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Und die Hölle folgte ihm nach

Peter Tremayne

Und die Hölle folgte ihm nach

Historischer Kriminalroman

Aus dem Englischen von Irmhild und Otto Brandstädter

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Inhaltsübersicht

Hauptpersonen

Vorbemerkung des Autors

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

 

Meinen wunderbaren,
für Schwester Fidelma begeisterten Lesern,
denen ich in der Abtei Bobbio begegnete
und die mir vorschlugen,
sie einmal dorthin reisen zu lassen.

 

Bobbio in noir, perché no?

 

Et vidi: Et ecce equus pallidus; et, qui sedebat desuper,

nomen illi Mors, et Infernus sequebatur eum …

 

Vulgata, latein. Übersetzung des Hieronymus, 4. Jahrh.

 

Und ich sah, und siehe, ein fahles Pferd; und der darauf saß,

des Name hieß Tod, und die Hölle folgte ihm nach …

 

Offenbarung des Johannes 6,8

HAUPTPERSONEN

Schwester Fidelma von Cashel, eine dálaigh oder Anwältin bei Gericht im Irland des siebenten Jahrhunderts

IN GENUA IM KÖNIGREICH DER LANGOBARDEN

Magister Ado von der Abtei Bobium

Bruder Faro

Schwester Gisa

IM TREBBIA-TAL

Radoald, Seigneur von Trebbia

Wulfoald, Hauptmann der Krieger Radoalds

Suidur der Weise, Leibarzt Radoalds

Aistulf, Einsiedler

IN DER ABTEI BOBIUM

Abt Servillius

der Ehrwürdige Ionas, ein Gelehrter

Bruder Wulfila, Verwalter der Abtei

Bruder Hnikar, Arzt und Apotheker

Bruder Ruadán, ein irischer Mönch, von Inis Celtra stammend

Bruder Lonán, ein Kräuterkundiger

Bruder Eolann, scriptor oder Bibliothekar

Bruder Waldipert, Koch

Bruder Bladulf, Türhüter

Romuald von Benevento, Prinz der Langobarden

Freifrau Gunora, seine Amme

Bischof Britmund von Placentia, Anführer der Arianer

Bruder Godomar, sein Verwalter

AUF DEM BERG PÉNAS

Wamba, ein Ziegenhirt

Hawisa, Wambas Mutter

Odo, ihr Neffe, ein Ziegenhirt

Ratchis, ein Kaufherr

IN VARS

Grasulf, Sohn Gisulfs, des Seigneurs von Vars

Kakko, sein Verwalter

VORBEMERKUNG DES AUTORS

Im Mai 2008 befand ich mich in Norditalien auf einer Werbetour für die Kriminalgeschichten um Schwester Fidelma. Eine sehr eindrucksvolle Veranstaltung war die in der berühmten Abtei Bobbio. Man hatte mich eingeladen, in den uralten Klostermauern vor einer größeren Zuhörerschaft zu sprechen. Die Abtei Bobbio hatte ich immer schon einmal besuchen wollen, doch hatte sich bis dato keine Gelegenheit dazu ergeben.

Bobbio oder Bobium, wie es ursprünglich hieß, war im Jahre 612 von dem berühmten irischen Heiligen und Missionar Columbanus (540–615) gegründet worden. Er stammte aus Leinster, war Abt von Bangor in der Grafschaft Down gewesen und hatte sich dann zu Pilgerfahrten auf dem Kontinent aufgemacht. Die altirische Form seines Namens lautet Colm Bán, das bedeutet »Weiße Taube«. Oft wird er mit seinem Namensvetter Colm Cille (»Taube der Kirche«) aus Donegal verwechselt, bekannter als Columba, der von 521 bis 597 lebte. Seine berühmteste Gründung war die auf Iona, einer winzigen Insel vor der Westküste Schottlands. Der Ruf von Bobbio verbreitete sich in ganz Europa, da es sich ebenso einer großen Bibliothek und vieler Gelehrter rühmen konnte wie Iona.

Ich empfand es als besondere Ehre, in dem altehrwürdigen Kloster Bobbio über Schwester Fidelma sprechen zu dürfen. Einer meiner Zuhörer fragte mich, ob ich nicht Fidelma nach Bobbio reisen lassen könnte, um einen geheimnisvollen Fall in dem großen Kloster irischen Ursprungs im Val de Trebbia in den Apenninen zu lösen.

In Ein Totenhemd für den Erzbischof hatte Fidelma bereits Rom kennengelernt und dort das Geheimnis um den Tod Wigharts, des designierten Erzbischofs von Canterbury, gelüftet, der im Jahre 664 ermordet wurde. Der Fall war historisch belegt, und ich hatte ihn zum Hintergrund meines Romans gewählt. Auf die mir gestellte Frage antwortete ich einfach »Warum nicht?«, woraufhin die große norditalienische Tageszeitung Libertà ihren Bericht über die Veranstaltung mit Bobbio in noir, perchè no? überschrieb. Die Geschichte hat mich zwei Jahre lang beschäftigt, bis sie in der vorliegenden Form erscheinen konnte; während dieser Zeit bin ich mehrfach im Tal der Trebbia unterwegs gewesen.

Abgesehen von zwei Erzählungsbänden folgen die Kriminalromane um Schwester Fidelma einer strengen chronologischen Ordnung analog zu ihrem Erscheinungsdatum. So spielt der erste Roman Nur der Tod bringt Vergebung im Monat Mai des Jahres 664. Die dann folgenden Romane sind in der Zeitspanne bis zum Jahr 670 angesiedelt, das den zeitlichen Rahmen für das Geschehen in Der Blutkelch bildet (erschienen 2010). Der Band Und die Hölle folgte ihm nach stellt eine Ausnahme dar. Diese Geschichte schließt sich den Ereignissen in Ein Totenhemd für den Erzbischof an, die sich im Sommer 664 in Rom zutrugen. Meine Leser werden sich erinnern, dass Fidelma ihren neugewonnenen Freund, Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham, in der Ewigen Stadt zurückließ, während sie nach Irland zurückkehrte. Sie bestieg ein Schiff in Ostia, dem Hafen an der Mündung des Tiber, wollte in Massilia (Marseilles) an Land gehen und von dort der Pilgerroute quer durchs Frankenreich folgen.

Peter Tremayne

KAPITEL 1

Allem Anschein nach war der alte Mann ein Geistlicher. Er trug die corona spina, die Tonsur des heiligen Petrus, einen grob gesponnenen, langen braunen Wollumhang, darunter ein Gewand aus ähnlichem Material, und an den Füßen Ledersandalen. Ein einfaches Mitglied seiner Bruderschaft war er nicht, denn er hatte einen Hirtenstab bei sich, am oberen Ende mit einer kleinen silbernen Krümme, so, wie er für Bischöfe üblich war.

Ohne Fidelma auch nur einen Blick zu schenken, eilte er an ihr vorüber, wobei die Sandalen seine Schritte auf den Pflastersteinen der engen Straße widerhallen ließen. Fidelma hatte unter dem Strohdach eines kleinen Hauses in dem dicht bebauten Teil des alten Seehafens Schutz gesucht, wo sie auch Unterkunft bezogen hatte. Sie hatte von dem Vorübereilenden kaum Notiz genommen, hatte seine Erscheinung nur im Unterbewusstsein registriert. Gänzlich gegen ihren Willen war sie zum Nichtstun verurteilt, und sie suchte fortwährend nach einer Möglichkeit, wie sie die Zeit sinnvoll nutzen konnte. Schon seit etlichen Tagen saß sie in dieser tristen Hafenstadt fest.

Es schien ihr eine Ewigkeit her, dass sie Rom verlassen hatte, um auf dem Tiber zunächst den Hafen Ostia zu erreichen und von dort auf dem Seeweg weiter nach Massilia zu gelangen. Zuerst verlief auch alles ohne Komplikationen. Das Schiff fuhr unter günstigem Wind aus Südost, und der Kapitän war voller Zuversicht auf eine reibungslose Fahrt. Doch noch hatte der Tag sich nicht geneigt, als die Dinge eine andere Wendung nahmen. Der Wind hatte plötzlich gedreht, wie aus dem Nichts war ein Sturm aufgekommen, hatte ein Segel zerfetzt, ein Rundholz zersplittert und das Schiff gegen Felsen geschleudert, wo durch den Aufprall Planken am Kiel barsten. Dem Kapitän war nichts vorzuwerfen. Im Gegenteil, er hatte es zuwege gebracht, das beschädigte Schiff in den Naturhafen von Genua zu manövrieren, und so allen Passagieren und der Mannschaft das Leben gerettet. Die Seeleute hielten das für einen Segen der alten Götter. Fidelma hatte sie gefragt, warum sie das so sahen, und erfuhr, dass Genua nach dem zweiköpfigen Gott Giano benannt worden sei, der als der Beschützer der Schiffe galt. Die abergläubischen Seeleute waren überzeugt, dass besagter Gott sich ihrer angenommen hätte.

Es stellte sich heraus, dass das Schiff nicht sobald wieder seetüchtig gemacht werden konnte. Man beteuerte Fidelma, Genua wäre ein wichtiger Handelshafen, und sie würde keine Schwierigkeiten haben, eine andere Überfahrt nach Massilia zu finden. Doch derlei Vertröstungen erwiesen sich als falsch. Im Hafen lagen nur wenige Schiffe, und keins von ihnen hatte Masssilia oder einen in der Nähe liegenden Ort zum Ziel. Außerdem gab es Gerüchte, dass eine fränkische Flotte Genua ansteuerte, auch war von einem möglichen Krieg die Rede, aber Fidelma nahm das nicht weiter ernst. Sie hatte sich in den Gassen um den Hafen herum umgetan und eine kleine Herberge entdeckt, die christlichen Pilgern Obdach bot. Nicht, dass sie über mangelnde Gastfreundschaft hätte klagen können, aber die Tage verstrichen nur langsam, und immer noch lief kein Schiff ein, auf dem sie ihre Reise hätte fortsetzen können.

Genua und seine Umgebung vermochten sie nicht zu fesseln. Die alte Herbergswirtin hatte ihr in einem kurzen Gespräch seine Geschichte erläutert. In den zurückliegenden Jahrzehnten hatten verschiedene Eroberer aus strategischen Gründen den Seehafen eingenommen; die damals noch herrschenden Byzantiner hatten hier mit ihren Schiffen vor Anker gelegen und von hier aus versucht, die vordringenden germanischen Stämme, die Langobarden, aufzuhalten. Letztere beherrschten jetzt das Land und hatten in diesem regen Handelszentrum Spuren ihrer Kultur hinterlassen. Alboin und seine Langobarden waren im vergangenen Jahrhundert über die gesamte italienische Halbinsel hinweggezogen und hatten sie mit Ausnahme einiger weniger Gebiete, die unmittelbar um Rom herum lagen und an ihrer Unabhängigkeit festhielten, unter ihre Herrschaft gebracht. Jetzt hatten unter dem König sechsunddreißig mächtige Herzöge das Sagen.

Im Hafengebiet hörte man die Sprachen verschiedener Herren Länder, und Fidelma lernte rasch die groben Gutturallaute der Sprache der Langobarden zu unterscheiden. Doch war sie froh, dass Latein immer noch die allgemeine Verkehrssprache war, denn so konnte sie sich wenigstens verständlich machen.

Ihr waren die historischen Fakten durch den Kopf gegangen, als der alte Mönch an ihr vorbeigeeilt war. Vermutlich hätte sie ihn aus ihrem Unterbewusstsein schon gleich gestrichen, wären ihm da nicht zwei Männer gefolgt, die mehr oder weniger ungewollt ihre Aufmerksamkeit erregten. Über die Köpfe hatten sie Kapuzen gestreift, lange dunkle Umhänge verbargen ihre Körper, und sie gingen leicht nach vorn gebeugt, als verfolgten sie ein bestimmtes Ziel; einer von ihnen hielt in der rechten Hand einen Knüppel. Der Knüppel war es, der Fidelma stutzig machte. Nur einen kurzen Moment war der Umhang durch den raschen Schritt des Mannes zurückgeschlagen, so dass sie die Waffe hatte sehen können. Beide waren sorgsam auf ihre Fußtritte bedacht, um auf den Pflastersteinen ja nicht das gleiche Geräusch wie der Mann vor ihnen zu verursachen.

Über mögliche Folgen dachte Fidelma nicht nach. Sollte es sich hier um ein Schurkenstück handeln, dann gebot ihr ihre Berufung als dálaigh – Anwältin bei Gericht in ihrem Land und von ihrer Aufgabe durchdrungen – automatisch zu handeln. Leise folgte sie den beiden Männern, die in der schmalen Gasse dem alten Mönch auf den Fersen waren. Ihnen entgegen kamen nur zwei, drei Leute, und die nahmen keinerlei Notiz von ihnen. Doch gleich darauf erreichten sie ein Stück Straße, das menschenleer war. Schon beschleunigte einer der Männer seinen Schritt, und rein instinktiv tauchte Fidelma in den Schutz einer Nische zwischen den Gebäuden, um sicherzugehen, dass sie niemand beobachtete. Als sie vorsichtig aus ihrem Versteck lugte, sah sie, dass beide Männer sich eilends dem Alten näherten. Er schien sie nicht zu bemerken. Der eine Verfolger holte bereits mit dem Knüppel zum Schlag aus.

Fidelma dachte nicht daran, Vorsicht walten zu lassen, und rannte ihnen hinterher.

»Cave! Cave!«, schrie sie laut auf Latein.

Bei ihrem Aufschrei drehte sich der Geistliche um und parierte den ihn bedrohenden Schlag des Knüppels mit einer geschickten Bewegung seines Hirtenstabes.

Im gleichen Moment drehte sich der zweite Angreifer zu Fidelma um, auch er war mit einem Knüppel bewaffnet. Er schwang ihn in der Luft und kam auf sie zu gerannt. Was dann geschah, war eine Frage von Sekunden. Noch im Lauf duckte sie sich plötzlich und blieb unbeweglich in der Hocke. Ihr Gegner vermochte nicht, sein Tempo abzubremsen, flog über ihren zusammengekauerten Körper und landete mit einem heftigen Sturz auf dem Straßenpflaster, wobei ihm der Knüppel aus der Hand glitt. Fidelma reagierte sofort und stieß, während er noch zusammengekrümmt auf der Erde lag, die Waffe ein Stück von ihm weg.

Nur wenige Male zuvor hatte sie den Kunstkniff der troidsciathagid angewandt. Einmal war das in Rom gewesen, als sie angegriffen wurde. Es war eine traditionelle Technik ihrer Landsleute, bekannt unter dem Begriff »Offensive durch Verteidigung«, überliefert aus alten Zeiten von weisen Lehrern, die es für falsch hielten, zum eigenen Schutz Waffen mit sich zu führen. In jenen gewalttätigen Tagen wurden einsam dahinziehende Missionare oft überfallen, ausgeraubt und zuweilen auch getötet. Jetzt lernten viele Missionare, die auf ihrer peregrinatio pro Christo in fremde Länder zogen, wie man sich dank dieser Technik auch ohne Waffen verteidigen konnte.

Fidelma ging auf Abwehrposition, darauf gefasst, sich ihrem Angreifer erneut stellen zu müssen. Sein Umhang war aufgeschlagen, und sie wurde auf seiner rechten Schulter eines merkwürdigen gestickten Symbols gewahr – ein flammendes Schwert, umgeben von einem Lorbeerkranz. Sie versuchte, sich das Bild einzuprägen, als von hinten jemand etwas rief. Unmittelbar darauf stürmte der erste Angreifer an ihr vorbei und die Straße hinunter. Ihr unmittelbarer Gegner rollte sich zusammen, kam auf die Füße und rannte ihm hinterher. Im Nu waren beide in einer Seitenstraße verschwunden. Fidelma war noch leicht verwirrt, als eine Stimme auf Latein sie warnte: »Lass sie laufen, Schwester. Wir sollten nichts riskieren.«

Sie drehte sich zu dem alten Mann um, der, auf seinen Stab gestützt, dastand. Er hatte eine Schürfwunde an der Stirn, die leicht blutete.

»Bist du verletzt?«, fragte sie und ging auf ihn zu.

Der Alte lächelte. »Es hätte schlimmer sein können, Schwester. Dank deines Eingreifens konnte ich den Schlag rechtzeitig abwehren. Ich hoffe, dir ist nichts geschehen. Und was ist mit dir? Ich habe den Trick früher einmal bei einem Bruder aus Hibernia gesehen. Kommst du etwa auch von dort?«

»Ja«, bestätigte sie. »Ich bin Fidelma aus Hibernia.«

»Freut mich, dich kennenzulernen, Schwester Fidelma. Ich bin Ado von Bobium.«

Sie blickte auf die silberne Krümmung des Hirtenstabes. »Abt Ado?«, fragte sie.

Er lachte kopfschüttelnd. Trotz seines fortgeschrittenen Alters sah er gut aus. Er hatte blaue Augen, das gepflegte weiße Haar reichte ihm fast auf die Schultern. Er machte den Eindruck eines intelligenten und kräftigen Mannes, und die Art und Weise, auf die er seinen Angreifer abgewehrt hatte, bewies nicht nur Stärke, sondern auch Geschick.

»Abt? Nein, selbst wenn mich manche aus Ehrfurcht vor meinem Alter und meiner Gelehrsamkeit mit Magister Ado ansprechen.« Er sah sich prüfend um. »Wir sollten hier nicht unnütz lange verweilen, unsere Freunde könnten leicht wiederkommen. Bis dort, wo ich hin will, ist es nicht mehr weit. Ich würde dir gern meine Gastfreundschaft erweisen und dir so für deinen Beistand danken, den du mir gegen die … hm … Räuber geleistet hast.«

Fidelma hatte das Gefühl, dem alten Mann hatte ein anderes Wort für die Angreifer auf der Zunge gelegen, aber sie drang nicht weiter in ihn. Eine Ablenkung von der Tatenlosigkeit, die sie eben noch bedrückt hatte, kam ihr gelegen. So wanderten sie gemeinsam auf der schmalen Straße, ihr neuer Gefährte stellte ihr einige Fragen, und sie erklärte bereitwillig, durch welche Umstände sie in Genua gelandet war.

Schließlich blieb Magister Ado vor einer Tür stehen.

»Da wären wir«, sagte er, hob seinen Stab und klopfte in bestimmten Abständen – offensichtlich ein vereinbarter Code – gegen die Tür. Sie wurde sogleich geöffnet, und ein junger Mann mit dunklem, hübschem Gesicht schaute argwöhnisch heraus. Auch er war in ein Mönchsgewand gekleidet, machte aber einen äußerst wendigen und kräftigen Eindruck, so dass man ihn eher für einen Krieger als für ein Mitglied der Bruderschaft hätte halten können. Er schaute besorgt drein, als er auf der Stirn des Alten Blutspuren bemerkte.

»Magister Ado! Bist du verletzt?«

Auch jetzt schüttelte der Mönch lächelnd den Kopf.

»Nichts Ernsthaftes. Aber ein Becher Wein täte meiner Gefährtin und mir gut, Bruder Faro.«

Neugierig blickte der junge Mann von Magister Ado zu Fidelma und zwang sich zu einem freundlichen Gesichtsausdruck.

»Entschuldigt mein Zögern. Tretet ein, kommt rasch herein.«

Er zog die Tür weit auf. Fidelma entging nicht, dass er nach ihrem Betreten des Hauses hinaus auf die Straße trat und nach beiden Richtungen Ausschau hielt, wie um sich zu vergewissern, dass sie niemand beobachtet hatte.

Magister Ado wartete, bis der junge Mann die Tür geschlossen hatte und sie durch einen stickigen Raum auf einen kleinen Innenhof führte. Ein plätschernder Brunnen brachte etwas Kühlung in die noch warme Luft. Kurz darauf erschien in einem anderen Türbogen eine junge Frau.

»Ah, Schwester Gisa«, begrüßte sie Magister Ado. »Was meine Gefährtin und ich brauchen, ist ein Becher Wein. Darf ich vorstellen? Schwester Fidelma aus Hibernia.«

Die junge Frau – den Mädchenschuhen kaum entwachsen – betrachtete ihn besorgt. »Du hast Blut auf der Stirn, Magister …«, begann sie.

»Alles in bester Ordnung. Kein Grund zur Beunruhigung.« Er wandte sich an Fidelma. »Das sind gute Freunde von mir – Schwester Gisa und Bruder Faro. Sie sind immer übertrieben besorgt um mich. Hol uns Wein, Schwester Gisa.«

Mit einem flüchtigen Kopfnicken hieß das Mädchen Fidelma willkommen, ging zu einem Seitentisch und nahm einen Krug und zwei Tonbecher zur Hand. Bruder Faros beunruhigter Gesichtsausdruck wollte nicht weichen. »Was ist passiert?«

»Versuch eines Raubüberfalls, nichts weiter. Zum Glück war Schwester Fidelma in der Nähe, ohne ihr Eingreifen hätte es schlimmer ausgehen können.«

»Glaubst du, sie haben mitbekommen, dass ihr hier seid?«

Stirnrunzelnd betrachtete der Alte den jungen Mann, machte aber gleich wieder ein entspanntes Gesicht. »Rasch, bring den Wein, mein Kind. Ich muss den Staub der Straße aus der Kehle spülen.«

Schwester Gisa schenkte Wein ein und blickte dabei Fidelma verstohlen an. Sie hatte dunkle Augen, wie Fidelma auffiel, ähnlich dunkel wie ihr Haar, soweit es die Haube erkennen ließ. Die Gesichtsfarbe war olivbraun, doch stammte die Tönung nicht von der Sonneneinwirkung wie sonst bei Südländern.

»Was hat es möglich gemacht, dass du hast eingreifen können, Schwester?«, fragte das Mädchen. Alle sprachen in einem einwandfreien Latein, keiner benutzte die landesübliche Sprache.

»Ich sah, wie zwei Männer Magister Ado hinterherschlichen«, meinte Fidelma achselzuckend, »ich rief und konnte ihn warnen. Das ist alles.«

Magister Ado schüttelte den Kopf. Er hatte immer noch ein Lächeln auf dem Gesicht, so als könnte er gar nicht anders.

»Von wegen alles. Sie hat weit mehr getan, meine Freunde. Einer der Kerle wollte über sie herfallen, und sie hat den Mann einfach zu Boden gezwungen. Ich habe den Trick bisher nur einmal gesehen, und das war bei einem der Brüder aus Hibernia.«

Bruder Faro äußerte geradezu übertriebene Dankbarkeit.

»Du hast unserem Meister das Leben gerettet. Vielen Dank, Schwester.«

»Ich war sein Lehrer«, erklärte Magister Ado. »Und bin es immer noch, sofern die Jugend auf das Alter hört.«

Das mit der Jugend war relativ zu sehen, fand Fidelma, denn sie schätzte Bruder Faro Mitte zwanzig.

»Was ich gern gewusst hätte, ist, warum sie es auf dich abgesehen hatten«, fragte Fidelma und nippte an ihrem Wein. »Meines Erachtens waren es nicht nur einfache Straßenräuber.«

»Du hast eine scharfe Beobachtungsgabe, Schwester«, meinte Magister Ado ernst, und sie glaubte in seiner Stimme so etwas wie Argwohn herauszuhören.

»Es ist meine Natur. Ich habe in meinem Land die Ausbildung zu einer Anwältin bei Gericht erfahren.«

»Schwester Fidelma?« Schwester Gisa war hellhörig geworden. »Bist du gerade erst von Rom gekommen?« Und ehe Fidelma das bestätigen konnte, erklärte die junge Schwester Magister Ado aufgeregt: »Vor einer Woche, kurz bevor wir die Abtei verließen, um zu unserem Treffpunkt hier zu kommen, kehrte ein Bruder aus Rom zurück. Er wusste von einer Schwester Fidelma zu berichten aus einem Ort Cashel in Hibernia. Sie hätte das Geheimnis um den Mord eines angelsächsischen Bischofs, der sich dort ereignet hatte, aufgeklärt. Selbst der Heilige Vater hätte sie in hohen Tönen gelobt. Bist du die besagte Fidelma von Hibernia?«, fragte sie schließlich an Fidelma gewandt.

Fidelma machte ein verdutztes Gesicht. »Ich kann es nicht leugnen. Mein Vater war Failbe Flann, König von Muman, dessen Hauptstadt Cashel in Hibernia liegt. Mein Bruder ist der gesetzliche Erbe auf das Königtum. Ich aber bin nur Rechtsanwältin, wie ich schon gesagt habe, und war im Auftrag der Bischöfe meines Landes auf einer Mission in Rom.«

Schwester Gisa klatschte vor Vergnügen fast in die Hände. »Kennst du Bruder Ruadán von Eenish Keltrah?«

Fidelma brauchte einen Moment, ehe sie begriff, dass das junge Mädchen Inis Celtra meinte, dann aber machte sie große Augen vor Verwunderung. Erinnerungen aus der Kindheit an der Schule, die Bruder Ruadán geleitet hatte, stiegen in ihr auf.

»Bruder Ruadán von Inis Celtra war mein Lehrmeister, bis ich das Alter der Wahl erreichte. Wie kommst du auf ihn?«

»Bruder Ruadán dient in unserer Abtei«, verkündete Schwester Gisa strahlend. »Als der Bruder aus Rom deinen Namen nannte, sagte er, er würde dich kennen.«

Fidelma war bemüht, ihre Überraschung zu verbergen. »Bruder Ruadán muss aber sehr alt sein. Du sagst, er lebt in einer Abtei irgendwo hier in der Nähe?«

»In der Nähe wäre übertrieben«, mischte sich Bruder Faro ein. »Hochbetagt ist er tatsächlich. Als wir vor einer Woche aus der Abtei abreisten, konnte er seine Zelle nicht verlassen und wurde von Schüttelfrost geplagt.«

»Aber wo genau ist er? In welcher Abtei?«

»In der Abtei Bobium«, erwiderte Schwester Gisa. »Er sprach von dir mit großer Zuneigung und erzählte, er habe einst die junge Tochter seines Königs unterrichtet. Er war sich ganz sicher, dass diese Schwester Fidelma, von der in Rom die Rede war, die Person gewesen sein muss, die er einst kannte.«

Magister Ado betrachtete sie aufmerksam. »Ist es wahr? Bist du eben die Person, die im Lateranpalast vom Heiligen Vater selbst so hoch gelobt wurde?«

Fidelma war es unangenehm, ein solches Aufsehen zu erregen, und sie wiederholte: »Ich bin Fidelma von Cashel. Doch wo befindet sich diese Abtei Bobium? Ich würde Bruder Ruadán gern wiedersehen.«

»Sie liegt oben in den Bergen, Schwester. Ein Dreitagesritt, und es braucht ein gutes Pferd.« Die Auskunft kam von Bruder Faro.

Auf Fidelmas Gesicht machte sich Enttäuschung breit. Drei Tage zu Pferd, außerdem würde sie in dem ihr unbekannten Gebiet einen Führer benötigen. Zeit genug würde sie zwar haben, da wenig Aussicht bestand, so bald ein Schiff nach Massilia zu bekommen, aber wie sollte sie sich Pferd und Führer beschaffen? Und bis nach Hause stand ihr noch einiges bevor.

»Zeit und Mittel verbieten eine Reise zu ihm«, sagte sie. »Verzeih, Magister Ado. Ich habe gefühlsmäßig reagiert, ohne die Dinge zu durchdenken.«

Schwester Gisa füllte die Becher auf. »Du sagtest vorhin, du glaubst nicht, dass es nur Straßenräuber waren, die den Magister überfallen wollten.«

»Wie kommst du darauf?«, fragte nun auch der Magister.

»Zuallererst durch dein Verhalten«, sagte Fidelma. »Du hast gezögert, die Angreifer zu beschreiben. Dann die Art und Weise, wie besorgt dich Bruder Faro empfing, auch die Worte, die ihr wechseltet. Und als wir ins Haus traten, wartete er eine Weile und vergewisserte sich, ob uns auch niemand beobachtet hätte. All das deutet darauf hin, dass es sich nicht um einen zufälligen Raubüberfall handelte. Dabei habe ich noch kein Wort zu Aussehen und Verhalten der Angreifer gesagt.«

Magister Ado gab sich amüsiert. »Dir scheint wirklich nichts zu entgehen, Fidelma von Cashel.«

»Und doch fehlt es an einer Erklärung für das Geschehene.«

Es herrschte einen Moment Stille, bevor Magister Ado ihrem Drängen nachgab.

»Du sagst, du hättest dich nur eingemischt, weil du sahst, dass ich, ein Mönch, Gefahr lief, überfallen zu werden. Du hast mich wirklich erst auf der Straße und nicht schon zuvor gesehen?«

»Ich bin hier fremd. Woher sollte ich dich kennen?«

»Wie viel weißt du über dieses Land, Schwester? Über das Land der Langobarden?«

»Sehr wenig«, gab sie zu, begriff aber nicht, worauf er hinauswollte.

»Ist dir bekannt, dass es ein großer Lehrer aus deinem Land namens Columbanus war, der unsere Abtei Bobium gegründet hat?«

»Colm Bán?« Sie übertrug den Namen automatisch in die irische Form. »Ich habe von ihm und seinen Werken gehört. Aber ich dachte immer, sein missionarisches Wirken lag hauptsächlich bei den Franken im Norden. Und meines Wissens ist er bereits vor vielen Jahren gestorben.«

»Er starb tatsächlich vor vielen Jahren, denn schon vor über fünfzig Jahren kam er über die großen Berge und begründete unsere Abtei. Ich trat als junger Mann dort ein, um mich in der reich bestückten Bibliothek, die er uns hinterließ, meinen Studien zu widmen.«

»Magister Ado ist bei uns ein hochgerühmter Gelehrter«, fügte Bruder Faro stolz hinzu. »Er hat die große Vita Cummiani geschrieben.«

»Lass das ›groß‹ weg, mein Sohn«, tadelte ihn der Alte. »Ich war jung damals. Eine großartige Leistung war das nicht. Ist dir Cummianus ein Begriff, Schwester?«

»Ich weiß nur, dass Cuimmíne bei uns ein gängiger Name ist.«

»Der Mann, den ich meine, war ein Bischof aus deinem Land und kam als älterer Mann nach Bobium, wo er viele Jahre bei uns lebte. Er war ein wahrhaft frommer Mensch und hätte einen besseren Autor als mich verdient, sein Leben und Wirken zu beschreiben.«

»Mein Magister ist allzu bescheiden«, versicherte der junge Mönch. »Er hat mehrere Schriften verfasst und ist im ganzen Land der Langobarden als großer Gelehrter geachtet.«

»Aber das erklärt noch immer nicht, weshalb man dich zusammenschlagen wollte«, stellte Fidelma fest.

»Das ist richtig«, pflichtete ihr der Alte bei. »Wie umfassend ist deine Bildung, Fidelma aus Hibernia?«

»Das kommt darauf an, wie man es sieht.«

»Wie soll ich das verstehen?«, fragte er überrascht.

»Es kommt darauf an, um welches Wissensgebiet es sich handelt. Heißt es nicht, ein jeder weiß nur von den Dingen nichts, die er noch zu lernen hat?«

Magister Ado lachte. »Ich merke, du nimmst es mit den Formulierungen sehr genau.«

»Das hat man mich als Anwältin gelehrt.«

»Also gut. Es gibt, wie soll ich sagen, Unstimmigkeiten unter den Menschen hier. Interne Streitigkeiten, Gerede von Bürgerkrieg und Intrigen. Und das nicht nur im öffentlichen Umgang miteinander, sondern auch unter den Glaubensbrüdern und -schwestern.«

»Und wie erklärt sich der Überfall auf dich?«

»Bobium hat immer über all diesen Streitigkeiten gestanden, erkennt die Autorität des Heiligen Vaters in Rom an und steht zu dem Glaubensbekenntnis, wie es in Nicäa formuliert wurde. Doch manch einer ist der Auffassung, eine solche Haltung kann nur mit dem Tod geahndet werden.«

Fidelma war entsetzt. »Das kann ich nicht nachvollziehen.«

»Wir, die wir uns zu dem Glauben bekennen, wie er auf dem Ersten Konzil zu Nicäa verkündet wurde, haben uns zusammengeschlossen, um uns in diesem Land besser zu schützen.«

»Zu schützen? Gegen wen?«

Magister Ado zögerte mit einer Antwort. »Die Mehrheit der Menschen hier hält es entweder mit den alten Göttern ihrer Vorfahren oder glaubt an die Lehre des Arius.« Er senkte die Stimme. »Das Vorgehen ihrer Anführer ist von mutwilliger Zerstörung und Aufruhr gekennzeichnet, und ihre kriegerischen Banden schänden das Land.«

Fidelma versuchte, sich an das wenige, was sie über Arius wusste, zu erinnern. Er war auf dem Ersten Konzil zu Nicäa zum Ketzer erklärt worden, aber die Gründe dafür hätte sie nicht nennen können.

»Ich wäre dir dankbar, wenn du mir etwas auf die Sprünge helfen könntest, Magister Ado«, sagte sie schließlich.

»Arius stammte aus Alexandria, wo er vor dreihundert Jahren das Christentum verbreitete. Während wir an dem Gedanken der Heiligen Dreifaltigkeit festhalten, vertrat er die Auffassung, dass es nur einen wahren Gott gäbe. Während Gottvater außerhalb der Welt existiere, gelte das nicht für den Sohn Gottes, geboren als Jesus, erschaffen durch den Willen Gottes und folglich ihm nicht ebenbürtig. Er behauptete sogar, Christus habe es nicht immer gegeben.«

»Bei uns gilt doch aber die Lehre von der Dreieinigkeit, die Wesenseinheit von Gottvater, Sohn und Heiligem Geist.«

»So ist es«, stimmte ihr Magister Ado ernst zu. »Arius und seine Anhänger aber erklären, es gäbe nur einen Gott, den Schöpfer der Welt, und das schon jenseits aller Zeitvorstellung. Gottvater habe den Sohn erschaffen, der dem Vater untergeordnet ist, der Sohn wiederum habe den Heiligen Geist erschaffen, der in ähnlicher Weise dem Sohn untergeordnet ist.«

Fidelma konnte sich einer gewissen Logik des Gedankengangs, der ihr neu war, nicht entziehen und beschloss im Stillen, sich zukünftig mit diesen Lehren näher zu befassen.

»Ich verstehe einfach nicht, warum derartige Unterschiede in Glaubensauffassungen zu Blutvergießen führen sollen«, sagte sie.

»Es ist bereits geschehen«, stellte Bruder Faro fest und schüttelte traurig den Kopf. »Vor kurzem hat ein Edelmann Bobium aufgesucht, ein Anhänger des Arius. Als einer unserer Brüder sich weigerte, seine Auffassungen zu bejahen, war er so erbost, dass er sein Schwert zog und ihn niederstach.«

Schwester Gisa fühlte sich zu einer Ergänzung bemüßigt. »Du musst schon entschuldigen, Schwester Fidelma, als Bruder Faro sagte, Bruder Ruadán läge mit Schüttelfrost danieder, wollte er dich nicht weiter beunruhigen. In Wahrheit ist er ans Bett gefesselt, weil ihn Arianer zusammengeschlagen haben. Es geschah einen Tag, bevor wir von dort nach Genua aufbrachen.«

Fidelma erschrak, und Magister Ado schalt Bruder Faro: »Warum hast du mir das verschwiegen?«

»Es ist so, wie Schwester Gisa gesagt hat, es geschah erst einen Tag vor unserer Abreise. Ich hätte es dir früher erzählt, aber die Sorge um deine wohlbehaltene Ankunft hat mich alles andere vergessen lassen.«

»Und was im Einzelnen ist passiert?«

»Bruder Ruadán wurde früh morgens vor den Toren der Abtei gefunden. An sein blutbeflecktes Gewand hatte man einen Streifen Papyrus geheftet, auf dem das Wort ›Ketzer‹ gekritzelt war.«

Fidelma war fassungslos. »Er ist verletzt und liegt zu Bett? Wie schlimm steht es um ihn?«

Schwester Gisa presste die Lippen zusammen. »Es sieht nicht gut aus, Schwester. Unser Arzt hat uns nicht viel Hoffnung gemacht. Du weißt ja, er ist hochbetagt, und viel Widerstandskraft hat er nicht.«

»Glaubst du, dass die Männer, die dich angegriffen haben, auch Anhänger des Arius waren?«, fragte Fidelma Magister Ado. »Dass sie dich zusammenschlagen wollten, weil sie wussten, du gehörst zum Kloster Bobium?«

»Die Brüder von Bobium sind für ihre kritische Haltung zu Arius bekannt.« Bruder Faro hatte die Antwort schneller parat als der Alte. »Aus anderen Gründen ist niemand Bobium feindlich gesinnt.«

»Das sehe ich auch so«, bekräftigte Magister Ado. »Einzig und allein diejenigen, die sich gegen das Glaubensbekenntnis von Nicäa wenden, bekämpfen die Bruderschaft von Bobium. Woher aber diese Arianer wussten, dass ich in Genua war, ist mir ein Rätsel. Ich bin erst heute früh hier an Land gegangen.«

Schwester Gisa nickte ernst. »Das stimmt. Magister Ado ist eben erst aus Aquitania zurückgekehrt. Und wir sind hierher gekommen, um ihn nach Bobium zurückzubegleiten.«

Fidelma hatte den Eindruck, dass Magister Ado der jungen Schwester einen vorwurfsvollen und zugleich warnenden Blick zuwarf. »Man sagte mir, ein Schiff aus Massilia hätte heute hier angelegt, und ich hatte gehofft, mit ihm dorthin zurückfahren zu können«, erklärte sie. »Der Kapitän eröffnete mir jedoch, er wäre auf dem Weg nach Ostia. Es erhebt sich wirklich die Frage, woher diese Männer gewusst haben können, dass du hier warst und dir so auflauern konnten.«

Magister Ado zuckte mit den Schultern. »Unsere arianischen Feinde sind bestens informiert. Bischof Britmund von Placentia ist einer unserer erbittertsten Feinde. Möglicherweise ist ihm zu Ohren gekommen, dass Bruder Faro und Schwester Gisa sich aufgemacht hatten, um mich hier zu treffen.«

Bruder Faro wurde rot. »Wir haben alle Vorsichtsmaßnahmen walten lassen, dass über Sinn und Zweck unserer Reise nichts nach außen drang.«

»Ich mache dir keine Vorwürfe, junger Freund. Aber es gibt Situationen, da ein aufmerksamer Feind logische Schlussfolgerungen ziehen kann.«

»Und da wir das nicht ausschließen können, sollten wir uns nicht länger als unbedingt nötig hier aufhalten«, meinte Schwester Gisa nervös.

»Demnach gedenkt ihr möglichst rasch zum Kloster Bobium aufzubrechen?«, fragte Fidelma.

»Gleich morgen bei Tagesanbruch«, bestätigte Bruder Faro.

Fidelma zögerte. »Wenn es um Bruder Ruadán so schlecht steht, möchte ich ihn sehen, ehe er … ehe er …«

Sie mochte den Gedanken nicht zu Ende denken. Bruder Ruadán nahm in ihrem Herzen einen besonderen Platz ein. Ihre Mutter war bei ihrer Geburt gestorben, und ihr Vater, König Failbe Flann, starb, als sie und ihr Bruder Colgú noch Kinder waren. Als die Zeit kam, da Fidelma Unterricht erhalten sollte, schickte man sie in die kleine Gemeinschaft zu Bruder Ruadán auf Inis Celtra. Von ihrem siebenten Lebensjahr an bis zum aimsir togu, dem Alter der Wahl für Mädchen, hatte sich Bruder Ruadán um ihre Ausbildung gekümmert. Er war für sie so etwas wie eine Vaterfigur geworden. All ihre kindlichen Sorgen und Nöte hatte sie ihm anvertraut, bis sie später zum weiteren Studium auf die Hohe Schule für Rechtskunde zu Brehon Morann von Tara ging. Es war also nicht nur ein Pflichtgefühl, sondern ein inneres Verlangen, das sie trieb, ihn zu sehen.

»Komm doch mit uns, Schwester«, schlug Schwester Gisa eifrig vor.

Bruder Faro war weniger begeistert. »Es ist ein langer Ritt durch die Berge«, gab er zu bedenken.

»Das wäre nicht das Problem, aber ich brauche ein Pferd und habe nicht die Mittel, mir eins zu beschaffen.«

Magister Ado überlegte und hatte plötzlich eine Idee. »Habt ihr einen Maulesel für das Gepäck mitgeführt?«, fragte er Bruder Faro.

Der sah ihn überrascht an und nickte zögernd. »Ja. Einen Maulesel haben wir hier.«

»Vielleicht …«

Schwester Gisa fiel ihm ins Wort. »Viel Gepäck haben wir nicht, und ich kann auf dem Muli reiten.«

»Verstehst du dich aufs Reiten?«, fragte Magister Ado Fidelma.

»Nichts leichter als das«, antwortete sie ohne Zögern. Sie hatte auf Pferden gesessen, ehe sie laufen konnte.

»Es ist ein langer und mühsamer Ritt, das Gelände könnte sich für dich als schwierig erweisen«, warnte Bruder Faro.

»Gebirgiges Gelände habe ich oft genug durchquert«, versicherte sie ihm.

»Mich beeindruckt, dass Schwester Fidelma von Anfang an durchschaut hat, dass es sich bei meinen Angreifern nicht einfach um Straßenräuber handelte«, sagte Magister Ado zu dem jungen Mann. »Sie könnte uns von Nutzen sein.«

Fidelma kam nicht dazu, ihn zu fragen, wie er das meinte, denn Schwester Gisa rief begeistert: »Also ist das beschlossene Sache. Es kann nur gut sein, dich auf unserer Reise zur Gefährtin zu haben.«

Bruder Faro seufzte und schien sich in das Unvermeidliche zu fügen. »Dann solltest du die Sachen zusammenpacken, die du für die Reise brauchst. Aber nimm nur das Allernotwendigste mit, und sage niemandem mehr als unbedingt nötig. Achte auf deinem Weg hierher, dass dir niemand folgt. Bei Tagesanbruch brechen wir auf.«

»Ich will versuchen, euch nicht zur Last zu fallen«, entgegnete sie ihm ernst; dass heiterer Spott in ihrer Stimme mitschwang, merkte er nicht.

»Nach dem Überfall auf Magister Ado muss ich wohl nicht nachdrücklich darauf hinweisen, dass Wachsamkeit geboten ist.«

»Mach dir keine Sorgen, Bruder Faro. Ich werde meine Vorkehrungen treffen. Was ich nicht brauche, lasse ich in der Herberge, und vor Sonnenaufgang bin ich hier. Die Dunkelheit wird mich vor argwöhnischen Blicken schützen.«

Sie erhob sich, und Magister Ado tat desgleichen.

»Wahrscheinlich ist es das Beste, wenn du in der Herberge kein Wort darüber verlierst, dass du nach Bobium reist«, riet er ihr. »Es ist durchaus möglich, dass die beiden, die mich überfallen wollten, durch die Herbergen am Hafen ziehen, um etwas über dich und folglich auch über mich in Erfahrung zu bringen.«

Fidelma blieb gelassen, staunte aber, dass die neugewonnenen Gefährten jeden Schritt erwogen wie Verschwörer

»Vor Tagesanbruch bin ich zurück. Ich freue mich auf unsere Reise nach Bobium.«

»Es ist eine äußerst schwierige Strecke durch die Berge, Fidelma«, versuchte es Bruder Faro, immer noch skeptisch, erneut. »An die drei Tage im Sattel. Ich kann nur hoffen, dass du eine wirklich tüchtige Reiterin bist.«

»Ich werde dich nicht enttäuschen.« Es ärgerte sie ein wenig, dass man ihren Fähigkeiten nicht traute.

»Dann werden wir gewiss gut vorankommen und Bobium ohne Schwierigkeiten erreichen«, meinte Magister Ado zuversichtlich.

KAPITEL 2

Die Sonne stand bereits tief. Sie schwebte noch eine Weile auf den schwarzen Kämmen der Berge und versank dann rasch dahinter. Vom Hafen in Genua war es ein langsamer und anstrengender Ritt gewesen. In vielen Windungen zog sich der Saumpfad die Berge hinauf, war aber ziemlich breit und viel begangen. Immer wieder kamen ihnen kleine Trupps von Händlern entgegen, die ihre bepackten Maultiere am Zügel führten. Man grüßte sich freundlich im Vorbeiziehen. Derart vielen Leuten auf dieser Bergstrecke zu begegnen, hatte Fidelma nicht erwartet.

»Wir befinden uns auf der alten Salzstraße«, erklärte ihr Magister Ado, der neben ihr ritt. Hinter ihnen kamen Schwester Gisa auf dem Packmuli und Bruder Faro auf einem fahlgrauen lebhaften Pferd. Fidelma, die sich vorzüglich auf Pferde verstand, war sofort aufgefallen, dass es sich bei dem Ross, auf dem er saß, um eine besondere Züchtung handelte: hoher Widerrist, gedrungene Rückenpartie, schmale Kruppe und tiefhängender Schweif.

»Salzstraße?«, fragte sie stirnrunzelnd. Sie hatte sich gerade nach der ihr unbekannten Pferderasse erkundigen wollen, als Magister Ados Bemerkung sie davon abbrachte.

»Diese Straße führt nach Ticinum Papia, einer Stadt weiter im Norden, jenseits der Höhenzüge hier. Die Händler schaffen Waren wie Wolle, Wein und Oliven zum Hafen an der See. Auf dem Rückweg bringen sie Salz nach Ticinum Papia. Deshalb nennen wir sie Salzstraße.«

»Und wollen auch wir nach diesem Ticinum Papia?«

Er schüttelte den Kopf. »Wir werden die Nacht in einer kleinen Ortschaft verbringen, bei der die Salzstraße geradenwegs durch die Berge nach Norden abzweigt. Unser Weg hingegen führt durch ein Tal, das Tal der Trebbia heißt es, und bringt uns direkt zur Abtei Bobium.«

Fidelma hatte die Landschaft, durch die sie ritten, mit lebhaftem Interesse wahrgenommen. In mancher Hinsicht erinnerte sie sie an ihre Heimat. Die Berge waren keine hochaufragenden Felszacken, ihre Kämme zogen sich in sanften Kurven dahin und erhoben sich zu Höhen, die ihr vertraut waren. Die unteren Hänge waren mit dichten Wäldern bestanden. Sie erkannte Buche, Eberesche und Mehlbeerbaum. Auch die Farnkräuter und Adlerfarne riefen Erinnerungen wach. Mit etwas Phantasie konnte sie sich einbilden, sie wäre zu Hause. Und doch war der Gesamteindruck irgendwie anders – wahrscheinlich lag es an der fetten, rötlich-braunen Erde.

Ab und an machte sie Turmfalken und Sperber aus, die hoch oben am Himmel kreisten. Aus den dichten Waldungen hörte sie Vogelgezwitscher, mal hier, mal da, das sie aber keinem Vogel zuordnen konnte. Vielleicht spürte sie gerade dadurch, dass sie sich in der Fremde befand. Dann fiel ihre eine Eiche auf, eine Eiche war es, ja, doch die Blätter waren anders geformt.

Ihre Begleiter Magister Ado, Schwester Gisa und auch Bruder Faro hatten ein offenes Ohr für ihre Fragen über die Beschaffenheit der Berge, der Pflanzen- und Tierwelt und antworteten freundlich und geduldig. Schließlich wies Bruder Faro auf einen Berg, der sich links von ihnen in einiger Entfernung über alle anderen erhob.

»Das ist der Monte Antola. Heute Abend werden wir noch diesseits von ihm rasten, dann verlassen wir die Salzstraße und ziehen morgen weiter ins Tal der Trebbia nach Süden. Unsere Abtei liegt hoch oben auf dem Steilufer der Trebbia.«

»Die Trebbia entspringt dort hinten bei dem Monte Perla«, ergänzte Magister Ado, »und fließt dann die ganze Strecke bis zu dem riesigen Strom, den wir den Padanus nennen. Aber das ist noch ein ganzes Stück weiter nördlich von Bobium.«

Je weiter sie ritten, desto mehr gewann Fidelma den Eindruck, dass die Berge doch beträchtlich höher aufragten, als sie es von Irland gewöhnt war.

»Müssen wir bis über die Berge?«, fragte sie besorgt angesichts der schroffen Höhenzüge.

»Es gibt einen Pass«, versicherte ihr Bruder Faro, »und haben wir erst mal den erreicht, bleiben wir dort auch über Nacht.«

Tatsächlich fanden sie auf der Passhöhe eine kleine Herberge, die Unterkunft für Durchreisende bot. Sie waren nicht die Einzigen; auch einige Kaufleute, die südwärts zogen, rasteten dort. In einer warmen Ecke machten sie es sich gemütlich und tauschten sich über ihre Heimatländer aus. Magister Ado konnte gar nicht genug erfahren über das Land, aus dem Columbanus gekommen war, und Fidelma erfuhr manches über die Herkunft ihrer Weggefährten.

Schwester Gisa gehörte zu den Langobarden, sie war im Trebbia-Tal aufgewachsen. Wie Fidelma bereits bemerkt hatte, war die Schwester nicht nur ausgesprochen hübsch, sondern auch klug. Wann immer sie sich zu einer Frage äußerte, tat sie das wohlüberlegt. Fidelma schätzte sie nicht älter als einundzwanzig oder zweiundzwanzig. Sie war nach Bobium gekommen, um unter Magister Ado die Rechenkunst zu erlernen. Bruder Faro war erst seit zwei Jahren in der Abtei, aber abgesehen davon, dass er von irgendwo im Norden stammte, erfuhr Fidelma wenig über ihn.

»Ist Bobium ein conhospitae – ein gemischtes Haus?« Fidelma erkundigte sich danach, weil sie gehört hatte, dass immer noch fromme Brüder und Schwestern aus ihrer Heimat kamen, um in der Abtei zu leben.

»Nein«, erwiderte Magister Ado ohne Umschweife. »Ist es auch nie gewesen. Bis vor zwanzig Jahren wurde unsere Abtei nach der Regel geführt, die unser Gründer Columbanus festgesetzt hatte. Dann entschied sich Abt Bobolen mit Zustimmung der ganzen Bruderschaft, die Regula Benedicti zu übernehmen.«

»Die Benediktinerregel?« Fidelma wusste genug von den Zwistigkeiten, die diese Regel zwischen den Abteien in ihrem Heimatland verursachte. »Ihr habt die Regel eures Gründervaters aufgegeben?«

»Wir müssen mit der Zeit gehen«, entgegnete Magister Ado. »Die Regel des Columbanus war sehr harsch, es war unumgänglich, sich auf Kompromisse einlassen.« Er bemerkte, wie verwirrt sie dreinschaute. »Das scheint dich zu verwundern. Es war aber so, dass sich viele nicht mit der strengen Disziplin und den harten Strafen abfinden wollten, die Columbanus eingeführt hatte. Wenn zum Beispiel ein Mitglied der Abtei frühmorgens nicht die Zeit fand, sich zu rasieren, und unrasiert zur Messe erschien, wurde er mit sechs Geißelhieben bestraft.«

»Aber das ist nicht die Art, nach der klösterliche Gemeinschaften in Irland leben«, protestierte Fidelma. »Wie konnte dergleichen zur Regel von Colm Bán gehören?«

»Wie auch immer, wir haben sie zugunsten der des Benedikt aufgegeben.« Er sah sie nachdenklich an und fügte hinzu: »Einige der Brüder, die aus Hibernia zu uns gekommen sind, waren ebenfalls sehr erstaunt, als sie hörten, mit welcher Härte die Regel des Columbanus durchgesetzt wurde.«

»Das kann ich mir gut vorstellen. Diese Regel hat nichts mit den Grundsätzen zu tun, die in unseren Abteien gelten. Das klingt eher nach den Bußgesetzen, die einige nun auch unserem Land aufzwingen wollen. Meinst du, Colm Bán war bestrebt, die römischen Pönitenzvorschriften einzuführen?«

Schwester Gisa versuchte die Dinge zu erklären. »Ich habe gehört, Columbanus stand vor dem Problem, Zucht und Ordnung unter seinen Anhängern herzustellen, die aus den Ländern der Franken und Langobarden stammten. Dazu war eine starke Hand nötig, und deshalb hat er wohl strengere Regeln aufgestellt, als sie in seinem Land üblich waren.«

»Wenn die Abtei sich nun nach der Regula Benedicti richtet, wie du sagst, bedeutet das, dass in der Abtei die Geschlechter voneinander getrennt sind?«

Magister Ado bestätigte ihre Frage mit einem Kopfnicken. »Es gibt ein Haus für die Frauen außerhalb der Hauptgebäude der Abtei. Aber während der Arbeit und zum Gottesdienst bestehen wir nicht auf der strikten Trennung von Brüdern und Schwestern. Auch kommen die Nonnen vor der Andacht regelmäßig zu uns zur Abendmahlzeit. Nicht wenige meinen, wir sollten ein conhospitae sein, also ein gemischtes Haus, wie es in deinem Land üblich ist.«

»Unterstützt euer gegenwärtiger Abt die Trennung der Geschlechter?«

»Er gehört zu den Asketen, die sich dem Zölibat verschrieben haben«, warf Schwester Gisa ein, presste aber sofort die Lippen zusammen, als hätte sie es lieber nicht sagen sollen.

»Abt Servillius und ich sind seit langem Freunde », stellte Magister Ado klar und warf der jungen Schwester einen tadelnden Blick zu. »Wir haben uns kennengelernt, als wir noch junge Männer waren. Er entstammt einer alten Patrizierfamilie Roms und ist sehr stolz darauf. Er ist ein standhafter Verteidiger des Zölibats und erinnert uns oft daran, dass es diesen alten Brauch schon bei den Priestern des Bacchus in Rom gab. Ihn zu befolgen, hieße, sicherer zur Erfüllung unserer Glaubensgrundsätze zu gelangen.«

»Eine Auffassung, die in Rom immer stärker um sich greift«, bestätigte Fidelma. »Führt das in Bobium zu Spannungen?«

»Nein, nicht innerhalb der Abtei, denn alle Brüder sind darin eines Sinnes«, erwiderte Magister Ado rasch. »Anlässe zu Spannungen werden meist von draußen hereingetragen.«

»Spielst du auf die Anhänger des Arius an?« Fidelma bemerkte die beklommenen Blicke, die Bruder Faro und Schwester Gisa wechselten.

»Grund zur Besorgnis gibt es deswegen keinen«, erwiderte Magister Ado. »Aber falls du denkst, der Überfall auf mich hätte etwas mit ihnen zu tun, nun ja, vielleicht war es ein Akt der Vergeltung, weil ich gegen die lasterhaften Bischöfe und Adligen hier gewettert habe. Die geben vor, sie seien Anhänger des Arius. Sie nutzen das Banner des Arius und rechtfertigen damit ihre Übergriffe auf die klösterlichen Gemeinschaften.«

»Und das soll kein Grund zur Besorgnis sein? Wie du mir erzählt hast, warst du in Genua kaum an Land gegangen, als du überfallen wurdest. Wie lange bist du unterwegs gewesen?«

Er schaute sie forschend an. »Du bist beharrlich mit deinen Fragen, Fidelma.«

»Das liegt an meiner Ausbildung. Ich bitte um Verzeihung, wenn meine Frage irgendwie ungehörig war.«

Der betagte Geistliche schien sich zu entspannen und lächelte. »Schon gut. Ich war bloß ein paar Wochen fort, habe die Reise nur unternommen, um eine alte Handschrift aus dem scriptorium der Abtei Tolosa zu erwerben. Doch jetzt sind wir beinahe zu Hause. Morgen reiten wir ins Trebbia-Tal hinein, und dort haben wir nichts zu befürchten.«

Es erstaunte Fidelma, dass ein Mann, dem man eben erst aufgelauert hatte, so voller Selbstvertrauen war und jede Furcht vor weiteren Gefahren von sich wies.

 

Am nächsten Morgen verließen sie die Landstraße und folgten einem schmaleren Weg über die Hügel des Vorgebirges. Bald stiegen sie in ein sich in vielen Windungen hinziehendes Tal hinab, durch das ein wasserreicher Fluss munter dahinströmte.

»Das ist die Trebbia«, erklärte Bruder Faro, der nun neben Fidelma ritt. Magister Ado und Schwester Gisa waren ein Stück vor ihnen. »Der Fluss fließt auch an Bobium vorbei. Noch eine Übernachtung am Monte Lésima, und am Morgen danach liegt dann der geheiligte Ort vor uns, an dem sich Columbanus mit seinen Anhängern niedergelassen hat.«

Das Tal erinnerte Fidelma wieder stark an die saftig grünen Täler aus ihrer Heimat. Kein Wunder, dass Colm Bán sich gerade für diese Umgebung entschieden hatte, als er die Heimstatt für seine Gemeinschaft gründete. Vielleicht hatte er sich hier ähnlich zu Hause gefühlt wie in seinen heimatlichen Gefilden. Auf den sanften Hängen zu beiden Seiten des Flusses standen Buchen mit ihren leuchtend grünen Blättern in vollem Laub, dazwischen erhoben sich massive Erlen mit weitverzweigten Kronen, unter denen wenig wuchs. Ihr dichtes Blattwerk bildete im Sommer einen Schirm, der kaum Licht durchließ, auf das niedrige Sträucher angewiesen waren. Während die Buchen meist die höher gelegenen Hänge bevorzugten, standen unten die robust wirkenden Mehlbeerbäume. Fuhr eine Brise durch die Blätter, zeigten sie oft ihre silbrig-weiße filzige Unterseite. Wo immer die Bäume weniger dicht standen, wuchsen Adlerfarne und andere Farnkräuter. Um manche Bäume schlangen sich auch die kräftigen Stämme der wilden Klematis. Ihren weißen und grünlichen Blüten entströmte angenehmer Vanilleduft.

Bruder Faro spürte, mit welchem Interesse Fidelma die ihr neue Umgebung in sich aufnahm. In solchen Momenten gab er seine Zurückhaltung auf und suchte das Gespräch. »Du erinnerst dich gewiss an das Mahl, das wir gestern Abend vorgesetzt bekamen.« Er wies auf eine Gruppe stattlicher Bäume in Ufernähe. »Das sind Esskastanien. Wir haben von ihren Früchten gegessen.«

Fidelma kannte derartige Baumriesen von ihrer Reise durch die angelsächsischen Königreiche. Ein alter weiser Mann hatte ihr erzählt, dass die Römer vor langer, langer Zeit den Baum dort heimisch gemacht hatten.

»Die sind den Bäumen ähnlich, die ich im Lande der Angelsachsen gesehen habe, aber die Früchte werden dort nicht reif, man kann sie nicht essen wie hier.«

Magister Ado und Schwester Gisa hatten haltgemacht und warteten auf sie. Schwester Gisa, die die letzten Sätze ihrer Unterhaltung gehört hatte, ergänzte: »Die Nüsse dieser Bäume sind fettreich und sehr schmackhaft. Wir verwenden sie in verschiedenen Gerichten. Man braucht die stachlige Fruchthülle nur aufzuschlitzen, um an den Kern zu kommen.«

Magister Ado ließ sich nun zurückfallen und ritt neben Bruder Faro, damit die beiden Frauen sich weiter über die landesübliche Küche unterhalten konnten. Schwester Gisa und Bruder Faro ritten auf der Flussseite des Wegs, während Fidelma und Magister Ado sich auf der Bergseite hielten.

Vor ihnen bemerkte Fidelma einen Vogel mit spitzen Flügeln und langem Schwanz; er hatte am Fluss links neben ihnen gestanden und flog plötzlich auf. Dabei stieß er kurze, scharfe Schreie aus, ein Turmfalke, wie Fidelma wusste. Wenig später drangen schrille Rufe aus dem Wald, zwei große dunkle Vögel mit breiten gerundeten Schwingen und kurzen Hälsen stiegen steil aus den Baumkronen auf. Mäusebussarde. Das Vogelgeschrei steigerte sich. Die Unruhe unter den Vögeln bedeutete Gefahr. Wachsam suchte Fidelma mit den Blicken den dunklen Waldsaum ab. Sie sah einen Schatten neben einem Baum, drehte sich um und rief eine Warnung.

Offenbar hatte auch Magister Ado den Schatten bemerkt, denn schon hatte er sich tief über den Hals des Pferdes gebeugt. Ein Pfeifgeräusch zischte an ihnen vorbei, Bruder Faro schrie auf, rutschte vom Pferd und blieb rücklings liegen. Ein Pfeilschaft ragte aus seiner Schulter, und Blut quoll aus der Wunde. Fidelma erfasste das Geschehen sofort. Magister Ado saß wieder aufrecht. Er musste wohl gesehen haben, wie der Schütze den Bogen spannte, und hatte sich rasch geduckt. Der Pfeil war über ihn hinweggeflogen und hatte Bruder Faro getroffen. Schwester Gisa kreischte gellend auf.

Fidelma spähte zum Waldsaum hinüber. Zwei Männer mit gespanntem Bogen lösten sich aus der Deckung und kamen dreist auf sie zu. Was sollte man tun? Wenn sie flohen, mussten sie den Verwundeten den Feinden auf Gedeih und Verderb überlassen. Abzusteigen und den Bewusstlosen auf das Pferd zu hieven, blieb ihnen keine Zeit. Sich aber nicht vom Fleck rühren, bedeutete gewiss ihrer aller Tod, unbewaffnet wie sie waren.

Magister Ado schien seine eigene Rettung im Auge zu haben. Er preschte mit seinem Pferd vor, hatte sie schon überholt, blieb aber unversehens stehen, denn von vorn erklang der schmetternde Ton eines Jagdhorns. Weitere warnende Hornstöße folgten. Fidelma begriff kaum, was um sie herum geschah, zu schnell ging alles vor sich, und blieb unentschlossen auf ihrem Ross sitzen. Hinter einer Biegung des Talwegs kam in vollem Galopp etwa ein halbes Dutzend Bewaffneter heran. Sie sah eben noch, wie die beiden Bogenschützen die Flucht ergriffen und im Dickicht verschwanden.

Der Anführer des Trupps gab einige Befehle, drei seiner Reiter saßen ab und stürmten in das Waldesdickicht, den fliehenden Angreifern hinterher.

Schwester Gisa war von ihrem Maultier abgestiegen und kniete neben dem auf der Erde liegenden Bruder Faro. Fidelma eilte ihr zu Hilfe. Der Verwundete lag mit offenen Augen und stöhnte leise. Der Pfeil war ins Fettgewebe unter der Haut gedrungen, hatte aber wesentliche Muskeln verfehlt. Trotzdem musste er sofort entfernt und die Wunde versorgt werden. Die Gefahr einer Blutvergiftung, die leicht zum Tod führen konnte, war groß.

»Halt ihn fest«, wies Fidelma Schwester Gisa an, und Bruder Faro redete sie gut zu: »Es tut mir leid, aber es wird ein bisschen weh tun.«

Zum Sprechen hatte er nicht die Kraft, er nickte nur. Sie besah sich den Pfeil genau. Der war, ohne von Knochen oder Sehnen gehindert zu werden, ins Fleisch gedrungen und guckte auf der anderen Seite heraus. Die Pfeilspitze war, Gott sei Dank, glatt und ohne Widerhaken. Sie griff zu, brach das befiederte Ende so dicht wie möglich an der Wunde ab, packte dann die Spitze und zog den Rest des Schafts mit einem Ruck heraus. Bruder Faro schrie auf und wurde ohnmächtig.

»Schnell, Schwester, hol Wasser, wir müssen die Wunde reinigen.«

Schwester Gisa holte Wasser aus dem Fluss und brachte etwas aus ihrer Satteltasche mit. Fidelma wusch vorsichtig die Wunde aus, und Schwester Gisa erklärte: »Ich habe hier eine Paste aus gestoßenem Knoblauch. Mein Vater hat sie oft verwendet. Wir bestreichen damit die offene Stelle, das hilft bei der Heilung und beugt Entzündungen vor.«

Schweigend nickte Fidelma und ließ ihre Helferin gewähren und die Verletzung mit Leinwandstreifen verbinden. Bruder Faro kam wieder zu sich. Sie richteten ihn auf, lehnten ihn gegen einen Baumstamm und reichten ihm einen Becher mit Wein, den Schwester Gisa aus ihrem Vorrat hervorzauberte.

Fidelma ließ die beiden allein und ging zu Magister Ado hinüber, der angelegentlich mit dem Anführer des Reitertrupps sprach. Es war ein großgewachsener schlanker Krieger mit langem blondem Haar und leuchtend blauen Augen, die fast ins Violette changierten.

Magister Ado machte sie miteinander bekannt. »Das ist Schwester Fidelma aus Hibernia, die mit uns nach Bobium will.«

»Ich bin Wulfoald, Schwester. Ich stehe bei Radoald, Billos Sohn, dem Seigneur von Trebbia in Diensten. Ich heiße dich in unserem Land willkommen.« Sein Latein war fehlerlos.

»Ich habe nicht den Eindruck, dass einen jeder hier willkommen heißt«, meinte sie spöttisch.

Wulfoald zog die Brauen verächtlich hoch und wies auf den Wald, in dem die Angreifer verschwunden waren. »Banditen, Schwester. Wir werden sie zu fassen kriegen und abstrafen.«

Sie wollte schon zu einer Erwiderung ansetzen, doch Magister Ado wusste das zu verhindern. »Wir können von Glück sagen, Wulfoald, dass du mit deinen Mannen gerade hier vorbeigekommen bist.«

Der junge Krieger zuckte die Achseln. »Wir sind unterwegs, um an der Kreuzung zur Salzstraße von Kaufleuten Waren für meinen Seigneur zu übernehmen. Wir hörten die Warnrufe der Vögel und einen Aufschrei. Ich ließ meinen Jäger ins Horn blasen, ein Signal für jeden, dass Radoalds Krieger im Anmarsch sind. Wie geht es deinem Gefährten da?«

»Bruder Faro?« Magister Ado schien jetzt erst zu bemerken, dass sein junger Begleiter verwundet worden war. Er drehte sich um und stellte beruhigt fest, dass Bruder Faro aufrecht saß und von Schwester Gisa umsorgt wurde.

Von der Hangseite ertönte ein Ruf, die drei Krieger, die den Räubern hinterhergejagt waren, kamen zurück, allerdings ohne Erfolg.

»Sie sind uns entkommen, Wulfoald«, berichtete einer von ihnen. Sie hatten weiter oben Pferde und waren auf und davon, ehe wir sie umzingeln konnten.«

»Habt ihr erkennen können, wer sie waren?«, fragte Wulfoald.

»Nein. Sie haben schwarze Umhänge und Kapuzen getragen, die ihre Gesichter verbargen.«

Schwester Fidelma sah Magister Ado an. »Schwarze Umhänge und Kapuzen?« Ihre Bemerkung klang wie eine Frage.

Der Geistliche bewegte kaum merklich den Kopf, aber der Blick war Warnung genug.

»Banditen, wie gesagt.« Wulfoald wiederholte es mit Nachdruck. »Sei unbesorgt, Schwester. Die verziehen sich und wissen, dass der Arm von Seigneur Radoald lang ist und seine Rache überraschend schnell sein kann. Die kommen nicht zurück. Zur Sicherheit werde ich zwei meiner Leute anweisen, euch bis zu den Mauern von Bobium zu begleiten. Noch besser wäre, ihr nehmt für heute Nacht die Gastfreundschaft meines Herrn, Seigneur Radoald, auf seiner Festung an. Unser Arzt, Suidur der Weise, wird sich bestimmt gern um den jungen Klosterbruder kümmern.«

Magister Ado dankte ihm überschwänglich. Wulfoald erteilte seinen Leuten die entsprechenden Befehle, und Fidelma ging hinüber zu Bruder Faro. Der junge Mann lächelte beklommen.

»Ich spüre noch einen stechenden Schmerz, aber es ist erträglich«, sagte er, als sie nach seinem Befinden fragte. »Ich habe schon Schlimmeres ausgehalten.«

»Wirst du bis zu Radoalds Festung mitreiten können?«, erkundigte sich Magister Ado.

»Ich denke, schon.«

»Dann sollten wir die Gastfreundschaft von Seigneur Radoald in Anspruch nehmen.« Magister Ado schaute sich gewissenhaft nach allen Richtungen um, als wollte er sich davon überzeugen, dass die Angreifer tatsächlich verschwunden waren. »Sobald du dich kräftig genug fühlst, setzen wir uns in Trab.«

»Schwarze Umhänge und Kapuzen?«, überlegte Fidelma noch einmal leise. »Meinst du nicht, dass die Kerle, die dich in Genua angegriffen haben, genau die sind, die dich soeben ermorden wollten?«

»Aus ihrem Äußeren muss man das nicht zwangsläufig. folgern«, wehrte Magister Ado ab. »Viele Leute tragen hier schwarze Umhänge und Kapuzen.«

»Aber doch wohl nicht im Sommer«, bemerkte Fidelma knapp und schaute hoch zum wolkenlosen blauen Himmel.

»Die Nächte jedenfalls sind ziemlich kalt«, erwiderte er sarkastisch und wandte sich Wulfoald zu, der mit seinen Kriegern auf sie wartete.

»Ich habe zwei meiner Leute angewiesen, euch bis zur Festung von Radoald zu begleiten«, rief er ihnen zu und zeigte auf die beiden Männer. »Wir müssen jetzt weiterziehen, wir dürfen die Kaufleute an der Salzstraße nicht verfehlen.«

»Dann bleibt uns nichts weiter zu tun, als euch nochmals für eure rechtzeitige Hilfe zu danken. Nehmt unseren Dank und unseren Segen.«

Wulfoald schwang sich auf sein Pferd. Einen Moment lang dachte Fidelma, er hätte die Pferde verwechselt, denn sein fahler Grauer sah Bruder Faros Ross zum Verwechseln ähnlich. Er gab ein Handzeichen, und bald war der Kriegertrupp ihren Blicken entschwunden.

Unterstützt von der besorgt dreinschauenden Schwester Gisa kam Bruder Faro auf die Beine. »Ich bin bereit, Magister, sag, wann es losgehen soll.«

Sobald alle wieder im Sattel saßen, gesellte sich Fidelma zu Magister Ado, während Schwester Gisa an Bruder Faros Seite blieb. Hinter ihnen ritten die beiden schweigsamen Krieger. Sie schienen sich auf ihren Beruf zu verstehen, sooft sich Fidelma auch nach ihnen umdrehte, immer suchten sie mit wachsamen Augen die nähere und weitere Umgebung nach möglichen Gefahren ab.

Magister Ado mochte über den Überfall nicht weiter reden, und Fidelma wagte es nur noch einmal, darauf anzuspielen, ob die Schurken vom Vortag und jetzt nicht doch identisch sein könnten.

»Du musst diese Anhänger des Arius bis ins Mark getroffen haben, wenn sie wiederholt Anschläge auf dein Leben verüben.«

»Du scheinst sicher zu sein, dass der Überfall vorhin von denselben Kerlen verübt wurde wie in Genua«, erwiderte er steif. »Im Lande gibt es genug Banditen, besonders in der Nähe der Handelsstraßen, da würde ich mit solchen Anschuldigungen sehr vorsichtig sein.«

Sie merkte, es war nutzlos, ihn weiter zu bedrängen. Aus irgendeinem Grund war er nicht bereit anzunehmen, was sich ihr als logische Schlussfolgerung bot. Daher versuchte sie, sich dem Problem auf andere Weise zu nähern.

»Wie kommt es, dass die Leute hier so unerschütterlich für die Lehren des Arius einstehen?«

Magister Ado schaute sie misstrauisch an und zuckte dann die Achseln. »Als die Auffassungen des Arius in Konstantinopel Fuß zu fassen begannen, ist ein Gote namens Ulfilas, der mit den Ansichten des Arius zum Christentum bekehrt wurde, als Missionar unter den germanischen Völkerschaften umhergezogen. Seine Lehren verbreiteten sich unter den Goten, Vandalen, Westgoten, Burgunden und Langobarden. Die meisten übernahmen diese Form des Glaubens und bekämpften diejenigen, die, wie wir, sich ans Nicänische Glaubensbekenntnis hielten.«

»Und sie sind bei der Auffassung des Arius geblieben, trotz aller Versuche, sie eines anderen zu belehren?«

Magister Ado seufzte tief und schmerzlich. »Mein Volk, die Langobarden, ist jahrhundertelang den Deutungen von Arius gefolgt.« Er hielt inne. »Lass es mich dir erklären. Vor über drei Jahrhunderten wurde Arius in Alexandria wegen seiner Lehre angeklagt. Kaiser Konstantin berief ein Konzil nach Nicäa ein, um die anstehende Frage zu erörtern. Arius vertrat die Ansicht, Christus sei zwar göttlicher Natur, wurde aber zur Errettung der Menschheit in die Welt gesandt. Denn Er und der Heilige Geist seien nicht wesensgleich mit Gottvater, der sie erschaffen haben muss, denn Gott hat alles erschaffen. Die Auseinandersetzungen in Nicäa waren heftig und zogen sich hin. Am Ende wurde Arius mitsamt seiner Lehre verdammt. Die Versammlung der Bischöfe einigte sich auf ein Glaubensbekenntnis, das fortan als verbindlich galt. Der Zentralgedanke war: Vater, Sohn und Heiliger Geist sind eines Wesens; sie sind eine Einheit, sind eine Dreifaltigkeit. Christus ist nicht weniger als Gott.«

»Nachdem sich das Konzil zu Nicäa darauf geeinigt hatte, was geschah dann?«

»Konstantin, der Kaiser, verbannte alle diejenigen, die sich weigerten, sich an die getroffene Entscheidung zu halten, und auch alle diejenigen, die es ablehnten, Arius und seine Anhänger zu verdammen. Er befahl, sämtliche Abschriften der Thalia zu verbrennen.«

»Thalia … was ist darunter zu verstehen?«

»Das ist das Buch, in dem Arius seine Lehrmeinung dargelegt hatte. Das Wort bedeutet nichts weiter als ›Festlichkeit‹.«

»Damit hätte der Streit beendet sein müssen.«

»So war es aber nicht. Ein anderer Kaiser, Constantius, der zweite seines Namens, wurde ein Anhänger des Arius und nutzte seine Macht, die nicänischen Bischöfe zu vertreiben, er verbannte sogar Papst Liberius und setzte statt seiner den Arianer Felix auf den Heiligen Stuhl.

Als Constantius starb, wandte sich Kaiser Julian Apostata wieder der heidnischen Götterverehrung zu. Er erklärte, jedermann habe das Recht zu glauben, was er will. Demnach war es den verschiedenen Sekten freigestellt, ihren eigenen Vorstellungen zu folgen. Dann schließlich kamen nach einigen Jahrzehnten Kaiser Theodosius und seine Gattin Flacilla an die Macht. Beide entschieden sich für das Nicänische Glaubensbekenntnis. Sie vertrieben alle arianischen Bischöfe und gaben ein Edikt heraus, demzufolge jeder Untertan des Römischen Reichs sich zum Nicänischen Glaubensbekenntnis der Bischöfe von Rom und Alexandrien zu bekennen und Treue zu schwören hatte. Wer sich dem verweigerte, wurde harter Bestrafung unterworfen.«

Fidelma war entsetzt. »Das klingt ja, als hätte sich der Neue Glaube zu einem Instrument politischer Macht entwickelt, anstatt geistliches Bedürfnis, moralisches Verhalten und verstandesgemäßes Denken der Menschen zu befördern.«

Magister Ado schnaufte verächtlich. »Mitunter müssen die Menschen auf den rechten Weg gebracht werden.«

»Aber doch wohl nicht mit Gewalt?«

»Ach, komm.« Magister Ado lachte auf. »Du bist doch Anwältin in deinem Land. Schreiben die Gesetze nicht jedermann vor, wie er sich zu benehmen hat? Und wer sich nicht fügt, wird der nicht bestraft? Bedeutet das etwa nicht, dass man die Menschen zwingt, sich moralischen Vorstellungen unterzuordnen? Was nützt es, Menschen zu Spiritualität und Moral zu ermahnen, wenn sie sich in ihrer Raffgier über alles hinwegsetzen?«

Unrecht hatte der alte Gelehrte nicht, musste Fidelma zugeben, und doch war für sie ein solcher Standpunkt moralisch durchaus bedenklich. Sie hielt es für klüger, das Thema nicht weiter zu verfolgen. Schließlich war der Mann zweimal überfallen worden – allem Anschein nach, weil er seine Glaubensvorstellungen unbeugsam verfocht. In theologische Streitfragen sollte sie sich besser nicht einmischen, war sie doch eine Fremde in einem fremden Land. Ihr vorrangiges Anliegen war, ihren ehemaligen Mentor, Bruder Ruadán, zu besuchen und ihm Trost auf seinem Krankenlager zu spenden.

Insgeheim glaubte sie schon zu verstehen, warum Arius die Ansicht vertrat, es gäbe nur einen von Ewigkeit zu Ewigkeit waltenden Gott, und dass Christus, der eingeborene Sohn, von Gott erschaffen sein musste. Und sagte nicht Christus im Evangelium des Johannes, sein Vater sei größer als er? Sie war hin und her gerissen. In ihrer eigenen Kultur waren die alten Götter und Göttinnen stets als dreieinige Gottheiten angesehen worden, jedes göttliche Wesen hatte drei Verkörperungen und drei leibliche Erscheinungsformen. Das Nicänische Glaubensbekenntnis war leichter mit den theologischen Ansichten ihres Volkes in Übereinstimmung zu bringen als der Monotheismus, der Glaube an einen einzigen Gott. Sie würde sich nach einer Abschrift des Werks des Arius, der Thalia, umtun müssen, um seine philosophische Haltung besser zu verstehen. In solche Gedanken versponnen, ritt sie eine Weile schweigend dahin.

Ohne weitere Zwischenfälle folgten sie dem Weg am Fluss entlang durch das schöne Tal.

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