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Und ich musste bleiben

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zitat
  8. Prolog
  9. 1 Hallo, Welt!
  10. 2 Spirale der Gewalt
  11. 3 Gebrochen
  12. 4 Ein neuer Beginn?
  13. 5 Der Anfang vom Ende
  14. 6 Der Tag, an dem die Nacht begann
  15. 7 Bis acht zählen
  16. 8 Ausgeliefert
  17. 9 Ausgedient
  18. 10: Niemand will dich
  19. 11 Einmal Freiheit und zurück
  20. 12 Vermeintliche Rettung
  21. 13 Abschaum
  22. 14 Ausschusstochter
  23. 15 Barfuß ins Leben
  24. Epilog
  25. Danksagung
  26. Quellen
  27. Hilfsadressen
  28. Bildteil

Über dieses Buch

Svenja ist ein fröhliches Kind und liebt ihre Mutter über alles. Doch dann beginnt der Vater, ihre Mutter zu schlagen und treibt sie in eine schwere Depression. Svenja ist zwölf, als ihre Mutter sich das Leben nimmt, ab da ist ihr Leben die Hölle. Der eigene Vater lehnt sie ab, sie wird von ihrem Bruder getrennt und muss in einer Pflegefamilie bleiben, wo der Pflegevater sie schlägt und missbraucht. Verzweifelt sucht Svenja nach Hilfe, aber sie wird völlig alleingelassen …

Über die Autorin

Svenja Wagner wurde 1969 in Menden als Kind zweier Lehrer geboren. Mit 17 lief sie von zu Hause weg und lebte ein Jahr bis zu ihrer Volljährigkeit abwechselnd auf der Straße und bei einem Bekannten. Anschließend zog sie nach München, wo sie nach längeren Auslandsaufenthalten zuletzt als Personal­referentin arbeitete. 2013 begann sie ein Studium der Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Svenja Wagner

Und ich
musste bleiben

Mein Vater trieb meine Mutter
in den Suizid und
zerstörte meine Kindheit

Von den Kindern

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.

Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.

Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,

und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.

Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,

denn sie haben ihre eigenen Gedanken.

Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen,

denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.

Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.

Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.

Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.

Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,

und er spannt euch mit seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.

Lasst euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;

denn so wie er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.

Khalil Gibran, Der Prophet

Prolog

Die Erfahrungen, die wir in der frühesten Kindheit machen, sind maßgeblich entscheidend für das gesamte Leben. Wer als Kleinkind Liebe und Halt erfährt, baut Urvertrauen auf, das ihn befähigt, Beziehungen einzugehen, Selbstvertrauen zu entwickeln und sein persönliches Potenzial zu entfalten. Auf diesem Fundament wächst eine stabile Persönlichkeit heran, die an dem Schmerz und den Sorgen, die ein jedes Leben mit sich bringt, nicht zerbricht.

Doch kann all das Gute, das ein Kind erfährt, durch die Gewalttätigkeit und den Hass eines einzigen Menschen zertreten werden. Und plötzlich tut es weh, je geliebt worden zu sein. Denn die Fallhöhe ist umso größer: Man stürzt aus der warmen mütterlichen Geborgenheit in eine Welt der Ablehnung, Demütigung und emotionalen Kälte.

Männergewalt, Suizid, Missbrauch und das Versagen des Jugendamts haben eine Schneise der Zerstörung in mein Leben geschlagen. Dass ich all dem zum Trotz überleben konnte, habe ich nur einem Menschen zu verdanken: meiner Mutter.

In meiner Erinnerung beginnt mein Leben auf einer wunderschönen Blumenwiese. Ich bin etwa vier Jahre alt und stolze Besitzerin meiner eigenen Indianerhütte. Die hübsche junge Frau mit den langen Haaren und dem Picknickkorb in der Hand ist meine Mami. Fröhlich plappernd spazieren wir zu unserem Lieblingsplatz am Waldrand. Unter der alten Linde breitet meine Mutter eine Decke auf dem Boden aus. Ich werfe einen neugierigen Blick in den Korb: Es gibt Salat, selbst gebackenen Marmorkuchen und Limonade, und hier draußen, in der warmen Sommerluft, schmeckt es gleich doppelt so gut.

Nach dem Essen spielen wir Fangen. Als Mami mich erwischt, wirbelt sie mich durch die Luft, und wir lassen uns lachend auf die Decke fallen. Mami flicht mir einen Kranz aus Gänseblümchen und setzt ihn mir auf den Kopf. Glücklich und zufrieden kuschle ich mich in ihre Arme, und wir genießen im Halbschatten die letzten Sonnenstrahlen des Tages. Die Luft duftet nach Wald und Wiese. Ein Marienkäfer landet auf meinem Arm, seine kleinen schwarzen Fühler kitzeln, als er sich bewegt.

»Guten Tag, kleiner Freund, willst du mit mir spielen?«, frage ich ihn.

»Wenn er wegfliegt, darfst du dir etwas wünschen«, sagt meine Mami. »Du darfst es aber nicht laut sagen und auch keinem verraten.«

Als er seine winzigen Flügel ausbreitet und sich in die Luft gleiten lässt, habe ich nur einen Wunsch: dass ich den nächsten Tag wieder mit Mami herkommen darf und den übernächsten auch. Und immer so weiter, bis ich groß bin.

Als ich vier Jahre alt war, dachte ich, das Leben habe es besonders gut mit mir gemeint. Ich hatte die beste Mami der Welt. Ob ich auf die alte Linde kletterte oder von einem Mäuerchen sprang: Immer war sie da, um mich aufzufangen. Alles, was ich mir zu meinem Glück noch wünschte, war ein Geschwisterchen. In zwei Jahren würde mein Wunsch in Erfüllung gehen, aber das ahnte ich an jenem Sommertag auf unserer Wiese natürlich nicht.

Damals wusste ich noch nichts von all den Dingen, die auf mich warteten. Und ich wusste auch nichts von dem schrecklichen Tag in acht Jahren, als Spaziergänger in einem Waldstück die leblosen Körper zweier Menschen fanden. Einer von ihnen sollte meine Mutter sein.

1

Hallo, Welt!

Weit im Westen Deutschlands, rund siebzig Kilometer von der niederländischen Grenze entfernt, existiert eine kleine, 1952 Einwohner umfassende Siedlung. Es ist einer jener beliebig wirkenden Orte, an denen Tausende von Reisenden tagein, tagaus mit dem Zug vorbeifahren und nicht ahnen, was wirklich hinter den gutbürgerlichen Fassaden vor sich geht.

Wenn ich an das Dorf meiner Kindheit zurückdenke, sehe ich gleich rechts hinter dem Ortseingangsschild fade Verwaltungsgebäude und Fertigungshallen, um die herum sich einige Mehrfamilienhäuser gruppierten. In den Hinterhöfen standen die obligatorischen Teppichklopfstangen, zu hoch für uns Kinder, um an ihnen zu turnen. Verwitterte Scherenzäune zerteilten die asphaltierte Fläche, auf der man wunderbar hätte Rollschuh fahren können, in exakt abgemessene Parzellen für die Wäscheleinen. An der Straße Richtung Ortsende reihten sich die Einfamilienhäuser, der grobe Putz angegraut, die Jalousien halb heruntergezogen. Gartenzwerge grinsten einem aus den Vorgärten entgegen, während die windschiefen Lauben und selbst gezimmerten Eingangsvorbauten auf etliche Hobbyheimwerker im Dorf schließen ließen. Der wahrscheinlich leidenschaftlichste von ihnen war mein Vater.

Unser Haus war wohl selbst in seiner Blüte nie eine Schönheit gewesen, weshalb es für meinen Vater nicht ganz einfach gewesen sein dürfte, meine Mutter zu diesem Kauf zu überreden. Es musste komplett saniert werden, was einige Zeit in Anspruch nahm, und als Papa mit dem Nötigsten fertig war, hatte er offenbar seinen Spaß am Heimwerken gefunden. Er ging voll und ganz in seinen Projekten auf und fand immer wieder ein Fleckchen zum Anbauen, Umbauen, Draufbauen und Wieder-Abreißen. Im Nachhinein kommt es mir so vor, als hätte er in dem kleinen Anwesen mit seinem verwinkelten Keller, dem düsteren Werkzeugraum und dem viel zu großen Treibhaus sein ganz persönliches Legoland gefunden, in dem er sich nach Lust und Laune austoben konnte. Vielleicht war es aber auch eine Flucht vor sich selbst, die er dort betrieb.

Meine Eltern hatten sich während des Studiums für das Lehramt kennengelernt; mein Vater war Hauptschullehrer, meine Mutter Grundschullehrerin. Mami war nicht gerade glücklich gewesen, nach dem Staatsexamen mitten ins Niemandsland versetzt zu werden. Mein Vater jedoch war in dieser Hinsicht weniger wählerisch. Er schätzte die viele Freizeit, die sein Beruf mit sich brachte, liebte sein Hobby und wollte ansonsten in Ruhe gelassen werden.

Meine Mutter war völlig anders als er. Sie liebte alles, was mit Kunst und Kultur zu tun hatte, und so schwärmte sie von Städten wie Brüssel, ihrer Geburtsstadt, von Paris, Hamburg und München mit all den Möglichkeiten, welche diese Metropolen einem kulturbegeisterten Menschen boten. Bei uns auf dem Land hingegen war der Höhepunkt die monatliche Feuerwehrübung in der übernächsten Kleinstadt – sofern man nicht Mitglied im ortseigenen Schützenverein war. Und auch ästhetisch konnte die ehemalige Arbeitersiedlung mit ihrem Wellblechlauben-Charme und dem abgenutzten Sechzigerjahre-Ambiente meiner Mutter wohl kaum Begeisterungsstürme entlocken. Doch wenn ihr etwas noch wichtiger war als die Kunst, so waren es mein Vater und ich. Als Mitglied einer deutschen Familie hatte sie als kleines Mädchen die Flucht aus Belgien miterlebt. Sie kannte das Gefühl, alles verloren zu haben, nirgends willkommen und immer nur geduldet zu sein. Und so arrangierte sie sich mit dem Leben im Dorf und versuchte, uns ein Heim zu schaffen – voller Geborgenheit, Lebendigkeit und Fantasie.

Was ihr dabei half, war die Nähe zur Natur. Das mit Abstand Schönste, gleichzeitig aber wohl auch das Symptomatische an dem Ort meiner Kindheit waren der Wald und die Felder, die ihn fast vollständig vom Rest der Welt abzutrennen schienen. Nur über eine einzige Straße gelangte man aus dem Dorf hinaus, und diese führte über die Gleise. Verbunden durch den Bahnübergang, klebte unsere Siedlung wie eine Warze an ihrem Nachbarort, und jedes Mal, wenn ein Zug vorbeigefahren war und sich die Schranken wieder hoben, war es ein seltsam befreiendes Gefühl. Dann war man nicht länger gefangen in einem Ort, in dem die Nachbarn alles von einem wussten und dennoch so taten, als ginge es sie nichts an.

Als ich klein war, wünschte ich mir, mehr Zeit mit meinem Vater verbringen zu können. Er war sehr groß und kam mir ziemlich stark vor, doch empfand ich ihn nie wirklich als Beschützer, so wie meine Freundinnen ihre Väter. Als Lehrer verbrachte er die meisten Nachmittage zu Hause, aber wenn ich mit ihm spielen wollte, hatte er nie Zeit. Nur manchmal, wenn meine Mutter ihren Unterricht vorbereiten musste und ihn drängte, sich um mich zu kümmern, nahm er mich mit zu seinen Bauarbeiten. Dort schraubte und bastelte er schweigend an etwas herum, während ich danebenstand und ihn nicht stören durfte. Manchmal beschwerte ich mich, aber nur selten, denn das gefiel meinem Vater überhaupt nicht.

Wenn mein Vater mit mir einen Ausflug unternahm, ging es meistens in den nächsten Baumarkt. Mir graute vor den Samstagen, an denen meine Mutter zu viel zu tun hatte und Papa gezwungen war, mich mitzunehmen. Stundenlang musste ich ihm dann durch lange Gänge mit Schlagbohrern und anderen Werkzeugen hinterherlaufen oder mir die Füße in den Bauch stehen, während er mit den Verkäufern der verschiedenen Abteilungen fachsimpelte. Anschließend beim Mittagessen wurden Mami und ich dann umfangreich über die Qualität und Trocknungsdauer von Eternit-Zement und ähnlich Erbaulichem aufgeklärt.

Einmal kam er mit der Idee, im Hasenschuppen eine Wand einzureißen, den Keller zu einem Geräteschuppen und den jetzigen Geräteschuppen zu seinem Hobbyraum mit noch mehr Platz für Hasen umzubauen.

»Wenn du mich fragst, hätte ich lieber ein Heim statt einer Baustelle«, sagte meine Mutter kopfschüttelnd. Doch davon wollte Papa nichts hören.

»Die Viecher bringen Geld«, erwiderte er knapp und wechselte das Thema.

Tiere züchten war Papas zweite Lieblingsbeschäftigung. Anfangs waren es Fische und Schildkröten, doch bald kamen Hasen, Hamster und sogar Enten hinzu. Mangels Pflege nahm es mit den armen Kreaturen aber oft ein böses Ende, und eignete sich ein Tier nicht zum Verkauf oder für die Zucht, machte mein Vater ihm schnell eigenhändig den Garaus. Meine Mutter weigerte sich, das Leid der Tiere schweigend mitanzusehen, und focht so manchen Streit mit meinem Vater aus. Schließlich gab er sein unheilvolles Hobby wieder auf und stürzte sich umso intensiver in den Umbau unseres Hauses.

Nur wenn Papa seine Migräne hatte, ruhten die Arbeiten. Dann lag er im Schlafzimmer, die Vorhänge zugezogen, und tat mir leid. Einmal trat ich auf Zehenspitzen an sein Bett und brachte ihm ein Glas Wasser, damit er seine Kopfschmerztablette nehmen konnte. Ohne ein Wort griff er danach, nahm einen Schluck – und schüttete mir im nächsten Augenblick das restliche Wasser ins Gesicht.

»Ist ja lauwarm!«, donnerte er. »Das hast du absichtlich gemacht!«

Mami kam herbeigelaufen und nahm mich in Schutz, aber da schimpfte Papi nur noch lauter.

»Ach, haut doch beide ab! Ihr steckt ja sowieso immer unter einer Decke.« Er bedachte uns mit einem drohenden Blick, knallte die Schafzimmertür vor unserer Nase zu und redete den ganzen Tag kein Wort mehr mit uns.

Mami wischte mir das Gesicht trocken und gab mir einen Kuss.

»Papa hat das bestimmt nicht so gemeint«, tröstete sie mich, aber da war ich mir gar nicht so sicher.

Man sagt, in der Kindheit erlebt man alles am intensivsten. Mit ihren feinen Antennen nehmen Kinder vieles wahr, was wir als Erwachsene verdrängen. Auch wenn mein Vater in jener Zeit mir gegenüber nicht gewalttätig wurde, damals nicht, so spürte ich sehr wohl die wachsende Bedrohung.

Nachts hatte ich schlimme Albträume von Wölfen und Monsterhunden, die in unserem Haus lebten. Es war immer wieder derselbe Traum, und wenn ich endlich aufwachte, war ich schweißgebadet. Manchmal lief ich nach so einem Albtraum ins Schlafzimmer zu meiner Mutter, um mich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war. Mami ließ mich dann in ihr Bett, legte ihren Arm um mich und streichelte mich in den Schlaf.

Umso glücklicher war ich, wenn Mami mit mir einen Ausflug unternahm. Während ich an ihrer Hand über Pfützen sprang und auf Baumstämmen balancierte, war meine kleine Welt wieder in Ordnung.

Wenn ich an meine Mutter denke, dann sehe ich sie wieder vor mir stehen, in ihren praktischen Jeans, dazu eine Bluse und an heißen Tagen auch mal ein luftiges Sommerkleid. Doch obwohl ihre Kleidung eher leger war, schaffte sie es, immer elegant und apart auszusehen.

Manchmal, wenn wir auf unseren Streifzügen ein besonders hübsches Landschaftsmotiv entdeckten, kamen wir später mit Malsachen und Mamis Staffelei zurück und verewigten es. Auch wenn meine Landschaften nur kindliche Kritzeleien waren, meiner Mutter gefielen sie. »Vielleicht wirst du mal eine Künstlerin«, sagte sie einmal, und weil man ja nie wissen konnte, bewahrte sie alle meine Bilder sorgsam in einer großen Mappe auf.

Ich liebte unsere Ausflüge in die Natur, auch wenn Mama es immer etwas schade fand, dass Papa für solche Unternehmungen so gar nichts übrig hatte. Jedes Mal fragte sie ihn, ob er nicht mitkommen wolle, aber sie konnte ihn nur selten überreden, uns zu begleiten. Papa bastelte viel lieber an seinem Legoland herum, und Mamis Malerei betrachtete er ohnehin mit Unmut.

»Reine Zeitverschwendung, dieser Schwachsinn«, sagte er und fand weder für ihre Ölbilder noch für meine Malversuche jemals ein lobendes Wort.

Meine Mutter aber ließ sich von seiner Ablehnung nicht beirren, denn sie war eine echte Kämpfernatur. Wie mutig sie in vielen Bereichen ihres Lebens wirklich gewesen war, erfuhr ich erst Jahre später. Jahre, in denen mein Vater sie gebrochen hatte.

Je mehr mein Vater sich mir entzog, umso näher war mir meine Mutter, und obwohl sie mit ihrem Beruf und dem Haushalt jede Menge Arbeit hatte, nahm sie sich für mich immer wieder Zeit. Oft kämmte ich ihre langen Haare und flocht sie zu Zöpfen, die zu meinem Verdruss immer etwas schief gerieten. Dann machte Mami Quatsch mit mir, kitzelte mich und drückte mich fest an sich.

An Karneval schminkte sie mich und machte mir aus einem alten Hemd ein Kostüm mit Fransen und bunter Bemalung.

»Jetzt bist du meine kleine Indianerin«, sagte sie und hob mich hoch, sodass ich mich im Badezimmerspiegel betrachten konnte. Dann setzten wir uns in der Gartenhütte im Schneidersitz auf den Boden, und Mami erzählte mir Indianergeschichten. In solchen Augenblicken atmeten wir Freiheit und ließen unsere Fantasie schweifen in ein Leben, in dem es keinen Grund für Albträume gab.

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Wenige Jahre nach dem Kauf unseres Hauses holte mein Vater seine Eltern zu uns in die obere Wohnung. Bis dahin hatte ich meine Großeltern nur alle paar Monate gesehen, und sofern es Opa betraf, war ich darüber nicht gerade unglücklich gewesen. Mit seiner Hakennase und dem stechenden Blick erinnerte er mich an einen der Raubvögel, die über den nahen Feldern kreisten, immer auf der Suche nach Beute, die sie schlagen konnten.

Mein Großvater blickte nicht ohne Stolz auf eine Karriere bei der Wehrmacht zurück, und entsprechend herrschsüchtig gab er sich auch. Wenn er mit meiner Mutter sprach, waren seine Sätze immer abgehackt und klangen wie Befehle, doch im Gegensatz zu mir ließ Mami sich von ihm nicht einschüchtern. Erst Jahre später wurde mir klar, dass sie als überzeugte Pazifistin wohl nur wenig mit seinen Ansichten hatte anfangen können und die Beziehung zwischen den beiden von Anfang an ziemlich unterkühlt gewesen sein musste.

Die meiste Zeit verbrachte mein Großvater in seinem Zimmer ganz oben unter dem Dach, wo er auch eine Chaiselongue für seinen Mittagsschlaf und ein Klavier stehen hatte. Anfangs war ich neugierig auf das Klavier und hätte gern darauf spielen gelernt, aber kaum saß ich neben Opa auf dem Schemel, fühlte ich mich beklommen und war froh, wenn ich wieder gehen durfte. Damals ahnte ich noch nicht, dass mein Gefühl mich wohl warnen wollte vor der unheilvollen Allianz, die sich mit seinem Einzug in unser Haus zu schmieden begann …

Meine Großmutter sah ich seit ihrem Einzug fast täglich, wenn auch oft nur kurz, und weil ich sie so gern hatte, fand ich das richtig toll. Manchmal verbrachte ich Zeit mit ihr im Garten, wo sie auf riesigen Beeten einen richtigen Bauerngarten anlegte. Es gab Reihen voller Erdbeeren, Johannis- und Stachelbeerbüschen, einen Kirsch- und einen Birnbaum und viele andere leckere Sachen. Während meine Oma in gebückter Haltung das Unkraut jätete oder Stecklinge setzte, suchte ich die Erdbeerreihen nach reifen Früchten ab, welche umgehend in meinem Mund verschwanden.

Ich mochte meine Oma sehr, und doch war irgendetwas seltsam an ihr. Kurz nachdem sie in unser Haus eingezogen war, hatte sie mich aufgefordert, sie »Mutti« zu nennen:

»Na, was meinst du? Schließlich bin ich doch so was wie deine Mutti?«

Verdutzt hatte ich sie angesehen. »Aber wie soll ich dich denn dann von meiner richtigen Mama unterscheiden?«

»Na, das ist doch die Mami, und ich bin eben deine Mutti«, hatte Oma geantwortet.

Eigentlich sah ich das etwas anders, aber nachdem auch Papa mich dazu drängte, wurde aus meiner Oma eben »Mutti«. Anfangs rutschte mir noch oft ein »Omi« heraus. Dann bedachte mich meine Großmutter mit einem scherzhaft-strengen Blick und meinte: »Also, ich weiß gar nicht, mit wem du redest. Siehst du hier irgendwo eine Omi?«

Ich musste jedes Mal kichern und wiederholte meinen Satz noch einmal, wobei ich »Omi« brav durch »Mutti« ersetzte.

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Fragt man Kinder, was sie sich am allermeisten wünschen, so steht Zeit mit den Eltern an allererster Stelle. Die Familie gibt ihnen Halt und sorgt dafür, dass sie sich sicher und geborgen fühlen.

Geborgenheit spürte ich, wenn meine Mutter zu Hause war, wenn ich mich an sie kuschelte, sie mir Geschichten erzählte oder wir durch die Natur streiften. Doch was Sicherheit anbelangte, so hatte ich das Gefühl, dass sich der Boden unter meinen Füßen mehr und mehr auflöste.

Noch immer träumte ich von dem Rudel Wölfe in unserem Haus, doch manchmal ging der Traum jetzt weiter. Dann sah ich mich zu meiner Mutter laufen, mit ihr reden. Und während sie mir antwortete, merkte ich voller Entsetzen, dass einer der Wölfe ihr die Kehle durchgebissen hatte.

Es war ein schrecklicher Traum, der ständig wiederkehrte, aber um Mami nicht traurig zu machen, erzählte ich ihr nichts davon.

Etwa zur gleichen Zeit wurde ich immer öfter Zeuge, wie meine Eltern sich stritten.

»Ein Haus ist für die Menschen da, die darin wohnen, und nicht umgekehrt«, sagte Mami einmal beim Mittagessen. »Nach vier Jahren Rumbastelei müsste doch jetzt langsam alles fertig sein.«

Papi stöhnte genervt. »Davon verstehst du nichts«, erwiderte er, aber Mami redete unbeirrt weiter.

»Wenn du zu viel Zeit hast, könntest du mir zur Abwechslung ja mal im Haushalt helfen. Das alles wird mir nämlich langsam zu viel.«

Verärgert sah Papi auf. »Denkst du, ich habe selbst nicht genug zu tun? Im Gegensatz zu dir jammere ich nur nicht dauernd wegen meiner ganzen Arbeit herum.«

Energisch legte Mami ihre Gabel beiseite. »Willst du damit etwa sagen, dass Haushalt und Kindererziehung ausschließlich meine Aufgabe sind?«

»Kindererziehung?« Papi zog die Brauen hoch. »So nennst du das also? Du lässt sie doch machen, was sie will.«

Jetzt war auch Mami genervt. »Fängst du schon wieder mit der Laufstallgeschichte an?«

Mein Vater lachte abfällig. »Es geht nicht nur um den Laufstall, aber wenn du ihn unbedingt zur Sprache bringen musst, nur zu. Er ist nämlich ein treffendes Beispiel. Hättest du dich nicht geweigert, Svenja in den Laufstall zu setzen, hättest du ihr auch nicht dauernd hinterherlaufen müssen. Beschwer dich also nicht bei mir!«

Als ich meinen Namen hörte, zog ich unwillkürlich den Kopf zwischen meine Schultern.

»Einsperren ist keine Kindererziehung«, widersprach meine Mutter, »aber wir brauchen gar nicht so weit zurückzugehen. Was deine Mithilfe betrifft, hat sich doch bis zum heutigen Tag nichts geändert. Du vergisst vielleicht, dass ich auch noch einen Beruf habe – und nebenbei bemerkt einen ziemlich anstrengenden. Was denkst du eigentlich, warum ich jeden Abend bis in die Puppen Klassenarbeiten korrigiere?« Doch bevor Papi etwas darauf sagen konnte, beantwortete sie ihre Frage selbst. »Im Gegensatz zu dir komme ich tagsüber nämlich nicht dazu.«

Aber damit stieß sie bei meinem Vater auf taube Ohren.

»Du bist Grundschullehrerin – was macht man da schon den ganzen Tag? Malen? Basteln? Rotzlöffeln die Nase abwischen?«

Jetzt war Mami sichtlich empört; aus ihren hochgesteckten Haaren hatte sich eine Strähne gelöst und fiel ihr ins Gesicht.

»Willst du etwa behaupten, meine Arbeit wäre weniger anstrengend als die eines Hauptschullehrers?«, schoss sie zurück. »Mal ganz davon abgesehen, dass ich damit die Hälfte unseres Einkommens verdiene!«

Mein Blick huschte zu Papi. Je mehr Mami sich ärgerte, desto gelassener wirkte er.

»Anstatt dich zu beschweren, solltest du froh sein, dass ich so viel am Haus arbeite. Schließlich tue ich das alles nur für uns.«

Perplex schüttelte Mami den Kopf. »Für uns!?«, wiederholte sie, als könne sie nicht glauben, was mein Vater da gerade gesagt hatte. »Sei doch ausnahmsweise mal ehrlich. Du tust das nicht für uns, sondern weil es dir Spaß macht. Und für den Fall, dass du es doch für uns tun solltest, dann lass es lieber sein. Svenja braucht einen Vater, keinen neuen Geräteschuppen!«

Mami griff wieder nach der Gabel und pikste in eine Kartoffel. Doch bevor sie diese in den Mund steckte, fügte sie hinzu: »Und was dieses Spionageloch da oben angeht«, dabei deutete sie mit der Gabel in Richtung eines frisch durchgebrochenen Gucklochs ganz oben in der Wand unseres Flurs, »das wollte von uns auch keiner haben!«

Eine Ader auf Papis Stirn fing bedrohlich an zu pochen. »Die Durchreiche brauchen wir!«, sagte er und klang mit einem Mal eiskalt. »Wenn du sie nicht willst, dann sieh eben woandershin.« Mit diesen Worten stopfte er sich das letzte Stück Roulade in den Mund, gerade so, als gäbe es nichts weiter zu besprechen.

Aber das sah meine Mutter offenbar anders. »Durchreiche«, lachte sie. »Und wofür genau soll die gut sein? Damit deine Eltern mich überwachen können? Ich war von Anfang an dagegen! Erst gestern habe ich mich fast zu Tode erschreckt, als ich aus dem Bad kam und deine Mutter mich von oben durch das Guckloch beobachtete! Was hat sie da eigentlich gemacht?«

»Du leidest ja unter Verfolgungswahn!«, donnerte Papa. Wütend stand er auf, sein Stuhl kippte nach hinten um. Ich zuckte zusammen, und auch Mami wirkte erschrocken. Energisch schickte sie mich nach draußen zum Spielen, und ich verschwand in meiner Hütte.

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Die unterschwellige Bedrohung in unserem Haus breitete sich immer mehr aus. Mit meinen nunmehr fünf Jahren war mein kindliches Vorstellungsvermögen noch nicht in der Lage, die Vorkommnisse bei uns zu erfassen. Doch blicke ich heute zurück, ahne ich, dass es damals schon Gewalt gab. Mamis Ausflüge mit mir wurden zu Fluchten in eine heile Welt. Ob sie wohl darüber nachdachte, meinen Vater zu verlassen? Bestimmt. Aber sie war niemand, der so schnell aufgab. Irgendwann in jener Zeit muss sie Mut gefasst und den Entschluss gefällt haben, weiter an ihre Familie zu glauben. Verdiente nicht jeder eine zweite Chance?

Äußerlich blieb alles beim Alten. Meine Mutter arbeitete bis tief in die Nacht, und mein Vater werkelte am Haus herum. Doch es gab weniger Streit. Vielleicht hatte meine Mutter beschlossen, großmütig zu sein. Ein Neuanfang setzt Kompromissbereitschaft voraus, und auch wenn sie noch immer keine Hilfe bekam, pochte sie in diesen Monaten nicht darauf. Stattdessen kochte sie Papas Lieblingsgerichte, hörte geduldig seinen Ausführungen über die neuesten Bohrmaschinen zu und bemühte sich um ein gutes Verhältnis zu Papas Eltern.

Einmal sah ich, wie Mami und er im Flur auf dem Boden herumalberten, lachten und sich küssten. Ich kam hinzugelaufen, legte mich auf die beiden obendrauf und nahm Mami und Papi in den Arm. Vielleicht konnten wir ja doch noch eine glückliche Familie werden.

Kurz vor meinem sechsten Geburtstag saßen meine Mutter und ich auf der Couch im Wohnzimmer, und ich hielt gespannt mein Ohr an ihren dicken Bauch.

»Da drin ist mein kleines Brüderchen?«, fragte ich noch einmal, um ganz sicherzugehen.

Ihr Bauch war wirklich kugelrund, dennoch konnte ich mir nicht vorstellen, wie ein ganzer Mensch da hineinpassen sollte. Zweifelsfrei aber war diese Tatsache mir zu verdanken, immerhin stand ein Geschwisterchen jedes Jahr ganz oben auf meiner Wunschliste an den Weihnachtsmann. Ich stellte mir vor, wie ich mit meinem Brüderchen Kaulquappen am Bach fangen und ihm Rollschuhfahren beibringen würde. »Das macht man nämlich so als große Schwester«, hatte ich stolz meiner Oma erzählt, und die hatte mir den Kopf getätschelt und gesagt: »Jaja, große Schwester, du machst das schon.«

Endlich kam der lang ersehnte Tag, und mein Vater fuhr meine Mutter ins Krankenhaus. Ich musste bei Oma »Mutti« bleiben und war ziemlich traurig, dass Mami nun eine Weile weg sein würde. Doch dann, gut eine Woche später, war es endlich so weit.

»Was meinst du, wollen wir Mama und dein kleines Brüderchen abholen?«, fragte mich mein Vater.

»Jaaaaaa!«, rief ich aufgeregt.

Papa nahm die zerfledderte Zeitung, ein paar Bierdosen und Zigarettenschachteln von der Autorückbank und warf sie in die Mülltonne, dann durfte ich einsteigen.

Eineinhalb Stunden später saß ich wie zur Salzsäule erstarrt auf dem Rücksitz unseres Autos und wagte kaum zu atmen. Auf meinem Schoß stand ein Korb, in dem ein winziges, schweinchenfarbenes Etwas lag. Mit großen Augen blickte ich auf das jämmerliche Bündel, dann suchte ich hilflos im Rückspiegel Mamis Blick.

»Du kannst ihn streicheln«, sagte meine Mutter und drehte sich lächelnd zu mir um. »Ist er nicht niedlich? Erzähl ihm, was du heute gemacht hast.«

Wieder sah ich auf den Wurm, der in eine hellblaue Wolldecke eingewickelt war. Das da sollte mein Brüderchen sein? Mir war klar gewesen, dass er klein sein würde, aber der hier sah aus wie eine Miniaturausgabe vom Kleinen Däumling. Sabber lief aus seinem Mund, und er gab komische Geräusche von sich. Schwer vorstellbar, dass er jemals mit mir Rollschuh laufen würde.

»So klein warst du auch mal«, sagte Papi, und Mami fügte hinzu:

»Du kannst ihn ruhig anfassen – er geht nicht kaputt.«

Aber was das betraf, war ich mir eben gar nicht so sicher.

Die nächste Zeit wurde ganz schön stressig für mich. Als große Schwester musste ich immer leise sein, ein gutes Vorbild für mein Geschwisterchen abgeben, und vor allem durfte ich ihm keine Haferflocken ins Ohr stecken. Lasse, so nannten wir meinen Bruder, war ein ziemlicher Schreihals, wie ich fand. Ständig musste er gestillt werden, was eine halbe Ewigkeit dauerte, danach wollte er herumgetragen werden, und kaum lag er in seinem Bettchen, machte er in die Windel. Und schon fing alles wieder von vorne an. Es war wirklich ein Drama mit dem kleinen Wurm, aber er war ja nun mal mein Bruder, und auch wenn er überhaupt nicht so aussah, als würde er je mit mir Kaulquappen fangen können, hatte ich ihn doch sehr lieb.

2

Spirale der Gewalt

»Geh doch«, sagte mein Vater drohend. »Aber die Kinder bleiben hier!«

»Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich ohne die Kinder gehe!«, entgegnete meine Mutter erschrocken. »Ich habe Rechte, wir leben schließlich nicht im Wilden Westen!«

Kaum hatte Mami das gesagt, kam mein Vater mit großen Schritten auf sie zu und schlug ihr mitten ins Gesicht. Ich vergaß zu atmen.

Mamis Kopf krachte gegen den Hängeschrank über der Spüle, und noch bevor ich überhaupt verstand, was geschehen war, packte mein Vater sie am Hals und drückte zu.

»Pass auf!«, zischte er drohend. »Pass bloß auf!« Er ballte seine andere Hand zur Faust und ließ sie vor Mamis Augen tanzen. Ich sprang von meinem Platz am Küchentisch auf. Lasse schrie wie am Spieß, und ich zerrte panisch an Papas Hemd. »Nicht! Hör auf! Hör auf!«

Plötzlich stieß mein Vater Mami beiseite und verschwand wortlos nach draußen. Schwer atmend griff meine Mutter nach einem Stuhl und sank darauf nieder. Verstört sah ich sie an.

»Mami!«, war das Einzige, was mir über die Lippen kam. Hilflos umklammerte ich meine Mutter, während sie mich fast schon schmerzhaft an sich drückte.

»Es tut mir leid, mein Engel«, stammelte sie. »Es tut mir so leid, dass du das mit ansehen musstest!«

Da spürte ich es. Das hier war nicht zum ersten Mal passiert.

Es war ein ganz gewöhnlicher Wochentag gewesen. Und doch war in meiner Welt danach nichts mehr, wie es vorher gewesen war. Vielleicht hatte ich immer geahnt, dass mein Vater meine Mutter schlug, ihr wehtat. Aber als kleines Mädchen war ich nichts als ein hilfloser Zeuge. Ich stand unter Schock und hoffte, dass so etwas nie wieder passieren würde.

Gewalt, die im Verborgenen stattfindet, ist ein Familiengeheimnis, das wie ein Krebsgeschwür oft lange Zeit unbemerkt wuchert. Doch wenn es schließlich aufbricht und physische Gewalt offen und ohne jede Hemmung auch vor anderen ausgeübt wird, droht sie völlig zu eskalieren.

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Die Harmonie, die kurzzeitig zwischen meinen Eltern geherrscht hatte, war längst wieder vorbei. Drei Monate nach der Geburt meines Bruders war ich in die Schule gekommen, und meine Mutter hatte wieder arbeiten gehen müssen. Zusammen mit dem Baby und dem ganzen Haushalt wusste sie oft kaum noch, wo ihr der Kopf stand. Und auch ich machte es ihr nicht gerade leichter, denn ich gehörte keineswegs zu den Kindern, die freiwillig aufs Spielen verzichteten, um brav ihre Hausaufgaben zu machen. Immer wieder versuchte Mama, meinen Vater zum Mithelfen zu bewegen, woraufhin der jedoch meistens nur die Augen verdrehte.

Ich erinnere mich, wie Mama mit Lasse auf dem Arm den Tisch deckte, während das Essen auf dem Herd gerade überkochte.

»Jetzt hilf mir doch mal«, sagte sie zu Papa, während ich ihr die Teller aus der Hand abnahm.

Papa trat zum Herd, schüttete einen Schuss schwarzen Kaffee in die Soße und schmeckte sie mit etwas Salz ab.

»Was hast du eigentlich?«, sagte er gleichgültig. »Ich helfe doch.«

Mami schüttelte den Kopf. Sie wirkte müde, und ich hätte mir gewünscht, sie wäre noch nicht wieder arbeiten gegangen. Erst später verstand ich, dass meine Eltern es sich nicht hatten leisten können, auf ihr Gehalt zu verzichten. Papas Umbauten hatten Unmengen an Geld verschlungen, zu viel für ein einzelnes Lehrergehalt, auch wenn meine Mutter ihm das nie vorhielt.

Abgesehen von den Hausaufgaben gefiel mir die Schule gut, was hauptsächlich an Miri lag, meiner neuen Schulfreundin. Miri war dunkelhaarig, hatte große, neugierige Augen und viele tolle Ideen. Ihre Lieblingsfarbe war Gelb, genau wie meine, aber nicht so ein blasses Hellgelb wie bei einem unreifen Maiskolben, sondern ein leuchtendes Sonnengelb.

Nachmittags streiften Miri und ich durch die Gegend, gingen meistens zum Kaulquappenbach oder erkundeten die stillgelegte Baustelle hinter der Kalkwassergrube.

»Früher wurden Hexen in das Wasser geworfen!«, erzählte Miri einmal. »Das Zeug ätzt einem die Haut vom Körper und frisst einen lebendig auf!«

Das klang gruselig, und natürlich mussten wir das unbedingt überprüfen. Am Rand der Wiese fanden wir eine tote Maus und warfen sie kurzerhand in die Grube. Am nächsten Tag war sie weg – komplett aufgefressen, daran bestand nicht der geringste Zweifel.

Weil Mami meist später als ich aus der Schule kam und auch nachmittags immer eine Menge um die Ohren hatte, ging ich nach Schulschluss gelegentlich zu Oma »Mutti«.

Manchmal, wenn meine Großmutter Essen kochte, saß Opa am Küchentisch und schälte so akkurat die Kartoffeln, dass er das Messer kein einziges Mal neu ansetzen musste. Er war mir nach wie vor nicht geheuer, doch was das Kartoffelschälen betraf, beeindruckte er mich damit immer wieder.

Wenn ich oben bei meiner Großmutter war, half ich ihr meistens in der Küche. Sie wusste viele leckere Kuchen zu backen, und ich liebte ihre Hühnersuppe. Überhaupt war Oma »Mutti«, wenn sie nicht gerade im Garten arbeitete, bügelte oder putzte, fast ausschließlich in der Küche beschäftigt. Insgeheim fragte ich mich, ob sie vielleicht schon in einer Küche auf die Welt gekommen war, wo sie gleich nach ihrer Geburt fröhlich mit dem Kochen und Backen begonnen hatte.

»Eine kluge Frau muss das können, immerhin verdient der Mann das Geld – und sie muss den Haushalt sauber und ordentlich führen, dann gibt es auch keine Probleme in der Ehe«, sagte sie einmal.

»Aber Mami verdient doch genauso Geld mit ihrer Arbeit«, wunderte ich mich. »Müsste Papi dann nicht auch den Haushalt führen?«

Oma »Mutti« warf mir einen scharfen Blick zu und sagte nichts darauf. Ich zuckte kaum merklich zusammen. Offenbar war das eine sehr ungezogene Frage gewesen. Und weil ich gerne bei Oma »Mutti« war und sie nicht ärgern wollte, fragte ich lieber kein zweites Mal.

Mein erstes Schuljahr war wie im Flug vergangen, und ich war stolz, als ich nach den Ferien endlich nicht mehr zu den »iDötzchen« gehörte. Ich war jetzt eine von den Größeren, und überhaupt veränderte sich alles. Lasse konnte schon ein paar Worte sprechen und recht passabel laufen, und auch an unserem Haus ließen sich immer schwerer neue Bauprojekte finden. Mein Vater verfügte nun über eine Menge freier Zeit, doch weil bei uns oft solch ein Trubel war und er gerne sein Nachmittagsschläfchen hielt, war er immer häufiger oben bei seinen Eltern anzutreffen. Dort wurde er nicht ständig von uns Kindern geweckt, und außerdem liebte meine Großmutter es, ihren »Bertl« zu verwöhnen. Meistens sah ich meinen Vater deshalb nur zum Essen, aber auch das kam immer seltener vor. Papa hatte es sich nämlich angewöhnt, vor dem Mittagessen in Mamis Kochtöpfe zu gucken, und wenn sie nicht eines seiner Leibgerichte gekocht hatte, verschwand er einfach wieder und aß bei seinen Eltern. Ich fand das nicht gerade nett von ihm, und meine Mutter machte es auf Dauer ziemlich wütend.

»Wenn du lieber mit deinen Eltern isst als mit uns, können wir auch ganz verschwinden«, rief sie Papa hinterher, als er wieder einmal im Begriff war zu gehen.

Das war der Beginn jenes unheilvollen Streits gewesen. Erst hatte er ihr gedroht. Und dann hatte er sie geschlagen. Fest geschlagen.

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An jenem Abend nach dem schlimmen Streit konnte ich nicht schlafen, weshalb ich mitten in der Nacht noch einmal aus dem Bett kroch. In der Küche saß Mami im Halbdunkel am Tisch vor einer Tasse Tee und weinte. Als sie mein Tapsen hörte, wandte sie sich erschrocken zu mir um.

»Warum bist du denn so spät noch wach? Du solltest doch schon längst schlafen.«

Ohne zu antworten, legte ich meine Arme um ihre Schultern. »Nicht weinen«, versuchte ich sie zu trösten und streichelte ihr über die Haare.

»Ich weine nicht, mein Käferchen«, sagte Mami und wischte sich hastig die Tränen aus dem Gesicht. Käferchen, so nannte meine Mutter mich immer, weil ich im Mai das Licht der Welt erblickt hatte, wie die Maikäfer.

Schweigend kletterte ich auf ihren Schoß. Der Schein des Mondes tauchte das Zimmer in ein friedliches blausilbernes Licht. Plötzlich erschien mir das, was hier am Tage passiert war, ganz unwirklich.

»Kannst du dir vorstellen, woanders hinzuziehen?«, sagte Mami in meinen Gedanken hinein. »Ohne deinen Papa – nur du, Lasse und ich?« Forschend sah meine Mutter mich an, dann wandte sie den Blick zum Fenster und weiter hinaus, in die Ferne. »Ich weiß noch nicht, wohin wir gehen könnten, aber dein Vater wäre dann nicht mehr bei uns. Du würdest ihn nicht mehr täglich sehen.«

»Was ist denn dann mit Miri und Jule?«, fragte ich stirnrunzelnd. Jule war meine zweitbeste Freundin, aber wenn es darum ging, irgendetwas Verbotenes zu tun, war sie immer die Erste.

»Deine Freundinnen könntest du wohl auch nicht mehr so oft sehen«, antwortete Mami.

Ich lehnte den Kopf an ihre Schulter und grübelte. »Aber ich könnte sie doch besuchen?«, überlegte ich laut.

Mami packte mich sanft bei den Armen, setzte mich aufrecht auf ihren Schoß und sah mir eindringlich in die Augen. »Bestimmt könntest du das. Aber wenn ich mich von deinem Papa trenne, würden wir nicht mehr mit ihm zusammenwohnen. Du könntest ihn nur noch gelegentlich sehen. Wärst du darüber nicht traurig?«

In meinem Kopf schwirrte es. Obwohl Papi sich ohnehin nie um mich kümmerte, fühlte sich der Gedanke, ganz woanders und ohne ihn zu wohnen, seltsam an. Ja, vielleicht wäre ich traurig. Aber nach dem, was er getan hatte, kam mir das falsch vor. Tief drinnen war ich böse auf ihn. Dass er meiner Mami wehtat und sie schlug, machte ihn ein Stück weit zu meinem Feind. Aber das sagte ich nicht laut, das hätte Mami trotz allem nicht gewollt.

Und so sah ich meine Mutter nur mit großen Augen an und schwieg.

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Die Welt, wie ich sie kannte, schien sich in den folgenden Wochen und Monaten völlig aufzulösen. Nichts war so, wie ich bisher geglaubt hatte, dass es wäre, und keiner wollte mir etwas sagen. Wir steuerten unweigerlich auf etwas zu, von dem ich nicht wusste, was es war, und wie in einem Albtraum stand ich hilflos daneben und hatte keine Möglichkeit, es aufzuhalten.

Die Anspannung zu Hause wuchs. Sie lauerte in allen Ecken und Winkeln. Mein Vater verbrachte immer mehr Zeit in der Wohnung seiner Eltern, die meine Mutter schon lange nicht mehr betreten durfte.

Mami wirkte von Tag zu Tag trauriger auf mich, und ein paar Mal trug sie jetzt ihre dicke Sonnenbrille sogar im Haus. Einmal sah ich, wie sie die Brille abnahm, und erschrak. Ein Auge war geschwollen und von einem lilablauen Veilchen umrahmt.

»Ich bin vor die Tür gelaufen«, behauptete Mami, doch glauben konnte ich ihr das nicht.

Ich verstand einfach nicht, warum mein Vater so böse zu Mami war. Dabei bekam ich längst nicht alles mit von dem, was wirklich vor sich ging, noch nicht. Gewalt, das spürte ich, hat viele Gesichter, und sie alle sind hässlich. Man kann jemanden mit Worten verletzen und mit Schweigen. Das kann genauso wehtun wie Schläge, dachte ich, und insgeheim ahnte ich, dass mein Vater alle Arten der Gewalt beherrschte. Nur uns Kinder schlug mein Vater nicht, das hätte Mami niemals zugelassen.

Eines Tages ging meine Mutter zum Arzt, und er sagte, sie hätte eine Depression. Ich verstand nicht, was das bedeutete, und so erklärte sie es mir.

»Eine Depression ist eine Krankheit«, so Mami. »Das ist, als würde eine schwarze Decke über einem liegen, die ganz schwer ist. Zu schwer, als dass man einfach aufstehen und sie wegziehen könnte.«

Ich glaubte zu wissen, was Mami meinte. Wenn man seine Augen verstecken musste, weil sie blau geschlagen waren oder rot geschwollen von den Tränen, dann konnte man irgendwann bestimmt nichts Schönes mehr sehen.

Eine Depression schien mir eine sehr schlimme Krankheit zu sein. Papa aber nannte Mami nicht krank, er nannte sie von nun an »eine Verrückte«.

Inzwischen war ich richtig froh, wenn mein Vater nicht zu Hause war, denn sobald er kam, dauerte es meist nicht lange, und es gab Streit. Noch immer versuchte meine Mutter, Lasse und mich aus allem herauszuhalten, doch zumindest was mich betraf, half das schon längst nicht mehr.

Eines Abends, es war spät, und ich hatte schon fest geschlafen, weckte mich anhaltendes Türgeklingel. Mit meinem Teddy unterm Arm kroch ich aus dem Bett und lugte aus meinem Zimmer. Papa hatte die Tür geöffnet und unterhielt sich lautstark mit einem Mann. Ich konnte nicht sehen, wer es war, aber dieser Mann schien mächtig sauer zu sein. Plötzlich wurde es hektisch an der Haustür, und dann waren Papa und der Mann im Flur. Jetzt erkannte ich Herrn Schickert, den Vater von Manuela, einer Kindergartenfreundin. Mami trat zwischen die beiden und versuchte, die Männer zu beruhigen, doch sie hatte keinen Erfolg.

Ich spitzte die Ohren. Doch ich war noch ganz verschlafen und begriff einfach nicht, worum es bei dem Streit ging.

»Reicht es dir nicht, dass du deine eigene Familie zerstört hast?«, fauchte Herr Schickert meinen Vater an. »Willst du jetzt auch noch meine kaputt machen?«

Papa donnerte zurück: »Gib nicht mir die Schuld für dein Versagen! Hättest du halt nicht alles versoffen …« Den Rest des Satzes verstand ich nicht, und so wagte ich mich ein Stück weiter aus meinem Zimmer hinaus. »Und jetzt verschwinde, sonst rufe ich die Polizei!«, sagte mein Vater, doch Herr Schickert dachte gar nicht daran zu gehen. Mit verbitterter Miene sah er meinen Vater an.

»Wie lange läuft das schon?«, fragte er drohend. »Wie lange triffst du dich schon mit Olga?«

Olga, das war Frau Schickert, Manuelas Mutter. Früher hatten unsere Familien manchmal etwas zusammen unternommen, weshalb Manuela und ich mit der Zeit Freundinnen geworden waren. Wir sahen uns zwar nicht oft, denn die Schickerts wohnten in dem Dorf auf der anderen Seite der Gleise, aber wir verstanden uns gut.

»Wie lange?«, wiederholte Herr Schickert seine Frage, doch Papa antwortete nicht darauf.

»Verschwinde aus meinem Haus!«, raunzte er Herrn Schickert an, und dabei versetzte er ihm einen heftigen Stoß Richtung Tür. Aber das hätte er lieber nicht tun sollen. Nach einer kurzen Rangelei bugsierte Herr Schickert meinen Vater die wenigen Stufen vom großen zum kleinen Flur hinauf und verfrachtete ihn ratzfatz im Bad gegenüber von meinem Kinderzimmer in die Wanne. Vor Schreck hatte ich mich hinter meine Tür verdrückt, doch die Neugierde trieb mich abermals in den Flur. Es war unglaublich! Herr Schickert hielt meinen Vater fest, und jetzt drehte er das Wasser an.

In diesem Moment entdeckte mich meine Mutter. »Wieso schläfst du denn nicht!?«, sagte sie ungewohnt heftig. »Marsch, ins Bett!«

Ich aber bewegte mich keinen Millimeter vom Fleck, denn ich konnte kaum glauben, was da vor meinen Augen passierte. Herr Schickert duschte meinen Vater von oben bis unten ab, mitsamt seinen Kleidern, während Papi zappelnd wie ein Fisch nach seinen Eltern schrie. Meine Mutter versuchte Herrn Schickert davon abzubringen, aber dann bemerkte sie, dass ich noch immer im Flur stand.

»Ich hab doch gesagt, du sollst auf dein Zimmer gehen!«, schimpfte sie, und weil ich mich noch immer nicht vom Fleck rührte, brachte sie mich schließlich selbst ins Bett.

Mit aufgerissenen Augen saß ich im Dunkeln und lauschte. Die Schreierei im Badezimmer hörte und hörte nicht auf. Ich fragte mich, ob ich Papa vielleicht hätte helfen müssen, doch da waren immer noch diese Bilder in meinem Kopf, wie seine Hand in Mamis Gesicht knallte. So, wie Papa sich aufgeführt hatte, erschien mir das mit der Dusche nur gerecht. Beklommen brachte ich mein Kopfkissen in Form, drückte meinen Teddy fest in den Arm und zog mir die Bettdecke über die Ohren.

Wie es im Bad weiterging, kann ich nicht sagen, doch mein Vater muss diesen Tag nie vergessen haben. Neun Jahre später machte er dasselbe mit mir, nur brutaler. Und er hatte Hilfe dabei.

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Nach dem Vorfall mit der Badewanne blieb Papa etliche Tage oben bei seinen Eltern. Ich vermisste ihn nicht, ganz im Gegenteil: Ich war froh, ihn nicht sehen zu müssen. Ein bisschen schämte ich mich, weil ich ihn so hilflos in der Badewanne zappeln gesehen hatte und auch, weil ich mich insgeheim ein wenig freute, dass er bestraft worden war. Ich hatte keine Ahnung, warum ausgerechnet Herr Schickert so wütend auf meinen Vater war, und hätte Mami gern nach dem Grund gefragt. Doch nachdem sie den nächtlichen Vorfall mit keinem Wort mehr erwähnte, war mir klar, dass ich das Thema besser nicht ansprechen sollte.

Im Gegensatz zu mir schien Lasse unseren Vater zu vermissen, denn er fragte hin und wieder nach ihm. Meine Mutter machte es furchtbar traurig, dass sie uns keine normale Familie bieten konnte, und damit Lasse seinen Vater dennoch sehen konnte, brachte sie ihn gelegentlich hoch zu meinen Großeltern. Zum »Dank« dafür ließen die beiden sie später, wenn sie ihn wieder abholen wollte, nicht einmal in die Wohnung, sondern übergaben ihr Lasse unten an der Wohnungstür. Nur einmal stand die Tür offen, und Mami ging mit mir die Treppe hinauf und direkt ins Wohnzimmer, wo sie Lasse vermutete. Sobald sie die Tür öffnete, stellte Papa sich Mami in den Weg, und mein Opa schloss hastig die große Truhe hinten an der Wand ab.

»Sofort raus hier!«, herrschte Papa meine Mutter an, aber sie ließ sich nicht beirren.

»Was versteckt ihr da?«, fragte sie.

Opa stellte sich neben meinen Vater und warf Mami einen drohenden Blick zu. Einen Augenblick wirkte die Situation ziemlich gefährlich, doch bevor sie eskalieren konnte, nahm meine Mutter Lasse auf den Arm und trat den Rückzug an.

Etwa eine Stunde später kam Papa zum ersten Mal seit Tagen wieder herunter in unsere Wohnung. Wir waren gerade mit dem Mittagessen fertig, doch zum Essen war mein Vater ohnehin nicht gekommen. Er trat zur Durchreiche im Flur, und da bemerkten wir, dass Oma »Mutti« auf der anderen Seite bereits auf ihn wartete. Ihr Kopf hinter dem Guckloch erinnerte mich an Alice im Wunderland, wie sie durch die viel zu kleine Tür blickt, und ich fragte mich, ob sie uns wohl schon länger beobachtet hatte.

»Geh und hol deine Hausaufgaben«, forderte Mami mich auf und wischte den Küchentisch ab. Mir war klar, dass Mami wütend war, auch wenn sie es nicht zeigte. Sie mochte es überhaupt nicht, wenn meine Großmutter durch dieses Loch in unsere Wohnung schaute und alles ausspionierte. Als ich mit meinen Schulsachen zurückkam, tuschelte mein Vater eifrig mit Oma »Mutti« durch das Guckloch, und je mehr Mami die beiden ignorierte, umso lauter redeten sie.

»Eine Verrückte ist sie«, zischte mein Vater, »wir sollten sie in die Irrenanstalt bringen!«

Meine Oma flüsterte etwas, woraufhin mein Vater klar und deutlich sagte: »Einer Geisteskranken muss man die Kinder wegnehmen!«

Ich wusste nicht, von wem mein Vater überhaupt sprach, doch ein Blick in Mamis Gesicht sagte mir, es hatte nichts Gutes zu bedeuten. Entschlossen nahm sie ein Kissen vom Stuhl und stopfte es in die Durchreiche.

»Wenn ihr schon so dumm daherreden müsst, dann tut es bitte oben und nicht hier vor den Kindern!«, zischte sie Papa an, aber das brachte meinen Vater erst so richtig in Fahrt.

»Und was willst du tun, wenn ich nicht hochgehen will?«, sagte er mit einem triumphierenden Gesichtsausdruck und zog dabei provozierend an dem Kissen. Zentimeter für Zentimeter rutschte es aus dem Loch, bis er es schließlich wie eine Trophäe in den Händen hielt.

»Hör bitte damit auf!«, forderte meine Mutter energisch. »Willst du wirklich, dass die Kinder das ganze Theater mitbekommen?« Sie nahm Papa das Kissen weg und verschloss erneut die Durchreiche, aber sogleich zog mein Vater wieder daran herum.

»Hindere mich doch, wenn du kannst!«, spottete er. Mit einem festen Handgriff zog er das Kissen ganz aus dem Loch und ließ es, ohne den Blick von Mami abzuwenden, auf den Boden fallen.

»Zum letzten Mal – lass es!«, schimpfte meine Mutter, und ich fand auch, dass Papa nun wirklich besser damit aufhören sollte. Er aber lachte meiner Mutter nur hämisch ins Gesicht und stimmte plötzlich ein schrilles Indianergeheul an.

Mit großen Augen und reichlich Sicherheitsabstand beobachtete ich Papas Treiben. So hatte ich meinen Vater noch nie erlebt. Immer wieder klopfte er sich mit einer Hand auf den Mund, sodass sein Schrei wie ein »Juhuhuhuhuhuhu« klang, während er mit der anderen Hand eine Feder an seinem Hinterkopf mimte. In ungezügelter Indianermanier tanzte er um ein imaginäres Lagerfeuer, wobei er sein grelles »Juhuhuhu« gelegentlich durch ein abgehacktes, dumpfes »Uga-Aga-Uga-Aga« unterbrach.

»Komm, mach mit, das ist lustig!«, forderte er mich johlend auf, doch ich wich erschrocken einen Schritt zurück. Lasse fing an zu weinen.

Meiner Mutter stand die Hilflosigkeit ins Gesicht geschrieben. »Mach, dass du wegkommst!«, blaffte sie meinen Vater an und gab ihm einen leichten Schubser Richtung Haustür.

Schlagartig verstummte mein Vater, und einen Herzschlag lang herrschte unheilvolle Stille. Im nächsten Moment knallte seine Faust in Mamas Gesicht.

»Mami!«, schrie ich entsetzt auf und versuchte mich schützend vor sie zu stellen, doch meine Mutter schob mich entschlossen beiseite.

»Geh in dein Zimmer!«

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