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Inhalt

Kapitel I Winter

Schlittenfahrt mit Fiffi · Die blutige Katze · Mrs Painter · Schlachttag · Martina · Die Sumpfwiese · Das Jammerholz · Der Vergeltungsschreck · Die irischen Wolfshunde · Die schwarze Pädagogik

Kapitel II Frühling

Das Büffet · Anni · Du mein liebes Kätzchen · Der Troll · Die Hexennacht · Dei natura · Alois · Das Gesindehaus · Der Horrorclown · Doktor Schubert · Schwarze Gewitterwolken

Kapitel III Sommer

Der Drache, der Ring und die Holde · Waldhonig · Marionettentheater · Eichenhof · Totenhemdchen · Das Großsteingrab · Die Elfe · Hugo und Maurice · Die Feuerlilien · Daimonion · Die Haare im Wind · Der Krötenknutscher · Okay, ihr dürft mich Suzi nennen

Kapitel IV Herbst

Das Tor zur Tiefe · Das Blumenmädchen · Über das Glück der Erkennenden · Naturgeist · Prometheus heiratet Pandora · Die Schlacht bei Lenzen · Die Überwindung der Angst vor dem Nichts · Angst vor dem Guten. Das Dämonische · Das Erbe

I

Torben legte seine kleine Hand auf Opas Ballen, es fehlten vier Finger, aber es fühlte sich gut an. Der Arm war angewinkelt steif und das rechte Bein fehlte. Auf die Holzprothese klopfte Torben gerne mal, klang wie ein Ton vom Xylophon. Er erzählte von dieser schweren Kriegsverletzung, dass er damals in Norwegen mit einer Kutsche mit zwei Pferden Nachschub fuhr und eine Fliegerbombe vor dem Gespann einschlug. Die Pferde scheuten und er sah noch, wie es einem den Kopf abriss.

Die Pferde retteten sein Leben, sagte er dankbar und Torben sah eine Träne fließen.

Opa zündete seine erloschene Zigarre an und drückte seinen moosgrünen Spezialsessel in Relax-Position. Im Fernseher liefen die „Tagesschau“, die üblichen Serien und - den Kindern zuliebe - auch immer wieder ein Märchenklassiker oder Zeichentrickfilm. Opa sah am liebsten Springreiten oder die Dressur. Torben sah manchmal auch mit zu bei den Turnieren, aber eher mit weniger Begeisterung. Er war immer für Australien, weil er dort geboren war, der Opa immer nur für Deutschland.

Es war Ende Dezember 1977. Eisig kalt, auf einem Bauernhof im östlichen Niedersachsen, in einem kleinen Dorf, in einer Gegend, wo früher germanische Stämme lebten.

In der Stube war es unerträglich warm, Torbens Wangen waren rot und er war erschöpft. Er schlief ein und wurde dann irgendwann nach oben gebracht, wo schon sein älterer Bruder und seine kleine Schwester lagen. Das kalte Zimmer erfrischte und es brauchte eine Zeit, bis die Decke ihn wärmte. Er schlief ohne zu träumen ein.

Alle wachten am nächsten Morgen früh auf und unten hörte man schon das Treiben der Großeltern. Mit einer Milchkanne schickten sie Torben zum Nachbarhof, einem großen Anwesen. Torben hatte etwas Angst, weil dort ein großer Hund lauerte. Aber diesmal weckte ein lautes Fauchen seine Neugier und er lief durch den Hof zu einer Scheune, wo er durch einen Torspalt diesen gefürchteten Hund und eine Katze sah, die sich im Duell gegenüberstanden. Der Hund schien unsicher. Torben aber war erschrocken. Er entschloss sich dann, sich möglichst leise aus dieser scheinbar bedrohlichen Lage zu entfernen.

Torben klopfte an die Tür des großen Bauernhauses und sah durch das Glas die bekannte Frau, die auch in ihrer Arbeitskleidung immer schick und schön wirkte. Erfreut öffnete sie die Eingangstür und bat ihn herzlich rein. Torben war immer wieder erstaunt über die riesige Küche mit dem schweren Esstisch, der in der Mitte stand. Und in einer Ecke saß stumm die Uroma, dunkel gekleidet und schaute aus dem Fenster. Es duftete nach Kaffee und bis auf das Zünden der Gasflamme und das Ticken der Uhr, war es still. Auch von der Uroma, die Torben heimlich aus dem Augenwinkel betrachtete, vernahm er kein Geräusch, als er auf die Milch wartete. Die Stille wurde plötzlich unterbrochen, als sich die Tür öffnete und die Bauersfrau ihm die gefüllte Milchkanne übergab. Das Blech war warm von der frischen Milch und er wärmte sich die Hände daran, als er wieder in die eisige Kälte ging.

Durch das mächtige Eingangstor, an den genauso mächtigen Eichen entlang und in den kalten Wind, der über die Felder zog. Torben öffnete die quietschende Pforte vom kleinen Bauernhof und freute sich auf das Frühstück. Der Opa saß schon in der warmen Küche auf seinem Platz, auf dem er immer saß. Genauso seine Schwester und sein Bruder, die auf der Eckbank saßen. Der Tisch war reichlich gedeckt. Mit selbst gemachter Marmelade, gekochten Eiern von den eigenen Hühnern, zwei Sorten Käse und Wurst. Torben probierte gleich die lauwarme Milch mit Kakao und strich dick Butter aufs Brot mit einem ordentlichen Klecks Erdbeermarmelade. Auf der Milch schwamm Haut und er drehte sie mit dem Löffel auf und schlürfte sie runter. Seine Schwester fand das ekelig. Die Oma legte noch einen Holzscheit in dem alten eisernen Ofen nach und die Küche wurde nochmal um gefühlte zwei Grad wärmer.

Die Wintersonne zog über den First vom Anwesen nebenan und strahlte durch das Küchenfenster, sodass die Eisblumen erstrahlten. Fiffi, ein scharfsinniger, schwarz-weißer Collie-Mischling, setzte sich neben Torben und seine Nase erschnupperte sichtbar eine Flut von Geruchspartikeln. „Nichts geben!“ sagte die Oma energisch. Torben streichelte Fiffis Kopf mit dem schönen schimmernden Fell und sie freuten sich auf den Tag.

Als Torben aufstand, wussten beide schon, was sie vorhatten. Mit Fiffi, der voller Freude mit dem Schwanz wedelte, ging er in den Hof, wo schon der Holzschlitten im Schnee auf sie wartete. Er legte ihm das Geschirr aus Strohband an und half mit, den Schlitten aus dem Schnee zu schieben. Als sie auf der festen Dorfstraße startbereit standen, aktivierte Torben Fiffis Instinkt durch ein Anrutschen des Schlittens. Als die Krallen im Eis griffen und seine Pfoten Halt fanden, ruckte der Schlitten deutlich an und Torbens Oberkörper kippte nach hinten. Erst langsam, dann immer schneller, schlitterten sie auf die kaum befahrene Straße. Torben brauchte den Hund nicht zu steuern; sie fuhren einfach geradeaus in Richtung Dorfausgang, an den Eichen, an der Kapelle und den Bauernhäusern entlang. Die Natur nahm ungezügelt ihren freien Lauf und dieser glückliche Moment hielt so lange an, bis Fiffi den Halt verlor und ausrutschte. Er fiel auf die Seite, das Gespann kam ins Schlängeln und überschlug sich. Torben sah noch, wie eine Kufe ihn in die Hüfte stieß und er kurz aufjaulte. Er lag am Rand im Schnee und lief schnell zu ihm, um ihn aus der Verhedderung zu befreien. Torben umarmte ihn, schaute ihn genau an und sah einen roten Blutfleck auf seinem weißen Fell. Torben spürte, wie ihm eine Träne über die Wange lief, zog seine Handschuhe aus und bemerkte beim Abwischen, dass dieses Blut von ihm stammte.

Nun zog Torben den Schlitten und Fiffi begleitete ihn wieder nach Hause. Er rannte kreuz und quer, vor und wieder zurück, spielte im Schnee und sah Torben immer wieder mit seinen traurigen Augen an, als wenn nichts geschehen und alles wieder gut wäre. Oma klebte Torben ein Pflaster auf die Schläfe, dabei klebte sie ein Haar mit an. Immer wenn er die Augenbraue bewegte, zwickte es. Aber Torben guckte einmal ganz gemein - und das Haar war rausgezogen.

Durch das Stubenfenster sah Torben seine Eltern kommen und er lief in den Hof, um sie zu begrüßen. Wie immer parkten sie das Auto unter dem Scheunenvordach vor dem Anhänger und dem Pflug. Als Torben näher kam und seine Eltern ausstiegen, erblickten sie die blutige braun-weiße Katze verdreht hinten im Radkasten hängen. Eine abgetrennte Pfote klebte zerdrückt im Reifenprofil und aus dem zerquetschten Kopf quollen die Augen heraus. Die Mutter rief entsetzt: „Oh, mein Gott!“

Torben war geschockt, er sagte gar nichts und der Vater musste überlegen, was er jetzt machen sollte. Er holte die Forke und versuchte die Katze vom Auto zu lösen. Dabei zerriss sie in zwei Teile und die eine Hälfte mit dem Kopf fiel in den Schnee. Aus dem noch eingeklemmten Hinterteil hingen fingergroße Gedärme heraus und der Vater pikte mit der Forke das restliche Stück Katze auf, um es mit der anderen Katzenhälfte auf den Misthaufen zu werfen.

Nach dem Eintreten in die warme Stube und der Begrüßung berichtete Torbens Vater von dem Unglück. Sich schuldig fühlend, erklärte er, dass er was bemerkt hätte von dem Stoß am Auto und er vermutete, dass es ein Eisklumpen war, über den er gefahren war. Der Opa fragte: „Welche Farbe hatte sie denn?“ „Braun-Weiß“, sagte Torben. „Das wird die von Schulzen sein“, sagte dann der Opa. Mit einem „Nicht so schlimm, wir haben hier sowieso zu viel Katzen im Dorf“, beendete die Oma das Thema und Torben und seine Schwester schauten die Oma erschrocken an. Der Vater versuchte abzulenken und fing an, die Vorzüge des Autos zu loben: Ein Taunus 12M P4, welcher Frontantrieb hatte und sich nicht so schnell festfahren und ins Schleudern geraten kann, weil die Antriebsräder den Wagen ziehen und nicht schieben. Das Manöver kam nicht stimmig rüber und zu dem Schuldgefühl kam noch eine Spur Peinlichkeit.

Der Opa ging mit seinem Stock und seiner grünen Feldmütze auf dem Kopf wie jeden Tag zur gleichen Zeit spazieren; Fiffi und Torben begleiteten ihn. Es war immer der gleiche Weg, durch das Dorf an der Gabelung links an der Kastanie vorbei zu seinem Feld, das genau zehn Morgen groß war. Torbens Opa war erstaunlich gut zu Fuß, trotz seines Holzbeins. Zwischendurch begrüßte er winkend die Nachbarn, wenn sie gerade in Sichtweite waren, oder wechselte ein paar Worte, meist oberflächliches Geplauder, aber auch oft tiefgreifende Gespräche über Fauna und Flora. Torben hörte aufmerksam zu und es kam ihm vor wie Geheimwissen. Wann Saat und Ernte waren, der Unterschied zwischen Roggen, Weizen und Hafer und interessante Geschichten über die Tiere. Die Schwalben und die Pferde bedeuteten seinem Opa viel und übten eine große Faszination auf ihn aus.

Es wurde später Nachmittag und Torbens Eltern wollten mit den Kindern nach Hause fahren. Alle Sachen wurden zusammengepackt und alle setzten sich gemütlich ins Auto. Die Großeltern verabschiedeten sich winkend und auch Fiffi lief noch etwas die Straße hinterher. Nach einer knappen Stunde kamen sie zuhause in ihrem Dorf an, wo Torbens Eltern ein Haus bauten, das noch nicht ganz fertig war. Es war bis auf das Wohnzimmer kalt im Haus, es wurde immer und überall nur gespart. Wenn sich seine Mutter mal ein günstiges Kleid gönnte, rechtfertigte sie sich und es ging tagelang darum, dass sie es doch brauchte!

Das neue Jahr hatte begonnen und es waren die letzten Ferientage. Torben hatte erfahren, dass die Familie wieder zu den Großeltern fahren würde und dass ein besonderer Tag ansteht. Es war Schlachttag; wie jedes Jahr an einem kalten Januar. Sie fuhren die schneebedeckte Straße entlang und es begegneten der Familie vielleicht zwei Autos auf dem ganzen Weg. Am Anfang des Dorfes gab es eine Kreuzung. Sie bogen rechts ab und links sah Torben wieder das große Anwesen, wo er immer die Milch holte. Sie fuhren in den Hof ein und Fiffi empfing sie ganz beglückt; Torben stieg aus dem Wagen und umarmte ihn, seine Schwester wurde fast umgeworfen und sein Vater sagte „Hallo Fiffi“ und klopfte ihn auf die Schulter. Alle gingen zusammen ins Haus. Durch die Futterküche, Küche und Flur in die warme Stube, wo Torbens Oma auf dem Sofa und sein Opa wieder auf seinem moosgrünen Spezialsessel mit der qualmenden Zigarre saßen. Sie hatten sie schon kommen sehen, durch das Fenster, das auf die Dorfstraße und die Felder zeigte, die bis zum Horizont reichten.

Torbens Mutter stellte die Koffer in den Flur, mit wieder viel zu viel Sachen eingepackt. Sie kommen wohl noch von der Weltreise: Von Amsterdam über den Atlantik, durch den Panamakanal über den Pazifik nach Melbourne, mit dem Zug „Indian Pacific“ quer durch den Kontinent nach Kalgoorlie, West-Australien, wo Torben die Welt erblickte und sein Vater als Sprengmeister in einer Goldmine arbeitete. Und wieder zurück von Perth, über den Indischen Ozean Richtung Suez-Kanal, durch die Straße von Gibraltar und schließlich in Hamburg.

Die Stube war bieder eingerichtet: Ein beiges Dreier-Sofa mit bestickten Kissen und den dazugehörigen Sesseln, ein gewöhnlicher Tisch mit Decke, ein dunkler Zimmerschrank mit Sprossenglastüren, einer Tischuhr und einhundert Jahre altem Geschirr darin. Ein genauso dunkler Eichenschreibtisch mit deutlichen Gebrauchsspuren, auf dem ein schwarzes Telefon mit Wählscheibe und der Fernseher standen. Ein kleiner Beistelltisch und daneben der Sessel vom Opa. An den Wänden eine ergraute Mustertapete und ein altes Landschaftsbild mit dickem goldenen Profilrahmen, auf dem ein Hirsch mit großem Geweih zu sehen war. An der anderen Wand ein Bild in schwarz-weiß vom Opa, wie er in Uniform hoch zu Ross sitzt. Und zwei Fenster, eins zeigte auf die Straße und durch das andere waren der große Garten und ein Bauernhof zu sehen.

Nach einem Geplauder fing Torbens Mutter an, die Taschen auszupacken. Der Bruder und seine Schwester mit ihrem putzigen Kuscheltier saßen weiter scheinbar unbeteiligt auf dem Sofa. Der Vater, der aussah wie ein attraktiver amerikanischer Schauspieler, legte seine Beine übereinander, lehnte sich zurück und es herrschte ein Augenblick Schweigen. Torben stand auf und alle schauten ihn an. Er sagte: „Ich geh noch bisschen in den Hof“, die Oma sagte darauf: „Aber nicht so lange, wir essen bald.“ Als Torben die Stubentür öffnete, lag dort Fiffi, erhob sich und wedelte mit dem Schwanz. Torben stieg in seine Stiefel, zog seine Handschuhe an, setzte seine Pudelmütze auf und beide gingen in den Hof. Das Thermometer zeigte -7°C an und es schneite leicht. Fiffi und Torben stapften durch den knöchelhohen Schnee, die Spuren von vor einer Stunde waren schon fast bedeckt vom neuen. Fiffi ging zum Apfelbaum und hob sein Bein, Torben ging zu den Garagen mit den großen hellblauen Doppeltoren. Links war der Kohlenbunker mit einem blutverschmierten Holzklotz. Eine Axt steckte darin, mit der immer die Hühner geköpft wurden. In der Mitte der sandfarbene Automatik DAF mit Lenkradknauf. In der rechten Garage der grüne Deutz-Trecker, auf dem Torben gerne mal saß und Phantasiereisen machte. Und dann die Werkstatt mit Werkzeug und unendlich vielen Dosen und Schachteln mit allem möglichen Krimskrams. Ein toller Spielplatz und eine richtige Schatztruhe für Tüftler. Torben „schnüffelte“ noch ein bisschen in der Werkstatt und Fiffi auf dem Hof. Torben formte ein paar Schneebälle, warf sie mit voller Wucht gegen das Tor und für Fiffi schleuderte er einen Stock, der unter der schneefreien Traufe lag, im hohen Bogen Richtung Garten, den Fiffi mit unglaublicher Geschwindigkeit und schneeaufwirbelnd packte. Dann rief es: „Torben, essen!“ Torben ging zum Haus und die Oma stand in ihrem Kittel, den sie immer anhatte, und mit Schürze um in der Futterküche. „Wie seht ihr denn schon wieder aus“, schimpfte sie. Sie drückte Fiffi mit dem Knie lieblos beiseite, sodass er nicht weiter ins Haus kommen konnte. Und Torben klopfte sie schon fast etwas brutal den Schnee von der Kleidung. Fiffi wurde auf den ollen Teppich in der kalten Futterküche verwiesen und Torben musste sich dort umziehen.

Dann durfte Torben ins neue Wohnzimmer gehen. Ein umgebauter Kuhstall. Der lange Tisch war gedeckt, der Opa, der Vater und die kleine Schwester saßen schon und es duftete nach Essen im ganzen Haus. Torben setzte sich ans Fenster und konnte auf eine große Bildtapete schauen, die ein Alpenmotiv zeigte. Eigentlich war das Bild ganz schön, aber es wurde einem irgendwann über und man verband eine „schöne Grässlichkeit“ damit. Der Opa residierte an der Stirnseite vom Tisch, wie der Herr des Hauses. Torben saß neben ihm und beobachtete, wie er mit Vater redete. Dabei fiel ihm die Warze an der Nasenwurzel auf, die zu ihm gehörte wie sein Stock und seine Zigarre. Sah aus wie eine Rosine, nur heller. Torben durfte sie auch mal anfassen; sie war weich und fühlte sich an, als ob man sie einfach abpflücken konnte.

Die Oma kam mit einer großen weißen Schüssel, die Mutter mit Getränken und der Bruder hinterher. Die Schüssel wurde mittig auf den Tisch gestellt und beim Abheben des Deckels dampfte und duftete es über den ganzen Tisch. Nach der Reihe, die Kinder aber zuerst, wurden die Teller gefüllt. „Na, Susanne“, so hieß die Schwester Torbens, „Noch ein bisschen mehr Festes?“ fragte die Oma. Susanne, die ihren Löffel schon in der Hand hielt und ein Lätzchen trug, nickte einfach. Die Oma schwenkte noch einmal die Kelle in die Suppe und legte zwei extra Klöße mit Mohrrübe und Brokkoli in ihren Teller. Dann war Torben dran und sah, dass er sogar einen Kloß mehr hatte als Susanne. Der Bruder reichte den Teller und ihm war es wohl egal, wie viele er hatte. Als alle bedient waren, sagte Torbens Vater schlicht, „Guten Appetit“. Die eine oder der andere erwiderte das „Guten Appetit“ und das Porzellan fing an zu klappern. Niemand schlürfte außer dem Opa, der schlürfte ein bisschen. Als die Teller leer waren, wurde gefragt, ob noch wer was haben möchte. Ohne dass Torben dazu kam mit „Ja“ oder „Nein“ zu antworten, wurde sein Teller gegriffen und nachgefüllt. Alle bekamen noch eine Kelle von dieser bunten Gemüsesuppe mit Klößchen und Nudeln. Außer Susanne, die konnte nicht mehr, und die Mutter, die wollte nicht mehr.

Nachdem erneut alle Teller geleert waren, wurde das Geschirr zusammengestellt und Oma und Mutter trugen es raus in die Küche. Gespannt warteten die Kinder auf den Nachtisch, den es fast immer nach dem Mittagessen gab. Kleine Schälchen und kleine Löffel wurden auf den Tisch gelegt. Dann kam die Glasschüssel mit Roter Grütze, mit den roten und schwarzen Beerenfrüchten und eine Karaffe Vanillesoße. Torben hätte am liebsten noch das Schälchen mit ausgeleckt, so lecker war die warme Süßspeise. Der Opa hatte nach einem Schluck Vita-Malz, was das Standardgetränk für alle war, kurz aufgestoßen und es roch etwas ekelig. Es verzog sich aber schnell und hat das Mahl nicht verdorben. Das Geschirr wurde wieder zügig abgeräumt und man sah auf der Tischdecke genau, wer gekleckert hatte. Torben leerte noch das Glas mit Malz und setzte sich auf das Sofa, das im neuen Wohnzimmer neben dem Schrank mit der ganzen Schokolade stand. Das mit dem Schrank und der Schokolade darin war ein offenes Geheimnis und manchmal schaute er heimlich nach, was dort so alles an Süßigkeiten war und nahm sich was. Es wurde schweigend geduldet. Torben legte seine Hand auf seinen gefüllten Bauch und schaute auf die gemütliche Sitzecke in einer Nische gegenüber, wo ein Fenster zur Scheune und dem Misthaufen zeigte, auf dem sonst ein Hahn schrie. Dann schweifte sein Blick wieder zu dem Schokoladenschrank, zu den Büchern, die dort standen und nach Größe sortiert waren. Torben nahm sich den Atlas, der neben einem Gesangbuch und ein paar Romanen stand. Neben der Tageszeitung und der Boulevardpresse, gab es sonst nicht so eine Auswahl an Literatur zu lesen. Er schlug das große blaue Buch auf, wo die Himmelskörper zu sehen waren und auf der Weltkarte der Kontinent und die Stadt, wo er geboren war. Torben kannte sich ziemlich gut aus mit Australien. Queensland Brisbane, weiter südlich Sydney und Melbourne. Dann kam Adelaide und genau in der Mitte Alice Springs mit dem berühmten Felsen. In West-Australien an der Küste die schönste Stadt der Welt: Perth. Und ganz im Norden, in den Tropen, die Stadt Darwin. Torben wurde im November geboren, im Frühling. Denn wenn in Deutschland Herbst ist, ist in Australien Frühling.

Alle paar Jahre kam eine Mrs Painter zu Besuch, eine ältere Dame, die Lehrerin war und die Torbens Eltern dort kennengelernt hatten. Sie kam immer kurz angekündigt, was die Eltern aufregte. Das Wohnzimmer wurde dann zu einem halben Schlafzimmer. Sonst hatte sie Torbens Zimmer in Beschlag genommen und legte sich auch in sein Bett, was er ein bisschen ekelig fand. Meist blieb Mrs Painter auch noch sechs Wochen und fing an, unerwünscht zu werden, was sie aber nicht bemerkte. Beim letzten Besuch wurde ihr das aber gesagt. Dass sie sich länger ankündigen muss und nicht so lange bleiben kann. Das hat sie gekränkt und sie ist auch zickig geworden. Sie hat noch einen langen Jammerbrief geschrieben und dass sie das alles nicht versteht und wie schön doch alles war. Dann haben wir nie wieder was von ihr gehört.

Torben hörte noch, wie der Großvater und der Vater über die Vorbereitung sprachen für den Schlachttag, der morgen in aller Frühe stattfinden sollte und ging raus aus dem neuen Wohnzimmer, durch den Flur in die Küche, wo seine Mutter abtrocknete und seine Oma das Geschirr abwusch. Sie tauchte erneut einen Teller in das graue Spülwasser, wo alle möglichen Stücke drin schwammen. Es fehlte nur noch, dass Augen oder andere Körperteile hochploppten. Angewidert ging er zurück in die warme Stube, wo Jochen, so hieß Torbens großer Bruder, und Susanne sich es schon gemütlich machten. Der Vater und der Opa kamen dazu, als das schwarze Telefon klingelte. Der Schlachter war dran. Nach einem Wortwechsel mit Lagebericht und mehrmals „Ja“ und „Bis Morgen dann“, legte Opa auf und setzte sich in seinen Sessel. Er holte aus einer Holzschachtel eine neue Zigarre raus und zündete sie mit einem Streichholz an, saugte fünfmal und fünf Dampfwolken formierten sich zu einer Wolke, die ihn gänzlich einhüllte. So eine Zigarre hält ein paar Stunden und der Tag ist nach drei Zigarren vorüber. Zwischendurch legte er sich auch gerne mal ein Priem zwischen Wange und Backenzähne. Der Kautabak sah aus wie Lakritze, war nur schleimiger und lag in einer kleinen streichholzgroßen, roten Schachtel mit Kippdeckel, eingeschlagen in Papier. Torben hatte so ein Priem auch mal probiert. Schmeckte komisch und intensiv bis ekelig, regte den Speichelfluss an und die Spucke war beim Ausspucken braun-schwarz.

Der Opa bat Torbens Vater, den Fernseher einzuschalten. Kurz darauf hörte man den Gong von der „Tagesschau“. In Hamburg und Flensburg wurde Katastrophenalarm ausgerufen und die schleswig-holsteinische Landesregierung hatte einen Krisenstab gebildet. In ganz Norddeutschland kam es zum Schneechaos, in Schleswig-Holstein kamen noch orkanartige Böen hinzu. Ganze Landstriche waren von der Außenwelt abgeschnitten und der Schnee lag hüfthoch. Und die Kaltwetter-Front sollte sich immer weiter nach Süden ausdehnen. Torben schaute aus dem Fenster und tatsächlich schneite es kräftig, was in dieser Gegend aber nicht unüblich war. In dem Moment musste Torben an Fiffi denken, hoffentlich ist er nicht draußen in diesem Schneechaos. Torben rannte in den Flur, kein Fiffi. Die Treppe hoch, in den kleinen Flur, wo der Hund auch gerne mal lag, auch nicht. Torben rannte wieder runter und rief ihn. Da bellte es zweimal. Fiffi lag in der kalten Futterküche mit seinem Rindsleder-Knochen auf dem Läufer. Torben umarmte den Hund und nahm ihn mit in das neue Wohnzimmer, wo sie beide dösten und schließlich einschliefen.

Es öffnete sich die Wohnzimmertür und Torbens Mutter schaute rein und sagte: „Ach, hier bist du; es gibt gleich Kaffee und Kuchen.“ Dann kam Susanne singend herein und es fing sowieso an zu poltern und die Stille war dahin. Fiffi machte das alles nichts, Torben auch nicht wirklich. Denn die Ankündigung mit dem Kuchen machte es wieder gut. Hintereinander in das Wohnzimmer kamen Torbens Vater mit dem Geschirr, die Oma und die Mutter mit Kuchen, Jochen und der Opa. Alle nahmen Platz, auch Fiffi, der das Geschehen interessiert mit geneigtem Kopf aus einer Distanz beobachtete. Serviert wurde eine Schwarzwälder Kirschtorte und gefüllter Bienenstich, beides Torbens Lieblingskuchen. Aber er konnte sich nur für eins entscheiden, denn er war noch satt von der Bunten Gemüsesuppe und der Roten Grütze. Torben nahm den Bienenstich, war nicht ganz so mächtig wie die Torte. Die Oma kam noch mit der Kaffeekanne und schenkte ein. Susanne bekam Malzkaffee. Der kräftige Kaffee, der sich durch die Milchsahne rehbraun färbte und mit Zucker versüßt wurde, schmeckte lecker und harmonierte mit dem Bienenstich.

Es wurde später Nachmittag und es war dunkel geworden. Man sah das Schneegestöber an der hellen Straßenlaterne und hörte den Wind um das Haus wehen. Torbens Vater und sein Opa unterhielten sich über den nächsten Tag, dass frei gemacht werden müsste und Schnee geschoben, dass die Zinkwanne aus der Scheune in die Futterküche gestellt werden müsste und dass die Einmachgläser und Mollen bereitstehen müssten.

Da klingelte das Telefon wieder und nach einer Weile kam die Oma zurück, die den Anruf entgegengenommen hatte, und erzählte, dass Wolfgang und Marianne mit den beiden Kindern nicht kommen würden, wegen dem Wetter. Wolfgang und Marianne waren Torbens Onkel und Tante und kamen aus einer Stadt, die 150 km entfernt liegt. Der Vater und der Opa hatten es eigentlich schon geahnt und rechneten mit der Absage. Auch Torbens Vater ging davon aus, dass er etwas länger bleiben würde. Aber er hatte noch vier Tage Urlaub und es waren noch vier Tage Ferien mit Samstag und Sonntag. Bis dahin würde sich das Wetter beruhigt haben und die Straßen geräumt sein.

Der Abend klang aus und Torbens Eltern zogen das Schlafsofa im Wohnzimmer aus. Die Kinder wurden nach dem Zähneputzen nach oben gebracht und alle gingen früh schlafen, weil alle sehr früh aufstehen mussten. Fiffi durfte auf dem Läufer neben Torben schlafen. Die Mutter las Susanne noch eine Geschichte aus dem dicken Märchenbuch vor und Jochen und Torben hörten mit zu. Es stürmte der Wind in Intervallen ums Haus und verursachte gruselige, quietschende und knarrende Geräusche. Manchmal so schlimm, dass man glaubte, das Fenster schlüge gleich auf und der Schnee wehte ins Zimmer. Das Märchen, das die Mutter aus dem Märchenbuch vorlas, endete mit „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“, als die Mutter aufstand und leise „Gute Nacht“ sagte. Susanne und Jochen schliefen schon und Torben hielten das Rauschen des Windes und das Knacken des Gebälks und des alten Bauernschrankes noch wach, bis sich der Sturm allmählich legte und Torben mit einem Traum einschlief, in dem Fiffi und er sich durch einen Schneesturm quälten, seine Mütze vom Kopf über das weite Feld wehte und Fiffi hinterherlief um sie zu fangen. Fiffi lief immer weiter durch das Gestöber, bis er sich ganz in die Ferne auflöste.

Es war noch stockfinster, als sich die Tür öffnete und das Licht mit einem „Aufstehen“ angeschaltet wurde. Keines der Kinder traute sich aus dem warmen Bett, um sich im kalten Zimmer anzuziehen. Nach einer kurzen Überwindungsphase gingen alle, Fiffi voran, runter in die Küche, wo schon das Frühstück einladend auf sie wartete. Die Uhr zeigte kurz vor sechs an und der Ofen hatte die Küche gemütlich aufgewärmt. Die Oma goss warme Milch ein und man hörte im Hof den Schneeschieber kratzen und ein Klappern in der Futterküche, während Susanne den Kakao umrührte und Jochen das Frühstücksei aufklopfte.

Nach dem Waschen und Zähneputzen gingen Torben und Susanne mit Fiffi in den Hof, wo Fiffi den Apfelbaum aufsuchte und Torben mit seiner Schwester den freigeschobenen, mit Sand bestreuten Weg entlang zur Scheune ging. Torben sah noch, wie ein Bauer mit seinem neuen riesigen kieselgrauen MB-Trac und Räumschild die Straße vom Schnee befreite, als er die Tür zum Schweinestall öffnete. Es roch scharf und die Schweine grunzten die Kinder an. Susanne hatte Angst und ging mit Torben an der Hand an den Schweinen vorbei, die ihre Rüssel durch das Gitter und die angefressenen Holzbohlen steckten. Torben wusste nicht, welches Schwein heute sein Todesurteil erwartete. Aber er erinnerte sich noch daran, wie sie kleine Ferkel waren und wild an den Zitzen der Sau saugten. Torben hat es auch mal geschafft, eins auf den Arm zu nehmen. Das kleine Schweinchen war sauber wie gerade frisch gebadet, hielt es aber nicht lange aus in der Höhe und wollte wieder auf den Boden gesetzt werden.

Er gab ihm den Namen „Lisa“. Und wie früher sahen die Schweine alle gleich aus und er wusste nicht, ob es Lisa sein würde, die hinausgeführt wird. Am Ende des Schweinestalls führte eine Tür in die eigentliche Scheune, groß und hoch wie eine Kathedrale, mit der Schrotmühle und den aufgehäuften Strohballen. Susanne und Torben gingen durch die Scheune zum zweigeteilten Scheunentor, welches sich nur mit Mühe aufschieben ließ. Ein kleiner Spalt reichte und beide gingen seitlich gewandt hindurch. Torben schob es wieder zu und sah ein rotes Auto, das langsam und knirschend durch den Schnee auf den Hof fuhr. Das Auto kam unter dem Scheunenvordach zum Stehen und nach einer kurzen Stille öffnete sich die Wagentür. Und es kam ein großer, voluminöser Mann heraus. Unter dem Mantel war ein weiß-blaues vertikal gestreiftes Hemd zu sehen, das ihn eindeutig identifizierte. Susanne nahm wieder Torbens Hand. Und der Mann, der stapfend durch den Schnee schritt, drehte seinen Kopf und schaute die Kinder schweigend, aber lächelnd an. Fiffi knurrte und Susanne schaute zu Torben hoch und sagte nichts.

Durch den Torspalt war eine Katze mit durchgehuscht, eine grauschwarz getigerte. Sie umstreifte Susannes und Torbens Beine und erwartete, dass sie gestreichelt würde. Die Kinder hockten sich hin und erfüllten der namenlosen Katze diesen Wunsch. Fiffi hatte die drei gesehen und rannte über den Hof auf sie zu. Fiffi und die Katze beschnupperten sich kurz und erkannten sich als alte Freunde. Torben kannte die Katze noch, als sie ein Baby war. Es war eine von vieren, aus einem bunten Wurf. Wo die anderen waren, wusste Torben nicht. Torben fragte mal die Oma, wo die anderen Kätzchen geblieben sind. Sie sagte: „Die sind weggelaufen.“

Der Opa kam aus dem Haus und ging auf die Scheune zu. Zu Susanne und Torben sagte er, „Geht mal rein, ins Warme“, als er das Scheunentor öffnete und nach Fiffi rief. Die Katze lief durch den Torspalt und Fiffi hinterher. Dann schloss er wieder das Tor und kam zurück ins Haus. In der Futterküche sah Torben den Mann wieder, der seinen Mantel gegen eine lange cremeweiße Schürze getauscht hatte, und wie er eine Tasche öffnete und ein Sortiment Messer bereitlegte. Er beachtete Susanne und Torben kaum, als sie durch den Raum gingen und die Tür hinter sich schlossen. In der Küche reihten die Oma und die Mutter auf dem Tisch die Einmachgläser auf, die vorher in dem großen runden Ofen sterilisiert worden waren. „Kommt uns hier nicht in den Weg!“ sagte die Oma bestimmend, und Susanne und Torben gingen zügig durch die Küche in die warme Stube. Dort saß Jochen in sich gekehrt und malte ein Bild und Susanne und Torben setzten sich dazu. Torben schaute aus dem Fenster, und der Tag versprach schön zu werden und die stürmische Nacht, mit dem gruseligen Knarren und Knirschen des Gebälks, war wie davongeweht.

Susanne setzte sich mit an den Tisch und wollte auch malen. Sie öffnete einen großen Zeichenblock und griff nach den Stiften, die Jochen sich zurechtgelegt hatte.

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