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Und immer war’s der Mann fürs Leben

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Vorspann
  7. Prolog
  8. Lous Lektionen für Cassie, wenn sie sechzehn Jahre alt ist
  9. Lektion 13
  10. Lektion 14
  11. Lektion 15
  12. Lous Lektionen für Cassie, wenn sie achtzehn Jahre alt ist
  13. Lektion 25
  14. Lektion 26
  15. Lous Lektionen für Cassie, wenn sie einundzwanzig Jahre alt ist
  16. Lektion 36
  17. Lektion 37
  18. Lektion 38
  19. Lous Lektionen für Cassie, wenn sie vierundzwanzig Jahre alt ist
  20. Lektion 48
  21. Lous Lektionen für Cassie, wenn sie sechsundzwanzig Jahre alt ist
  22. Lektion 57
  23. Lektion 58
  24. Lous Lektionen für Cassie, wenn sie siebenundzwanzig Jahre alt ist
  25. Lektion 69
  26. Lektion 70
  27. Lous Lektionen für Cassie, wenn sie neunundzwanzig Jahre alt ist
  28. Lektion 78
  29. Lektion 79
  30. Lous Lektionen für Cassie, wenn sie einunddreißig Jahre alt ist
  31. Lektion 87
  32. Lektion 88
  33. Lektion 89
  34. Lektion 90
  35. Mehr Lektionen für Cassie, wenn sie einunddreißig Jahre alt ist
  36. Lektion 98
  37. Lektion 99
  38. Lektion 100
  39. Lektion 101
  40. Lous Lektionen für Cassie, wenn sie zweiunddreißig Jahre alt ist
  41. Lektion 115
  42. Lektion 116
  43. Lektion 117
  44. Lous Lektionen für Cassie, wenn sie vierunddreißig Jahre alt ist
  45. Lektion 126
  46. Lektion 127
  47. Lektion 128
  48. Lous Lektionen für Cassie, wenn sie siebenunddreißig Jahre alt ist
  49. Lektion 137
  50. Lektion 138
  51. Lektion 139
  52. Lektion 140
  53. Lous Lektionen für Cassie, wenn sie achtunddreißig Jahre alt ist
  54. Lektion 141
  55. Lektion 142
  56. Lektion 143
  57. Lektion 144
  58. Lektion 145
  59. Lous Lektionen für Cassie, wenn sie neununddreißig Jahre alt ist
  60. Lektion 150
  61. Lektion 151
  62. Lektion 152
  63. Lektion 153
  64. Die letzte Lektion

Über die Autorin

Shari Low blickt auf eine abwechslungsreiche Karriere zurück. Nachdem sie als Nachtclub-Managerin in Großbritannien, Holland, Schanghai und Hongkong Station gemacht hatte, kehrte Shari Low in ihre Heimatstadt Glasgow zurück. Dort lebt sie mit ihrem Ehemann John und ihren beiden kleinen Söhnen. Sie ist heute als freie Schriftstellerin tätig.

Besuchen Sie die Autorin unter www.sharilow.com im Internet.

Shari Low

Und immer war’s der
Mann fürs Leben

Roman

Aus dem Englischen von
Barbara Ritterbach

Dieser Roman ist ein fiktionales Werk. Namen und Figuren sind das Ergebnis der Fantasie der Autorin oder sind fiktiv gebraucht. Jegliche Ähnlichkeit zu realen Personen, lebend oder verstorben, ist rein zufällig.

Prolog

»Du solltest das aufschreiben, Lou«, sagte sie. »Alles. Von Anfang an.«

Mein spontaner Gedanke: Ich kann doch nicht über mein Leben schreiben. Das tun nur alte Leute. Oder Narzissten. Oder Fußballerfrauen. Oder die Teilnehmer von Realityshows, die sich vor laufender Kamera die Unterhose runtergezogen haben und fünfzehn Minuten lang berühmt waren. Und außerdem, worüber sollte ich schreiben?

Ich führe ein ziemlich unspektakuläres Leben, trinke zu viel, esse zu viel, lache, bis mir der Bauch wehtut, und war schon so oft verliebt, dass Hallmark mein Hauptsponsor sein könnte. Mein peinlichster Augenblick war, als ich bei einer Schuldisco die ganze Nacht heulend auf dem Klo gesessen habe, nachdem ich mir ansehen musste, wie mein damaliger Freund mit Pammie Murray zu Stand and Deliver getanzt und dabei lustvoll seinen Breitkordhintern geschwungen hatte. Später hat er übrigens behauptet, sie sei »begabt«. Begabt! Nur weil sie sich auf der Nähmaschine ihrer Grandma ein Kleid genäht hatte, war sie noch längst nicht Vivienne Westwood. Außerdem hatte sie eine seltsame Obsession für Diagramme der Genitalgegend. Das weiß ich, weil ich in Bio neben ihr saß.

»Gibt es denn etwas, das du ihr gern erzählen würdest?«, fragte sie.

Ich lächelte. »Ihr« war meine Tochter Cassie, eine Siebenjährige mit einer Persönlichkeit, die an tropische Wetterverhältnisse erinnerte – sonnig, warm, freundlich, mit gelegentlichen Hurrikans und Tornados, bei denen man am besten die Fenster mit Brettern vernagelte und unter dem Bett wartete, bis sie vorbei waren. Tja, was würde ich ihr gern erzählen? Sollte ich ihr raten, sich nicht mit Kleinigkeiten aufzuhalten? Den Augenblick zu genießen? Das Leben bei den Hörnern zu packen und was mir sonst noch so an abgegriffenen Lebensweisheiten einfiel? Ich zuckte mit den Schultern.

»Keine Ahnung. Ich weiß ja nicht, wie sie mal sein wird, was wichtig für sie sein könnte.«

Ich wusste, dass ich den Vorschlag absichtlich kleinmachen wollte. Die Vorstellung, etwas aufschreiben zu müssen, widerstrebte mir einfach zutiefst. Über den möglichen Ausgang der Lage wollte ich nicht einmal nachdenken.

Plötzlich veränderte sich ihr Gesichtsausdruck.

»Was hättest du denn gerne gewusst?«, fragte sie.

»Wann?«

»Na, als du jung warst.«

Ich dachte einen Moment nach. Du meine Güte, ich war damals ein Albtraum! Wild. Ungestüm. Immer die Erste auf der Tanzfläche, die Erste, die knutschte, die Erste, die ihr ganzes Taschengeld für Mentholzigaretten ausgab, weil ich mir damit so intellektuell vorkam. Es gab so vieles, was ich damals gern gewusst hätte. So vieles. Zum Beispiel, dass das mit Tom Cruise nie was würde. Dann hätte ich mir Tausende »Lou Cruise«, in verschiedenen Schriften, Farben und Größen in meine Schulhefte gekritzelt, sparen können.

Genau, aber einige Einblicke in wirklich wichtige Dinge wären auch nicht schlecht gewesen. Unterricht im Leben. Das wäre super gewesen. Ein paar vernünftige, durchdachte Lektionen. Und das ist etwas, das ich an Cassie gern weitergeben würde. Ich würde ihr erzählen, wie man Freundschaften erhält und wie es ist, sich zu verlieben und über ein gebrochenes Herz hinwegzukommen. Ich würde ihr erzählen wie es war, als ich das erste Mal wegen eines Jungen geweint hatte, und wie ich das letzte Mal jemanden enttäuscht hatte. Ich würde ihr vom Tag ihrer Geburt erzählen und was es mir bedeutet, ihre Mum zu sein. Und wenn mich die letzten Jahre etwas gelehrt haben, dann, dass ich es genau jetzt tun sollte, weil … wer weiß, was die Zukunft bringen wird.

Klar, wenn Cassie mir auch nur ein kleines bisschen ähneln wird, wird sie meine Ratschläge ignorieren und ihr Leben auf ihre Weise in die Hand nehmen. Nicht, dass ich das falsch fände … Wenn ich so zurückblicke: Ich hätte nichts anders gemacht. Ich hätte trotzdem alles mitgenommen. Ich hätte trotzdem alles wieder genau so gemacht, inklusive aller Fehler – bis auf den allergrößten …

Lous Lektionen für Cassie, wenn sie sechzehn Jahre alt ist

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Liebe Cassie,

ich weiß, du wirst die meisten der folgenden Ratschläge ignorieren, denn wenn du auch nur einen Bruchteil meiner Gene geerbt hast, dann bist du längst davon überzeugt, dein Leben perfekt im Griff zu haben. Aber bitte hab Nachsicht mit mir, ich bin deine Mum. Und damit wären wir schon mittendrin: Tu immer so, als würdest du auf deine Mum hören, denn das macht das Leben viel einfacher. Okay, das wäre somit geklärt.

Im Prinzip werde ich versuchen, mich daran zu erinnern, wie ich in deinem Alter war, und dir ein paar Tipps geben, wie du mit dem kleinstmöglichen emotionalen Trauma durch diese Zeit kommst. Okay, als ich sechzehn war, hatten wir 1986. Stulpen. Top Gun. Jungfräulichkeit.

Also los …

1. Du bist nicht dick. DU BIST NICHT DICK! Ganz im Gegenteil! So dünn wie jetzt wirst du in deinem ganzen Leben nie mehr sein, also hör auf mit dieser blödsinnigen Diät! Der Verzehr der ganzen hartgekochten Eier, Grapefruits, Slimfast-Shakes (Unzutreffendes bitte streichen) wird dich psychisch fürs Leben zeichnen.

2. Du wirst die Schule bald beenden und keinen Sportunterricht mehr haben. Daher wäre es klug, dir beizeiten eine neue körperliche Betätigung zu suchen. Nein, Shoppen und Knutschen gelten nicht als Sportart.

3. Stell dich immer gut mit deinen Freundinnen – die, mit denen du jetzt zusammen bist, werden wahrscheinlich auch noch um dich herum sein, wenn du dreißig bist. Und ihr werdet dann immer noch ständig über Sex reden und Schuhe mit schwindelerregend hohen Absätzen tragen, weil ihr euch einbildet, sie würden eure Waden schöner machen.

4. Ach, und mit neununddreißig ist man übrigens noch nicht steinalt.

5. Häng dein Herz nicht zu sehr an Promischwärmereien und exotische Träume von Reichtum und Glamour. Wenn diese je wahr würden, würde ich meine Kreditkartenbelege heute mit »Lou Cruise« unterschreiben und immer noch glauben, Primark wäre ein Nobelurlaubsort an der Algarve.

6. Lektion 5 ist nicht unbedingt als negativ zu betrachten. Tom Cruise hat sich komisch entwickelt und ist heute irgendwie nicht mehr so cool wie in dieser Kampffliegerpiloten/Sexgott-Nummer.

7. Du bildest dir vermutlich ein, der Typ, mit dem du gerade gehst (nennt man das noch so?), wäre die Liebe deines Lebens, aber das bedeutet nicht, dass du unbedingt Sex mit ihm haben musst. Das musst du nicht! Versuch durchzuhalten, bis du dir ganz sicher bist. Du wirst sonst später garantiert bereuen, dass das einmalige Ereignis deiner Entjungferung auf dem Rücksitz eines quietschgrünen Minis stattgefunden hat.

8. Das gesetzlich vorgeschriebene Mindestalter für den Konsum von Alkohol ist achtzehn. Achtzehn! Hörst du?

9. Mach einen großen Bogen um Sonnenbänke, und erfreu dich an deinen Brüsten, solange sie noch fest sind.

10. Es gibt da so eine altmodische Idee, die sich »Sparen« nennt. Versuch, dich irgendwie damit anzufreunden.

11. Und schließlich noch etwas: Denk immer dran, dass du manchmal Erfolg haben wirst und manchmal nicht und dass auch deine Mum manchmal Fehler macht (was ich natürlich immer bestreiten werde). Aber solltest du je in Schwierigkeiten sein und das Gefühl haben, weder mit mir noch mit deinem Dad darüber reden zu können: Deine Tante Josie ist immer für dich da. Und glaub mir, es gibt nichts, was sie schocken könnte. Gar nichts. Das muss ich zu meiner Schande gestehen.

12. Denk noch einmal über Miniröcke nach. So gehst du mir nicht aus dem Haus, junge Dame!

Ach, und noch etwas …

Lektion 13

Öffentliche Liebesbekundungen sind weder cool noch besonders schön 1986. Lou, sechzehn Jahre alt

»Mach lauter, mach lauter! Der Song ist super!«

Nur mit einem pinkfarbenen, gepunkteten BH und passendem Höschen bekleidet, sprang Lizzy aufs Bett und begann ekstatisch herumzuhopsen. Wenn der Alte von der gegenüberliegenden Straßenseite jetzt gerade durch sein Teleskop schaute, würde er einen Herzanfall kriegen. Er behauptete zwar immer, er würde das zu rein astronomischen Zwecken machen, aber ich war ganz sicher, dass er Jupiter nicht von einem Ring des Saturns unterscheiden konnte.

Die Jungs (und Mädels) von Wham grölten I’m Your Man, und Lizzy schwenkte ihre Hüften. »Ich kann einfach nicht fassen, dass sie sich getrennt haben. Angeblich weil George Michael als Songwriter ernster genommen werden wollte. Als ob Wake Me up Before You Go-Go kein Klassiker wäre«, keuchte sie zwischen ihren Verrenkungen. Ich nahm mir vor, sie am Abend an ihr Asthma-Spray zu erinnern.

Gerade noch rechtzeitig verkündete der DJ von Radio Clyde, dass er das Tempo nun runterfahren würde. Wir stöhnten einstimmig. Eigentlich standen wir eher auf Rauffahren. Zum Samstagabendausgehfeinmachen gehörte nun mal ein ordentlicher Beat – mit einer einzigen Ausnahme.

»Aaaaaaaaaaaaaaaaaaahhhh!«

Take My Breath Away von Berlin. Top Gun. Gänsehaut. Herzrasen. Und die tiefe Gewissheit, dass ich die Identität meines zukünftigen Ehemannes ganz sicher kannte. Ich schnappte mir den pinkfarbenen Kerzenständer und sang mit, bis jeder in Hörweite verstand, wieso ich bei Bananarama keine Chance hatte.

Kurz vor der hohen Stelle, die bei mir klang, als würde man mir bei lebendigem Leib die Finger amputieren, schaltete ich mich wieder in die Unterhaltung ein. »Glaubt ihr, dass Tom das für mich singen wird, wenn wir verheiratet sind?«

Ginger, die sich aus dem Fenster lehnte und eine rauchte, drehte sich kurz zu mir um. »Moment mal, Loopy Lou! Tom gehört mir, vergiss das nicht! Du kannst von mir aus diesen Iceman haben.«

Normalerweise hätte ich jetzt protestiert, aber ich wusste genau, dass Ginger mit ihren offensichtlichen anatomischen Vorteilen diesen Wettstreit gewinnen würde.

Ich: klein, Körbchengröße 75 A, ein Gesicht, das gegen unscheinbar tendierte, und Haare in einem lebhaften Straßenköterblond – jedenfalls bevor die Stylistin in dem Friseursalon, in dem ich samstags immer jobbte, Amok gelaufen war und sie in experimentell punkiges Blau getaucht hatte.

Ginger: ein Meter achtzig, Körbchengröße 85 D, athletisch gebaut, eine Mähne aus leuchtend roten Korkenzieherlocken, die aus ihr die westschottische Version von Diana Ross gemacht haben.

Ästhetisch also ein klarer Sieg für Ginger. Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf die Dinge, denen ich mehr gewachsen war – meine Freundin Lizzy, die inzwischen auf der anderen Bettseite versuchte, eine Art Walzer zu tanzen.

»Lizzy, kannst du jetzt endlich mit der blöden Tanzerei aufhören! Das letzte Mal brauchte ich anschließend eine neue Matratze. Meine Mum zieht mir deshalb immer noch jeden Monat was von meinem Taschengeld ab.«

»Wo ist deine Mum eigentlich? Mich wundert, dass sie noch nicht hier war, um zu kontrollieren, ob wir rauchen.«

»Ich schätze …« – ich schaute auf meine Armbanduhr und rechnete kurz nach – »… auf der M8 irgendwo in der Nähe von Lanark.«

»Wieso das denn?«

»Weil mein Dad auf dem Nachhauseweg vom Fußballspiel mal wieder im Zug eingeschlafen ist und seinen Ausstieg verpennt hat. Ein Schaffner hat vom Bahnhof in Waverly angerufen, um Bescheid zu geben, dass sie ihn an der Endstation gefunden hätten, sich aber weigern, ihn mit zurückzunehmen, weil er total blau ist. Angeblich haben sie sechsundzwanzig verschiedene Telefonnummern gewählt, bevor sie bei uns durchkamen, weil er nicht mehr richtig sprechen kann. Glaubt ihr, Tom Crui…, ich meine, Val Kilmer ist im wahren Leben auch ein Säufer, der mich jeden Samstag quer durchs Land fahren lässt, um ihn irgendwo aufzulesen?«

»Bestimmt.«

Ginger drückte ihre Zigarette auf der Fensterbank aus und wischte die Asche mithilfe eines Kleenex und eines Schuss aus ihrer Wodka-Orange-Dose fort. Irgendein Schlauberger – ich glaube, es war Gingers großer Bruder Red (der eigentlich Ronald hieß, aber dieselbe genetische Disposition zu roten Haaren hatte wie seine Schwester) – hatte uns mal geraten, am besten Wodka zu trinken, weil er geruchsneutral sei und daher niemand merke, dass man Alkohol getrunken habe. Eine großartige Theorie … solange man nicht wie unser Tollpatsch Lizzy einen geruchlosen Wodka zu viel konsumierte, in völliger Überschätzung der eigenen Fähigkeiten versuchte, einen Absperrpoller zu überspringen, hängen blieb und sich zwei Zähne ausschlug. Zum Glück ist ihr Onkel Zahnarzt und konnte den physischen Schaden beheben.

Das mentale Trauma jedoch – drei Monate Hausarrest unter täglichen Vorhaltungen ihrer Mutter, der Santa Carla vom Orden des heiligen Geschreis – heilte, wie ich vermutete, nie. Ebenso wenig wie die erlittene Schmach, weil sich der Stunt innerhalb von fünf Minuten überall herumgesprochen hatte. Aber so ist das nun mal, wenn man in einer Kleinstadt wohnt. Weirbank war zwar nur zwanzig Meilen von der pulsierenden Metropole Glasgow entfernt, aber hier kannte jeder jeden, und selbst eine minderschwere Erniedrigung reichte als Unterhaltung für die ganze Stadt.

Take Your Breath Away war inzwischen zu Ende, und der miese DJ von Radio Clyde konstruierte einen noch mieseren Übergang zu Notorious. Auf Simon Le Bon stand ich nicht sonderlich, aber ich hätte meinen kompletten Vorrat an Mentholzigaretten, meine Lippenstiftsammlung, meine gesamten Mixtapes und eine Niere für eine Nacht mit dem Gitarristen John Taylor hergegeben. Das lag wohl an seinem verhungerten Äußeren und der Art, wie ihm der Pony ins Gesicht fiel. Ich glaubte, ich wäre genau die Richtige für den Mann. Ich hätte ihn mit meinem Lieblingsessen gefüttert (was ist an Fischstäbchen-Sandwiches auszusetzen?), ihm einen ordentlichen Haarschnitt verpasst und ihn anschließend besinnungslos geknutscht. Natürlich nur dann, wenn Tom Cruise und Val Kilmer nicht verfügbar gewesen wären.

Ich stand auf und strich meinen violetten Ballonrock glatt. Zusammen mit dem passenden knallengen Oberteil hatte er mein halbes Taschengeldgespartes verschlungen, aber das war es mir wert. Selbst Ginger war neidisch, dabei hatte sie sich von dem Geld, das sie mit ihrem Samstagsjob im Fischladen verdiente, gerade erst ein neues Paar grüne Wildlederstiefel gekauft, knallpinkfarbene Stulpen und einen weißen Kunstlederrock, der nur knapp ihr Feuchtgebiet bedeckte. Wäre meine Tante Josie da gewesen, hätte sie Ginger eindringlich gewarnt: vor lebensbedrohlichen Erkältungskrankheiten und davor, durch bloßes Bücken in männlicher Gesellschaft ihre Jungfräulichkeit zu verlieren.

Tante Josie, Dads Schwester, ist drei Jahre älter als er, weiß, was sie will, und lässt sich von ihm nicht die Butter vom Brot nehmen. Er hasst sie so sehr, wie ich sie liebe.

Wie oft hatte ich mir schon gewünscht, bei der Verteilung des Nachwuchses würde noch mal neu gemischt und ich an Tante Josie vergeben! Aber leider waren mein Cousin Michael und meine Cousine Avril bei Josie gelandet, und ich hatte Dave und Della Cairney als Eltern abgekriegt – das Traumpaar in Sachen »Co-Abhängigkeit in Beziehungen«. Den Ausdruck hatte ich mal in einer alten Dallas-Folge gehört; er hatte mich ziemlich beeindruckt. Mary Crosby hat ihn benutzt, ehe sie durchgedreht ist und auf J.R. geschossen hat, und er trifft haargenau auf meine Mum und meinen Dad zu. Dad ist arrogant, egoistisch und nur mit sich selbst beschäftigt. Er verlangt von Mum, dass sie sich permanent um ihn dreht, und sie vergöttert ihn so, dass sie das tut. Wenn ich auch so werde, nahm ich mir vor, stelle ich mich neben J.R. und hoffe, dass Mary Crosby noch eine Kugel übrig hat.

»Mist, ich glaube, meine Jeans sind in der Badewanne eingelaufen!«

Ginger und ich starrten uns an, keiner von uns wagte die naheliegende Frage zu stellen.

Nach einiger Zeit bemerkte Lizzy unsere Irritation. »Guckt, so hab ich das coole Design hingekriegt.« Sie zeigte auf die weißen Flecken im Stoff. »Man nimmt ein Paar gewöhnliche Jeans, dreht sie fest ein, legt sie in die Badewanne, kippt Bleichmittel drüber und lässt es über Nacht einwirken. Und am nächsten Morgen hat man dieses Ergebnis. Gott, ihr habt von Mode wirklich gar keine Ahnung!«

Ginger verdrehte die Augen. »Ja, aber dafür sehen unsere Beine auch nicht aus, als hätten wir eine Pilzinfektion.«

Lizzy ignorierte sie. »Könnt ihr mir mal helfen, den Reißverschluss hochzuziehen?«

Sie lag nun flach auf dem Rücken und hatte einen Kleiderbügel durch das kleine Loch im Reißverschluss ihrer angeblich so trendigen Jeans gesteckt. Vor lauter Anstrengung war ihr Gesicht knallrot, was den Effekt ihrer Revlon Pressover Powder Foundation zu zerstören drohte. Ginger und ich gingen in Position: Ginger kniete sich breitbeinig über Lizzy, presste deren Hüften mit den Unterschenkeln zusammen, packte beide Seiten des Reißverschlusses, um sie mit aller Kraft zusammenzuziehen, während ich den Kleiderbügel umklammerte und für eine maximale Hebelwirkung eine Stellung wie beim Tauziehen einnahm.

»Zieh!«, brüllte Ginger.

Sie presste den Jeansstoff zusammen und verschaffte mir den Bruchteil einer Sekunde, um den Kleiderbügel hochzuziehen. Geschafft! Der Reißverschluss war zu. Daraufhin nahmen wir die Position für den nächsten Schritt ein. Wir stellten uns auf je eine Seite der noch auf dem Boden liegenden Lizzy, nahmen jeweils einen Arm und zogen sie in den Stand, ohne dass sie ein Körperteil bewegen musste.

»Wetten, dass der Reißverschluss nicht hält«, prophezeite Ginger.

»Ich schätze eher, dass die Naht am Po wieder nachgibt«, antwortete ich.

Lizzy stöhnte. Öffentliche Erniedrigung Nr. 34 in diesem Jahr. Kurz nach der Nummer mit dem Absperrpoller und kurz bevor sie sich die Haare in Brand setzte, weil sie vergessen hatte, ihre Zigarette aus dem Mund zu nehmen, bevor sie sich in der Disco mit Haarspray besprühte, war ihre nagelneue schwarze Cordhose an der hinteren Naht aufgerissen, während sie in ihrer gewohnt lebhaften Art zu Suspicious Minds von The Fine Young Cannibals getanzt hatte – die Flashdance-Nummer.

Ich schaute auf meine Armbanduhr. »Okay, lasst uns gehen, sonst verpassen wir noch Harrys Fünfzehn-Minuten-Pause.«

Harry war der Besitzer des örtlichen Pubs, den er in einem Anflug von grenzenloser Originalität Harry’s Bar genannt hatte. Es war unser Samstagsabendtreff, obwohl wir eigentlich noch zwei Jahre zu jung waren. Aber wer immer dieses Gesetz gemacht hatte, konnte ja nicht wissen, welch ausgefeilte Taktik wir uns ausgedacht hatten. Sobald Harry um sieben Uhr seine Pause machte und die Tür aus den Augen ließ, traten wir in Aktion. Mithilfe von sieben Schichten Maybelline Mascara (Lizzy), einem provozierenden Hüftschwung (Ginger) und einem gepolsterten BH (ich), flirteten wir uns an dem Türsteher vorbei und hielten uns unauffällig in der hintersten Ecke auf, wo uns selbst Harrys Adlerauge nicht entdecken konnte.

Wie immer ging’s im Pub hoch her, aber mein Boyfriend-Radar war bereits auf Empfang gestellt, und ich brauchte nur wenige Sekunden um ihn zu lokalisieren. Da stand er, an einem Pfeiler in der Ecke, eine Flasche Grolsch in der Hand, mit einem Haircut-100-Pulli (New Wave war total in) und einer Gelsträhne, die so bretthart war, dass man im Notfall damit ein Loch ins Fenster schlagen konnte.

Das ist mein Freund. Meiner! Ich kann es immer noch nicht glauben.

Ich hätte geschworen, dass er eher auf Lizzy oder Ginger stand, aber nein, er hatte mich gefragt, ob ich mit ihm ausgehen wolle. Mit Ausgehen meine ich, dass er sich angeboten hat, mich nach Hause zu bringen und ich ihn an einer Bushaltestelle wie eine Wahnsinnige abgeknutscht habe, obwohl es so kalt war, dass mir dabei fast die Füße abgefroren wären. Seither bin ich superverknallt in ihn und packe jedes Mal ein Extrapaar Socken ein, wenn wir uns treffen. Er ist die Liebe meines Lebens. Die dritte, um genau zu sein, aber Nummer eins zählt nicht, weil ich damals erst zwölf war, und Nummer zwei zählt auch nicht, weil er mich sitzen gelassen hat, und ich ihn aus Gründen der Selbsterhaltung aus meiner Liste der romantischen Errungenschaften gelöscht habe.

Ich stolzierte so cool wie möglich auf meinen Freund zu und sah, wie sich sein Gesicht bei meinem Anblick zu einem breiten Grinsen verzog. »Hey, Babe«, meinte er lässig, legte mir den Arm um die Schulter und beugte sich vor, um mich zu küssen.

Ich ignorierte die Geräusche von Ginger hinter mir, die so tat, als müsste sie sich übergeben. Sie verabscheute öffentliche Liebesbekundungen fast noch mehr als Trigonometrie und Hart aber herzlich.

Aber zurück zu dem Traumboy, der gerade seine Hand unter meinem T-Shirt meinen Rücken hinaufwandern ließ. Gary Collins. Pro: Neunzehn Jahre alt, der am süßesten aussehende Typ in der ganzen Stadt, spielt Gitarre, hat mir nach unserem dritten Date gesagt, dass er mich liebt. Contra: Ach, egal – Pro spricht für sich.

Okay, wenn ich einen winzigen Makel in seinem Persönlichkeitsprofil hätte benennen müssen, dann … hätte ich zugeben müssen, dass er es mit der Wahrheit nicht ganz so genau zu nehmen schien. Erst in dieser Woche hatte er mir erzählt, dass er ein Casting für eine Band hatte, sich ein Auto kaufen und nach Weihnachten in eine eigene Wohnung ziehen wolle. Aber erstens war es völlig ausgeschlossen, dass er ein Casting bei einer Band hatte, weil er gerade mal vier Akkorde auf der Gitarre spielen konnte. Zweitens wusste ich, dass er bei der Führerscheinprüfung dreimal durchgefallen war (meine Tante Josie hatte nämlich mitgekriegt, dass seine letzte Prüfung in eine Katastrophe mündete, weil die verrückte Alte, die am Ende der Main Street wohnte, ihren Köter von der Leine gelassen hatte und der ihm genau vors Auto gelaufen war; der Hund lebte zwar noch, aber Gary hatte irgendwie eine Verkehrsinsel mitgenommen, und der Fahrprüfer war seither noch nicht wieder in einem Auto gesehen worden). Und drittens zog er auch nicht aus, weil er sich das a) nicht leisten konnte und b) genau wusste, dass das ziemlich blöd gewesen wäre, solange seine Mum und seine drei Schwestern ihm zu Hause den Dreck wegmachten.

Ach, und ich wusste, dass er mir nur gesagt hatte, dass er mich liebte, weil er auf emotionale Dramen stand. Und – wie Ginger es immer so nett formulierte – er war scharf drauf, in mein Höschen zu kommen. Bisher hatte das die Kombination aus meinem eisernen Willen und dem engen Gummibund meiner Höschen verhindern können. Ich war wirklich nicht prüde, aber … na ja, ich wusste nicht. Es war schon eine große Sache, oder?

Ginger hat ihre Unschuld vor sechs Monaten an einen Kumpel von Red verloren, und jetzt ist er bei der Armee, und sie wird ihn vermutlich nie wiedersehen. Ich bin nicht ganz sicher, ob der Sex mit Ginger der Grund dafür war, dass er sich einen Job gesucht hat, der ihn weit von zu Hause wegbringt und ihm die Möglichkeit bietet, vielleicht erschossen zu werden. Na ja, jedenfalls hätte ich gern, dass Gary noch eine Weile in meiner Nähe bleibt und lebensbedrohlichen Situationen aus dem Weg geht. Daher habe ich beschlossen, dass schon mehr dazu gehört als die Fähigkeit, Holding Back the Years fast so gut singen zu können wie Mick Hucknall, um es von energischem Gefummel zur vollständigen Penetration zu schaffen.

Blöderweise scheint Gary meine Sorge um sein Leben nicht zu teilen. Letzte Woche hat er mich gefragt, ob ich bis zum Ende meines Lebens Trockensex machen wolle. Argh! Ich wies ihn darauf hin, dass es andere Möglichkeiten gebe (dabei habe ich die Finger hinter meinem Rücken über Kreuz gehalten und gehofft, dass er nicht drauf anspringt). Option Nummer eins: eine kalte Dusche. Option Nummer zwei: diese ganze Masturbationsnummer. Machen männliche Teenies das nicht angeblich alle zehn Minuten? Und ist das nicht Sinn und Zweck der Samantha-Fox-Poster? Diese Frau wird sicher eines Tages einen berühmten Kinostar heiraten – okay, solange es nicht mein Tom ist. Obwohl die beiden ein perfektes Paar abgäben. Wie auch immer, zurück zu Option Nummer drei: Rosaline Harper. Sie hatte schon Sex mit der Hälfte aller Jungs aus unserem Jahrgang, und der einzige Grund, weshalb sie die andere Hälfte noch nicht befriedigt hat, ist, dass sie die letzten zwei Monate Schulverbot hatte, weil sie dabei erwischt wurde, als sie Alfie McGuinness im Hauswirtschaftsraum einen geblasen hat.

Wie auch immer! Tatsache ist, dass ich noch keinen Sex mit Gary hatte. Und das nicht nur, weil meine Tante Josie ihn für einen verlogenen Milchbubi hält. Apropos … die Hand unter meinem T-Shirt rief eine Reaktion in meiner Nippelgegend hervor.

»Du siehst super aus!«, flüsterte er.

Das meine ich mit den Lügen. Ich sah nicht super aus. Ganz okay vielleicht, aber nicht super. Ich meine – meine Haare waren knallblau und gestylt, als sei ich die Dritte im Bunde bei den Thompson Twins. Er dagegen sah aus wie ein junger Elvis – tiefschwarzes Haar, markante Wangenknochen und dunkle Augen, okay, die Gelsträhne passte jetzt nicht so gut. Aber vielleicht machte Liebe ja tatsächlich blind … Oder führte zumindest zu geistiger Umnachtung.

»Meine Mum und meine Schwestern sind heute Abend nicht zu Hause. Hast du Lust, mit zu mir zu kommen?«

Ich antwortete, indem ich ihn wieder küsste. Zum Glück war Ginger gerade unterwegs, um Drinks zu besorgen, sonst hätte sie mich wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses mit einem Bierdeckel beworfen. Aber ich musste Zeit gewinnen. Einerseits wollte ich nicht nach Hause – garantiert würde meine Mum gleich mit dem verirrten Idioten aus Edinburgh zurückkommen, und irgendwann würde er nüchtern genug sein, ihr für alles die Schuld zuzuschieben, und sie würde in Tränen ausbrechen wie immer. Oder er würde einschlafen und so laut schnarchen, dass Mrs. Smith von nebenan an die Wand klopfen und drohen würde, die Polizei zu rufen. Ein ganz normaler Samstagabend eben. Die Vorstellung ließ mich erschaudern, und auf einmal hatte eine Nacht bei Gary durchaus etwas Verlockendes. Ich könnte Mum einfach anrufen und ihr sagen, dass ich bei Lizzy übernachtete – allerdings müsste ich dafür in eine öffentliche Telefonzelle gehen, denn sie glaubte, ich sei in einem anständigen Jugendclub, und dieser Pub galt nicht gerade als ein von Gitarre spielenden Nonnen geleiteter Teenietreffpunkt. Andererseits – wollte ich wirklich eine weitere Nacht Sexersatz auf seinem Bett, während im Hintergrund Fa-a-ntastic Day dudelte?

Verdammt, ich hatte meinen neuen Ballonrock an! Obwohl … Oh, er war so cool. Und neunzehn. Und der am süßesten aussehende Typ in der ganzen Stadt. Und ich liebte ihn. Hatte ich das schon erwähnt? Vielleicht, dachte ich, sollte ich es einfach tun. Vielleicht sollte ich einfach die Nacht bei ihm verbringen. Vielleicht würde sogar mein Bustier fallen, und er würde den Level Trockensex mit Extra erreichen. Es sah schließlich nicht danach aus, als würden Tom Cruise oder Val Kilmer in naher Zukunft auf einem Schimmel vorbeigeritten kommen und mich in ein Leben voller Glitzer und Glamour entführen.

Als Nächstes wurde French Kissing in the USA gespielt, und als Lizzy Debbie Harrys Stimme hörte, sprang sie auf und begann, auf dem Tisch zu tanzen. Gute Strategie, um sich unauffällig zu verhalten. Konnte sie denn nicht einfach wie ein normaler Mensch auf der Tanzfläche tanzen?

»Du hast mir noch keine Antwort gegeben – kommst du nun mit zu mir?«

Gary knabberte an meinem Ohr, und sein warmer Atem verwandelte den Nippelalarm in beckenbebende Lust. Diesen Begriff hatte ich mal in der Cosmopolitan gelesen.

»Wenn du noch einmal an ihrem Ohr leckst, kotze ich.«

Ginger war mit drei Drinks zurückgekommen, die mit Papierschirmchen und lustigen Sticks dekoriert waren. Der Typ hinter der Theke hielt sie für achtzehn und war seit Monaten hinter ihr her. Und nichts sagte deutlicher »Ich steh auf dich« als eine Auswahl bunter Papierschirmchen und Dekosticks.

Ich beugte mich dicht zu Gary. »Klar«, flüsterte ich. Seine Hand auf meinem Rücken drückte mich noch enger an ihn. Zum Teufel damit, wieso auch nicht! Aber wenn er auch nur ein Fältchen in meinen Ballonrock drückt, dachte ich, drehe ich durch.

Trotz der Pfeile, die sich aus Gingers Richtung in meinen Hinterkopf bohrten, verschmolzen wir zu einem langen, gefühlvollen Kuss. Vage bekam ich mit, dass der Geräuschpegel hinter mir anstieg. Ich vernahm ein paar Schreie. Nichts Besonderes also. Zu einem Abend in Harry’s Bar gehörten ein bis sechs Prügeleien … Oh, das war schön! Sehr schön. Vielleicht sollte ich die Tatsache, dass er ein zwanghafter Lügner war und meine Tante ihn für einen Milchbubi hielt, einfach ignorieren … Ooooh, ich hörte schon Holding Back the Years … Mach’s mit mir, Mick Hucknall. Ich bin sechzehn. Es ist legal. Und wenn du deine Unschuld schon verlierst, dann wenigstens an einen, der aussieht wie Gary und keine Karriere plant, bei der Waffen eine Rolle spielen – zumindest nicht soweit ich erkennen konnte.

»Entschuldigen Sie bitte!«

Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, meine Lippen auf die von Gary zu pressen, um auf die unidentifizierbaren Geräusche im Hintergrund zu hören. Erst als die Musik aussetzte, die Lichter angingen und der Geräuschpegel plötzlich auf null sackte, wurde ich misstrauisch. Das Erste, was ich dann sah, war eine schwarze Uniformjacke mit silbernen Besätzen. Leider handelte es sich nicht um einen Tribute an Adam and the Ants.

»Miss, würden Sie sich bitte dort drüben an der Wand aufstellen.«

Trotz der überaus höflichen Ausdrucksweise handelte es sich hier nicht um eine Bitte, so viel war sicher.

Ich tat, was er sagte, und mein Herz begann zu hämmern, wie es das nicht mal bei dem am süßesten aussehenden Typen in der Stadt tat.

Ginger und Lizzy standen bereits in der Reihe. Lizzy sah aus, als würde sie jeden Moment anfangen zu heulen, und Ginger machte ein Gesicht, als würde sie sich gleich auf jemanden stürzen. Hoffentlich nicht auf Mr. Silberknöpfchen.

»Okay!«, bellte ein weiterer Hüter des Gesetzes. »Falls Sie es noch nicht bemerkt haben, das hier ist eine Razzia. Wir haben Grund zu der Annahme, dass in dieser Lokalität Alkohol an Minderjährige ausgeschenkt wird. Daher möchten wir gerne von Ihnen allen die Ausweise sehen. Diejenigen, die keinen Ausweis dabeihaben, dürfen gleich in einem dieser weißen Autos mit dem blauen Licht auf dem Dach eine kurze Spitztour ins Polizeipräsidium unternehmen.«

Ein echter Spaßvogel! Wir wurden tatsächlich gerade von einem ziemlich miesen Billy-Connelly-Imitat mit blödem Grinsen und Gummiknüppel verhaftet.

In den nächsten zwei Stunden, während unseres unfreiwilligen Trips zur örtlichen Polizeistation, probierten Ginger, Lizzy und ich alles, damit der schnuckelige blonde Anwalt aus L.A. Law geholt würde, um uns zu verteidigen. Am Ende nahmen sie uns formal fest, ließen uns jedoch gegen eine Kaution wieder frei. Die gute Nachricht war, dass wir nicht ins Vorstrafenregister aufgenommen wurden – die schlechte, dass sie unsere Eltern angerufen hatten, damit sie uns abholten. Am nächsten Tag brachte Dad es tatsächlich fertig, mich zu beschuldigen, den Familiennamen beschmutzt zu haben. Ausgerechnet er, der schon sturzbetrunken in jeder Stadt Schottlands gewesen war – und zwar in neunzig Prozent der Fälle, ohne zu wissen, wo er sich befand und wie er dort hingekommen war.

Festgenommen. In Schwierigkeiten. Eine Nacht mit Gary verpasst. Vermutlich gegen Rosaline Harper ausgetauscht. Erniedrigt. Fertig.

Und meine Eltern drohten damit, mich zu enterben.

Nun, auf Regen folgt …

Lektion 14

Manchmal erfordert das Leben eine gewisse Flexibilität

»Hey! Da ist ja unsere Antwort auf die Kray-Zwillinge!«, lautete Tante Josies Begrüßung. »Ich habe die ganze Woche geübt, Marmorkuchen mit Nagelfeilen zu backen, falls ihr noch mal verhaftet werdet.«

Ich verdrehte die Augen und warf meine Jeansjacke auf einen ihrer Küchenstühle. Tante Josies Haus war nur ein paar Straßen von unserem entfernt, aber in Wahrheit lagen Welten dazwischen. In unserer nagelneuen Sackgassendoppelhaushälfte herrschte perfekte Ordnung. Die Böden waren makellos, es lag kein Krümel auf der Arbeitsplatte in der Küche, und die Toiletten sahen aus, als wären sie noch nie benutzt worden. Selbst die Sofakissen mussten in einem bestimmten Winkel stehen, für den Fall, dass unser örtlicher Abgeordneter unangekündigt vorbeikommen oder das Jüngste Gericht tagen würde. Nicht auszudenken, dass die Russen auf den roten Knopf drückten, um uns auszulöschen, und unsere Polstermöbel wären unordentlich!

In Tante Josies Haus herrschte dagegen das reinste Chaos. Die Möbel waren ein einziges Sammelsurium. Nichts passte zusammen, alles war alt, und in der Küche hatte sie Enten an der Wand. Enten! Diagonal angeordnet. Als ob die Natur vorgesehen hätte, dass sie in einer Fabrik in Taiwan gefertigt und dann an eine Trennwand genagelt werden, ohne je die Sonne gesehen zu haben. Tante Josie fand, sie passten gut zu der Keramikhenne, in der sie ihre Eier aufbewahrte, und dem chinesischen Koch auf der Fensterbank. Ein großes Naturschauspiel. Und zugleich das gemütlichste Haus, das man sich vorstellen konnte. Man zog am liebsten gleich die Schuhe aus, wenn man hereinkam, kuschelte sich in einen Sessel und tunkte Kekse in den Tee.

Kurzum: Tante Josies Haus war eine Art Tierheim für Menschen. Immer wenn jemand heimatlos, vom Partner vor die Tür gesetzt oder von den Eltern enterbt wurde, einen Wasserrohrbruch oder die Handwerker im Haus hatte oder sich aus anderen Gründen vertrieben fühlte, fand er Zuflucht bei Tante Josie. Erst kürzlich hatten zwei Freunde von Michael eine ganze Woche auf ihren braunen Kunstledersofas verbracht, und im Gästezimmer wohnte ein Inder, der gekommen war, um Yoga zu lehren. Tante Josie bot einem immer eine Schulter zum Ausweinen an. Wann immer einer innerhalb eines Radius von zwei Meilen ein Problem, ein Dilemma oder sonst was hatte, hielt sie Trost, Getränke und was zu essen bereit. Tante Josie hatte drei Jobs, und ich bin ziemlich sicher, dass einer allein dazu da war, die wöchentlich benötigte Ration an Teebeuteln und Keksen für ihre Gäste zu zahlen.

Der wahre Grund, weshalb so viele Leute zu ihr kamen, war der, dass Tante Josie ein Herz aus Gold hatte, witzig war und immer, immer ehrlich, auch wenn es wehtat … wie jetzt zum Beispiel.

»Was zum Teufel habt ihr euch nur dabei gedacht? Das war echt superdämlich von euch.«

Aber ihre Ehrlichkeit bot immer eine gewisse Zukunftsperspektive. »Ich kann gar nicht glauben, dass du in einem Pub warst, ohne einen gefälschten Ausweis dabeizuhaben.«

Genau das ist der Grund, weshalb ich Tante Josie so liebe. Sie findet für alles eine Lösung.

»Das Werkzeug steht schon bereit. Wasser hab ich auch schon aufgesetzt, und im Schrank sind noch Karamellwaffeln.«

Karamellwaffeln. Das Antidepressivum der schottischen Arbeiterklasse.

Ich nahm die Box mit den Zutaten für die Heimdauerwelle und begann sie auszuräumen. Während meiner gesamten Kindheit hatte ich zugesehen, wie sich Josie und ihre Freundinnen gegenseitig die Haare zu winzigen festen Löckchen drehten. Der Tag, an dem sie verkündet hatte, mein Samstagsjob beim Friseur qualifiziere mich, diese Arbeit ab sofort zu übernehmen, war für mich eine große Ehre gewesen. Ja, an dem Tag war ich zur Frau geworden. Zu einer, die richtig stark nach Ammoniak roch.

Ich nahm einen Kamm, legte die winzigen Wickler zurecht und reichte Josie den Stapel Seidenpapierchen, die sie mir anreichen sollte, wenn ich gleich eine Locke nach der anderen aufdrehte. Eine Strähne abteilen. Mit Lotion tränken. Mit Papier umwickeln. Auf Wickler drehen. Mit einer Nadel feststecken. Versuchen, den ganzen Kopf fertigzukriegen, ehe die Dämpfe meine Lungen für immer schädigen würden. Je nach Tagesform lag das Ergebnis irgendwo zwischen Shirley Bassey (optimal) und dem seltsamen Wissenschaftstypen aus Zurück in die Zukunft (ein Look, den wir eher zu vermeiden versuchten).

»Hör mal, warum lässt du den Kopf so hängen? Du meine Güte, nein! Du hast doch nicht etwa mit ihm geschlafen? Doch, du hast. Und dann hat er dich sitzen lassen. Und du bist schwanger. Ich werde dieses Schwein umbringen. Warte nur, bis …«

Und das alles, bevor ich auch nur die erste Strähne aufgedreht hatte. Wenn ich sie jetzt nicht stoppte, würde die Geschichte so weit eskalieren, bis Gary der Penis amputiert war und sie wegen schwerer Körperverletzung im Knast saß.

»Ich habe nicht mit ihm geschlafen.«

»Oh! Möchtest du eine Karamellwaffel?«

»Nein, danke!«

Es gelang mir, ein paar Wickler festzustecken, ehe sie sich neu zum Angriff formiert hatte.

»Also, warum lässt du den Kopf so hängen? Mach dir wegen der Geschichte mit der Polizei keine Sorgen! Das passiert uns allen mal. Und ich erzähle dir nicht, was ich damals anstellen musste, um da rauszukommen.«

Ich beschloss, nicht nachzufragen und mich stattdessen auf die aktuelle Situation zu konzentrieren.

»Das ist es nicht«, antwortete ich und ließ jetzt wirklich den Kopf hängen. »Es ist nur so … man hat mir einen Fulltimejob im Friseursalon angeboten.«

»Und? Nimmst du ihn an?« Ich hörte leichte Besorgnis aus ihrer Stimme. So war Josie immer – sie zögerte, und das gab mir Zeit, meine Optionen zu durchdenken, mir eine fundierte Meinung zu bilden, mich zu entscheiden … bevor sie dann wie der Teamführer eines Sondereinsatzkommandos losstürmte und mir unmissverständlich klarmachte, was ich zu tun hatte.

Seit meinem vierzehnten Geburtstag arbeitete ich samstags und nach der Schule in dem Friseursalon. Obwohl ich die Jüngste war, behandelten mich die anderen Mädels dort, als wäre ich eine von ihnen. Ich genoss das. Ich genoss den Klatsch und Tratsch, ich genoss es, dass es nie langweilig wurde, und ich genoss es, dass immer laute Musik lief, außer wenn die alte Mrs. Welsh da war, die angeblich von den Vibrationen Krampfanfälle bekam.

Eine Weile dachte ich über andere Jobs nach. Vielleicht als Übersetzerin (die Tatsache, dass ich gerade so durch die Französischprüfung gekommen war, mal außer Acht gelassen). Oder als Krankenschwester (die Tatsache, dass ich bei allem, was auch nur entfernt an Blut erinnerte, in Ohnmacht fiel, einmal außer Acht gelassen). Oder als Journalistin. Auch wenn ich mir nicht vorstellen konnte, dass ich in der Lage sein würde, bei jemandem, der gerade durch eine Massenkarambolage die ganze Familie verloren hatte, an der Haustür zu klingeln und um ein Interview zu bitten. Außerdem würde das bedeuten, dass ich für vier Jahre aufs College musste. Aber Universität und College kamen auch deshalb nicht in Frage, weil meine Eltern mir klipp und klar gesagt hatten, dass sie keine weitere dieser unsinnigen Bildungsmaßnahmen unterstützen würden. Und mal ganz ehrlich: Je eher ich einen Job hatte, desto schneller kam ich aus dem Haus und konnte endlich ein eigenes Leben beginnen.

Andererseits hatten nicht mal vierzig Pfund pro Woche für ständiges Stehen und Einatmen von ätzender Dauerwellflüssigkeit durchaus auch Schattenseiten. Die Arbeitstage waren lang. Und die Bezahlung – da machte ich mir nichts vor – war dürftig.

»Bei diesem Gehalt kann ich mir nicht mal leisten auszuziehen.« Es dauerte eine Weile, ehe mir klar wurde, dass ich das laut ausgesprochen hatte.

Das war das Problem. Seit Jahren freute ich mich auf den Tag, an dem ich endlich ausziehen, diese Stadt verlassen und ein neues Leben beginnen könnte – und wenn ich nun einen Job mit derart bescheidenen Bezügen annahm, dann würde sich dieser Tag noch lange, lange hinauszögern.

»Du weißt, dass du jederzeit bei mir einziehen kannst, Schätzchen. Natürlich müsstest du dir dann mit Mr. Patel das Gästezimmer teilen, aber das würde ihn sicher nicht stören. Wahrscheinlich würde er es nicht mal merken, denn er summt den ganzen Tag mit geschlossenen Augen vor sich hin. Er behauptet, eine übernatürliche Beweglichkeit zu besitzen, aber es gibt schlimmere Eigenschaften bei einem Mitbewohner.«

Ihr Lachen wurde unterbrochen, als sie sich eine Benson & Hedges in den Mund steckte und anzündete. Na super! Dauerwellchemikalien plus Nikotin. Ich konnte von Glück reden, wenn ich rauskam, ehe mein kardiovaskuläres System kollabierte.

Josie bot mir schon seit Jahren an, bei ihr einzuziehen, aber … ich liebte sie zu sehr, um ihr das anzutun. Sie hatte schon so genug um die Ohren, und das Letzte, was sie brauchte, war eine weitere Person, um die sie sich kümmern musste.

Also zurück zu meinen Optionen. Ich sah es so: Ich konnte die Ausbildung im Salon machen und drei Jahre knapp vierzig Pfund in der Woche plus Trinkgeld verdienen, bis ich Juniorstylistin wurde und mehr Lohn bekam. Oder ich konnte noch ein Jahr zur Schule gehen und hoffen, dass das zu einem besseren Job führte – vielleicht in irgendeinem Büro oder so –, der mich schneller zu Hause ausziehen ließ.

Oder … »Du könntest auch anschaffen gehen.«

Das war Josies Beitrag zur Problemlösung, den sie, wie ich hoffte, nicht ernst meinte. Ich war inzwischen bei ihrer zweiten Kopfhälfte angelangt, und sie sah entfernt aus wie eine Angehörige einer feindlichen Spezies aus Raumschiff Enterprise.

»Super Idee«, antwortete ich und grinste schief. »Ja, ich möchte gerne eine Edelnutte werden, wenn ich groß bin.«

Tante Josie fasste sich dramatisch an die Brust und verfiel in das Gehabe einer überemotionalisierten Oscar-Gewinnerin.

»Schätzchen, du machst mich so stolz!«, verkündete sie feierlich, ehe ihr schepperndes Lachen sie wieder auf Normal schaltete und sie rief: »Mr. Patel, hier steht eine Tasse Tee für Sie.«

Ich weiß nicht, woher er kam, aber er stand sofort in der Tür.

»Er sieht nicht besonders beweglich aus«, bemerkte ich leise und sah zu, wie er mit seinem Tee davonschlurfte.

»Oh doch! Gestern Abend hat er sich mit den Zehen eine Banane in den Mund geschoben.« Mein erstaunter Blick provozierte eine schnippische Antwort. »Was? Na ja, im Fernsehen lief nichts, und wir haben uns ein bisschen die Zeit vertrieben.«

Nun, manche Dinge blieben besser unerklärt. Ich drehte die letzten Wickler ein, kippte die restliche Dauerwellflüssigkeit über Josies Kopf und zog eine Zellophantüte über das Ganze, die ich im Nacken verknotete. Gewöhnlich komplettierte sie diesen Avantgardelook, indem sie sich noch eine Zigarette anzündete, den Kessel aufsetzte und irgendwelche völlig abstrusen Geschichten aus der Nachbarschaft erzählte.

»Schätzchen, ich will dich wirklich nicht belehren, aber Geld ist nicht alles im Leben. Du musst dir überlegen, was du am liebsten machen würdest.«

Das wusste ich. In meinen Tagträumen hatte ich mir schon tausendmal ausgemalt, was ich mir vom Leben wünschte. Ich hatte über meine Hoffnungen nachgedacht, über meine Träume, meine Wünsche und die erreichbaren Ziele. Dann hatte ich das Wörtchen erreichbar gestrichen.

»Reisen. Die Welt sehen. Zum Surfen nach Hawaii fahren. In einem Penthouse in New York leben. Eine internationale, phänomenal erfolgreiche Karriere machen. In Größe 34 passen. Bei Bananarama einsteigen. Tom Cruise heiraten. Und wenn ich alt bin, sagen wir mal dreißig, will ich einen supersüßen internationalen Superstar-Ehemann, der mich anbetet, vier Kinder und ein Auto wie aus Starsky und Hutch

Josie ließ meine Informationen sacken, verarbeitete sie gründlich und intensiv und kam zu dem einzig möglichen Schluss. »Dann wirst du also den Rest deines Lebens im Friseursalon verbringen?«

»Hm!« Tja, das Wörtchen »erreichbar« war irgendwie wieder da. »Sieh es positiv, Tante Josie! Wenn ich den Job annehme, kriegst du immer kostenlos die Haare gemacht.«

Sie ignorierte meinen Hinweis auf den Silberstreif am Horizont einfach.

»Versprich mir bloß, keinen ungeschützten Sex mit diesem Milchbubi zu haben, schwanger zu werden und ihn zu heiraten! Ich könnte es nämlich nicht ertragen, mir den Rest meines Lebens an Weihnachten anhören zu müssen, dass er sich bei Duran Duran bewerben wird, sobald er zwei Akkorde mehr auf seiner Gitarre spielen kann.«

»Ich verspreche es.«

»Und du meinst es auch ernst?«

»Fast.«

Ich meditierte über ihre Ermahnungen, während ich achtundsechzig Dauerwellwickler abrollte. Dabei wurde mir klar, dass man die Dinge manchmal einfach so nehmen musste, wie sie kamen. Wie sie sich entwickelten. Man musste sie einfach rollen lassen.

Wie bei Mr. Patels Trick mit der Banane erforderte das Leben manchmal eine gewisse Flexibilität.

Lektion 15

Etwas, das sich richtig anfühlt, ist meist …

»Du riechst irgendwie komisch.«

Gary gab sich große Mühe, nicht zu grinsen, als er das sagte. Diese Lektion hatte er bereits vor ein paar Monaten gelernt, als ich meine Brüste zur Tabuzone erklärt hatte, nachdem er vorher einen penetranten Geruch bemängelt hatte. Woher hätte ich wissen sollen, dass die Kombination aus Tic-Tacs und Eau de Charlie die berauschende Kombination aus Mentholzigaretten und einem Thunfisch-Käse-Sandwich nicht überdecken konnte?

»Dauerwellflüssigkeit. Ich hab Josie heute die Haare gemacht.«

Ich strich mir den königsblauen asymmetrischen Pony aus dem Gesicht.

»In so was bist du richtig gut, stimmt’s?«, fragte er.

»Hm!«

Die nachfolgende Stille wurde nur durch das Trommeln seiner Hand auf das Autolenkrad unterbrochen. Ja, er hatte tatsächlich den Führerschein bestanden.

Dann war er jetzt also der am süßesten aussehende Typ in unserer Stadt mit Auto.

Er galt offiziell als personifizierter Sexgott von Weirbank. Der ganz klar zur personifizierten Sexgöttin von Weirbank gehörte und nicht zur personifizierten Leadsängerin von Siouxsie and the Banshees.

Aber wenn ich so darüber nachdachte … Was passierte hier eigentlich? Normalerweise hätte er längst auf mir gehangen, eifrig bemüht, vom Kussstadium zum Fummeln und weiter zum hoffnungsvollen Tasten in den Feuchtgebieten zu kommen. Darauf folgte dann jedes Mal mein Rückzug, und er tat, als machte ihm das nichts, ehe er mich nach Hause fuhr, damit meine Eltern bloß nicht merkten, dass ich nicht da war, und die Polizei verständigten.

»Du hast also den Führerschein bestanden?« Damit gewann Lou Cairney olympisches Gold in der Disziplin »Blöde Fragen stellen«.

»Hm!« Er zuckte betont lässig mit den Schultern. »Was sagst du zu meinem Auto?«

»Na ja, es ist … grün. Und echt cool.«

Schließlich war ich lange genug mit ihm zusammen, um mich mit Übertreibungen auszukennen. In Wahrheit war es nämlich eine schrottreife Klapperkiste, die aussah wie Kermit der Frosch. Aber wenigstens funktionierte sie (obwohl Gary damit an einem Hang parken musste, damit sie leichter ansprang).

Ich drehte am Radio, um die gedämpfte Stimmung zu überspielen. Irgendwie benahm Gary sich an diesem Tag seltsam. Vielleicht tauschte er mich ja jetzt, wo er ein Auto hatte, gegen eine andere ein. Vielleicht hatte er schon was mit Rosaline Harper angefangen. Vielleicht würde er … ah, mein Magen verkrampfte sich, und mein Mund wurde trockener als der uralte Duftbaum, der am Rückspiegel baumelte. Gott, in solchen Situationen war ich einfach hoffnungslos!

Ich traute mich nicht, was zu sagen, weil ich genau wusste, dass ich nur etwas Blödes, Albernes, Unangemessenes, Schwachsinniges von mir geben würde.

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