn es zu Hause richtig schlimm wird, machen Sie, dass Sie dort wegkommen, und rufen Sie mich an. Sie können so lange wie nötig bei mir wohnen. Sie sollten an einen Ort flüchten können, an dem er Sie unmöglich finden kann.«

Mit gerunzelter Stirn sah Jade sie an und legte die Serviette aus der Hand. »Ich weiß nicht, wovon Sie reden – und Sie wissen das auch nicht.« Sie drehte sich zur Kasse, schob den Fünf-Dollar-Schein ins Geldfach und zählte Megans Wechselgeld aus. Sie schob es ihr über den Tresen. »Aber trotzdem vielen Dank«, brummte sie.

Megan rollte ihren Ärmel hoch, sodass drei inzwischen verblasste weiße Kratzwunden auf ihrem Unterarm sichtbar wurden. »Ich war über ein Jahr mit so jemandem zusammen. Die hier hat er mir mit einer Gürtelschnalle beigebracht. Ich habe auch noch andere Narben. Ich weiß, wovon ich rede, Jade – und Sie wissen das auch.« Megan zog den Ärmel wieder herunter. Sie steckte das Wechselgeld in das Trinkgeld-Glas, nahm den Becher mit ihrem Espresso in die Hand und nickte mit dem Kopf in Richtung der Serviette auf dem Tresen. »Verstecken Sie diese Telefonnummer trotzdem an einem sicheren Ort, für die nächste schlimme Nacht.«

Nach wie vor sah Jade sie mit mürrischer Miene an. »Ich brauche Ihre Hilfe nicht, und ich brauche auch keine guten Ratschläge.«

»Doch, die brauchen Sie«, entgegnete Megan. »Wenn Sie sich schon nicht helfen lassen wollen, wechseln Sie wenigstens das Make-up, und benutzen Sie in Zukunft das Cover FX mit dem Schwämmchen-Applikator. Damit lassen sich die Blutergüsse besser überschminken. Auf das Zeug habe ich früher geschworen.« Sie rang sich ein Lächeln ab. »Es tut mir leid, Sie hier in Verlegenheit zu bringen. Ich bin jetzt still.«

Mit einem lauten Seufzer griff Jade nach der Serviette und zerdrückte sie in ihrer Faust. »Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag«, sagte sie mit tonloser Stimme.

Megan nickte. Sie drehte sich um und lief mit ihrem Espresso in Richtung der Fahrstühle. Sie wusste genau, was Jade im Moment durchmachte. Sie kannte das Gefühl der Demütigung und der Scham, dieses Gefühl, versagt zu haben – weil jemand die Lügen durchschaut hatte. Ein anderer sah die blauen Flecke unter dem sorgfältig aufgetragenen Make-up. Sie wusste, dass Jade sich im Moment über sie ärgerte. Das arme Mädchen hatte jetzt aber zumindest einen Ausweg – einen Menschen, an den sie sich wenden konnte, wenn es allzu schlimm wurde.

In der Schlussphase hatte Mrs. Glenn Swann niemanden dieser Art gehabt.

Die Fahrstuhlglocke gongte, und das Lämpchen über der letzten Tür auf der rechten Seite leuchtete auf. Megan drehte sich noch einmal um und schaute auf den Stand des Café Z. Sie sah, dass Jade die zusammengeknüllte Serviette widerwillig in die Tasche ihrer burgunderfarbenen Schürze stopfte. Megan fühlte sich besser – für so etwa eine Sekunde. Dann ging ihr plötzlich siedend heiß auf, dass sie sich unter Umständen mit ihrer gut gemeinten Einmischung Schwierigkeiten einhandelte. Was, wenn Jade von ihrem Angebot Gebrauch machte – und irgendwie die Polizei ins Spiel kam? Konnte sie das riskieren?

Mit dem Gesetzgeber in Konflikt zu geraten – selbst wenn man nur ganz am Rand in einen Fall von häuslicher Gewalt verstrickt wurde – war gefährlich für sie. Und sie kannte Jade nicht gerade gut. Die Barista konnte eine total unzuverlässige Person sein. Megan malte sich aus, wie Jade ihrem Grobian von Freund von der Frau in der Anwaltskanzlei erzählte, die ihr Asyl angeboten hatte. Megan konnte bildhaft vor sich sehen, wie er stocksauer wurde und ihr die Hölle heißmachte – und Josh. Brachte sie ihren kleinen Sohn ebenfalls in Gefahr?

Als Megan mit ihrem Espresso die Fahrstuhlkabine betrat, hatte sie ein entsetzliches Gefühl in der Magengrube. Sie drückte auf den Knopf mit der 17. Als die Türen sich schlossen, schaute sie noch einmal auf das Café Z – und auf Jade hinter dem Tresen. Für einen kurzen Moment sah sie den Rücken eines Mannes, der einen roten Pullover trug und auf den Kaffeestand zusteuerte. Dann schlossen sich die Fahrstuhltüren.

Megan hatte den Mann in dem roten Pullover nicht erkannt.

Sie hätte ihn aber mal besser erkannt, denn das wäre für alle – außer vielleicht diesen Burschen selbst – viel, viel besser gewesen.

Der Serviettenspender war aus Metall, das glänzte wie ein Spiegel. Jade beugte sich über den Tresen und schaute hinein. Sie konnte nicht nur ihr Spiegelbild in dem Metall sehen, sondern auch das, wovon Megan gesprochen hatte. Sie hatte die blauen Flecke unter ihrem Auge und am Kinn nicht gerade gut abgeschminkt, und sie schmerzten auch immer noch – trotz der vier Ibuprofen, die sie am Morgen geschluckt hatte.

Sie hätte Megan gegenüber nicht so schnippisch sein und nicht so in die Defensive gehen sollen. Die arme Frau versuchte ja nur, ihr zu helfen. Jade beschloss, die Telefonnummer aufzuheben – nur für alle Fälle.

Als sie wieder von dem Serviettenspender aufblickte, sah sie, dass einer ihrer nervigen Stammkunden auf den Tresen zustolzierte. Es gab nette Stammkunden wie Megan, es gab aber auch solche Loser wie Lyle, bei dessen Anblick sie innerlich immer zusammenzuckte. Auf den ersten Blick hätte sie Lyle vielleicht für ein hübsches Kerlchen gehalten. Er schien viel Geld zu haben, denn früher hatte er immer einen Fünf- oder Zehn-Dollar-Schein in ihr Trinkgeld-Glas gesteckt, als sei das gar nichts. Zudem trug er immer diese leicht schrillen, teuer aussehenden Pullover. Heute Morgen war es dieses rote Teil – dessen Vorderteil ein gelb- und violettfarbenes Wirbelmuster zierte. Sie starrte ihn an und dachte dabei: Hi, Lyle. Bill Cosby hat gerade angerufen. Er will seinen Pullover zurückhaben.

Jade verzog den Mund zu einem angedeuteten Schmunzeln. Da Lyle das offenbar als ein Lächeln interpretierte, grinste er sie plötzlich dreist an. »Hallo, wie geht es Seattles schönster Barista?«

Das Schmunzeln verging ihr. Dieser Mann war ihr nicht geheuer. Zweimal hatte er sie schon gefragt, ob sie mit ihm ausgehen würde, und beide Male hatte Jade verneint und ihm erklärt, sie habe einen festen Freund. Seither waren die Trinkgelder nicht mehr so großzügig. Außerdem fing er an, Kommentare zu den blauen Flecken abzugeben, die sie nicht ganz überschminken konnte. Ein anderer Stammkunde hätte vielleicht gefragt: »Oh, haben Sie sich wehgetan?« Doch Lyle war so taktlos – und neugierig. »Was ist denn mit deinem Gesicht passiert?«, fragte er sie eines Morgens vor ein paar Wochen. »Hat dich jemand geschlagen? War das dein Freund? Warum bist du mit so jemandem zusammen? Du hast etwas Besseres verdient …«

Meinst du damit jemanden wie dich? Einen Loser?, hätte sie ihn gern gefragt. Stattdessen hatte Jade ihm einfach eine Lügengeschichte über einen Unfall beim Tennisspielen aufgetischt und ihn dann gefragt, womit sie ihm dienen könne.

Im Moment begutachtete er ihr Gesicht, das konnte sie sehen. Genau wie Megan schien er die blauen Flecke unter der Lage CoverGirl zu entdecken. Jade sah ihm nicht direkt in die Augen. »Womit kann ich Ihnen dienen?«, fragte sie ihn.

Er bestellte immer das Gleiche: einen großen Americano mit Platz für einen großen Schuss Kaffeesahne. Doch seit er angefangen hatte, sie mit Fragen nach ihrem Freund zu piesacken und ihr nicht mehr so übermäßige Trinkgelder gab, tat Jade immer so, als könne sie sich nicht erinnern, was er normalerweise bestellte.

Lyle beugte sich leicht über den Tresen. »Nun komm aber, Jade, du weißt doch, was ich will. Versuch einfach zu raten.« Er stieß einen langen Seufzer aus. »Und dann versuche ich vielleicht zu raten, wie du dir dieses blaue Auge eingehandelt hast.«

Jade wandte sich der Kaffeemaschine zu. »Ein großer Americano mit Platz für einen Schuss Kaffeesahne«, sagte sie und fing an, das Getränk zuzubereiten. Das Scheußliche an der Arbeit im Gaststättengewerbe war, dass ein Mensch wie sie einen unverfrorenen Zeitgenossen wie diesen Lyle Wie-immer-er-auch-mit-Nachnamen-hieß ertragen musste.

»Jade, wann wirst du endlich gescheit und verlässt ihn?«, fragte Lyle. »Eines schönen Tages wird er dich wieder mal verprügeln, und du fällst und schlägst mit dem Kopf auf eine Tischkante oder irgendetwas anderes – und bist tot. Und dein Freund wird der Polizei erzählen: ›Oh, das war ein Unfall, das habe ich nicht mit Absicht getan.‹ Manchmal reicht ein einziger Schlag in die Nieren, um einen Menschen umzubringen – oder ein Blutgerinnsel, das sich nach einer seiner Prügelorgien bildet …«

Jade bediente den Hebel der Maschine und starrte auf den Kaffeestrom, der sich in die hohe Tasse ergoss. Ihre Eingeweide krampften sich zusammen. Sie mochte keine Konfrontation, aber hier hatte man sie jetzt zu sehr provoziert. »Was Sie hier tun, geht entschieden zu weit«, erklärte sie schließlich mit leicht bebender Stimme. »Mein Privatleben geht Sie absolut nichts an.«

Er stieß einen verhaltenen Lacher aus. »Komm, Jade, ich weiß, dass dir das vielleicht alles ein bisschen unangenehm ist, weil ich dich gefragt habe, ob du mit mir ausgehen willst, und du Nein gesagt hast. Aber das bedeutet ja nicht, dass ich aufgehört habe, dich zu mögen. Und es bedeutet nicht, dass wir nicht Freunde bleiben können.«

Mit einem tiefen Seufzer stellte sie den Becher mit dem Kaffee auf den Tresen zwischen ihnen. Ihre Hand zitterte. Schließlich zwang sie sich, ihn anzusehen. »Genau da irren Sie sich. Wir sind nicht miteinander befreundet, Lyle. Wir sind niemals Freunde gewesen. Ich serviere Ihnen Kaffee, und Sie bezahlen für den Kaffee, und ich versuche, höflich und zuvorkommend zu Ihnen zu sein. Aber Freunde sind wir nicht. Machen Sie sich das klar, okay? Wenn Sie das nicht als Tatsache respektieren können, sollten Sie sich Ihren Kaffee in Zukunft woanders holen.«

Seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen, und er blitzte sie böse an, sagte aber nichts.

Jade trat einen Schritt zurück.

Er schaute auf den Becher mit Kaffee, den sie vor ihm auf den Tresen gestellt hatte. Eine Sekunde fürchtete Jade, er würde ihn in die Hand nehmen und ihr den heißen Kaffee ins Gesicht schütten. Er sah so zornig aus. Im Endeffekt griff er aber überhaupt nicht danach. Er drehte sich um und ging.

Jade sah ihm nach. Ihre Eingeweide krampften sich nach wie vor zusammen.

Auf einmal drehte er sich um, sah sie an, und im nächsten Moment grinste er.

Jade sagte sich, dass dieses unheimliche Kerlchen nichts weiter war als ein Loser, aber trotzdem lief es ihr kalt über den Rücken.

Sie beobachtete, wie er die Lobby verließ und nach draußen trat. Als sie den Americano in den Ausguss schüttete und den Becher in den Mülleimer warf, zitterte ihre Hand immer noch.

Sie wollte nur noch nach Hause in die warme Badewanne und sich einen kalten Waschlappen auf ihr lädiertes Gesicht legen. Es war aber nichts zu essen im Haus. Das hatte gestern Abend den Streit mit Wes ausgelöst. Sie hatte ihnen das Abendessen vom Chinesen mitgebracht, und obwohl er sich damit vollgestopft hatte, wollte er später noch einen Snack. Er war total sauer geworden, weil er keine Chips oder irgendwelches Salzgebäck hatte, die er zu seinem Bier futtern konnte. Sie hatte den Fehler begangen, etwas von sich zu geben wie: »Mensch, das tut mir leid, dass ich heute keine Zeit hatte, dir all die vielen Fresswaren zu besorgen, die du so gern isst. Ich habe nur leider dieses Ding, das man einen Job nennt …«

Wes arbeitete derzeit nur als Teilzeitkraft in der Autoreparatur-Werkstatt, nur noch zwei Tage in der Woche. Das zerstörte sein Selbstwertgefühl. Er hatte bisher aber keinen Finger gerührt, um sich woanders einen Vollzeitjob zu suchen. Sie zu kritisieren und zu schikanieren war das Einzige, was er tat. Sie waren seit Weihnachten 1997 zusammen, seit fast drei Jahren, und seit achtzehn Monaten ›kriselte‹ es bei ihnen. Oft dachte Jade: Jetzt ist das Maß voll, doch Wes hatte keine einfache Kindheit und Jugend gehabt. Sein Vater und seine beiden Stiefväter waren ihm gegenüber entsetzlich gewalttätig gewesen. Häufig sagte Wes zu ihr, sie sei das erste wirklich Gute, was ihm in diesem Leben passiere. Meist weinte er, wenn er das sagte, weil er sich gerade dafür entschuldigte, ihr wieder mal mit der Faust ins Gesicht geschlagen zu haben. Er brauchte sie. Sie konnte ihn nicht einfach verlassen, weil es im Moment nicht gut bei ihnen lief.

Also tat Jade ihr Möglichstes, um die Blutergüsse zu überschminken und so zu tun, als sei alles in bester Ordnung. Sie versuchte, verständnisvoll zu sein. Von Zeit zu Zeit konnte sie es allerdings nicht lassen, ihn darauf hinzuweisen, dass sie diejenige war, die ihnen die Miete finanzierte, für ihre Lebensmittel aufkam, sämtliche Rechnungen beglich und einen äußerst hohen Preis für seinen Mangel an Selbstwertgefühl zahlte.

Jade schob einen ganzen Einkaufswagen voller Lebensmittel – einschließlich Bier, Salzgebäck und Kartoffelchips für Wes – vor sich her, als sie in ihrem Supermarkt durch die Kosmetikabteilung stapfte. Cover FX hieß das Make-up, das Megan ihr am Morgen empfohlen hatte. Obwohl sie für einen kurzen Moment die Sonnenbrille abnahm, die ihr allzu klar erkennbares blaues Auge verdeckte, konnte Jade die Marke, auf die Megan früher geschworen hatte, nirgendwo entdecken.

Sie nahm an, dass Cover FX eine dieser kostspieligen Serien war, die es nur bei Nordstrom oder im The Bon Marché gab. Obwohl sie nie einen auf Schau machte, hatte Megan Stil, als würde sie aus reichen Verhältnissen stammen. Irgendein Billig-Make-up hätte sie ihr nicht empfohlen.

Seufzend schob Jade ihren Einkaufswagen Richtung Kassenbereich. In der Warteschlange neben ihr schrie ein im Kindersitz des Einkaufswagens sitzendes Kleinkind gegen Fleetwood Macs »Go Your Own Way« an, das aus der Beschallungsanlage dröhnte. Bruce Willis sprang ihr ins Auge, er war auf dem Cover des neuen PEOPLE-Magazins. Anscheinend war er jetzt mit einem spanischen Model liiert, das so ähnlich aussah wie Demi. Jade schwärmte seit »MODEL UND DER SCHNÜFFLER« für Bruce, und das wusste Wes. Sie hätte jetzt lediglich »gutes Geld für irgendein Klatschblatt« verplempern müssen, und schon wäre heute Abend bei ihnen zu Hause die Fortsetzung von »DIE FAUST DES RÄCHERS« gelaufen. Sie konnte sich im Moment keine weiteren Blutergüsse erlauben, also würde sie sich das Magazin zu einem späteren Zeitpunkt kaufen und es auf der Arbeit deponieren. Sie schaute nicht einmal darauf, als sie jetzt in der Warteschlange stand. Vielmehr schob sie ihren Einkaufswagen ein Stückchen weiter in den Gang, als die Kassiererin anfing, der Kundin vor ihr zu helfen.

Jade schaute nach oben und sah, dass etwas unterhalb der Decke ein runder Beobachtungs- und Kontrollspiegel hing. In diesem Spiegel sah alles ein wenig verzerrt aus. Trotzdem konnte sie nicht nur all die Kunden sehen, die in ihrem Umfeld hinter ihr standen, sondern auch drei der Gänge des Geschäfts. Am Anfang eines dieser Gänge sah sie jemanden stehen, der weder einen Einkaufswagen noch einen Einkaufskorb mit sich führte. Es war ein Mann in einem roten Pullover.

Für den Bruchteil einer Sekunde dachte sie sich nichts dabei. Doch dann erinnerte sie sich plötzlich an die Konfrontation, zu der es am Morgen zwischen ihr und Lyle gekommen war. Sie erinnerte sich an sein unheimliches Grinsen.

Ruckartig drehte Jade sich um. Sie suchte in dem Gang mit der Tiefkühlkost nach dem Mann mit dem roten Pullover. Aber dort war niemand. Sie trat sogar aus der Warteschlange, um das zu überprüfen – für den Fall, dass er sich irgendwo auf dem Gang versteckt hatte. Ihr fiel jedoch niemand auf. Rasch stellte sie sich wieder in die Schlange.

Während sie ihre Lebensmittel auf das Band legte, drehte Jade sich immer wieder nach hinten um. Doch sie sah Lyle nicht – oder sonst jemanden in einem roten Pullover. Trotzdem wusste sie ganz genau, dass sie sich den Knaben nicht eingebildet hatte.

Draußen erwarteten sie ein wolkenverhangener Himmel und Nieselregen; auf dem Parkplatz hatten sich die Laternen eingeschaltet. Auf dem Weg zum Auto kämpfte sie mit dem Einkaufswagen. Eines der beiden Vorderräder fing an zu wackeln und quietschte die ganze Zeit. Jade sah sich auf dem rappelvollen Parkplatz um, entdeckte aber niemanden in einem roten Pullover. Während sie ihre schweren Tüten in den Kofferraum wuchtete, beäugte sie die anderen Wagen, die in der Nähe parkten. Sie sahen alle leer aus. Trotzdem wurde sie das Gefühl nicht los, von jemandem beobachtet zu werden.

Bevor sie sich in ihren Wagen setzte, kontrollierte sie den Rücksitz. Niemand.

Gott, Jade, hör auf, dich in solchen Wahnvorstellungen zu ergehen.

Seufzend rutschte sie hinter das Steuer und ließ den Motor an. Dann schaltete sie die Scheinwerfer ein und die Scheibenwischer und ermahnte sich selbst, ruhig zu bleiben. Sie hatte sich von einem verzerrten roten Farbklecks im Überwachungsspiegel des Geschäfts in helllichte Panik versetzen lassen. Ganz bestimmt machte sie sich hier völlig unnötig Sorgen.

Trotzdem verriegelte Jade von innen die Türen, bevor sie vom Parkplatz fuhr – und schaute immer und immer wieder in den Rückspiegel. Im Grunde wusste sie gar nicht, wonach sie suchte, doch es schien ihr niemand nach Hause zu folgen.

Zu Hause: ein dreiräumiger, etwas schäbiger, gemieteter Bungalow, in dem sie seit zwei – vorwiegend unglücklichen – Jahren mit Wes zusammenlebte. In ihrer Straße in einer eher weniger begehrten Wohnlage von Nord-Seattle gab es keine Bürgersteige und nur wenige Garagenzufahrten. Die meisten Leute stellten ihre Fahrzeuge auf den bekiesten Parkbuchten vor ihren Häusern ab – nur zwei Häuser weiter unten war das anders, da stand auf der Garagenzufahrt ein ramponierter alter Lincoln Continental. Das Teil besaß keine Reifen und war, solange Jade zurückdenken konnte, auf Ziegelsteine aufgebockt. Sie hasste diese Gegend.

Jade hörte, wie der Kies unter ihren Reifen knirschte, als sie vor dem Haus vorfuhr. Der Vorgarten, dessen Rasen an manchen Stellen kahl war, wurde von einer großen Tanne beherrscht, die über der kleinen, flachen, mit grauen Schindeln gedeckten Bruchbude in den Himmel ragte. Sie hatte versucht, neben die Eingangstür ein paar Blumen zu pflanzen, doch im Schatten dieses großen Baumes schien alles einzugehen.

Sie öffnete den Kofferraum, schnappte sich die beiden ersten der insgesamt fünf prallvollen Einkaufstüten aus Doppelplastik und schleppte sie zum Haus. Den Kofferraum hatte sie offen gelassen. Sah nicht so aus, als sei Wes zu Hause. Es brannte zumindest nirgendwo Licht. Sie stellte eine der Tüten ab, schloss die Haustür auf und öffnete sie. »Wes?«, rief sie, griff dabei um den Türpfosten herum und schaltete das Licht im Wohnzimmer ein. Die Vorhängekette, mit der die Tür sich von innen sichern ließ, schlug klappernd gegen den Türrahmen, als sie versehentlich mit der Hand dagegenstieß. Sie wartete und horchte auf eine Reaktion von Wes, bekam aber keine Antwort.

Jade hob die zweite Einkaufstüte vom Boden vor der Haustür und trug beide durchs Wohnzimmer in die Küche. Mit dem Ellbogen schaltete sie das Licht in der Küche ein, bevor sie die Tüten auf den Frühstückstisch stellte. Eine der beiden war fürchterlich schwer, und so nahm sie ein paar Artikel heraus, damit die Tüte nicht umfiel.

Wieder hörte sie die Sicherheitskette an der Haustür klappern. Jade erstarrte. »Wes?«

Keine Antwort.

Sie biss sich auf die Unterlippe und lief zurück ins Wohnzimmer. Es war leer. Sie hatte die Haustür offen gelassen, weil noch drei weitere Tüten mit Lebensmitteln im Auto waren. Die Kette baumelte an der Halterung des Türrahmens. Sie schwang von einer Seite zur anderen wie das Pendel einer Uhr. Tat sie das immer noch, weil sie vor einer Minute mit der Hand darangekommen war? Oder hatte gerade ein anderer ebenso versehentlich dagegengestoßen?

Jade starrte in den im Dunkel liegenden Korridor, der von ihrem Wohnzimmer abging. Er führte in ihr Schlafzimmer, ins Gästezimmer und ins Bad. »Wes?«, rief sie erneut. »Bist du zu Hause, Schatz?« Sie wusste, dass er nicht da war. Er hätte Licht gemacht. Von der Stelle, an der sie stand, konnte sie sehen, dass die Badezimmertür einen Spaltbreit offen stand, und es brannte keine Lampe darin.

Du führst dich schon wieder auf, als littest du an Verfolgungswahn, sagte sie sich.

Nichtsdestoweniger warf Jade, als sie nach draußen ging, um die restlichen Lebensmitteltüten zu holen, einen weiteren argwöhnischen Blick auf diese am Türrahmen schaukelnde Kette. Sie spürte, wie die feuchte kühle Luft durch die Tür ins Haus strömte. »Albern«, murmelte sie. »Das ist bestimmt nur der Wind …«

Sie hielt sich die Hände über den Kopf, um sich gegen den Regen zu schützen, und hastete zurück zum Wagen. Leise trommelten die Tropfen auf das Autodach. Da sie sich ihr Haar mit einem mit Stoff überzogenen Gummi hochgebunden hatte, spürte sie, wie ihr das kalte Wasser den Nacken hinunterrann. Sie schnappte sich zwei weitere Einkaufstüten und eilte zum Haus zurück. Nur noch einmal, und nur noch eine Tüte, sagte sie sich, als sie die Haustür erreichte.

Wieder lief Jade in die Küche und stellte die Tüten auf den Frühstückstisch – neben die anderen. Sie hörte die Bodendielen im Wohnzimmer knarren und drehte sich rasch um. Das Wohnzimmer sah aus, als sei es leer. Allerdings konnte Jade durch die Küchentür nur einen Teil des Raums sehen.

Im nächsten Moment wurde plötzlich die Haustür ins Schloss geworfen.

Wieder klapperte die Vorhängekette. Dieses Mal wusste sie, dass das nicht nur einfach der Wind war.

Jade schaute auf die Scheibe des Panoramafensters, aus dem man auf die Straße blickte, und sah, dass jemand in ihrem Wohnzimmer war – ein Mann in einem roten Pullover. Schlagartig war sie wie gelähmt. Sie stand da und beobachtete in der verdunkelten Scheibe, wie er sich Richtung Küchentür bewegte.

Von draußen konnte ihn niemand sehen, denn der Baum versperrte die Sicht. Niemand konnte sehen, was ihr jetzt gleich passieren würde.

Lyle trat in den Türrahmen der Küche. Er hielt einen kleinen Baseballschläger in der Hand. Das Teil sah aus wie eines dieser Souvenirs, die man bei Baseballspielen kaufen konnte. Er grinste ebenso bösartig wie heute Morgen.

Instinktiv wich Jade zurück und warf dabei eine der Einkaufstüten um. Ein großes Glas rollte heraus, schlug auf dem Boden auf, zerbrach und bespritzte die Fliesen mit Tomatensoße.

Lyle zuckte nicht mit der Wimper. Keine Sekunde ließ er sie aus den Augen.

»Was machen Sie hier?«, fragte Jade mit zitternder Stimme. Sie konnte kaum atmen. Sie starrte auf den kleinen Schläger in seiner Hand. »Wissen Sie, mein Freund wird jeden Moment nach Hause kommen …«

»Dann kann er ja diese Sauerei beseitigen, die du da gerade angerichtet hast«, gab Lyle immer noch grinsend zur Antwort. »Wes wird lernen müssen, in Zukunft sehr viele Dinge selbst zu tun.«

Kopfschüttelnd starrte sie ihn an. »Wovon reden Sie? Was – was wollen Sie?«

»Ich werde ab jetzt für dich sorgen, Jade«, wisperte er.

Sie schaute auf eine Dose mit Pfirsichen, die auf dem Tisch stand. Sie griff sie sich und warf damit nach ihm. Die Dose schlug gegen den Türrahmen der Küche. Er hörte auf zu grinsen. Wutentbrannt stürzte er auf sie zu und hob den Baseballschläger.

»Warum tun Sie mir das an?«, kreischte sie und taumelte zurück.

Ganz plötzlich ging der Schläger auf sie nieder. Jade spürte, wie er ihren Schädel traf. Dann riss es ihr die Beine unter dem Körper weg. Sie spürte, dass sie stürzte; mit einem dumpfen Aufprall schlug sie auf dem Boden auf.

Sie roch Tomatensoße – und sie wusste, dass ihr Kopf blutete. Benommen und unfähig, sich zu rühren, versuchte Jade, mit den Augen zu blinzeln, konnte aber nichts sehen.

Sie spürte, dass er sich über sie beugte. Sie war hilflos.

»Ich tue das«, hörte sie ihn sagen, »weil du aussiehst wie sie.«

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