Logo weiterlesen.de
Und find es wunderbar

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über das Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Zitat
  8. Vorwort
  9. Kapitel 1: (K)eine schrecklich nette Familie
    1. Kindheit zwischen Trümmern
    2. Es steht ein Soldat am Wolgastrand
    3. Konditormeister Schneider
    4. Schulhorror, traurige Bücher und alle Tiere
    5. Lernen fürs Leben?
    6. Die Tränen meines Vaters und das Schweigen meiner Mutter
  10. Kapitel 2: Ein Körper wird entdeckt
    1. Bambis erstes Mal
    2. Go-go Black and White
    3. meine kleine familie
    4. Miss Filmfestspiele
    5. Das Sprungbrett ins Filmgeschäft
  11. Kapitel 3: Der stumme Star
    1. Gesucht: Naive Blondine mit Sex und Witz
    2. Horror-Gaby gibt ihr Debüt
    3. Pfleghars »zartes Showpflänzchen« wird ein Star
    4. Frau Stickelbrucks
    5. Die Geliebte des großen Regisseurs
  12. Kapitel 4: Blondie lacht und weint
    1. Ein Meer von Tränen
    2. Endlich eigenes Geld
    3. Stumm auf Sardinien
    4. Klimbim ist unser Leben
    5. Gaststars bei Klimbim
    6. die verdrehten wahrheiten
    7. Zwei himmlische Töchter
    8. Die Drogen und die Trennung
  13. Kapitel 5: Leben zwischen Himmel und Erde
    1. Ingrid Steeger auf Safari
    2. In luftigen Höhen
    3. Back from Afrika
  14. Kapitel 6: Die Befreiung
    1. Erstmals ein Zuhause?
    2. Revue und Theater in Deutschland
    3. Landleben mit Tieren und Diener
    4. Haus, Hof, Reisen
    5. Das verlorene Kind
  15. Kapitel 7: Der große Bellheim
    1. Wilder Westen inclusive
    2. In der neuen Welt
    3. Wedels größter Fan
    4. Kiss me, Kate
    5. Meine Sorgenkinder
    6. Monas Abgang
  16. Kapitel 8: Westernlady Mona
    1. Arbeiten für den guten Zweck
    2. Der entlaufene Bräutigam
    3. Am Marterpfahl
    4. Auf dem Rücken der Pferde …
  17. Kapitel 9: Der Klimbim-Fluch
    1. Die Züricher Verlobung
    2. Kinderzeit in Rumänien
    3. Blondie gerät ins Schleudern
    4. Die Klimbim-familie stirbt
  18. Kapitel 10: Mein annus horribilis
    1. Der Absturz
    2. Rettende Engel
    3. Wilma räumt mein Leben auf
    4. »Ingrid Steeger lebt von Hartz IV«
  19. Kapitel 11: Die Steeger ist zurück
    1. Gatte gegrillt
    2. Mein neues Leben
  20. Kapitel 12: Wenn Flügel wachsen
    1. Wovon ich träume
  21. Bildtafeln
  22. Bildnachweis

Über das Buch

Wer kennt sie nicht? Ingrid Steeger, die Ulknudel, Blondine der Nation und Sexsymbol, die mit „Klimbim“ berühmt wurde, mächtige Männer faszinierte und dennoch immer vergeblich auf der Suche nach Glück und Geborgenheit war. Nun legt sie ihre Autobiografie vor. Offen, ehrlich, schockierend, aber auch komisch, anrührend und ermutigend. Ein Stück bundesdeutscher Film- und Fernsehgeschichte und gleichzeitig die Geschichte einer Frau, die immer mehr gab, als sie zurückbekam, die aufstieg, fiel und sich aus eigener Kraft wieder aufrichtete.

Über die Autorin

Ingrid Steeger, 1947 in Berlin geboren, wurde mit der Kultserie Klimbim berühmt und stand mit vielen deutschen Stars auf der Bühne und vor der Kamera, unter anderem mit Curd Jürgens, Mario Adorf und Iris Berben. Sie wurde mit dem Bambi, der Goldenen Kamera und dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Heute spielt sie erfolgreich Theater, gibt höchst unterhaltsame Lesungen und ist gern gesehener Gast in Talkshows.

Ingrid Steeger
mit Sibylle Auer

Und find
es wunderbar

Mein Leben

Wer nicht am Abgrund steht,
dem wachsen keine Flügel.

(aus Alexis Sorbas)

Vorwort

Schlagzeilen und Presseberichte gibt es unendlich viele über mich. Aber sie machen nicht mal einen Bruchteil meines Lebens aus. Trotzdem musste ich bei der Idee des Verlags, mein Leben in einem Buch aufzuschreiben, zuerst laut lachen: Wie sollte man dieses Durcheinander überhaupt aufschreiben? Was interessiert die Leser wohl? Viele sehen mich noch heute als den Klimbim-Star der Siebziger. In den letzten Jahren kam dann mein tiefer Fall groß in den Medien – »Ingrid Steeger lebt von Hartz IV«. Ja, das war schlimm. Aber wie alles war auch das nur eine Episode in meinem Leben, es geht ja immer weiter. Und im Leben fühlt sich das auch oft ganz anders an, als von irgendwelchen Journalisten beschrieben. Und das war der Punkt, der mich reizte, meine Autobiografie zu schreiben. Einmal alles so sagen, wie es für mich war und ist. Einmal nicht nur das tun, was andere erwarten. Wer ist denn nun diese Steeger?, fragte ich mich selbst. Und die Erinnerungsmaschine begann zu laufen, Stockungen inklusive. Als ich diese Kurzfassung meines Lebens dann beendet hatte, war ich ein anderer Mensch.

Meinen Fans und natürlich meinen Freunden – den wirklichen, echten – verdanke ich es, dass ich heute wieder erfolgreich Theater spiele und die Freude am Leben dunkle Schatten vertreibt. Sie geben mir unendlich viel, und ich möchte ihnen mit diesem Buch etwas zurückgeben.

München, im Sommer 2013
Ingrid Steeger

Kapitel 1:
(K)eine schrecklich nette Familie

Ich bin Berlinerin. Manche sagen, man hört es immer noch, auch nach den vielen Jahren, die vergangen sind, seit ich der Stadt den Rücken gekehrt habe. In meiner Geburtsurkunde steht: Ingrid Anita Stengert, geboren am 1. April 1947 um 11.50 Uhr. Name des Vaters: Karl Otto Kurt Stengert. Name der Mutter: Käthe Hildegard Frieda Stengert. Beide evangelisch. Unsere Adresse damals war: Alt-Moabit 19, Berlin.

Die Zeit meiner Geburt war die Zeit nach dem Krieg, wie Hunderttausende andere Berliner hatte auch meine Familie alles verloren. Mit meinem Bruder Udo, der damals fünf Jahre alt war, und meiner Schwester Jutta, die nur eineinhalb Jahre vor mir das Licht der Welt erblickt hatte und die bis heute einer der wichtigsten Menschen für mich ist, lebten meine Eltern in einer kleinen Einzimmerwohnung. Ein drittes Kind – ich – hatte ihnen wahrscheinlich gerade noch gefehlt.

KINDHEIT ZWISCHEN TRÜMMERN

Vor dem Krieg hatten meine Eltern eine Dreizimmerwohnung am Wikingerufer, gleich an der Spree, bewohnt. Nach einem der letzten Bombenangriffe vor Kriegsende war von diesem schönen Zuhause nicht mehr viel übrig geblieben außer einer Ruine und Trümmerbergen. Die Einzimmerwohnung mit Abstellkammer und kleiner Küche, die meine Eltern zugewiesen bekamen, war also Fluch und Segen in einem. Ein Dach über dem Kopf. Mehr nicht.

Fünf Stengerts drängten sich auf den knapp fünfundzwanzig Quadratmetern. Im Wohnraum standen ein Tisch, vier Stühle, ein Sofa und ein Bett, dort wurde gearbeitet, gespielt, gegessen und geschlafen. Jutta hatte ihren Schlafplatz auf dem Sofa, Udo in der Abstellkammer. Ich schlief bis zu meinem sechsten Lebensjahr im Bett meiner Eltern. Was sich nach großer Geborgenheit anhören könnte, war in Wahrheit ein einziges großes Unbehagen. Mit Liebe konnte das, was sich des Nachts zwischen den Eltern abspielte, nicht viel zu tun haben.

Und wie in den Nächten war auch am Tag weder eine große Zuneigung noch Herzlichkeit zwischen den Eltern spürbar. Ich habe nie auch nur ein freundliches Wort oder eine zärtliche Geste zwischen ihnen erlebt. Ach was, ich habe nie auch nur ein freundliches Wort oder eine zärtliche Geste überhaupt von ihnen erlebt, auch nicht uns Kindern gegenüber. Das Einzige, was meine Eltern für uns übrig hatten, waren Schläge. Wer ungezogen war, musste die Finger hinhalten. Wer sich dumm anstellte, bekam eine Ohrfeige. Wer nicht parierte, wurde windelweich geprügelt.

Bei alledem war unsere Mutter stets darauf bedacht, den äußeren Schein zu wahren, es war ihr sehr wichtig, was die Nachbarn dachten und redeten. Sie wollte nicht, dass wir erzählten, dass wir in einer Einzimmerwohnung lebten, weil sie sich dafür schämte. Und wie sie schämten auch wir Kinder uns dafür. Dabei waren wir schuldlos in die Armut geraten. Wir waren doch ausgebombt! Für meine Mutter aber waren unsere Lebensumstände eine Schande, wie für sie überhaupt alles eine Schande war.

Und tatsächlich ging es bei uns nicht gerade fein zu. Die Gemeinschaftstoilette, die von mehreren Mietparteien genutzt wurde, befand sich auf der halben Etage im Treppenhaus und war eigentlich ständig besetzt, weil so viele Personen sie benutzten. Entsprechend war ihr Zustand und der Geruch, der einem entgegenschlug, wenn man endlich an der Reihe war.

Fließend Wasser hatten wir nur in der Küche, und auch nur kaltes. Wir Kinder mussten uns im Ausguss waschen, natürlich nur mit kaltem Wasser, denn es gab kaum Brennholz für den Küchenherd. Im Winter froren regelmäßig die Wasserleitungen ein, so eisig war es. Wen wundert es unter diesen Umständen, dass Udo, Jutta und ich selten besonders sauber waren, auch wenn meine Mutter stets darauf achtete, dass wir zumindest am Sonntag anständig angezogen waren und wie die Kinder ordentlicher, wohlhabender Leute aussahen. Dabei war Moabit ein bekanntermaßen heruntergekommenes Pflaster.

In den umliegenden Straßen gab es, wohin das Auge reichte, nichts als Trümmerberge und Schutthaufen, es war kaum ein intaktes Gebäude vorhanden. Uns Kindern boten diese Steinwüsten jedoch wunderbare Orte zum Spielen. Und wer nicht gerade in der Schule war, traf sich auf der Straße. Das zerbombte Nachkriegsberlin war besser als jeder Abenteuerspielplatz, und wie alle anderen Kinder spielten auch wir am allerliebsten in den Ruinen, obwohl das streng verboten war. Meine damals besten Freundinnen Charlotte, Doris und ich suchten uns mit Vorliebe Höhlen in den Trümmerbergen. Dort konnten wir uns verstecken, reden und spielen, während draußen die Pferdewagen durch die Straßen fuhren und ständig der Ruf ertönte: »Brennholz für Kartoffelschalen!«

Außerdem liefen wir liebend gern Rollschuh. Damals war so wenig Verkehr, dass man ohne Weiteres mitten auf der Straße fahren konnte. Meine Rollschuhe waren ziemlich alte Dinger, die ich mit Einweck-Gummibändern an meinen viel zu schmalen Füßen befestigen musste, damit sie nicht abfielen. Ich schämte mich sehr dafür, aber neue konnten mir meine Eltern nicht kaufen, weil sie zu teuer gewesen wären.

Eines unserer Lieblingsspiele war »Mutter, Vater, Kind«. Charlotte und Doris waren Vater und Mutter, und ich war ganz selbstverständlich immer das Baby, das in den Kinderwagen gelegt, geherzt und umsorgt wurde und es dort warm und geborgen hatte. Ich fand es herrlich, denn dort hatte ich meine Ruhe, niemand wollte etwas von mir oder machte mir Angst.

Wenn die Größeren sich prügelten, war es meine Aufgabe als Kleinste und Schwächste, auf die Schultaschen aufzupassen. Die anderen warfen ihre Ranzen auf einen Haufen, riefen mir zu: »Ingrid, pass auf unsere Sachen auf!«, und verschwanden. Ich war mächtig stolz auf meine wichtige Aufgabe, blieb brav neben dem Taschenhaufen sitzen und wartete geduldig, bis die anderen mit der Prügelei fertig waren.

Dass es ziemlich gefährlich war, in den Trümmern zu spielen, war uns egal, und meine Eltern interessierte es nicht wirklich. Sie waren wohl froh, wenn wir aus dem Haus waren. Natürlich fanden wir immer wieder Handgranaten und Blindgänger, die wir dann zur Polizei brachten, und wir müssen eine Armee von Schutzengeln gehabt haben, denn uns passierte nichts.

Auch die Friedhöfe waren für uns damals großartige Orte zum Spielen, ich liebte vor allem die Ruhe und das viele Grün dort, und überall gab es hübsche rote Käfer mit schwarzen Punkten. Uns Kinder interessierte der schlechte Ruf, den die Gegend damals hatte, kein bisschen. Dabei galt das sich am Rand von Moabit befindliche Schloss Bellevue, in dem heute der Bundespräsident residiert, als das letzte Loch; das Hauptgebäude war eine einzige Ruine, nur die Seitenflügel standen noch und dienten ausgebombten Menschen als Notunterkunft. Und ganz in der Nähe des Schlosses befand sich der sogenannte Hausfrauenstrich.

Auch im nahe gelegenen Tiergarten trafen wir Kinder uns oft zum Spielen. Dort wuchsen praktisch keine Bäume mehr, weil die Berliner sie zu Brennholz verarbeitet hatten und die freien Flächen zum Gemüseanbau nutzten. Hinter jedem der wenigen Bäume, die es im Park noch gab, stand, so jedenfalls in meiner Erinnerung, ein Exhibitionist. Wir Kinder lachten uns über diese seltsamen Gestalten, die ihre Mäntel öffneten, um sich zu zeigen, aber höchstens kaputt. Sie taten uns ja nichts. Für uns war das alles ganz normal: Da war der Hausfrauenstrich, da waren die Exhibitionisten, und zwischen den Trümmern hatten wir unsere Plätze, an denen wir spielten.

Meine Mutter allerdings muss unter den mehr als schlechten Verhältnissen gelitten haben. Zumindest versuchte sie immer wieder, aus uns Schmuddelkindern adrette Vorzeigekinder zu machen. Sie nähte meiner Schwester und mir entzückende Kleidchen, Röcke, Jacken und Blusen. An besonderen Tagen im Sommer zog sie Jutta und mir hübsche bunte Baumwollkleidchen mit Puffärmeln an. Dazu trugen wir ordentliche weiße Strümpfe und bekamen Zöpfe geflochten, die mit großen Schleifen zu Affenschaukeln hochgebunden waren. Wir sollten die besten und schönsten Kinder in der Nachbarschaft sein. Alle sollten glauben, dass es dem Ehepaar Stengert und seinen drei Kindern gut ging, dass es ihnen an nichts fehlte und dass die ganze Familie glücklich und zufrieden war. Doch die Wände des schnell hochgezogenen Nachkriegsbaus waren dünn und hellhörig, und das ganze Haus bekam mit, dass es hinter der hübschen Bilderbuch-Fassade der Familie Stengert ruppig zuging.

ES STEHT EIN SOLDAT AM WOLGASTRAND

Als Kind hatte ich ständig Angst. Angst vor den Eltern – vor ihren Schlägen. Es verging kaum ein Tag, an dem uns die Mutter nicht züchtigte. Mal mit dem Kleiderbügel, mal mit dem Zentimetermaß, das sie wie eine Peitsche schwang. Sie hetzte uns so lange durch unsere kleine Wohnung, bis sie einen von uns erwischte. Doch ich hatte einen Trick: Neben dem Schrank gab es eine schmale Ecke, und wenn ich diese Ecke rechtzeitig erreichte und mich dort hineindrückte, kam sie mit dem Zentimetermaß nicht an mich heran und auch nicht mit dem Bügel, denn der war zu kurz.

Der Vater prügelte uns nicht ganz so häufig wie die Mutter, dafür aber umso gründlicher. Wenn er nach Hause kam, musste ich ihm nur in die Augen schauen. Und wenn ich diesen bestimmten Ausdruck in seinem Blick entdeckte, dann wusste ich: Jetzt ist es wieder so weit, jetzt kannst du machen, was du willst. Er wird etwas finden, und Jutta und du werden verprügelt. Nur unser Bruder, der Erstgeborene, wurde vom Vater meist verschont. Später vermutete ich, dass Udo vielleicht noch ein Kind der Liebe war. Vielleicht hoffte ich auch ein ganz kleines bisschen, dass es irgendwann einmal doch Liebe zwischen meinen Eltern gegeben haben muss. Aber Jutta und ich waren ganz sicher ungewollt hinzugekommen, wahrscheinlich aus ehelicher Gewalt entstanden. Wir waren Störenfriede, und so wurden wir auch behandelt. Für uns war keine Liebe übrig.

»Jutta und Ingrid, der Teppich muss sauber gemacht werden. Sammelt alle Flusen und Krümel ab, und wehe, wenn ich hinterher noch etwas finde!«

Wenn ein solcher Befehl von unserem Vater kam, wussten wir, dass wir keine Chance hatten und dass es Dresche geben würde. Denn die Aufgabe, die er uns stellte, war nicht zu lösen, jedenfalls nicht zu seiner Zufriedenheit. Auf allen vieren krochen meine Schwester und ich auf dem Teppich herum und klaubten den Schmutz mit den Händen ab, während der Vater uns vom Sessel aus beobachtete.

»Wir sind fertig«, sagte schließlich Jutta und trat mit gesenktem Kopf vor unseren Vater hin. Ich stand immer stumm neben ihr. Wir beide wussten, was nun passieren würde, denn irgendein winziger Fussel war immer noch zu finden.

Langsam erhob sich der Vater aus dem Sessel, setzte seine Brille auf und inspizierte den Teppich, Zentimeter für Zentimeter. Wenige Augenblicke später bückte er sich und hob mit Daumen und Zeigefinger ein Krümelchen oder Fädchen auf, um es mit drohender Geste in die Luft zu halten.

War meine Mutter ebenfalls im Zimmer, verließ sie es spätestens jetzt und schloss wortlos die Tür hinter sich.

»Ihr nutzlosen Gören«, knurrte Vater mit zusammengebissenen Zähnen. »Das nennt ihr sauber? Glaubt ihr, ich bin blind? Glaubt ihr, ihr könnt mich an der Nase herumführen?«

Dann war es so weit. Die Prügel, die seinen Worten folgten, waren fast eine Erlösung, denn die Anspannung in uns wuchs jedes Mal ins Unerträgliche. Jetzt jagte er uns von einer Ecke des Zimmers in die andere, er schubste uns und zerrte an uns, manchmal packte er eine von uns auch am Rockbund und hob uns hoch wie junge Hunde. Es war schrecklich. Natürlich versuchten wir, seinen Schlägen zu entkommen. Ich sank meist auf den Boden, versuchte mich ganz klein zu machen und legte schützend die Arme um den Kopf. Wenn die Schläge meinen Rücken trafen, floh ich auf allen vieren so schnell ich konnte in eine Ecke, bis ich zur nächsten gehetzt wurde. Doch es half alles nichts, er erwischte uns immer. Jutta und ich schrien und heulten vor Schmerz, der Vater aber hörte nicht eher auf, bis seine Wut verraucht war.

Wen wundert es unter diesen Umständen, dass ich lange Zeit Bettnässerin blieb. Zumal die Prügel der Eltern nicht die einzige Quelle meiner Angst war. Ich wollte abends am liebsten gar nicht ins Bett, weil ich zwischen meinen Eltern liegen musste. Doch in den ersten sechs Jahren hatte ich keine andere Wahl. Mit sieben und acht durfte ich hin und wieder auf dem Sofa schlafen, und Jutta musste zu den Eltern ins Bett. Uns beiden war nichts mehr zuwider, weshalb es auch öfter Streit gab.

Uns war klar: Das, was da des Nachts geschah, musste etwas Tolles sein für den Vater, etwas, das er unbedingt haben wollte, und es musste etwas Ekliges sein für die Mutter, weil sie jedes Mal versuchte, es nicht so weit kommen zu lassen. Wenn der Vater zur Mutter wollte, schob er mich oder Jutta – je nachdem, wer gerade das Pech hatte, zwischen ihnen schlafen zu müssen – unter Murren und Maulen zur Seite, um zu seiner Frau hinüberzurutschen. Schweigend wehrte sich die Mutter gegen ihn und zog uns wieder auf den Platz in der Mitte zurück. Der Vater stieß uns erneut fort, und so ging es eine Weile hin und her, bis er sich am Ende gewaltvoll über die Mutter legte und erst nach kurzen, heftigen Bewegungen mit lautem Stöhnen wieder von ihr hinunterrollte. Anschließend fiel er jedes Mal in einen tiefen Schlaf, und auch wir Kinder kamen endlich zur Ruhe.

Keine Frage, dass das hautnahe Miterleben dieser nächtlichen Übergriffe meines Vaters auf meine Mutter größtes Unbehagen in mir auslöste. Niemals jedoch hätte ich gewagt, etwas dagegen zu tun oder etwas zu sagen oder gar zu schreien. Ich habe es stumm ertragen. Jutta hat es stumm ertragen. Nacht für Nacht. Es gehörte schließlich zu unserem Familienleben dazu. Und als Kind hinterfragt man das nicht, es ist eben so.

Es wurde bei uns auch sonst nie über irgendetwas geredet, jeder machte seine Sachen, seinen Kummer mit sich selbst aus. Doch irgendwo mussten die traurigen Gefühle in mir hin! Und so hörte ich als Kind mit Vorliebe traurige Lieder, zu denen ich jedes Mal weinen musste.

Mein Vater besaß eine Musiktruhe, und natürlich war es uns unter Strafe verboten, seine Schallplatten anzuhören. Und dennoch taten wir genau das, wenn die Eltern nicht zu Hause waren. Am liebsten mochte ich die Platte mit dem »Wolgalied« aus dem »Zarewitsch«. Wenn der Zarewitsch Alexej sang:

Regungslos die Steppe schweigt,

Eine Träne ihm ins Auge steigt:

Und er fühlt, wie’s im Herzen frisst und nagt,

Wenn ein Mensch verlassen ist, und er klagt,

Und er fragt:

Hast du dort oben vergessen auch mich?

Es sehnt doch mein Herz auch nach Liebe sich.

… dann konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten und weinte hemmungslos.

KONDITORMEISTER SCHNEIDER

Als ich ungefähr acht Jahre alt war und wir in eine größere Wohnung in Alt-Moabit zogen, bekamen wir zum Glück nicht mehr direkt mit, wie sich der Vater nachts über die Mutter hermachte. Die neue Wohnung hatte zweieinhalb Zimmer. Udo bekam das kleine »halbe« Zimmer, Jutta und ich teilten uns das »gute« Zimmer. Dort schlief Jutta auf dem Sofa, mein Schlafplatz war die Sonnenliege, die wir tagsüber hinter den Ofen, hinter eine Tür oder hinter einen Schrank räumten, damit sie aus dem Weg war. »Hat jemand mein Bett gesehen?« war die Frage, die ich häufig abends stellte, wenn ich schlafen gehen wollte.

Das Elternbett stand im zweiten Zimmer, das tagsüber Aufenthaltsraum und das Arbeitszimmer der Mutter war, wo sie Näharbeiten verrichtete. Unser Onkel Ulrich besaß eine Schneiderei, in der er Mäntel anfertigte, und unsere Mutter verdiente Geld damit, dass sie diese Mäntel fütterte. Jutta und ich mussten die ungefütterten Mäntel oft in der Schneiderei abholen und nach Hause bringen und anschließend, wenn die Arbeit getan war, wieder zurückbringen – »ausliefern« nannte die Mutter das. Sie schlug die fertigen Mäntel sorgfältig in weiße Leintücher ein, damit sie nicht schmutzig wurden, und legte sie Jutta und mir über den Arm. Es sah aus, als würden wir Leichen transportieren. »Wen tragt ihr denn da spazieren? Euren toten Bruder?« Solche und ähnliche Sprüche mussten wir uns von den anderen Kindern auf der Straße häufig anhören, wenn wir mit unseren Mänteln an ihnen vorbeigingen. Deshalb nahmen wir oft lange Umwege in Kauf, obwohl schon der normale Fußweg zur Schneiderei zwanzig Minuten dauerte. Doch zur Belohnung gab es dort von der Frau des Onkels, die ein herzensguter Mensch war, immer ein Glas Brause, eine Köstlichkeit, die wir von zu Hause nicht kannten, und hin und wieder auch ein Zwanzig-Pfennig-Stück, das wir ganz tief in die Tasche steckten, damit wir es nicht verloren.

Mit der geräumigeren Wohnung, die sich ganz in der Nähe des Kriminalgerichts befand, hätte sich mein Kinderleben also ein wenig entspannen können. Doch jetzt wurde mir ein neues Unbehagen beigebracht. Es äußerte sich darin, dass mir bereits übel wurde, wenn ich nur einen Kuchen sah. Und das, obwohl ich wie die meisten Kinder Süßigkeiten aller Art geliebt hatte. Am allerschlimmsten ist für mich bis heute der Geruch und der Geschmack von rohem Marzipan. Schon beim Gedanken daran hebt sich mein Magen, und mir steht sofort wieder das Bild eines großen alten Mannes vor Augen, der daran schuld war: mein Großvater, der Vater meiner Mutter. Er brachte uns Kindern immer einen Klumpen rohes Marzipan mit, wenn er uns besuchen kam, und auch wenn wir zu ihm und zur Großmutter kamen, gab es Marzipan. Und dann wusste ich schon: Jetzt lockt er wieder, jetzt kommt er gleich zu dir. Denn der Großvater mochte kleine Kinder.

Die Großeltern wohnten nicht weit von uns, und meine Schwester und ich wurden häufig zu ihnen geschickt, auch an den Wochenenden. Manchmal übernachteten wir abwechselnd dort, weil meine Mutter das so wollte. Die Großmutter mochten wir sehr, sie war lieb, ich ging gern zu ihr. Aber sobald sie die Wohnungstür hinter sich schloss, um etwas besorgen zu gehen, machte sich der Großvater an mich ran. Während mir das süße Marzipan im Mund zerfloss, fing er mal an, ein wenig an mir herumzustreicheln, mal berührte er meine Kinderbrust, die noch nicht einmal kleine Knospen zeigte, mal holte er »sein Ding« raus und rieb es an meinem Bein. Natürlich versuchte ich, ihm auszuweichen, die Beine anzuziehen oder aufzustehen, woanders hinzugehen. Dann ließ er kurz von mir ab, richtig gezwungen hat er mich nie. Doch egal, ob ich vor dem großen Kachelofen saß und die Füße zum Wärmen an die Kacheln legte, ob ich in einem Sessel saß und las oder ob ich vor dem Fenster stand und auf die Straße hinaussah, in der Hoffnung, dass die Großmutter bald zurückkäme – er probierte es immer wieder. Erst wenn die Großmutter die Tür öffnete oder jemand anderes ihn störte, war es vorbei. Zum Glück kann ich mich nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern, aber der Abscheu beim Geruch von Marzipan und schwerer Süße ist geblieben.

Hatte ich auch keine Angst vor dem alten, großen Mann, so empfand ich doch ungeheuren Ekel und fühlte mich in seiner Nähe extrem unwohl. Ich empfand die Berührungen des Großvaters als ganz und gar widerlich, aber nicht als etwas Unrechtes. Er war doch mein Großvater und ein Mann, und ich dachte, er hätte ein Recht dazu. So, wie der Vater das Recht hatte, sich über die Mutter zu legen, auch wenn sie es nicht wollte. So kannte ich es.

Selbst als ich eines Tages meiner Mutter erzählte, dass der Opa »sein Ding« draußen gehabt habe, sagte sie nicht, dass er das nicht tun dürfe. Im Gegenteil, sie scheuerte mir eine, und damit war das Thema für sie erledigt. Ich hielt fortan den Mund und sprach mit niemandem mehr darüber, nicht einmal mit meiner Schwester. Und auch meiner Großmutter hätte ich es nie gesagt, dafür hatte ich sie zu lieb, und ich wollte ihr keinen Kummer bereiten. Ich ließ es also über mich ergehen.

Erst viel später erfuhr ich, dass alle Erwachsenen in der Familie von der Veranlagung des Großvaters wussten. Aber warum hat unsere Mutter uns Kinder dann nicht vor ihm geschützt, sondern uns am Wochenende sogar noch zum Übernachten dorthin geschickt? Warum ließ uns die Großmutter überhaupt mit ihm allein? Das wird mir immer ein Rätsel bleiben.

Auch meine Schwester wurde von dem alten Mann angefasst, wie sie mir Jahre später sagte, aber bei ihr hatte er sich ein wenig mehr zurückgehalten, vielleicht, weil sie schon etwas älter war und früher als ich vom Mädchen zur Frau wurde. In dem Maße, wie dann auch ich größer und erwachsener wurde, verlor der Großvater zum Glück das Interesse an mir – und ich hielt mich von ihm fern, so gut es ging.

Es gibt im Leben immer wieder eigenartige Zufälle. Einer der besonders skurrilen in meinem ist die Tatsache, dass der Großvater ausgerechnet an meinem neunzehnten Geburtstag, an einem 1. April, beerdigt wurde. Und dass ich, wenn auch mit Widerwillen, zu dieser Beerdigung gehen musste, war keine Frage. Doch es gab ein Problem: Ich hatte zwar ein schwarzes Kleid und einen Mantel, aber die passenden Schuhe dazu waren so abgetragen, dass sich meine Mutter vermutlich in Grund und Boden schämen würde. Aber von meinem mickrigen Lohn, den ich damals als Stenotypistin bei einem Architekten erhielt, konnte ich mir neue Schuhe nicht leisten. In meiner Not lief ich nach der Arbeit zu Peter, einem Verehrer, den ich in einem Tanzlokal kennen gelernt hatte. »Kannst du mir irgendwie fünfzig Mark besorgen?«, fragte ich ihn aufgeregt. »Du bekommst sie auch ganz bald zurück!«

Ich weiß nicht, wie er es anstellte, aber Peter bekam das Geld tatsächlich zusammen, und ich kaufte mir bei Leiser am Tauentzien neue schwarze Schuhe.

Doch als ich mich am Tag meines Geburtstags für die Beerdigung meines Großvaters zurechtmachte und den Schuhkarton öffnete, um die neuen Schuhe anzuziehen, stellte ich entsetzt fest, dass darin zwei linke lagen! Was nun? Wie auch immer das der Verkäuferin hatte passieren können, es war passiert, und ich musste schnellstmöglich zum Geschäft zurück, um den falschen gegen den richtigen Schuh zu tauschen. Damit es schneller ging, nahm ich für teures Geld sogar ein Taxi, doch auch das konnte nicht verhindern, dass ich zu spät zur Beerdigung kam.

»Dass du nicht einmal zur Beerdigung deines eigenen Großvaters pünktlich sein kannst!«, zischte mir meine Mutter böse zu, als ich mich neben sie stellte. Sie hatten den Sarg bereits ins Grab herabgelassen.

Ich sagte nichts. Schweigend richtete ich meinen Blick auf das dunkle hölzerne Rechteck in der Erde, in dem jetzt Konditormeister Paul Schneider lag. Dort unten befand sich ein Stück meines Lebens, meiner Kindheit, meiner Jugend, und es würde bald zu Erde zerfallen. Endlich.

SCHULHORROR, TRAURIGE BÜCHER UND ALLE TIERE

Als Schulkind und Heranwachsende fragte ich mich immer öfter, warum uns unsere Eltern wohl so hassten. Denn dieses Gefühl hatte ich. Ich fühlte mich nicht geliebt, sondern gehasst. Lange Jahre wusste ich darauf keine Antwort. Heute glaube ich, sie zu kennen: Es war Frust. Unsere Eltern hatten wirklich kein gutes Leben. Es bestand nur aus Ärger, Streit, Angst und Geldsorgen. Vor allem aber müssen sich meine Eltern gegenseitig abgrundtief gehasst haben, und sie ließen das an uns Kindern aus, vor allem an uns Mädchen. Hinzu kam, dass Kinder damals noch mehr nebenherliefen, Erziehung war etwas ganz anderes als heute. Ein eigenes Zimmer hatten nur wenige Kinder in unserer Gegend. Meine Geschwister und ich hatten noch nicht einmal einen Stuhl neben dem Bett, auf dem wir etwas hätten ablegen können, eigenes Spielzeug war ein kaum zu beschreibender Luxus. Wir bekamen jedes Jahr zu Weihnachten ein Steifftier, das wanderte dann in die Vitrine, und wir durften es nur zu Weihnachten und zum Geburtstag herausholen. Jutta und ich besaßen jede eine Puppe, denen unsere Mutter zu Weihnachten immer neue Puppenkleider nähte. Ansonsten kam alle zwei Wochen ein großer Bus auf den Schulhof gefahren, und man konnte sich Puppen, Spielzeug aus Blech, Brettspiele und anderes mehr ausleihen. Das war jedes Mal ein Riesenspaß. Wir kannten es nicht anders, uns genügte das.

Überhaupt keinen Spaß machte mir die Schule. Die Volksschule war für mich der blanke Horror. Von mir aus meldete ich mich prinzipiell nie, weil ich mich nicht traute, laut vor den anderen zu sprechen, aus Angst, etwas Falsches zu sagen. Und wenn ich vom Lehrer aufgerufen wurde, begannen die anderen Kinder in der Klasse schon zu kichern und zu feixen, weil sie genau wussten, was gleich kommen würde. Es war entsetzlich. Ich begann jedes Mal schrecklich zu stottern und brachte nichts Vernünftiges über die Lippen. In der Volksschule musste ich deshalb häufig zur Strafe so lange in der Ecke stehen, bis die Unterrichtsstunde vorbei war. Eigentlich war ich darüber immer ganz froh, denn dann musste ich mich wenigstens nicht am Unterricht beteiligen und konnte stattdessen meinen Gedanken und Träumen nachhängen. Kein Wunder, dass meine Zeugnisse regelmäßig eine Katastrophe waren. Auch in der Oberschule wurde es nicht besser.

Natürlich setzte es zu Hause Prügel, wenn ich wieder einmal mit einem schlechten Zeugnis ankam. Aber das war ich gewohnt. Jedenfalls bewogen die Prügel mich nie, fleißiger zu sein und häufiger zu lernen. Wo hätte ich auch konzentriert lernen sollen? Nirgends gab es bei uns zu Hause ein ruhiges Plätzchen. Alles fand im selben Zimmer statt: Meine Mutter nähte und interessierte sich nicht für unsere Hausaufgaben. Mein Bruder und meine Schwester kamen und gingen und redeten, und Lust zum Lernen hatte ich sowieso nie. Und das »gute« Zimmer blieb tagsüber verschlossen. Also ließ ich es bleiben.

Zum Glück gingen Jutta und ich immer schon in dieselbe Klasse und saßen nebeneinander in einer Bank. Zusammen bildeten wir ein gutes Team: Sie kümmerte sich um meine Mathematik-Aufgaben, ich half ihr dafür bei den Deutsch-Aufsätzen. Denn Deutsch mochte ich eigentlich immer recht gern, weil ich schon damals gern und viel las, auch wenn ich es meistens heimlich machen musste, weil mein Vater nichts davon hielt.

Mit der Unterstützung durch Jutta war es allerdings schlagartig vorbei, als mein Vater verfügte, dass ich mit sechzehn, nachdem ich die Oberschule mit Ach und Krach abgeschlossen hatte, auf die Handelsschule gehen sollte, um den Beruf der Stenotypistin, also einer Schreibkraft in einem kaufmännischen Büro, zu erlernen. Das bedeutete auch, dass ich mich von Jutta trennen musste, zumindest in der Schule: Nach dem Willen meines Vaters sollte sie Krankenschwester werden, doch bevor sie mit der Ausbildung anfing, schickte er sie auf eine Hauswirtschaftsschule.

Auf seine Weise, das erkenne ich heute, meinte es unser Vater gut mit uns, er wollte unbedingt, dass wir Kinder eine gute Ausbildung bekamen und einen anständigen Beruf erlernten. Aber es scherte sich niemand darum, was wir selbst uns wünschten, wo unsere Fähigkeiten lagen oder was uns vielleicht Freude machen würde.

So ahnte mein Vater nicht einmal etwas von meiner Begeisterung fürs Lesen. Wir durften überhaupt nicht lesen, wenn es keine Schulbücher waren, und abends schon gar nicht. Pippi Langstrumpf hatte er in Kinderjahren gerade noch so gestattet, aber höchstens am Wochenende und wenn es sonst nichts zu tun gab für uns.

Pippi Langstrumpfs Abenteuer fand ich zwar nett, aber sie gaben mir nichts, denn ich konnte mich in der starken, mutigen und unbesiegbaren Pippilotta nicht wiederfinden. Sie hatte jede Menge Geld, wir hatten nichts. Sie hatte einen starken, liebevollen Vater, der weit weg wohnte und ihr jede Freiheit ließ. Wir hatten einen, der jeden Abend nach Hause kam und alles andere als gutmütig war. Pippi lebte allein in einem großen Haus, wir quetschten uns in kleinen Mietwohnungen.

Nein, das war ganz und gar nicht meine Welt. Meine Welt war die der großen Leidenden, der großen Dramen: Madame Bovary von Gustave Flaubert zum Beispiel war eines meiner Lieblingsbücher, obwohl ich es damals noch nicht verstand. Und Die Elenden von Victor Hugo ist für mich bis heute eines meiner wichtigsten Bücher, geradezu meine Bibel. In der armen Cosette erkannte ich mich als Mädchen selbst wieder, ich konnte mit ihr fühlen und leiden. Wenn ich die Geschichte von Cosette las, dann spürte ich, dass es anderen Menschen auch schlecht ging und dass ich in meiner Traurigkeit nicht allein war. Das tröstete mich ein wenig über die ständige Angst vor Strafen hinweg.

Das Schönste und Wichtigste allerdings, das mich immer von allen Sorgen und Nöten ablenken konnte, waren für mich Tiere, vor allem Hunde. Ein eigener Hund war schon als kleine Straßengöre mein größter Wunsch gewesen, aber das wäre natürlich niemals in Frage gekommen. Dafür hatten wir kein Geld und keinen Platz. In der ganzen Nachbarschaft lieh ich mir deshalb Hunde aus, um mit ihnen spazieren zu gehen, sie zu streicheln, zu knuddeln und mit ihnen zu reden. Und die Besitzer waren glücklich, dass ich mit ihren Lieblingen Gassi ging. Mal bekam ich ein bisschen Geld dafür, mal bekam ich nichts. Mir war das egal, ich hatte dann zumindest zeitweise einen Hund.

Immerhin schenkten unsere Eltern Jutta und mir zu einem Weihnachtsfest, ich war damals neun Jahre alt, zwei Schildkröten. Max und Moritz. Viel konnten wir mit den beiden nicht anstellen. Man konnte sie gerade mal unter dem Hals streicheln, und dann machten sie ihn länger und länger. Aber sie waren pflegeleicht, verursachten keinen Lärm und Dreck und waren genügsam. Ein paar Salatblätter oder Obststücke reichten ihnen, um satt zu werden, und auch Platz brauchten sie nicht viel.

Meine Tierliebe war unvorstellbar groß. In der Nähe unseres Wohnhauses beispielsweise gab es eine große Ruine mit kleinen Maueröffnungen, in denen Hunderte von Spatzen nisteten. Wenn sie brüteten, fielen ständig frisch geschlüpfte Vögelchen tot aus den Nestern und lagen auf der Straße oder zwischen den Trümmern. Immer, wenn ich diese winzigen Körper irgendwo liegen sah, sammelte ich sie ein und hob für sie kleine Gräber aus, um sie anständig zu beerdigen. Und bevor ich sie dann unter die Erde brachte, küsste ich sie, selbst wenn sie bereits länger gelegen hatten und schon etwas rochen. Es war mir egal. Ich küsste sie gern, ein Abschiedskuss gehörte für mich zu einer ordentlichen Beerdigung dazu, und auch Tiere sollten eine ordentliche Beerdigung haben. Natürlich blieb das nicht folgenlos: Ich bekam ein brombeerförmiges Ekzem nach dem anderen an den Lippen, und wenn eines gerade abgeheilt war, kam sofort das nächste. Aber das war mir gleichgültig.

Auch heute noch sammle ich kranke oder tote Vögel ein, wenn ich bei meinen Spaziergängen mit meinem Hund welche finde. Und man findet viele, wenn man bereit ist, sie zu sehen, vor allem kranke Tauben. Dann nehme ich das Tier hoch, lege es vorsichtig in eine Tüte und gehe mit ihm zum Tierarzt, damit er es mit einer Spritze tötet. Das kostet nichts, und dem armen Vogel wird damit weiteres Leid erspart.

LERNEN FÜRS LEBEN?

Die Entscheidung für die Handelsschule war in meinem Fall das Verkehrteste, was mein Vater machen konnte – Buchführung, Handelskunde und Wirtschaftsrechnen, das war gar nichts für mich. Ich wäre am liebsten Tierärztin geworden, doch an ein Studium war nicht einmal im Traum zu denken. Und niemals wäre ich auf die Idee gekommen, diesen Wunsch überhaupt zu äußern, dafür war ich viel zu feige und zu schüchtern.

Die Folge war, dass ich die Handelsschule von ganzem Herzen hasste und sie mehr schwänzte, als dass ich dort war. Von Anfang an unterschrieb ich meine katastrophalen Zeugnisse selbst mit dem Namen meines Vaters, er hat es zum Glück nie herausgefunden und fragte auch nie danach.

Das einzig Gute war, dass meine Schulfreundin Charlotte mit mir gemeinsam zur Handelsschule ging. Charlotte war so alt wie ich, hatte aber schon einen Freund, einen Italiener, von dem sie mir stundenlang begeistert erzählte. Die Herrlichkeit war jedoch schneller zu Ende als gedacht. Schon nach wenigen Wochen nahm mich Charlotte in einer Pause zur Seite und zog mich in eine Ecke des Flurs, wo uns niemand hören konnte.

»Ingrid, ich muss dir etwas sagen!« Sie sah mich betreten an, in ihren Augen standen Tränen. »Ich muss von der Schule abgehen und heiraten. Ich bin schwanger!«

Ich war fassungslos. Wie oft hatte ich Charlotte gewarnt, dass sie nicht mit ihrem Freund schlafen solle! »Natürlich mache ich das nicht, was denkst du denn!«, erwiderte sie dann jedes Mal. Und dann war es offenbar doch passiert.

Zwar war ich selbst damals noch Jungfrau, hatte aber schon eine Ahnung, was ablief, wenn ein Mann und eine Frau zusammenkamen – obwohl unsere Mutter mir nicht einmal erzählt hatte, dass ich irgendwann meine Regel bekommen würde. Es war Jutta, von der ich das eines Tages, ich war vielleicht dreizehn, erfuhr, und als sie mir erklärte, dass ich bald jeden Monat mehrere Tage lang untenheraus bluten würde, knallte ich ihr eine, weil ich dachte, sie würde mich anlügen und wolle mir einen Schrecken einjagen. Dass mir einmal so etwas Ekliges passieren würde, und das auch noch einmal im Monat, war für mich schlicht nicht vorstellbar.

Charlottes Schicksal wollte ich auf keinen Fall erleiden. Ich wollte mich für den Richtigen aufsparen. Der Mann, dem ich meine Jungfräulichkeit schenkte, sollte auch mein Ehemann werden. – Das war mein Traum. Allerdings ging er nicht in Erfüllung, so wie viele Träume junger Mädchen nicht in Erfüllung gehen.

Nachdem Charlotte die Schule verlassen hatte, machte ich erst recht bei jeder Gelegenheit einen weiten Bogen um das Schulgebäude. Lieber verdiente ich mir mit kleinen Jobs, zum Beispiel als Garderobiere im Haus der Jugend, ein bisschen Geld, denn Taschengeld gab es bei Stengerts nicht.

In dieser Zeit entdeckte ich auch das Tanzen für mich. Twist, Soul und Rock ’n’ Roll – alles, was aus Amerika kam, war Mitte der sechziger Jahre angesagt, und Jutta brachte mir bei, wie ich zu Hause an der Türklinke die Rock ’n’ Roll-Drehungen trainieren konnte, wenn unser Vater es nicht mitbekam. Die Mutter hatte seltsamerweise keine Einwände gegen unser neues Hobby. Und da ich schon immer sehr gelenkig und ein Bewegungstalent war, lernte ich schnell, so schnell, dass Jutta mich bald für würdig erachtete, sie in die Disco zu begleiten.

Nirgends sonst außer beim Tanzen konnte ich den Albtraum Handelsschule und die Enge und Lieblosigkeit unseres Elternhauses vergessen, und mit jeder Bewegung zur Musik spürte ich eine große Lebendigkeit in mir. Immer öfter tauchte ich jetzt mit Jutta in die Berliner Discoszene ein – genau genommen lebten Jutta und ich bald mehr in Diskotheken als zu Hause. Vor allem im Big Apple in Wilmersdorf, der zweitgrößten Berliner Diskothek damals, trafen wir uns regelmäßig mit Freunden.

Wir kannten viele Leute, mit denen wir herumzogen und feierten, eine richtig große Clique waren wir. Häufig kamen Jutta und ich erst so spät am Abend nach Hause, dass unsere Eltern schon schliefen. Von unseren Disco-Ausflügen wusste unser Vater jedoch nichts, und um Ausreden waren wir nicht verlegen. Manchmal dauerte es eine geschlagene halbe Stunde, bis es uns endlich gelang, lautlos die Wohnungstür zu öffnen, damit vor allem der Vater nichts hörte. Noch heute sehe ich uns vor mir, wie wir vor der Tür stehen, den Schlüssel Millimeter um Millimeter im Schloss drehen und immer wieder an der Tür horchen, ob sich drinnen etwas rührt.

Am liebsten wäre ich gar nicht mehr nach Hause gekommen. Denn meine Eltern hatten eines Tages beschlossen, dass sie in getrennten Zimmern schlafen wollten, was zur Folge hatte, dass meine Schwester und ich das gute Zimmer, in dem wir unsere Betten hatten, an den Vater abtreten mussten. Da Udo inzwischen ausgezogen war, bekam Jutta das »halbe« Zimmer, mich als Jüngste traf nun das härteste Los: Ich musste mit meiner Mutter im Elternbett schlafen. Und ich konnte nichts dagegen tun. Es war mir nicht nur zutiefst zuwider, dass ich als Sechzehnjährige mit meiner Mutter das Bett teilen musste, sondern ich erinnerte mich jetzt häufig an die Zeit, als ich noch zwischen den Eltern gelegen hatte. Und wenn ich mir dann auch noch vorstellte, dass ich bei Käthe Stengert da unten herausgekommen war, musste ich mich jedes Mal übergeben. Doch mir blieb nichts anderes übrig, als zu gehorchen und mich anzupassen, wie es von mir verlangt wurde.

Manchmal, wenn ich beim Einschlafen die Atemzüge meiner Mutter hörte, stellte ich mir vor, wie schön es sein müsste, irgendwann einmal ein eigenes Zimmer zu haben. Ein Zimmer, das nur mir gehörte, in dem es eine Tür gab, die ich abschließen konnte, und in dem ich tun und lassen konnte, was ich wollte, ohne auf andere Rücksicht nehmen zu müssen. Aber es dauerte noch Jahre, bis ich es bekam.

Zunächst einmal war ich jedoch selbst überrascht, als ich nach den drei Jahren Handelsschule tatsächlich ein Abschlusszeugnis als Stenotypistin in Händen hielt. Doch es bedeutete mir nichts. Ich hasste diesen Beruf wie die Pest. Ich hasste Schreibmaschineschreiben, und ich hasste die Vorstellung, in Zukunft in irgendwelchen muffigen Büros langweilige Briefe und Rechnungen abtippen zu müssen. Eine Vorstellung davon, welchen Beruf ich stattdessen gern ergreifen würde, hatte ich nicht. Es fragte mich auch nie jemand: »Ingrid, was möchtest du denn mal werden?« Ich hatte vielleicht etwas über die Arbeit in einem Büro gelernt, aber wie man selbstbestimmt ins Leben geht, davon hatte ich keinen blassen Schimmer.

DIE TRÄNEN MEINES VATERS UND DAS SCHWEIGEN MEINER MUTTER

In der Rückschau stellt sich meine Kindheit traurig und lieblos dar. Aber so war es nun mal. Wir wehrten uns nicht, denn wir empfanden unser Leben damals als ziemlich normal. Den meisten unserer Klassenkameraden und Freunde ging es kaum anders. Bis heute versuche ich, trotzdem zu begreifen, warum mein Vater und meine Mutter so mit uns umgingen. Auch wenn ich es nie ganz verstehen werde. Natürlich war es hart für einfache Leute wie meine Eltern, die das Wenige, das sie einmal besessen hatten, im Krieg verloren hatten und nun inmitten der Trümmer der Nachkriegszeit drei Kinder großzuziehen und zu ernähren hatten. Es gab keine Lebensmittel, keinen Wohnraum, kein Geld und lange Zeit keine Arbeit. Es fehlte an Nährboden für Wärme und Liebe.

Wir Kinder lernten vor allem, was wir nicht durften. Niemand erklärte uns etwas, niemand sprach mit uns, wir mussten selbst herausfinden, was wir falsch gemacht hatten. Ohrfeigen und Prügel wiesen uns Weg und Richtung.

Was mir aber bis heute sehr nachhängt, sind weniger die Schläge als die Tatsache, dass man nicht miteinander reden, kein Freud und kein Leid miteinander teilen konnte. Wenn ich heute mitbekomme, welche Mühe Eltern sich geben, ihren Kindern eine schöne Kindheit zu bereiten, oder wie Jugendliche mit ihrer Mutter oder ihrem Vater ihre Probleme besprechen, dann werde ich durchaus ein bisschen neidisch.

Mit meinem eigenen Älterwerden rückt mein Vater immer stärker in den Vordergrund meiner Kindheitserinnerungen. Dabei wissen meine Geschwister und ich nur wenig über ihn. Eine Ausbildung zum Drucker musste er abbrechen, weil er eine Allergie gegen die Stoffe entwickelte, die beim Drucken verwendet wurden. Im Krieg war er Sanitätsgefreiter, er musste also nicht schießen, und direkt nach dem Krieg arbeitete er unter anderem in einer Apotheke, bevor er eine feste Stelle als Teppichverkäufer bei Hertie fand. Aus der Apotheke brachte er uns immer widerlich schmeckenden Lebertran mit, den wir schlucken mussten, weil es zu wenig zu essen gab und wir Kinder dünn und schwächlich waren.

Ich besitze nur wenige Fotos von meinem Vater. Eines davon, auf dem er in Wehrmachtsuniform zu sehen ist, schaue ich mir häufig an, in der Hoffnung, diesen Mann, vor dem ich stets solche Angst hatte, vielleicht doch irgendwann zu verstehen. Wenn ich das Foto genauer betrachte, finde ich, dass er eigentlich ein ganz hübsches Gesicht hatte. Von der Härte und Strenge, mit der er meine Mutter und uns Kinder behandelte, ist darauf nichts zu erkennen.

Was hat meinen Vater wohl zu dem lieblosen, strengen Menschen werden lassen, als den wir alle ihn in Erinnerung haben? Welche Träume hatte er, welche Sorgen drückten ihn, welche Enttäuschungen musste er verarbeiten? Heute kann er es mir nicht mehr sagen. Und damals, als er noch lebte, hätten wir uns nie getraut, ihn zu fragen. Unsere Eltern sprachen nie mit uns über irgendetwas, das über das Alltägliche hinausging. Sie sprachen eigentlich überhaupt nicht – weder mit uns noch miteinander. Wie also sollten sie uns etwas erzählen?

Auch über die Eltern meines Vaters wissen meine Geschwister und ich nichts. Der Großvater war früh gestorben, wir haben ihn nie kennen gelernt. Ich kannte nur die Mutter meines Vaters, sie wohnte in Königs Wusterhausen in der damaligen Ostzone und war genauso streng mit uns wie unser Vater. Dennoch gehören die Besuche bei der Großmutter zu meinen schöneren Kindheitserinnerungen. Die alte Frau schlug uns zwar häufig wegen irgendwelcher Dinge, die wir in ihren Augen falsch gemacht hatten, genau wie unser Vater. Doch wir hatten dort ein Kinderleben, von dem wir in Berlin nur träumen konnten. Königs Wusterhausen bedeutete für uns immer ein Stück Freiheit und ein Stück Freude.

Die Großmutter hatte einen riesigen Garten mit Obstbäumen und Gemüsebeeten, in dem wir Äpfel stibitzen und uns prima verstecken konnten. Und wir konnten im Wald spielen und anschließend die vom Krieg übrig gebliebenen Granaten zählen, die wir dort gefunden hatten. Bei der Großmutter gab es zwei Hunde, eine Schar Hühner, die ich über alles liebte, und mehrere Kätzchen, und bei der Arbeit half ihr der Knecht Gerhard, ein einfacher Mensch, der von der Großmutter genauso beschimpft wurde wie wir. Gerhard war ungefähr achtundzwanzig, aber für uns war er uralt. Wir mochten ihn, denn er versuchte oft, uns zu helfen und uns vor der Wut der Großmutter in Schutz zu nehmen, wenn wir in ihren Augen wieder etwas angestellt hatten.

Wenn die alte Frau Mittagsschlaf hielt, nahmen wir manchmal den armen Hofhund Niki, der sonst nie von der Kette kam, und den Schäferhund Dinah und rasten mit den beiden Tieren über die Felder, so weit uns die Füße trugen. Ich könnte nicht sagen, wer mehr Spaß an diesen heimlichen Ausflügen hatte – wir Kinder oder die beiden Hunde. Ein paarmal ging das gut, aber dann kam die Großmutter dahinter und schloss Jutta und mich zur Strafe mittags in der Abstellkammer ein, deren Fenster fest zugenagelt war, so dass es für uns kein Entkommen gab. Doch der gute Gerhard hatte Mitleid mit uns und öffnete mühsam das Fenster von außen, so dass wir hinausklettern und abhauen konnten. Die Schläge der Großmutter nach unserer Rückkehr waren zwar alles andere als witzig, aber das war es uns wert gewesen. Wir hatten unsere Freiheit, und wir hatten Spaß. Ein richtiges Kinderleben. Ganz anders als zu Hause bei unserem strengen Vater.

Ich kann mich nur an einen Moment erinnern, in dem mein Vater so etwas wie Gefühle zeigte und in dem etwas Weiches, Zugängliches, Liebevolles durch seine harte Schale schimmerte. Es war kurz vor seinem Tod im Jahr 1982, ich lebte damals in Frankreich, in der Nähe von Paris, auf dem Land. »Opa« – wir nannten ihn Opa, seit der erste Enkel den alten Mann so nannten –, »Opa, ich hol dich für ein paar Wochen zu mir und Jean-Paul nach Frankreich!« Und da hat dieser verbitterte Mann geweint. Das werde ich nie vergessen.

Auch wenn es in unserer Kindheit kein Zeichen elterlicher Liebe gab, sehe ich im Nachhinein, dass mein Vater einiges für uns getan hat und dass er es nicht leicht hatte, uns alle durchzubringen. Nach seiner Arbeit kochte er immer für uns. Ich weiß gar nicht, ob meine Mutter überhaupt kochen konnte. Und er ging mit meiner Schwester und mir Petticoats und Schuhe einkaufen, als wir größer waren. All das machte er neben seinem Beruf, mit dem er das Geld für den Unterhalt seiner kleinen Familie verdiente. Viel kann es nicht gewesen sein, was er monatlich bei Hertie bekam, es reichte gerade so für die Grundbedürfnisse. Urlaubsreisen kannten wir nicht, unsere Ausflüge ins Strandbad Wannsee waren schon richtiger Luxus.

Wenige Monate nachdem ich zum ersten Mal die Tränen meines Vaters gesehen hatte, saß ich zu Hause in Berlin neben seinem Bett. Es war mitten in der Nacht, außer mir war niemand im Zimmer. Nach mehreren Schlaganfällen lag Kurt Stengert im Sterben, in einer Art Wachkoma, wund gelegen und kaum mehr ansprechbar.

»Vater, ich verzeihe dir«, sagte ich in die Stille hinein.

Seine Hände bewegten sich und machten eine abwehrende Bewegung, als wolle er eine Fliege verscheuchen.

»Eigentlich gibt es gar nichts zu verzeihen«, fuhr ich fort, »in meinen Augen hattest du kein gutes Leben. Ich glaube, ich kann verstehen, dass du mit uns Kindern nichts anfangen konntest.«

Wieder diese flatternde Handbewegung. Früher hatte nur er gesprochen, und ich hatte geschwiegen. Jetzt war es umgekehrt.

»Du kannst ruhig sterben, Vater, mach dir keine Sorgen. Ich bin dir nicht böse. Es tut mir nur leid, dass wir nicht vorher zueinander gefunden haben.«

Jetzt gestikulierte er regelrecht mit den Armen, stumm und hilflos, und ich hatte das Gefühl, er wollte allein sein. Leise verließ ich das Zimmer, und als ich drei Minuten später zurückkam, war mein Vater tot.

Für mich war es ein guter Abschied, ich war unendlich erleichtert, dass ich ihm diese Worte, die mir so wichtig waren, zum Abschied noch hatte sagen können. Denn ich wollte meinen Vater nicht hassen, und ich wollte nicht, dass er starb und dachte, ich hasste ihn. Das Gespräch, das wir vielleicht endlich nach so vielen Jahren hätten beginnen können, konnte zwar nicht mehr stattfinden. Und doch fühlte sich alles richtig an.

Meine Mutter verstarb, bevor ich die letzten Zeilen dieses Buches zu Ende geschrieben hatte, im April 2013. Hundertjährig. Und dement.

Ich erinnere mich noch genau an den Augusttag im Jahr 2012, als wir im Familienkreis ihren hundertsten Geburtstag in ihrem Krankenzimmer im Pflegeheim feierten. Ich hatte mich irgendwann in eine Ecke zurückgezogen und sah mir in aller Ruhe die Familienmitglieder an, die sich um ihr Krankenbett versammelt hatten und die sie alle nicht mehr erkannte. Meine Schwester, mein Bruder, mein Neffe Michi, Enkelkinder und Urenkel. Alle wünschten ihr zum Geburtstag alles Gute. Ich aber wünschte der alten Frau, die dort weiß, wächsern und teilnahmslos in den Kissen lag, dass sie doch endlich sterben könnte.

Nun war sie gestorben. Meine Mutter, von der ich glaube, dass sie nie wirklich gelebt hat. Endlich hatte sie gehen dürfen. Endlich ließ sie los, trennte sich von dem Ort, an dem sie wohl schon viel zu lange kein Glück mehr empfunden hatte.

Auf den wenigen Fotos, die es von unserem Familienleben gibt, ist sie auf keinem lachend oder gar strahlend zu sehen. Gern wüsste ich, was sie so verhärtet, so kalt, so aggressiv und lieblos gemacht hat. Dann könnte ich wenigstens verstehen, warum sie ihren Kindern so viele Schläge und Strenge zugemutet hat. Und warum sie uns ablehnte und uns kein Interesse entgegenbrachte. Dann würde ich wissen, dass sie es nicht tat, weil sie mich nicht liebte, sondern dass sie es tat, weil sie schon sich selbst nicht mehr lieben konnte. Ein Mensch, der die Liebe zu sich selbst unwiederbringlich verloren hat, kann auch keinen anderen Menschen lieben.

Doch es gibt nicht einmal Spuren, die in ihre Vergangenheit führen. Über die Herkunft und das Aufwachsen meiner Mutter weiß ich noch weniger als über die väterliche Familie. In meiner Geburtsurkunde steht nicht mal ihr Mädchenname, geschweige denn, woher sie kam oder ob sie einen Beruf erlernt hatte.

Und jetzt kann ich sie nicht mehr fragen.

Doch auch als sie sich noch erinnern und sprechen konnte, wäre nie ein Gespräch über die Vergangenheit zustande gekommen. Mir ist es deshalb nie wirklich gelungen, hinter ihre Fassade zu schauen. Als ich meine Mutter vor vielen Jahren einmal freundlich und ganz direkt bat: »Erzähl mir etwas von früher. Vater und du – ihr müsst doch einmal glücklich gewesen sein?«, bekam sie einen Tobsuchtsanfall und schrie mich an: »Lass mich in Ruhe mit solchen Fragen, ich will nicht darüber reden!« So wie sie nie mit ihren Kindern über irgendetwas Persönliches sprach.

Wie konnte meine Mutter nur so hart sein? Sie war noch schlimmer als mein Vater, und ich glaubte, sie zu hassen. Für all das, was sie uns Kindern an Liebe und Zärtlichkeit verweigert hatte. Für ihre Schläge und ihre Ablehnung. Nie hätten wir es gewagt, zu ihr zu gehen und uns an sie zu kuscheln, um uns zu nehmen, wonach wir uns so sehr sehnten.

In den letzten Jahren, mit Fortschreiten ihrer Demenz, spürte ich jedoch, dass ich nicht mehr böse auf sie war. Ich empfand sie nur nie als Mutter. So wie eine Mutter sein sollte. Ich konnte sie genauso gut Käthe nennen. Käthe Stengert. Und ich hätte dieser Käthe gern noch einiges gesagt und sie vieles gefragt, aber sie war schon lange nicht mehr in dieser Welt. Woher kam deine Familie, Käthe?, hätte ich sie gerne gefragt. Wer sind unsere Vorfahren? Was hat dich so verletzt? So gefühllos werden lassen?

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Und find es wunderbar" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen