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Und es war Sommer …

 

 

 

SUSAN WIGGS

Susan Wiggs hat mit acht Jahren ihr erstes Buch geschrieben – das außer ihren Geschwistern aber keiner lesen wollte. Also wurde sie erst einmal Mathematiklehrerin. Bis dann der Drang zu schreiben doch wieder durchkam.
Heute ist Susan Wiggs eine der erfolgreichsten Romance-Autorinnen der USA. Mit ihrer Familie lebt sie auf einer Insel im nordwestlichen Pazifik.

Für Trixie,

treue Weggefährtin und Freundin,

in liebevoller Erinnerung.

Danksagung

Wie immer möchte ich mich bei meinen stets geduldigen Kritikerinnen bedanken: bei Rose Marie, Anjali, Kate, Lois, P. J., Susan, Krysteen und Sheila für ihre Bereitschaft und den Mut, einige kulinarische Experimente auszuprobieren. Mein großer Dank gilt meiner Agentin, Freundin und Mitstreiterin Meg Ruley sowie Martha Keenan und Dianne Moggy von MIRA Books. Molto grazie an Brad Hetcher vom „Four Swallows Restaurant“ auf Bainbridge Island, Washington, der für meine vielen Fragen stets ein offenes Ohr hatte. Und schließlich ein ganz besonderes Dankeschön an meinen Onkel Tommy, der keine Ahnung hat, warum ich ihm an dieser Stelle danke: Du hast nie meine Stimme gehört, doch sei dir meiner Liebe, meiner Bewunderung und meines Respekts gewiss.

1. TEIL

Antipasti

Der italienische Begriff für Vorspeise. Antipasti sollen nicht sättigen, sondern den Appetit anregen. Mamma bezeichnete das Gericht immer als „Lärmkiller“, weil meine Brüder Robert und Sal dabei so begeistert zulangten, dass sie darüber ganz vergaßen, sich lautstark zu beschweren, wie hungrig sie denn wären.

Caponata

Schmeckt äußerst delikat und ist – serviert auf einem knackigen Salatblatt – auch noch ein wahrer Augenschmaus. Nicht, dass Robert und Sal beim Essen je besonders auf die Optik geachtet hätten … Caponata hat außerdem relativ wenig Kalorien, aber auch das ist Jungs ja meistens völlig egal. Als traditionelle italienische Vorspeise wird Caponata mit frischem, knusprigem Weißbrot und einem Glas gekühltem Pinot Grigio serviert.

Man schält eine Aubergine, schneidet sie in Scheiben, würzt sie mit etwas Salz und lässt sie in einem Sieb mindestens eine halbe Stunde abtropfen. Dann erhitzt man circa 60 Milliliter Olivenöl in einer großen Pfanne, gibt eine fein gehackte kleine Zwiebel und eine Stange Sellerie – ebenfalls gehackt – dazu. Die Aubergine beigeben und anbraten. Dazu kommen drei würfelig geschnittene Tomaten, drei gehackte Sardellen, eine Prise Zucker, vier Esslöffel Weinessig und zwei Esslöffel Kapern (die besten gibt es übrigens auf der Insel Pantelleria bei Sizilien). Sollte Ihre Familie Oliven mögen, kann man, zusammen mit einer Prise getrocknetem und geriebenem roten Chili, gerne ein paar dazugeben. Zehn Minuten köcheln lassen. Vom Herd nehmen, abkühlen und über Nacht in einer Glasschüssel stehen lassen. Wer die Caponata gern weicher hat, kann sie auch im Standmixer ein bisschen pürieren. Aber Achtung, nicht übertreiben! Denn Dinge, die allzu glatt und geschmeidig sind, verlieren rasch ihren Reiz.

1. KAPITEL

Rosa Capoletti wusste, dass es heute passieren würde. Heute Abend war es so weit, Jason Aspoll würde die Frage aller Fragen stellen. Die Atmosphäre an diesem Freitagabend war perfekt – eine sternenklare Nacht, ein elegantes Restaurant am Meer, die gedämpfte Unterhaltung der Gäste, die nur hier und da vom leisen Klirren des Silberbestecks und der Kristallgläser unterbrochen wurde. Auf Jasons Wunsch spielte die Drei Mann-Combo gerade „Lovetown“, und einige Paare wiegten sich zu der nostalgischen Melodie verträumt auf der kleinen Tanzfläche.

Der Schein der Kerzen spiegelte sich in den halb leeren Champagnerflöten und tauchte Jasons Gesicht in warmes Licht. Er war – was sehr rührend anzusehen war – sichtlich nervös und schwitzte ein bisschen. Sein Blick war unruhig. Rosa sah ihm an, dass er das, was nun kommen würde, perfekt hinkriegen wollte.

Sie wusste genau, was ihm gerade durch den Kopf ging: Soll ich ihre Hand nehmen? Mich vielleicht sogar vor sie hinknien – oder ist das zu kitschig?

Tu es, Jason, hätte sie ihm am liebsten zugeflüstert. Nichts ist zu kitschig, wenn es um die Liebe deines Lebens geht.

Sie wusste auch, dass der Ring sich in einem schwarzen, mit Samt ausgekleideten Etui in der Innentasche seines Smokings – dicht an seinem aufgeregt klopfenden Herzen – befand.

Komm schon, Jason, dachte sie. Hab keine Angst.

Und dann, als sie schon befürchtete, er könnte kneifen, tat er es endlich. Er kniete sich hin.

Einige Gäste an den Nebentischen drehten sich dezent zu ihm um und beobachteten die Szene mit wohlwollendem Lächeln. Rosa hielt den Atem an, als er die Hand unter sein Jackett gleiten ließ.

Die Musik wurde lauter. Er zog das Etui aus der Innentasche, und sie starrte auf seinen Mund, aus dem nun endlich die Worte „Willst du mich heiraten“ kommen würden.

Er ließ den Deckel des Etuis aufspringen, um ihr die wertvolle Gabe stilgerecht darzubieten. Seine Hand zitterte ein wenig. Er war sich offenbar immer noch nicht ganz sicher, ob sie ihn heiraten wollte.

Du armer, dummer Mann, dachte Rosa. Wusste Jason denn nicht, dass die Antwort …

„Tisch sieben hat das Risotto zurückgeschickt.“ Leo, der Oberkellner, hielt Rosa eine große Porzellanschüssel unter die Nase.

„Um Himmels willen, Leo!“ Sie reckte den Hals, um an ihm vorbeisehen zu können. „Siehst du nicht, dass ich beschäftigt bin?“ Sie schob ihn zur Seite, damit ihr nicht entging, wie ihre beste Freundin Linda Lipschitz aufsprang und ihre Arme um Jasons Hals warf.

„Ja“, sagte Linda, „ja, das will ich.“ Rosa musste es ihr aufgrund der Entfernung von den Lippen ablesen.

Braves Mädchen, dachte Rosa. Sie hatte feuchte Augen.

Leo folgte ihrem Blick und bemerkte das Paar, das sich in den Armen lag. „Süß“, stellte er fest. „Was ist jetzt mit meinem Risotto?“

„Bring es zurück in die Küche“, antwortete Rosa. „Ich wusste ohnehin, dass die Mango-Chutney-Sauce keine gute Idee war, und das kannst du Butch gerne ausrichten.“ Sie überließ Leo seinem Schicksal und ging durch den Speisesaal zu Linda, die vor lauter Glück in Tränen aufgelöst war. Auch Jason wirkte selig und erleichtert – vielleicht auch eine Spur erschöpft.

„Rosa, du wirst es nicht glauben, was gerade passiert ist“, sagte Linda.

Rosa tupfte sich die Tränen ab. „Ich glaube, ich errate es.“

Linda streckte ihre Hand aus und zeigte ihr stolz den glitzernden, in Navette-Form geschliffenen und in Gold gefassten Diamanten.

„Ach Liebes.“ Rosa umarmte Linda und gab Jason einen Kuss auf die Wange. „Herzlichen Glückwunsch euch beiden. Ich freue mich so sehr für euch.“

Sie hatte Jason Lindas Ringgröße verraten, ihm geholfen, den Ring auszusuchen, die Musik und das Essen ausgewählt und dafür gesorgt, dass Lindas Lieblingsblumen auf dem Tisch standen. Für die romantische Stimmung des heutigen Abends waren alle nur erdenklichen Vorbereitungen getroffen worden. Rosa war gut in diesen Dingen – das richtige Ambiente für den wichtigsten Moment im Leben zu schaffen.

Den wichtigsten Moment im Leben anderer Leute.

Linda redete unaufhörlich und war schon eifrig dabei, Pläne zu schmieden. „Am Sonntag fahren wir zu Jasons Familie, und danach versuchen wir, einen Termin zu finden, an dem alle Zeit haben.“

„Nun mal langsam, Mädchen“, unterbrach Rosa sie lachend. „Wie wäre es erst mal mit einem Tänzchen mit deinem Verlobten?“

Linda sah Jason mit leuchtenden Augen an. „Mein Verlobter. Himmel, das klingt einfach wundervoll.“

Rosa schob die beiden sanft auf die Tanzfläche. Während Jason seinen Arm um Linda legte, suchte er über ihre Schulter Rosas Blick und flüsterte ihr ein leises Danke zu. Sie winkte ihm zu und tupfte sich noch einmal ein paar Tränen der Rührung weg. Nun musste sie aber schleunigst wieder an die Arbeit.

Versonnen vor sich hin lächelnd, ging sie durch die Schwingtür in die Küche, wo statt der vornehm gedämpften Atmosphäre des Speisesaals geschäftiges Treiben herrschte. In grellem Licht und umgeben von den Flammen der Gasherde, arbeitete eine Gruppe Vorköche Seite an Seite mit den Chefs de partie und den Sous-Chefs, die zwischen den Arbeitsflächen aus rostfreiem Stahl hin und her sausten. Kellner traten ungeduldig wartend von einem Bein auf das andere und überprüften die Gerichte, bevor sie damit durch die schalldichten Türen, die den Speisesaal vor dem lauten Geschrei der Köche und dem Klappern von Töpfen und Geschirr bewahrten, wieder nach draußen eilten.

Die hektische Atmosphäre in der Küche war spürbar aufgeheizt von Testosteron, doch Rosa wusste sich unter all den Männern, die in ihren Schürzen und mit ihren großen Messern zwischen den riesigen Kesseln mit kochendem Wasser ihr perfekt einstudiertes, allabendliches Ballett aufführten, durchaus zu behaupten. Aus einem Schlauch zischte Wasser in das Spülbecken, und unter dem großen Grill loderten Flammen von genau 550 Grad.

„Moment mal“, sagte sie, als einer der Vorköche mit einem Teller an ihr vorbeiging, auf dem ein Steak lag, das ausgiebig mit Pfefferkörnern dekoriert war.

„Was ist?“ Der Koch, ein Neuer aus Newport, blieb stehen.

„Bei uns werden die Steaks nicht garniert.“

„Wie bitte?“

„Das ist Fleisch von allerhöchster Qualität, unser Markenzeichen. Es muss ohne Garnierung serviert werden.“

„Ich werde es mir merken“, murmelte er und stellte den Teller auf die Theke, wo ihn einer der Kellner abholen würde.

Sie pflanzte sich vor ihm auf. „Nein, das Steak muss noch einmal angerichtet werden. Ohne Pfeffer.“

„Aber …“

Rosa sah ihn scharf an. Jetzt nur nicht nachgeben, ermahnte sie sich. Nicht blinzeln.

„Wie Sie meinen …“ Leise fluchend ging er zurück an seinen Arbeitstisch.

„Und? Wie ist der Antrag gelaufen?“, erkundigte sich Lorenzo „Butch“ Buchello, für dessen italienische Küche sogar Gäste aus New York und Boston hierherkamen.

„Es ist vollbracht.“ Rosa schmunzelte und nahm ein gezacktes Messer aus dem Messerblock an der Wand. „Mit allem Drum und Dran. Er hat sich sogar hingekniet.“

Weder sie noch Butch hörten auf zu arbeiten, während sie sich unterhielten. Er kümmerte sich um die Desserts, und Rosa arrangierte frisches italienisches Weißbrot in einem Körbchen.

„Schön für die beiden“, sagte Butch.

„Sie sind wirklich bis über beide Ohren verliebt“, fuhr Rosa fort. „Es war unglaublich rührend, ihnen zuzusehen.“

„Gegen Romantik scheint eben kein Kraut gewachsen zu sein.“ Butch verzierte den Teller, auf dem die Profiteroles geschmackvoll angerichtet waren, mit Schokoladencreme aus einer Spritztüte.

„Oh doch, dagegen gibt es ein Rezept“, warf Shelly Warren ein, die hinter ihnen vorbeihuschte, um ihre Bestellung abzuholen.

„Es heißt Ehe“, ergänzte Rosa.

Shelly lachte. Sie war seit zehn Jahren verheiratet und behauptete, ihr Job als Kellnerin sei eine Flucht vor den endlosen Abenden vor dem Fernseher, wo ständig Golf geguckt würde.

„Hey, du kannst erst mitreden, wenn du es selber ausprobiert hast“, protestierte Butch. „Und da wir gerade beim Thema sind – was ist eigentlich mit diesem Kerl, mit dem du dich öfter getroffen hast? Wie hieß er noch mal? Dean?“

„Tja, der wollte tatsächlich heiraten“, antwortete sie.

Butchs Augen leuchteten auf. „Hey! Na, wer sagt’s denn!“

„Aber nicht mich.“

Er wurde sofort ernst. „Tut mir leid, das wusste ich nicht.“

„Schon okay. Er ist nur einer aus einer relativ beachtlichen Anzahl von Verehrern, die mir letztlich keinen Antrag gemacht haben.“

„Langsam glaube ich, da steckt Methode dahinter.“ Butch nahm einen Schneebesen und begann, Vanille-Sahne-Sauce und Marsala-Wein in einer Schüssel schaumig zu schlagen. Jemand hatte seine berühmte Zabaglione bestellt. „Erst läufst du ihnen davon, und dann sagst du, sie wollten dich nicht heiraten.“

Rosa legte das letzte Stück Brot in das Körbchen. „Heute Abend bitte keine Diskussionen über dieses Thema, Butch. Heute ist Lindas großer Tag. Lass den beiden ein Tiramisu mit deinen Glückwünschen an den Tisch bringen, okay?“

Sie ging wieder in den Speisesaal und stellte sich an die Theke gegenüber dem Eingang. Es war ein perfekter Abend im „Celesta’s-by-the-Sea“. Alle Tische, die sich auf mehreren Ebenen im Saal befanden, waren mit Blick auf das weite Meer ausgerichtet, mit frischen Blumen geschmückt und feinem Porzellan gedeckt.

Es war genau so, wie sie es sich schon damals ausgemalt hatte, als das Restaurant noch eine mäßig gehende Pizzeria gewesen war. Auf der Tanzfläche wiegten sich Paare im Rhythmus einer langsamen Blues-Nummer, die durch den gedämpften Sound der Schlagzeugbecken eine sehr verträumte, sinnliche Atmosphäre schuf. Einige Gäste standen draußen auf der Terrasse, betrachteten den Sternenhimmel und lauschten dem Rauschen der Wellen. Seit drei Jahren gab es das „Celesta’s“ nun schon, und es war vom „Coast“-Magazin zum besten Ort für einen Heiratsantrag gewählt worden. Der heutige Abend zeigte deutlich, was den Charme dieses Restaurants ausmachte – die Meeresluft, der Sand und die Brandung. All das stellte eine beeindruckende Naturkulisse für das preisgekrönte Lokal dar.

„Hastdugeweint?“,fragte Vinceundtrat zuihr andie Theke. Linda, Vince und Rosa kannten sich seit ihrer Kindheit. Sie waren zusammen zur Schule gegangen und immer unzertrennlich gewesen. Heute war er der bestaussehende Restaurant-Maître in ganz South County. Er war groß, schlank und in seinem perfekt sitzenden Armani-Anzug und den Schuhen von Gucci eine ausgesprochen beeindruckende Erscheinung. Die rahmenlose Brille betonte seine Augen hinter den dunklen Wimpern äußerst vorteilhaft.

„Klar habe ich geweint“, gab Rosa zu. „Du etwa nicht?“

„Vielleicht ein bisschen.“ Er sah lächelnd zu Linda hinüber. „Es ist schön, sie so glücklich zu sehen.“

„Ja, das ist es.“

„Von uns dreien ist also nur mehr eine solo“, stellte er fest.

Sie verdrehte die Augen. „Fang du nicht auch noch damit an.“

„Hat Butch dich schon genervt?“

„Was macht ihr beide eigentlich die ganze Nacht? Liegt ihr wach und diskutiert mein Liebesleben?“

„Nein, Süße. Du hast ja keines.“

„Nun hör aber auf“, protestierte sie und setzte gleichzeitig ein gewinnendes Lächeln auf, denn gerade verließen zwei Pärchen gemeinsam das Lokal. Sie und Vince waren mittlerweile wahre Meister darin, sich während der Arbeit zu kabbeln und dabei auf die Gäste völlig gelassen zu wirken.

„Bitte beehren Sie uns wieder“, sagte Vince so höflich und herzlich, dass die zwei Damen sich noch einmal fasziniert nach ihm umdrehten. Dann blickte er diskret auf den Monitor des Computers, der in die Theke eingelassen war, und überprüfte die Rechnung der beiden Paare. „Drei Flaschen Antinori.“

Rosa seufzte. „Manchmal liebe ich diesen Job.“

„Du liebst deinen Job immer. Zu sehr, wenn du mich fragst.“

„Du bist nicht mein Psychoanalytiker, Vince.“

„Ringrazi il cielo“, murmelte er. „Dem Himmel sei Dank. Du könntest dir mich wohl kaum leisten.“

„Hey!“, protestierte Rosa.

„War nur Spaß“, beruhigte er sie rasch. „Ich wünsche Ihnen eine Gute Nacht“, sagte er zu drei Gästen, die zum Ausgang gingen. „Vielen Dank für Ihren Besuch.“

Rosa ließ ihren Blick voller Stolz über das Lokal schweifen. Das „Celesta’s-by-the-Sea“ war das Restaurant, in das die Menschen kamen, um sich zu verlieben. Und Rosa war verliebt in das „Celesta’s“ – es machte seit Jahren einen großen Teil ihres Lebens aus. Sie hatte all ihre Energie in dieses Restaurant gesteckt und einen Ort geschaffen, an dem die Menschen die wichtigsten Momente ihres Lebens begingen – Verlobungen, Abschlussfeiern, Bar Mizwas, Geburtstage und Beförderungen. Sie kamen hierher, um der Hektik und dem Stress ihres Alltags zu entfliehen, und wussten gar nicht, dass jedes auch noch so kleine Detail im Restaurant – von den Alabaster-Lampenschirmen bis zu den Sesselbezügen aus teurem, importiertem Chenille – sorgfältig ausgesucht worden war, um eine luxuriöse, stilvolle Atmosphäre zu schaffen, nur für sie.

Rosa wusste, dass diese Liebe zum Detail gemeinsam mit Butchs exquisiter Küche das Restaurant zu einem der besten der Gegend, ja, vielleicht sogar des ganzen Landes gemacht hatte. Den Mittelpunkt des Lokals bildete eine Bar, deren metallene Ränder wellenförmig geschmiedet waren. Über dem Tresen, den Rosa bei einem Kunsthandwerker aus der Umgebung in Auftrag gegeben hatte, hing eine blaue Glasplatte, die von oben beleuchtet wurde. In der Mitte der Scheibe befand sich eine Nautilusmuschel, in deren Spirale das Licht schimmernd tanzte. Die Gäste schienen von diesem geheimnisvollen Schillern wie magisch angezogen zu werden und erkundigten sich oft, woher die Muschel käme und ob sie denn echt sei. Rosa kannte die Antwort auf diese Fragen, doch sie verriet sie niemandem.

Unauffällig sah sie auf dem Monitor auf die Uhr. Keiner der Mitarbeiter im Service trug eine Armbanduhr, und im Lokal war ebenfalls keine Uhr zu sehen. Die Gäste sollten sich hier entspannen, die Zeit vergessen. Doch auf dem kleinen Computerbildschirm war zu erkennen, dass es 22 Uhr war. Rosa rechnete nicht damit, dass ab jetzt noch viel Betrieb sein würde – außer vielleicht an der Bar.

Sie ließ den Blick noch einmal über die Gäste schweifen und war sich sicher, dass die Einnahmen des heutigen Abends außerordentlich erfreulich sein würden. „Ich bin schrecklich froh, dass es endlich Sommer ist“, wandte sie sich an Vince.

„Tja, für normale Menschen bedeutet Sommer Ferienzeit und Urlaub. Für uns heißt es, dass wir mit Haut und Haaren dem ‚Celesta’s‘ gehören.“

„Das ist normal.“ Harte Arbeit hatte Rosa nie etwas ausgemacht. Außerhalb des Restaurants gab es in ihrem Leben nicht viel, doch sie war zu der Überzeugung gekommen, dass sie alles so mochte, wie es war. Natürlich gab es da Paps, der mit seinen fünfundsechzig Jahren noch genauso selbstständig und unabhängig war wie eh und je und ihr ständig vorhielt, sie würde ihn zu sehr bemuttern. Ihr Bruder Roberto war in der Navy und derzeit gemeinsam mit seiner Familie im Ausland stationiert. Ihr anderer Bruder Sal, ein katholischer Geistlicher, war ebenfalls in der Navy und arbeitete dort als Priester. Ihr Vater, ihre Brüder und ihre Nichten und Neffen waren ihre Familie.

Das „Celesta’s“ aber war ihr Leben.

Sie guckte verstohlen zu Jason und Linda und meinte, in den Augen der beiden tatsächlich die Sterne funkeln zu sehen. Manchmal, wenn Rosa die glücklichen Paare sah, die im Restaurant Händchen hielten, spürte sie einen bittersüßen Schmerz. Um dann sofort – auch vor sich selbst – so zu tun, als hätte dieser Schmerz keinerlei Bedeutung.

„Ich gebe dir jedes Jahr zwei Monate Urlaub“, erinnerte sie Vince.

„Ja, Januar und Februar …“

„Die schönste Zeit des Jahres in Miami“, sagte sie. „Oder wäre es dir und Butch lieber, eure Eigentumswohnung aufzugeben?“

„Schon gut, schon gut, ich verstehe, was du damit sagen willst. Ich bin ja auch zufrieden und möchte es gar nicht anders …“

Sie wurden vom Geräusch zufallender Autotüren unterbrochen. Rosa schaute wieder unauffällig hinunter auf den Bildschirm. 22 Uhr 15.

Sie trat einen Schritt zurück, während Vince sein typisches gewinnendes Lächeln aufsetzte. „So viel dazu, dass wir heute früher Schluss machen können“, murmelte er und machte gleichzeitig ein so freundliches Gesicht, als hätte er sein ganzes Leben lang nur auf die Gäste gewartet, die gerade durch die Tür kamen.

Rosa erkannte sie sofort. Natürlich nicht mit Namen. Dafür gab es zu viele Sommergäste hier an der Küste. Nein, sie erkannte sie, weil sie einem ganz bestimmten Typ Mensch angehörten. Reich und schön. Die Frauen strahlten eine fast adelige, selbstbewusste Eleganz und Schönheit aus. Die größte von ihnen hatte ihr goldblondes, seidiges, glattes Haar mit einem dünnen Band sehr schlicht und edel nach hinten gebunden und trug einen engen schwarzen Designerrock, eine Seidenbluse und flache Sandaletten aus Ziegenleder. Ihre beiden Begleiterinnen wirkten mit ihrem ebenfalls sehr glatten, glänzenden Haar, dem dezenten Make-up und den lässig hochgekrempelten Ärmeln wie ihre modischen Klone. Sie sahen alle genau so aus, wie es nur Leute konnten, die aus schwerreichen, alteingesessenen Familien stammten.

Rosa und Vince hatten Zeit ihres Lebens die Sommermonate mit Leuten wie diesen verbracht, denen die vornehmen alten Häuser und Villen an der Küste gehörten. Für die Sommergäste, die ihre Ferien hier verbrachten, existierten Normalsterbliche seit Generationen zu dem einzigen Zweck, ihnen jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Es waren jene Leute, deren Charity-Galas vom „Town & Country“-Magazin gesponsert und deren Hochzeiten in der „New York Times“ bekannt gegeben wurden. Jene Leute, die nie auch nur einen Gedanken daran verschwendeten, wie das Leben wohl für das Zimmermädchen war, das ihnen die Betten frisch bezog. Oder für die Fischer, die mit ihrem Fang täglich die Restaurants belieferten, oder die Zugehfrauen von Sea Isle, die ihnen die Baumwollblusen bügelten.

Vince stupste sie unauffällig an. „Die kommen direkt vom Jachthafen. Ihr Styling schreit förmlich nach dem ‚Bailey’s Beach Club‘.“

Rosa musste zugeben, dass die Frauen am exklusiven Privatstrand am Ende der Newport-Strandpromenade tatsächlich nicht fehl am Platz wirken würden. „Sei nett zu ihnen“, ermahnte sie Vince.

„Ich bin von Natur aus nett.“

Die Tür ging wieder auf, und drei Männer gesellten sich zu den Frauen. Rosa begrüßte sie mit dem üblichen freundlichen Lächeln. Dann allerdings, als ihr Blick auf einen großen, blonden Mann fiel, blieb ihr für einen Moment das Herz stehen. Kurz hoffte – betete – sie, dass ihre Augen sie im gedämpften Licht täuschten. Doch so war es nicht. Rosa erstarrte.

Nur die Ruhe, dachte sie, während sie versuchte, gleichmäßig ein- und auszuatmen. Früher oder später wäre er ihr ohnehin über den Weg gelaufen.

„Oh-oh“, murmelte Vince und nahm automatisch eine Art Verteidigungshaltung ein. „Hier kommen die Montagues.“

Rosa versuchte gegen die Panik anzukämpfen, die in ihr aufstieg, doch vergebens. Du bist eine erwachsene Frau, sagte sie sich, du hast dich selbst absolut unter Kontrolle.

Doch das war gelogen. Im Nu war sie wieder achtzehn und traurig und verzweifelt wegen des Jungen, der ihr das Herz gebrochen hatte.

„Ich sage ihnen, dass wir schon geschlossen haben“, flüsterte Vince.

„Du wirst nichts dergleichen tun“, zischte Rosa. „Du führst sie an einen Tisch, und zwar an einen besonders schönen.“ Sie straffte die Schultern und guckte wieder hinüber zu den Neuankömmlingen. Und dann sah sie jenem Mann in die Augen, den sie seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte. Jenem Mann, den sie nie mehr wiederzusehen gehofft hatte.

2. KAPITEL

„Okay, du hast es so gewollt.“ Vince schaltete sofort wieder auf Charme-Modus und ging den neu eingetroffenen Gästen zur Begrüßung entgegen. „Willkommen im ‚Celesta’s‘! Haben Sie reserviert?“

„Nein, wir möchten uns nur betrinken“, entgegnete einer der Männer, und die Frauen quittierten seine für sie offenbar furchtbar witzige Antwort mit unbändigem Kichern.

„Gerne“, sagte Vince und machte eine einladende Handbewegung in Richtung Bar. „Bitte nehmen Sie Platz.“

Die Männer und ihre Begleiterinnen steuerten auf den Tresen zu. Rosa dachte an die Nautilusmuschel, die prominent und unübersehbar über der Bar platziert war wie ein wertvolles Kunstwerk im Museum. Würde er sie wiedererkennen? Würde es ihr etwas bedeuten, wenn er es tat?

Gerade in dem Augenblick, als sie dachte, sie hätte die Überraschung gut überstanden, merkte sie, wie einer der Männer hinter dem Grüppchen zurückblieb. Er blieb einfach stehen und betrachtete sie mit einem so intensiven Blick, dass sie innerlich zu zittern begann.

Es gab nur eine Möglichkeit zu reagieren. Rosa musste so tun, als würde sie seine Gegenwart völlig kalt lassen. Das war allerdings leichter gesagt als getan, denn sie hatte – wie so oft – ziemliche Mühe, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten. Sie war und blieb ein wandelndes Klischee – eine temperamentvolle, vollbusige, italienische Amerikanerin mit Lockenkopf und viel Gefühl.

Die einzige Botschaft, die sie ihm jetzt allerdings vermitteln wollte, war kühle Nonchalance. Denn sie wusste, dass das Gegenteil von Liebe nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit war.

„Hallo, Alex“, sagte sie.

„Rosa …“ Er verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln.

Er war betrunken. Rosa wusste nicht genau, warum sie sich dessen so sicher war. Sie betrachtete sein zerzaustes blondes Haar und sein Gesicht, das zwar gereifter, aber immer noch irgendwie jungenhaft wirkte. Die Art, wie er sie mit seinen tiefblauen Augen ansah, ging ihr auch jetzt noch durch und durch. In seinem Oxford-Hemd, den lässigen Khakihosen und den Segelschuhen sah er heute allerdings ziemlich zerknautscht aus.

Sie ertrug dieses Wiedersehen nicht. Und ja, sie hasste die Art, wie sie innerlich auf sein Auftauchen reagierte. Statt sich so aufwühlen zu lassen, hätte sie den Part der selbstbewussten Rosa Capoletti geben sollen, die durch nichts zu erschüttern und im Vorjahr vom „Condé Nast“-Magazin zur Gastronomin des Jahres gewählt worden war. Rosa Capoletti, die Selfmadewoman, die Frau, die einfach alles hatte – beruflichen Erfolg, gute Freunde und eine wunderbare Familie. Sie war stark und unabhängig, wurde geliebt und bewundert. Sogar einflussreich war sie. Oh ja! Sie hatte nämlich den Vorsitz im Komitee der Wirtschaftstreibenden der Handelskammer in Winslow, Rhode Island, inne.

Doch Rosa hatte ein Geheimnis, ein schreckliches Geheimnis, von dem sie inständig hoffte, dass kein Mensch jemals dahinterkommen würde: Sie war nie über Alex Montgomery hinweggekommen.

„Von all den Schnapsbuden dieser Welt verirrst du dich ausgerechnet zu mir …“, sagte sie. Und sie brachte es sogar fertig, es ziemlich fröhlich klingen zu lassen.

„Ihr beide kennt euch?“ Die Frau mit der Frisur von Marcia Brady aus „Drei Mädchen und drei Jungen“ war zu ihm getreten, um ihren Besitzanspruch zu demonstrieren.

Er sah Rosa unverwandt an. Und sie erlaubte sich nicht, seinem Blick auszuweichen.

„Ja“, sagte er, „von früher.“

Obwohl Rosa die angespannte Atmosphäre kaum noch aushielt, bemühte sie sich, vollkommen entspannt zu wirken. Sie setzte ein zuvorkommendes Lächeln auf. „Ich wünsche einen schönen Abend“, sagte sie, ganz die perfekte Gastgeberin.

Er sah sie noch einen Moment lang an. „Danke“, erwiderte er, „den werde ich haben.“ Dann ging er zur Bar.

Rosa lächelte immer noch tapfer, als sich die kleine Gruppe in der gemütlichen Sitzecke neben der Bar niederließ. Die drei Frauen sahen sich um und schienen recht angetan zu sein. In dieser Gegend waren Bars sonst üblicherweise kleine, mit kitschigen, verstaubten Muscheln und getrockneten Meerestieren dekorierte Buden, in denen es maximal kleine Snacks zu essen gab. Die Bar im „Celesta’s“ jedoch bestach durch die dezent-luxuriöse, exquisite Ausstattung und den einzigartigen Blick auf das Meer.

Alex setzte sich ans Ende des Tisches. Die hochgewachsene Frau lehnte sich an ihn, warf ihr Haar in den Nacken und begann, eifrig mit ihm zu flirten.

Rosa war, ohne es zu wollen, all die Jahre über Alex’ Leben auf dem Laufenden geblieben. Es war nun einmal schwer, ihn zu ignorieren, wenn einem sein Gesicht immer wieder aus Zeitungen und Illustrierten entgegenlachte. Als „Traummann für die intellektuelle Frau“ hatte ihn eine Society-Kolumnistin bezeichnet. „Fährt Formel-Eins-Rennautos und spricht fließend Japanisch.“ Er verkehrte in Politikerkreisen und unter Millionären und engagierte sich auch für wohltätige Zwecke – so war er beispielsweise Sponsor einer Kinderklinik und hatte Kredite für einkommensschwache Leute ins Leben gerufen. Und sich verlobt.

Portia van Deusen, ihres Zeichens Erbin eines Pharmakonzerns, war laut Klatschpresse die perfekte Frau für ihn. Rosa hatte – obwohl sie sich für ihre voyeuristische Ader ein bisschen schämte – die begeisterte Schwärmerei der Society-Reporter mit Interesse verfolgt. Portia wurde immer als „atemberaubend schön“ und Alex als „perfekt und wunderbar“ beschrieben. Die beiden verfügten in den Augen der Öffentlichkeit gewissermaßen über das gesellschaftliche Pendant zum Stammbaum preisgekrönter Rennpferde. Ihre kommende Hochzeit war selbstverständlich als das Ereignis des Jahres gehandelt worden.

Nur war es nie so weit gekommen. Die Zeitungen hatten aufgehört, die beiden als Paar zu bezeichnen, und von Verlobung war plötzlich keine Rede mehr gewesen. Die Leser konnten nur mehr darüber spekulieren, was geschehen war. Hinter vorgehaltener Hand wurde gemunkelt, sie hätte ihn verlassen. Dann war sie so schnell an der Seite eines anderen Mannes zu sehen gewesen – älter und vielleicht sogar noch reicher als Alex –, dass bald das Gerücht umging, sie hätte einen „besseren Fang“ gemacht.

„Vince hat gesagt, er würde ihm jederzeit gerne eine reinhauen“, sagte Shelly, die ein Tablett mit Desserts und Espressotassen balancierte.

So viel zur Privatsphäre … In einem Lokal wie dem „Celesta’s“ verbreiteten sich Tratsch und Klatsch naturgemäß wie ein Lauffeuer.

„Als würde er es ertragen, wenn auch nur eine Strähne seiner Frisur nicht perfekt sitzt.“ Rosa musste trotz allem bei der Vorstellung lächeln, dass ausgerechnet Vince sich mit jemandem prügelte. Dennoch rührte sie seine Reaktion auf Alex’ Auftauchen. Wie so viele von Rosas Freunden, die miterlebt hatten, was für ein Häufchen Elend sie nach der Trennung von Alex gewesen war, empfand sich auch Vince als Rosas Beschützer.

„Alles in Ordnung mit dir?“, erkundigte sich Shelly.

„Mir geht es gut. Das kannst du jedem ausrichten, der sich diesbezüglich Sorgen macht.“

„Also allen“, bemerkte Shelly trocken.

„Um Himmels willen, wir haben uns vor Jahren getrennt“, erklärte Rosa. „Mittlerweile bin ich schon ein großes Mädchen. Ich komme damit klar, wenn ein Exfreund auftaucht.“

„Dann ist es ja gut“, sagte Shelly, „denn er hat gerade Champagner bestellt.“

Aus dem Augenwinkel sah Rosa, wie der Sommelier eine Flasche jener Marke entkorkte, deren Preis auf der Karte mit 300 Dollar angegeben war. Die Frau am Tisch, die schon vorhin mit Alex geflirtet hatte, lehnte sich wieder an ihn und kicherte, als er den Champagner kostete und Felix dann zustimmend zunickte. Es wurde eingeschenkt, und alle sechs hoben die Gläser, um miteinander anzustoßen.

Rosa wandte sich ab, um sich von einem Paar zu verabschieden, das sich gerade zum Gehen aufmachte. „Ich hoffe, Sie hatten einen schönen Abend“, sagte sie.

„Oh ja, den hatten wir durchaus“, versicherte ihr die Dame. „Ich habe von diesem Lokal in der ‚New York Times‘ gelesen, wo es als Ausflugs-Tipp empfohlen wurde, und wollte schon seit Langem einmal herkommen. Es ist noch schöner, als ich gehofft hatte.“

„Vielen Dank.“ Rosa segnete in Gedanken die „Times“. Die Reiseredakteure und Restaurantkritiker waren in der Regel eine überkritische Spezies, doch Rosas Küche hatte sich vor ihrem gestrengen Auge immer und immer wieder bewähren können.

„Dann sind Sie vielleicht Celesta?“, fragte die Dame, während sie sich ein leichtes Baumwolltuch um die Schultern legte.

„Nein“, antwortete Rosa. Es gab ihr einen kleinen Stich ins Herz, als sie auf das beleuchtete Porträt zeigte, das neben zahlreichen Preisurkunden an der Wand hing. Celesta blickte aus ihrem Goldrahmen wohlwollend auf sie herab. „Celesta war meine Mutter.“

Die Dame lächelte Rosa herzlich zu. „Es ist ein wunderbares Lokal. Wir kommen bestimmt wieder.“

„Das würde uns außerordentlich freuen.“

Als Rosa die Gäste verabschiedet hatte, musste sie sich sehr zusammenreißen, um Alex Montgomery nicht weiter heimlich zu beobachten. Dass er sie die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen hatte, wusste sie. Sie spürte seinen Blick fast körperlich.

Alex und sie hatten sich vor vielen Jahren getrennt, und der Abschied hätte für immer sein sollen. Sie fragte sich, was er sich bloß dabei dachte, hier aus heiterem Himmel aufzutauchen.

„Darf ich um diesen Tanz bitten?“ Jason Aspoll streckte Rosa seine Hand entgegen.

Sie lächelte ihn an. Es war bekannt, dass Rosa an den meisten Abenden zu fortgeschrittener Stunde gerne ein Tänzchen wagte. Es diente gleichzeitig dem Image des „Celesta’s“. Zeige den Gästen, dass du die Stimmung in deinem Lokal genauso genießt wie sie. Außerdem war Rosa wirklich eine begeisterte Tänzerin.

Und sie ging nicht gern nach Hause. An ihrer Wohnung war nichts Negatives, außer dass darin einfach nicht genug … gelebt wurde.

Die Band spielte „La Danza“. „Sehr gern“, sagte sie zu Jason und ließ sich von ihm auf die Tanzfläche führen. Dann wiegten sie sich zur Musik und schmunzelten einander dabei an.

„Du hast es also endlich gewagt, du Feigling.“

„Ohne dich hätte ich es nie geschafft.“

„Ich weiß“, sagte sie leichthin. Dann tätschelte sie seinen Arm. „Nein, im Ernst, Jason, es war mir eine große Ehre, dass du mich um Hilfe gebeten hast. Es hat Spaß gemacht.“

„Tja, ich habe allerhöchsten Respekt vor dir. Du hast alles bis ins kleinste Detail perfekt organisiert. Lindas Lieblingsessen war die Spezialität des Tages, die Band hat ihre Lieblingslieder gespielt … Sogar der Blumenschmuck auf allen Tischen war gezielt ausgewählt … Ich wusste nicht, dass sie Maiglöckchen so gerne mag.“

„In Zukunft ist es dein Job zu wissen, was sie am liebsten mag.“ Rosa war es immer schon ein Rätsel gewesen, wie wenig aufmerksam manche Menschen waren. Sie hatte einmal fünf Monate lang eine Beziehung mit einem Piloten gehabt, der sich nie gemerkt hatte, wie sie ihren Kaffee trank. Wenn sie es sich recht überlegte, hatte sich noch nie ein Mann in diesen Dingen um sie bemüht, außer …

„Na, wie trinkt Linda ihren Kaffee?“, fragte sie Jason rasch.

„Heiß?“

„Sehr witzig. Sag schon, wie mag sie ihren Kaffee?“

„Linda trinkt Tee. Mit Honig und Zitrone.“

„Gott sei Dank, du hast den Test bestanden.“ Rosa lehnte sich erleichtert an ihn. Dabei hatte sie nicht vorgehabt, ein ganz klein wenig zu Alex hinüberzuspähen. Es war einfach passiert. Er sah direkt zu ihr. Von mir aus, dachte sie. Guck nur.

„Ich wusste nicht, dass es einen Test gibt“, flüsterte Jason ihr ins Ohr.

„Du wirst immer auf dem Prüfstand stehen“, schärfte sie ihm ein. „Vergiss das bloß nicht.“

Die Musik wurde langsam leiser und verstummte. Als die Gäste zu applaudieren begannen, trat Linda zu Jason und Rosa.

„Ich komme mir meinen Verlobten holen“, sagte sie und ließ ihre Hand in Jasons gleiten.

„Er gehört ganz dir.“ Rosa umarmte sie. „Ich gratuliere euch beiden und wünsche euch alles Glück dieser Welt.“

Linda deutete unauffällig in Alex’Richtung.„Was, zum Teufel, macht der denn hier?“

„Er trinkt Champagner im Wert von 300 Dollar.“ Dann hob Rosa abwehrend eine Hand. „Keine weiteren Kommentare. Mehr habe ich zu diesem Thema nicht zu sagen. Der Abend gehört euch. Dir und Jason.“

„Tja, morgen sind wir zum Kaffee verabredet“, erinnerte Linda sie. „Spätestens dann wirst du es mir verraten.“

„Gut, also bis morgen im ‚Pegasus‘. Jetzt nimm deinen Mann, und geh nach Hause.“

„Wird gemacht. Rosa, ich weiß, wie viel Mühe du dir gegeben hast, diesen Abend zu etwas ganz Besonderem zu machen“, sagte Linda. „Dafür kann ich dir gar nicht genug danken.“

Rosa strahlte. Lindas glückliches Gesicht war Dank genug. „Du kannst ja dein erstes Kind nach mir benennen.“

„Nur wenn es ein Mädchen wird.“

Die beiden Freundinnen umarmten sich noch einmal. Nachdem das glückliche Paar gegangen war, versuchte Rosa so zu tun, als würde sie nicht sehen, wie Alex die große, schlanke Frau an seinem Tisch gerade zum Tanzen aufforderte.

Die Situation war eigentlich absurd, überlegte Rosa. Sie war eine erwachsene Frau, keine naive Highschool-Absolventin mehr. Und sie hatte jedes Recht der Welt, auf der Stelle zu ihm zu gehen und zu fragen, was er eigentlich hier wollte. Beziehungsweise zu erfahren, was er seit jenem Tag gemacht hatte, als er sich mit den Worten „Ich wünsche dir alles erdenklich Gute“ von ihr getrennt hatte.

War es ihm in den letzten Jahren gut gegangen? Rosa hätte es gern gewusst.

Er sah auf alle Fälle so aus und wirkte in Gesellschaft seiner Freunde völlig entspannt. Aber vielleicht lag das auch ein wenig am Champagner? Seine Art, sich zu geben, hatte jedenfalls etwas Lässig-Elegantes an sich, das nicht im Mindesten gekünstelt wirkte. Sogar als sie ihn – damals noch ein kleiner Junge – zum ersten Mal gesehen hatte, hatte er eine ganz besondere Ausstrahlung gehabt. Dieses völlig gelassene, selbstsichere Auftreten lag bei ihm in der Familie. Es war Rosa auch an seinen Eltern und seiner Schwester aufgefallen.

Mit Snobismus allerdings hatte es nichts zu tun, das wusste Rosa mittlerweile. Denn im Laufe ihres Lebens hatte sie genügend Snobs kennengelernt. Die Montgomerys hatten vielmehr eine angeborene Sicherheit zu wissen, wo ihr Platz in der Gesellschaft war – und dieser Platz war ganz, ganz weit oben.

Außer wenn es um Liebe und Beziehung ging. Denn da war Alex so ziemlich das Letzte gewesen.

Aber vielleicht hatte er sich ja geändert. Seine Bekannte schien diesbezüglich auf jeden Fall durchaus optimistisch zu sein, denn sie presste ihren „Sex and the City“-Körper beim Tanzen ziemlich eindeutig an ihn.

„Möchtest du, dass ich ihm die Kniescheiben zertrümmere?“, fragte eine tiefe Stimme hinter Rosa.

Rosa lächelte. „Nicht heute, Teddy.“

Teddy war der Security-Mann im „Celesta’s“. In diversen anderen Etablissements hätte man ihn vielleicht als Rausschmeißer bezeichnet. Für seinen Job war es wichtig, dass er sich mit den Alarmanlagen und Überwachungskameras auskannte, doch insgeheim sehnte Teddy den Tag herbei, an dem er auf ihren Befehl endlich seine mächtigen Fäuste schwingen durfte. „Ich habe von den Kameras jede Menge Videomaterial von ihm“, sagte er. „Das kannst du dir gern ansehen, wenn du möchtest.“

„Nein, das möchte ich nicht“, entgegnete Rosa rasch, damit sie gar nicht in Versuchung kam, sich auszumalen, wie es wohl wäre, sich diese Kassette wieder und wieder anzugucken. „Sieht so aus, als wüssten ausnahmslos alle Bescheid, dass heute der Mann hier ist, der mich vor Jahren sitzen gelassen hat …“

„Ja, natürlich“, fuhr Teddy völlig unbeirrt fort. „Wir haben alles im Team besprochen, und für uns spielt es keine Rolle, wie lange es her ist. Er hat sich schäbig verhalten, Rosa. Verdammt schäbig. Was für ein Vollidiot.“

„Wir waren damals noch jung …“

„Kurz vor dem Studium. Das ist schon relativ erwachsen.“

Sie hatte es letztlich nicht aufs College geschafft. Vermutlich hatten ihre Angestellten dies auch im Team besprochen.

„Er ist ein zahlender Gast“, erklärte sie. „Nicht mehr und nicht weniger. Ich wünschte, ihr würdet alle damit aufhören, die Sache so hochzuspielen. Ich mag es nicht, wenn mein Privatleben diskutiert wird.“

Teddy legte ihr beschwichtigend eine Hand auf die Schulter. „Schon okay, Rosa. Wir reden doch nur deshalb darüber, weil du uns am Herzen liegst. Keiner möchte, dass dir jemand wehtut.“

„Na, dann gibt es nichts, worüber ihr euch Sorgen machen müsst“, versicherte sie ihm. „Mir geht es gut. Ganz ausgezeichnet sogar.“

Und genau das versuchte sie sich auch den Rest des Abends einzureden, der sich nun glücklicherweise seinem Ende zuzuneigen begann. Der Barkeeper nahm gerade die letzten Bestellungen entgegen, und die Band spielte bereits „As Time Goes By“, jene Nummer, die den Gästen signalisierte, dass es langsam Zeit wurde zu gehen.

Die letzten Paare verließen die Tanzfläche und machten sich auf, hinaus in die Nacht zu gehen – Hand in Hand und ganz in ihrer Zweisamkeit versunken. Rosa konnte es schon gar nicht mehr zählen, wie oft sie schon miterlebt hatte, wie sich zwei Menschen hier vor ihren Augen ineinander verliebt hatten. Das „Celesta’s“ war einfach wie geschaffen dafür.

Mache ich meine Sache gut, Mamma?

Celesta, die vor zwanzig Jahren gestorben war, hätte diese Frage zweifelsohne bejaht. Im Restaurant duftete es genau so, wie es damals in der Küche geduftet hatte, als Rosa noch ein Kind gewesen war. Auf der Speisekarte standen viele der Gerichte, die Celesta früher mit viel Liebe und Gespür für den Geschmack ihrer Familie zubereitet hatte. Und um genau diese Kombination bemühte sich auch Rosa. In ihrem Restaurant sollte es italienisches Essen geben, das den Leuten schmeckte, und eine Atmosphäre, bei der sie sich wohlfühlten und an die sie sich gerne erinnerten.

Als Alex und seine Freunde aufbrachen, tat sie so, als wäre sie gerade sehr beschäftigt. Als sie weg waren, entkam ihr plötzlich jener tiefe Seufzer, der offenbar schon den ganzen Abend aus ihr herausgewollt hatte. Wenn der allerletzte Gast das Lokal verlassen hatte, nahm er auch immer den ganz besonderen Zauber des jeweiligen Abends mit. Die grelle Deckenbeleuchtung ging an und machte Krümel und Flecken auf den Tischen und dem Boden sichtbar. Auf den Kerzenhaltern, einigen Servietten und Tellern klebte Wachs. Nun, da die Musik verstummt war, hörte man das Klappern des Geschirrs aus der Küche geradezu überlaut.

„Aber hallo!“, sagte Vince, der gerade die Einnahmen des Abends an der Kasse ausdruckte. „Bis jetzt der beste Abend des ganzen Jahres.“ Er zögerte kurz. „Dein Exfreund, dieser bescheuerte Typ, hat ein fettes Trinkgeld gegeben“, fügte er dann hinzu.

„Er ist nicht einmal mehr mein Ex“, korrigierte sie ihn. „Die Sache ist so lange her, dass es schon gar nicht mehr wahr ist.“

„Ja, aber ich wette, er ist immer noch bescheuert.“

„Dazu kann ich nichts sagen. Er ist nicht mehr als ein Fremder für mich, und ich wünschte, ihr alle würdet das langsam akzeptieren.“

„Leider nein“, erwiderte er. „Merkst du denn nicht, dass wir vor Neugier sterben? Wir sind ganz ausgehungert nach Tratsch und Klatsch.“

„Sucht euch doch jemand anderen, über den ihr tratschen könnt.“

„Wir haben ihn alle mit der neuen Überwachungskamera beobachtet“, sagte Vince.

„Ihr seid unmöglich!“

„Teddy kann alle Leute ganz nah ranzoomen.“

„Wie schön für ihn.“ In ihrem Kopf begann es zu hämmern, und sie massierte sich die Schläfen.

„Schon verstanden, Schatz“, beschwichtigte sie Vince. „Ich mache den Laden heute für dich dicht.“

Rosa lächelte schwach. „Danke.“ Sie wollte ihn noch an die Verriegelung der Gefrierkammer erinnern und an die Waschbären, die sich an den Müllcontainern herumtrieben, doch dann ließ sie es. Sie hatte mittlerweile gelernt, den Kontrollfreak in sich zu zügeln.

Als sie durch den Hintereingang ins Freie trat, wünschte sie, sie hätte am Nachmittag daran gedacht, einen Pullover mitzunehmen. Untertags war es heiß gewesen, doch nun fröstelte sie in der kalten Nachtluft.

Das Geröll, das letzte Woche nach dem Sturm hinter dem Lokal gelegen hatte, war mittlerweile beseitigt worden, doch am Ende des Parkplatzes lagen immer noch einige umgeknickte Bäume und abgebrochene Äste. Während des Unwetters waren sie stundenlang ohne Strom gewesen, doch die Kameras auf dem Parkplatz hatten alles ohne auch nur einen Kratzer überstanden.

Ihr Absätze klapperten auf dem Asphalt, als sie zu ihrem roten Alfa Romeo Spider mit seiner – zugegeben – ziemlich teuren Stereoanlage ging. Sie hatte gerade die Fahrertür mit der Fernbedienung geöffnet, als sie plötzlich einen Schatten vor sich sah.

Sie blieb stehen. Es war Alex. Seltsamerweise überraschte es sie nicht, ihn hier im schwachen Licht der Laternen stehen zu sehen. „Bist du jetzt mein Stalker oder was?“

„Fühlst du dich denn verfolgt?“

„Äh, ja, das tue ich generell, wenn ein Mann mir mitten in der Nacht auf einem Parkplatz auflauert. Es macht mir Angst.“

„Kann ich mir vorstellen.“

„Du solltest einmal hören, was meine Leute im ‚Celesta’s‘ über dich sagen.“

„Was denn?“

„Oh, Diverses. Idiot, bescheuerter Typ und so weiter. Zwei Männer haben mir angeboten, dir die Kniescheiben zu zertrümmern. Dein Trinkgeld hat ihnen allerdings gefallen.“

Wieder sah er sie mit diesem schiefen Lächeln an, bei dem ihr früher immer das Herz stehen geblieben war. „Schön zu hören, dass du so hochqualifizierte Mitarbeiter um dich hast.“

Sie hob die Hand und winkte in die Überwachungskamera, die an einem der Laternenpfähle angebracht war.

„Was tust du da?“

„Ich versuche, meinen hochqualifizierten Mitarbeitern zu verstehen zu geben, dass ich keine Hilfe benötige.“ Es war spät. Sie hatte keine Energie, diese sinnlose Unterhaltung länger weiterzuführen, und wollte nur nach Hause. Außerdem war es furchtbar anstrengend, so zu tun, als sei ihr seine Gegenwart egal. „Was machst du hier, Alex?“

Er zeigte ihr sein Handy. „Ich habe ein Taxi gerufen. Ist der Taxiservice hier in der Gegend immer noch so lausig, wie er es früher war?“

„Ein Taxi? Per Anhalter wärst du besser dran.“

„Das ist angeblich so gefährlich. Außerdem weiß ich, dass du keinen deiner Gäste gern solchen Gefahren ausgesetzt sehen würdest.“

„Wo sind eigentlich deine Freunde?“

„Zurück nach Newport gefahren.“

„Und wo willst du hin?“

„Zum Haus in der Ocean Road.“

Seit zwölf Jahren war keiner seiner Verwandten mehr dort gewesen. Es stand da wie ein Geisterhaus, wie eine vergessene, leere Muschel einsam an der Küste. Rosa fragte sich, warum es Alex nach so langer Zeit wohl hierher verschlagen haben mochte.

Es fröstelte sie. Er legte ihr seine Jacke um die Schultern, doch sie schob sie weg. „Ich brauche keine …“

„Nimm sie einfach.“

Sie bemühte sich, die Wärme seines Körpers zu ignorieren, die sie im Futter der Jacke spürte. „Deine Freunde haben dich nicht mit dem Auto zum Haus gebracht?“

„Das wollte ich nicht. Ich habe auf dich gewartet, Rosa …“

„Warum? Soll ich dich etwa heimbringen?“, fragte sie einigermaßen fassungslos.

„Danke, das Angebot nehme ich gerne an.“ Er marschierte schnurstracks zum Alfa Spider.

Rosa blieb im Licht der Laterne stehen und überlegte, was sie nun tun sollte. Am liebsten hätte sie ihn einfach hier stehen gelassen, aber das wäre natürlich ziemlich kindisch gewesen. Sie könnte jemanden vom Restaurant bitten, ihn nach Hause zu bringen – doch ihre Mitarbeiter waren Alex nicht gerade freundlich gesonnen. Außerdem war sie neugierig.

Also sagte sie nichts und ließ ihn einsteigen. Dann winkte sie noch einmal in die Überwachungskamera und fuhr los.

„Danke, Rosa“, sagte er.

Als hätte er ihr eine andere Wahl gelassen. Sie fuhr schnell – schneller, als es hier erlaubt war, doch es war ihr egal. Um diese Zeit war weit und breit keine Menschenseele mehr unterwegs, nicht einmal Beutelratten oder Wild, und die Männer vom Sheriff Department kontrollierten hier nur selten. Außerdem musste sie sich aufgrund ihrer guten Beziehung zu Sean Costello, dem Sheriff von South County, keine allzu großen Sorgen machen, einen Strafzettel aufgebrummt zu bekommen.

Die Straße war zur Küste hin von Wildrosen gesäumt, deren Hecken bis zu den Dünen und hinunter zum Meer wucherten. Auf der anderen Seite lag Marschland, das unter Naturschutz stand und glücklicherweise seit Generationen unberührt war.

„Ich nehme an, du hast dich gefragt, warum ich wieder da bin“, sagte Alex.

Sie starb fast vor Neugier. „Nein, eigentlich nicht.“

„Ich wusste, dass das ‚Celesta’s‘ dir gehört“, erklärte er. „Ich wollte dich sehen.“

Seine direkte Art erschreckte sie fast. Andererseits war er schon immer der aufrichtigste Mensch gewesen, den sie kannte. Genau bis zu jenem Zeitpunkt, als er sie verlassen und sich kein einziges Mal nach ihr umgedreht hatte.

„Warum?“

„Ich denke immer noch an dich, Rosa.“

„Es ist längst vorbei“, sagte sie. Ihr fiel ein, dass er schon betrunken gewesen war, als er im „Celesta’s“ aufgetaucht war.

„So kommt es mir aber nicht vor. Für mich ist es, als wäre es gestern gewesen.“

„Für mich nicht“, log sie.

„Du hattest damals diesen Hilfssheriff als Freund. Diesen Costa“, sagte Alex. Er meinte jenen Tag vor zehn Jahren, als er kurz zurückgekommen war und sie ihn wieder weggeschickt hatte. Er erinnerte sich gut daran – genauso wie an die Tatsache, dass sie ihn damals nicht gebraucht und auch nicht mehr gewollt hatte.

„Costello“, korrigierte sie. „Sean Costello. Er ist jetzt der Sheriff hier.“

„Und du bist immer noch Single?“

„Das geht dich nichts an.“

„Ich will aber, dass es mich etwas angeht.“

Rosa trat fester aufs Gas. „Es war merkwürdig, wie du heute plötzlich so hereingeschneit bist.“

„Das dachte ich mir, ja. Aber immerhin reden wir jetzt miteinander. Das ist wenigstens ein Anfang.“

„Ich möchte nichts mit dir anfangen, Alex.“

„Habe ich dich darum gebeten?“

Sie bog in die mit Kies und Austernschalen gestreute Auffahrt zum Haus der Montgomerys ein. Das Anwesen war immer noch gut in Schuss und sehr gepflegt. Das Gebäude hatte alle fünf Jahre einen neuen Anstrich bekommen. Es war eine wunderschöne viktorianische Villa, ein bauliches Kleinod aus dem 19. Jahrhundert, das zu den denkmalgeschützten Häusern in South County gehörte.

„Nein“, antwortete sie und blieb mit laufendem Motor stehen. „Du hast mich um gar nichts gebeten, nur darum, dass ich dich mit dem Auto mitnehme. Also, hier sind wir. Gute Nacht, Alex.“ Sie überlegte, ob sie ihm noch ein „Viele Grüße an deine Mutter“ mit auf den Weg geben sollte, doch dann ließ sie es lieber.

Er drehte sich zu ihr. „Rosa, ich habe dir eine Menge zu sagen.“

„Ich will es nicht hören.“

„Dann sage ich nichts. Nicht jetzt. Und zwar deshalb, weil ich betrunken bin. Und wenn ich dir sage, was ich dir sagen möchte, muss ich stocknüchtern sein.“

3. KAPITEL

Am nächsten Morgen ging Rosa ins „Pegasus“, ein Café, in dem es gemütliche Sofas, dick gepolsterte Sessel und Cantuccini, das köstliche italienische Mandelgebäck, gab. Im Lokal lagen die „New York Times“, der „Boston Globe“ sowie das „Providence Journal Bulletin“ von Rhode Island und einige Lokalblätter aus. Rosa kannte die Besitzerin gut. Millie war aus Seattle hierhergezogen, trug stets Hängerkleidchen und Birkenstock-Sandalen und war mit der Gabe gesegnet, den perfekten Espresso zu machen.

Während sie einen doppelten Caffè Latte mit Vanille zubereitete, warf Millie einen Blick auf die Bücher und Notizblöcke, die Rosa vor sich auf den Tisch gelegt hatte.

„Na, was lernen wir denn heute?“ Sie neigte den Kopf, um den Titel des Buches besser lesen zu können. „‚Neurolinguistisches Programmieren. Ein Praxishandbuch für die Entwicklung des schöpferischen Potenzials‘. Leichte Sommerlektüre für zwischendurch, hm?“

„Es ist in Wahrheit ein total spannendes Thema“, sagte Rosa laut, um die Espressomaschine zu übertönen, die gerade die Milch aufschäumte. „Wusstest du, dass es eine Technik gibt, mit der man sein schöpferisches Potenzial durch bloßes Erinnern schöner Erlebnisse anzapfen kann?“

Millie stellte den Caffè Latte auf die Theke. „Das ist mir zu hoch. An welcher Uni wird das gelehrt?“

„Berkeley. Der Professor hat mir sogar angeboten, meine Abschlussarbeit zu lesen, wenn ich sie ihm maile.“

Millie sah sie mit aufrichtiger Bewunderung an. „Ich wette, um deine Art der Weiterbildung würden dich viele beneiden.“

„Das mache ich nur, damit ich keine Zeit habe, auf dumme Gedanken zu kommen.“ Rosa war nie von zu Hause weggekommen, doch im Laufe der Zeit hatte sie es geschafft, ins Studienangebot der besten Unis der Welt hineinzuschnuppern – Genetik am Massachusetts Institute of Technology, Architektur des Rokoko an der Universität Mailand, mittelalterliches Recht in Oxford und Chaostheorie in Harvard. Früher hatte sie meistens die zuständigen Professoren einfach angerufen, um an die Lehrveranstaltungsverzeichnisse und Leselisten zu kommen. Mittlerweile war es durch das Internet noch einfacher. Mit ein paar Mausklicks gelangte sie zu allen Seminaren, Übungen und Tests, und die einzigen Kosten, die dabei für sie entstanden, waren die Lehrbücher.

„Du spinnst ja.“ Millie schmunzelte. „Wir bewundern dich wirklich alle.“

„Okay, dann bin ich eben eine gebildete Spinnerin.“

„Stimmt. Wünschst du dir denn nicht manchmal, wirklich in einem Hörsaal zu sitzen?“

Früher einmal war genau das Rosas großer Traum gewesen. Doch dann hatte ihr Leben durch eine unfassbare Tragödie eine völlig andere Wendung genommen. „Klar wünsche ich mir das“, gab sie zu und bemühte sich, unbeschwert zu klingen. „Vielleicht werde ich es auch einmal tun. Irgendwann, wenn ich mehr Zeit habe.“

„Du könntest als ersten Schritt in diese Richtung einen Geschäftsführer für dein Restaurant einstellen.“

„Ich kann mir mein eigenes Gehalt kaum leisten.“ Rosa setzte sich, schlug eines ihrer Bücher auf und begann einen wissenschaftlichen Aufsatz über die Transformationsgrammatik von Noam Chomsky zu lesen.

Linda betrat das Café, ging zur Theke und bestellte ihr übliches Kännchen Tee, einen Lady Grey mit Milch und einer Zitronenscheibe. Sie trug ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Was ist, wenn’s beim Hokey Pokey wirklich darum geht?“ Als Rosa aufsah und den Spruch las, musste sie lachen. Der Text des fröhlichen Hokey-Pokey-Liedes war ihr bei genauerer Überlegung immer schon eindeutig zweideutig vorgekommen: Du steckst den rechten Arm rein, du steckst den rechten Arm raus, du steckst den rechten Arm rein – und dann schüttelst du ihn aus. Du tanzt den Hokey Pokey, und du drehstdich rundherum, und auf einmal macht es … bumm.

„Tut mir leid, dass ich zu spät komme“, sagte Linda, als sie zu Rosa an den Tisch trat. „Ich habe mit Mom telefoniert, und sie wollte einfach nicht aufhören zu weinen. Vor Rührung.“

„Das ist ja süß.“

„Tja, mag sein. Aber es war irgendwie auch ein bisschen kränkend. Sie war nämlich so über die Maßen … erleichtert. Bestimmt hatte sie Angst, ich würde nie heiraten, was natürlich eine Katastrophe für die Lipschitz-Familie gewesen wäre. Aber so … so hat es sie nicht einmal gestört, dass Jason katholisch ist.“ Sie streckte ihre Hand aus und betrachtete ihren nagelneuen Verlobungsring. „Wenn die Sonne drauffällt, sieht er sogar noch schöner aus, meinst du nicht auch?“

„Er ist toll.“ kommt mit einem Namen auf die Welt, der aus einer Oper von Puccini stammen könnte, Miss Rosina Angelica Capoletti.“ Linda träufelte etwas Honig in ihren Tee. „Oh, und es gibt Neuigkeiten. Die Hochzeit muss im August stattfinden. Jasons Firma hat ihn nach Boise versetzt, und wir ziehen gleich nach dem Labor Day dorthin.“

Rosa lächelte ihre Freundin an. Als Jason ihr kürzlich von der Versetzung erzählt hatte, hätte sie ihn allerdings am liebsten geohrfeigt. „Das heißt, wir haben weniger als zwölf Wochen für die Hochzeitsvorbereitungen“, sagte sie. „Vielleicht hat deine Mom deshalb geweint.“

„Nein, sie ist begeistert. Übrigens fliegt sie nächste Woche wieder nach Florida. Alles wird wunderbar klappen, du wirst sehen.“

Linda wirkte erstaunlich gelassen, dachte Rosa. Vielleicht hatte sie ja noch nicht im ganzen Ausmaß verstanden, was es bedeutete, zu heiraten und Winslow für immer zu verlassen.

Linda nippte an ihrem Tee. „Und wie geht es dir, Miss Rosa? Hast du dich schon von dem gestrigen Schock erholt?“

Rosa war plötzlich sehr damit beschäftigt, ihren Caffè Latte zu zuckern. Dann sah sie auf. „Da gibt es nichts zu erholen.

Alex war im Restaurant, na und? Seiner Familie gehört immer noch das Anwesen an der Ocean Road. Früher oder später wäre er mir also ohnehin über den Weg gelaufen. Mich hat es eher verwundert, dass es so lange gedauert hat, bis es passiert ist. Aber es ist keine große …“

„Du hast gerade fünf Tütchen Zucker in deinen Kaffee gegeben“, unterbrach Linda sie.

„Quatsch …“ Rosa bemerkte die aufgerissenen Tütchen auf dem Tisch. Sie schob ihre Tasse von sich. „Mist.“

„Ach Rosa …“ Linda streichelte mitfühlend ihre Hand. „Es tut mir leid.“

„Es war einfach total seltsam, verstehst du? Es hat sich so komisch angefühlt, dass jemand, der mir einmal alles bedeutet hat, plötzlich ein Fremder geworden ist. Vielleicht ist es mir auch deshalb so seltsam vorgekommen, weil ich mir zum ersten Mal bewusst machen musste, dass er ein Leben jenseits von hier hat. Weißt du, als wir jünger waren, habe ich darüber nie nachgedacht. Wenn der Sommer vorbei war, ist er immer von hier fortgegangen, und ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, wie sein Leben in der Stadt wohl aussieht. Irgendwie habe ich im Glauben gelebt, dass er nur jene drei Monate existiert, in denen er bei mir ist. Und nun hat er zwölf Jahre ohne mich verbracht! Aber vielleicht bausche ich das alles auch viel zu sehr auf, und es ist im Grunde gar nicht so wichtig.“

„Ach Rosa, komm schon. Es ist wichtig. Vielleicht sollte es das nicht sein, aber es ist nun mal so für dich.“

„Wir waren so jung. Gerade erst fertig mit der Schule …“

„Du hast ihn geliebt.“

Rosa nahm einen Schluck Kaffee. Zu süß. Sie verzog das Gesicht. „Mit achtzehn sind doch alle verliebt. Und jeder wird mal sitzen gelassen.“

„Und jeder legt es zu den Akten“, sagte Linda. „Nur du nicht.“

„Linda …“

„Ist doch wahr! Du hattest nach Alex nie mehr einen Mann, der dir wirklich etwas bedeutet hat.“

„Ich treffe mich ständig mit Männern.“

„Du weißt genau, was ich meine.“

Rosa schob die Kaffeetasse wieder von sich. „Mit Greg Fortner war ich sechs Monate zusammen.“

„Der war ja auch in der Navy. Von diesen sechs Monaten war er fünf gar nicht da.“

„Vielleicht hat es deshalb so gut mit uns funktioniert.“ Rosa sah ihre Freundin an. Linda nahm ihr eindeutig nicht ab, was sie gerade von sich gab. „Na gut, aber was war mit Derek Gunn? Das waren acht Monate. Mindestens.“

„Auch nicht gerade das, was man als Lebenspartnerschaft bezeichnen würde. Ich wünschte, du wärst bei ihm geblieben. Er war ein toller Mann, Rosa.“

„Ja, es gab nur einen Nachteil an der ganzen Sache“, murmelte Rosa.

„Wirklich? Welchen denn?“

„Du wirst mich für doof halten, wenn ich es dir sage.“

„Erzähl es mir trotzdem. Ich gebe ohnehin keine Ruhe, bis du es mir gebeichtet hast.“

„Er war langweilig“, sprudelte es nun aus Rosa heraus.

„Er fährt einen Lexus. Wie kann so jemand langweilig sein?“

„Ich sage jetzt nichts mehr.“

Linda holte eine zweite Tasse und schenkte Rosa von ihrem Tee ein. „Er hat ein Haus am Meer in Newport.“

„Ein langweiliges Haus an einem langweiligen Strand. Und was am schlimmsten war: Er hatte eine langweilige Familie. Mit seinen Verwandten Zeit zu verbringen war ungefähr so spannend, als würde man Farbe beim Trocknen beobachten. Himmel, wahrscheinlich komme ich jetzt in die Hölle, weil ich so gemein über sie rede.“

„Es ist wichtig, sich seinen eigenen Problemen zu stellen, bevor man sich auf eine Beziehung einlässt.“

„Du hast zu viel ‚Dr. Phil‘ geschaut. Ich habe nicht solche Probleme wie die Psychos in seiner Fernsehshow.“

Linda verschluckte sich beinahe. „Hör auf“, prustete sie. „Sonst kommt mir der Tee vor Lachen aus der Nase raus.“

„Okay, was ist also deiner Meinung nach mein Problem?“

Linda winkte ab. „Oh nein, dieses Thema schneide ich auf keinen Fall an. Ich brauche dich doch als meine Brautjungfer, und daraus wird nichts, wenn wir nicht mehr miteinander reden. Übrigens ist das der Grund, warum wir heute hier sitzen.

Meine Hochzeit! Ich! Aber mir ist natürlich klar, dass das alles nicht annähernd so interessant ist wie du und dein Alex Montgomery.“

„Er ist nicht mein Alex Montgomery“, protestierte Rosa. „Und nicht, dass ich jetzt ablenken will – aber habe ich gerade richtig gehört? Hast du mich eben gefragt, ob ich deine Brautjungfer sein möchte?“

Linda strahlte sie an. „Ja“, seufzte sie. „Das habe ich dich gefragt. Rosa, du bist meine älteste, beste Freundin, und ich wünsche mir, dass du mir bei meiner Hochzeit zur Seite stehst. Also, wirst du es tun?“

„Machst du Witze?“ Rosa drückte Linda herzlich die Hand. „Es ist mir eine große Ehre.“

Sie liebte Hochzeiten und war bereits sechsmal Brautjungfer gewesen. Dass es sechsmal war, wusste sie deshalb so genau, weil ganz hinten in ihrem Schrank sechs der hässlichsten Kleider hingen, die jemals entworfen worden waren – und zwar in Farbkombinationen, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hatte. Nichtsdestotrotz hatte Rosa jedes dieser Kleider stolz getragen, hatte getanzt, den Brautpaaren zugeprostet und auch schon ein oder zwei Brautsträuße gefangen. Nach jeder dieser Hochzeitsfeiern war sie mit einem Brautstrauß in der einen und zu engen, aber farblich perfekt zum Kleid passenden Schuhen in der anderen Hand nach Hause gegangen.

„… sobald wir den Termin fixiert haben“, sagte Linda gerade.

Rosa merkte, dass sie völlig in Gedanken versunken gewesen war. „Entschuldige, was meintest du eben?“

„Hallo? Ich sagte, du sollst dir den 21. und 26. August freihalten, okay?“

„Ja, natürlich, wird gemacht.“

Linda trank ihren Tee aus. „Ich lasse dich jetzt besser in Ruhe. Du musst über Alex Montgomery nachdenken.“

„Ich muss überhaupt nicht über ihn nachdenken. Es gibt nichts nachzudenken.“

„Ich glaube, dir wird nichts anderes übrig bleiben.“

„Das ist doch lächerlich. Nur weil er wieder da ist, muss ich mich ja nicht mit ihm beschäftigen.“

„Doch, denn das ist deine Chance, Rosa. Deine große Chance. Lass sie dir nicht entgehen.“

Rosa sah sie ehrlich verblüfft an. „Welche Chance? Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.“

„Dich zu befreien, damit du endlich deinen Weg gehen kannst.“

„Wie bitte?“

„Du bist seit dem Zeitpunkt, als Alex dich verlassen hat, blockiert. Du steckst fest.“

„Blödsinn. Ich bin doch nicht blockiert. Mein Leben hier ist toll. Ich wollte nie irgendwo anders hin.“

„Das meine ich nicht. Du bist emotional blockiert, weil du nie über den Schmerz und die Enttäuschung mit Alex hinweggekommen bist. Deshalb kannst du deinen Weg nicht gehen. Jetzt, da er wieder da ist, hast du die Chance, alles ein für alle Mal mit ihm zu klären, damit dein Herz und auch dein Kopf frei für Neues sind.“

„Er ist nicht in meinem Herzen“, widersprach Rosa. „Und auch nicht in meinem Kopf.“

„Schon gut.“ Linda tätschelte ihren Arm. „Rede mit ihm, Rosa. Irgendwann wirst du mir dankbar für meinen Rat sein. Er macht momentan wegen seiner Mutter bestimmt eine schwere Zeit durch, weißt du.“

„Was ist mit seiner Mutter?“ Rosa war schon lange nicht mehr auf dem Laufenden, was Emily Montgomery betraf, doch das war nichts Ungewöhnliches. Emily war seit Ewigkeiten nicht mehr hier an der Küste gewesen.

„Oh mein Gott, hast du es denn nicht gehört?“

„Was gehört?“

„Ich dachte, du wüsstest es.“ Linda sprang auf und lief zum Tisch mit den Zeitungen. Sie nahm das „Journal Bulletin“, schlug es auf und zeigte Rosa das Bild.

Sie starrte auf das Foto, von dem Emily Montgomery ihr in all ihrer kühlen Schönheit entgegenblickte.

„Oh Gott.“ Sie schob die Zeitung reflexartig von sich, nur um sie sofort wieder näher heranzuziehen. Dann begann sie zu lesen. „Emily Wright Montgomery, die Gattin des Finanzmagnaten Alexander Montgomery III., verstarb am Mittwoch im Kreise ihrer Familie in Providence …“

Rosa sah Linda entsetzt an. „Sie war erst fünfundfünfzig.“

„Ja, das steht auch in diesem Artikel. Jetzt, da wir selber schon fast dreißig sind, kommt einem das gar nicht mehr sonderlich alt vor, nicht wahr?“

„Ich frage mich, was da passiert ist.“ Rosa dachte daran, wie Alex gestern gewesen war – leicht betrunken und ein wenig unverschämt. Nun erschien ihr sein Verhalten allerdings in einem völlig anderen Licht. Er hatte gerade seine Mutter verloren. Und sie, Rosa, hatte ihn einfach vor einem leeren Haus abgesetzt.

Linda sah Rosa nachdenklich an. „Das solltest du ihn fragen.“

4. KAPITEL

Rosa fuhr die Prospect Street entlang, wo sie aufgewachsen war und wo ihr Elternhaus stand. Hier hatte sich im Laufe der Jahre kaum etwas verändert – nur die Namen der Leute, die hier wohnten, und die bunten Fassaden ihrer Schindelhäuser. Neben den mächtigen Ahornbäumen und Ulmen links und rechts der Straße wirkten die einfachen, aber hübschen Häuser und die Garagen mit ihren eingesunkenen Dächern noch kleiner und bescheidener.

Eine nette Gegend, dachte sie. Sicher und heimelig. In den Gärten blühten Pfingstrosen, Hortensien, viele Rosen und Löwenmäulchen. Wäsche flatterte in der Sonne an der Leine, und Kinder fuhren auf ihren Rädern zwischen den Häusern hin und her. Ein paar Knirpse waren gerade auf den Apfelbaum vor dem Haus der Familie Lipschitz geklettert. Für Rosa war es immer noch das Haus der Lipschitzs, obwohl Lindas Eltern schon vor Jahren nach Vero Beach in Florida gezogen waren.

Sie stellte ihren Wagen am Straßenrand vor dem Haus Nummer 115 ab und betrachtete den Garten, der so gepflegt war, dass die Leute oft stehen blieben und ihn bewunderten. Eine sorgfältig gestutzte Hecke schützte die Rosensträucher, die von Frühling bis Winter in Blüte standen. Jede der Rosensorten hatte einen Namen.

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