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Und ich erobere dich doch!

1. KAPITEL

Angelo van Zaal schaute auf das neun Monate alte Baby hinunter, das die Krankenschwester ihm auf den Arm gelegt hatte. Das winzige Mädchen mit dem blonden Schopf und den hellen blauen Augen sah aus wie eine Porzellanpuppe, und sobald sie ihn erkannte, lachte sie glücklich auf. Die Unschuld in diesem fröhlichen Lächeln schnitt wie ein Messer in Angelos Herz.

Mariskas Start ins Leben konnte kaum schwerer sein. Nur ein blauer Fleck und ein Kratzer auf ihrer Wange zeugten davon, dass sie in ihrem Kindersitz einen Autounfall überlebt hatte, bei dem beide Eltern ums Leben gekommen waren.

„Wie ich verstanden habe, sind Sie nicht blutsverwandt mit Mariska“, sagte die Ärztin an seiner Seite.

„Ihr Vater Willem war mein Stiefbruder. Mein Vater hat ihn bei der Heirat mit seiner Mutter adoptiert, aber ich habe ihn immer als meinen Bruder angesehen und ihn auch so behandelt“, informierte Angelo die Ärztin mit der Sachlichkeit, für die er in der Finanzwelt bekannt war. „Somit gehört Mariska für mich zur Familie. Ich möchte sie so schnell wie möglich adoptieren.“

„Die Sozialarbeiterin, die mit Mariskas Fall betraut ist, erwähnte bereits, dass Sie seit der Geburt Kontakt zu ihr halten …“

„Ich habe getan, was in meiner Macht stand, um Willem und seiner Frau Julie zu helfen. Ich wünschte, es hätte mehr genutzt“, fügte er mit schmalen Lippen hinzu. Ihm war klar, dass das medizinische Personal hier wusste, in welchem Zustand Mariskas Eltern zum Zeitpunkt des Unfalls gewesen waren. Er war dankbar, dass die traurige Wahrheit bisher noch nicht in allen Zeitungen zu lesen stand.

Angelo van Zaal ist wirklich ein höchst attraktiver Mann, dachte die Ärztin mit einem bewundernden Blick auf ihn. Er war zudem extrem reich, und ihm eilte der Ruf eines großzügigen Wohltäters und Gönners voraus. Nichtsdestotrotz war der erfolgreiche Stahlmagnat berüchtigt für seinen scharfen Geschäftssinn und seine Unnachgiebigkeit bei Verhandlungen.

Wollte man der Presse glauben, versüßte eine ganze Parade von internationalen Topmodels ihm die Zeit, wenn er einmal nicht arbeitete. Von seiner spanischen Mutter hatte er das schwarze Haar und die dunkel getönte Haut geerbt, von seinem holländischen Vater die blauen Augen, strahlend wie helle Saphire. Ein dichter Kranz von langen schwarzen Wimpern verlieh diesen Augen eine geradezu hypnotische Wirkung. Groß, über einen Meter neunzig, mit einer höchst ansehnlichen Statur, hatten ihn auf dem Weg zur Kinderstation die mehr oder weniger heimlichen Blicke sämtlicher weiblicher Wesen begleitet, sowohl vom Personal wie auch von den Patienten. Und soweit die Ärztin wusste, war er auch noch immer ledig …

„Mariskas Tante hat sich bereits mehrere Male bei uns nach dem Mädchen erkundigt. Flora Bennett ist wohl Julies ältere Schwester.“

Angelos Züge verhärteten sich. Gleichzeitig blitzte ein Bild vor ihm auf – Augen in der Farbe von Smaragden, makellose Haut, cremig weiß wie Milch, und ein voller roter Mund, bei dem ein Mann automatisch in erotische Tagträumereien verfiel. Flora, ein großer schlanker Rotschopf, verfügte über Kurven, die jedem weniger erfahrenen Mann ernsthaft zusetzen würden …

Unerbittlich schüttelte Angelo das unerwünschte Bild ab. „Halbschwester“, korrigierte er leise. „Sie und Julie hatten denselben Vater.“

Er hätte noch sehr viel mehr sagen können, doch er hielt sich zurück. Seine negative Meinung über die mütterliche Seite von Mariskas Familie ging niemanden etwas an, das war Privatsache. Damals, als Willem die schwangere Julie Bennett hatte heiraten wollen, hatte Angelo Erkundigungen über die Engländerin und ihr Umfeld einziehen lassen, und seine starken Bedenken waren bestätigt worden.

Wären da nicht Julies Neigungen gewesen, könnte Willem noch am Leben sein, davon war Angelo überzeugt. Und was er gleichzeitig über ihre ältere Halbschwester erfahren hatte, war auch nicht dazu gedacht, um Vertrauen zu erwecken. Die Erkundigungen hatten nämlich auch den Skandal aus Floras Vergangenheit aufgedeckt. Vor einigen Jahren hatte sie wohl versucht, mit anrüchigen Taktiken ihre berufliche Karriere zu beschleunigen.

Obwohl Flora rein äußerlich sehr viel erinnerungswürdiger war als ihre eher durchschnittlich aussehende Halbschwester, hatte sie doch bereits bewiesen, dass sie nichts anderes als eine Goldgräberin war. Angelo würde alles daransetzen, um Mariska vor ihrem Einfluss zu schützen. Schließlich erbte Willems Tochter eines Tages den Trust Fund des Vaters. Mit der Volljährigkeit würde das Mädchen eine reiche junge Frau sein.

Wenn Angelo erst die ganze Sache in die Hand nahm, würde Mariska in einem völlig anderen Leben aufwachsen als in dem, welches sie bei ihren verantwortungslosen Eltern geführt hätte.

Seine Lippen wurden schmal. Er hatte versagt, als es darum gegangen war, Willems Leben zu retten, aber er würde nachts zumindest etwas besser schlafen können, wenn er alles für die Tochter seines Stiefbruders tat.

Die Ärztin räusperte sich. Angelo van Zaal hatte vorläufig das Sorgerecht für Mariska erhalten, aber … „Gedenken Sie, demnächst zu heiraten?“ Sie konnte die Neugier nicht zurückhalten.

Ein Blick aus blitzenden blauen Augen landete auf dem verlegenen Gesicht der Ärztin. Angelo ließ grundsätzlich niemanden wissen, was in ihm vorging, dennoch merkte man ihm die Anspannung an. „Schon möglich. Mit Hinsicht auf dieses kleine Mädchen gibt es noch vieles, was ich mir überlegen muss.“

Er war sich also bewusst, dass es Zweifel über die Eignung als allein erziehendes Elternteil geben könnte. Die Ärztin bedachte ihn mit einem verständnisvollen Blick. Allgemein hieß es über Angelo van Zaal, er sei kühl, eisern beherrscht und nüchtern, und auch, wenn sie ihn sicherlich nicht als emotionellen Menschen bezeichnet hätte, so schätzte sie ihn auf jeden Fall als pragmatisch und unbedingt zuverlässig ein.

Andere hätten einem schwierigen Pärchen sicherlich längst den Rücken gekehrt, auch wenn es Verwandte waren, doch Angelo van Zaal hatte alles Nötige getan, um zu helfen – bis es zum unvermeidlichen tragischen Ende gekommen war. In den Augen der Ärztin qualifizierte ihn das auf jeden Fall als Vormund eines schutzbedürftigen Kindes.

Mit steifem Rücken saß Flora in dem Taxi, das in Schiphol auf sie gewartet hatte. Jeder Schritt bei dem Flug nach Amsterdam war ohne jegliche Mitwirkung von ihrer Seite organisiert worden. Sicher, es hatte ihr eine Menge Arbeit abgenommen, dennoch war sie nicht nur nicht dankbar, sondern ihre Nerven waren auch zum Zerreißen gespannt.

Mit ihren ein Meter siebenundsiebzig war Flora eine langbeinige Schönheit mit weiblichen Kurven, die proportional perfekt zu ihrer Größe und würdevollen Haltung passten. Doch Flora hatte sich nie in diesem vorteilhaften Licht gesehen, war sie doch von Kindesbeinen an mit Attributen wie „schlaksig“, „mager“ und „ellenlang“ von ihrer eher kleinen Mutter belegt worden.

Ihr dichtes rotes Haar, das ihr weich über die Schultern fiel, wenn sie es offen trug, hielt sie meist in einem Pferdeschwanz zusammengebunden, und normalerweise strahlten hellgrüne Augen aus ihrem Gesicht mit dem makellosen hellen Teint. Heute jedoch verrieten ihre verweinten Augen ihre Trauer.

Bei dem Gedanken, dass sie gleich Angelo van Zaal für die Arrangements von Flug und Beerdigung würde danken müssen, schnitt sie eine Grimasse. Der Mann war ein absoluter Kontrollfreak, sie verabscheute ihn! Sein Wort war Gesetz, in seiner Familie, seinem Unternehmen und sogar darüber hinaus, überall dort, wo sein Name und vor allem sein Geld Gewicht besaßen.

Flora hatte schon immer Schwierigkeiten damit gehabt, wenn ihr jemand vorschreiben wollte, was sie zu tun und zu lassen hatte. Als Angestellte hatte sie jedoch lernen müssen, damit umzugehen. Vor allem hatte sie auch gelernt, ihr Temperament gegenüber übertrieben anspruchsvollen Gästen in ihrer kleinen Pension zu zügeln. Dann nickte sie nur lächelnd und ließ deren Arroganz an sich abperlen.

Doch sie brauchte nur an Angelo van Zaal zu denken, und schon sträubte sich alles in ihr. Er hatte es nicht einmal für nötig befunden, sie persönlich über den Tod ihrer Schwester zu informieren. Das hatte er von seinem Familienanwalt übernehmen lassen. Das war typisch für ihn! Damit wollte er sie auf Distanz halten, um jede mögliche Familienbindung zwischen ihnen zu verhindern.

Doch wenn sie ehrlich war – und Flora war immer grundehrlich zu sich selbst –, basierte ihre Abneigung für Angelo van Zaal vor allem darauf, dass er ihr gleich beim ersten Treffen den Kopf verdreht hatte, so als wäre sie ein alberner Teenager. Das war vor anderthalb Jahren gewesen, und noch immer brannten ihre Wangen, wenn sie an die beschämende Wirkung dachte, die er auf sie ausgeübt hatte – trotz des Wissens, dass ein Mann wie er einer Frau wie ihr keinen zweiten Blick gönnen würde.

Angelo sah einfach umwerfend gut aus, es war damals anstrengend für Flora gewesen, ihn nicht ständig verträumt anzusehen. Und wenn sie jetzt daran dachte, ihn wiederzusehen, hatte sie Mühe, nicht nervös und rastlos auf dem Sitz hin und her zu rutschen. Es gibt keinen vernünftigen Grund für diese völlig unsinnige Anziehungskraft, rügte sie sich ungeduldig in Gedanken. Zu wissen, dass sie sich tatsächlich zu jemandem hingezogen fühlen konnte, den sie nicht einmal mochte, schockierte und ärgerte sie, aber eher hätte sie sich die Zunge abgebissen, als auch nur einen Ton darüber verlauten zu lassen.

Außerdem täuschte Angelo van Zaal sich gewaltig, wenn er sich einbildete, sie würde tatenlos zusehen, wie er das volle Sorgerecht für ihre Nichte übernahm. Sie würde darum kämpfen, Mariska nach England zu holen. Sie hatte nämlich vor, Julies Kind wie eine eigene Tochter aufzuziehen. Wie kam Angelo auf die irrige Idee, er wäre der Richtige, um sich um ein kleines Mädchen zu kümmern?

Flora besaß ein Haus mit großem Garten in dem gemütlichen Städtchen Charlbury St Helens und war durchaus in der Lage, ihrer Nichte Stabilität und Fürsorge zu bieten. Sie konnte zudem einige Qualifikationen als Erzieherin nachweisen und führte eine gut laufende Bed-&-Breakfast-Pension. Sollte sie eine Weile auf Einkommen verzichten müssen, so konnte sie die Zeit mit den Rücklagen auf einem gut gefüllten Bankkonto überbrücken. Es mochte ihr vielleicht nicht gefallen, wie sie an dieses Geld gekommen war und was sie dafür hatte durchmachen müssen … Tatsache blieb, es war vorhanden. Und das würde ihre Chancen auf eine Adoption sicherlich erhöhen.

Flora verdrängte die Erinnerung an ihr früheres Leben als Karrierefrau in der Großstadt, bevor sie in das von der Großtante geerbte Haus gezogen war. Ihr Herz zog sich vor Trauer zusammen, als sie wieder an Julie dachte. Ihre lebenslustige jüngere Schwester war nicht mehr. Die beiden Frauen hatten sich nicht mehr oft gesehen, nachdem Julie in die Niederlande übergesiedelt war, nur dann, wenn Willem und Julie England besucht hatten. Ein einziges Mal nur war Flora in Amsterdam gewesen. Willem und Julie führten scheinbar ein viel beschäftigtes Leben, und es hatte sich bald herauskristallisiert, dass sie lieber zu Besuch kamen, als sich besuchen zu lassen.

Und doch hatte es einmal eine Zeit gegeben, da hatten sich Flora und die fünf Jahre jüngere Julie sehr nahgestanden, obwohl niemand, der die Geschichte der beiden Mädchen kannte, es je vermutet hätte. Flora war als Einzelkind in einer unglücklichen Ehe aufgewachsen.

Ihr Vater war ein notorischer Schürzenjäger gewesen, und es gab nur wenige Erinnerungen an ihre Kindheit, die nicht von lauten Stimmen und dem herzzerreißenden Schluchzen ihrer Mutter begleitet wurden. Wie oft hatte die Mutter ihr doch geklagt, dass sie den untreuen Ehemann sofort verlassen würde, wenn sie es sich nur leisten könnte. So hatte die Mutter sichergestellt, dass Flora eine solide Ausbildung erhielt – damit sie niemals finanziell von einem Mann abhängig sein würde. Ihre Eltern hatten sich dann scheiden lassen, als Flora auf der Universität gewesen war, und alles war herausgekommen.

Offensichtlich hatte ihr Vater ein Doppelleben geführt und eine zweite Familie gehabt, ganz in der Nähe von Floras Elternhaus. Die Affäre mit Julies Mutter musste er wohl gleich nach der Heirat mit Floras Mutter begonnen haben. Nach der Scheidung von Floras Mutter hatte er Sarah dann sofort geheiratet. Damals hatte es einen riesigen Krach in der Familie gegeben, weil er darauf bestand, dass seine beiden Töchter sich kennenlernten.

Obwohl die zweite Ehe später ebenfalls wegen seiner Untreue in die Brüche ging, blieben Flora und Julie in Kontakt, und als Julies Mutter starb und Julie mit dem College begann, zog sie zu Flora in die Londoner Wohnung. In den zwei Jahren, in denen Flora sowohl in ihrem Privat- als auch in ihrem Berufsleben in einer großen Krise steckte, bauten die Halbschwestern eine enge Bindung zueinander auf.

Tränen stiegen Flora in die Augen, als sie das Bild ihrer Schwester jetzt wieder vor sich sah – eine hübsche zierliche Blondine, voll überschäumender Lebenslust. Julie hatte Willem in London kennengelernt, als der an einem einjährigen Austauschprogramm teilnahm.

Kurz entschlossen brach Julie ihr Studium ab und ging mit dem gut aussehenden Holländer zurück nach Amsterdam, um mit ihm auf einem Hausboot zu leben. Floras vorsichtige Warnungen hatte sie ignoriert, und schon wenige Wochen später kam erst die Nachricht von der Schwangerschaft und dann die Ankündigung der überstürzten Heirat.

Angelo van Zaal hatte für die standesamtliche Trauung und den kleinen Empfang in London bezahlt. An jenem Tag traf Flora ihn zum ersten Mal, war aber bereits von ihrer Schwester vorgewarnt gewesen.

„Ich bin ihm zu gewöhnlich, nicht gut genug ausgebildet und vor allem zu frech“, hatte Julie aufsässig gesagt. „Willem sagt natürlich zu allem immer nur Ja und Amen, aber von mir kann Angelo das nicht erwarten. Willem hat Angst vor ihm, weil er nie Angelos hohe Erwartungen erfüllen kann.“

Angelo van Zaal hatte auch keinen Hehl aus seiner Einstellung zu der Heirat gemacht. „Die beiden sind viel zu jung, um Eltern zu sein. Das wird ein Desaster“, hatte er gesagt und Flora mit eisblauen Augen düster angesehen.

Flora, von Natur aus optimistisch, hatte erwidert: „Jetzt ist es wohl ein bisschen zu spät. Die beiden lieben sich, und zum Glück haben sie ja Willems Trust Fund, der ihnen über die Runden helfen wird.“

Angelo hatte sie mit einem vernichtenden Blick bedacht. „Wie kommen Sie darauf? Willem erhält den Fund erst in drei Jahren.“

Flora wünschte, sie hätte den Mund gehalten. Aber war es denn so verkehrt, anzunehmen, dass das kleine Vermögen des Bräutigams dem jungen Paar ein erstes eigenes Heim ermöglichen würde? „Wie ich verstanden habe, verlassen die beiden sich darauf. Schließlich ist Julie schwanger …“

„Das wäre verrückt. Meine Zustimmung bekommen sie nicht.“ Sein unmissverständlicher Ton ließ keinen Zweifel offen. „Willem und seine Frau werden ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Zudem muss Willem erst einmal seine Universitätsausbildung abschließen. Aber offensichtlich hatte Ihre Schwester sich das anders vorgestellt.“

Letztendlich war genau das eingetreten, was Flora befürchtet hatte: Willem brach sein Studium ab, als Julie aufgrund ihrer Schwangerschaft nicht mehr arbeiten konnte, und suchte sich einen Job. Flora gab Angelo van Zaal die alleinige Schuld für den Ablauf der Geschehnisse. Wahrscheinlich klopfte der eiskalte Milliardär sich noch heute auf die Schulter, weil er den kostbaren Trust Fund bewahrt hatte!

Das Taxi wartete auf sie, solange sie in ihrem Hotel eincheckte, und fuhr sie danach zum Beerdigungsinstitut. Eine große Trauergemeinde hatte sich bereits hier versammelt, die meisten der Trauergäste waren junge Leute. Doch der Einzige, dessen Anwesenheit Flora bewusst wahrnahm, war Angelo van Zaal.

Er hielt die Trauerrede mit dem nötigen Respekt, kam dann zu Flora und eskortierte sie durch den Saal, um sie Willems Verwandten vorzustellen. So nah an seiner Seite konnte Flora kaum atmen, und sie hasste ihn für die Wirkung, die er auf sie hatte. Hasste ihn für sein sündhaft gutes Aussehen, das sie schon beim ersten Treffen überrumpelt hatte. Sie musste gegen das Verlangen ankämpfen, sich näher an ihn zu lehnen. Kein Mann, nicht einmal der Mann, den sie einst hatte heiraten wollen, hatte je solchen Eindruck auf sie gemacht.

Sex war nie eine treibende Kraft für sie gewesen, sie war noch immer Jungfrau. Wenn es um Männer ging, hatte sie immer einen kühlen Kopf bewahrt. Als Kind und als Teenager hatte sie zu viel Unglück gesehen, um sich impulsiv auf Beziehungen einlassen. Und später am Arbeitsplatz war sie von ihrem Chef sexuell belästigt worden. Die Erkenntnis, dass Angelo, ein Mann, den sie nicht mochte, eine so starke körperliche Faszination auf sie ausübte, hatte sie noch vorsichtiger und zurückhaltender werden lassen.

„Wie geht es Mariska?“, fragte sie Angelo van Zaal, sobald sie keine Zuhörer mehr hatten.

„Kinder halten eine Menge aus. Heute Morgen beim Frühstück hat sie schon wieder gelacht.“

„Sie waren heute Morgen so früh schon im Krankenhaus?“ Das überraschte Flora. Sie hätte erwartet, dass er auf dem Weg zur Beerdigung nach dem Mädchen sehen würde.

Angelo musterte sie mit einem intensiven Blick, und es war, als würde reine Energie über ihre Haut streichen. Sie merkte, wie ihre Brustspitzen sich unter der Bluse aufrichteten, und prompt zog ein Hauch Rot auf ihre Wangen. Sie hielt den Blick konzentriert auf den Knoten seiner Krawatte gerichtet.

„Mariska ist nicht mehr im Krankenhaus“, teilte er ihr mit. „Sie ist schon gestern in meine Obhut übergeben worden.“

Das war ihr neu! „Sie sind schnell. Und wer kümmert sich jetzt um sie?“

„Anke, ihre Nanny.“

Flora war keineswegs beeindruckt. „Wenn sie gerade erst ihre Eltern verloren hat, kann es nicht besonders gut sein, jetzt von einer Fremden betreut zu werden.“

„Anke ist nicht fremd. Sie hat seit Monaten regelmäßig auf Mariska aufgepasst.“

Flora stutzte. „Willem und Julie hatten eine Nanny eingestellt?“ Wie ließ sich das mit den Anrufen der Schwester und den ständigen Klagen über Geldnöte in Einklang bringen? Von einer Nanny hatte Julie auf jeden Fall nie gesprochen.

„Ich bin für die Kosten aufgekommen.“ Angelo presste die Lippen zusammen. Sein Blick besagte eindeutig, dass sie es besser nicht wagen sollte, noch weitere Fragen zu Themen zu stellen, die sie nichts angingen.

„Wie großzügig von Ihnen. So wie Sie ja auch meine Reisekosten übernommen haben“, ergänzte sie steif. „Danke, aber das wäre nicht nötig gewesen. Zugegebenermaßen hat es mir die Mühe erspart, und es ging schneller. Auch wenn ich nicht lange bleiben kann, so möchte ich doch die Zeit, die ich in Amsterdam bin, nutzen, um …“

„Ihre Nichte zu sehen, natürlich“, fiel er ihr ins Wort. „Wenn das hier vorbei ist, sind alle Trauergäste zum Kaffee zu mir nach Hause eingeladen. Dann haben Sie Gelegenheit, Mariska zu sehen.“

Sie hatte nicht damit gerechnet, dass es so einfach werden würde. Im Gegenteil, sie hatte sich auf Hindernisse bei jedem Schritt eingestellt. Erleichtert nickte sie. „Ich sollte vielleicht erwähnen …“ Sie zögerte, entschloss sich dann, sich von ihrer Ehrlichkeit leiten zu lassen. Sie zog es immer vor, wenn alle Fakten auf dem Tisch lagen. „Morgen früh habe ich einen Termin bei einem Rechtsanwalt, und danach bin ich auf dem Jugendamt. Ich möchte Mariska adoptieren.“

Für den Bruchteil einer Sekunde meinte sie, eisiges Feuer in seinen blauen Augen aufblitzen zu sehen, doch es war so schnell wieder verschwunden, dass sie sicher war, ihre hyperaktive Fantasie habe ihr nur einen Streich gespielt.

Er nickte. „Natürlich, das ist Ihr gutes Recht.“

Die Beerdigung dauerte nicht lange, aber während der Zeremonie strömten unablässig Tränen über Floras Wangen. Es erschien ihr so ungerecht, dass zwei so junge Leute, denen die Zukunft weit offen gestanden hatte, aus dem Leben gerissen worden waren. Außer Mariska hatte Flora jetzt keine lebenden Verwandten mehr. Bei dem Gedanken fühlte sie sich plötzlich schrecklich einsam. Zudem war Jemima, ihre beste Freundin, vor Kurzem zu ihrem Mann nach Spanien zurückgekehrt und hatte ein weiteres Loch in ihrem Leben hinterlassen.

Nach der Begräbnisfeier fuhr Flora bei Willems Onkel und Tante im Wagen mit zu Angelos Zuhause. Er wohnte in einem beeindruckenden Haus, in dem die van Zaals bereits seit Generationen lebten, ein historisches Gebäude mit hohen Decken, schimmerndem Parkett und wertvollen antiken Möbeln. Der Kaffee wurde in einem großen eleganten Salon von der Haushälterin – Angelo sprach sie mit Therese an – serviert.

Während Angelo sich gedämpft mit einem Geschäftspartner unterhielt, beobachtete er Flora unauffällig. Die Tränenspuren auf ihren Wangen waren deutlich zu erkennen, und ein Blick reichte, um zu sehen, dass die Emotionen sie fest im Griff hatten. Gefährliches Zeug, diese Emotionen, dachte er grimmig. Flora war die Art Frau, der er auf jeden Fall immer aus dem Weg ging. Über ein Jahr war es jetzt her, seit sie sich zum ersten Mal begegnet waren. Ihm fiel auf, dass sie ihr Haar hatte wachsen lassen.

Unwillkürlich stellte er sich vor, wie sie aussehen würde, wenn diese seidige kupferfarbene Mähne ihr offen über die Schultern fließen würde. Und über dein Kissen? fragte eine sarkastische Stimme in seinem Hinterkopf. Gleichzeitig mit dem Ziehen in den Lenden kam auch der Ärger über seine Libido, die in typisch männlicher Art viel zu enthusiastisch auf Flora Bennetts Anwesenheit reagierte.

Weil er die Leidenschaft in ihr wahrnahm und sie ihn anzog wie die Sonne an einem kalten Wintertag, deshalb! Unter halb gesenkten Lidern hervor studierte er sie und musste dabei, wie auch schon beim ersten Treffen, seine ganze Willenskraft nutzen, um gegen die magnetische Anziehung anzukämpfen. Selbstbeherrschung und Nüchternheit waren Angelo extrem wichtig, schließlich wusste niemand besser als er, dass eine Beziehung zur falschen Frau in einer Katastrophe enden konnte.

Und das war das eine Risiko, das er niemals eingehen würde.

Flora wandte den Blick von dem alten Meister an der Wand ab. Sie musste sich zusammennehmen und damit aufhören, nach Ähnlichkeiten zwischen der mittelalterlichen Familie in dem Gemälde und Angelo zu suchen. Sie drehte sich suchend um – und ihr Blick traf frontal mit seinem zusammen. Hitze fuhr wie ein Speer der Länge nach durch ihren Körper und brachte jedes Nervenende in ihr zum Schwingen. Mit wütender Entschlossenheit unterdrückte sie diese Gefühle und ging mit zusammengepressten Lippen auf Angelo zu.

Angelo rief seine Haushälterin zu sich. „Therese wird Sie nach oben zu Mariska bringen.“

Flora wurde der hübschen dunkelhaarigen Nanny vorgestellt, aber sie hatte eigentlich nur Augen für ihre Nichte, die bequem in einem Kindersitz lag und mit den Holzfiguren spielte, die an einem Gummiband von einer Seite zur anderen gespannt waren.

Mariska sah ihrer Tante mit großen blauen Augen entgegen und lachte fröhlich auf, als Flora ihr über die kleine Hand kitzelte. Und während Flora mit der Kleinen spielte, verging die Zeit wie im Flug. Das Baby wurde schließlich zu seinem Nachmittagsschlaf hingelegt, und Flora stieg wieder die Treppe hinunter. Angelo stand unten in der Halle und wartete auf sie. Sein schwarzes Haar schimmerte im Licht der Lüster. Er hat das Gesicht eines griechischen Gottes, dachte sie. Und den Körper auch, fügten ihre verräterischen Gedanken noch hinzu.

„Wenn es möglich ist, würde ich morgen Nachmittag gern das Hausboot besuchen, auf dem Willem und Julie gewohnt haben“, hob sie gepresst an.

„Sicher.

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