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Und doch ein ganzes Leben

Über dieses Buch

Dieses Buch basiert auf den Original-Tagebuchaufzeichnungen der Autorin, die für die vorliegende deutsche Ausgabe aus dem tschechischen Original übersetzt wurden. Die Autorin hat ein aktuelles Vorwort zur Herausgabe ihrer Tagebücher verfasst, zum Erscheinen der englischen Ausgabe hat sie zudem ein Interview über den Fortgang ihres Lebens nach dem Ende der Tagebuchaufzeichnungen geführt. Beide Texte gingen ebenfalls in diese Ausgabe ein. Die Zusammenstellung der Texte verantwortet der englische Originalverlag.

Helga Weiss

Und doch ein ganzes Leben

Ein Mädchen, das Auschwitz überlebt hat

Aus dem Tschechischen von Elke Čermáková

Für meine Enkelinnen Dominika, Natálie und Sára und alle jungen Menschen in der Hoffnung, sie mögen die Vergangenheit in lebendiger Erinnerung bewahren und niemals selbst erfahren müssen, was meine Generation erlebt hat.

Inhalt

    1. Vorwort
  1. Teil I – Helgas Tagebuch
    1. 1. Prag
    2. 2. Theresienstadt
    3. 3. Auschwitz, Freiberg, Mauthausen, Prag
  2. Teil II – Ein Gespräch mit Helga Weiss
    1. Karten
    2. Tafelteil
    3. Wörter, Begriffe, Ereignisse
    4. Literaturverzeichnis
    5. Bildnachweis

1. Prag

Was bedeutet das eigentlich, diese »Mobilmachung«? Alle jungen Männer müssen einrücken. Und warum? Noch vor kurzem hieß es immerzu nur Österreich, und jetzt schon wieder eine Mobilmachung. Alle reden nur noch hiervon. Aber was ist das? Warum sind Papa und Mama heute nicht zu Hause? Anstatt mir etwas über diese Mobilmachung zu sagen, sind sie weggegangen, um Radio zu hören. Das ist sowieso nur eine Ausrede, Radio hören können sie ja auch zu Hause. Bestimmt haben sie Bekannte besucht, damit sie sich über diese Mobilmachung unterhalten können. Was denken sie eigentlich von mir? Dass ich immer noch diese Kleine bin, mit der man über nichts reden kann? Ich bin doch schon groß, immerhin werde ich schon neun. Um Himmels willen, was hat die Uhr gerade geschlagen? Und ich bin immer noch auf, dabei muss ich doch morgen früh in die Schule. Wegen dieser dummen Mobilmachung hätte ich doch glatt die Schule vergessen.

Was für ein Luftangriff? In den Keller, jetzt, mitten in der Nacht? Warum weckst du mich denn, Mama? Was ist los, was geht hier vor? Was machst du denn da, du kannst mir doch nicht meine Kleider über den Schlafanzug ziehen!

Da ertönte schon im Hausflur der Gong, der alle in den Luftschutzraum rief. Papa ging in der Diele ungeduldig auf und ab, und kaum hatte Mama mir die Trainingshose übergestreift, rannten wir auch schon zum Keller. Der Hausmeister schloss einen alten Lagerraum auf, der uns Unterschlupf bieten sollte. Dort war wenig Platz, wir saßen eng aneinandergedrängt, aber letztendlich passten doch alle hinein. Anfangs sagte niemand ein Wort, nur die angsterfüllten Augen in allen Gesichtern fragten: »Was wird das wohl werden, was hat das zu bedeuten?« Nach einer Weile wurde die Stimmung jedoch ein wenig besser. Die Männer beruhigten die Frauen, obwohl sie selbst nicht weniger aufgeregt waren als diese. Sie konnten sich besser beherrschen und machten Witze. Etwa eine halbe Stunde später verkündete der Sirenenton das Ende des Luftangriffs. Alle kehrten in ihre Wohnungen zurück. Die Eltern meiner Freundin luden uns ein, den Rest der Nacht bei ihnen zu verbringen. Eva und ich wurden ins Bett geschickt, unsere Eltern blieben im Nebenzimmer, wo sie Radio hörten. Uns war so gar nicht nach Schlafen zumute. Warum sollten wir schlafen, wenn die anderen auf waren? Und wenn wir dann doch schon fast eingenickt waren, heulte die Sirene auf. Das passierte in jener Nacht noch drei Mal, und jedes Mal gingen wir in den Schutzraum.

Wir kamen die ganze Nacht nicht zum Schlafen. Wir Kinder sehnten schon den Morgen herbei. Da würde es in der Schule was zu erzählen geben! Vielleicht fällt ja sogar der Unterricht aus, das wäre prima. Die Erwachsenen hatten andere Sorgen und freuten sich deshalb nicht so sehr, wenn die Sirene aufheulte. Gott sei Dank ging aber alles gut aus. Es waren nur Alarme und kein Luftangriff.

*

Am nächsten Morgen ging ich zur Schule. Vom Unterricht bekamen wir nicht viel mit. Wegen der vergangenen Nacht waren wir alle aufgeregt und unausgeschlafen. Wir erzählten uns gegenseitig unsere nächtlichen Abenteuer. Das Erzählen wollte gar kein Ende nehmen. Nach dem Mittagessen (das nicht besonders gut war, denn niemandem stand der Sinn nach Kochen) traf sich das ganze Haus wieder im Schutzraum. Diesmal war es nicht wegen eines Luftangriffs, sondern um ihn aufzuräumen, falls wir noch einmal die ganze Nacht darin verbringen müssten. Wir trugen alle Sachen hinaus, die in den Lagerraum gehörten, die Frauen machten sich ans Fegen und Schrubben, die Männer stellten einen Verbandskasten zusammen und bereiteten einen Geheimausgang vor. Die Mütter richteten die Warenfächer als Schlafstellen für uns her. Zum Schluss brachte jeder noch einen Koffer mit Vorräten. Eine Zeitlang wurde noch erzählt und dann gingen wir in unsere Wohnungen und warteten ängstlich, was die Nacht bringen würde. Sie verlief wider Erwarten ruhig. Trotzdem entschieden Papa und Evas Vater, dass es zu gefährlich sei, in Prag zu bleiben. Gleich am Nachmittag machten sie sich auf, um irgendeine geeignete Wohnung außerhalb von Prag zu finden, in der wir bleiben könnten, bis die Gefahr vorbei war. Sie mieteten für uns zwei Zimmer in einer kleinen Villa in Úvaly. In der Zwischenzeit hatten unsere Mütter schon gepackt und am nächsten Tag fuhren wir ab.

~

Als man den Eindruck hatte, dass in Prag keine Gefahr mehr drohe, kehrten wir nach Hause zurück. Inzwischen war unser Präsident Eduard Beneš abgetreten und Emil Hácha hatte seinen Platz eingenommen. Das war die Zweite Republik. Danach war eine Weile Ruhe, aber nicht lange. Eines Tages wurde unser neuer Präsident nach Berlin gerufen, wo über die Zukunft der Tschechoslowakei verhandelt werden sollte. Wieder herrschte im ganzen Land große Aufregung. Alle ahnten, dass nichts Gutes dabei herauskommen würde. Und sie täuschten sich nicht.

~

15. März 1939

Als ich am Morgen aufwachte, saßen Mama und Papa mit hängenden Köpfen vor dem Radio. Zuerst wusste ich nicht, was geschehen war, doch schon bald wurde es mir klar. Aus dem Radio ertönte eine zitternde Stimme: »Heute Morgen um 6 Uhr 30 hat die Deutsche Wehrmacht die tschechoslowakische Grenze überschritten.« Zwar verstand ich den Sinn dieser Worte nicht ganz, aber ich spürte, dass sie etwas Schreckliches bedeuteten. Der Radiosprecher wiederholte noch mehrere Male: »Bleiben Sie ruhig und besonnen!« Ich blieb noch eine Weile im Bett. Papa kam und setzte sich zu mir auf die Bettkante. Er wirkte ernst, und ich konnte sehen, dass er sehr bestürzt war. Er sagte kein Wort. Ich nahm seine Hand und spürte, wie sie zitterte. Die Stille wurde nur vom leisen Ticken der Uhr unterbrochen. Etwas Schweres lag in der Luft. Niemand wollte das verlegene Schweigen brechen. So verharrten wir mehrere Minuten. Dann zog ich mich an und ging zur Schule. Mama begleitete mich. Unterwegs begegneten wir bekannten und unbekannten Gesichtern, doch in allen stand dieselbe Angst und Betroffenheit. Alle fragten sich: Was wird jetzt geschehen?

In der Schule herrschte gedrückte Stimmung. Das fröhliche Plappern und das sorglose Lachen der Kinder waren einem verängstigten Flüstern gewichen. Auf den Fluren und in den Klassenzimmern standen Grüppchen von Mädchen und besprachen das Geschehene. Nach dem Läuten gingen wir in unsere Klassen. An diesem Tag fand nicht viel Unterricht statt. Wir waren alle mit den Gedanken woanders und verspürten Erleichterung, als schließlich die Schulglocke wieder läutete. Nach dem Unterricht wurden viele der Mädchen draußen von ihren Eltern erwartet. Auch ich wurde von Mama abgeholt. Auf dem Heimweg sahen wir massenhaft deutsche Autos und Panzer. Das Wetter war unwirtlich, es regnete, Schnee fiel, der Wind heulte. Es war, als würde die Natur protestieren.

~

So gerieten wir, ohne zu begreifen, wie und wozu es geschah, unter die »Obhut« des Deutschen Reichs. Wir bekamen auch einen neuen Namen. Anstelle von Tschechoslowakei heißt unser Land jetzt »Protektorat Böhmen und Mähren«.

Vom 15. März an gibt es keinen einzigen ruhigen Tag mehr. Es werden immer wieder neue Verordnungen erlassen, die uns mehr und mehr unterdrücken und kränken. Kein einziger Tag vergeht ohne neue Repressalien. Uns Juden trifft es am meisten. Alles wird auf uns geschoben. Wir sind an allem schuld, alles ist unser Fehler, auch wenn wir nichts verbrochen haben. So wie wir nichts dafür können, dass wir Juden sind, können wir auch nichts für alles andere. Doch danach fragt niemand, sie haben einfach das Gefühl, ihre Wut an jemandem auslassen zu müssen, und wer würde sich da besser eignen als natürlich die Juden. Der Antisemitismus wächst, die Zeitungen sind voll von judenfeindlichen Artikeln.

*

Die judenfeindlichen Verordnungen werden immer schärfer. Große Aufregung verursachte in den jüdischen Familien die Nachricht, dass Juden nicht mehr in öffentlichen Ämtern arbeiten dürfen. Kein »Arier« (dieses Wort kannten wir bisher gar nicht) darf einen nichtarischen Juden einstellen. Jetzt kommt es Schlag auf Schlag, Erlass auf Erlass. Man weiß kaum mehr, was man tun darf und was nicht. Es ist verboten, Cafés, Lichtspielhäuser, Theater, Spielplätze, Parks zu besuchen … So viel ist verboten, dass ich mir gar nicht alles merken kann. Unter allen Erlassen war einer, der mich sehr getroffen hat: der Ausschluss jüdischer Kinder von öffentlichen Schulen. Ich war sehr unglücklich, als ich davon erfuhr. Nach den Ferien sollte ich in die fünfte Klasse kommen. Ich gehe gern in die Schule, und die Vorstellung, dass ich nie wieder mit meinen Mitschülerinnen in der Schulbank sitzen darf, treibt mir die Tränen in die Augen. Doch ich muss mich beherrschen, denn es kommen noch andere Dinge auf mich zu, und viele davon werden bestimmt viel schlimmer sein.

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Schilder in deutscher und tschechischer Sprache an einem Kinderspielplatz in Prag, 1939

1. September 1939

Der Krieg ist ausgebrochen. Das hat niemanden überrascht. So wie sich die Dinge entwickelt hatten, musste man damit rechnen. So schrecklich die Vorstellung auch ist, dass dies zu einem Weltkrieg führen könnte, ist es nicht nur für uns, sondern für alle unterjochten Völker die einzige Hoffnung auf eine glücklichere Zukunft.

*

Noch vor dem Ende der Ferien hatte Papa mich bei einer Hausunterrichtsgruppe angemeldet, damit ich weiter lernen kann. Es ist zwar nicht wie in der Schule, aber ich gewöhne mich schon langsam, und diese neue Art des Lernens beginnt mir zu gefallen. Unsere Gruppe besteht aus fünf jüdischen Mädchen. Unsere Lehrer sind zwei junge Studenten, die ihr Studium aus denselben Gründen abbrechen mussten wie wir unseren Schulbesuch. Wir treffen uns reihum in den Wohnungen von uns Schülerinnen. Anstelle eines Schulgebäudes, wie wir es bisher kannten, gibt es jetzt normale Wohnhäuser, statt eines Klassenzimmers ein Kinderzimmer. Als Schulbänke dienen uns ganz normale Stühle und ein Tisch, anstelle der großen Schultafel haben wir eine kleine Kindertafel.

~

28. Oktober 1939

Schon wieder so ein Erlass, der für Aufsehen sorgt. Diesmal betrifft er ausnahmsweise mal nicht die Juden, sondern die Studenten. Sämtliche Hochschulen werden geschlossen – weil einige Studenten eine Demonstration abgehalten haben. Einer von ihnen ist getötet worden. Bei seiner Beerdigung gab es erneut eine Demonstration. Doch damit wurde nur erreicht, dass viele Studenten in Konzentrationslager verschleppt wurden.

Es gibt immer wieder Festnahmen. Die deutsche »Gestapo« wütet in Prag, und man erzählt sich, dass sie jeden verhaften, der ihnen nicht passt. Prag ist voll von diesen Gestapo-Leuten in Uniform und auch in Zivil. Wo immer sie sind, verbreiten sie Angst und Schrecken, und jeder ist bemüht, nicht in ihre Fänge zu geraten. Doch auch wenn man mit allen Mitteln versucht, nicht in ihre Nähe zu kommen, gibt es doch viele Unglückliche, die Opfer ihrer raffiniert ausgelegten Fallen werden. Gefahr droht auf Schritt und Tritt. Wer sein Haus verlässt, weiß nie, ob er zurückkehren wird. Inzwischen gibt es nur noch sehr wenige Familien, die keinen von ihren Angehörigen im Konzentrationslager haben. Gott sei Dank sind wir bisher verschont geblieben.

~

Herbst 1940

Allmählich haben wir uns an das neue Regime gewöhnt. Wir sind abgestumpft. Selbst die schärfsten Verordnungen scheren uns kaum noch, und das, obwohl es jede Menge davon gibt. Alle Firmenschilder müssen deutsch-tschechisch sein. (Manche Übereifrige beherzigen das so sehr, dass sie nur noch deutsche Schilder an ihren Läden haben.) Die Speisekarte vor allen Restaurants hat einen Zusatz bekommen: »Židům nepřistupno – Juden nicht zugänglich.« Das ist fett gedruckt, damit niemand es übersehen kann. Schilder mit dieser Aufschrift tauchten an den Eingängen aller Vergnügungslokale, Konditoreien und Friseure auf. Der Kontakt mit Juden wird eingeschränkt. Dennoch haben meine arischen Freundinnen nicht aufgehört, mich zu besuchen. Sie bringen immer ihre Schulhefte mit, die Papa als Anleitung benutzt, denn seit Weihnachten unterrichtet er mich selbst.

So habe ich mich durch das ganze Jahr geschlagen. Ich habe meine Prüfung an der jüdischen Schule abgelegt und mein Zeugnis bekommen. Lauter Einsen. Aber warum freut mich das nicht mehr so wie früher? Ich freue mich zwar schon ein wenig, aber die Aussicht, die Ferien in Prag verbringen zu müssen, stimmt mich traurig.

Die letzten Ferien waren zwar nicht so schön wie in den Jahren davor, aber wir haben sie immerhin auf dem Lande verbracht, in einem kleinen Ort, fast schon einem Dorf, namens Cerhenice. Papa hat dort bei einem Bauern auf dem Gut gearbeitet. Wie viele andere ist er freiwillig dorthin gegangen, damit er nicht für irgendeine andere körperliche Arbeit eingeteilt wird. Der Aufenthalt dort war natürlich nicht ideal, doch da es nicht mehr viele Orte gab, an denen Juden den Sommer verbringen konnten, fand ich mich damit ab. Bis zum Wald war es zu weit, und am Badeplatz war ich auch nur ein paarmal zu Anfang, ehe das Verbot kam: »Juden ist das Baden im Fluss verboten«, damit sie, Gott bewahre, nicht das Wasser verschmutzen, in dem die Arier baden. Doch unsere Verwandten, bei denen wir untergebracht waren, hatten einen großen Garten mit einem Schwimmbecken darin – es war zwar klein, aber immerhin. Im gleichen Dorf lebten auch vier entfernte Cousinen von mir, und unsere Verwandten selbst hatten auch zwei Töchter. Wir waren also sieben Kinder, und das genügte, um nach Herzenslust spielen zu können. Wir hatten eine schöne Zeit in diesem Sommer, und dennoch war ich unzufrieden. Diese Ferien waren einfach anders als die Ferien davor. Was würde ich heute darum geben, wenigstens dorthin fahren zu können, doch das geht nicht. Juden ist es nicht erlaubt, sich weiter als 30 Kilometer von ihrer Wohnung zu entfernen. Prag im Sommer, die staubigen Straßen, uh! Das werden die ersten Ferien, die ich in Prag verbringe. Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, und deshalb konnte ich mich nicht so richtig über mein Zeugnis freuen. Aber was soll’s: Es gibt Kinder, die noch nie auf dem Lande waren, warum soll ich nicht auch mal ausprobieren, wie es ist, in der Stadt zu bleiben? Schließlich geht es nur um dieses eine Mal. Nächstes Jahr werden die Ferien wieder schöner sein. Ganz sicher. Das hier wird nicht ewig währen.

~

Sommer 1941

Und schon sind die Ferien da. Alle arischen Kinder sind abgereist. Von meinen Freundinnen ist nur noch Eva da – aber nicht die Eva aus unserem Haus, ach wo, die ist schon lange nicht mehr meine Freundin. Seit Hitler gekommen ist, schaut sie auf mich herab, wahrscheinlich glaubt sie, sie sei etwas Besseres. Wenn es ihr Spaß macht, soll sie doch.

Es ist also nur die andere Eva geblieben. Wir verbringen jeden Tag miteinander. Bei Evas Haus gibt es einen kleinen Garten, in dem wir spielen. Der Schatten ist für uns der Wald, und ein Wassertrog stellt den Fluss dar. Wir spielen tagelang und sind die besten Freundinnen. Auch unsere Eltern sind gute Freunde geworden. Bei schönem Wetter unternehmen wir sonntags gemeinsam kleine Ausflüge. Ist das Wetter schlecht, dann besuchen wir uns gegenseitig. Wir kommen immer gleich nach dem Mittagessen und bleiben bis zum späten Abend. Das heißt bis Viertel vor acht, denn nach acht dürfen wir nicht auf der Straße sein. Wir haben nie Lust, nach Hause zu gehen, und freuen uns schon immer auf den nächsten Tag, wenn wir uns wieder treffen. So vergeht ein Tag nach dem anderen, allmählich werden die Abende kürzer, die Luft kühler. Die Ferien nähern sich dem Ende.

~

Wie schnell die Zeit verging. So schrecklich war es gar nicht, in Prag zu bleiben, ich hatte mir das viel schlimmer vorgestellt. Jetzt kommen die Kinder aus den Ferien zurück, die Schule wird bald wieder beginnen. Ich kann es kaum erwarten. Ich werde wieder in die Gruppe gehen. Ich bin schon gespannt auf meine neue Lehrerin, den Unterricht und meine Mitschüler. Warum vergeht die Zeit nur so langsam? Ich zähle schon die Tage bis zum neuen Schuljahr.

~

31. August 1941

Endlich: Morgen geht die Schule los. Ich konnte ganz lange nicht einschlafen, kann an nichts anderes mehr denken. Ob es mir in der Gruppe wohl gefallen wird? Wird der Unterricht schwer sein? Wie werden meine Mitschülerinnen sein? Oder werden auch Jungs dabei sein? Eine Menge Fragen und keine Antworten. Ich wälze mich im Bett herum und kann nicht einschlafen. Jetzt schlägt die Uhr elf, und ich kann immer noch nicht schlafen. Ich fürchte, dass ich morgen nicht ausgeschlafen sein werde. Ich versuche mich zu zwingen, einzuschlafen. Ich zähle bis hundert, doch es hilft nichts. Noch mal und noch mal, ich schlafe ein …

Mein Schlaf ist unruhig, ich wälze mich herum und träume seltsame Dinge. Am Morgen bin ich als Erste wach, ich habe Angst, zu spät zu kommen, und nichts hält mich mehr im Bett. Es ist immer noch viel zu früh, um loszugehen, aber ich bin schon bereit. Ich treibe Papa an, der mich begleiten soll. Warum macht er nur so langsam? Er lässt sich mit allem Zeit, und am Ende werde ich noch zu spät kommen!

Endlich ist er fertig, und wir gehen los. Wir nehmen die Straßenbahn, es ist nicht weit, nur drei Haltestellen. Mein Gott, heute schleppt sich alles so hin. Die Bahn fährt so langsam, ich wünschte, wir wären schon da. Hier müssen wir aussteigen! Ich springe aus der Bahn, aus dem hinteren Wagen, wo sollten wir sonst sitzen? Im vorderen natürlich nicht! Der ist nur für Arier.

Wir betreten das Haus, dessen Nummer man uns vorher gesagt hat, und gehen in den zweiten Stock hinauf. Als mein Vater auf die Klingel drückt, rast mein Herz. Ich komme mir vor wie ein kleines Mädchen, das zum ersten Mal zur Schule geht. Die Tür öffnet sich langsam, und dort steht eine junge Frau – meine zukünftige Lehrerin. Ich betrachte sie prüfend. Nach einem kurzen Gespräch mit ihr lässt Papa mich hier zurück. Die Lehrerin nimmt mich mit in ihr Zimmer, unseren Unterrichtsraum. Ein langer Tisch steht dort, und zehn Stühle. Also nehme ich mal an, dass wir zu zehnt sein werden. Ich dachte ja, ich würde die Erste sein, doch es ist schon ein Junge da, ein zukünftiger Klassenkamerad.

Ich lasse mich auf einem der Stühle nieder und sehe mich im Raum um. Die Zeit vergeht schon wieder so langsam. Ich tausche ein paar Blicke mit dem Jungen aus, aber wir sprechen noch nicht miteinander. Jetzt geht wieder die Tür auf, und drei weitere Jungs kommen herein. Kurz darauf noch mal einer und dann noch zwei. Meine Güte, ich werde hier doch wohl nicht nur mit lauter Jungen zusammen sein? Alle kennen sich untereinander schon vom vorigen Jahr. Sie haben sich viel zu erzählen und beachten mich kaum, während ich sie neugierig beobachte. Ich kenne keinen von ihnen. Oder doch, der da, wenn ich mich nicht täusche, tatsächlich, es ist Honza. Wir waren vor vielen Jahren mal in der ersten Klasse zusammen, und das dort drüben muss Jirka sein. Wir haben zusammen die Prüfung gemacht. Nach einer Weile kommt ein Mädchen herein. Ich atme auf, meine Befürchtungen waren unnötig. Rasch fange ich ein Gespräch mit ihr an. Noch ein weiterer Junge kommt. Es ist neun Uhr, und der Unterricht beginnt.

In der Pause stellen wir uns gegenseitig vor. Ich fühle mich schon ganz zu Hause. Ich kenne nun alle ihre Namen und muss sie immer wieder vor mich hersagen, um sie mir einzuprägen. Also, neben mir sitzt Petr, dann kommt Jirka, und der dort, wie heißt der doch gleich? Ach so, das ist Pavel, und neben ihm sitzt noch ein Jirka und dann Honza. Weiter hinten noch einmal Pavel, dann Luki, und sein Nachbar, der Kleine, hat einen seltsamen Namen: Aristides. Wir nennen ihn Ari. Und dann kommen Rutka und ich. Das ist unsere ganze Gruppe. Ich muss die Namen noch ein paarmal wiederholen, hoffentlich kann ich sie dann auswendig.

Nach der Pause hatten wir noch eine Unterrichtsstunde, und dann sind wir mit einem fröhlichen »Bis morgen!« aufgebrochen. Ich bin schnell nach Hause geeilt, wo Mama schon wartete und neugierig war, wie es mir in der Gruppe gefallen hat. Nach dem Mittagessen werde ich zu Eva gehen, sie war heute auch zum ersten Mal in ihrer Gruppe, wir werden also viel zu besprechen haben. Um drei Uhr, zu der Zeit, wenn Juden einkaufen dürfen, werden wir ein paar Dinge für die Schule besorgen. Ich freue mich schon auf morgen.

~

5. Oktober 1941

Ein Monat ist vergangen. In meiner Gruppe fühle ich mich jetzt schon wie zu Hause. Ansonsten ist alles beim Alten. Morgens gehe ich zur Schule und kehre erst mittags zurück. Der Unterricht endet zwar bereits um elf, doch dann geht die ganze Gruppe noch auf den Spielplatz – den jüdischen, versteht sich. In der Zwischenzeit kocht Papa zu Hause das Mittagessen. Das klingt vielleicht ein bisschen seltsam, doch fast alle jüdischen Männer tun das. Was sollen sie sonst auch den ganzen Tag anfangen? Immerhin ist es jetzt schon drei Jahre her, dass sie ihre Arbeit verloren haben. Es ist erstaunlich, was für praktische Fortschritte Papa in diesen drei Jahren gemacht hat. Vorher konnte er kaum einen Tee kochen, und jetzt backt er Kuchen und kocht ganz allein das komplette Mittagessen. Er und Evas Vater wetteifern darin, wer zuerst alles sauber hat, und dann kontrollieren sie gegenseitig, bei wem das Parkett mehr glänzt, wessen Herd und Geschirr am meisten funkeln und blitzen.

Nach dem Mittagessen, wenn all meine Hausaufgaben erledigt sind, gehe ich mit Eva spazieren. Meist landen wir auf diesem jüdischen Spielplatz. Wir lernen beide bei meinem Vater Englisch. Ich komme gut voran und freue mich über jedes neue Wort, das ich lerne. Wenn es nach uns ginge, könnte dieses Leben durchaus noch ein paar Jahre so weitergehen. Doch leider finden wohl auch die Deutschen, dass es uns zu gut geht, und jetzt denken sie sich neue Sachen aus, mit denen Sie Aufregung in unser friedliches Leben bringen können. Diesmal haben sie sich etwas ganz Tolles ausgedacht, eine Idee, auf die man auch im Mittelalter stolz gewesen wäre, nämlich die Juden auffällig zu markieren. Sterne! Leuchtend gelb, mit dem Wort »JUDE« darauf.

Es ist fast Viertel vor neun. Schnell den Mantel an, dann ein rascher Blick in den Spiegel, um zu sehen, wie der neue hellgelbe Stern darauf aussieht, und dann ist es höchste Zeit, zur Schule zu gehen. Papa wartet – niemand weiß, wie sich die Arier verhalten werden, wenn sie uns auf diese Weise gebrandmarkt sehen, deshalb wird er mich heute ausnahmsweise begleiten. Die erste Person, der wir begegnen, ist unsere Hausmeisterin. Warum starrt sie uns nur so an? Natürlich, sie muss schauen, wie uns unsere neuen Kennzeichen stehen.

Auf der Straße treffen wir auf sehr unterschiedliche Reaktionen. Manch einer geht vorbei, als ob nichts wäre, zumindest scheinbar (kurz mal hinzuschauen, kann sich niemand verkneifen). Manche Leute lächeln uns freundlich oder ermutigend zu, während andere den Mund zu einem belustigten und verächtlichen Lächeln verziehen. Auch so manche Bemerkung bekommen wir zu hören, aber das sind wir schon gewohnt. Wir steigen in den letzten Wagen der Straßenbahn. Na, hier sieht es aus: ein Stern am anderen. Und je mehr wir uns der Stadtmitte nähern, desto größer wird das Gewimmel der Sterne. Als wir an unserer Haltestelle angekommen sind, überzeuge ich Papa, dass er mich nicht abzuholen braucht. Ich fürchte mich nicht davor, allein nach Hause zu laufen, denn es wird nichts geschehen. Die Reaktionen waren nicht so heftig, wie die Deutschen es sich gedacht hatten.

In der Schule prahlen wir damit, wessen Stern besser angenäht ist. Auch wenn es nicht angenehm ist, ihn tragen zu müssen, machen wir uns einen Spaß daraus. Wir haben uns schon mit allem Möglichen abgefunden, da werden wir uns auch an das hier gewöhnen.

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Jüdische Schulkinder in Prag. Sie alle tragen den gelben Stern.

Es passierte tatsächlich nichts, und ich bin wohlbehalten nach Hause gekommen.

Am Nachmittag gehe ich mit Eva spazieren. Diesmal geht es nicht zum Spielplatz, sondern wir bleiben absichtlich auf den belebten Straßen. Es macht uns Spaß, wenn wir anderen Juden begegnen. Sie lächeln immer, als wollten sie sagen: »Steht uns gut, nicht wahr?« Wir zählen die Sterne, die wir sehen, und wetteifern darum, wer mehr zusammenkriegt. Dazu reden wir fröhlich und laut, die Deutschen sollen nur sehen, dass uns das nichts ausmacht. Wir setzen bewusst fröhliche Mienen auf und bringen uns gegenseitig zum Lachen, sollen sie nur ordentlich wütend werden.

Ein weiterer Monat ist vergangen. Die Sterne sind uns zur Gewohnheit geworden, so, als hätten wir sie schon immer getragen. Doch dann kommt wieder etwas Neues auf uns zu, das die jüdischen Familien in große Sorge stürzt. Es ist schrecklich, so etwas hat es hier noch nie gegeben. Niemand weiß Genaueres, die Menschen erahnen es nur. Angeblich gibt es Transporte. Wir können nur hoffen, dass es nicht wahr ist. Nein, bestimmt ist es nicht wahr, es darf einfach nicht wahr sein! Wer sich das wohl wieder ausgedacht hat? Und solche Gerüchte verbreiten sich dann wie ein Lauffeuer. Trotz alledem ist es besser, sich darauf einzustellen. Wir können nicht wissen, was geschehen wird, und es ist besser, vorbereitet zu sein und nirgends hinzufahren, als unerwartet in einen Transport zu müssen. Und so verwandeln sich die jüdischen Wohnungen langsam, oder eigentlich eher schnell, in Lagerräume für alle Dinge, die man für eine Reise benötigt.

Alle jüdischen Mitbürger stellen ihre Wohnungen auf den Kopf, und auch unsere ist da keine Ausnahme. Überall auf den Tischen, den Stühlen und dem Fußboden stapeln sich Koffer, Rucksäcke, Brotbeutel, Schlafsäcke, warme Unterwäsche, feste Schuhe, Thermosflaschen, Campinggeschirr, Taschenlampen, Verbandskästen, Feldflaschen, Hartspiritus, Kerzen. Wenn ich hier alles aufzählen wollte, würde ein ganzes Schulheft dafür nicht ausreichen.

*

Alle machen sich reisefertig.

Die Nachricht über die Transporte war nicht erfunden, und die Vorbereitungen waren nicht unnütz.

~

12. Oktober 1941

Jetzt ist es also Tatsache. »Heute Nacht wird ausgetragen« – überall hört man die Juden darüber sprechen.

In der Nacht zu heute haben mehrere hundert jüdische Familien ihre Transportaufforderung erhalten. Die Armen, sie konnten sich nicht einmal richtig vorbereiten, schließlich war es Samstagabend. Am Sonntag sind die Geschäfte geschlossen, und am Montag müssen sie schon antreten. Wenn wir nur wüssten, wo es hingeht.

Die Rede ist von Polen, aber keiner weiß Genaueres.

In der Aufregung vergisst man alles Mögliche. Es wird fieberhaft gepackt, gebacken, und im letzten Moment muss man auch noch Abschied nehmen. Gott sei Dank war diesmal niemand von unserer Familie dabei, nur ein paar Bekannte. Doch was wird als Nächstes kommen?

Kaum haben sich die Ersten bei der Messe eingefunden, da wird schon von einem zweiten Transport gesprochen. Jetzt fangen wirklich alle an zu packen. In ganz Prag ist kein einziger anständiger Koffer, kein Rucksack und kein Campinggeschirr mehr zu haben. Wann immer man an einer jüdischen Wohnung vorüberkommt, steigt einem der Duft von frisch Gebackenem in die Nase. Man backt Kekse, Zwiebäcke, Stollen. Jeder bereitet sich auf die Reise vor.

~

15. Oktober 1941

Ich sitze auf dem Weg zum Unterricht in der Straßenbahn. Gestern Abend wurden noch mehr Deportationsbescheide ausgetragen. Wieder hatte meine ganze Familie und auch die von Eva das Glück, nicht dabei zu sein. Jetzt mal sehen, wie es in der Schule aussieht. Die Frau neben mir in der Straßenbahn weint, die Arme, bestimmt ist jemand, der ihr nahesteht, in dem Transport gewesen. Schon bin ich angekommen, doch ich habe Angst, hineinzugehen. Wen von uns wird es erwischt haben? Doch plötzlich halte ich es einfach nicht mehr aus, sondern will es so schnell wie möglich wissen. Ich renne die Treppe hinauf und stürze in die Wohnung. Ich bleibe stehen, zögere und öffne mit zitternder Hand die Tür zur unserem Unterrichtsraum. Dort sehe ich mich fragend um. Ich muss meine Frage nicht einmal stellen. »Luki ist dabei«, höre ich eine gepresste Stimme sagen. Ich setze mich schweigend an meinen Platz. Luki ist also dabei.

Heute hat uns die Fröhlichkeit verlassen. Die Tür geht auf, und Luki kommt herein. Wir bemühen uns, seine trüben Gedanken zu verscheuchen und ihm die letzten Stunden mit uns so angenehm wie möglich zu machen. Wir versuchen, so fröhlich wie immer zu sein, aber uns ist nicht zum Scherzen zumute. Auch Lukis Lächeln ist gezwungen. In der Pause beraten wir uns. Jeder von uns will etwas von seinen eingekauften Sachen bringen, um Luki mit dem auszuhelfen, was ihm noch fehlt. Da sie nur so wenig Zeit zur Vorbereitung hatten, fehlt ihm natürlich allerhand. Zunächst weist Luki unsere Hilfe höflich zurück, doch am Ende können wir ihn überzeugen. Schöne Freunde wären wir, wenn wir ihm in dieser Situation nicht helfen würden!

An diesem Nachmittag trifft sich die ganze Gruppe auf dem Spielplatz. Es ist das letzte Mal, dass wir alle zusammen sind, morgen wird es einer weniger sein. Wir versuchen, uns nichts anmerken zu lassen, damit Luki wenigstens für kurze Zeit vergessen kann, dass er fort muss. Doch dieser Gedanke kehrt immer wieder, und wir können ihn nicht abschütteln. Das Lächeln erstirbt uns immer wieder auf den Lippen.

Allmählich wird es dunkel, die Zeit des Abschieds ist da. Ich würde am liebsten schon nach Hause gehen, doch ich bringe es nicht über mich, das zu sagen. Ich bekomme die Worte einfach nicht heraus. Und als schließlich das schicksalhafte »Leb wohl« über meine Lippen kommt, muss ich schnell hinzufügen: »Ich meine, auf Wiedersehen, ich komme gleich noch mal wieder.« Und so kehre ich dreimal zurück, jedes Mal, wenn ich schon drauf und dran bin zu gehen, muss ich noch einmal umdrehen. Schließlich ist dies unser letzter gemeinsamer Abend. Der allerletzte. Wir werden uns nie wieder sehen, oder vielleicht doch »eines Tages«? Es ist kindisch, daran zu glauben, doch wir haben keinen anderen Trost. Am Ende ist es stockfinster.

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