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Und er stellte ein Kind in die Mitte

Ignatianische Impulse

Herausgegeben von Stefan Kiechle SJ, Willi Lambert SJ

und Martin Müller SJ

Band 63

Ignatianische Impulse gründen in der Spiritualität des Ignatius von Loyola. Diese wird heute von vielen Menschen neu entdeckt.

Ignatianische Impulse greifen aktuelle und existentielle Fragen wie auch umstrittene Themen auf. Weltoffen und konkret, lebensnah und nach vorne gerichtet, gut lesbar und persönlich anregend sprechen sie suchende Menschen an und helfen ihnen, das alltägliche Leben spirituell zu deuten und zu gestalten.

Ignatianische Impulse werden begleitet durch den Jesuitenorden, der von Ignatius gegründet wurde. Ihre Themen orientieren sich an dem, was Jesuiten heute als ihre Leitlinien gewählt haben: Christlicher Glaube – soziale Gerechtigkeit – interreligiöser Dialog – moderne Kultur.

Inhalt

Vorwort

I.

Erste Schritte – Gedanken zu einem Gemälde von Vincent van Gogh

II.

Kind-Sein – elementare Wirklichkeit des Menschseins

III.

Erstauntsein und Erschrecken

IV.

Das Evangelium der Kindheit Jesu – Schlüssel zu unserem eigenen Kind-Sein

V.

»Und das Wort ist Kind geworden«

VI.

Simeon und Hanna: Langes Warten – erfüllte Sehnsucht

VII.

Im Tempel verloren und wiedergefunden – Vom Geheimnis, Gott zu gehören

VIII.

Die Botschaft des armen Kindes

IX.

»Der junge Jesus wuchs heran …« – Abschied nehmen vom Leben der Kindheit

X.

»Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder …« – Ohnmacht und Vollmacht Jesu, des erwachsenen Kindes

XI.

Wie geschrieben steht … – Schriftstellen vom Kind-Sein

Anmerkungen

Vorwort

»Klein sein« oder gar »sich klein machen« klingt heute nicht attraktiv und modern – eigentlich war es noch nie der Fall. Eine erste Ideensammlung zum Thema geistlicher »Kind-Werdung« war so überschrieben: »Gott hat sich klein gemacht«. Wer sich heute klein macht, gerät rasch in Verdacht, an Minderwertigkeitsgefühlen zu leiden, kein Selbstbewusstsein zu besitzen oder von Unterwürfigkeit geprägt zu sein. Von solchem »Sich-klein-Machen« ist hier nicht die Rede. Im Evangelium ist, im unverzichtbaren Zusammenhang mit der Menschwerdung Jesu, die Rede vom Geheimnis des Kind-Seins Jesu. Und Jesus selber als »erwachsenes Kind« stellt einmal ein Kind in die Mitte, und dies als Antwort auf die Frage, was der Weg ins Reich Gottes und zu unvergänglicher Lebendigkeit sei. Und unmissverständlich heißt es: »Wenn ihr euch nicht bekehrt und nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen« (Mt 18,3–5; Mk 9,33–37; Lk 9,46–48). Gibt es eine Religion, die dem Kindsein eine solche lebenstragende, existentielle und zentrale Rolle zuweist, darf mit Recht gefragt werden.

Die Kind-Worte biblischer Wegweisung legen natürlich die Frage nahe, was denn Kindsein im Sinne Jesu bedeutet, aber auch nach dem Kind, den Kindern heute. Stehen sie in der Mitte oder doch sehr am Rande? Können sie wegweisend sein für menschliches Leben? Eine Antwort im Stil von Zeitungsüberschriften würde wohl ungefähr so lauten: Geburtenrate in Deutschland beängstigend niedrig – Betreuungsgeld und zu wenig Kindertagesstätten – China: Besuchspflicht für Kinder bei ihren Eltern in Altersheimen – Menschheit wächst um ca. 80 Millionen pro Jahr – Kinder zu Kindersoldaten gedrillt – Missbrauchte Kinder – Kinder in diese Welt setzen – und sie ihr damit aussetzen? – Kinderhilfswerke …

Und dann doch immer auch Eltern, welche die Geburt von Kindern ersehnen, nicht nur aus Gründen der Alterssicherung; und dann doch das Kind als Zeichen für neues Leben, für Zukunft, für Ursprünglichkeit, für Natürlichkeit, für strahlende Augen; und doch das Kind als eines der größten Glücksmomente im Leben und als Urbild des Menschen im Menschen; und schließlich: Alle, die dankbar sind für das unfassbare Geheimnis und Abenteuer ihres eigenen Lebens – sie alle sind einmal Kind gewesen und wohl auch in einem tiefen Sinn geblieben. Sie sind herangewachsen zu »Söhnen und Töchtern« des einen und einzigen Gottes – so die Verkündigung Jesu. So sind sie alle untereinander Brüder und Schwestern.

Kinder können nur in Beziehung zu Eltern, Erwachsenen oder anderen Menschen ihr Leben leben. Aber vielleicht ist gerade dies ihre wichtigste Botschaft: Leben heißt, in Beziehung zu leben; »alles wirkliche Leben ist Begegnung« (Martin Buber). Und Leben heißt, im Leben Leben zu lernen. »Erwachsen-Werden und Kind-Bleiben« ist im Evangelium ein entscheidendes Ziel aller Nachfolge auf dem Weg mit Jesus. Jünger zu sein heißt, lebenslang ein Lernender zu sein und in diesem Sinne Kind.

Es scheint, dass gerade dieser Aspekt in geistlichen Besinnungstexten, auch in Exerzitientagen, in Zeiten des geistlichen Übens, nicht selten zu kurz kommt. Der frühere Generalobere der Gesellschaft Jesu, Pater Peter Hans Kolvenbach, machte vor einiger Zeit in einem nachdenklich machenden Artikel auf dieses Defizit aufmerksam: »Verbergt nicht das verborgene Leben Jesu!« Andernfalls würde Wesentliches der Botschaft Jesu und seines eigenen Bewusstseins in seiner Beziehung zu Gott als »Abba«, als seinem und unserem Vater, aus dem Blick geraten.

Die Überlegungen dieses Buches möchten für das eigene Glaubensbewusstsein und Gebetsleben behilflich sein. Sie können und wollen aber auch durch ihre Einsichten, Impulse und Fragen für die Exerzitien des hl. Ignatius von Loyola anregend wirken – sowohl für diejenigen, die den Exerzitienweg gehen, wie auch für jene, die andere dabei begleiten.

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Vincent van Gogh, Erste Schritte © bpk | The Metropolitan Museum of Art, New York

I.

Erste Schritte – Gedanken zu einem Gemälde von Vincent van Gogh*

Ein in leuchtenden Farben gemaltes Bild, eine junge Familie, eine ländliche Idylle. In einem umfriedeten Garten hinter dem Wohnhaus ist eine junge Frau mit ihrem Kleinkind gerade durch das Gatter getreten, führt das Kind dem überrascht-beglückten Vater entgegen.

Ein erster Eindruck, den man haben kann: ein Kind, das nur kleine, sehr kleine Schritte tun kann; ein Kind, von der Mutter geführt, vom Vater freudig erwartet. Überall hilfreiche und sprechende Hände! Auch das Kind streckt seine kleinen Hände aus, sieht den Vater – und kann plötzlich nur noch eines: in dessen ausgebreitete und einladende Hände hineinlaufen.

Vieles ist hier angedeutet: Nähe suchen – Geborgenheit erfahren – willkommen geheißen werden – gehalten sein – kleine Schritte tun auf jemanden zu, der uns erwartet. Die Eltern haben und nehmen sich Zeit. Wichtige Zeit. Weil es das Kind gibt, weil ein Kind Zeit braucht. Der Vater hat seine Schaufel beiseitegelegt, ist in die Hocke gegangen und hat sich für das kleine Kind klein gemacht. Vielleicht hört das Kind zum ersten Mal den Lockruf »Komm!«. Vielleicht helfen die Hände der jungen Mutter dem Kind zu begreifen, was ihm ermunternd gesagt wird: »Geh!« Und so geschieht es: Das Kind macht erste Schritte. Es »weiß« nicht, dass es Schritte macht, aber es sieht und erlebt Arme, die es willkommen heißen. Im Vertrauen auf diese einladenden Arme kann das Kind etwas, was es vorher nicht konnte: Schritte tun, weil es erwartet ist. Es beginnt auf ein »Du« zuzugehen, das es unendlich gut mit ihm meint.

Ein Familien-Idyll? Ja, vielleicht – aber vielleicht auch mehr. Nicht zufällig spielen in dem Bild, das van Gogh »Erste Schritte« genannt hat, Arme und Hände der Eltern eine entscheidende Rolle: die weit ausgebreiteten Arme des Vaters, die Stütze und Halt gebenden Hände der Mutter, die das Kind zwar führen, ihm aber gleichzeitig zutrauen, die wichtige Freiheit für die ersten eigenen Schritte auszuprobieren. Halt geben – und doch die selbst gewählten Schritte ermöglichen helfen. Das Kind selbst: In einem noch ungebrochenen Vertrauen ahnt der kleine Mensch, dass da jemand ist, dem er sich überlassen kann.

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