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Und immer war’s die Frau fürs Leben

INHALT

Prolog

~ Moritz ~

von Harald Braun

1. Lieber ein ganzer Kerl als ein halber Hahn

~ Sara ~

von Anne Weiss

Nicht so einfach

~ Moritz ~

2. Maskerade

~ Hanna ~

von Katarina Fischer

Nur ein kleiner Gefallen

~ Moritz ~

3. Nuss mit Kuss

~ Jana ~

von Michaela Thewes

Best Man

~ Moritz ~

4. Knapp vorbei ist auch daneben

~ Marie ~

von Britta Sabbag

Notiz an mich selbst

~ Moritz ~

5. Schenk Dein Glück an andre weiter

~ Kerstin ~

von Stefanie Heinen

Total locker

~ Moritz ~

6. Wenn der kleine Hunger kommt

~ Nina ~

von Gabriele von Braun

Fluch der Karibik

~ Moritz ~

7. Ein Wölkchen am Horizont

~ Bianca ~

von Sabine Werz

Die Nachricht(en)

~ Moritz ~

8. Barsche in Dessous

~ Valerie ~

von Mirjam Müntefering

Das Träumchen

~ Moritz ~

9. Eine Nacht im Märchenland

~ Leni ~

von Nele Kirschner

Schalala

~ Moritz ~

10. Der Held in meinem Bett

~ Nele ~

von Daniela Schuld

Notiz an mich selbst

~ Moritz ~

Epilog

~ Moritz ~

von Harald Braun

Der Autor

Die Autorinnen

PROLOG

~ MORITZ ~
von Harald Braun

»Nur ein verzweifelter Spieler setzt alles auf einen
einzigen Wurf.«
Friedrich von Schiller

Zum Glück trug Sam schon lange keine Doc Martens mehr. Der Tritt, den mir mein Partner unter dem Tisch versetzte, war aber auch ohne Stahlkappe im Schuh schmerzhaft genug.

Ich zuckte zusammen und wandte meinen Blick von Jennifer Aniston ab. Das erste Mal seit gefühlten dreißig Minuten. Die Frau, der ich an diesem späten Nachmittag in einem lichtdurchfluteten Raum mit Rheinblick gegenübersaß, war natürlich nicht wirklich Jennifer Aniston. Sie trug nur deren Frisur, diesen leicht verzottelten Bob, der immer so nachlässig perfekt aussieht, als hätte sie morgens noch dreihundert Euro in einen Star-Coiffeur investiert und am Nachmittag bei dreißig Grad im Gemüsegarten gebuddelt.

»Was glaubst du, Moritz, wie lange würden wir wohl für die ersten Skizzen benötigen?«

Warum nur hatte ich den Eindruck, dass Sam diese Frage in den letzten dreißig Sekunden nicht zum ersten Mal gestellt hatte? Jennifer Aniston und zwei Herren, an deren Namen ich mich nicht erinnerte, musterten mich aufmerksam. Sams Gesichtsausdruck konnte sich nicht entscheiden. Während er mich scheinbar interessiert anschaute, zuckte seine Unterlippe verdächtig. Offenbar schaffte er es nur mühsam, nicht loszuprusten.

Das zahl ich dir heim!, dachte ich, während ich fieberhaft meine Festplatte nach dem Text der letzten Minuten abscannte. Doch da war nichts gespeichert, das mir weiterhelfen würde. Alles, worüber ich mir Gedanken gemacht hatte, seitdem das Meeting im Konferenzraum der Eventagentur ColorsCologne im Kölner Rheinauhafen begonnen hatte, bezog sich auf Jennifer Aniston und zwei schlichte Fragen. »Kenne ich die nicht irgendwoher?«, lautete eine davon. Die zweite schloss sich nahtlos an, obwohl schon Punkt eins nicht mit hundertprozentiger Sicherheit beantwortet werden konnte: »WOHER bloß könnte ich diese Frau kennen?«

Ich räusperte mich, um etwas Zeit zu gewinnen. »Ich glaube …«, setzte ich an, »also ich denke … so wie mein Partner schon sagte …« Unvermittelt wandte ich meinen Blick wieder Jennifer Aniston zu und fragte sie mit fester Stimme, als sei mir gerade die Lösung eines komplizierten Problems eingefallen: »Wie war noch einmal gleich Ihr Name?«

Die Herren aus der Agentur zogen synchron die Augenbrauen hoch, während Sam ein glucksender Laut entwich, wie man ihn aus dem Publikum der Harald-Schmidt-Show kennt. Wenigstens einer im Raum amüsierte sich wie Bolle.

»Maren Bettermann«, antwortete die falsche Jennifer Aniston nach einer kurzen Pause. »Wie ich schon sagte, ich bin die Projektleiterin für ›Rheinauhafen Summer Nights‹.« Sie lächelte mich unergründlich an, fast ein wenig verschmitzt, so kam es mir jedenfalls vor.

Die beiden Agenturfritzen starrten mich inzwischen so mitleidig an, als sei ich ein Sonderschüler, der sich bei der NASA bewirbt.

»Wie wäre es mit einem Kaffee?«, fragte Maren Bettermann schließlich, als ich immer noch keine Anstalten machte, mit sachdienlichen Hinweisen zum Thema des Tages aufzuwarten. Noch bevor sie den Satz ganz ausgesprochen hatte, stürzte einer der Herren aus dem Zimmer. Offenbar war er, obschon Anzugträger (ohne Krawatte), so eine Art Praktikant bei CoCo, wie die Agentur sich munter abkürzte, und als solcher für die Koffein-Zufuhr zuständig.

Ich sah Sam hilfesuchend an und nickte kurz. Du hast jetzt deinen Spaß gehabt, zieh mich gefälligst auch wieder raus aus dem Sumpf!

Und Sam zog.

»Darf ich Ihnen in der Zwischenzeit unsere aktuellen Referenzen zeigen?« Er wandte sich an den übrig gebliebenen Herrn der Agentur (mit Krawatte) und drehte sein Laptop so, dass Maren Bettermann und die Krawatte freie Sicht auf den Monitor hatten.

Seine Präsentation dauerte etwa drei Minuten. Fotos von Katalogen und Buchcovern floateten in Slow Motion über den Bildschirm, eingebettet in die Sounds von Mobys Hotel. Die kurze Leistungsshow der Grafikdesign-Agentur Linientreu, die Sam und ich knapp drei Jahre zuvor gegründet hatten, endete mit unserer bislang aufwendigsten Arbeit: Für einen Kölner Comedian hatte Linientreu nicht nur das Artwork der CD und das Tourneeplakat gestaltet, sondern auch das gesamte Bühnenbild für dessen bundesweite Auftritte entworfen.

»Wir hätten den Kerl auch gern persönlich eingekleidet, aber da ist uns C&A leider zuvorgekommen«, sagte Sam, während Mobys letzte Töne verklangen.

Ich finde Sams Gag am Ende aller Präsentationen eher mäßig, doch an diesem Tag freute ich mich ausnahmsweise über jedes Wort, das mein Partner zu viel redete. Ich brauchte die Zeit, um die Infomappe zu »Rheinauhafen Summer Nights« unauffällig zu überfliegen. Sie war uns zwar gleich zur Begrüßung ausgehändigt worden, doch statt darin zu lesen, hatte ich mich ausschließlich darauf konzentriert, das Geheimnis von Jennifer Aniston zu ergründen. Vergeblich. So war ich nun weder in der einen noch in der anderen Sache wirklich im Bilde.

Es ging für Linientreu offenbar um die grafische Umsetzung eines Veranstaltungskatalogs: zweiundsiebzig Seiten über ein Kulturprogramm am Rheinufer. Das Übliche: Jazz, Lesungen, mobile Cocktailbars. So ein Mittelding zwischen leichter Kulturpädagogik und kulinarischem Rummel. Dazu noch ein Flyer mit den Highlights des Programms, der in Köln und Düsseldorf in hoher Auflage verteilt werden sollte. Das klang gar nicht schlecht. Der Haken: Es waren noch zwei andere Grafikbüros im Rennen. Ein Pitch also.

Eigentlich kein Problem, aber ich hätte dennoch gern gewusst, wer die Konkurrenten von Linientreu waren. Ich bin schließlich Sportler, und als regelmäßigem Jogger macht mir auch ein Wettbewerb auf der Langstrecke Spaß.

Inzwischen war auch der Kaffee im Konferenzraum eingetroffen. In einer klobigen »Starbucks«-Tasse dampfte kohlrabenschwarze Brühe. Milch und Zucker wurden uns nicht angeboten. Anscheinend wollten die Herrschaften sichergehen, dass ich an diesem Tag noch mal aufwachte.

Ich spuckte mir symbolisch in die Hände. Auf in den Kampf! Es mochte ja sein, dass ich schwach angefangen hatte, aber das Rennen war noch nicht vorbei!

Ich nippte am Kaffee und schaute den beiden Herren der Agentur über den Rand meiner Tasse in die Augen. Als ich sicher war, dass ich ihre volle Aufmerksamkeit hatte, wandte ich mich langsam, gaaaanz langsam Maren Bettermann zu. Jetzt war mir gleich, ob und woher ich sie möglicherweise kannte. Sie hatte etwas, das ich haben wollte. Nur das zählte.

Maren Bettermann erwiderte meinen Blick – jedenfalls für ein paar Sekunden. Doch charmant schauen, bis meine in der Regel weiblichen Gesprächspartner verlegen einknicken, kann ich ganz vorzüglich. So wartete ich gelassen, bis auch Maren Bettermann ihren Blick abwandte und verlegen in ihren Papieren blätterte, erst dann begann ich zu sprechen. Und wie ich begann.

Dreißig Minuten. 1800 Sekunden ohne Pause und Versprecher. Ich dozierte über visuelle Ideen zur Umsetzung des Konzepts, regte den Einsatz von Illustrationen an, zitierte moderne Bildbanken, sprach über Farbdramaturgien und Schriftgrößen, Freisteller und Autoren, verglich verschiedene Heftformate und setzte sie ins Verhältnis zu angepeilten Zielgruppen. Ich verschob Zeitfenster, entwarf Kostentabellen und garantierte Deadlines. Kurzum: Ich verwandelte mich von einem Menschen, der scheinbar einen Flyer nicht von einem Zugvogel unterscheiden kann, in einen kreativen Quell zahlloser Ideen. Und schloss mit einem Spruch, den jeder Fischverkäufer im Repertoire hat: »Wenn wir das umsetzen, dann müssen Sie aufpassen, dass Ihnen Ihre Gäste in dem Gedränge nicht in den Rhein fallen!«

Sam grinste in sich hinein und schwieg. So kennt er mich. Unter Druck war ich schon immer am besten.

Die Herren von ColorsCologne hatten sichtlich Mühe gehabt, mir zu folgen, doch es war ihnen anzumerken, dass sie beeindruckt waren. Die Krawatte schielte irritiert in meinen Kaffeebecher und kratzte sich am Kopf. Auch Maren Bettermann blickte Sam und mir nur scheinbar unbeeindruckt in die Gesichter. Ihre Augen lächelten, während sie die Eckdaten des Projekts noch einmal herausstrich: »Wir benötigen Ihre Ideen als Skizzen mit Farbanmutung und zwei bis drei Schriftvarianten in spätestens zwei Wochen. Lassen Sie sich von unserer Grafik bitte die Zugangsdaten für unseren FTP-Server geben. Wir honorieren Ihre erste Präsentation auch in dem Fall, dass Sie den Auftrag nicht erhalten, mit fünf Tagessätzen.«

»Ihren oder unseren?«

Das war hoch gepokert, aber gezielte Frechheiten kamen bei Frauen ja oft ganz prima …

Maren Bettermann jedoch schaute mich an, als wäre für mich so langsam mal wieder ein Schluck aus der Kaffeetasse fällig. Doch zum Glück entfaltete sich schnell ein entwaffnendes Lächeln auf ihrem Gesicht: »Netter Versuch!«

Sam und die beiden Agenturmänner lachten höflich und begannen mit den gängigen Verabschiedungsritualen: Hat mich gefreut, Sie kennenzulernen. Interessante Ideen. Wir hören voneinander. Strombergs kleines Floskel-Brevier. Nur ich saß mit offenem Mund auf meinem Stuhl, als habe man mich festgetackert. Netter Versuch?

Ich schaute die brünette Schönheit mit dem Jennifer-Aniston-Bob so verblüfft an, als tanzte auf ihrem Kopf ein Äffchen.

Maren Bettermann reichte mir derweil die Hand und sagte ihr Sprüchlein: »Hat mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen.« Dann flüsterte sie, beinahe tonlos, aber für mich noch ganz gut zu verstehen, ein spöttisches »Again!« hinterher. Einen Augenblick später drehte sie sich weg und schwebte aus dem Raum.

Ich schaute ihr mit offenem Mund nach. JETZT wusste ich, woher ich Maren Bettermann kannte: Mai 2010. Das Sommerfest auf der Terrasse des St. Josef-Hotels. Die Erdbeerbowle. Der amüsante Flirt unter dem gotischen Gewölbe des ehemaligen Klosters. Und die halbe Stunde nach Mitternacht, in der ich versucht hatte, die damals noch platinblonde Maren zu überreden, sich im St. Josef ein Zimmer mit mir zu nehmen. »Netter Versuch!«, hatte sie auch damals geantwortet, mich aber trotzdem geküsst und ihre Telefonnummer auf einen Bierdeckel geschrieben. Ins Hotelzimmer war sie mir allerdings nicht gefolgt. Ich hatte erst im Laufe des Abends gemerkt, dass Maren nicht nur gut aussah. Sie verfügte über einen hintergründigen Humor, war schlagfertig, smart, einfach eine tolle Frau. Doch als ich das schließlich überrascht realisiert hatte, hatte ich mich schon verpokert und mich wieder mal als »Sven aus Hamburg« ausgegeben. Hin und wieder wirkte dieses Jetzt-oder-nie-Szenario beschleunigend auf die Bereitschaft neuer Bekanntschaften, das ganze Lied gleich in der ersten Nacht zu spielen. Bei Maren aber war ich mit dieser Strategie abgeblitzt. Und nach diesem Abend konnte ich sie ja als »Sven aus Hamburg« kaum noch einmal anrufen – obwohl ich hin und wieder an sie gedacht hatte.

Netter Versuch? Tja. In diesem Fall wohl eher ein Griff in den Kübel.

»Was war das denn?«, fragte mich Sam im Lift. »So attraktiv war die gute Maren jetzt aber auch wieder nicht. Oder hat dich mal wieder der Blitz getroffen?«

Ich schaute aus dem gläsernen Aufzug hinaus auf den Rhein, auf dem gerade ein kleiner Frachter langsam vorbeituckerte. Am besten, ich ignorierte ihn einfach. Sam amüsierte sich schließlich nicht zum ersten Mal über meine Fähigkeit, eine Frau nur zu sehen und mich aus dem Stand in sie zu verlieben. Was sollte ich dazu auch sagen? Mit Sam ernsthaft über meine amourösen Trampelpfade zu debattieren wäre ohnehin sinnlos: Mein Partner hat seine Sandkastenliebe geheiratet, da war er gerade einundzwanzig! Seit vierzehn Jahren ist er glücklich mit Bettina zusammen. Manchmal beneide ich Sam für die Selbstverständlichkeit, mit der er auf eine vorgezeichnete Zukunft im Reiheneckhaus mit drei Kindern zusteuert. Zwei davon haben die beiden schon ausgeliefert.

»Ich kannte die Frau!«, antwortete ich schließlich mit einer wegwerfenden Handbewegung.

»Das glaub ich jetzt nicht! Jetzt treffen wir schon in den Meetings auf deine Opfer …« Sam lachte. »Jedenfalls scheint dich Fräulein Bettermann amtlich aus der Fassung gebracht zu haben, so wie du sie angestarrt hast …«

»Ich hab sie erst gar nicht wiedererkannt«, gestand ich. »Das ist alles schon ein wenig länger her. Und außerdem habe ich sie nicht … Ich meine … da war nichts. Nicht viel jedenfalls.«

»Na klar, nicht viel. Kann ich mir denken. Ist ja nie so viel bei dir …« Sam schüttelte scheinbar missbilligend, aber in Wahrheit doch eher vergnügt den Kopf. Das Quantum Abenteuer, das seinem Leben fehlt, holt er sich als virtueller Beifahrer meines Liebeslebens ganz gerne bei mir ab.

Ich hielt ihm die Tür des Lifts auf und zeigte dabei nach oben in die Richtung, in der ich die Räume von ColorsCologne vermutete: »Stell dich schon mal drauf ein, dass wir diesen Job nicht kriegen. Ich schätze, Fräulein Bettermann hat mich wiedererkannt!«

Sam zuckte mit den Schultern. »So übel hast du sie abserviert?«

»Na ja, nicht direkt abserviert. Sagen wir: Mein gesamter Auftritt war keine stilistische Meisterleistung …« Mit Details über meine Zweitidentität als »Sven aus Hamburg« wollte ich Sam jetzt lieber nicht füttern. So nah sind wir uns auch wieder nicht.

Sam war zum Glück nicht sonderlich beunruhigt. Unserer Firma ging es so gut, dass sich Linientreu sogar seit einiger Zeit erlauben konnte, den ein oder anderen Auftrag abzulehnen. »Bevor wir Annoncen für das Möbelhaus Dudelmeier schrubben, fahre ich lieber Taxi«, sagt Sam hin und wieder, was eine erstaunlich selbstbewusste Aussage für einen Familienvater mit zwei Kindern ist.

Ich war da ganz bei meinem Partner. »Das Rheinauhafen-Ding brauchen wir wirklich nicht zwingend«, sagte ich. »Wir kommen ja jetzt schon kaum hinterher, ich kann mich an meinen letzten Urlaub kaum noch erinnern. Außerdem hat ColorsCologne zurzeit nicht mal das gesamte Festivalprogramm in trockenen Tüchern. Da fassen wir am Ende jede Seite dreimal an, bis das Booklet wirklich druckfertig ist.«

Sam nickte, doch er konnte es sich einfach nicht verkneifen: »Obwohl …«

»Obwohl was?«

Sam grinste. »Obwohl Köln auf Dauer zu klein für uns wird, wenn du dich noch ein paar Jahre durch die Stadt vögelst. Kannst du dich nicht zukünftig auf der anderen Rheinseite oder in Düsseldorf austoben, bevor wir in den Agenturen der Stadt schon an der Tür abgewiesen werden?«

»Sehr witzig!«, antwortete ich, doch ich musste selbst lachen. »Düsseldorf kommt aber nicht infrage. Dortmund vielleicht. Oder Aachen.« Insgeheim hatte ich tatsächlich schon darüber nachgedacht, ob es vielleicht an den Kölner Frauen lag, dass ich einfach keine dauerhafte Beziehung hinkriegte. So lebenslustig und – tja, wie soll ich das ausdrücken? – freizügig die jungen Damen der Domstadt auch alle sind. Da wäre es doch wirklich schade, nicht so viele wie möglich von ihnen kennenzulernen.

Mein kleiner Bruder Markus behauptet, die Offenherzigkeit der Kölner Frauen hinge mit dem Karneval zusammen. »Die werden ja quasi zur Sünde erzogen«, albert er immer, wenn die Sprache auf die Eigenheiten der einheimischen Damen kommt, »und wer einmal die Salbungen der Zügellosigkeit genossen hat …« Beide wussten und wissen wir natürlich, dass das nur eine Blödelei unter Brüdern ist. Die Kölner Frauen waren beileibe unschuldig daran, dass ich meine große Liebe noch nicht gefunden hatte. Ich ganz allein war es, der immer gleich die Flucht ergriff, wenn es ernst zu werden drohte. Manchmal, als »Sven aus Hamburg«, sogar schon deutlich früher …

»Noch auf einen Drink ins ›Hallmackenreuther‹?«, fragte Sam, der es wieder einmal nicht so eilig zu haben schien, in seine Rondorfer Familienbutze zurückzukehren.

»Nein, heute nicht, keine Zeit«, antwortete ich bedauernd. »Meine Mutter feiert heute Abend ihren Geburtstag, und ich brauche noch was Kleines!«

»Was wünscht sie sich diesmal?«, fragte Sam. »Einen ausgestopften kaspischen Tiger fürs Esszimmer?«

Ich lächelte. »Der kaspische Tiger ist ausgestorben, du Experte. Ich bin an einem kanadischen Braunbären dran!«

Sam lachte, dann winkte er zum Abschied. »Wir sehen uns morgen in alter Frische!«

Ich winkte lässig zurück, dabei dachte ich schon an das Geschenk für meine Mutter. Mit seinem Gekasper lag Sam gar nicht so verkehrt, denn meine Mutter hat in ihrer zweiten Lebenshälfte die Freuden der exotischen Inneneinrichtung entdeckt. Markus und ich werden regelmäßig gebeten, auf Reisen nach landestypischen Beutestücken zu fahnden: afrikanische Schrumpfköpfe, indischer Trauerschmuck, Glaskunst aus Murano – in dieser Hinsicht ist sie ziemlich flexibel. Hauptsache, die Präsente sind weit gereist und lassen sich auch im rheinischen Kulturkreis ausstellen. Zu ihrem achtundfünfzigsten Geburtstag aber würde sie mit einem Zufallsfund aus einem Design-Outlet im Rheinauhafen leben müssen – für einen längeren Trip hatte mir in den letzten Monaten wirklich die Zeit gefehlt.

Drei Stunden später saß ich in meinem Wagen und kämpfte mich durch den Kölner Straßenverkehr. Auf mein Auto bin ich stolz, auch wenn ich das nicht gerne zugebe. Es ist doch bloß ein Auto!, denke ich immer, wenn ich mich dabei ertappe, wie ich zärtlich über das Chassis meines silbernen Alfa Romeo Junior Zagato aus dem Jahr 1975 streiche. Aber zum einen habe ich das elegante, ziemlich seltene Fahrzeug bei einem Kfz-Ganoven in Ehrenfeld schon vor Jahren billig geschossen. Zum anderen bin ich als Grafikdesigner schon aus beruflichen Gründen dazu verpflichtet, nicht mit einem einfachen Opel oder einem schmucklosen Japaner bei den kreativsten Unternehmen der Stadt vorzufahren und dort auf Gestaltungsaufträge zu hoffen. So ein Wagen auf dem Firmenparkplatz ist doch quasi meine Visitenkarte!

Auf das wunderbare Gefühl, das entsteht, wenn der Motor bei Beschleunigung samtig surrt, musste ich an diesem Tag leider verzichten. Die Zufahrtsstraßen nach Klettenberg waren einmal wieder verstopft, und wie immer, wenn ich die Ringstraßen meiner Heimatstadt abfahre und auf gefühlten acht Kilometern nicht ein Mal links abbiegen kann, verfluchte ich die Stadtplaner. Falls es so etwas wie Stadtplanung jemals gab in einer Stadt, in der die Fatalisten den Ton angeben: »Et kütt, wie et kütt, un et hätt noch immer joot jejange

Ich muss zugeben, dass mir diese Lebenseinstellung prinzipiell gefällt. Allerdings nicht unbedingt auf den Uferstraßen am Rhein oder der Nord-Süd-Fahrt, die dafür verantwortlich ist, dass die Kölner Innenstadt in zwei Teile zerschnitten wird.

Ich hatte meinen iPod eingestöpselt und hörte laut die Foo Fighters, um mich vom zähen Voran auf der Luxemburger Straße abzulenken, als mein Telefon in der Jackentasche vibrierte. Es war mein Bruder, der wie ich zur Wohnung unserer Eltern unterwegs war.

»Hast du noch was gefunden, das Queen Mum gefallen könnte?«, fragte er ohne große Begrüßungsformalitäten.

»Das hoffe ich doch«, antwortete ich. »Erinnerst du dich an diese Weltspiegel-Dokumentation über die Mönche in Luang Prabang, die sie so begeistert hat?«

»Diese laotische Orgie in Orange?«

»Genau die! Ich habe in so einer Designerbutze im Rheinauhafen einen DIN-A0-Originalabzug einer solchen Szene gefunden. Mönche im Morgengrauen, die im Nebel an knienden Passanten vorüberziehen und Töpfe mit Reis und Früchten einsammeln. Großartiges Bild. Dürfte auch unserer virtuell weltreisenden Mutter gefallen.«

»Hört sich gut an. Und teuer …«

»Na ja, ein Kunstdruck vom Dom wär natürlich billiger gewesen.«

»Komiker! Das habe ich ein Mal gebracht, und da war ich vierzehn!«

Beide mussten wir lachen, als wir uns an den süßsauren Gesichtsausdruck unserer Mutter bei der Geschenkübergabe erinnerten. Ich war damals zwar schon sechzehn gewesen, aber leider nur geringfügig geschmackssicherer: Ich hatte mit einem berühmten Bestseller von Philip Roth punkten wollen, Portnoys Beschwerden. Seitdem lese ich den Klappentext von Büchern etwas sorgfältiger, wenn ich sie verschenken will.

»Was hast du eigentlich am Hafen gemacht, das ist doch gar nicht dein üblicher Auslauf?«, unterbrach Markus meine Gedanken.

»Ach, was Berufliches!«, wiegelte ich ab. Ob ich meinem Bruder von dem katastrophalen Meeting mit Maren Bettermann erzählen sollte? Nein, ich konnte mir schon vorstellen, wie Markus auf meine Slapstick-Einlage reagieren würde: mit ein paar Witzen auf meine Kosten vermutlich – und mit unwillkommenen Ratschlägen.

Obwohl Markus mit einunddreißig immer noch als Student unterwegs ist, zeigt er in Liebesdingen deutlich mehr Entschlossenheit als ich: Er ist schon seit Jahren mit der hübschen ehemaligen Leistungsturnerin Britta von Drahten liiert, die ich aufgrund ihrer mangelnden Körpergröße zwar ständig als einen Knirps mit Brüsten verkaspere, insgeheim aber längst zur Familie zähle und dementsprechend lieb gewonnen habe. Überhaupt Familie: Da gibt es wenig, was mir wichtiger ist.

Deshalb erzählte ich Markus dann doch noch von meinem Meeting bei ColorsCologne. Das beschäftigte mich nämlich mehr, als ich wahrhaben wollte, und diese Maren Bettermann ging mir auch nicht mehr aus dem Kopf. War ich etwa doch schon wieder blitzverliebt?

Mein Bruder war wie erwartet höchst amüsiert. »Führst du diese ›Sven aus Hamburg‹-Nummer wirklich immer noch auf?«

»Nein, das mach ich schon länger nicht mehr. Ehrlich. Aber Maren habe ich vor fast drei Jahren getroffen, da war ich noch jung und brauchte den Freiraum …«

»Tja, mein Lieber, das Pendel. Es kommt alles zu dir zurück!«

»Du Klugscheißer!«

»Du Hallodri!«

»Du Frührentner!«

»Du … du … SVEN!«

Wir lachten beide.

»Aber mal ernsthaft, großer Bruder.« Markus seufzte theatralisch. »Ewig kannst du diese Peter-Pan-Geschichten auch nicht durchziehen. Du willst doch nicht im Greisenalter immer noch durch Bars und Discos streifen und nach der perfekten Frau suchen?«

»Wer sagt denn, dass ich die überhaupt suche?«

»Lass mich überlegen, wer sagt das? Okay, wie wäre es mit den geschätzten hundert Uschis, die du seit deinem vierzehnten Geburtstag an dir hast vorübertreiben lassen? Die sagen das. Und da waren einige dabei, die mindestens Level 2 verdient gehabt hätten.«

»Level 2?«

»Du kennst doch World of Warcraft, oder?«

»Ja, und? Was hat das mit einem Computerspiel zu tun?«

»In World of Warcraft kannst du, wenn du dich schlau anstellst und ein paar Missionen meisterst, von Level 1 aufsteigen. Das schafft man aber nur in einem durchlässigen System. Du jedoch agierst in deinem Reich wie ein zorniger Tempelwächter. Zeigt eine deiner vermeintlichen Gegnerinnen auch nur die kleinste Schwäche, wird sie gleich wieder nach Mordor zurückverfrachtet und ist für den heiligen Moritz-Gral verloren. Dabei entwickeln viele dieser Kandidatinnen ihre Qualitäten erst mit einem längeren Anlauf.«

»Du klingst wie der Animateur einer Partnervermittlung. Außerdem kommst du mit deinen Fantasieländern durcheinander«, warf ich ein. »Mordor ist meines Wissens aus Der Herr der Ringe

»Und wenn schon. Das Prinzip hast du doch wohl auch so verstanden. Ich kann’s auch mal so schlicht formulieren wie Omma Käthe: ›Dir is’ ja keine Frau gut genug, Junge!‹« Markus krächzte den Satz ins Telefon wie eine heisere Krähe.

»Das ist Blödsinn!«, widersprach ich halbherzig, doch beim Gedanken an Omma Käthe musste auch ich lachen. Was wusste meine Großmutter schon von meinen Problemen, eine Frau zu finden, mit der ich alt werden konnte. Früher war das halt einfacher gewesen.

»Übrigens.« Ich bemühte mich, ernst zu klingen. »Können wir meine nichtswürdigen Frauengeschichten nachher mal unter den Tisch fallen lassen? So langsam ermüdet mich das Thema. Außerdem gibt es keinen neuen Stand, unsere Eltern werden in absehbarer Zeit nicht mit Enkeln rechnen dürfen. Es sei denn, du hast deinem Knirps ein paar Smarties unter die Pille gemischt.«

»Du bist echt ein großer Komiker!«, antwortete Markus, ohne direkt auf die Verkasperung seiner Freundin einzusteigen. Manchmal nannte er sie ja selbst seinen Alberich. Trotzdem kam ich nicht so einfach davon. »Das passt auch prima zu deiner Performance als Hamburger Junge«, sagte er spitz. »Vielleicht sollte ich Mum und Dad mal davon erzählen, die freuen sich bestimmt über deine bislang verborgenen Talente.«

»DAS machst du nicht!«

»Lass mich überlegen … Ich denke, doch!«

»Auf keinen Fall, bitte, Markus, diesmal hältst du ausnahmsweise mal die Backen!«

»Na ja, ich wüsste da schon eine Möglichkeit, mich zum Schweigen zu bringen …«

»Und die wäre?«

»Dieses Foto, das du für Mum gekauft hast – ist es teuer genug, um als Geschenk von uns beiden durchzugehen?«

Dieser Filou! Ich schüttelte grinsend den Kopf. »Du ehrlose Kröte von einem Bruder, schämst du dich kein Stück? Hast du denn gar nichts besorgt?«

»Hallo? Klar habe ich was besorgt, aber ich bin Student, ich muss auf mein Budget achten. Ein paar Blumen. Und eine Familienpackung Mon Chéri.«

»Eine stolze Bilanz, meinen Respekt!«

»Dafür habe ich doch einen großen Bruder!«, lachte Markus. »Und für ein wenig Diskretion meinerseits wäre der ganz sicher bereit, seine kunstgewerblichen Muttergaben mit mir gemeinsam zu überreichen!«

Ich seufzte gespielt. »Ich werde erpresst!«

»Ach nein, ich biete dir bloß die seltene Möglichkeit, mal nett zu deinen Mitmenschen zu sein, ohne sie belügen oder vor ihnen davonlaufen zu müssen.«

»Verstehe. Ich bin dir zu großem Dank verpflichtet!«

»Schön, dass du es auch so siehst. Also Deal?«

Bevor ich darauf antworten konnte, war ich auf der Petersbergstraße in Klettenberg angekommen, wo unsere Eltern eine große Altbauwohnung im fünften Stock bewohnten. Ohne Aufzug.

Freudig überrascht sah ich, dass vor dem Haus unserer Eltern tatsächlich ein Parkplatz frei war. Ein seltenes Glück in dieser Ecke. Dann aber wurde ich plötzlich unter mehrmaligem Hupen von einem Auto überholt.

»He! Was soll das?« Ich ging in die Bremsen und wollte den rücksichtslosen Verkehrsrowdy schon reflexartig mit ein paar gebührenpflichtigen Beleidigungen überziehen, da merkte ich, dass es sich um meinen Bruder handelte, der mich mit seinem alten Golf schnitt, dabei abgrüßte wie ein Karnevalsprinz und lässig den freien Parkplatz besetzte.

Das durfte ja wohl nicht wahr sein! Ich zeigte ihm kopfschüttelnd den Effe, doch Markus hielt bloß den Kopf aus dem Seitenfenster.

»Was ist nun? Deal?«

Gegen zwanzig Uhr hatte ich ein ernstes Problem. Und das hatte mit meinem Geschenk, pardon – mit unserem Geschenk – nichts zu tun.

»Ich finde es rührend, wie viel Sorgfalt ihr inzwischen darauf verwendet, mir etwas Gutes zu tun«, hatte meine Mutter bei der Übergabe des großformatigen Drucks gesagt und Markus und mich in den Arm genommen, »dieses Bild ist wirklich so wunderschön!«

»Na ja, Mum«, hatte Markus daraufhin geantwortet, »ich musste Moritz schon ein wenig antreiben. Du weißt ja, wie er ist.«

Was für eine Frechheit! Ich biss mir auf die Lippen, während mein Bruder hinter dem Rücken unserer Eltern feixte.

»Wie ist er denn?«, antwortete unsere Mutter und lächelte mich liebevoll an. »Wenn ich ein junges Mädchen wäre, hätte ich an meinem Moritz vermutlich nichts auszusetzen.«

Ich verdrehte die Augen, doch Markus nahm die Vorlage liebend gern auf: »Er ist halt ein wenig langsam, findest du nicht? Ich meine, schau ihn dir doch mal an – dreiunddreißig Jahre alt, relativ gut aussehend, aber immer noch Single. Und das seit ungefähr zehn Jahren, also seitdem ihn seine Jugendliebe sitzengelassen hat!«

»Die mit den langen blonden Haaren?«, fragte unser Vater. »Wie hieß sie noch gleich?«

»Veronika!«, rief meine Mutter dazwischen. »Das war doch Veronika!«

»Okay!« Ich hob die Hände. »Fürs Protokoll: Sie hieß tatsächlich Veronika, sie hatte lange blonde Haare, und wir waren drei Jahre zusammen, aber sie hat mich keineswegs sitzen gelassen, sondern wir haben uns einvernehmlich getrennt. Außerdem bin ich auch nicht seit zehn Jahren Single, wie jeder von euch weiß. Ich hatte Beziehungen, sogar einige! Ihr konntet euch nur die Namen nicht merken!«

»Kunststück, die waren ja auch jeweils nur einmal hier!«, rief meine Mutter dazwischen.

Ich wischte die Bemerkung mit einer Handbewegung vom Tisch, als sei sie ein Kuchenkrümel. »Außerdem bin ich nicht langsam, der Begriff, nach dem ihr sucht, heißt: wählerisch. Ich bin wählerisch. Und das ist auch gut so! Können wir jetzt ins Esszimmer, um zu tun, was man in einem Esszimmer für gewöhnlich tut?«

Ich war nicht wirklich genervt, ich kenne meine Familie ja: Manchmal können meine alten Herrschaften eben ein wenig lästig sein, auch wenn sie keinem ihrer Söhne etwas Böses wollen. Und die Frotzeleien mit Markus gehören einfach dazu. Im Ernstfall kann ich mich hundertprozentig auf ihn verlassen.

»Das Esszimmer heißt jetzt living room, frag deine Mutter«, antwortete mein Vater mit leichtem Spott in der Stimme, »allerdings ist essen darin weiterhin gestattet, sofern ich das richtig verstanden habe. Hauptsache, man stellt eine Kerze dazu auf!«

Meine Mutter verdrehte die Augen. »Seit ich unser Heim ein wenig moderner gestalte, tut euer Vater manchmal so, als sei er mit großer Begeisterung in einem Plattenbau großgeworden, und das nur aus Protest.«

Markus, mein Vater und ich grinsten.

»Du führst ja auch neuerdings ein strengeres Regiment als die Geschmackspolizei«, entgegnete ich. »Stimmt es wirklich, dass Papa nicht mal mehr Pantoffeln in der Wohnung tragen darf?«

Mein Vater nickte stumm und zuckte mit den Schultern. »Das ist richtig, und ich sag es gleich: Der Jogginganzug ist auch gestrichen. Ich will in meinem Zuhause niemanden und nichts sehen, das ich aus einer RTL-Nachmittagsshow kennen könnte …«

Markus lachte laut auf und stellte sich vor unsere Mutter, um sie spielerisch zu schütteln: »Uuuuh, Martha Stewart … Geben Sie meine Mutter wieder frei, sonst bestelle ich einen Design-Exorzisten …«

Es dauerte bestimmt eine halbe Stunde, bis der erste Schlagabtausch beendet und wir Sommers unsere Plätze an der Tafel eingenommen hatten. Das vorbereitete Essen war so chic wie praktisch: Sashimi satt vom besten Sushi-Laden der Gegend.

Obwohl sich Markus wie versprochen vorerst tatsächlich ein wenig zurückhielt, lenkte meine Mutter das Gespräch immer wieder auf ihr aktuelles Lieblingsthema »Mein Sohn Moritz und die Frauen«, beziehungsweise auf die bedauerliche Abwesenheit einer ernsthaften Anwärterin für den Familienclan. Sie erzählte mit leuchtenden Augen von den Töchtern und Söhnen ihrer Freunde, die entweder bereits verheiratet waren und Kinder hatten oder just im Begriff waren, diesen Schritt zu tun. Sie erkundigte sich, wie »dieses Online-Dating« eigentlich funktionierte, und erwähnte, dass das jetzt viele Menschen machten, aus Zeitgründen. »Da braucht man sich nicht zu schämen, im Gegenteil – das scheint sehr effizient zu sein.«

Als sie sich auch noch erkundigte, ob ich schon einmal beim Speeddating mitgemacht hatte, reichte es mir. »Mutter, hör mir zu: Ich lerne Frauen kennen, auch ohne mich um Onlinebörsen, Speeddatings oder Bestellungen beim verdammten Universum zu kümmern. Es war halt bislang noch nicht die Richtige dabei!«

»Vielleicht sollte er sich mal in Hamburg umschauen«, schlug Markus mit einem scheinheiligen Augenaufschlag vor. Er dachte offenbar, jetzt lange genug den Mund gehalten zu haben.

»Was soll denn an den Hamburger Mädchen so anders sein?«, erkundigte sich unsere Mutter. »Habe ich da was verpasst?«

»Ach nein«, wiegelte Markus ab. »Es ist nur, weil Moritz so eine enge Beziehung zu Hamburg hat, nicht wahr, großer Bruder?«

Ich blickte meinen Bruder an wie ein geladenes Schrotgewehr. Das machst du jetzt nicht mit mir!

Markus allerdings hatte inzwischen genug von dem trockenen Chablis getrunken, um meine nonverbalen Störfeuer zu ignorieren. »Ernsthaft, Leute, bei Moritz ist die Liebe zur Hansestadt schon fast zu seiner zweiten Identität geworden!«

»Davon weiß ich ja gar nichts«, meldete sich nun auch unser Vater zu Wort. »Wann warst du denn zuletzt dort?«

»Vor vierzehn Jahren, auf meiner Abifahrt«, erwiderte ich knapp.

»Aha!« Unser Vater schaute sichtlich verstört. Dankenswerterweise entschied er sich jedoch dafür, nicht weiter nachzuhaken. Mit Schalk im Blick bat er stattdessen meine Mutter und ihren jüngsten Sohn, mich jetzt einfach ungestört das Dessert genießen zu lassen. »Ich bin sicher, dass auch mein Erstgeborener früher oder später den segensreichen Zustand seiner Single-Lümmelei aufgeben und sich den Anforderungen der Evolution stellen wird, da haben die männlichen Sommers schließlich immer ihre Pflicht getan, seit Generationen!«

»Niemals!«, rief Markus. »Mein geschätzter Bruder wird sein ganzes Leben lang ein herumstreifender Single sein, der von der großen Liebe träumt. Wenn ihr wüsstet, was Moritz alles anstellt, damit sie ihm gar nicht erst begegnen kann, die große Liebe – ihr wärt vermutlich ziemlich erstaunt.«

Meine Mutter beugte sich interessiert vor: »Was meinst du denn damit?«

Das durfte doch nicht wahr sein! Bevor Markus noch ein weiteres Wort sagen konnte, hob ich beide Hände hoch, um ihr Gespräch zu unterbrechen: »Kurz mal Silentium, jetzt rede ich. Also: Ich bin sehr wohl erwachsen genug, um eine verantwortungsvolle und dauerhafte Beziehung zu führen. Und ich wette mit dir …« Ich zeigte auf meinen renitenten Bruder. »Ich wette mit dir um eine Wochenendreise nach Hamburg, dass ich spätestens am 24. Dezember hier auf diesem Sofa sitze und euch genau hier die Frau meines Lebens präsentieren werde.«

Stille. Meine Mutter, mein Vater und auch mein kleiner Bruder starrten mich stumm an. Nicht in einem anklagenden, genervten Sinne, eher etwas mitleidig, so, wie man einen Sonderschüler anschaut, der sich bei der NASA bewirbt. Diesen Blick hatte ich an diesem Tag schon einmal gesehen.

Es war einundzwanzig Uhr, und nun hatte ich wirklich ein ernstes Problem. Ich brauchte eine Frau. Nicht irgendeine. Ich brauchte die Frau fürs Leben. Schnell.

1. LIEBER EIN GANZER KERL
ALS
EIN HALBER HAHN

~ SARA ~
von Anne Weiss

Saukalt ist es an dem Tag, bevor das Leben, wie ich es kenne, enden wird. Morgen ist Valentinstag. Nils und ich haben uns vor drei Jahren kennengelernt, als der Feiertag aller Liebenden ausnahmsweise auf den Karnevalssonntag fiel. Nils ist Arzt, und er war als Dr. Stefan Frank verkleidet, was ich damals ausgesprochen originell fand. Natürlich stand bei unserer Verlobung sofort fest, dass wir am 14. Februar heiraten würden.

Warum nur? Ich schlage den Kragen meiner Lederjacke hoch, bevor ich mich aufs Rad schwinge. Hätte ich bloß einen Schal mitgenommen!

Eben habe ich meine erste eigene Wohnung an den Vermieter und die Nachmieterin – die glückliche Gewinnerin im Kölner Mietlotto – übergeben. Jetzt habe ich einen fetten Seelenkater: Nie wieder werde ich mich nach einer durchfeierten Nacht im Kwartier Latäng in den hässlichsten aller Schirmständer übergeben, ein Erbstück meiner Tante Karin, das beim Auszug auf dem Sperrmüll gelandet ist. Nie mehr werde ich das Schlafzimmer betreten, in dem ich meine erste Liebesnacht mit Nils verbracht habe. Und die mit Ulf. Und Manuel … Na ja, es waren immerhin sieben Jahre. Und niemals mehr werden meine beste Freundin Katja und ich auf dem Sofa unter der Dachschräge in eine Decke eingekuschelt über das Leben philosophieren.

Vielleicht holt mich ein starker Kaffee aus diesem Tief? Ich halte an meinem Lieblingscafé, der Café Bar, und gehe hinein. Uwe, der Besitzer, hat die Weihnachtsdeko immer noch nicht abgehängt. Sofort fühle ich mich ruhiger. Einige Dinge haben eben Bestand.

»Einen Cappuccino zum Mitnehmen.«

Lieber würde ich ihn hier trinken, aber ich habe nicht viel Zeit, denn gleich kommt Katja vorbei, um mit mir den Ablauf der Feier durchzugehen. Den kurzen Weg zu meinem neuen Zuhause muss ich eben einhändig fahren.

Als ich mit dem Kaffeebecher in der Hand an der Ampel stehe, hält neben mir mit quietschenden Reifen ein etwas zu aufgemotztes Mountainbike, auf dem ein dunkelhaariger Typ sitzt, blitzende braune Augen, sportliche Figur, Jeans, schwarze Jacke.

Er grinst, und ich spüre, wie ich rot werde. So jemandem zu begegnen, wenn man am nächsten Tag vor den Standesbeamten tritt, ist einfach unverschämt vom Schicksal.

Die Ampel springt auf Grün. Verlegen trete ich etwas heftiger in die Pedale als üblich.

Einmal noch riskiere ich einen Blick zurück, und ausgerechnet in diesem Moment öffnet sich die Tür eines parkenden Wagens.

Alles passiert wie in Zeitlupe. Ich bremse, das Rad schlittert seitwärts am Wagen vorbei, ich versuche, mich mit dem Fuß abzustützen. Mein Cappuccino fliegt in hohem Bogen durch die Luft. Ich knalle seitwärts mit den Ellenbogen auf die Straße, der heiße Kaffee ergießt sich über meine Jacke, der Becher landet auf meinem Kopf wie ein lustiges Partyhütchen.

»Alles in Ordnung?«, ruft der Mann, der die Autotür aufgemacht hat, entsetzt.

Sie spinnen ja wohl!, möchte ich schimpfen. Ihretwegen hab ich mir vielleicht gerade beide Arme gebrochen!

Aber ich sitze mitten auf der Straße, die milchkaffeeverschmierten Arme in die Höhe gereckt, und aus meiner Kehle dringen nur unkontrollierte heisere Schluchzer.

Der Mann kommt näher, er wirkt geschockt.

Ein Radfahrer hält an, und durch den Tränenschleier und den Milchschaum hindurch erkenne ich den gut aussehenden Typ von eben, der sich mit besorgtem Gesichtsausdruck zu mir herabbeugt.

»Wie geht’s?«, fragt er.

Na, wie wohl, du Schlaumeier.

Dann wird mir klar, dass ich vermutlich nicht allzu schwer verletzt bin, wenn ich so was noch denken kann. Vorsichtig befühle ich mit der aufgeschürften Hand den Ellenbogen des anderen Arms, dann umgekehrt, nichts scheint gebrochen zu sein. Ich atme tief durch und wische mir schließlich die Tränen mit dem Handrücken aus dem Gesicht.

»Geht schon«, sage ich und versuche, dabei möglichst gelassen zu wirken, doch ein Wimmern entwischt mir noch. »Nur der Schock.«

Er starrt mich eine Sekunde lang an, dann lacht er plötzlich hell auf. »Der Becher«, sagt er und deutet auf meinen Kopf. »Das sieht leider echt komisch aus.«

Sehr witzig.

Ich wehre seinen Arm ab, als er mir aufhelfen will.

»Schon gut«, sage ich, stehe auf und humpele zum nächsten Mülleimer, wo ich die unliebsame Kopfbedeckung entsorge. »Ich wohne gleich da vorn.«

»Ich bring dich trotzdem das Stück.«

Bevor ich ablehnen kann, hat er sein Mountainbike an den nächsten Laternenmast angeschlossen und mein Rad aufgehoben.

Der Autofahrer gibt mir seinen Namen und seine Telefonnummer, und ich stecke den Zettel in meine Jackentasche.

»Ich bin Moritz«, sagt der junge Mann, nachdem wir ein paar Meter gegangen sind.

»Sara«, erwidere ich und ärgere mich darüber, dass ich so schroff klinge, immerhin ist er wirklich hilfsbereit. »Entschuldige, ist irgendwie nicht mein Tag heute.«

»Ach so, und ich dachte, dass du extra einen Stunt hingelegt hast, um mich zu beeindrucken«, sagt Moritz verschmitzt.

Ich weiche seinem Blick aus.

»Willst du meine Telefonnummer gar nicht haben?«, fragt er, als wir das Gartentor vor meinem neuen Heim erreicht haben.

So was Eingebildetes, wie kommt er denn darauf?

»Ich heirate morgen«, entgegne ich schnippisch. »Kein Bedarf.«

Um seine Mundwinkel zuckt es belustigt. »Dein Auftritt war zwar unwiderstehlich«, sagt er dann, »aber ich hatte eher daran gedacht, dass du mich vielleicht als Zeugen für den Unfall brauchst.«

Er diktiert mir seine Nummer, die ich mit hochrotem Kopf in mein Handy tippe.

»Danke für alles«, murmele ich schließlich, nehme ihm das Fahrrad ab und schiebe es durch das Tor zum Haus.

An der Tür wartet Katja bereits auf mich.

»Wie siehst du denn aus?«, fragt sie ...

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