Logo weiterlesen.de

BASTEI ENTERTAINMENT

01

Dieses Geräusch. Was ist das? Ein Flugzeug? Muss es sein, die Düsentriebwerke sind deutlich zu hören. Aber wo? Und wieso so laut? Ich sitze an meinem Schreibtisch, der erste Kaffee steht neben dem schwarzen Apple-Laptop. Ich checke E-Mails. Das österreichische Magazin News, für das ich seit zweieinhalb Jahren als US-Korrespondent arbeite, hat mir gerade den aktuellsten Produktions-Seitenspiegel geschickt, Nr. 37/01, Version 5B. Es ist Dienstag, Produktionsschluss. Meine aktuellen Geschichten habe ich bereits abgeliefert. Es sollte ein ruhiger Tag werden: Medienbeobachtung, Archivarbeiten, ein paar Telefonate, Kontaktpflege. Vielleicht ein Mittagessen mit meiner Frau Estee. Wenn ihr nicht gerade übel ist: Sie ist schwanger, in der achten Woche. Es ist unser erstes Kind. Ihr Appetit ist beachtlich, zu allen Tages- und Nachtzeiten schaufelt sie Köstlichkeiten in sich hinein – wenn es ihre »Morgenkrankheit« zulässt.

Doch plötzlich sitze ich wie festgefroren im Sessel. Dieses Geräusch! Ich kann es nicht einordnen. Über New York kreisen ständig Jumbos. Sie starten und landen auf drei Großflughäfen: JFK und LaGuardia in Queens, Newark auf der anderen Seite des Hudson im benachbarten Staat New Jersey. Wir wohnen im 31. Stock. Viele der meistfrequentierten Flugbahnen haben sich längst in mein Gedächtnis eingeprägt: Eine von ihnen verläuft parallel zum Hudson, von Süden kommend verlieren die Jumbos im steten Sinkflug an Höhe und absolvieren dann nördlich der Stadt eine dramatische Kehrtwende für den finalen Landeanflug auf LaGuardias Piste 4-22. Eine andere Schneise im dichten Flugverkehr lässt Jumbos von Norden einschweben, mit einer scharfen Kurve über Manhattan, bevor sie am Kennedy-Flughafen aufsetzen.

Doch dieses Heulen der Jumbo-Triebwerke? So nahe, so niedrig. Und so laut?

Jetzt geht alles blitzschnell. Das Röhren der Triebwerke wird dramatisch lauter. Plötzlich plärren die beiden Düsen noch einmal richtig los. Voller Schub.

Ich starre geradeaus durch das Fenster, meine Augen folgen dem Getöse. Durch mehrere Hochhäuser, teils verdeckt, sehe ich die Nordseite des Wolkenkratzers World Trade Center One (WTC I), den nördlichen der beiden Zwillingstürme. 417 Meter hoch ragt allein der Koloss auf, der Sendemast auf dem Dach schraubt sich weitere 111,3 Meter in den Himmel über Manhattan. In dem für die Twin Towers so charakteristischen, grau glänzenden Gittermuster der Fassade glitzert die aufsteigende Morgensonne. Während der Nacht hat eine heftige Gewitterfront Dunst und Smog über New York weggewaschen. Ein herrlicher Spätsommertag: Keine Wolke trübt den azurblauen Himmel, wohltemperierte zwanzig Grad Celsius waren es am Morgen.

Dem Turbinengeheul folgt das Unvorstellbare: zuerst ein dumpfer Schlag, dann eine gewaltige Explosion – laut, durchdringend, nervenzerfetzend. Die Fenster vibrieren. Mein Herz schlägt bis zum Hals. Adrenalin schießt mir durch den Körper. Ich springe aus dem Sessel. American Airlines-Flug 11 – gestartet in Boston mit dem Ziel Los Angeles, doch knapp nach dem Start von fünf Al-Qaida-Terroristen entführt – hat sich mit unvorstellbarer Wucht in den Turm gebohrt. 168 Tonnen wog der Jumbo, betankt mit 94 Tonnen leicht entflammbarem Kerosin. Auf 750 Stundenkilometer hat Terrorzellenführer Mohammed Atta den Jet noch beschleunigt.

In dieser Schrecksekunde weiß ich das natürlich nicht. Angst und Unglauben vermischen sich zu einem lähmenden Gefühl. Alles läuft wie in Zeitlupe ab: Ich sehe, wie Stichflammen aus mehreren Stockwerken schießen. Die umliegenden Hochhäuser schleudern den ohrenbetäubenden Knall als Echo zurück. Das Inferno hallt durch Lower Manhattan. Endlos. »Boom, boom, boom, boom …«, immer leiser und von immer weiter weg. Es ist gespenstisch und alarmierend. Durchdringend. Die 270000 Stahlträger im Inneren des vertikalen Kolosses biegen sich. Der Turm ächzt. Es ist deutlich zu hören.

»Was war das?«, fragt Estee. Sie war noch im Schlafzimmer, als sie die Explosion hörte. Zuerst dachte sie, Bauarbeiter hätten einen der riesigen Metalldeckel auf eine Baugrube geknallt, um den Verkehrsfluss während des Tages zu gewährleisten. So machen sie es fast jeden Morgen, seitdem Baucrews in unserem Bezirk jeden Quadratzentimeter der umliegenden Straßen aufbohren, zuschütten, wieder aufbohren.

Ich stehe am Fenster, starre stumm auf die unglaubliche Szene dreihundert Meter über mir und nur fünf Straßenblocks entfernt. Papierfetzen segeln durch die Luft. Der pechschwarze Rauch, der aus den Brandherden zwischen der 93. und der 99. Etage quillt, ist durchsetzt von Akten, Druckerpapier, Schreibunterlagen – fast wie bei einem Konfettiregen, wenn die Baseball-Stars der Yankees nach einem Triumph auf dem Broadway, dem Canyon der Helden, mit Tonnen von aus den Bürofenstern geworfenen Papierschnipseln gefeiert werden. »Oder wie wenn man ein Daunenpolster aufsticht«, beschreibe ich den Anblick später meinen Freunden und der Familie.

Die leichte Brise lässt die Papiere durch den Hochhauswald segeln. Langsam gleiten sie, sanft schaukelnd, in die Straßenschluchten hinab. Einige landen bei uns auf dem Balkon. »Ich weiß nicht, aber ein Flugzeug ist ins World Trade Center gekracht!«, sage ich ernst zu Estee.

Sie starrt mich alarmiert an. Sie wirkt verwirrt.

Ich deute nach draußen: »Sieh dir das an …«

Die segelnden Papiere wehen jetzt – fast schaurig schön – über dem ganzen Finanzbezirk rund um die weltberühmte Wall Street. Estee sieht nach oben. Sie schüttelt den Kopf, hält sich mit der linken Hand den Bauch. Mutterinstinkte wohl.

Nach der ersten Schrecksekunde besinne ich mich auf meinen Job. Ich wähle die Nummer der Chefredaktion. Es ist 8:46 Uhr, wie später die Rechnung unserer Telefongesellschaft belegt. Der 11. September 2001.

»Ist es dringend?«, fragt die Assistentin des Chefredakteurs. Es ist nicht böse gemeint. In Anbetracht der nahenden Deadlines für die verschiedenen Segmente des Wochenblatts herrscht Hektik im neunten Stock des Galaxy-Bürogebäudes im zweiten Bezirk in Wien.

»Ich denke doch«, sage ich mit leicht genervtem Unterton. Dann setze ich nach: »Bitte mach schnell!«

Endlich habe ich meinen Chefredakteur in der Leitung. Fast unkontrolliert sprudeln die Worte aus mir heraus. Satzfragmente: »Flugzeug!«, rufe ich, dann: »World Trade Center«, »Explosion«, »Papierfetzen«, »Hier ist die Hölle los!«.

Später gesteht er mir, dass er im ersten Augenblick nicht wirklich verstand, was sein US-Korrespondent da aus New York so unbeholfen und aufgeregt zu berichten hatte. Doch eines war ihm klar, er hörte es am Ton meiner Stimme: Etwas Schreckliches musste passiert sein.

Ich mutmaße, dass es sich wohl um einen Unfall handeln müsse. Dann lege ich auf. Oft habe ich mir in meinen damals 934 Tagen in New York schon vorgestellt, dass die größte Katastrophe, über die ich von hier aus wohl berichten müsste, die Kollision eines Jumbos mit einem der beiden WTC-Wolkenkratzer sein könnte. Der Flugverkehr über der Metropole ist jeden Tag beträchtlich; allein JFK wickelte im Unglücksjahr 2001 mehr als 29 Millionen Passagiere pro Tag ab. Dabei zogen die Flieger tausendfach hinter den Türmen vorbei. Von unserem Balkon aus wirkte dies gefährlich nahe.

Sirenen künden die ersten Löschzüge des Fire Departement New York (FDNY) an, der Feuerwehr. Erst einige, dann mehrere, bald unzählige. Aus dem sporadischen Geheul ist ein unheimliches Konzert geworden. Der Soundtrack zu einem Katastrophenfilm. Nur ist alles Wirklichkeit. Erst später wird man wissen: Die schlimmsten Minuten der Stadtgeschichte haben begonnen. Der blutigste Tag für die Feuerwehr einer Stadt überhaupt.

Ich schalte den Fernseher an, CNN. Es läuft Belangloses. Sekunden später ertönt die dramatische Erkennungsmelodie der Breaking News. Sachlich – aber für die sonst abgebrühten Profis in den TV-Studios doch hörbar angespannt – eröffnet Kommentatorin Carol Lin die Übertragung: »Das ist gerade hereingekommen. Was Sie hier sehen, ist eine offensichtlich sehr erschreckende Live-Einstellung vom World Trade Center in New York City.« Es ist deutlich zu hören, wie im Hintergrund Menschen im Newsroom wild durcheinanderreden. Sie fährt fort: »Wir haben unbestätigte Berichte, dass ein Flugzeug in einen der WTC-Türme gekracht ist.«

Die Kamera zoomt heran. Ein Einschlagskrater in der Nordfassade, der Abdruck in der Form eines Flugzeugs. Die Tragflächen und der Rumpf sind klar auszumachen. Rauch quillt aus allen vier Gebäudeseiten. Etwas Verheerendes müsse am Südzipfel Manhattans geschehen sein, schließt Lin.

Das Telefon läutet. Es ist ein Kollege. Wir reden über den Umfang der Story. Die Chefredaktion habe vier Seiten vorgesehen. Komme natürlich darauf an, »was noch alles passiere«, setzt er nach. Er schlägt sogar vor, ich solle schnell zum Elektronikgeschäft um die Ecke laufen und mir eine Digitalkamera kaufen, um ein paar Bilder vor Ort zu schießen. Es ist vielleicht die absurdeste Idee an diesem gerade beginnenden Albtraumtag.

Ich telefoniere weiter, andere Kollegen melden sich. Via CNN bekomme ich Fragmente der Live-Übertragung mit. Der Grundtenor: Es handle sich um »einen Unfall«, möglicherweise ein »kleines Flugzeug«, ein technisches Versagen vielleicht, ein Pilotenfehler, ein Herzanfall im Cockpit. Oder haben vielleicht Fluglotsen diesen verheerenden Irrtum ausgelöst? Das Offensichtliche wird verleugnet, obwohl die Fernsehbilder die exakte Dimension des involvierten Flugzeugs zeigen. Die gesamte Flügelspanne ist als Abdruck im Gebäude klar zu erkennen, der Schluss eindeutig: Es muss ein Linienflugzeug gewesen sein, ein Jumbo. Und Profis wissen: Kein Fluglotse würde eine Maschine je in einem derartigen Tiefflug über den dichtesten Hochhäuserwald der Welt, die Insel Manhattan, dirigieren. Und kein Pilot bei Sinnen – selbst im Fall des schlimmsten technischen Totalversagens – einen Jumbo dermaßen spektakulär in ein Hochhaus krachen lassen.

Mir ist wegen des Dröhnens der Turbinen klar, dass es sich nicht um einen verirrten Hobbyflieger mit einer Piper-Propellermaschine handeln kann. Dennoch denke ich ebenfalls noch immer an einen Unfall. Es ist Wunschdenken. Doch das verschwindet in den nächsten Sekunden endgültig.

Da ist es wieder: das rasant nahende Dröhnen von Flugzeugturbinen. Diesmal kommt das Geräusch von Süden. Ich weiß genau, was passieren wird: Die Triebwerke werden aufheulen, im Cockpit wird nochmals voller Schub gegeben, dann der dumpfe Schlag des Aufpralls, der durchdringende Knall der gewaltigen Explosion.

Getroffen wird der Südturm, etwa in Höhe der 72. Etage. United Airlines-Flug 175, ebenfalls in Boston mit dem Zielort Los Angeles gestartet, entführt von einer zweiten Al-Qaida-Terrorzelle um Todespiloten Marwan al-Shehhi.

Jetzt verstehe ich – erkennen wir alle: Das sind keine mysteriösen Unfälle, Pilotenfehler oder Irrtümer von Fluglotsen. Es sind bewusste Attacken von Terroristen.

02

Die Wohnung ist leer. Mit meiner Frau Estee sitze ich auf dem Parkettboden, vor uns der offene Koffer. Die nötigsten Utensilien sind halb ausgepackt. Noch fühlen wir uns eher wie im Urlaub als nach einem Umzug. Doch wir haben einen Wohnungsschlüssel, hocken in unserem neuen Apartment: 69 Quadratmeter, 31. Stock, Nr. 3104. Der beige Ziegelbau ragt an der John Street 100 auf, vier Blocks östlich des Broadways, fünfzehn nördlich der Südspitze Manhattans. Es ist ein kurioses Gebäude: Mit den vielen rückversetzten Simsen und Balkonen wirkt es wie eine extrem steile Pyramide. Früher, als der kommerzielle Immobilienmarkt im Finanzviertel rund um die Wall Street noch boomte, brummte das einstige Büroviertel vor Leben. Als immer mehr Firmen nach Midtown abwanderten, wandelten Investoren die Komplexe in Luxuswohnungen um.

Es ist der 3. März 1999, ein trüber Spätwintertag. Der Airbus des Austrian Airlines-Flugs ist pünktlich um 15:15 Uhr Ortszeit am JFK-Flughafen gelandet. Unsere Möbel sind per Schiff unterwegs. Vielleicht wartet der Containerriese im Hafen von Elisabeth, New Jersey, schon auf die Andockerlaubnis.

Wir öffnen die Schiebetür zum Balkon und saugen die ersten Eindrücke gierig auf: die Geräusche, die Aussicht, das Gefühl. Und das Lichtermeer, einfach unbeschreiblich. Majestätisch thronen die beiden WTC-Türme über der Skyline. Die Stadt brummt, surrt, lebt. Klimaanlagen dröhnen aus den klotzigen Metallboxen, in denen gut eineinhalb Meter lange Turbinenblätter rotieren. Von unten dringt das Heulen der Einsatzfahrzeuge herauf. Jeder kennt das aus Filmen.

Diesen Moment werde ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen. Wir sind in New York, um hier ein neues Leben zu beginnen. In unserem kleinen »Vogelnest«, wie wir unsere Wohnung gleich liebevoll nennen, hoch oben inmitten der aufregendsten Stadt der Welt.

Wir waren nicht recht glücklich zuvor. 1992 lernte ich meine Frau bei einer Reise in Singapur kennen. Geboren in der malaysischen Kapitale Kuala Lumpur – ihre Mutter eine Diplomatin aus Südkorea, der Vater ein chinesischstämmiger Industriechemiker aus Malaysia –, wuchs sie in Brisbane, Australien, auf. Doch Österreich? Das trübe Wetter, die im Vergleich zum fröhlichen australischen Alltag harschen Umgangsformen, die latente Fremdenfeindlichkeit, das alles machte unsere fünf Jahre in Wien zu einer Geduldsprobe.

Die Chance auf den Korrespondentenjob für das Magazin News, für das ich seit 1994 im Ressort Außenpolitik schreibe, kam plötzlich – und zur rechten Zeit. Nur Minuten nachdem ich erfuhr, dass meine Kollegin in den USA das Handtuch geworfen hatte, stand ich vor der Tür des Herausgebers. »Wenn du dir das zutraust, warum nicht?«, willigte der prompt ein.

Wenige Stunden später sperrte ich die Wohnungstür in der Berggasse, neunter Wiener Gemeindebezirk, auf. Ich bin ein schlechter Schauspieler, sodass Estee meine so offensichtlich unterdrückte Euphorie sofort auffiel. »Was ist los?«, erkundigte sie sich.

Ich zelebrierte den Moment, versuchte, die monumentale Nachricht so lapidar wie möglich zu vermelden. »Was hältst du davon, wenn wir nach New York ziehen?«, fing ich schließlich an. Ihr Gesicht fror ein, sie schaute ungläubig. Ich erklärte, erzählte von meinem Gespräch mit dem Chef, wie begeistert er reagiert hatte, was für eine einmalige Chance das für uns sei, ein neues Leben zu beginnen.

Überglücklich fiel sie mir um den Hals.

New York! Ein Posten in New York! Zuletzt waren wir 1993 da, als Touristen. Zwei Tage nach der ersten Attacke auf das World Trade Center, bei der durch die Explosion einer 680-Kilo-Bombe, versteckt in einem in der Garage geparkten Lieferwagen, sechs Menschen getötet und mehr als tausend verletzt wurden. Der Plan der Terroristen damals: Die Detonation sollte den Nordturm zu Fall bringen, ihn in den benachbarten Südturm stürzen lassen.

Wir blieben eine Woche: Shopping, Ausgehen, Sightseeing. Hier zu leben? Was für ein ferner Traum! Ein Traum, der nun Wirklichkeit wurde.

Nur einen Monat nach dem Gespräch mit meinem Chef befanden wir uns bereits im Landeanflug auf unsere neue Heimat: Eine Woche hatten wir für die Wohnungssuche veranschlagt. Unser Wiener Apartment war da längst leer geräumt, unser Hab und Gut, in Luftpolsterfolie verpackt, irgendwo auf dem Atlantik unterwegs. Wir handelten ohne Sicherheiten, ohne jegliches Netz. Aber wie kann man in New York keine Wohnung finden? Und tatsächlich sollte es nur eineinhalb recht chaotische Tage dauern: Wir besichtigten Besenkammern, etikettiert als Two Bedrooms (in denen man im Stehen hätte schlafen müssen) für 2800 Dollar pro Monat, vergammelte, finstere Absteigen in Chelsea, eine schlauchförmig angelegte Wohnung in einem Brownstone an der Upper West Side, bei der die Vermieterin zugab, dass hier gerade eine alte Frau gestorben war. Da das Gebäude auch noch frappierend an die TV-Serie The Munsters erinnerte, winkten wir dankend ab. Schließlich brachte uns unsere Maklerin, eine Britin, die wie viele junge Immigranten den Start in New York mit der Jagd nach Provisionen versucht, zur Adresse 100 John Street. »Renaissance« haben die Manager den Komplex getauft. Die Lobby wirkt hell, modern, teuer. Estee und ich sehen uns an, wissen, dass wir hier fündig werden könnten. 2600 Dollar beträgt die Monatsmiete. Die Räume sind hell, die Aussicht umwerfend, die Terrasse ein Traum.

Und die Umgebung? Später überlege ich oft, was für ein großer Zufall es ist, dass wir im Finanzdistrikt landeten – letztlich fußläufig zur größten Terrorkatastrophe der Menschheitsgeschichte. Eine Laune des Schicksals, denn bei der hektischen Wohnungssuche ging es von Bezirk zu Bezirk: Soho, Lower East Side, Noho, Chelsea, Upper-East- und West-Side, rund um den Central Park, das East Village – alles verschwamm am Ende zu einem Einheitsbrei. Und mit unserem kläglichen Touristenwissen über die Stadt hatten wir sowieso keine Ahnung, was eine geeignete Wohngegend war. Dass wir in einem sehr neuen, besonderen Wohnbezirk landeten, fiel uns erst später auf: an den nachts so leeren Straßen und den wenigen Ausgehmöglichkeiten. Noch residierten inmitten der Bankentürme wenig mehr als 50000 Bewohner.

Wir nahmen einen Atemzug auf der Terrasse und teilten der quirligen Britin mit: »We take it!«, »Wir nehmen die Wohnung«. Die freute sich – und erteilte uns eine erste Lektion im Kapitalismus amerikanischer Prägung: Da wir Ausländer ohne amerikanische Credit Card History (ein Messwert der Kreditwürdigkeit) waren, mussten wir die Miete für ein ganzes Jahr im Voraus zahlen: exakt 31200 Dollar. Hinzu kam eine Extramonatsmiete. Willkommen in Amerika!

Wir unterschrieben dennoch, hatten keine Wahl, als die Riesensumme mithilfe des Verlags und meiner Eltern aufzutreiben und über den Atlantik zu kabeln.

Wir leben uns rasch ein; auch die Möbel kommen schließlich an, wenn auch verspätet und nach einigen recht ungehaltenen Anrufen meinerseits. Gleich merke ich, dass die Hürden für Zuwanderer in den USA überraschend hoch sind, die Herausforderungen bisweilen kafkaesk anmuten. Bankkonto, Ausweis, Kreditkarte – dies zu organisieren wird zum frustrierenden Spießrutenlauf. Doch abgesehen davon verlieben wir uns rasch in den schnellen Alltag, die erfrischende Zupackmentalität der New Yorker, die positive Grundstimmung, das Multikulti-Tohuwabohu. Die Metropole versprüht den Elan einer Welthauptstadt, besonders jetzt, in der Boomphase zum Ende der Ära von US-Präsident Bill Clinton: Budgetüberschüsse, niedrige Arbeitslosigkeit und der Investorenrausch der New Economy zeigen eine Supermacht am Zenit.

Auch New York hat viel von seinem früheren Schrecken verloren: Bürgermeister Rudy Giuliani – das geben selbst jene zu, denen der schroffe Exstaatsanwalt mit seinen engstirnigen Law-and-Order-Getrommle auf die Nerven geht – hat seit seiner Amtseinführung acht Jahre zuvor die Kriminalität erfolgreich bekämpft und die Lebensqualität drastisch erhöht.

Wir genießen die ersten beiden Jahre, erkunden am Wochenende das Umland und das aufregende Nachtleben der Metropole. Es fasziniert mich, in einer Stadt zu arbeiten, in der mehr Profis auf engstem Raum ihren Jobs nachgehen als irgendwo sonst auf der Welt. Und bei jeder Autofahrt über die Brücken zurück nach Manhattan drehen Estee und ich beim überwältigenden Anblick der Skyline das Radio auf volle Lautstärke, zelebrieren laut singend die Ansicht dieses Weltwunders und unsere neu entdeckte Lebensfreude.

Die gute Stimmung bleibt, als der Supreme Court Ende 2000 – für uns und die anderen New Yorker enttäuschend – den Florida-Nachwahlkrimi letztlich zugunsten von George W. Bush entscheidet. Amerika blickt weiter optimistisch in eine aufregende Zukunft. Auch das Platzen der Internetblase hinterlässt nur eine Delle in der weiter die Welt dominierenden US-Ökonomie.

Trotz einer Serie kleinerer Fehltritte von Bush zu Beginn seiner Amtsperiode fällt das Jahr 2001 zunächst als wenig erinnerungswürdig auf. Die US-Medien ergötzen sich am chaotischen Abgang von Bill Clinton aus dem Weißen Haus, berichten über die Proteste nach seinen skandalösen Begnadigungen (etwa von Milliardenjongleur Marc Rich), das zuerst geplante superteure Büro in Midtown Manhattan (mit jährlichen Kosten von rund 700000 Dollar), das angeblich abtransportierte Oval-Office-Inventar, die Streiche seines Stabs, der auf allen Computertastaturen das W entfernte. Im Sommer – Bush urlaubt sechs Wochen lang auf seiner Texas-Ranch in Crawford – dominieren Haifischattacken die Berichterstattung. »Der Sommer des Hais«, titelt beispielsweise das US-Magazin Time.

03

Der Aufstieg des Terroristen Osama bin Laden und seiner Organisation Al-Qaida (»Die Basis«) war spätestens seit den blutigen Attacken auf Amerikas Botschaften in Nairobi (Kenia) und Dar es Saalam (Tansania) am 7. August 1998 von Geheimdiensten und der US-Regierung mit zunehmender Sorge verfolgt worden. Präsident Bill Clinton ließ im Spätsommer des gleichen Jahres ein Al-Qaida-Trainingslager in Afghanistan mit Cruise Missiles beschießen, verpasste bin Laden laut Geheimdienstberichten jedoch um wenige Minuten. Bei einer weiteren Chance für einen Angriff auf einen vermuteten Aufenthaltsort bin Ladens zögerte Clinton, da er eine zu hohe Zahl von zivilen Opfern befürchtete.

Zu diesem Zeitpunkt hatte bin Laden bereits Khalid Sheikh Mohammed als Chefplaner für Terrorattacken rekrutiert. Mohammed hatte in den Achtzigerjahren in den USA studiert und zögerte nicht, seine Vorstellungskraft, technische Expertise und sein exzellentes Managementtalent fortan einzusetzen, um tödliche Terrorkomplotte zu schmieden.1 Dass ihn die Idee, die 417 Meter hohen Zwillingstürme am Südzipfel Manhattans anzugreifen, besonders faszinierte, ist wohl durch seine Komplizenschaft zum Architekten der ersten Attacke gegen das WTC zu erklären, Ramzi Yousef. Mohammed muss erkannt haben, dass ein neuer Angriff aus der Luft kommen musste. Die mit großem Aufwand kontinuierlich verbesserten Sicherheitsbarrieren an den Einfahrten in die WTC-Tiefgaragen wären sicherlich nicht einfach zu überwinden gewesen.

Ich erinnere ich mich gut an die Baumaßnahmen, die ich aus nächster Nähe miterlebte, wann immer ich in meinen ersten beiden New Yorker Jahren im Getöse der Presslufthämmer an den Garagen vorbeiging. Mächtige, versenkbare Stahlträger wurden installiert, die bei Bedarf die Zufahrt verdächtiger Fahrzeuge stoppen sollten. Im Jahr 2000 waren die Arbeiten abgeschlossen, die Riesenbauten schienen – aus Sicht der Giuliani-Stadtverwaltung und von Terrorexperten – als »sicher«.

Keiner von ihnen ahnte, dass bin Laden Anfang 1999 Mohammeds Idee genehmigte, wichtige US-Ziele mit entführten Flugzeugen anzugreifen. Bei Treffen in einer geheimen Al-Qaida-Basis nahe der afghanischen Talibanhochburg Kandahar wählte der Terrorführer gemeinsam mit Mohammed und dessen Planungspartner Mohammed Atef eine Liste begehrenswerter Ziele aus, darunter die New Yorker Twin Towers, das Weiße Haus, den Amtssitz des damaligen US-Präsidenten George W. Bush, sowie die oktagonförmige Trutzburg des Pentagons, den Sitz des US-Verteidigungsministeriums. Nach einem langwierigen Rekrutierungsprozedere, das einen intensiven Auswahlprozess samt Kampfausbildung in Terrortrainingcamps umfasste, aber auch Rückschläge beinhaltete, wie die Verweigerung eines US-Visums für einen potenziellen Kandidaten, wurden die vier Todespiloten ausgewählt: der Ägypter Mohammed Atta, Hani Hanjour aus Saudi-Arabien, Marwan al-Shehhi aus den Vereinten Arabischen Emiraten und der Libanese Ziad Jarrah. Im Jahr 2000 begannen diese vier ihr Training in verschiedenen amerikanischen Flugschulen.

Jarrah paukte im Florida Flight Training Center in Venice, Florida. Atta, der Anführer des 9/11-Todeskommandos, nahm das Pilotentraining gemeinsam mit Shehhi in der Huffington Aviation, ebenfalls in Venice, auf. Im Laufe ihrer Ausbildung schloss sich Atta schließlich mit Jarrah zum Tandem zusammen; sie wechselten gemeinsam an eine weitere Schule in Sarasota, dreißig Kilometer nördlich von Venice.2 Sie fielen dort, daran erinnert sich einer ihrer Trainer, durch unhöfliches und aggressives Benehmen auf, entrissen dem Lehrer bei Trainingsflügen mitunter sogar den Steuerknüppel.

Der vierte, Hanjour, hatte nach mehreren Kursen in Arizona und Florida bereits im April 1999 eine Pilotenlizenz der US-Luftfahrtbehörde FAA erworben. Im Frühjahr 2001 startete er am Flugsimulator für eine Boeing 737 einen Auffrischungskurs in der Pan Am International Flight School in Mesa, Kalifornien.

Alle vier Todespiloten unterbrachen ihre Pilotenausbildung immer wieder, um nach Übersee zu reisen: Atta, Shehhi und Hanjour, die den Kontakt zu ihren Familien bereits weitgehend abgebrochen hatten, holten sich bei ihren Trips weitere Instruktionen für den großen Terrorschlag. Jarrah hingegen lud nach einem Kurzurlaub in Beirut sogar seine Freundin für zehn Tage zu sich nach Florida ein. Ende Januar 2001 flog er erneut nach Beirut, diesmal, um »mehrere Wochen lang«, so der 9/11-Report, seinen kranken Vater zu pflegen. Danach besuchte Jarrah wieder seine Freundin, diesmal in Deutschland.3

Zu den Piloten gesellten sich im Frühjahr 2001 nach und nach fünfzehn Komplizen, die Passagiere und Crews in den entführten Maschinen überwältigen und dann unter Kontrolle halten sollten, während die Piloten Kurs auf ihre Ziele nahmen. Chefplaner Mohammed hatte Teams von jeweils fünf Mann avisiert: ein Pilot, vier Mann als Kampftruppe. Nur ein Flug hatte einen Kämpfer weniger. Ermittler bezeichneten die Männer später als »Muskelmänner« – auch wenn diese mit Körpergrößen zwischen 165 und 170 Zentimetern keinesfalls als kampferprobte Hünen auffielen. Dass sie in mehreren Al-Qaida-Trainingslagern in Afghanistan eine knallharte Ausbildung durchlaufen hatten, gelernt hatten, wie die Flugzeugentführungen ablaufen, mögliche Air Marshalls an Bord überwältigt und die Passagiere unter Kontrolle gehalten werden sollten, war ihnen nicht direkt anzusehen. Daneben hatten die Männer mit intensivem Bodybuilding Muskelmasse aufgebaut und ein paar Phrasen Englisch gelernt, bevor Mohammed und Terrorführer bin Laden höchstpersönlich sie mit feurigen Ansprachen auf ihre Todesmission einschworen.

Die Terroristen lebten in Apartments in mehreren US-Bundesstaaten, beschafften sich amerikanische Ausweise und Führerscheine, um am 11. September problemlos einchecken zu können, trainierten weiter an Flugsimulatoren. Als der Sommer hereinbrach, lebte der Großteil der nun neunzehn Verschwörer in Florida und New Jersey. Die Männer gaben sich wenig Mühe, Spuren zu verwischen: Sie eröffneten Bankkonten auf ihren eigenen Namen, verwendeten die echten Pässe und Ausweise. Auch eine amerikanische Sozialversicherungsnummer hatten sie sich besorgt.

Der Countdown beginnt im Sommer 2001: Die Terroristen starten zu ihren ersten »Erkundungsflügen«. Waleed al Sherhri etwa fliegt am 30. Juli von Fort Lauderdale (Florida) nach Boston (Massachusetts). Am Folgetag nimmt er den Flug nach San Francisco, sitzt, wie später bei der echten Attacke, in der Businessclass einer Boeing 767. Die drei Piloten Atta, al-Shehhi und Jarrah unternehmen kurz darauf eigene Probetrips, sogenannte Cold Runs: Shehhi jettet von New York nach Las Vegas, Jarrah von Baltimore nach Vegas, Atta von Boston aus ebenfalls in die Glücksspielmetropole. Immer wieder frischen sie ihr Pilotenwissen mit weiteren Übungsstunden in Flugsimulatoren auf. So denkt sich niemand in der Hortman-Aviation-Flugschule viel dabei, als Jarrah um eine Simulation des Hudson-Korridors bittet, also der Route entlang des Hudson, an deren Ende New York und die majestätischen Türme des World Trade Center liegen. Da Jarrah von den Fluglehrern als »ungeeignet« für Soloflüge eingestuft wurde, sitzt bei dem gespenstischen Testflug ein Trainer an seiner Seite. Pilot Hanjour, wahrscheinlich in Begleitung von Hamzi,4 unternimmt mit einer Propellermaschine einen Flug in der Nähe des Stadtgebiets von Washington, D. C., einem der späteren Terrorziele.

Atta, der Anführer des Komplotts, hat damit die Teams in den USA in Stellung gebracht und beschäftigt sich mit den letzten Vorbereitungen. Er jettet für ein letztes Treffen mit Mohammeds Planungskomplizen Ramzi Binalshibh nach Spanien. Dokumente des Büros für National Intelligence bezeichnen den ehemaligen Hamburger Studienkollegen Attas als »Schlüsselfigur bei der 9/11-Planung«5. Binalshibh sollte eigentlich ebenfalls als Selbstmordpilot ausgebildet werden, erhielt jedoch kein Visum für die USA.

Zuletzt haben sich die beiden Männer im Januar in Berlin getroffen: Jetzt geht es um die letzten Instruktionen für den geplanten Vernichtungsschlag gegen die USA. Binalshibh hat das Frühjahr über die Rekrutierung und das Training der »Muskelmänner« überwacht, pendelte zwischen den Trainingslagern in Afghanistan und der Metropole Karatschi, von wo die Männer am Ende ihrer Ausbildung in die USA ausgeflogen wurden. Gleichzeitig hielt Binalshibh direkten Kontakt zu bin Laden – die beiden Männer trafen sich zur Koordination der Planungsarbeiten in Compound Six, dem geheimen Kommandozentrum nahe Kandahar.6

Das World Trade Center in New York und das Pentagon stehen als erste Angriffsziele fest, doch unter den Planern herrscht Streit: Soll das schwer zu treffende, da recht kleine Weiße Haus oder doch der wuchtige Kuppelbau des Kapitols, der Sitz beider Kammern des US-Kongresses, ins Visier der Flugzeuge genommen werden? Planer Binalshibh, der nach seiner Festnahme und Gefangenschaft in CIA-Schattenlagern seit 2006 auf Guantanamo Bay auf ein Militärtribunal wartet, sagte aus, dass bin Laden das Weiße Haus als Ziel bevorzugt habe. Er habe ihn angewiesen, dies Atta unmissverständlich mitzuteilen.

Zwischen dem 8. und 19. Juli hecken Atta und Binalshibh höchstwahrscheinlich letzte Details aus. Sie mieten gemeinsam ein Auto und – dies belegen Hoteldokumente – ein Zimmer in der spanischen Stadt Cambrils. Die von Binalshibh überbrachte, wichtigste Botschaft bin Ladens: Die Attacke solle so schnell wie möglich ausgeführt werden. Der Grund: Bin Laden macht sich Sorgen, dass durch die große Anzahl an Mitwissern das Komplott noch »auffliegen könnte«. So zumindest schreibt es die 9/11-Kommission.7

Atta entgegnet, er sei noch mit der Unterbringung der Mitgliederzellen beschäftigt gewesen – und habe keine Zeit gehabt, die Flugpläne ausführlich zu studieren und die Flüge so zu koordinieren, dass die Einschläge der Flugzeuge weitgehend simultan erfolgen. In fünf bis sechs Wochen sei er bereit, den geplanten Tag der Anschläge zu nennen.

Binalshibh sagte aus, dass ihm Atta während ihres Treffens in Spanien eine Fülle an Planungsdetails verraten habe. Stanleymesser als Tatwaffen seien für Atta kein Problem gewesen, sie seien bei allen Testflügen mühelos damit an Bord gelangt. Er habe zudem erwartet, dass die Cockpittüren offen seien und nicht »eingetreten werden müssten«8. Atta habe sich für Langstreckenflüge entschieden, da die mit weit größeren Mengen des hochexplosiven Kerosins betankt waren. Bevorzugt worden seien Boeing-Maschinen: Die ließen sich leichter manuell fliegen als die weitgehend computergesteuerten Airbus-Jumbos.

Für weitere Telefonate vereinbaren Atta und Binalshibh Codewörter für die Anschlagsziele: »Architektur« bedeutet WTC, »Kunst« steht für Pentagon, »Gesetz« für das Kapitol und »Politik« für das Weiße Haus.

Nach weiteren »Beobachtungsflügen« tickt die Uhr im Terror-Countdown: Am 22. August kauft Jarrah ein GPS-Navigationssystem und Flugkarten. Einen Tag später wird das erste der insgesamt neunzehn Flugtickets gekauft – die letzte Buchung erfolgt via Internet am 5. September. Binalshibh gesteht später in den Verhören durch den US-Geheimdienst CIA, dass ihm Atta Mitte August das geplante Datum für den Jumbo-Angriff telefonisch durchgab. Der Code: »Zwei Zweige, ein Querstrich und ein Lolipop.«9 Der 11. 9. – oder, wie in den USA üblich, mit dem Monat voran: 9/11. Nine Eleven, der 11. September.

Noch bezeichnet dieses Datum einen stinknormalen Tag im Spätsommer, in jenem Jahr einen Dienstag. Heute ist es das vielleicht meistgenannte Datum der Weltgeschichte.

Amerika, New York, das Pentagon, die US-Regierung, Estee und ich selbst: Wir alle sind weitgehend ahnungslos – auch wenn bei der CIA und anderen Geheimdiensten aufgrund von immer offensichtlicheren Indizien die Angst vor einem Großanschlag wächst. Dabei prahlen einige wenige, offensichtlich von den Terroristen in einem hohen Grad an Unachtsamkeit Eingeweihte bereits jetzt mit dem bevorstehenden Blutbad.

Zeugen fällt beispielsweise auf, dass sich einige Arbeiter an einer Tankstelle, an der Hamzi arbeitet, am 10. September gegenseitig beglückwünschen, mit High Fives jubeln. Einer sagt: »Endlich ist es so weit, jetzt wird es bald passieren.«10

Das »Geschnatter« in den von Geheimdiensten abgehörten Kommunikationskanälen extremistischer Gruppen nimmt ebenfalls nahezu stündlich zu. Und obwohl das System »rot blinkte«, wie sich der damalige CIA-Chef George Tenet erinnert,11 können die zahlreichen Indizien und verdächtigen Einzelbeobachtungen – etwa die Verhaftung des angeblich »zwanzigsten Entführers«, Zacharias Moussaoui, oder lokale FBI-Reports über eine plötzlich hohe Anzahl »muslimischer Flugschüler«, wie dem FBI-Agenten Ken Williams auffiel und er dies am 10. Juli in einem Memo notierte12 – nicht zu einem Gesamtbild verknüpft werden.

Besonders prekär: Bereits am 6. August erhält Bush, der gerade auf seiner Ranch in Crawford seinen ersten mehrwöchigen Sommerurlaub verbringt, ein recht detailliertes Briefing. »Bin Laden determined to Strike in US« (»Bin Laden ist entschlossen, in den USA zuzuschlagen«), stand auf dem Umschlag der Unterlagen. Analysten, die das Dokument zusammenstellten, sagten später aus, dass sie dem Präsidenten vermitteln wollten, wie »akut und ernst« die Bedrohung durch Al-Qaida sei.13

Vielleicht überforderten die Terrorbeobachter den Oberbefehlshaber ein wenig: Es war bekannt, dass Briefingpapiere für Bush nicht länger als eine Seite sein sollten. Die Terrorwarnung der führenden US-Geheimdienste umfasste elfeinhalb Seiten.

04

Während neunzehn Terroristen sich darauf vorbereiten, ihrem mörderischen Fanatismus ihr Leben zu opfern, steht für Estee und mich plötzlich die Entstehung von neuem Leben im Mittelpunkt des Daseins. Wir sitzen im Büro eines Frauenarztes in Tribeca, Ecke West Street/Murray Street. Wenige Stunden vorher hat ein Schwangerschaftstest ein eindeutig positives Resultat gebracht. Der Doktor, ein Pole mit leicht antiquiertem Büro, Benehmen und Geräten, zeigt uns erste Ultraschallbilder des Embryos. Er ist kleiner als eine Erbse. Unser erstes Kind. Wir sind euphorisch, klar. Und natürlich auch nervös.

Die Terroristen begeben sich in ihre Startpositionen. Die letzten Tage sind angebrochen. Bald soll nichts mehr sein wie zuvor. Noch aber feiern die Amerikaner den Labor Day, verbringen ein langes, geruhsames Sommerwochenende.

Wie unverdächtig und friedlich diese Tage ins Land ziehen, illustriert die Story, an deren Fertigstellung ich an diesem Wochenende arbeite: ein Porträt von Robert Tools, dem ersten Patienten, dem ein komplett künstliches Herz eingepflanzt wurde. (Sein Ableben exakt 151 Tage später ist angesichts der dramatischen Geschehnisse dann keinen Beitrag mehr wert.) Auch die Gründung der New York Times jährt sich in jenen Tagen zum 150. Mal, weshalb ich mich gerade auf ein Interview mit Abe Rosenthal vorbereite, damals einer der Chefredakteure des Renommierblattes. Im Zentrum des Gesprächs steht die Frage, warum die Times während der finstersten Tage des Naziterrors der Berichterstattung über den Holocaust so lange kaum Raum einräumte und selbst die furchtbarsten Enthüllungen im Blattinneren versteckte – obwohl sie selbst in jüdischem Besitz ist.

Zu jenen Beiträgen kommt ein fröhlicheres Stück über den ehemaligen Vizepräsidenten und unglücklichen Wahlverlierer Al Gore, der sich nun, mehr als ein halbes Jahr nach der umstrittenen Niederlage gegen George W. Bush, mit kleinen Schritten auf ein politisches Comeback vorbereitete. Und dann natürlich wieder eine tragische Haistory: Der zehnjährige David stand nur 45 Meter vom Sandridge Beach in Virginia entfernt, als ihn einer der gefürchteten Raubfische attackierte und ins Bein biss. Sein Vater vertrieb den Killerfisch todesmutig, doch der Junge verblutete.

Davon abgesehen ist alles ruhig. In einer E-Mail an eine Kollegin stelle ich fest: »Wir haben Kaiserwetter, wohltemperiert, kaum Luftfeuchtigkeit.« Überschwänglich teile ich ihr mit, dass Estee nun wegen ihrer Schwangerschaft an einem Tag so viel isst wie sonst in einer Woche, werte das als »gutes Zeichen«.

Nach ein paar Stunden Arbeit entspannen Estee und ich uns auf der Terrasse, genießen die Sonne. Und auch, dass die lautstarken Ventilatoren der Klimaanlage unter uns am Feiertagswochenende abgestellt sind.

Atta & Co überweisen unterdessen ihre noch verbliebenen Geldguthaben zurück an die Planer: 26000 Dollar werden via SWIFT-Bank-Transfer auf ein Al-Qaida-Konto in den Vereinigten Arabischen Emiraten gekabelt. Es ist erstaunlich: Die Terroristen benehmen sich, als müssten sie jeden Dollar mehrmals umdrehen. Denn die Terrororganisation geht durch die Überweisung des verhältnismäßig kleinen Betrags auch das Risiko ein, dass sie den US-Behörden auffällt, diese doch noch Verdacht schöpfen.

Die Entführer, die auf Flug 77 vom Washingtoner Internationalen Großflughafen Dulles gebucht sind, beziehen Hotelzimmer in Laurel, Maryland, 20 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Ihre letzte Nacht verbringen sie in Herndon, noch näher am Flughafen.14 Das für United Airlines-Flug 93 vorgesehene Terrorteam unter der Führung von Jarrah fährt mit dem Auto entlang der I-95-Interstate von Florida nach Newark, New Jersey. Jarrah kassiert dabei ein Strafmandat wegen zu schnellen Fahrens.

Atta und Shehhi treffen sich in einem Hotel in Boston. Atta und sein Komplize Abdulaziz al Omari fahren dann – aus Gründen, die die 9/11-Kommission auch nach Gesprächen mit 1200 Zeugen nicht herausfinden konnte – mit einem Mietwagen nach Portland, Maine. Von dort sollen sie mit einer Lokalfluglinie zum Bostoner Logan-Airport fliegen und an Bord von Flug AA 11 gehen.

Das zweite Team, das ebenfalls von Boston mit United 175 aufbrechen soll, verbringt die letzten Tage in zwei verschiedenen Hotels.

Das zweite Wochenende im September bricht herein. Perfektes Spätsommerwetter löst die ärgste Schwüle der drückenden, berühmt-berüchtigten New Yorker Hundstage des Juli und August ab: Tageshöchstwerte um 26 Grad, weit geringere Luftfeuchtigkeit. In Flushing Meadows in Queens ringen die Tennisstars um den Pokal der US Open, in einer dreieinhalbstündigen Schlacht siegt Pete Sampras gegen Andre Agassi, verliert im Finale aber gegen den Australier Lleyton Hewitt.

Bei strahlendem Sonnenschein gehen wir mit unseren besten Freunden, der österreichischen Fotografin Nathalie Schüller, die für mich die Fototermine absolviert, und ihrem französischen Mann Benoît, eine Runde in den Parks am Hudson spazieren. Auf dem Wasser drehen Motorboote beim jährlichen Wettrennen ihre Runde. Tausende genießen bei Picknicks die Sonne. Boote mit gut gelaunten Touristen tuckern an der Freiheitsstatue vorbei, daneben eine Armada an Segelbooten betuchterer Erholungssuchender.

Ist das New York?, fragte ich mich. Die Stadt, die in den Siebzigern bankrott war und in der in der Bronx täglich die Feuer loderten? Die Stadt, in der sich in den Achtzigern durch die Verbrechenswelle verschreckte Bürger in ihren Wohnblöcken einigelten? Ist das nicht alles zu gut, um wahr zu sein?

Es ist Sonntag, der 9. September. Noch achtundvierzig Stunden. Kaum etwas deutet darauf hin, dass Terroristen den USA in Kürze den schwersten Schlag seit dem japanischen Überraschungsangriff auf Pearl Harbor zufügen werden.

Atta und Omari werden, wie Ermittler später rekonstruieren, bei vergleichsweise normalen Tätigkeiten von Überwachungskameras gefilmt: Sie heben an einem Geldautomaten ein wenig Bargeld ab, kaufen in einem Laden ein, bestellen bei einer Fastfood-Kette Pizza. Die anderen Teams warten in Absteigen in Boston, Newark und Maryland auf ihren Einsatz.

Für mich ist der Montag ein recht geschäftiger Arbeitstag, Abgabetermine für das Magazin News stehen an, für die Schwesterpublikation Format erstelle ich eine Themenliste für die nächste Ausgabe: Ein neues Enthüllungsbuch über die »Wahlbetrügereien« von Bush in Florida ist erschienen. Die plötzliche journalistische Anerkennung des National Enquirer, wie sie dem Boulevardmagazin nach einer Welle beachtlicher Enthüllungen sogar durch die New York Times zukommt, schließe ich mit ein. Daneben die Biografie der ehemaligen General-Electric-Legende Jack Welch. Dass es keine dieser Storys jemals ins Heft schaffen sollte, wird erst in wenigen Stunden offensichtlich werden.

Ich telefoniere mit meinem Bruder Erhard in Wien. Er plant, im Herbst nach New York zu kommen, beschwert sich über das miese Wetter in Österreich und bittet mich, den Rest des auch ihm so euphorisch beschriebenen New Yorker Traumwetters doch bitte »aufzuheben«. Mit einem Kollegen in Wien arbeite ich weiter an einem Webprojekt.

Insgesamt ist es ein angenehmer Tag. Estee nimmt ihre Schwangerschaft gelassen, genießt den wachsenden Appetit, entwickelt unbändigen Heißhunger auf bestimmte Speisen. Am Nachmittag schleppen wir daher große Taschen biologischer Kost vom nahen Supermarkt nach Hause. Es ist inzwischen doch ein wenig stickig geworden; fast lässt sich annehmen, dass die glutheißen Sommertage noch einmal zurückkehren. Doch laut Wetterbericht soll eine Kaltfront die schwüle Luft mit heftigen Gewittern »ausräumen« – und eine neue Phase perfekten Wetters einleiten.

Die Meteorologen haben recht: Nach 21 Uhr rollen die Stürme mit wolkenbruchartigem Platzregen und einem Stakkato spektakulärer Blitzschläge über Manhattan hinweg. Ich zucke zusammen, als ein Blitz in die Antenne des WTC-Nordturms hoch über uns einschlägt. An das plötzliche, ohrenbetäubende Echo des Donnergrollens im Hochhauswald von Lower Manhattan kann man sich nicht gewöhnen.

Weil niemand innerhalb der weltweiten Geheimdienste die Indizien richtig aufaddierte und die Medien mit anderen Themen beschäftigt waren, weiß an diesem Tag kaum einer, dass die Liste der Warnungen aus allen Ecken der Erdballs lang, nachträglich betrachtet außerordentlich detailliert und schlüssig ist. Und es scheint erstaunlich, wie wenig die Mitwisser des 9/11-Komplotts ihre Vorfreude zu verbergen versuchen. Viele Terrorexperten ahnten daher, dass es zu einem Anschlag kommen würde. So wurde CIA-Spezialist Cofer Black am 15. August recht deutlich, als er warnte: »Sie werden uns treffen, viele Amerikaner werden sterben – und es könnte alles hier in den USA geschehen.«15

Wenige Tage später, am 21. August, wurde ein Gefangener in einer Haftanstalt in Florida vernommen – er hatte sich an die Behörden gewandt, um vor einem Terrorangriff zu warnen. Der Jordanier hatte zwischen 2000 und 2001 eine Haftstrafe in Großbritannien abgesessen und dort von drei britischen Mitgefangenen, allesamt bekannte Al-Qaida-Mitglieder, gehört, dass »etwas Großes in New York passieren wird«. Die FBI-Agenten zeigten sich uninteressiert: »Ist das alles, was Sie für uns haben?«, fragte einer.16 Der Mann, bereits sichtlich panisch, suchte am 9. September nochmals ein Gespräch mit den Behörden, dieses jedoch kam vor dem Anschlag nicht mehr zustande.

Am 22. August unterläuft den Behörden eine der gravierendsten Pannen: Flugschüler Zacarias Moussaoui, der laut Aussagen von Binalshibh für eine »zweite Welle« trainiert wurde und nicht, wie anfangs geglaubt, als »20. Entführer« der 9/11-Attacke vorgesehen war, war verhaftet worden. Einem Ausbilder in einer Flugschule war aufgefallen, dass Moussaoui bei seinen Trainingseinheiten am Flugsimulator keinerlei Interesse an Starts und Landungen zeigte – und trotz rudimentärer Pilotenkenntnisse große Jumbojets fliegen wollte. Festgenommen wurde er jedoch wegen Verstößen gegen das US-Einwanderungsgesetz. Die »Feds« holten pflichtbewusst Informationen aus Moussaouis Heimatland Frankreich ein und erfuhren dabei von seinen Kontakten zu einem militanten Extremisten, der im Jahr 2000 im Tschetschenien-Krieg gestorben war. Die Pariser Behörden fügten an, dass Moussaoui in Geheimdienstkreisen »bekannt« sei. Sie hätten einen Komplizen des Extremisten interviewt, der behauptete, von Moussaoui für den Kampf in Tschetschenien rekrutiert worden zu sein, und ihn als »gefährlich« bezeichnete. Der Terrorverdächtige blieb in den USA zwar in U-Haft, doch erste weitere Nachforschungen gerieten unzureichend.17

Am 23. August übergibt der israelische Geheimdienst Mossad den US-Kollegen eine Liste möglicher Terroristen, die in den USA leben und Anschläge vorbereiten. Auf der Liste enthalten sind auch die Namen von vier der 9/11-Entführer: Nawaf Alhamzi, Khalid Almihdhar, Marwan al-Shehhi und Rädelsführer Mohammed Atta.18 Kryptisch deuten die Israelis an, sie hätten die Namen durch einen ins Leben gerufenen Spionagering von »Kunststudenten« erfahren. Doch auch in diesem Fall räumt die CIA den Informationen wenig Priorität zu, legt die Namen in ihrer Zentrale in Langley ab, anstatt sie an die Bundespolizei FBI weiterzuleiten.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Und die Luft war voller Asche" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen