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Und doch gehören wir zusammen

1. KAPITEL

Er hatte schon lange gewusst, dass dieser Tag kommen würde.

Der Tod war ihm nicht fremd. Als Arzt begegnete er ihm allzu oft. Aber auch wenn er stets positiv dachte, wusste Dr. Peter Wilder doch, dass der Tod zum Leben gehörte.

Seine Mutter Alice war vor fünf Jahren an Krebs gestorben, und jetzt hatte er zum zweiten Mal einen geliebten Menschen verloren. Trotz der vielen Trauergäste auf dem Friedhof fühlte er sich allein. Neben seinen drei Geschwistern waren all die Freunde und Bewunderer da, die sein Vater Dr. James Wilder während seiner langjährigen Tätigkeit im Walnut River General Hospital für sich gewonnen hatte. Es war ein kalter, trüber Januarmorgen. Obwohl es noch dazu heftig schneite, waren viele Menschen gekommen, um dem Verstorbenen ihren Respekt zu erweisen.

Als Chefarzt und Vorsitzender des Verwaltungsrats war James beruflich stark eingespannt gewesen. Dennoch hatte er sich immer Zeit für seine Familie genommen und war stets für seine Söhne und Töchter da gewesen. Nun musste Peter in seine Fußstapfen treten – auch wenn die ihm unglaublich groß erschienen.

Als Ältester war er jetzt derjenige, bei denen David, Ella und Anna Rat und Hilfe suchen würden. Nun ja, Anna wohl nicht, dachte er betrübt und schaute zu ihr hinüber.

Die Geschwister hatten sich um das Grab versammelt. Aber während David, Ella und er beieinanderstanden, hatte Anna sich auf die andere Seite gestellt. Sie war zehn Jahre jünger als er – und das schwarze Schaf der Familie.

Beruflich waren David, Ella und er dem Vorbild ihres Vaters gefolgt, aber Anna hatte es nicht geschafft. Schon im ersten Jahr hatte sie das Medizinstudium abgebrochen, stattdessen Betriebswirtschaft studiert und in der Finanzwelt Karriere gemacht.

Aber es gab einen noch gewichtigeren Grund dafür, dass sie als schwarzes Schaf galt. Als Baby war Anna vor dem Eingang des Krankenhauses abgelegt worden. Von da an hatte sich James, der sich im Walnut River General für alles zuständig gefühlt hatte, um das Findelkind gekümmert. Das Baby war dem Krankenhaus anvertraut worden. Für James war es selbstverständlich gewesen, dass er die Kleine adoptierte.

Jedenfalls hatte Peter gehört, wie sein Vater genau das zu seiner Mutter gesagt hatte. Vergeblich hatte Alice versucht, das Kind, das die eigenen Eltern nicht gewollt hatten, in ihr Herz zu schließen. Vielleicht hatte James das ausgleichen wollen und deshalb seine Adoptivtochter oft den leiblichen Kindern vorgezogen. Trotz seiner guten Absichten war sein Handeln jedoch nicht ohne Folgen geblieben: Peter und seine Geschwister hatten eifersüchtig auf Anna reagiert. Vor allem David, der gegen seine Familie rebelliert hatte, um so mehr Aufmerksamkeit zu erhalten.

Nach und nach hatten sich die Kinder in zwei Lager aufgespalten – David, Ella und Peter auf der einen, Anna auf der anderen Seite. Obwohl James versucht hatte, es zu verhindern, war die Kluft zwischen ihnen immer größer geworden, und Anna hatte sich zunehmend ausgeschlossen gefühlt.

Vielleicht ist dies der richtige Zeitpunkt, aufeinander zuzugehen und von vorn anzufangen, dachte Peter. Ihr Vater hätte es so gewollt, und im Grunde waren sie vier gar nicht so verschieden. Anna hatte James Wilder mindestens so sehr geliebt wie jeder andere von ihnen.

Als Peter sich die Schneeflocken aus der Stirn wischte, sah Ella ihn an. Ella, mit ihren Rehaugen und dem kleinen Mund, den so oft ein scheues Lächeln umspielte. Ella, deren Blick jetzt voller Trauer war.

„Ich kann nicht glauben, dass er wirklich fort ist. Ich habe immer geglaubt, er würde für immer bei uns bleiben, wie eine Naturgewalt“, flüsterte sie.

„Er ist wirklich fort“, murmelte David, doch der Schmerz in seiner Stimme war deutlich zu hören.

Peter wusste, dass David nicht nur um den verstorbenen Vater trauerte, sondern auch um die verpasste Gelegenheit, sich mit ihm zu versöhnen. Zwischen James und David hatte zuletzt ein äußerst gespanntes Verhältnis geherrscht. Peter war sicher, dass sein Bruder zutiefst bereute, nicht auf seinen Vater zugegangen zu sein. Morgen ist auch noch ein Tag, hatte er immer gesagt.

Jetzt würde dieser Tag nie mehr kommen.

Peter wandte sich wieder nach vorn und starrte auf den polierten Sarg, der langsam in die gefrorene Erde hinabgelassen wurde. Mit jedem Zentimeter wurde der Verlust größer.

Leb wohl, Dad. Ich wünschte, wir hätten mehr Zeit zusammen gehabt. Es gibt noch so viel, das ich von dir wissen will, das ich dich noch immer fragen will.

Er wartete, bis der Sarg ganz unten angekommen war, trat vor und warf die rote Rose in die Grube. Sie fiel auf den Sarg und glitt wie eine Träne an der Seite hinab.

„Schlaf gut, Dad.“ Seine Stimme drohte zu versagen, und er schluckte. „Du hast es dir verdient.“ Er trat zur Seite und überließ Ella den Platz am Grab, damit auch sie ihre Rose hineinwerfen konnte. Anna dagegen wartete, bis alle Trauergäste ihnen ihr Beileid ausgesprochen hatten. Offenbar wollte sie ein letztes Mal mit ihrem Vater allein sein.

Sie sagte etwas, sprach jedoch so leise, dass er es nicht verstand. Als er Tränen in ihren Augen glitzern sah, regte sich in Peter das schlechte Gewissen. Adoptiert oder nicht, sie war und blieb seine Schwester. Wenige Tage nach ihrer Geburt hatte sein Vater sie mit nach Hause gebracht.

„Ich hab hier ein verfrühtes Geburtstagsgeschenk für dich, Alice“, hatte er verkündet.

Nie würde Peter vergessen, wie überrascht und ungläubig seine Mutter reagiert hatte. Er war damals zehn gewesen, David sechs. Gerade erst hatte ihre Mutter die Depression überwunden, die sie zeitweilig ans Bett gefesselt hatte. Ihre Reaktion hatte ihn damals verwirrt. Eigentlich hatte er erwartet, dass sie sich auf der Stelle und Hals über Kopf in das Baby verlieben würde – das taten Frauen doch, oder? Sie liebten Babys.

Aber sie lächelte nicht, als sie es seinem Vater abnahm. Im Gegenteil, ihr Mund wirkte noch schmaler als sonst.

„Sie ist sehr hübsch, nicht wahr, Jungs?“, sagte sein Vater aufmunternd, um seine Söhne einzubeziehen.

„Sie ist laut“, antwortete David mit finsterer Miene. „Und sie riecht.“

Sein Vater lachte. „Sie braucht nur eine frische Windel.“

„Können wir sie gegen ein Pony eintauschen?“, fragte David.

„Nein, David.“ James lachte und wandte sich seinem anderen Sohn zu. „Wie findest du sie, Peter?“

„Sie ist sehr klein“, hatte er knapp erwidert. Peter erinnerte sich, dass er nicht das neue Mitglied der Familie, sondern seine Mutter betrachtet hatte – voller Sorge. Sein Vater hatte über ihn mal gesagt, dass er schon alt zur Welt gekommen sei. Das war nicht ganz unwahr. Er war noch nie in seinem Leben völlig unbeschwert gewesen.

„Stimmt. Deshalb müssen wir gut auf sie aufpassen.“ Sein Vater hatte seine kräftige Hand auf Peters Schulter gelegt und ihm damit signalisiert, wie sehr er dabei auf ihn zählte. „Vor allem du. Du bist ihr großer Bruder.“

Peter erinnerte sich genau an die Szene. An sein ernstes Nicken, an die Hoffnung, seinen Vater nicht zu enttäuschen. Und an das Stirnrunzeln seiner Mutter, als sie ihrem Mann das Findelkind abgenommen hatte und nach nebenan gegangen war. Und so war Anna in ihre Familie gekommen – für David als Konkurrenz, für Peter als Last, die er zu tragen hatte. Bis heute hatte sich daran nicht viel geändert.

Harmonisch war ihr Verhältnis nie geworden. Nur mit Ella hatte Anna sich verstanden. Wann immer Peter versucht hatte, sich ihr anzunähern, war Anna auf Abstand geblieben. Und wenn sie nach Gemeinsamkeiten zwischen ihnen gesucht hatte, war er zu beschäftigt gewesen, um ihr auf halbem Weg entgegenzukommen. Zwischen ihr und David hatte praktisch Funkstille geherrscht.

Und so waren die Jahre vergangen, voller Missverständnisse und verletzter Gefühle, und die Kluft hatte sich immer weiter vergrößert.

Es war höchste Zeit, damit aufzuhören.

„Anna!“, rief Peter.

Abrupt drehten sich David und Ella zu ihrem älteren Bruder um. Anna war gerade dabei, zwischen den Trauergästen zu verschwinden, und schaute überrascht in seine Richtung. Der Wind wehte ihr das hellblonde Haar in die Augen. Blinzelnd strich sie es hinter die Ohren, und ihre hellblauen Augen blickten fragend.

Peter ging zu ihr. Er wurde das Gefühl nicht los, dass dies die einzige Chance zur Aussöhnung war, die sich ihm bieten würde. Wenn er es hier und jetzt, am offenen Grab ihres Vaters, nicht schaffte, aus ihnen eine harmonische Familie zu machen, würde es ihm nie gelingen. Er hatte keine Ahnung, woher das Gefühl kam.

Doch als er Anna erreichte, fehlten ihm plötzlich die richtigen Worte. Als Arzt verstand er es normalerweise, Menschen sein Beileid auszusprechen und sie zu trösten. Der einfühlsame Umgang mit Patienten und ihren Angehörigen war eine seiner Stärken. Es fiel ihm nicht schwer, sich in ihre Lage zu versetzen. Er konnte sich gut vorstellen, was sie durchmachten, wenn sie auf einem zugigen Korridor und im Nachthemd auf seine Diagnose warteten. Wie sein Vater war auch Peter ein warmherziger, rücksichtsvoller Arzt, und seine Patienten liebten ihn dafür.

Aber das hier war anders. Es war fast zu persönlich. Es gab eine lange Vorgeschichte, die schmerzliche Erinnerungen mit sich brachte.

Peter ließ seine Stimme sanft und warm klingen, denn er wusste, dass sie ebenso nervös war wie er.

„Bei mir zu Hause findet noch ein Empfang statt“, begann er. David und Ella waren ihm gefolgt und standen stumm hinter ihm. Er wünschte, einer der beiden würde etwas sagen. „Ich war nicht sicher, ob du das wusstest.“ Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, bereute er sie. Sie klangen nicht gerade wie eine von Herzen kommende Einladung.

„Ich wusste es nicht“, erwiderte Anna leise. Sie schaute von ihm zu David und Ella und wieder zurück. Die beiden schwiegen noch immer.

Sie sieht aus, als würde sie lieber gehen, dachte Peter. Er konnte es ihr nicht verdenken. Ohne sie würde es weniger Spannungen geben. Aber es wäre falsch, sie auszuschließen.

Erneut setzte er zu einem Versuch an. „Vielleicht hilft es uns allen, einfach ein paar Geschichten über Dad auszutauschen. Jeder scheint Hunderte davon zu kennen“, fuhr er fort und rang sich ein Lächeln ab.

Er wartete, doch statt Anna gab David ihm eine Antwort. „Klingt gut, Peter, aber mein Flug geht in zwei Stunden“, sagte er und schaute auf die Uhr. „Mir bleibt gerade noch genug Zeit, zum Flughafen zu fahren und die Sicherheitskontrolle zu passieren.“

„Nimm einen späteren Flug“, entgegnete Peter.

Sein Bruder konnte es sich leisten, das Ticket verfallen zu lassen und ein neues zu kaufen. Schließlich war David ein heiß begehrter Schönheitschirurg mit vielen prominenten Patienten. Erst kürzlich hatte das Magazin People ihn als „Chirurg der Stars“ bezeichnet. Kein Zweifel, er war das erfolgreichste Mitglied der Familie – jedenfalls finanziell. Ella dagegen war bis vor Kurzem noch Assistenzärztin gewesen, und auch Peter selbst verdiente nicht gerade ein Vermögen. Etwa vierzig Prozent seiner Patienten besaßen keine Krankenversicherung und zahlten nicht mehr für ihre Behandlung, als sie entbehren konnten. Trotzdem war er zu jeder Zeit für sie da, wenn sie Hilfe brauchten.

Annas Outfit sah teuer aus, genau wie der Wagen, den sie fuhr. Sie sprach nie über ihren Job, aber er schien eine Menge einzubringen.

David schüttelte den Kopf. „Wirklich, ich würde bleiben, wenn ich könnte. Aber ich habe gleich morgen früh eine Operation. Ein ganz kurzfristiger Termin“, erklärte er. „Das Fliegen macht mich so müde. Danach brauche ich immer mindestens acht Stunden Schlaf, sonst bin ich nicht in Bestform.“ Er machte eine Pause und schaute seinen älteren Bruder an. Sein schlechtes Gewissen war nicht zu übersehen. „Ist das okay für dich?“

Nein, dachte Peter, es ist nicht okay für mich. Aber so war das Leben. Es erschien ihm sinnlos, darüber zu diskutieren. Also nickte er. „Ich verstehe. Die Pflicht ruft.“ Heute war nicht der Tag, um sich mit David zu streiten.

„Ich muss auch gehen“, sagte Anna rasch und ohne ihn anzusehen. „Ich muss mich auf eine Sitzung vorbereiten“, fügte sie hinzu.

Sie lügt, dachte Peter. Wenn sie die Unwahrheit sagte, sah Anna stets äußerst verlegen aus.

Trotzdem ließ er es auf sich beruhen. „Man wird dich vermissen“, erwiderte er nur und fragte sich im Stillen, wer von ihnen beiden wirklich schwindelte.

Anna zögerte. „Das bezweifle ich.“ Erstaunt sahen Ella und ihre Brüder sie an. War die Wahrheit so überraschend? Oder hatten sie nicht damit gerechnet, dass sie überhaupt etwas sagte? „Kein Mensch wird mich vermissen.“

„Ich schon“, sagte Ella leise.

Anna warf ihrer Schwester einen dankbaren Blick zu. Wenn es in ihrer Familie außer ihrem Vater jemanden gab, dem sie nahestand, dann war es Ella. Sie hatte sich sogar die Zeit genommen, an Ellas Abschlussfeier teilzunehmen. Bis dahin war sie nur an Feiertagen und zum Geburtstag ihres Vaters nach Hause gekommen.

Nach seinem Tod würde sie wohl für immer fortbleiben. Im Grunde waren diese Menschen ihr fremd, und sie glaubte, dass ihre Geschwister darüber erleichtert wären. Sie bräuchten nicht mehr so zu tun, als freuten sie sich über ihren Besuch.

Lächelnd drückte Anna die Hand ihrer Schwester. „Danke, El. Aber ich muss trotzdem los.“

„Eine Stunde?“, hörte Peter sich sagen. Vielleicht war es Ellas Gesichtsausdruck, der ihn dazu brachte, noch immer nicht aufzugeben. „Nur eine Stunde. Für Dad, nicht für mich.“

„Du kannst für uns beide bleiben“, schlug David Anna gleichgültig vor, bevor er Ella umarmte und sie auf die Wange küsste. Dann gab er seinem Bruder die Hand. „Ich melde mich“, versprach er und nickte anschließend Anna höflich, aber deutlich kühler zu. „Anna, es war gut, dich zu sehen.“

Peter entging nicht, wie Annas Mund noch schmaler wurde.

So viel zum Waffenstillstand, dachte er betrübt. Vielleicht ein anderes Mal.

Mit Ella ging er in Richtung des Parkplatzes, auf dem die Limousine wartete. Er bemerkte Bethany Holloway erst, als sie neben ihm auftauchte. Hin und wieder fielen ihm hübsche Frauen auf, und diese war eine klassische Schönheit mit makellosem Teint, leuchtend blauen Augen und atemberaubend rotem Haar.

Erstaunt wandte er sich ihr zu, als sie ihm eine Hand auf den Arm legte.

„Peter, ich wollte Ihnen nur noch einmal sagen, wie leid mir das mit Ihrem Vater tut. Alle haben ihn geliebt.“

Das war nicht zu bestreiten. Wer James Wilder gekannt hatte, hatte ihn auch bewundert. Sein Vater hatte seinen Mitmenschen stets das Gefühl vermittelt, dass sie ihm wichtig waren und dass ihm ihr Wohlergehen persönlich am Herzen lag. Damit hatte er sich viel Zuneigung erworben. Es war ein seltenes Geschenk.

„Danke.“

Vielleicht war es egoistisch, aber im Moment wäre er mit seiner Trauer lieber allein gewesen. Doch das war unmöglich. Er musste stark sein, damit andere ihren Gefühlen freien Lauf lassen konnten. Ganz sicher würde es Ella nicht helfen, wenn er jetzt zusammenbrach.

Bethany schloss sich ihnen an. „Aber vielleicht war es so einfacher für ihn.“

„Wie?“

„Dass er gestorben ist.“

Abrupt blieb Peter stehen. Er konnte ihrer Logik nicht folgen. „Wie meinen Sie das?“

Überrascht sah Bethany ihn an. Mit dieser Reaktion hatte sie offensichtlich nicht gerechnet. „Stellen Sie sich doch nur mal vor, wie Dr. Wilder sich bei der Übernahme durch Northeastern Healthcare gefühlt hätte.“

Peter begriff gar nichts mehr. „Was will dieser Klinikkonzern denn übernehmen?“

Sie zog die Augenbrauen hoch. „Das Walnut River General Hospital natürlich.“

2. KAPITEL

Einen Moment lang war es so still, dass Peter fast glaubte, den Schnee fallen zu hören. Nur am Rande nahm er wahr, dass sowohl Anna als auch David noch in der Nähe standen.

„Was haben Sie gesagt?“, fragte er und sah Ella an, bevor Bethany antworten konnte. Sie war blass, ihr Blick traurig und erschöpft, und er wollte ihr in diesem Zustand nicht noch mehr zumuten. „Dir ist kalt, Ella. Warum gehst du nicht vor und wartest in der Limousine auf uns?“, schlug er vor.

Wie benommen nickte sie und setzte sich in Bewegung.

Er hat nichts davon gewusst, dachte Bethany. Noch schlimmer, die Nachricht von der bevorstehenden Übernahme des Krankenhauses schien ihn zu erschüttern. Das erstaunte sie, denn für sie klang es nach einer guten Neuigkeit. Nur Leute, die den Fortschritt aufhalten wollten, würden darin etwas anderes sehen.

Dennoch spürte sie einen Anflug von schlechtem Gewissen.

„Es ist jetzt offiziell. NHC hat Interesse daran bekundet, das Walnut River General zu kaufen“, erklärte sie lächelnd. „Es passt hervorragend in die Kette von Kliniken, die NHC verwaltet. Ihr Vater hat ein hoch angesehenes Haus daraus gemacht.“

Vielleicht zu hoch, dachte Peter, sonst könnten wir in Ruhe hier weiterarbeiten.

„Aber er hat es nicht getan, damit das Krankenhaus von einem unpersönlichen Konzern geschluckt wird“, erwiderte er empört. Dies war ein schlagender Beweis für die Gefühllosigkeit von NHC. Sein Vater war noch nicht mal ganz unter der Erde, da wollte man sich schon sein Lebenswerk einverleiben. „Für die Haie zählt doch nur der Profit, nicht der Patient.“

„Na los, Peter“, drängte David trocken. „Sprich dich ruhig aus.“

Bethany warf dem jüngeren Dr. Wilder einen Blick zu. Sie wusste, dass er nicht zum Personal der Klinik gehörte, hatte von ihm allerdings mehr als eine scherzhafte Bemerkung erwartet. Als renommierter Schönheitschirurg sollte er der modernen, effizienten Medizin eigentlich aufgeschlossener gegenüberstehen.

Ein wenig verlegen räusperte sie sich. „Jedenfalls trifft sich der Verwaltungsrat morgen, um darüber zu beschließen“, sagte sie zu Peter. „Ich dachte mir, ich informiere Sie rechtzeitig. Schließlich ist es das erste Mal, dass Sie daran teilnehmen.“

Nach dem Tod seines Vaters hatte Wallace Ford den Vorsitz im Führungsgremium übernommen, und Peter war für Wallace nachgerückt. Man hatte ihm die Position aus Respekt vor James Wilder angeboten. Er hatte sie nur aus Pflichtgefühl angenommen, denn er war kein Manager, sondern Arzt, und wollte es auch bleiben.

Jetzt nickte er nur und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr die Neuigkeit ihn beunruhigte. Heute war sein Vater beigesetzt worden. Mit der drohenden Übernahme würde er sich erst morgen beschäftigen.

„Danke.“ Als ihm bewusst wurde, wie förmlich er klang, bemühte er sich, ein wenig freundlicher zu sein. „Sehen wir uns auf dem Empfang?“

Bethany blickte ihn warmherzig an. „Natürlich. Nochmals …“ Sie nahm Peters Hand und sah ihm in die Augen. „Es tut mir wirklich sehr leid, dass Sie Ihren Vater verloren haben.“ Sie schaute zur Limousine hinüber, in der Ella inzwischen Platz genommen hatte. „Sie und Ihre Schwester“, fügte sie hinzu.

Wenigstens war es der Tod, der Peter und seinen Geschwistern den Vater genommen hat, schoss es ihr durch den Kopf. Ihre eigenen Eltern hatten sie schon vor Jahren verlassen, einfach so, als wären sie nie da gewesen.

„Bis nachher“, sagte sie und ging davon.

David schaute ihr nach. Deutlich war ihm anzusehen, dass er sich vorstellte, wie sie unter dem weißen Wintermantel aussah. „Interessantes Gesicht.“ Er wandte sich wieder seinem Bruder zu. „Ebenmäßige Züge. Anmutige Wangenknochen.“

„Musst du jeden Menschen in Gedanken auf deinen OP-Tisch zerren?“, fragte Anna leise, aber ihre Verärgerung war unüberhörbar.

David zuckte mit den Schultern. „Entschuldigung. Berufskrankheit. Das ist der Künstler in mir. Obwohl …“ Er lächelte Peter zu. „An der Frau gibt es nichts zu verschönern. Wer ist sie?“

„Bethany Holloway“, antwortete er. Bethany und er waren sich höchstens ein halbes Dutzend Mal begegnet, seit sie in Walnut River lebte. „Wir kennen uns nur flüchtig aus dem Verwaltungsrat.“

„Sie muss neu sein. Wenn ich mich recht erinnere, war der Rat immer ein Seniorenklub.“

Peter lachte. „Das ist er längst nicht mehr. Dad ist … war schon eine ganze Weile der Älteste.“ Es war schwer, sich damit abzufinden, dass sein Vater tot war. „Bethany ist Betriebswirtin und soll bei uns für effizientere Arbeitsabläufe sorgen. Sie sitzt seit sechs Monaten im Verwaltungsrat.“ Mit Unbehagen dachte er daran, was ihn morgen erwarten würde. „Jetzt gehöre ich auch dazu. Dann werde ich mich wohl mehr mit der geschäftlichen Seite unseres Krankenhauses beschäftigen müssen.“

„Du übernimmst Dads alte Position?“, fragte sein Bruder beeindruckt.

Peter schüttelte den Kopf. „Nicht ganz. Dad war Vorsitzender. Ich bin noch lange nicht erfahren genug für die Position – nicht, dass ich sie will“, betonte er, denn für ihn war der Sitz im Führungsgremium nur ein notwendiges Übel. „Er hat immer bedauert, dass es ihm so wenig Zeit gelassen hat, als Arzt zu arbeiten. Das hat er schließlich über alles geliebt.“

„Ärzte wie ihn gibt es nicht mehr, was?“ Nach einer kurzen Pause lächelte David entschuldigend. „Oh, ich wollte dich damit nicht kränken.“

„Bin ich nicht. James Wellington Wilder war einzigartig. Einen wie ihn werden wir nie wiedersehen.“

Eindringlich betrachtete David ihn. „Trotzdem – es ist für mich höchste Zeit, zu verschwinden.“

Peter ließ seinen Bruder nur ungern gehen. David kam so selten nach Walnut River. „Soll ich dich am Flughafen absetzen?“

David schüttelte den Kopf und lief zum Parkplatz. „Mein Taxi wartet. Du weißt ja, wie sehr ich lange Abschiede hasse.“

„Ja, das weiß ich. Und Ella auch.“

„Mach dir keine Sorgen wegen NHC“, riet David.

Bitter lachte Peter auf. „Das sagst du so einfach. Wie lautet deren Motto noch? Was NHC will, bekommt NHC auch?“

David grinste. Wenn es darauf ankam, würde er sein Geld auf Peter setzen. Sein Bruder machte zwar nicht viele Worte, aber in Peters Fall waren stille Wasser tief. Sehr tief sogar.

„Nein, ich glaube, es heißt: Uns ist noch nie eine Dollarnote begegnet, die uns nicht gefällt“, entgegnete David. „Und genau deshalb wird das Walnut River General eigenständig bleiben. In Dads Krankenhaus – entschuldige – in deinem Krankenhaus fühlen die Leute sich umsorgt …“

„Es ist nicht mein Krankenhaus“, verbesserte Peter. „Es ist und bleibt Dads.“

David ging nicht darauf ein, denn sie wussten beide, dass es nicht stimmte. Das Walnut River General war wie eine Geliebte in Peters Leben: Nur das Krankenhaus war wichtig, und ihm war er treu. Er hatte viele Beziehungen, aber alle nur mit seinen Patienten und Freunden. Nicht eine davon war romantischer Natur.

Seit er den hippokratischen Eid abgelegt hatte, war er mit Leib und Seele Arzt, und weder Beruf noch Berufung ließen Raum für feste Beziehungen. Auf dem College hatte er eine gehabt, aber das war lange her.

„Ruf mich an, wenn du mich brauchst“, sagte David und umarmte seinen Bruder. „Ich bin nur fünf Flugstunden entfernt – schlechtes Wetter und die Schlangen an der Sicherheitskontrolle nicht mit eingerechnet.“ Er bückte sich, um in die Limousine zu schauen. Ella öffnete das Fenster. „Mach mich stolz, kleine Schwester.“

Lächelnd schüttelte Peter den Kopf. „Druck ist genau das, was sie jetzt nicht braucht.“

„Den brauchen wir alle mal“, widersprach er unbeschwert und warf Anna einen Blick zu. „Er hält wach und macht das Leben spannend“, fügte er hinzu und eilte zu seinem Taxi.

„Ich muss auch los.“ Anna sah Peter an. „Wenn der Chauffeur mich auf dem Rückweg an meinem Hotel absetzen könnte, wäre ich sehr dankbar.“

Sie hört sich an, als würde sie mit einem Fremden reden, dachte Peter. „Kein Problem.“

Der Fahrer hielt ihm die Wagentür auf. Peter ließ Anna den Vortritt und stieg dann selbst ein.

„Bist du sicher, dass du nicht mit zum Empfang willst? Nur für ein paar Minuten“, drängte er.

„Tut mir leid, ich muss wirklich weg. Ich will mein Flugzeug nicht verpassen.

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