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Und endlich siegt die Liebe

1. KAPITEL

Wie ein dunkler Koloss ragte Wolfe Manor im Hintergrund auf, als Mollies Taxi vor dem hochherrschaftlichen Anwesen stoppte.

„Und was jetzt, Miss?“, fragte der Fahrer über die Schulter gewandt. „Die Tore sind zu.“

„Tatsächlich?“ Mollie reckte den Hals, um besser sehen zu können. Die Fahrt vom Flughafen hierher hatte sie gegen ihr Gepäck gelehnt gedöst, jetzt versuchte sie, sich in der Dunkelheit zu orientieren. „Seltsam, früher waren sie nie geschlossen.“

Zu müde und erschöpft, um sich weiter damit auseinanderzusetzen, gähnte sie und reckte die steifen Glieder. Vielleicht hatten übermütige Jugendliche auf dem Gelände ihr Unwesen getrieben, die Anlagen verwüstet oder Steine in die Fenster des Herrenhauses geworfen.

„Egal“, entschied Mollie und fischte ein paar Banknoten aus ihrer Handtasche. „Sie können mich gleich hier rauswerfen, den Rest gehe ich einfach zu Fuß.“

Der Taxifahrer machte ein skeptisches Gesicht. Weit und breit gab es keine Straßenlaterne oder sonstige Lichtquellen. Unsicher zuckte er mit den Schultern und nahm das Geld. „Ganz sicher, Miss?“, vergewisserte er sich dann doch noch einmal.

„Kein Problem“, beruhigte Mollie ihn. „Mein Cottage liegt ganz in der Nähe. Den Weg dorthin würde ich mit verbundenen Augen finden.“

Dass sie das Anwesen wie ihre Westentasche kannte, war nicht geprahlt. Solange Annabelle hier gelebt hatte, war sie beinahe täglich unzählige Male zwischen dem Herrenhaus und dem Gärtnercottage hin- und hergelaufen. Da die einzige Tochter von William Wolfe den Familienstammsitz nur selten verlassen hatte, war die forsch fröhliche Gärtnertochter Mollie zu ihrer besten Freundin und Verbündeten geworden.

Doch jetzt war Annabelle schon lange fort und als bekannte Fotografin in der ganzen Welt unterwegs. Wie ihre zahllosen Brüder. Jacob, der Älteste, hatte den Auszug aus Wolfe Manor angeführt, als er mit gerade mal achtzehn Jahren der Familie den Rücken gekehrt hatte. Ohne ein Wort der Erklärung verschwand er quasi über Nacht und ließ seine jüngeren Geschwister einsam, verängstigt und ratlos zurück.

Unwillig drängte Mollie die trüben Gedanken zurück und versuchte, sich auf das zu konzentrieren, was vor ihr lag. Ihr Flug von Rom nach London war um mehrere Stunden verschoben worden, deshalb stand sie nun viel später als geplant vor den Toren von Wolfe Manor. Doch es war nicht allein ihre körperliche Erschöpfung, die alte Erinnerungen in ihr aufkommen ließ.

Sechs lange Monate hatte sie jede Vernunft und Zukunftsplanung zur Seite geschoben, war ganz allein einmal quer durch Europa gereist und schließlich in Italien hängen geblieben. Einfach nur zum Vergnügen und um Abstand zu gewinnen. Aber im Dunkeln ganz allein heimzukehren, war etwas anderes, zumal sie nicht erwartet wurde. Von wem auch?

Es gab niemanden mehr auf Wolfe Manor … außer ihr.

Und ich werde auch nicht lange bleiben! nahm Mollie sich fest vor. Sobald sie die letzten Sachen ihres Vaters zusammengepackt hatte, würde sie sich eine Wohnung im nächsten Ort suchen. Eine kleine, helle Wohnung ohne lastende Erinnerungen.

Während sie an die Unmengen von Ideen und Entwürfen dachte, die sie in ihrem Notebook festgehalten hatte, schlich sich ein Lächeln auf ihre Lippen. Sie war bereit, ein neues Leben zu beginnen, voller Energie und mit neuen Wurzeln, die sie sich selbst schaffen würde.

Selbstbewusst zupfte sie ihre schicke Leinenjacke zurecht, die sie auf einem Markt in Rom erstanden hatte, und sah an ihren stylishen engen Jeans in den knielangen Stiefeln aus weichem italienischem Leder hinunter. Ebenfalls eine Neuerwerbung, an die sie sich noch gewöhnen musste, da sie normalerweise eher Gummistiefel trug. Ihre gesamte Kleidung, zusammen mit dem Notebook voll aufregender Pläne aus dem Bereich Gartenarchitektur und Landschaftsgestaltung, waren Teil ihrer neuen Identität.

Mollie Parker, die mutig einer aufregenden Zukunft entgegenging!

Handtasche und Laptoptasche energisch geschultert, zog sie ihren schweren Rollkoffer hinter sich her. Immer entlang der Steinmauer, die das Anwesen vom Rest der Welt abschottete. Als das Mauerwerk von einer ebenso hohen, dichten Hecke abgelöst wurde, spürte Mollie ein leichtes Kribbeln im Nacken. Während sie langsam weiterging, wuchs ihre Anspannung, bis sie ihr geheimes Schlupfloch von früher fand. Dass es noch vorhanden war, erfüllte sie mit Genugtuung.

Während sie sich samt Gepäck hindurchzwängte, überlief sie ein wohliges Schaudern. Sekundenlang schloss sie die Augen und atmete tief die würzige Abendluft ein. Sie kannte hier jeden Quadratzentimeter Grund und Boden und hatte sich früher immer vorgestellt, das ganze Land gehöre ihr. Im Herrenhaus selbst, das sie düster und bedrückend in Erinnerung hatte, war sie nur selten und sehr ungern gewesen.

Auch Annabelle hatte sich damals in Mollies gemütlichem Zuhause viel wohler gefühlt als in ihrem eigenen Heim. Das von einem kleinen Garten umgebene Gärtnercottage lag weitab vom Herrenhaus, versteckt hinter einer weiteren hohen Hecke.

Doch Mollie fand den Weg ohne Probleme. Als sie unversehens von einem lieblichen Duft eingehüllt wurde, spürte sie einen dicken Kloß im Hals. Trotz der Dunkelheit sah sie ihren Vater vor sich, wie er behutsam die üppig blühenden Rosenstöcke beschnitt. Sie waren sein ganzer Stolz gewesen. Selbst nachdem Wolfe Manor verwaist war und jeder seiner eigenen Wege ging, blieb Henry Parker auf dem verwilderten Anwesen und hielt wenigstens seinen geliebten Rosen die Treue – bis zu seinem Tod vor sieben Monaten.

Mollie blinzelte ein paar Tränen weg, während sie den Schlüssel in ihrer Tasche suchte. Keine Sentimentalitäten! rief sie sich streng zur Ordnung. Vor dir liegt ein fantastisches neues Leben, mein Mädchen!

Im Hausinnern war es stickig. Es roch nach Staub und Einsamkeit. Sie hätte Bekannte aus dem Dorf bitten können, das Cottage zu lüften. Aber der ohnehin lose Kontakt zu alten Kindheitsfreunden war in der letzten Zeit völlig eingeschlafen. Seufzend suchte sie nach dem Lichtschalter und … nichts passierte.

Sie tastete sich weiter in die Küche, doch auch die Uhr am Herd leuchtete nicht, und der Kühlschrank war ebenfalls aus, wie sie feststellte. Hatte sie etwa vergessen, die Stromrechnung zu bezahlen, als sie vor sechs Monaten zu ihrem Europatrip aufgebrochen war?

Mit einem tiefen Seufzer schob Mollie ihr Gepäck aus dem Weg. Anstatt sich als Erstes eine Tasse Tee zu kochen, wie sie es vorgehabt hatte, suchte sie nach der Taschenlampe, die ihr Vater im Garderobenschrank deponiert hatte. Zum Glück funktionierte wenigstens sie noch! Als Mollie im matten Lichtkegel die vertrauten Möbel sah, machte sich doch noch Wehmut in ihr breit.

Alles war wie immer. Der Tisch stand an gewohnter Stelle, genau wie das altersschwache Sofa. Sogar die Arbeitsstiefel ihres Vaters waren wie gewohnt neben der Hintertür aufgereiht und mit Gartenerde verdreckt. Sie wirkten so passend und richtig an dieser Stelle, dass sie gar nicht daran denken konnte, sie wegnehmen zu müssen. Und doch würde sie niemand mehr tragen …

Erst in diesem Moment wurde Mollie bewusst, wie einsam und allein sie war. Allein in dem kleinen Cottage, allein auf Wolfe Manor – als einziges Kind ihrer Eltern, die nun beide tot waren –, allein auf der Welt.

Jacob konnte nicht schlafen, wie so häufig. Aber eine durchwachte Nacht war immer noch besser, als zu träumen. Denn seine Träume waren so ziemlich das Einzige, was er nicht unter Kontrolle hatte. Ohne dass er es verhindern konnte, drängten sie aus seinem Unterbewusstsein an die Oberfläche und vergifteten sein Gemüt mit unerwünschten Erinnerungen, die er im wachen Zustand niemals zulassen würde.

Von Unruhe getrieben verließ er sein Schlafzimmer und gleich darauf auch das Haus. Er wollte nicht wie ein gefangenes Raubtier durch die düsteren Räume tigern, in denen so viel Schmerz und Kummer gehaust hatten.

Gib zu, du erträgst es einfach nicht! korrigierte er sich, unfähig, sich selbst zu belügen, und sei es auch nur in Gedanken. Seit sechs Monaten in Wolfe Manor zu leben, um die notwendigen Renovierungen zu überwachen und den anschließenden Verkauf in die Wege zu leiten, hatte er sich selbst als seelischen Belastungstest auferlegt.

Und jetzt, da er immer weniger Schlaf bekam, und ihn die belastende Vergangenheit einholte und zu überwältigen drohte, betrachtete er sich fast als Versager.

Mit langen Schritten lief er an den Schlafräumen seiner Geschwister vorbei, die sich alle leer und verlassen aneinanderreihten, und zwang sich, die breite gewundene Treppe hinunterzugehen, eines der architektonischen Schmuckstücke des Hauses. Er passierte das Arbeitszimmer, in dem er den Entschluss gefasst hatte, Wolfe Manor, seine Familie und sich selbst hinter sich zu lassen …

Nur vor sich selbst konnte man nicht wirklich davonlaufen.

Draußen war die Luft frischer, klarer. Jacob atmete tief durch und zog eine flache Mag-Lit aus der Hosentasche. Doch die quälenden Erinnerungen würde auch der helle Strahl der Taschenlampe nicht verscheuchen können.

Hier haben sich meine Brüder in den Schlaf geweint. Hier war ich kurz davor, meine eigene Schwester zu schlagen. Hier habe ich meinen Vater getötet …

„Schluss damit!“, sagte er laut und hart. Es war eine Warnung an sich selbst.

In den letzten zwanzig Jahren hatte er gelernt, seinen Körper und seinen Verstand unter den eigenen Willen zu zwingen. Der körperliche Aspekt war sehr viel einfacher gewesen, eine Sache harten physischen Trainings, lächerlich einfach im Vergleich zu seinem Gehirn. Die leise wispernden Stimmen in seinem Kopf, die nagenden Schuldgefühle und Selbstvorwürfe, sie waren es, die ihn nicht zur Ruhe kommen ließen. Um sie zu bekämpfen und zu besiegen, musste er wachsam und unerbittlich sein. Besonders wenn sein altes, dämonisches Ich seinen hässlichen Kopf erhob und ihn nicht freigeben wollte.

Das Schlimmste blieben die Albträume, denn im Schlaf war er verwundbar.

Dabei gelang es ihm nach Jahren endlich, sie in Schach zu halten. Doch seit er nach Wolfe Manor zurückgekehrt war, peinigten sie ihn aufs Neue, brutaler und gnadenloser denn je. Selbst wenn er aufwachte und mit geballten Fäusten schweißgebadet dalag, hallte noch das Echo wüsten, verächtlichen Gelächters bis in den letzten Winkel seiner Seele.

Noch einmal blieb Jacob stehen, atmete tief durch und versuchte, Körper und Geist zur Ruhe zu zwingen. Dann knipste er seine Mag-Lite an und marschierte los. Einen Großteil der ausgedehnten Gartenanlagen hatte er sich bei seinen nächtlichen Wanderungen bereits zurückerobert, obwohl er bezweifelte, dass er jemals das gesamte Anwesen bis in den letzten Winkel würde erkunden können.

Doch die symmetrisch angelegten Gartenwege, flankiert von Bäumen, Sträuchern und blühenden Stauden, beruhigten sein Gemüt, auch wenn sie inzwischen von Unkraut überwuchert waren. Kühle Nachtluft strich über seine erhitzte Stirn und fegte seinen Kopf frei, wenigstens für eine Weile. Er dachte an nichts und lief stur geradeaus, als hätte er ein festes Ziel, doch so war es nicht.

Wolfe Manor renovieren, um es zu verkaufen? Du läufst ohnehin wieder davon!

Jacks sarkastische Prophezeiung ließ ihn einfach nicht los. Sein Bruder war immer noch wütend auf ihn, weil er ihn damals so schmählich im Stich gelassen hatte. Jacob hatte nichts anderes erwartet und verstand ihn sogar. Einen ähnlichen Gesichtsausdruck wie Jacks hatte er während der seltenen Familientreffen in der letzten Zeit auch bei seinen anderen Geschwistern beobachtet, obwohl sie ihm vergeben hatten. Inzwischen war er wieder mit ihnen versöhnt. Mit allen bis auf Jack …

Abrupt blieb Jacob stehen, weil ihn irgendetwas irritierte. Ihm war, als tanze ein Lichtschein in seinem Augenwinkel, und als er den Kopf drehte, sträubten sich ihm die Nackenhaare. All seine Sinne waren augenblicklich auf Alarm geschaltet.

Ein Stück vor ihm, zwischen dichten Bäumen, flackerte tatsächlich ein Lichtschein. Vielleicht dreiste Lümmel aus dem Dorf, die über die Mauer geklettert waren, um ein Lagerfeuer zu machen? Aus eigener unrühmlicher Erfahrung in seiner Jugend wusste Jacob nur zu gut, wie schnell so etwas außer Kontrolle geraten konnte.

Rasch durchquerte er die dichte Birkenschonung, die den angelegten Gartenteil von der ungezähmten Wildnis trennte. Endlich hatte er ein Ziel und steuerte entschlossen darauf zu, nur um überrascht innezuhalten, als er nach dem kleinen Wäldchen unvermutet in einem weiteren Garten landete, in dessen Mitte ein weiß getünchtes Cottage stand. Mit seinem tiefgezogenen Strohdach und den alten Butzenscheiben wirkte es wie aus einem Märchenbuch.

Das Feuer brannte offenbar im Innern des Zwergenhäuschens, von dessen Existenz Jacob bisher nichts gewusst hatte, obwohl es sich auf seinem Besitz befand. So, wie der Eindringling, den er gleich das Fürchten lehren würde!

Der Albtraum, vor dem er gerade geflohen war, lauerte noch in seinem Hinterkopf, sodass er sich gar nicht erst in künstliche Rage bringen musste. Mit schnellen Schritten lief er um das Cottage und stieß die Haustür ohne Vorwarnung auf.

Der Schrei, der gleich darauf ertönte, fuhr ihm durch Mark und Bein. Es war der Schrei einer Frau, die er im Weitergehen mit einem Schürhaken in der Hand vor einem offenen Feuerplatz stehen sah. Der Feuerschein ließ ihr üppiges, langes Haar in der gleichen Farbe aufleuchten wie die Flammen im Kamin. Jetzt richtete sie sich zu ihrer vollen Größe auf und hielt ihm unerschrocken den eisernen Haken wie einen Degen entgegen.

„Würden Sie so freundlich sein, mich nicht zu blenden?“, hörte sich Mollie nach der ersten Schrecksekunde sagen. Zum Glück neigte sie nicht zu übermäßiger Panik, trotzdem mochte sie es gar nicht, derartig überfallen zu werden.

Das klang so autoritär und gleichzeitig überraschend gelassen, dass Jacob automatisch gehorchte. Natürlich wusste er, dass er die Einbrecherin mit spielender Leichtigkeit entwaffnen konnte, doch er wollte ihr nicht unnötig wehtun.

Nie wieder wollte er jemandem wehtun.

Während er sie von dem feurigen Lockenschopf über das stylishe Outfit bis zu den kniehohen Lederstiefeln musterte, überlegte Jacob, was die schöne Fremde mit der milchweißen Haut auf seinem Grund und Boden verloren hatte.

Dann sah er, wie sich ihre Augen plötzlich schockiert weiteten. In der nächsten Sekunde fiel der Schürhaken scheppernd zu Boden.

„Jacob?“

Sie hatte ihn nicht gleich erkannt, als er wie ein Wahnsinniger aus einem Horrorfilm ins Cottage gestürmt kam. Doch als sie endlich nicht mehr von ihm geblendet wurde, dämmerte Mollie, wer sie derart überfallen hatte.

Jacob Wolfe, der Besitzer von Wolfe Manor, war zurückgekehrt!

Er war älter geworden, natürlich, und wirkte größer als in ihrer Erinnerung, muskulöser, durchtrainierter und ungeheuer maskulin. Selbst in ihrem Schockzustand bemerkte sie, wie sensationell das verblichene graue T-Shirt und die abgetragene Jeans seinen Prachtkörper zur Geltung brachten. Das dunkle Haar war ungekämmt und eine Spur zu lang, die Augen nachtschwarz und … kalt.

Mollie hatte das Gefühl zu träumen.

Er konnte es nicht sein. Jacob war weggegangen und hatte seine jüngeren Geschwister in hilfloser Verzweiflung zurückgelassen. Er war einfach verschwunden, möglicherweise sogar tot. Seit fast zwanzig Jahren hatte sie ihn weder gesehen noch etwas von ihm gehört.

Und jetzt stand er leibhaftig vor ihr.

Während Mollie ihn sprachlos anstarrte, überfluteten sie verwirrende Emotionen. Überraschung, Erleichterung und ein beunruhigendes Glücksgefühl. Und dann wallte ganz unerwartet heiße Wut in ihr empor. Sie hatte mit ansehen müssen, was Jacobs Verschwinden bei seinen Geschwistern ausgelöst hatte. Und sie selbst hatte es auch nicht unberührt gelassen, ebenso wie ihren Vater. In den einsamen Jahren danach hatte sich Mollie wiederholt gefragt, ob der langsam fortschreitende Ruin des einstmals prächtigen Hauses und Gartens nicht auch den geistigen Verfall ihres Vaters beschleunigt hatte.

Wie oft hatte sie sich quälenden Fantasien hingegeben: Was wäre gewesen, wenn … wenn Jacob geblieben wäre … wenn alle Wolfes geblieben wären … wenn sie ihr Heim und das Anwesen geliebt hätten?

Doch inzwischen war es zu spät. Das Haus verfiel zur Ruine, ihr Vater lebte nicht mehr, und auch sie war im Begriff, die Segel zu streichen. Ausgerechnet jetzt musste Jacob zurückkommen. Mollie wusste nicht, ob sie darüber froh sein sollte.

Sie versuchte, in seinem undurchdringlichen, harten Gesicht zu lesen, fühlte die Kälte und Bitterkeit, die von ihm ausging, und schauderte innerlich.

„Wir kennen uns?“ Die bedachtsam gewählten Worte kamen kontrolliert ohne eine Spur von Emotion.

Mollie lachte kurz auf. „Oh, ja, ich kenne dich auf jeden Fall, und du mich auch, obwohl du dich offensichtlich nicht daran erinnern kannst. Aber ich bin daran gewöhnt, dass man mich schnell vergisst.“ Und das nagte immer noch an ihr, auch wenn sie es nie zugegeben hätte. Wie oft hatte sie die Wolfe-Kinder heimlich beim Spielen beobachtet oder ihnen sehnsüchtig nachgeschaut, wenn sie zu einem Ausflug nach London aufbrachen, um sich in dem tollen Kaufhaus zu vergnügen, das ihrer Familie gehörte. In einer kleinen Ecke ihres Herzens war sie neidisch gewesen. Doch damals hatte sie auch noch nicht durchschauen können, wie unglücklich und angstvoll ihr Leben hinter der schönen Fassade aussah.

Wenigstens hatten sie einander gehabt, bis Jacob eines Tages verschwand …

Inzwischen hatte er seine Taschenlampe wieder angeknipst, wanderte herum und begutachtete die schlichte Möblierung, bis zur altersschwachen Garderobe, an der immer noch der Mantel ihres Vaters hing. Aus der Tasche schauten das Mundstück seiner Pfeife und die Bänder des ledernen Tabakbeutels hervor, und auf dem Dielenschränkchen lag noch ein Stapel Post, die niemand mehr beantworten würde. Mollie spürte einen Stich im Herzen, wenn sie daran dachte, was ihr noch an traurigen Verrichtungen bevorstand, bevor sie das Cottage für immer verlassen würde.

Der Lichtschein stockte, als er auf ihrem Gepäck landete.

„Du bist die Tochter des Gärtners.“

„Der Name meines Vaters war Henry Parker“, sagte sie steif und spürte einen bitteren Geschmack im Mund.

„Was?“ Offenbar war er mit den Gedanken schon wieder ganz woanders.

„Er ist vor sieben Monaten gestorben.“

„Mein Beileid“, murmelte Jacob mechanisch und wies mit dem Kinn auf das Gepäck neben der Eingangstür. „Du bist gerade erst gekommen?“

„Ja, aus Italien.“ Erst verspätet merkte Mollie, wie seltsam sich das anhören musste. Ihr Vater starb, und sie reiste mal eben nach Italien? Sollte Jacob Wolfe doch von ihr denken, was er wollte! entschied sie im Stillen und presste unwillkürlich die Lippen zusammen. Sie war ihm schließlich keine Erklärung schuldig.

„Verstehe.“

Nichts verstehst du!

„Und du bist zurückgekommen, weil …“ Es hörte sich eher nach einem Vorwurf als nach einer Frage an.

Mollie reckte ihr Kinn vor und schaute Jacob fest in die Augen. „Weil es mein Heim ist, seit dem Tag, an dem ich hier geboren wurde. Nur weil du Wolfe Manor einfach den Rücken gekehrt hast, müssen ja nicht alle anderen deinem Beispiel folgen.“

Sie sah, wie er sich versteifte, und spürte seine Feindseligkeit und unterdrückte Wut sogar körperlich. Dann schien er sich plötzlich zu entspannen und hob arrogant die dunklen Brauen, was ihr noch weniger gefiel.

„Du betrachtest Wolfe Manor als dein Zuhause?“, hakte er trügerisch sanft nach.

„Ja, das tue ich!“, zischte sie ihn an. „Dass es für dich nie so war, dessen bin ich mir sehr wohl bewusst“, fügte sie mit einer Arroganz hinzu, die seiner in nichts nachstand. „Aber keine Angst, ich werde nicht lange bleiben. Eigentlich bin ich nur zurückgekommen, um die letzten Sachen zusammenzupacken.“

Jacob verschränkte die Arme vor der breiten Brust. „Sehr gut“, murmelte er mit einem zynischen Rundumblick, „das sollte nicht allzu lange dauern.“

Eine derartige Taktlosigkeit verschlug Mollie die Sprache, aber nur bis ihr dämmerte, was seine rüde Bemerkung offenbar implizierte. „Du willst, dass ich noch heute Abend verschwinde?“, vergewisserte sie sich.

„Ich bin nicht so herzlos, wie du anzunehmen scheinst“, entgegnete Jacob gelassen. „Meinetwegen kannst du heute Nacht hier schlafen.“

Mollie schluckte trocken. „Und dann?“

Seine Miene verhärtete sich. „Dies ist Privatbesitz, Miss Parker.“

Nach einer Sekunde totaler Verblüffung meldete sich Mollies Kampfgeist. „Oh, ich verstehe!“, höhnte sie. „Offenbar hat der hohe Herr im Herrenhaus zu wenig Platz, sodass er dieses kleine Cottage umgehend annektieren muss!“

„Es ist Privatbesitz“, wiederholte er tonlos.

„Es war mein Zuhause!“, schleuderte sie ihm erbittert entgegen. Zum Glück zitterte ihre Stimme nur ein klein wenig. „Das Heim meines Vaters, der da oben in seinem Bett gestorben ist und …“ Sie brach ab, weil die Erinnerungen zu intim und kostbar waren, um sie zu teilen. Und erst recht wollte sie kein Mitleid erwecken.

Doch was sie gesagt hatte, entsprach der Wahrheit. Bis auf die vier Jahre, in denen sie Gartenbau studiert hatte, war dieses kleine Cottage das einzige Zuhause gewesen, das sie je kennengelernt hatte. Dass Jacob Wolfe sie so kalt lächelnd von seinem Grund und Boden jagen wollte, traf sie mitten ins Herz. Besonders, wenn sie daran dachte, dass ihr Vater sein ganzes Leben für die anmaßenden Wolfes gearbeitet hatte.

Aber wie sollte sie sich gegen den Rauswurf wehren? Im Grunde genommen war Jacob im Recht, auch wenn es ihr schwerfiel, das zuzugeben. Sie hatten hier mietfrei gelebt, solange ihr Vater als Gärtner auf Wolfe Manor gearbeitet hatte, und später war er einfach geblieben, nachdem alle gegangen waren. Gehört hatte ihnen das Cottage nie.

„Gut, ich werde nicht lange brauchen, um die Sachen meines Vaters zu ordnen, danach gehört das Cottage wieder ganz dir.“ Es schmerzte sie mehr, als sie zugeben wollte. Vor allem aber bedeutete es, dass sie ihre Zukunftspläne viel schneller umsetzen musste als geplant. Doch das ging Jacob nichts an.

„Du weißt, wo du unterkommen wirst?“

Auch das war keine Frage, sondern klang eher nach einer Anordnung.

„Ich werde im Dorf wohnen.“ Dass sie noch gar keine Bleibe hatte, musste dieser arrogante Kerl nicht wissen. Doch so forschend, wie er sie plötzlich taxierte, schien er etwas in der Art zu ahnen. Oder zu befürchten?

„Und was willst du dort anfangen? Hast du einen Job?“

Hatte sie es nicht geahnt? Er wollte sie also noch weiter demütigen! „Ich habe Gartenbau studiert und spezialisiere mich gerade auf Gartenarchitektur und Landschaftsgestaltung“, erklärte sie hoheitsvoll.

„Oh.“ Erneut hoben sich die dunklen Brauen, dann nickte Jacob energisch. „Nun, in dem Fall können wir möglicherweise eine Vereinbarung treffen, die uns beiden weiterhilft.“

Verblüfft schaute Mollie ihn an. „Ich kann mir nicht vorstellen …“

„Wenn du im Cottage bleiben willst, kannst du dir Kost und Logis verdienen, indem du für mich arbeitest.“

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