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Und dennoch ist es Liebe

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. PROLOG
  6. TEIL I
  7. KAPITEL 1
  8. KAPITEL 2
  9. KAPITEL 3
  10. KAPITEL 4
  11. KAPITEL 5
  12. KAPITEL 6
  13. KAPITEL 7
  14. KAPITEL 8
  15. KAPITEL 9
  16. KAPITEL 10
  17. KAPITEL 11
  18. KAPITEL 12
  19. KAPITEL 13
  20. KAPITEL 14
  21. KAPITEL 15
  22. KAPITEL 16
  23. KAPITEL 17
  24. KAPITEL 18
  1. TEIL II
  2. KAPITEL 19
  3. KAPITEL 20
  4. KAPITEL 21
  5. KAPITEL 22
  6. KAPITEL 23
  7. KAPITEL 24
  8. KAPITEL 25
  9. KAPITEL 26
  10. KAPITEL 27
  11. KAPITEL 28
  12. KAPITEL 29
  13. KAPITEL 30
  14. KAPITEL 31
  15. KAPITEL 32
  1. TEIL III
  2. KAPITEL 33
  3. KAPITEL 34
  4. KAPITEL 35
  5. KAPITEL 36
  6. KAPITEL 37
  7. KAPITEL 38
  8. KAPITEL 39
  9. KAPITEL 40
  10. KAPITEL 41
  11. KAPITEL 42
  12. KAPITEL 43
  13. KAPITEL 44
  1. DANKSAGUNG

PROLOG

PAIGE

Nicholas will mich nicht in mein Haus lassen, aber ich kann meine Familie aus der Ferne beobachten, da ich im Garten campiere. So weiß ich ganz genau, wann Nicholas Max ins Kinderzimmer bringt, um ihm die Windel zu wechseln. Das Licht geht an – es kommt von einer kleinen Dinosaurierlampe, deren Schirm mit Dinosaurierknochen bedruckt ist –, und ich sehe die Silhouette der Hände meines Mannes, wie sie die Pampers ausziehen.

Als ich vor drei Monaten wegging, hätte ich noch an den Fingern einer Hand abzählen können, wie oft Nicholas die Windeln gewechselt hatte. Aber was hatte ich auch erwartet? Jetzt blieb ihm keine Wahl mehr, und Nicholas war schon immer ein Meister der Notfallbewältigung gewesen.

Max plappert vor sich hin. Es sind sinnlose Silben, die sich aneinanderreihen wie Perlen an einer Kette. Neugierig stehe ich auf und klettere an den niedrigen Ästen der Eiche hinauf, die dem Haus am nächsten steht. Mit ein klein wenig Mühe kann ich mich so weit hinaufziehen, dass mein Kinn auf einer Höhe mit dem Kinderzimmerfenster ist. Ich halte mich schon so lange im Dunkeln auf, dass ich blinzeln muss, als das gelbe Licht des Raumes über mich hinwegfließt.

Nicholas zieht gerade den Reißverschluss von Max’ Schlafsack zu. Als er sich herunterbeugt, greift Max nach Nicholas’ Krawatte und steckt sie sich in den Mund. Als er sie ihm wieder abnimmt, sieht er mich am Fenster. Er nimmt das Baby und dreht Max’ Gesicht absichtlich von mir weg. Dann geht er zum Fenster, dem einzigen, das nahe genug ist, um hineinzusehen, und starrt mich an. Nicholas lächelt nicht und sagt kein Wort. Schließlich zieht er die Vorhänge zu, sodass ich nur noch die Umrisse der Ballons, der Ponys und der Tuba spielenden Elefanten sehen kann – all die lächelnden Bilder, die ich gemalt und zu denen ich gebetet habe, als ich schwanger war, in der Hoffnung, die Märchen würden mir die Angst nehmen und meinem Sohn eine glückliche Kindheit garantieren.

*

In dieser Nacht, in der der Mond so weiß und schwer ist, dass ich nicht schlafen kann, ohne Angst zu haben, zerquetscht zu werden, erinnere ich mich an den Traum, der mich zu meiner vermissten Mutter geführt hat. Natürlich weiß ich jetzt, dass es kein Traum war, sondern die Wahrheit. Es war eine Erinnerung, die zurückkam, kurz nachdem Max geboren wurde – in der ersten Nacht nach der Entbindung und dann in der Woche, als wir ihn nach Hause gebracht haben –, manchmal mehrmals in der Nacht. Häufig habe ich mir diese Erinnerung auch dann wieder vor Augen geführt, wenn Max aufwachte und gefüttert oder gewickelt werden wollte. Und es ist mir unangenehm, zugeben zu müssen, dass ich die Verbindung viele Wochen lang nicht erkannt habe.

In der Küche meiner Mutter waren Wasserflecken an der Decke, sie waren blass und rosa, und ihre Form erinnerte an Pferde. Da, sagte meine Mutter immer und deutete nach oben, während ich auf ihrem Schoß saß, kannst du die Nüstern sehen? Den geflochtenen Schweif? Jeden Tag beschäftigten wir uns mit unseren Pferden. Vor dem Frühstück saß ich auf der Arbeitsplatte, während meine Mutter die Spülmaschine ausräumte, dann stellte ich mir vor, dass das Geräusch von Porzellan auf Porzellan magische Hufschläge wären. Nach dem Abendessen, wenn wir im Dunkeln saßen und dem Rumpeln der Wäsche in der Waschmaschine oder im Trockner lauschten, küsste meine Mutter mich auf den Kopf und flüsterte mir die Namen der Orte zu, an die uns die Pferde bringen würden: Telluride, Scarborough, Jasper. Mein Vater, der Erfinder war und sich mit Programmierarbeiten etwas dazuverdiente, kam immer spät nach Hause und fand uns dann schlafend vor, einfach so, in der Küche meiner Mutter. Ich habe ihn immer wieder gebeten, auch nach oben zu schauen, doch er konnte die Pferde nicht sehen.

Als ich das meiner Mutter erzählte, sagte sie, dann müssten wir ihm eben helfen. Eines Tages hob sie mich auf die Schultern, während sie auf einem kleinen Hocker balancierte. Sie gab mir einen schwarzen Textmarker, der stark nach Alkohol roch, und sagte, ich solle damit die Umrisse von dem zeichnen, was ich sehe. Dann malte ich die Pferde mit der farbigen Kreide aus meinem Wal-Mart-Set aus – eins braun mit weißem Stirnfleck, einen erdbeerfarbenen Rotschimmel und zwei leuchtend orange gefleckte Appaloosas. Meine Mutter fügte die muskulösen Vorderbeine hinzu und die wehenden Mähnen. Dann zog sie den Tisch mit dem Hackbrett in die Mitte der Küche und stellte mich darauf. Draußen summte der Sommer, so wie er es in Chicago immer tut. Meine Mutter und ich lagen Schulter an Schulter nebeneinander und starrten zu den drei Hengsten hinauf, die über die Decke galoppierten. »Oh, Paige«, seufzte meine Mutter friedlich, »schau dir doch nur einmal an, was wir vollbracht haben.«

Mit fünf Jahren wusste ich noch nicht, was ›vollbringen‹ bedeutet, und ich verstand auch nicht, warum mein Vater so wütend war und warum meine Mutter ihn ausgelacht hat. Ich wusste nur, dass ich in den Nächten, nachdem meine Mutter uns verlassen hatte, rücklings auf dem Küchentisch gelegen und versucht habe, ihre Schulter an meiner zu fühlen. Ich habe versucht, das Auf und Ab ihrer Stimme zu hören, und nach drei Monaten hat mein Vater Tünche gekauft, um damit die Decke zu streichen und Zoll für Zoll die Rassehengste auszulöschen, bis es so war, als seien die Pferde nie dagewesen und auch meine Mutter nicht.

*

Um 02.30 Uhr geht das Licht im Schlafzimmer an, und ich betrachte es als einen Hoffnungsschimmer, doch das Licht wird genauso schnell wieder ausgeschaltet. Max ist ruhig, er wacht nicht mehr drei- bis viermal in der Nacht auf. Ich krieche aus dem Schlafsack, öffne den Kofferraum meines Wagens und krame zwischen Starthilfekabeln und leeren Coladosen herum, bis ich meinen Zeichenblock und die Conté-Stifte finde.

Ich musste sie mir neu kaufen. Ich könnte Ihnen noch nicht einmal ansatzweise sagen, wo ich die alten Stifte vergraben habe, nachdem mir klar geworden war, dass ich nicht auf die Kunsthochschule gehen und mich gleichzeitig um Max kümmern konnte. Aber nachdem ich weggelaufen war, habe ich wieder zu zeichnen begonnen. Zuerst habe ich dummes Zeug gezeichnet: das Einwickelpapier der Hamburger beim Mittagessen, ein Stoppschild, Pennymünzen. Dann habe ich mich an Menschen versucht, auch wenn ich da ein wenig eingerostet war: die Kassiererin im Minimart und zwei spielende Kinder. Ich habe Bilder der irischen Götter und Helden gezeichnet, deren Geschichten ich mein Leben lang gehört habe. Und Schritt für Schritt kehrte das Zweite Gesicht, das ich immer in meinen Fingern hatte, wieder zurück.

Ich bin nie einfach nur eine Künstlerin gewesen. Solange ich denken kann, habe ich den Dingen auf dem Papier Sinn eingehaucht. Ich mag es, die Lücken zu füllen und dunklen Flecken Farbe zu verleihen. Ich zeichne Bilder, die so nah an die Ränder des Papiers heranragen, dass sie Gefahr laufen herunterzufallen. Und manchmal werden Dinge in meinen Zeichnungen enthüllt, die ich selbst nicht begreife. Gelegentlich beende ich ein Porträt und sehe plötzlich etwas in einer Nackenkuhle oder in einer dunklen Stelle hinter dem Ohr, das ich gar nicht habe zeichnen wollen. Wenn ich das fertige Werk sehe, bin ich immer wieder überrascht. Ich habe schon Dinge gezeichnet, die ich nicht wissen konnte, Geheimnisse, die mir nicht verraten worden sind, und Liebesbeziehungen, die nicht sein sollten. Wenn die Menschen meine Bilder sehen, sind sie fasziniert. Sie fragen mich, ob ich weiß, was all diese Dinge bedeuten, doch das weiß ich nie. Ich kann das Bild zeichnen, doch die Menschen müssen sich ihren Dämonen selber stellen.

Ich weiß nicht, warum ich diese Gabe habe. Sie zeigt sich auch nicht in jedem Bild, das ich zeichne. Das erste Mal geschah es, als ich im siebten Schuljahr war und im Kunstunterricht eine simple Skyline von Chicago zeichnen sollte. Aber ich habe die blassen Wolken mit Visionen von tiefen, leeren Hallen und klaffenden Türen gefüllt. Und in der Ecke befanden sich fast unsichtbar eine Burg, ein Turm und eine Frau im Fenster, die die Hände aufs Herz presste. Zutiefst verstört riefen die Nonnen meinen Vater an, und als der die Zeichnung sah, wurde er kreidebleich. »Ich wusste ja gar nicht«, sagte er, »dass du dich so gut an deine Mutter erinnerst.«

Als ich nach Hause zurückkehrte und Nicholas mich nicht mehr hineinlassen wollte, habe ich das Naheliegende getan: Ich habe mich mit Bildern von meinem Mann und meinem Sohn umgeben. Ich habe Nicholas’ Gesichtsausdruck gezeichnet, als er die Tür geöffnet und mich gesehen hat, und ich habe Max gezeichnet, wie er auf Nicholas’ Armen gesessen hat. Dann habe ich beide Bilder ans Armaturenbrett in meinem Wagen geklebt. Sie sind technisch nicht gut, aber es ist mir gelungen, die Gefühle einzufangen.

Heute, während ich darauf wartete, dass Nicholas aus dem Krankenhaus wieder nach Hause kommt, habe ich aus dem Gedächtnis gezeichnet. Ich habe Bild auf Bild angefertigt und beide Seiten des Papiers bemalt. Jetzt habe ich mehr als sechzig Bilder von Nicholas und Max.

Ich arbeite gerade an einer Zeichnung, die ich früher am Abend begonnen habe, und ich bin so sehr darin vertieft, dass ich nicht einmal bemerke, wie Nicholas auf die Veranda tritt. Das sanfte weiße Licht umgibt ihn wie einen Heiligenschein. »Paige?«, ruft er. »Paige?«

Ich gehe zur Veranda, an eine Stelle, wo er mich sehen kann. »Oh«, sagt Nicholas und reibt sich die Schläfen. »Ich wollte nur nachsehen, ob du noch immer hier bist.«

»Ja, ich bin noch immer hier«, erwidere ich, »und ich werde auch nirgendwo anders hingehen.«

Nicholas verschränkt die Arme vor der Brust. »Nun«, sagt er, »dafür ist es wohl ein wenig spät.« Kurz glaube ich, er würde sofort wieder ins Haus gehen, doch stattdessen zieht er den Bademantel enger um die Schultern und setzt sich auf die Verandatreppe. »Was machst du da?«, fragt er und deutet auf meinen Zeichenblock.

»Ich habe gerade an dir gearbeitet. Und an Max«, antworte ich und zeige ihm eine der Zeichnungen, die ich früher am Tag gemacht habe.

»Das ist gut«, sagt er. »Du warst schon immer gut darin.«

Ich kann mich nicht daran erinnern, wann Nicholas mich zuletzt für etwas gelobt hat. Kurz schaut er mich an, und fast wäre seine Schutzmauer in sich zusammengefallen. Seine Augen sind müde und blass. Sie sind vom gleichen Blau wie meine.

In dieser einen Sekunde, während ich Nicholas anschaue, sehe ich wieder den jungen Arzt, der einst davon geträumt hat, zur Spitze zu gehören, und der sich in meinen Armen geheilt hat, immer wenn einer seiner Patienten gestorben war. Und ich sehe in seinen Augen das Spiegelbild eines Mädchens, das früher einmal an Romantik geglaubt hat. »Ich würde ihn gerne mal in den Arm nehmen«, flüstere ich, und bei diesen Worten huscht ein Schatten über Nicholas’ Gesicht.

»Du hattest deine Chance«, sagt er, steht auf und geht wieder ins Haus.

Im Mondschein arbeite ich weiter an meiner Zeichnung. Die ganze Zeit über frage ich mich, ob Nicholas auch schlecht schlafen kann, und ich stelle mir vor, wie gereizt er morgen sein wird, wenn er nicht hundert Prozent fit ist. Vielleicht wird das Bild ja so, wie es wird, weil ich mich nicht voll darauf konzentriere. Wie auch immer, jedenfalls ist alles falsch. Ich habe ein Bild von Max gezeichnet – die winzigen Fäuste, das zerzauste, samtige Haar –, doch irgendwie passt nichts zusammen. Es dauert ein paar Minuten, bis ich erkenne, woran das liegt. Ich habe Max nicht mit Nicholas, sondern mit mir gezeichnet. Er sitzt auf meinem Arm und greift nach meinem Haar. Für einen Außenstehenden ist das Bild vollkommen normal, doch verborgen in Max’ ausgestreckter Hand liegt ein feingewebter Blätterkranz. Und ins Zentrum dieses Kranzes habe ich das Bild meiner weglaufenden Mutter gemalt, die vorwurfsvoll das Kind in den Armen hält, das ich nie gehabt habe.

TEIL I

Empfängnis

1985–1993

KAPITEL 1

PAIGE

Ich habe das Mercy gefunden, als ich am wenigsten damit gerechnet habe. Das Mercy war ein kleiner Schnellimbiss in einer schäbigen Nebenstraße in Cambridge, und die Kundschaft bestand vorwiegend aus Studenten und Professoren, die sich unters gemeine Volk mischen wollten. Ich war damals Ende zwanzig. In der Nacht zuvor war mir klar geworden, dass niemand, der noch bei Verstand war, mich ohne Referenzen als Kindermädchen einstellen würde, und dass mich ein Lächeln und mein mageres Portfolio nicht an die Kunsthochschule bringen würden. Also habe ich um 05.30 Uhr meine Schultern gestrafft, bin ins Mercy gegangen und habe zu einem Gott gebetet, an dem ich mein Leben lang gezweifelt habe, dass dies wirklich der Ort meiner Erlösung sein würde.

Der Imbiss war irreführend klein, und es roch nach Thunfisch und Putzmitteln. Ich ging an den Tresen und tat so, als würde ich mir die Speisekarte ansehen. Ein großer, farbiger Mann kam aus der Küche. »Wir haben noch nicht geöffnet«, sagte er, drehte sich dann um und ging wieder hinein.

Ich schaute nicht von der Speisekarte auf. Es gab Cheeseburger, Muschelpastetchen und griechische Vorspeisen. »Wenn Sie noch nicht geöffnet haben«, sagte ich, »warum ist die Tür dann nicht abgeschlossen?«

Es dauerte einen Moment, bis der Mann mir darauf antwortete, er kam aus der Küche und legte je einen fleischigen Arm rechts und links neben mich auf den Tresen. »Solltest du dich um diese Zeit nicht für die Schule vorbereiten?«, fragte er.

»Ich bin achtzehn.« Ich hob das Kinn auf die Art, wie ich sie in alten Schwarzweißfilmen bei Katherine Hepburn gesehen hatte. »Ich habe mich gefragt, ob Sie vielleicht eine Stelle zu besetzen hätten.«

»Eine Stelle«, wiederholte der Mann, als hätte er das Wort noch nie gehört. »Eine Stelle.« Er kniff die Augen zusammen, und mir fiel zum ersten Mal die Narbe auf, die ihm gewunden und gezackt wie Stacheldraht über das ganze Gesicht bis in den Nacken reichte. »Du meinst, du willst einen Job.«

»Nun … ja«, bestätigte ich und sah dem Mann sofort an, dass er keine Kellnerin brauchte, vor allem keine unerfahrene. Wahrscheinlich benötigte er im Moment wohl noch nicht einmal eine Spülhilfe.

Der Mann schüttelte den Kopf. »Dafür ist es definitiv noch zu früh.« Er drehte sich um, schaute mich an und sah, das weiß ich sicher, wie dürr und heruntergekommen ich war. »Wir machen um 06.30 Uhr auf«, sagte er.

Also hätte ich den Laden auch wieder verlassen können. Ich hätte einfach in die kühle U-Bahn-Station gehen können, in der ich die letzten Nächte geschlafen und den sanften Geigen der Straßenmusiker und den verrückten Schreien der Obdachlosen gelauscht hatte. Doch stattdessen nahm ich das mit Fettflecken übersäte Blatt Papier, auf dem die Sonderangebote des gestrigen Tages standen, aus der Speisekarte. Die Rückseite war leer. Ich holte einen schwarzen Stift aus meinem Rucksack und machte das Einzige, von dem ich selbstbewusst sagen konnte, dass ich es gut beherrschte: Ich zeichnete den Mann, der mich gerade abgewiesen hatte. Ich zeichnete ihn anhand dessen, was ich durch die Durchreiche zur Küche von ihm erkennen konnte. Ich sah, wie sein Bizeps sich wölbte und wieder streckte, als er große Mayonnaise-Krüge und Mehlsäcke vom Regal wuchtete, und ich zeichnete die Bewegung, die Eile, und als ich mich dann an sein Gesicht machte, zeichnete ich es entsprechend rasch.

Dann hielt ich das Bild von mir weg, um es zu betrachten. Auf die breite Stirn des Mannes hatte ich die Umrisse einer starken, alten Frau gezeichnet, mit Schultern, die unter der Last der vielen Arbeit und der Selbstverleugnung herunterhingen. Sie hatte Haut von der Farbe schwarzen Kaffees, und auf ihrem Rücken waren die Erinnerungen an Peitschenhiebe zu sehen, die mit der gewundenen Narbe des Mannes verschmolzen. Ich kannte diese Frau nicht, und ich verstand nicht, wie sie auf das Papier gekommen war. Es war nicht meine beste Zeichnung – das wusste ich –, aber es war etwas, das man zurücklassen konnte. Ich legte das Papier auf den Tresen, ging vor die Tür und wartete.

Schon bevor ich die Macht erhielt, die Geheimnisse der Menschen zu Papier zu bringen, habe ich daran geglaubt, gut zeichnen zu können. Ich habe es genauso gewusst, wie andere Kinder wussten, dass sie aus Stofffetzen und Glitter die schönsten Buchhüllen machen konnten. Ich habe immer schon gekritzelt. Mein Vater hat mir einmal erzählt, dass ich als Kleinkind mal ein Stück rote Kreide genommen und eine durchgehende Linie um das ganze Haus herum gezeichnet habe, immer in meiner Augenhöhe und über Türen und Fenster hinweg. Er sagte, ich hätte das einfach nur so, aus reiner Freude getan.

Als ich fünf Jahre alt war, habe ich einen dieser Wettbewerbe in der Fernsehzeitung entdeckt, bei dem man eine Cartoonschildkröte zeichnen und das Bild einschicken muss, und dann bekommt man ein Stipendium für die Kunsthochschule. Ich habe nur ein wenig herumgekritzelt, doch meine Mutter hat mein Bild gesehen und gesagt, es sei nie zu früh, für eine ordentliche College-Ausbildung zu sorgen. Sie war es dann auch, die das Bild eingeschickt hat. Als der Brief kam, in dem man mir zu meinem Talent gratulierte und mir einen Platz an der National Art School in Vicksburg anbot, hat meine Mutter mich hochgehoben und zu mir gesagt, das sei unser Glückstag. Sie sagte, ich hätte mein Talent geerbt – ganz offensichtlich –, und mit großem Tamtam zeigte sie meinem Dad den Brief beim Abendessen. Mein Vater hat sanft gelächelt und gesagt, so einen Brief würden sie jedem schicken, von dem sie glaubten, er würde Geld für irgendeine betrügerische Schule ausgeben. Meine Mutter stand daraufhin auf und schloss sich im Badezimmer ein. Trotzdem klebte sie den Brief an den Kühlschrank, direkt neben ein Fingerbild und eine Nudelcollage von mir. Am Tag ihres Verschwindens war auch der Brief verschwunden, und ich habe mich immer gefragt, ob sie ihn mitgenommen hat, weil sie gewusst hat, dass sie mich selbst nicht hat mitnehmen können.

In letzter Zeit habe ich viel an meine Mutter gedacht, weit mehr als in den letzten Jahren – zum einen wegen dem, was ich getan hatte, bevor ich von zu Hause weggegangen war, und zum anderen weil ich überhaupt weggegangen war. Ich fragte mich, was wohl mein Vater dachte. Ich fragte mich, ob der Gott, an den er so sehr glaubte, ihm wohl erklären konnte, warum die Frauen in seinem Leben ihn immer verließen.

Als der farbige Mann um zehn nach sechs schließlich in der Tür erschien – er füllte sie wirklich vollständig aus –, da wusste ich bereits, wie es ausgehen würde. Mit offenem Mund und besorgt starrte er mich an. In der einen Hand hielt er mein Porträt, und die andere streckte er aus, um mir vom Bürgersteig aufzuhelfen, auf den ich mich gesetzt hatte. »In zwanzig Minuten kommen die ersten Gäste zum Frühstück«, sagte er zu mir. »Aber erwarte dir nicht zu viel.«

Lionel – so hieß der Mann – führte mich in die Küche und bot mir einen Stapel Toast an, während er mir die Spülmaschine vorstellte, den Grill und seinen Bruder Leroy, den Chefkoch. Er fragte mich nicht, woher ich kam, und er diskutierte auch nicht über den Lohn, ganz so, als hätten wir das bereits abgemacht. Dann erzählte er mir plötzlich und einfach so, dass ›Mercy‹ der Name seiner Urgroßmutter sei, die vor dem Bürgerkrieg in Georgia als Sklavin gerackert hatte. Und sie war die Frau, die ich ihm auf die Stirn gezeichnet hatte. »Du musst Gedanken lesen können«, sagte er, »denn normalerweise erzähle ich niemandem von ihr.« Er sagte, die meisten dieser Harvardtypen glaubten, der Name ›Mercy‹ habe einen philosophischen Hintergrund, aber wie auch immer … In jedem Fall zog sie das immer wieder her. Dann ging er weg, und ich dachte darüber nach, warum so viele Weiße ihre Töchter mit Namen wie Hope, Faith oder Patience bedachten – Namen, denen sie nie würden gerecht werden können –, während schwarze Mütter ihre Babys Mercy, Deliverance und Salvation nannten – nach Bürden, die sie immer würden tragen müssen.

Als Lionel wieder zurückkam, gab er mir eine saubere und gebügelte pinkfarbene Uniform. Dann warf er einen prüfenden Blick auf mein Navy-Sweatshirt, meine Kniestrümpfe und meinen alten Faltenrock. »Ich werde mich nicht mit dir darüber streiten, ob du nun achtzehn bist oder nicht«, sagte er, »aber du siehst verdammt noch mal wie ein Schulmädchen aus.« Er drehte sich um, während ich mich hinter dem stählernen Kühlschrank umzog, und zeigte mir dann, wie die Registrierkasse funktionierte und ich üben sollte, Teller auf den Armen zu balancieren. »Ich weiß wirklich nicht, warum ich das tue«, murmelte er vor sich hin, als mein erster Gast hereinkam.

Wenn ich jetzt so daran zurückdenke, wird mir klar, dass niemand anders als Nicholas mein erster Gast hatte sein können. So funktioniert das Schicksal nun einmal. Wie auch immer … In jedem Fall war er an jenem Morgen die erste Person, die in den Imbiss kam. Er kam sogar noch vor den beiden festangestellten Kellnerinnen. Er zwängte sich in die Nische – so groß war er –, die von der Tür am weitesten entfernt war, und schlug sein Exemplar des Globe auf. Das machte ein nettes Geräusch wie Blätterrascheln, und die Zeitung roch nach frischer Tinte. Er sprach kein Wort mit mir, nicht, als ich ihm den kostenlosen Kaffee servierte, und auch nicht, als ich ein wenig davon auf die Zeitung verschüttete. Nur einmal sagte er etwas zu mir, als ich seine Bestellung aufnehmen wollte: »Lionel weiß Bescheid.« Dabei schaute er mich nicht an. Wenn er noch mehr Kaffee haben wollte, dann hob er einfach seine Tasse, bis ich kam, um sie zu füllen. Und er drehte sich auch nicht zur Tür um, als die Türklingel die Ankunft von Marvela und Doris, den beiden anderen Kellnerinnen, verkündete oder als während seines Aufenthalts sieben weitere Leute zum Frühstück kamen.

Als er fertig war, legte er Messer und Gabel ordentlich auf den Tellerrand, wie jemand mit Manieren. Anschließend faltete er seine Zeitung und ließ sie in der Nische zurück, damit andere sie noch lesen konnten. Und in diesem Augenblick schaute er mich zum ersten Mal an. Nicholas hatte die hellsten blauen Augen, die ich je gesehen hatte, und vielleicht lag es ja nur an ihrem starken Kontrast zu den dunklen Haaren, aber ich hatte das Gefühl, als könne ich durch ihn hindurch den Himmel sehen. »Also wirklich, Lionel«, sagte er, »es gibt da ein Gesetz, das besagt, dass du Kinder erst einstellen darfst, wenn sie nicht mehr in die Windeln machen.« Und er lächelte mich an zum Zeichen, dass ich das nicht persönlich nehmen dürfe. Dann ging er.

Wahrscheinlich war es Anstrengung, die mich meine erste halbe Stunde als Kellnerin gekostet hatte, oder es lag am Schlafmangel, ich denke, einen wirklichen Grund gab es eigentlich nicht, aber ich spürte, wie mir die Tränen in den Augen brannten, und da ich fest entschlossen war, nicht vor Doris und Marvela zu weinen, ging ich zu Nicholas’ Tisch, um abzuräumen. Er hatte zehn Cent Trinkgeld zurückgelassen. Zehn lausige Cent. Das war nicht gerade ein vielversprechender Anfang. Ich ließ mich auf die Bank fallen und rieb mir die Schläfen. Ich würde nicht anfangen zu weinen, sagte ich mir immer und immer wieder. Und dann hob ich den Blick und sah, dass Lionel meine Zeichnung über die Kasse gehängt hatte. Ich stand auf, was mich all meine Kraft kostete, und steckte mein Trinkgeld in die Tasche. Dabei hörte ich im Geiste meinen Vater in seinem irischen Akzent sagen: Das Leben steckt voller Überraschungen.

*

Eine Woche nach dem schlimmsten Tag in meinem Leben habe ich mein Zuhause verlassen. Wahrscheinlich habe ich schon die ganze Zeit über gewusst, dass ich gehen würde, ich habe nur das Ende des Schuljahres abgewartet. Ich weiß nicht, warum mich das überhaupt interessiert hat, ich kam ohnehin nicht sonderlich gut in der Schule zurecht. Die letzten drei Monate war ich zu krank, um mich zu konzentrieren, und schließlich wirkten sich meine Fehlzeiten auf die Noten aus. Vermutlich wollte ich einfach wissen, ob ich den Abschluss schaffen konnte, wenn ich wollte, und ich habe ihn geschafft, auch wenn ich zweimal ein D bekommen habe, eines in Physik und eines in Religion. Ich stand mit dem Rest meiner Klasse in der Pope Pius Highschool auf, als Vater Draher uns dazu aufforderte, legte meine Quaste von links nach rechts, küsste Schwester Mary Margareta und Schwester Althea und sagte ihnen, ja, ich plane, auf die Kunsthochschule zu gehen.

Die Chancen dafür standen auch gar nicht so schlecht, denn ich war bereits an der Rhode Island School of Design angenommen worden – allerdings aufgrund von Noten aus der Zeit, bevor mein Leben auseinandergebrochen war. Ich war sicher, dass mein Vater bereits einen Teil der Studiengebühren für das erste Semester bezahlt hatte. Und selbst als ich ihm den Brief schrieb, in dem ich ihm mitteilte, dass ich fortgegangen war, fragte ich mich noch, ob er das Geld wohl wieder zurückbekommen würde.

Mein Vater ist Erfinder. Im Laufe der Jahre hat er viele Dinge erfunden, doch zu seinem Unglück kam er damit zumeist einen Schritt zu spät. Zum Beispiel als er eine Krawattenklammer mit ausziehbarer Plastikfolie erfand, mit der man den edlen Stoff bei Geschäftsessen schützen konnte. Er nannte das Ding ›Tidy Tie‹, und er war sicher, damit den Grundstein zu seinem Erfolg legen zu können. Doch dann erfuhr er, dass irgendjemand schon ein ähnliches Patent angemeldet hatte. Genauso erging es ihm mit dem dampfresistenten Badezimmerspiegel, dem schwimmenden Schlüsselbund und dem Schnuller, den man aufschrauben konnte, um flüssige Medizin einzufüllen. Wenn ich an meinen Vater denke, dann denke ich an Alice und das Weiße Kaninchen und daran, immer einen Schritt zu spät zu kommen.

Mein Vater ist in Irland geboren, und er hat den größten Teil seines Lebens versucht, gegen die Vorurteile anzukämpfen, die mit dieser Herkunft verbunden sind. Er schämte sich nicht, Ire zu sein – genau genommen war es sogar das Ruhmreichste in seinem Leben –; er schämte sich nur, ein irischer Einwanderer zu sein. Mit achtzehn Jahren zog er von Bridgeport, dem Iren-Viertel Chicagos, in ein Viertel an der Taylor Street, wo vorwiegend Italiener lebten. Er hat nie getrunken, und eine Zeit lang hat er erfolglos versucht, sich den Akzent des Mittleren Westens anzueignen. Die Religion aber war seiner Meinung nach nichts, was man sich aussuchen konnte. Er glaubte mit dem Eifer eines Fernsehpredigers, als wäre Spiritualität etwas, das durch die Adern fließt und nicht der Kontrolle durch den Verstand unterliegt. Ich habe mich häufig gefragt, ob er wohl Priester geworden wäre, wenn er meine Mutter nicht kennengelernt hätte.

Mein Vater hat immer geglaubt, Amerika sei nur ein Zwischenstopp auf seinem Weg zurück nach Irland, aber er hat uns nie gesagt, wie lange er bleiben wollte. Er war gerade erst fünf Jahre alt, als seine Eltern ihn nach Chicago brachten, und obwohl er in dieser Stadt aufgewachsen ist, hat er stets an das offene Land von Donegal gedacht. Ich habe mich immer gefragt, wie viel davon Erinnerung und wie viel Fantasie gewesen ist. Aber dann stellte sich diese Frage plötzlich nicht mehr, wenn mein Vater mir seine Geschichten erzählte. Im dem Jahr, in dem meine Mutter uns verließ, brachte er mir anhand von Kinderbüchern zur irischen Mythologie das Lesen bei. Während andere Kinder sich mit Ernie und Bert beschäftigten, lernte ich alles über Cuchulainn, den berühmten, irischen Helden, und seine Abenteuer. Ich las vom heiligen Patrick, der die Insel von den Schlangen befreite; von Donn, dem Gott der Toten, der die Seelen in die Unterwelt geleitete, und vom Basilisken, vor dessen schalem, tödlichen Atem ich mich des Nachts unter der Decke versteckte.

Die Lieblingsgeschichte meines Vaters war die von Oisin, dem Sohn von Finn Mac Cool. Oisin war ein legendärer Krieger und Dichter, der sich in Niamh verliebte, eine Tochter des Meeresgottes. Sie lebten jahrelang glücklich auf einem Juwel von Meeresinsel, doch Oisin musste ständig an seine Heimat denken. Irland, pflegte mein Vater zu sagen, hat man im Blut. Als Oisin seiner Frau sagte, er wolle wieder zurückkehren, da lieh sie ihm ein magisches Pferd und warnte ihn, nicht abzusteigen, denn inzwischen seien dreihundert Jahre vergangen. Doch Oisin fiel vom Pferd und verwandelte sich in einen sehr, sehr alten Mann. Trotzdem war der heilige Patrick da, um ihn willkommen zu heißen, wie – so sagte mein Vater – er dereinst auch uns willkommen heißen wird.

Nachdem meine Mutter uns verlassen hatte, versuchte mein Vater, mich so gut wie möglich zu erziehen. Also schickte er mich in eine Konfessionsschule, wo ich jeden Sonntag beichten musste und wo ein Bild von Christus am Kreuz wie ein Talisman über meinem Bett hing. Mein Vater sah die Widersprüche im Katholizismus nicht. Vater Draher lehrte uns, unsere Nächsten zu lieben, doch den Juden sollten wir nicht vertrauen. Schwester Evangeline predigte uns von unreinen Gedanken, dabei wussten wir alle, dass sie fünfzehn Jahre lang die Geliebte eines verheirateten Mannes gewesen war, bevor sie ins Kloster eingetreten war. Und natürlich gab es die Beichte und die Absolution, was nichts anderes bedeutete, als dass man mit allem durchkommen konnte, solange man anschließend nur ein paar Ave-Maria und Vaterunser sprach. All das habe auch ich eine ganze Zeit lang geglaubt, bis ich erkennen musste, dass die Seele Narben davontragen kann, die nichts und niemand auszulöschen vermag.

Mein Lieblingsort in ganz Chicago war die Werkstatt meines Vaters. Dort war es staubig, und es roch nach Holzspänen und Klebstoff, und es gab dort Schätze, alte Kaffeemühlen, verrostete Scharniere und purpurfarbene Hula-Hoop-Reifen. An den Abenden und an verregneten Samstagen verschwand Daddy im Keller und arbeitete, bis es dunkel war. Manchmal kam ich mir dann wie das andere Elternteil vor, wenn ich ihn nach oben zerren und ihn ermahnen musste, auch mal etwas zu essen. Manchmal arbeitete er auch an seinen Erfindungen, während ich auf dem alten grünen Sofa saß und meine Hausaufgaben machte.

In seiner Werkstatt verwandelte sich mein Vater in einen anderen Menschen. Er bewegte sich mit der Eleganz einer Katze, und er zauberte Bauteile, Räder und Zahnkränze aus der Luft wie ein Magier, um Dinge wie aus dem Nichts zu erschaffen. Wenn er von meiner Mutter sprach – was nur selten der Fall war –, dann nur in der Werkstatt. Manchmal erwischte ich ihn dabei, wie er zum nächstgelegenen Fenster hinaufstarrte, einem kleinen geborstenen Rechteck. Milchiges Licht fiel dann auf ihn, und er sah um Jahrzehnte älter aus, als er tatsächlich war. Und ich musste mich selber daran hindern, die Jahre zu zählen und zu überlegen, wie viel Zeit tatsächlich vergangen war.

Es war nicht so, dass mein Vater je zu mir gesagt hätte: Ich weiß, was du getan hast. Er hat einfach aufgehört, mit mir zu sprechen. Und da habe ich gewusst, dass er wollte, dass ich so schnell wie möglich aufs College ging. Ich dachte an ein Mädchen aus meiner Klasse, das zum Thema Sex einmal bemerkte: Hat man es erst einmal getan, dann kann jeder es sehen. Galt für Abtreibungen das Gleiche? Konnte mein Vater mir das am Gesicht ansehen?

Ich wartete eine Woche, nachdem es passiert war, und hoffte, dass es während der Abschlussfeier zu irgendeiner Art von Verständigung kommen würde. Mein Vater hat während der Feier regelrecht gelitten und niemals ›Herzlichen Glückwunsch‹ gesagt. Er bewegte sich an diesem Tag durch die Schatten in unserem Haus, als fühle er sich unwohl in seiner eigenen Haut. Um 23.00 Uhr schauten wir uns die Spätnachrichten an. Die wichtigste Nachricht des Tages handelte von einer Frau, die ihr drei Monate altes Kind mit einer Dose Fisch erschlagen hatte. Die Frau war in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden, und ihr Mann sagte den Reportern, dass er es hätte kommen sehen müssen.

Als die Nachrichten vorbei waren, ging mein Vater zu seinem alten Kirschholzschreibtisch und holte eine blaue Samtschachtel aus der obersten Schublade. Ich lächelte. »Ich dachte, du hättest es vergessen«, sagte ich.

Er schüttelte den Kopf und schaute schweigend zu, wie ich mit den Fingern über den weichen Deckel strich und auf Perlen oder Smaragde hoffte. Im Inneren lag ein Rosenkranz mit wunderbaren Perlen aus feinstem Holz. »Ich dachte, den könntest du vielleicht gebrauchen«, sagte Daddy leise.

Als ich in jener Nacht meine Sachen packte, sagte ich mir selbst, ich würde das nur tun, weil ich ihn liebe, ich wollte nicht, dass er die Last meiner Sünden für den Rest seines Lebens tragen musste. Ich packte nur praktische Kleidung ein, und ich zog meine Schuluniform an, weil ich glaubte, das würde mir helfen, mich unter die Leute zu mischen. Technisch gesehen lief ich nicht weg. Ich war achtzehn und somit volljährig. Ich konnte kommen und gehen, wann ich wollte.

Meine letzten drei Stunden daheim verbrachte ich unten in der Werkstatt meines Vaters und überlegte mir verschiedene Formulierungen für meinen Abschiedsbrief. Ich strich mit den Fingern über Daddys neuestes Projekt. Es war eine Geburtstagskarte, die ein kleines Liedchen sang, wenn man sie aufklappte, und wenn man dann auf die Ecke drückte, blies sie sich automatisch zu einem Ballon auf. Daddy sagte, für so ein Zeug gäbe es tatsächlich einen Markt. Mein Vater hatte allerdings noch Probleme mit der Musik. Er wusste nicht, was mit dem Mikrochip passieren würde, wenn das Ding sich aufblies. »Eigentlich«, hatte er am Tag zuvor gesagt, »denke ich, dass ein Gegenstand, den man besitzt, sich nicht plötzlich in etwas anderes verwandeln sollte.«

Zu guter Letzt schrieb ich schlicht: Ich liebe dich. Es tut mir leid. Ich werde schon zurechtkommen. Als ich mir die Worte noch einmal durchlas, fragte ich mich, ob es stimmte. Tat es mir leid, dass ich ihn liebte oder dass ich zurechtkommen würde? Schließlich legte ich den Stift beiseite. Ich glaubte, dass ich die Verantwortung dafür trug, und ich war sicher, dass ich ihm irgendwann sagen würde, wo ich gelandet war. Am nächsten Morgen brachte ich den Rosenkranz zu einem Pfandleiher in der Stadt. Dann kaufte ich mir mit der Hälfte meines Geldes eine Busfahrkarte, die mich von Chicago so weit weg wie möglich bringen würde. Dabei versuchte ich mir mit aller Kraft einzureden, dass es nichts gab, was mich hielt.

Im Bus dachte ich mir dann falsche Namen und Lebensgeschichten aus und erzählte sie jedem, der mich fragte. Auf einem Rastplatz in Ohio beschloss ich, in Cambridge, Massachusetts auszusteigen. Das lag nahe genug an Rhode Island und klang anonymer als Boston. Außerdem fühlte der Name sich einfach gut an. Er erinnerte mich an dunkle englische Sweatshirts, Gelehrte und andere schöne Dinge. Dort würde ich genug verdienen, um mir einen Platz an der Rhode Island School of Design leisten zu können, der RSID. Nur weil das Schicksal mir wieder einmal einen Stock zwischen die Beine geworfen hatte, musste ich meine Träume noch lange nicht aufgeben. Ich schlief ein und träumte von der Jungfrau Maria, und ich fragte mich, woher sie gewusst hatte, dass sie dem Heiligen Geist vertrauen konnte, als er zu ihr gekommen war, und als ich aufwachte, da hörte ich eine Geige, und sie kam mir wie die Stimme eines Engels vor.

*

Ich rief meinen Vater von einem Münztelefon im Brattle Square Busbahnhof aus an. Ich meldete es als R-Gespräch an. Während ich wartete, beobachtete ich eine kahle, alte Frau beim Stricken auf einer Bank und eine Cellistin, die sich Lametta in die Rastazöpfe geflochten hatte. Dann versuchte ich, das verschlungene Graffiti an der gegenüberliegenden Wand zu lesen, und in diesem Augenblick kam die Verbindung zustande. »Hör zu«, sagte ich, bevor mein Vater auch nur Luft holen konnte. »Ich werde nie wieder nach Hause zurückkommen.«

Ich wartete darauf, dass er mir vehement widersprechen würde oder dass er zusammenbrechen und mit tränenerstickter Stimme gestehen würde, zwei Tage lang die Straßen von Chicago nach mir abgesucht zu haben. Doch stattdessen stieß mein Vater nur einen leisen Pfiff aus. »Sag niemals nie, Kind«, sagte er. »Das könnte sich als Bumerang erweisen.«

Ich hielt den Hörer so fest, dass meine Knöchel weiß hervortraten. Mein Vater, einer der Menschen – nein, der einzige Mensch – in meinem Leben, den es interessierte, was aus mir werden würde, schien jedoch gar nicht sonderlich besorgt. Sicher, ich hatte ihn enttäuscht, aber konnte das die ganzen achtzehn Jahre einfach ausradieren? Einer der Gründe, warum ich den Mut aufgebracht hatte zu gehen, war, dass ich tief in meinem Inneren davon überzeugt gewesen war, dass er immer auf mich warten würde, dass ich nicht wirklich allein sein würde.

Nun schauderte ich jedoch und fragte mich, ob ich mich auch in Dad geirrt hatte, und wusste nicht, was ich antworten sollte.

»Vielleicht könntest du mir ja sagen, wohin du willst«, sagte mein Vater in ruhigem Ton. »Ich weiß, dass du zum Busbahnhof gegangen bist, doch dann sind die Details ein wenig unscharf.«

»Wie hast du das herausgefunden?« Ich schnappte nach Luft.

Mein Vater lachte – ein Geräusch, das mich vollkommen einhüllte. Ich glaube, sein Lachen war meine erste Erinnerung. »Ich liebe dich«, sagte er. »Was hast du denn erwartet?«

»Ich bin in Massachusetts«, verriet ich ihm. Ich fühlte mich mit jeder Minute besser. »Aber mehr sage ich nicht.« Die Cellistin griff zu ihrem Bogen und zog ihn über die Saiten. »Was das College betrifft, so weiß ich noch nicht …«, fuhr ich fort.

Mein Vater seufzte. »Das ist kein Grund, einfach so abzuhauen«, murmelte er. »Du hättest doch zu mir kommen können. Es gibt immer …« In diesem Augenblick rauschte ein Bus vorbei und verschluckte den Rest von Daddys Worten. Und es gefiel mir, dass ich ihn nicht hören konnte. Es war leichter, als zugeben zu müssen, dass ich nicht wissen wollte, was mein Vater zu sagen hatte.

»Paige?«, hakte mein Vater nach. Offenbar hatte ich eine Frage verpasst.

»Dad«, sagte ich, »hast du die Polizei verständigt? Weiß irgendwer, dass ich weg bin?«

»Ich habe keiner Menschenseele was gesagt«, antwortete er. »Ich habe daran gedacht, weißt du, aber eigentlich war ich davon überzeugt, dass du jeden Moment wieder zur Tür hereinkommen würdest. Ich habe es gehofft.« Seine Stimme wurde immer leiser und dumpfer. »Die Wahrheit ist, ich habe nicht geglaubt, dass du einfach gehen würdest.«

»Das hat nichts mit dir zu tun«, verteidigte ich mich. »Das musst du wissen. Es hat wirklich nichts mit dir zu tun.«

»Doch, es hat etwas mit mir zu tun, Paige. Wäre es anders, hättest du nie auch nur daran gedacht zu gehen.«

Nein, wollte ich ihm sagen, das kann nicht wahr sein. Das kann nicht wahr sein, weil du mir all die Jahre gesagt hast, es habe nichts mit mir zu tun, dass sie gegangen ist. Es kann nicht wahr sein, weil du das Einzige bist, das zurückzulassen mir schwergefallen ist. Doch die Worte blieben mir in der Kehle stecken, während mir gleichzeitig die Tränen über die Wangen rannen. Ich wischte mir mit dem Ärmel über die Nase. »Vielleicht komme ich eines Tages ja wieder zurück«, sagte ich.

Mein Vater trommelte mit dem Finger auf die Sprechmuschel, so wie er es auch immer getan hat, als ich noch klein war und er über Nacht wegmusste, um seine Erfindungen an den Mann zu bringen. Hast du das gehört?, hat er dann immer geflüstert. Das ist das Geräusch eines Kusses, der in dein Herz galoppiert.

Ein Bus von Gott weiß woher fuhr in den Busbahnhof ein. »Ich bin vor lauter Sorge fast verrückt geworden«, gab mein Vater zu.

Ich beobachtete, wie Wasser von den Reifen des Busses auf den Asphalt der Einfahrt tropfte. Ich musste an die Rube-Goldberg-Maschinen meines Vaters denken, die er nur konstruiert hatte, um mich damit zu unterhalten – zum Beispiel einen Wasserhahn, aus dem Wasser in einen Abfluss floss, um dort wiederum einen Propeller anzutreiben, der seinerseits ein Paddel bewegte, das mit einem Zugseil verbunden war, welches schließlich die Cornflakes-Schachtel zum Frühstück öffnete. Mein Vater konnte das Beste aus allem machen, was man ihm gab. »Mach dir keine Sorgen um mich«, sagte ich selbstbewusst. »Immerhin bin ich deine Tochter.«

»Aye«, erwiderte mein Vater, »aber wie es aussieht, hast du auch was von deiner Mutter geerbt.«

*

Nachdem ich zwei Tage im Mercy gearbeitet hatte, vertraute Lionel mir so weit, dass er mich den Laden abschließen ließ. In den umsatzschwachen Zeiten, zum Beispiel um drei Uhr nachmittags, ließ er mich am Tresen sitzen und bat mich, Porträts zu zeichnen. Natürlich habe ich die anderen gezeichnet, mit denen ich in der Schicht arbeitete – Marvela und Doris und Leroy –, und dann habe ich den Präsidenten, den Bürgermeister und Marilyn Monroe auf Papier verewigt. In einigen dieser Porträts waren Dinge, die ich nicht verstand. So war zum Beispiel in Marvelas Augen ein finsterer, leidenschaftlicher Mann zu sehen, der vom Meer verschlungen wurde, und in Doris’ Nacken hatte ich Hunderte von Katzen gezeichnet, die, wenn man sie der Reihe nach betrachtete, Menschen immer ähnlicher wurden, bis die letzte schließlich mit Doris’ eigenem Gesicht verschmolz. Und in den Rundungen von Marilyn Monroes verführerischem Arm waren nicht ihre Liebhaber zu erkennen, wie man hätte erwarten können, sondern Ackerland, Weizenfelder und die traurigen Augen eines Beagles. Manchmal fielen den Gästen des Mercy diese Dinge auf und manchmal nicht – die Bilder waren immer klein und subtil. Aber ich habe immer weiter gezeichnet, und jedes Mal, wenn ich fertig war, hing Lionel das Bild über die Kasse. Irgendwann erstreckte sich die Galerie dann durch den halben Laden, und mit jedem Bild, das dazukam, fühlte ich mich dort mehr daheim.

Doris bot mir ihre Couch als Schlafplatz an, denn ich tat ihr leid. Ich erzählte ihr folgende Story: Mein Stiefvater habe sich an mich rangemacht, also hätte ich mir, kaum dass ich achtzehn geworden war, das Geld geschnappt, das ich mir als Babysitter verdient hatte, und sei dann auf und davon. Mir gefiel diese Geschichte, denn sie entsprach zumindest halb der Wahrheit – das mit dem achtzehnten Geburtstag und dem Geld. Und ein wenig Mitgefühl tat mir auch gut, denn damals nahm ich alles, was ich kriegen konnte.

Es war Doris’ Idee, dass wir so eine Art Spezialangebot machen sollten: zwei Dollar für einen Hühnchenschenkel und dazu ein Porträt. »Sie ist gut genug dafür«, sagte Doris, während sie mir zuschaute, wie ich Barbra Streisands krauses Haar zeichnete. »Und diese Normalos können sich so wenigstens für einen Tag wie ein Prominenter fühlen.«

Mir kam die ganze Sache ein wenig komisch vor. Ich fühlte mich wie im Zirkus, aber das Angebot kam überwältigend gut an, und ich bekam weitaus mehr Trinkgeld fürs Zeichnen als fürs Kellnern. Ich zeichnete die meisten Stammgäste schon am ersten Tag, und es war Lionels Idee, die ersten Bilder umsonst zu machen und sie zu Werbezwecken zu den anderen zu hängen. Dabei hätte ich die meisten Gäste auch zeichnen können, ohne dass sie für mich Modell sitzen mussten. Schließlich hatte ich sie schon lange genug beobachtet und kannte auch ihre Geschichten – zumindest in Umrissen –, und während meiner Freizeit gestaltete ich sie in der Fantasie aus.

Da war zum Beispiel Rose, die blonde Frau, die jeden Freitag zum Mittagessen kam, nachdem sie beim Friseur gewesen war. Sie trug teure Leinenkostüme, klassische Schuhe und einen mit Diamanten besetzten Ehering. Sie hatte eine Gucci-Handtasche, und sie ordnete ihr Geld: Einer, Fünfer, Zehner und Zwanziger. Einmal brachte sie einen fast kahlköpfigen Mann mit, der die gesamte Mahlzeit hindurch ihre Hand hielt und Italienisch mit ihr sprach. Ich überlegte mir, dass es ihr geheimer Liebhaber sein könnte, denn ihr Bilderbuchleben war einfach zu perfekt.

Marco wiederum war ein blinder Student an der Kennedy School of Government. Selbst an den heißesten Julitagen kam er in einem langen schwarzen Mantel. Er hatte sich den Kopf kahl rasiert und ein Tuch um die Stirn gebunden, und er spielte Spiele mit uns. Welche Farbe ist das?, fragte er zum Beispiel. Gib mir einen Tipp. Und ich sagte dann so was wie McCarthy, und er lachte und antwortete Rot. Er kam immer spät am Abend und rauchte eine Zigarette nach der anderen, bis sich über ihm eine dichte graue Rauchwolke unter der Decke gebildet hatte.

Doch der Gast, den ich am aufmerksamsten beobachtete, war Nicholas. Lionel hatte mir seinen Namen verraten. Nicholas studierte Medizin, was auch der Grund dafür war, dass er zu so unmöglichen Zeiten erschien, sagte Lionel. Ich starrte Nicholas ständig an, aber er schien das nie zu bemerken, noch nicht einmal, wenn er gerade einmal nicht las und ich versuchte herauszufinden, was mich an ihm so verwirrte. Ich arbeitete seit genau zwei Wochen im Mercy, als ich es herausfand: Nicholas passte einfach nicht hierher. Er schien vor dem Hintergrund der alten, zerrissenen Vinylbezüge auf den Bänken förmlich zu glühen, und er hielt hier regelrecht Hof. Wenn er noch etwas zu trinken haben wollte, hob er einfach nur die Tasse, und wollte er zahlen, wedelte er mit einem Schein, und doch fand ihn keine von uns herablassend. Ich studierte ihn mit der Faszination eines Wissenschaftlers, und wenn ich mir Dinge mit ihm vorstellte, dann fanden die stets nachts auf Doris’ Wohnzimmercouch statt. Ich sah seine ruhigen, sicheren Hände und seine klaren Augen, und ich fragte mich, weshalb ich mich so zu ihm hingezogen fühlte.

Ich hatte mich auch in Chicago bereits verliebt, und ich kannte die Konsequenzen. Nach alldem, was mit Jake passiert war, war es nicht eben meine Absicht, mich noch einmal zu verlieben – wahrscheinlich wollte ich mich sogar nie wieder verlieben. Und ich fand es kein bisschen sonderbar, dass schon mit achtzehn dieser weiche Teil in mir für immer zerbrochen war. Womöglich war das der Grund, warum ich nie darüber nachgedacht habe, Nicholas zu zeichnen, während ich ihn beobachtete. Und so hat die Künstlerin in mir ihn auch nicht sofort als Mann wahrgenommen: die Symmetrie seines Kinns oder die unterschiedlichen Schattierungen von Schwarz, wenn das Sonnenlicht auf sein Haar fiel.

Ich beobachtete ihn auch beim ersten Kritzel-Suppen-Special – Lionel hatte darauf bestanden, es so zu nennen. Doris, die während des Mittagsansturms mit mir gearbeitet hatte, war früher nach Hause gegangen, und so war ich allein. Ich füllte gerade die Salzstreuer auf, als Nicholas hereinkam. Es war 23.00 Uhr, kurz bevor wir den Laden schlossen, und er setzte sich an einen meiner Tische. Und plötzlich wusste ich, was mit diesem Mann los war. Ich musste an Schwester Agnes in der Pope Pius Highschool denken, als sie mit dem Lineal auf die Tafel trommelte und darauf wartete, dass ich einen Satz mit einem Wort formulierte, das ich nicht kannte. Das Wort war Grandeur. Nervös war ich von einem Fuß auf den anderen getreten und hatte hinter mir die anderen Mädchen kichern hören. Mir fiel einfach kein Satz ein, und schließlich warf Schwester Agnes mir vor, wieder in meinem Heft herumgekritzelt zu haben, statt zuzuhören, was nicht stimmte. Doch in diesem Moment, während ich beobachtete, wie Nicholas seinen Löffel hielt und den Kopf neigte, da verstand ich, dass Grandeur nichts mit Adel oder Würde zu tun hatte. Grandeur war die Fähigkeit, sich in der Welt wohl zu fühlen und alles leicht aussehen zu lassen. Grandeur war das, was Nicholas hatte und ich nicht.

Mit dieser Erkenntnis ging ich zum Tresen und begann, Nicholas zu zeichnen. Und ich zeichnete nicht nur sein Gesicht, sondern auch seine Leichtigkeit und Eleganz. Genau in dem Moment, als Nicholas in seiner Tasche nach dem Trinkgeld suchte, war ich fertig und trat einen Schritt zurück, um das Bild zu betrachten. Was ich sah, war jemand Schönes, vielleicht sogar schöner als alles, was ich bisher in meinem Leben gesehen hatte. Es war jemand, auf den andere zeigten und hinter dessen Rücken sie sich flüsternd unterhielten. Und an den geraden Augenbrauen, der hohen Stirn und dem energischen Kinn konnte ich deutlich erkennen, dass dieser Jemand dazu bestimmt war, andere zu führen.

Lionel und Leroy kamen mit Resten in den Schankraum, die sie für ihre Kids mit nach Hause nehmen wollten. »Du weißt ja, was zu tun ist«, sagte Lionel zu mir, winkte mir zu und ging zur Tür. »Bis dann, Nick«, rief er.

Und leise, sehr leise, korrigierte Nicholas ihn: »Ich heiße Nicholas.«

Ich hielt das Porträt noch immer in der Hand, als ich hinter ihn trat. »Haben Sie etwas gesagt?«, fragte ich.

»Nicholas«, wiederholte er und räusperte sich. »Ich mag es nicht, wenn man mich ›Nick‹ nennt.«

»Oh«, sagte ich. »Wollen Sie noch etwas?«

Nicholas schaute sich um, als bemerke er erst jetzt, dass er inzwischen der einzige Gast im Laden und die Sonne schon vor Stunden untergegangen war. »Ich nehme an, du willst schließen«, sagte er. Er legte ein Bein auf die Bank und verzog den Mund zu einem Lächeln. »Hey«, sagte er, »wie alt bist du eigentlich?«

»Alt genug«, erwiderte ich und trat näher, um seinen Teller abzuräumen. Ich beugte mich vor, hielt noch immer die Speisekarte mit seinem Bild in der Hand, da packte er mein Handgelenk.

»Das bin ja ich«, sagte er überrascht. »Hey, lass mich mal sehen.«

Ich versuchte, mich loszureißen. Mir war egal, ob er meine Zeichnung sah oder nicht, aber das Gefühl seiner Hand auf meinem Handgelenk lähmte mich. Ich spürte den Puls in seinem Daumen und die Rillen auf seinen Fingerkuppen.

Aufgrund der Art, wie er mich berührte, wusste ich, dass er in dem, was ich gezeichnet hatte, etwas erkannte. Ich schaute auf das Papier und war selber überrascht, was ich zu Papier gebracht hatte. In eine Ecke des Bildes hatte ich Könige aus verschiedenen Jahrhunderten mit goldenen Kronen und endlos langen Hermelinmänteln gezeichnet, und in der anderen Ecke war ein knorriger, blühender Baum zu sehen. Ganz oben saß ein dürrer Junge im Geäst und hielt die Sonne in der Hand.

»Du bist gut«, sagte Nicholas und deutete mit einem Nicken auf den Platz ihm gegenüber. »Wenn doch niemand mehr da ist, um den du dich kümmern musst«, sagte er, »warum setzt du dich dann nicht zu mir?«

Ich fand heraus, dass er im dritten Semester Medizin studierte, dass er der Klassenbeste war und dass er gerade von einer Praktikumsschicht kam. Er wollte Herzchirurg werden, und er schlief nachts nur vier Stunden. Den Rest der Zeit verbrachte er entweder im Krankenhaus oder mit Lernen. Er schätzte mich auf fünfzehn und keinen Tag älter.

Ich sagte ihm die Wahrheit. Ich erzählte ihm, dass ich aus Chicago stamme, dass ich auf eine Konfessionsschule gegangen sei und dass ich längst auf der Rhode Island School of Design wäre, wenn ich nicht von zu Hause weggelaufen wäre. Mehr sagte ich jedoch nicht, und Nicholas setzte mich auch nicht unter Druck. Dann erzählte ich ihm von den Nächten, die ich in der U-Bahn-Station verbracht hatte, und wie ich morgens immer vom Lärm der ersten Bahn geweckt worden war. Ich könne vier Tassen samt Untertellern auf dem Arm balancieren, sagte ich zu ihm, und Ich liebe dich in zehn Sprachen sagen. Mimi notenka kudenko, sagte ich auf Swahili, um das zu beweisen. Und ich erzählte ihm, dass ich meine Mutter nicht wirklich kennen würde. Das war etwas, was ich bisher noch nicht einmal meinen engsten Freunden gegenüber zugegeben hatte. Aber ich erzählte ihm nichts von meiner Abtreibung.

Es war schon weit nach ein Uhr nachts, als Nicholas sich schließlich zum Gehen erhob. Er nahm das Porträt, das ich von ihm gezeichnet hatte, und warf es auf den Tresen. »Werdet ihr das auch aufhängen?«, fragte er und deutete zu den anderen Bildern hinauf.

»Wenn Sie wollen«, antwortete ich.

»Du«, sagte er. »Du reicht.«

Ich holte meinen schwarzen Filzstift heraus und schaute mir das Bild an. Kurz dachte ich: Das ist, worauf du gewartet hast. »Nicholas«, sagte ich leise und schrieb seinen Namen oben auf das Blatt.

»Nicholas«, wiederholte er und lachte. Er legte mir den Arm um die Schulter, und so standen wir kurz da, Seite an Seite. Dann trat er einen Schritt zurück, streichelte mich weiter am Hals. »Hast du gewusst«, fragte er und drückte mit seinem Daumen auf meine Haut, »dass man bewusstlos wird, wenn jemand hart genug auf diese Stelle drückt?« Und dann beugte er sich vor und berührte die Stelle so leicht mit seinen Lippen, dass ich schon beim puren Gedanken daran hätte ohnmächtig werden können. Als ich bemerkte, dass er sich bewegte, war er schon zur Tür hinaus. Lange stand ich einfach nur da, taumelte und fragte mich, wie ich hatte zulassen können, dass so etwas wieder geschah.

KAPITEL 2

NICHOLAS

Nicholas Prescott war als Wunder geboren worden. Zehn Jahre lang hatten seine Eltern vergeblich versucht, ein Kind zu bekommen, als sie endlich mit einem Sohn beschenkt wurden. Seine Eltern waren natürlich ein wenig älter als die der meisten anderen Jungs, mit denen Nicholas auf die Schule ging, doch er bemerkte es noch nicht einmal. Als wollten sie einen Ausgleich schaffen für all die anderen Kinder, die sie nie gehabt hatten, verwöhnten die Prescotts Nicholas, wo immer es ging, und ließen ihm jede Laune durchgehen. Nach einer Weile musste er seine Wünsche nicht einmal mehr aussprechen. Seine Eltern begannen zu erraten, was ein Junge von sechs, zwölf oder zwanzig Jahren sich wünschte, und er erhielt alles. So wuchs er mit Saisonkarten für die Celtics und einem schokoladenbraunen Vollblut mit Namen Scour auf, und seine Ausbildung in Exeter und später in Harvard war von Anfang an niemals in Frage gestellt. Und in seinem ersten Semester in Harvard fiel Nicholas dann auch auf, dass die Art, wie er erzogen worden war, nicht die Norm darstellte. Jeder andere junge Mann in seiner Position in diesem Moment hätte vielleicht die Gelegenheit ergriffen, sich die Dritte Welt anzusehen, oder er hätte sich freiwillig zum Friedenskorps gemeldet, doch das passte nicht zu Nicholas. Dabei war er weder desinteressiert noch herzlos, er war es einfach gewöhnt, eine bestimmte Art von Mensch zu sein. Und Nicholas Prescott, der von seinen Eltern immer und alles auf einem Silbertablett serviert bekam, gab ihnen als Gegenleistung das, was von ihm erwartet wurde: Nicholas war der Inbegriff eines perfekten Sohns.

Nicholas war stets der Klassenbeste gewesen. Seit seinem sechzehnten Lebensjahr war er mit einer ganzen Reihe von schönen, blaublütigen Wellesley-Mädchen ausgegangen, und er hatte erkannt, dass sie ihn attraktiv fanden. Er wusste, wie man charmant sein und wie man Einfluss ausüben konnte. Seit er sieben war, hatte er gesagt, er wolle Arzt wie sein Vater werden, und diese Prophezeiung hatte er erfüllt und sich für Medizin eingeschrieben. 1979 machte er seinen College-Abschluss, seine Zulassung für das Medizinstudium musste zunächst noch warten. Zuerst reiste er durch Europa und genoss Affären mit zierlichen Pariserinnen, die Mint-Zigaretten rauchten. Dann kehrte er wieder nach Hause zurück und trainierte auf Drängen seines alten College-Trainers mit anderen hoffnungsvollen Sportlern auf dem Princeton Lake Carnegie für die Ruder-Ausscheidungswettkämpfe zu den Olympischen Spielen. Schließlich ruderte er auf Position Sieben des Achters der Vereinigten Staaten. Seine Eltern gaben am Wettkampfmorgen einen Brunch für ihre Freunde, tranken Bloody Mary und schauten zu, wie ihr Sohn die Silbermedaille gewann.

Es kamen also mehrere Dinge zusammen, als Nicholas Prescott im Alter von achtundzwanzig Jahren mitten in der Nacht zitternd und schwitzend aufwachte. Er löste sich von Rachel, seiner Freundin – die ebenfalls studierte und vermutlich die klügste Frau war, die er je kennengelernt hatte –, und ging nackt zum Fenster, von wo aus man in den Hof seines Apartmenthauses schauen konnte. Im blauen Licht des Vollmonds lauschte er dem Verkehr auf dem benachbarten Harvard Square und streckte die Hände aus, bis das Zittern aufgehört hatte. Und er wusste, was sich hinter seinen Albträumen verbarg, auch wenn er es nicht zugeben wollte: Nicholas hatte sein ganzes Leben lang gegen das Versagen angekämpft, und nun erkannte er, dass seine Uhr abgelaufen war.

Nicholas glaubte nicht an Gott – dazu war er viel zu sehr ein Mann der Wissenschaft –, aber er glaubte, dass irgendjemand oder irgendetwas seine Erfolge beobachtete, und er wusste, dass Glück nicht ewig hält. Immer häufiger dachte er an seinen Zimmergenossen im ersten Semester, einen dürren Jungen mit Namen Raj, der ein C+ in Literatur bekommen hatte und daraufhin vom Dach gesprungen war und sich das Genick gebrochen hatte. Wie hatte Nicholas’ Vater stets gesagt? Das Leben steckt voller Überraschungen.

Mehrmals in der Woche fuhr Nicholas über den Fluss zum Mercy, dem Schnellimbiss an der JFK Street, denn ihm gefiel die Anonymität dort. Viele Studenten verkehrten dort, doch für gewöhnlich studierten sie weniger anspruchsvolle Fächer wie Philosophie, Kunstgeschichte oder Englisch. Bis zu diesem Abend hatte Nicholas noch nicht einmal gewusst, dass irgendjemand dort seinen Namen kannte. Aber der schwarze Kerl, der Wirt, kannte ihn, und auch diese Göre von Kellnerin, die ihm schon seit zwei Wochen nicht mehr aus dem Kopf ging.

Sie glaubte, er habe sie nicht bemerkt, aber man konnte an der Harvard Med keine drei Jahre überleben, ohne seine Beobachtungsgabe zu schulen. Sie glaubte, sie sei diskret, doch Nicholas spürte die Hitze ihres Blicks, und er bemerkte, dass sie sich jedes Mal ein wenig länger als nötig über sein Glas beugte, wenn sie es auffüllte. Er war es gewohnt, dass Frauen ihn anstarrten, also hätte ihm das nichts ausmachen dürfen. Doch diese Kellnerin war noch ein Kind. Sie hatte gesagt, sie sei achtzehn, aber das konnte er nicht glauben. Auch wenn sie vielleicht ein wenig jung für ihr Alter aussah, konnte sie keinen Tag älter als fünfzehn sein.

Und sie war nicht sein Typ. Sie war klein, hatte knochige Knie, und sie hatte rotes Haar, um Himmels willen. Aber sie trug kein Make-up, doch auch so waren ihre Augen groß und blau. Er habe einen Schlafzimmerblick – das sagten die Frauen von ihm –, und nun sah er, dass das auch auf diese Kellnerin zutraf.

Nicholas wusste, dass er einen ganzen Berg von Arbeit zu bewältigen hatte. Eigentlich hätte er heute gar nicht ins Mercy gehen wollen, doch er war im Krankenhaus nicht zum Abendessen gekommen, und auf der ganzen Fahrt von Boston zurück hatte er an seine Lieblingspfannkuchen gedacht. Und er hatte auch an die Kellnerin gedacht und an Rosita Gonzalez, und er fragte sich, ob sie wohl wieder gut nach Hause gekommen war. Diesen Monat arbeitete er in der Notaufnahme, und kurz nach vier Uhr hatten die Sanitäter ein Latino-Mädchen hereingebracht: Rosita. Nach einer Fehlgeburt war sie über und über mit Blut bedeckt. Als Nicholas einen Blick in ihre Krankenakte geworfen hatte, war er schockiert gewesen: Rosita Gonzalez war erst dreizehn Jahre alt. Nicholas hatte eine Ausschabung vorgenommen, Rosita anschließend so lange es ging die Hand gehalten und sie immer wieder und wieder murmeln hören: Mi hija, mi hija.

Und dann hatte dieses andere Mädchen, diese Kellnerin, ein Bild von ihm gezeichnet, das einfach nur erstaunlich war. Jeder konnte seine Gesichtszüge kopieren, doch sie hatte etwas anderes getan. Sie hatte seine aristokratische Haltung gezeichnet, die müden Falten um seinen Mund und – am wichtigsten von allem – die Angst, die sich hinter seinen Augen verbarg. Und in der Ecke war da dieses Kind … Nicholas war ein Schauder über den Rücken gelaufen. Immerhin hatte dieses Mädchen unmöglich wissen können, dass Nicholas als Kind gerne auf Bäume geklettert war, um von dort aus die Sonne einzufangen – und er war fest davon überzeugt gewesen, das auch zu können.

Nicholas hatte das Bild angestarrt und erstaunt bemerkt, wie gelassen die Kellnerin sein Kompliment angenommen hatte. Und plötzlich erkannte er, dass dieses Mädchen wahrscheinlich auch ein Porträt von ihm gezeichnet hätte und ihn besser gekannt hätte, als er zuzugeben bereit war, wenn er nicht Nicholas Prescott gewesen wäre, sondern sein Geld als Hilfsarbeiter oder Müllkutscher verdient hätte. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass er jemanden kennenlernte, der von dem überrascht war, was er in ihm sah, jemanden, der seinen Ruf nicht kannte, jemanden, der mit einem Lächeln oder einem Dollar oder was auch immer Nicholas gerade entbehren konnte zufrieden war.

Kurz, kaum länger als einen Herzschlag, stellte Nicholas sich vor, wie sein Leben wohl verlaufen wäre, wenn er jemand anderes gewesen wäre. Sein Vater wusste es, doch sie hatten nie darüber geredet, also blieb Nicholas nichts anderes übrig, als zu spekulieren. Was, wenn er tief im Süden großgeworden wäre, an einem Fließband gearbeitet und jeden Abend den Sonnenuntergang über den Bayous von einer knarrenden Veranda aus beobachtet hätte? Ohne eitel sein zu wollen, fragte er sich, wie es wohl wäre, über die Straße zu gehen, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er hätte alles dafür gegeben – den Treuhänderfonds, die Privilegien und die Verbindungen –, nur um fünf Minuten lang einmal nicht im Scheinwerferlicht zu stehen. Nicht bei seinen Eltern und noch nicht einmal bei Rachel hatte er den Luxus gehabt zu vergessen, wer er war. Wenn er lachte, dann nie zu laut. Wenn er lächelte, berechnete er die Wirkung auf die Umstehenden. Und selbst wenn er sich entspannte, wenn er sich die Schuhe von den Füßen trat und die Beine auf die Couch legte, war er stets zurückhaltend, als müsse er auch noch rechtfertigen, dass er sich ein wenig Freizeit nahm. Er wusste, dass die Menschen stets haben wollten, was sie nicht besaßen, und dennoch hätte er es gerne wenigstens einmal versucht: ein Bootshaus, ein geflickter Sessel und ein Mädchen, das die Welt in den Augen hat, ihm weiße Hemden für fünf Dollar kaufte und ihn nur dafür liebte, was er wirklich war … Mehr wünschte er sich nicht.

Nicholas wusste nicht, was ihn dazu getrieben hatte, die Kellnerin zu küssen, bevor er gegangen war. Er hatte einfach nur den Duft ihres Halses eingeatmet, der noch so sehr an ein Kind erinnerte. Als er Stunden später die Tür zu seinem Zimmer öffnete und Rachel wie eine Mumie in die Bettlaken gewickelt sah, da zog er sich aus und schlang die Arme um sie. Doch als er die Hand um Rachels Brust legte und sah, wie sich ihre Finger um sein Handgelenk schlossen, da dachte er noch immer an jenen anderen Kuss, und er fragte sich, warum er die Kellnerin nicht nach ihrem Namen gefragt hatte.

*

»Hi«, sagte Nicholas. Sie öffnete die Tür zum Mercy und schob einen Stein davor, damit sie nicht wieder ins Schloss fiel. Dann drehte sie das Geschlossen-Schild mit einer natürlichen Eleganz um.

»Du solltest besser nicht reingehen«, sagte sie. »Die Klimaanlage ist kaputt.« Sie nahm ihr Haar von hinten nach vorne und wedelte sich Luft damit zu, als wolle sie ihre Aussage so unterstreichen.

»Ich will auch gar nicht rein«, erwiderte Nicholas. »Ich muss ins Krankenhaus. Aber ich kenne deinen Namen nicht.« Er trat einen Schritt vor. »Ich wollte einfach wissen, wie du heißt.«

»Paige«, antwortete sie leise und rang mit den Händen, als wisse sie nichts damit anzufangen. »Paige O’Toole.«

»Paige«, wiederholte Nicholas. »Gut.« Er lächelte und trat wieder auf die Straße hinaus. Im U-Bahnhof versuchte er, den Globe zu lesen, doch irgendwie verlor er ständig den Faden, denn der Wind im Tunnel sang ihren Namen.

*

Während sie an jenem Abend alles dichtmachte, erzählte Paige ihm von ihrem Namen. Ursprünglich war es die Idee ihres Vaters gewesen. Schließlich war Paige ein guter, irischer Name.

Ihre Mutter hatte sich jedoch strikt dagegen ausgesprochen. Sie glaubte, eine Tochter namens Paige sei durch den Namen verflucht. Schließlich stamme der Name von ›Page‹, und ihre Tochter solle anderen Menschen nicht dienen müssen, niemals. Aber ihr Mann bat sie, noch einmal darüber zu schlafen. Und das tat sie, und sie träumte von dem Namen und dessen anderer Bedeutung. ›Page‹ ist schließlich auch das englische Wort für ›Seite‹. Und das Leben ist wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Ein wunderschönes, unbeschriebenes Blatt, das Paige mit ihrer eigenen Geschichte würde füllen können. Und so wurde sie schließlich doch noch auf diesen Namen getauft.

Dann erzählte Paige Nicholas, dass das Gespräch über die Geschichte ihres Namens eines von insgesamt sieben Gesprächen mit ihrer Mutter war, an die sie sich noch vollständig erinnern konnte. Und ohne darüber nachzudenken, zog Nicholas sie auf seinen Schoß, nahm sie in den Arm und lauschte dem Schlagen ihres Herzens.

Anfang letzten Jahres hatte Nicholas den Entschluss gefasst, sich auf Herzchirurgie zu spezialisieren. Aus dem Beobachtungsraum hoch über dem OP hatte er wie Gott hinabgeschaut und gesehen, wie die Chirurgen einen dicken Muskel aus einer Kühlbox genommen und ihn in den klaffenden Brustkorb des Empfängers eingesetzt hatten. Als das Herz dann zu schlagen begann, Blut und Sauerstoff durch die Adern des Mannes pumpte und ihm so ein zweites Leben verlieh, da hatte Nicholas geweint. Allein das hätte sicherlich schon gereicht, um den Entschluss in ihm reifen zu lassen, Herzchirurg zu werden, doch eine Woche später hatte er den Patienten noch einmal besucht, als es hieß, der Körper habe das fremde Organ angenommen. Er hatte auf der Bettkante gesessen, während Mr. Lomazzi, ein sechzigjähriger Witwer, der nun das Herz eines sechzehnjährigen Mädchens besaß, über Baseball erzählt und Gott gedankt hatte. Bevor Nicholas gegangen war, hatte Mr. Lomazzi sich vorgebeugt und gesagt: »Ich bin nicht mehr derselbe, wissen Sie? Ich denke wie sie. Ich schaue mir Blumen länger an, und ich kenne Gedichte auswendig, die ich nie gelesen habe, und manchmal frage ich mich, ob ich mich wohl je verlieben werde.« Dann hatte er Nicholas’ Hand genommen, und Nicholas war schockiert von der sanften Stärke und dem warmen Fluss des Bluts in den Fingerspitzen. »Ich will mich nicht beschweren«, hatte Mr. Lomazzi gesagt. »Ich weiß nur nicht mehr, wer hier die Kontrolle hat.« Und Nicholas hatte sich murmelnd verabschiedet und noch an Ort und Stelle unumstößlich beschlossen, sich fortan der Herzchirurgie zu widmen. Vielleicht hatte er ja schon immer gewusst, dass die Wahrheit über einen Menschen in seinem Herzen war.

Das wiederum ließ die Frage in ihm aufkeimen, warum er Paige in den Arm genommen und welcher Teil von ihm nun die Kontrolle hatte.

*

An seinem ersten freien Tag im Juli fragte Nicholas Paige, ob sie mit ihm ausgehen wolle. Dabei redete er sich ein, dass das ja nicht wirklich eine Verabredung sei. Er war ja mehr wie ein großer Bruder, der seiner kleinen Schwester die Stadt zeigte. Schon in der Woche zuvor hatten sie einige Zeit miteinander verbracht. Sie waren zu einem Spiel der Red Sox gegangen, waren durch die Boston Commons spaziert und auf einem Schwanenboot gefahren – was Nicholas noch nie gemacht hatte, obwohl er schon seit achtundzwanzig Jahren in Boston lebte, doch das verschwieg er Paige. Er beobachtete, wie das Sonnenlicht ihr rotes Haar erglühen ließ, sah, wie ihre Wangen sich rosa färbten, und er hörte sie lachen, als sie einen Hot Dog ohne Brot aß, und er versuchte, sich selbst davon zu überzeugen, dass er nicht gerade dabei war, sich zu verlieben.

Es überraschte Nicholas nicht, dass Paige Zeit mit ihm verbringen wollte. Auch wenn das arrogant klingen mag, Nicholas war es einfach gewohnt, schließlich wirkten alle Ärzte auf alleinstehende Frauen wie ein Magnet. Die eigentliche Überraschung war, dass er es war, der Zeit mit ihr verbringen wollte. Es war schon fast so etwas wie eine Besessenheit für Nicholas geworden. Er liebte es, Paige bei Sonnenaufgang barfuß durch die Straßen von Cambridge gehen zu sehen, wenn der Asphalt sich wieder abkühlte. Er liebte es, dass sie Eiswagen um den ganzen Block hinterherjagte und dabei die Werbemelodie mitsang. Er liebte es, dass sie sich wie ein Kind benahm – vielleicht, weil er vergessen hatte, wie das ging.

Zufälligerweise fiel sein freier Tag auf den 4. Juli, und Nicholas plante alles ganz genau: Dinner in einem berühmten Steakhaus nördlich von Boston, gefolgt vom Anschauen des Feuerwerks an den Ufern des Charles.

Sie verließen das Restaurant um sieben Uhr, sodass sie noch jede Menge Zeit hatten. Nicholas sagte, er wolle zur Esplanade, doch ein brennendes Auto auf dem Highway sorgte für einen einstündigen Stau. Nicholas hasste es, wenn irgendetwas nicht nach Plan verlief, besonders wenn die Gründe dafür sich seiner Kontrolle entzogen. Nicholas lehnte sich zurück und seufzte. Er schaltete das Radio an und dann wieder aus. Er hupte, auch wenn sich nichts bewegte. »Ich glaube das einfach nicht«, sagte Nicholas. »Wir werden nie rechtzeitig dort ankommen.«

Paige saß mit verschränkten Beinen auf dem Beifahrersitz. »Das ist doch egal«, sagte sie. »Feuerwerk ist Feuerwerk.«

»Dieses nicht«, widersprach Nicholas. »So etwas hast du noch nie gesehen.« Er erzählte ihr von den Barken auf dem Charles und wie das Feuerwerk mit der Ouvertüre 1812 synchronisiert werden würde.

»Die Ouvertüre 1812?«, fragte Paige. »Was ist das?« Und Nicholas hatte sie angeschaut und den reglosen Wagen vor sich angehupt.

Nachdem sie sechs Partien Schiffe Versenken und drei Partien Tic-Tac-Toe gespielt hatten, setzte der Verkehr sich wieder in Bewegung. Nicholas raste wie ein Irrer nach Boston, doch er kam nicht näher an die Esplanade heran als bis zu Buckingham, Browne and Nichols, einer Privatschule, die meilenweit von seinem Ziel entfernt lag. Er stellte den Wagen auf dem Schulparkplatz ab und sagte Paige, es sei den Fußmarsch wert.

Als sie die Esplanade schließlich erreichten, erwartete sie dort ein wahres Menschenmeer. Über die Köpfe der Masse hinweg konnte Nicholas das große, muschelförmige Dach der Freilichtbühne und darunter das Orchester sehen. Eine Frau trat ihm vors Schienbein. »Hey, Mister!«, rief sie. »Ich campiere hier schon seit fünf Uhr morgens. Hier wird sich nicht vorgedrängelt.« Paige schlang die Arme um Nicholas’ Hüfte, als ein Mann ihr von hinten an der Bluse zog und ihr sagte, sie solle sich setzen. Nicholas fühlte, wie sie an seiner Brust flüsterte: »Vielleicht sollten wir einfach gehen.«

Sie hatten keine Wahl. Sie wurden von der wogenden Menschenmasse immer weiter nach hinten gedrängt, bis sie in einem Tunnel standen. Der Tunnel war lang und dunkel, und sie konnten nichts sehen. »Ich glaube das einfach nicht«, sagte Nicholas, und noch während er überlegte, ob es wohl noch schlimmer kommen könnte, rollte eine Gruppe Biker heran, und einer davon fuhr ihm über den linken Fuß.

»Bist du okay?«, fragte Paige und berührte Nicholas an der Schulter, während er mit schmerzverzerrtem Gesicht im Kreis humpelte. Im Hintergrund hörte Nicholas, wie das Feuerwerk begann. »Himmelherrgott noch mal!«, fluchte er.

Hinter ihm lehnte Paige an der feuchten Betonwand des Tunnels. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Dein Problem, Nicholas«, sagte sie, »ist, dass das Glas für dich immer halb leer ist und nicht halb voll.« Sie stellte sich vor ihn, und selbst in der Dunkelheit konnte er das Glühen ihrer Augen sehen. Von irgendwoher war das Pfeifen eines Römischen Lichts zu hören. »Das ist ein rotes«, sagte Paige, »und es steigt immer höher und höher, und jetzt … Da … Es strahlt am Himmel und regnet wie Glut zur Erde hinab.«

»Um Himmels willen«, knurrte Nicholas. »Du kannst doch gar nichts sehen. Mach dich nicht lächerlich, Paige.«

Das war beleidigend, doch Paige lächelte nur. »Wer macht sich hier lächerlich?«, erwiderte sie und legte ihm die Hände auf die Schultern. »Und wer sagt, dass ich nichts sehen kann?«

Zweimal war ein Knallen zu hören. Paige drehte sich herum und schmiegte sich mit dem Rücken an Nicholas, sodass beide auf dieselbe kahle Tunnelwand starrten. »Zwei explodierende Kreise«, sagte Paige. »Einer im anderen. Erst breiten sich blaue, dann weiße Streifen auf ihnen aus, und jetzt, wo sie wieder verblassen, erscheinen silberne Spiralen an den Rändern wie tanzende Glühwürmchen. Und da ist ein Brunnen aus Gold, der spuckt wie ein Vulkan, und da drüben ist ein Schirm, aus dem winzige blaue Punkte regnen wie Konfetti.«

Nicholas spürte Paiges seidiges Haar unter seiner Wange und das Beben ihrer Schultern, wenn sie sprach. Dass die Fantasie eines einzelnen Menschen so bunt sein konnte, erstaunte ihn. »Oh, Nicholas«, sagte Paige, »das ist das Finale. Wow! Gewaltige Explosionen aus Blau und Gelb breiten sich auf dem ganzen Himmel aus, und da …! Da ist ein riesiger, silberner Propeller, dessen Blätter immer größer und größer werden, und sie zischen und knistern und füllen den Himmel mit einer Million neuer, pinkfarbener Sterne.« Nicholas hatte das Gefühl, Paiges Stimme ewig lauschen zu können. Er zog sie dicht an sich, schloss die Augen und sah ihr Feuerwerk.

*

»Ich werde dich nicht in Verlegenheit bringen«, sagte Paige. »Ich weiß, welches die Salatgabel ist.«

Nicholas lachte. Sie fuhren zum Haus seiner Eltern, wo sie zum Dinner eingeladen waren, und eigentlich hatte er sich bis jetzt überhaupt keine Gedanken über Paiges Tischmanieren gemacht. »Weißt du«, sagte er, »dass du vermutlich der einzige Mensch auf der Welt bist, dem es gelingt, mich die Medizin mal einen Augenblick vergessen zu lassen?«

»Ja, ich habe viele Talente«, erwiderte Paige und schaute ihn an. »Ich weiß auch, was ein Buttermesser ist.«

Nicholas grinste. »Und wer hat dir all diese großartigen Dinge beigebracht?«

»Mein Dad«, antwortete Paige. »Er hat mir alles beigebracht.«

Sie hielten an einer roten Ampel, und Paige beugte sich aus dem Fenster, um sich selbst im Außenspiegel besser sehen zu können. Sie streckte die Zunge heraus. Bewundernd betrachtete Nicholas ihren weißen Hals und die Zehenspitzen ihrer nackten Füße, die sie unter sich geschoben hatte. »Und was hat dein Vater dich sonst noch gelehrt?«

Nicholas lächelte, als Paiges Gesicht aufleuchtete. Sie zählte an ihren Fingern ab. »Nie das Haus ohne Frühstück zu verlassen«, begann sie, »bei einem Sturm immer mit dem Rücken zum Wind zu laufen …« Und sie erzählte Nicholas von den Erfindungen ihres Vaters – von denen, die funktioniert hatten, wie dem automatischen Karottenschäler, und denen, die nicht ganz so gut gewesen waren, wie der Hundezahnbürste. Dann legte sie mitten in ihrem Vortrag den Kopf auf die Seite und schaute Nicholas an. »Er würde dich mögen«, sagte sie. »Ja.« Sie nickte. »Er würde dich wirklich sehr mögen.«

»Und warum?«

»Wegen dem, was ihr gemeinsam habt«, antwortete Paige. »Mich.«

Nicholas strich mit der Hand über das Lenkrad. »Und deine Mutter?«, fragte er. »Was hast du von ihr gelernt?«

Erst nachdem er das gefragt hatte, erinnerte er sich daran, was Paige ihm im Mercy über ihre Mutter erzählt hatte, und nun hingen diese dummen Worte zwischen ihnen. Einen Augenblick lang antwortete Paige nicht darauf, und sie rührte sich auch nicht. Nicholas nahm schon an, sie habe ihn nicht gehört, doch dann beugte sie sich vor, schaltete das Radio ein und drehte es so laut auf, dass kein Gespräch mehr möglich war.

Zehn Minuten später parkte Nicholas im Schatten einer Eiche. Er stieg aus und ging um das Auto herum, um Paige die Tür zu öffnen, aber sie war bereits ausgestiegen und reckte sich.

»Welches davon ist eures?«, fragte Paige und schaute über die Straße hinweg zu den hübschen, viktorianischen Häusern mit den weißen Lattenzäunen. Nicholas nahm sie am Ellbogen und drehte sie zu dem Haus hinter ihnen herum, einem riesigen Gebäude im Kolonialstil, auf dessen Nordseite Efeu wuchs. »Du machst wohl Witze«, sagte Paige und wich unwillkürlich einen Schritt zurück. »Bist du ein Kennedy?«, murmelte sie.

»Mit Sicherheit nicht«, antwortete Nicholas. »Das sind alles Demokraten.« Er führte Paige über einen schiefergedeckten Weg zur Vordertür, die Gott sei Dank nicht vom Zimmermädchen, sondern von Astrid Prescott persönlich geöffnet wurde. Sie trug eine zerknitterte Safarijacke und hatte sich drei Kameras um den Hals gehängt.

»Nicholas!«, keuchte sie und schlang die Arme um ihn. »Ich bin gerade erst wieder zurückgekommen. Aus Nepal. Eine fantastische Kultur. Du musst unbedingt sehen, was ich habe.« Sie streichelte eine ihrer Kameras, als wäre sie lebendig. Dann zog sie Nicholas mit der Macht eines Hurrikans ins Haus und nahm Paiges kleine, kalte Hände in die ihren. »Und du musst Paige sein. Ich darf doch Du sagen, oder?« Paige nickte. Astrid führte sie in einen atemberaubenden, mit Mahagoni verkleideten Flur. Der Boden bestand aus Marmor, und Paige fühlte sich an die Herrenhäuser in Newport erinnert, die sie als Highschool-Schülerin mal im Rahmen eines Besuchs an der RSID gesehen hatte. »Ich bin seit noch nicht einmal einer Stunde wieder hier, und Robert hat von nichts anderem als von der geheimnisvollen, magischen Paige gesprochen.«

Paige wich einen Schritt zurück. Robert Prescott war ein sehr bekannter Arzt, aber Astrid Prescott war eine Legende. Nicholas erzählte Bekannten nicht gerne, dass er mit der Astrid Prescott verwandt war, denn es war ein Name, den die Leute mit der gleichen Ehrfurcht aussprachen wie hundert Jahre zuvor den von Mrs. Astor. Jeder kannte Astrid Prescotts Geschichte: das reiche, verwöhnte Mädchen, das trotzig auf Bälle und Gartenpartys verzichtet hatte, um mit der Fotografie zu spielen, nur um schließlich eine der Besten auf diesem Gebiet zu werden. Und jeder kannte Astrid Prescotts Arbeit, vor allem ihre eindrucksvollen Schwarzweißaufnahmen, die vom Aussterben bedrohte Arten zeigten. Und diese Fotografien hingen – das fiel Paige jetzt auf – willkürlich verteilt im Flur. Es waren eindringliche Fotos mit beeindruckenden Licht- und Schattenspielen, und sie zeigten Meeresschildkröten, Berggorillas, prachtvolle Schmetterlinge, eine fliegende Eule und die Finne eines Blauwals. Paige erinnerte sich an einen Artikel über Astrid Prescott in der Newsweek, den sie vor Jahren einmal gelesen hatte und in dem die berühmte Fotografin erklärt hatte, sie wäre gerne beim Aussterben der Dinosaurier dabei gewesen.

Paige schaute von einem Foto zum nächsten. Jeder hatte einen Astrid-Prescott-Fotokalender oder zumindest einen Abreißkalender, denn ihre Bilder waren einfach nur bemerkenswert. Sie fing Entsetzen und Stolz gleichermaßen gut ein. Neben dieser geradezu mystischen Frau und in diesem riesigen Haus fühlte Paige sich schier unendlich klein.

Auf Nicholas hatte sein Vater eine weit größere Wirkung. Als Robert Prescott den Raum betrat, veränderte sich die Atmosphäre, als wäre die Luft ionisiert. Nicholas straffte die Schultern, setzte sein gewinnendstes Lächeln auf und beobachtete Paige aus dem Augenwinkel heraus. Und zum ersten Mal fragte er sich, warum er vor seinen eigenen Eltern eine solche Schau abziehen musste. Er und sein Vater berührten einander nie, es sei denn, man zählte Händeschütteln dazu. Es hatte etwas mit dem Zeigen von Zuneigung zu tun, und das war bei den Prescotts verboten. Als Folge davon fragten sich die Familienmitglieder bei Beerdigungen stets, warum sie dem Verstorben so viele Dinge nie gesagt hatten, die sie eigentlich hätten sagen sollen.

Bei kalter Fruchtsuppe gefolgt von Fasan mit frischen Kartoffeln erzählte Nicholas seinen Eltern von seinen Erfahrungen in den unterschiedlichen Abteilungen, vor allem von der Notaufnahme. Allerdings verzichtete er bei Tisch auf die Schilderung der grausigen Einzelheiten. Seine Mutter wiederum lenkte das Gespräch immer wieder auf ihre letzte Reise. »Der Everest«, sagte sie. »Man kann ihn noch nicht einmal mit dem größten Weitwinkelobjektiv einfangen.« Sie hatte die Jacke zum Diner ausgezogen. Darunter trug sie ein altes Tanktop und eine weite Khakihose. »Aber diese Sherpas kennen die Berge wirklich wie ihre Westentasche.«

»Mutter«, sagte Nicholas, »nicht jeder ist an Nepal interessiert.«

»Nun, Chirurgie interessiert auch nicht jeden, Liebling; trotzdem haben wir alle höflich zugehört.« Astrid drehte sich zu Paige um, die den Kopf eines riesigen Hirschs anstarrte, der über der Tür zur Küche hing. »Der ist furchtbar, nicht wahr?«

Paige schluckte. »Es ist nur, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass Sie …«

»Der ist von Dad«, unterbrach Nicholas sie. »Dad ist Jäger. Und sprich das hier besser nicht an«, warnte er. »Die beiden sind nicht immer einer Meinung, was das betrifft.«

Astrid warf ihrem Mann einen Kuss zu, der am anderen Ende des Tisches saß. »Aber dank dieses furchtbaren Dings habe ich wenigstens meine eigene Dunkelkammer im Haus bekommen«, sagte sie.

»Das nenne ich einen fairen Deal«, erklärte Robert und salutierte seiner Frau mit einer aufgespießten Kartoffel.

Paige schaute von Nicholas’ Vater zu Nicholas’ Mutter und wieder zurück. Sie kam sich inmitten dieses liebevollen Geplänkels verloren vor, und sie fragte sich, wie Nicholas sich in so einem Umfeld als Kind überhaupt hatte bemerkbar machen können. »Paige, meine Liebe«, sagte Astrid, »wo hast du Nicholas kennengelernt?«

Paige spielte mit dem Besteck und nahm die Salatgabel. Nur Nicholas fiel das auf. »Wir haben uns bei der Arbeit getroffen«, antwortete sie.

»Dann bist du also eine …« Astrid ließ den Satz unvollendet und wartete darauf, dass Paige ihn mit Medizinstudentin, Krankenschwester oder Medizinisch Technische Assistentin beendete.

»Ich bin Kellnerin«, erklärte Paige rundheraus.

»Ich verstehe«, sagte Robert.

Paige konnte förmlich sehen, wie ihr Astrid die Wärme, mit der sie sie bis jetzt umhüllt hatte, wieder entzog, und sie sah den Blick, den Astrid ihrem Mann zuwarf. Sie ist nicht, was wir erwartet hatten. »Eigentlich«, sagte Paige, »bezweifele ich, dass Sie das verstehen.«

Nicholas, dem sich der Magen schon zusammengezogen hatte, kaum dass er an den Tisch gekommen war, tat noch etwas, das bei den Prescotts verboten war: Er lachte laut. Seine Eltern schauten ihn an, doch er drehte sich nur zu Paige um und lächelte. »Paige ist eine wunderbare Künstlerin«, erklärte er.

»Oh«, sagte Astrid und beugte sich vor, um Paige eine zweite Chance zu geben. »Was für ein bewundernswertes Hobby für eine junge Dame. So hat das auch bei mir angefangen, weißt du.« Sie schnippte mit den Fingern, und eine Dienerin erschien und räumte den leeren Teller ab. Dann beugte Astrid sich wieder vor und legte die Ellbogen auf die blütenweiße Tischdecke. Sie lächelte glatt, doch dieses Lächeln erreichte ihre Augen nicht. »Wo bist du aufs College gegangen, meine Liebe?«

»Ich war nicht auf dem College«, antwortete Paige in ruhigem Ton. »Ich wollte auf die RSID, aber dann ist etwas dazwischengekommen.« Sie benutzte das Akronym der Rhode Island School of Design, denn darunter war sie weithin bekannt.

»Riz-dee«, wiederholte Robert kühl und schaute zu seiner Frau. »Darüber haben wir noch nicht viel gehört.«

»Nicholas«, sagte Astrid in scharfem Ton, »wie geht es Rachel?«

Nicholas sah, wie Paiges Gesicht bei der Erwähnung einer anderen Frau förmlich in sich zusammenfiel, einer Frau, deren Namen sie noch nie gehört hatte. Nicholas zerknüllte seine Serviette zu einem Ball und stand auf. »Was kümmert dich das denn auf einmal, Mutter?«, fragte er. »Das war dir früher doch auch egal.« Er trat hinter Paiges Stuhl, zog ihn zurück und hob sie an den Schultern hoch. »Tut mir leid«, sagte er, »aber ich fürchte, wir müssen gehen.«

Wieder im Wagen, fuhren sie erst einmal im Kreis. »Was zum Teufel war das denn?«, verlangte Paige zu wissen, als sie schließlich den Highway erreichten. »Bin ich einfach nur ein Spielzeug für dich?«

Nicholas antwortete nicht darauf. Ein paar Minuten lang starrte Paige ihn mit verschränkten Armen an und ließ sich dann wieder in den Sitz fallen.

Kaum hatten sie den Stadtrand von Cambridge erreicht, da öffnete Paige die Tür. Nicholas trat auf die Bremse. »Was machst du da?«, fragte er ungläubig.

»Ich steige aus. Den Rest kann ich auch zu Fuß gehen.« Und das tat sie auch. Hinter ihr leuchtete der Mond unmittelbar über den Ufern des Charles. »Weißt du, Nicholas«, sagte Paige, »du bist wirklich nicht, wofür ich dich gehalten habe.«

Und als sie dann fortging, zuckte ein Muskel an Nicholas’ Kiefer. Sie ist genau wie alle anderen auch, dachte er, und nur um ihr das zu zeigen, trat er aufs Gas und raste an ihr vorbei auf die Route 2. Dabei schrie er wie ein Wahnsinniger, bis ihm die Lungen zu platzen drohten.

*

Am nächsten Tag kochte Nicholas immer noch vor Wut. Er traf sich mit Rachel nach ihrem Anatomieseminar und schlug vor, gemeinsam eine Tasse Kaffee trinken zu gehen. Er kenne da einen Laden, sagte er, wo während des Essens ein Porträt von den Gästen gezeichnet wird. Zwar sei er ein wenig weiter entfernt, auf der anderen Flussseite, aber er liege relativ nah bei seinem Apartment – für danach. Und dann ging Nicholas neben Rachel zum Wagen und bemerkte die Blicke der anderen Männer, als sie Rachels honigfarbenes Haar und ihre sanften Kurven sahen. Und als sie schließlich vor der Tür des Schnellimbisses standen, riss Nicholas sie an sich und küsste sie leidenschaftlich auf den Mund.

»Sieh mal einer an«, sagte Rachel und lächelte. »Willkommen zurück.«

Nicholas führte sie zu der Nische, in der er immer saß, doch sie ging erst einmal in den Waschraum. Paige war nirgends zu sehen, und das machte Nicholas wütend. Schließlich war er ihretwegen hier! Er hing diesem Gedanken noch nach, als sie plötzlich hinter ihm stand. Sie war mucksmäuschenstill, und Nicholas hätte ihre Gegenwart gar nicht bemerkt, wäre da nicht der frische Duft von Birnen und Weiden gewesen, an dem er sie erkennen konnte. Als sie vor ihn trat, waren ihre Augen groß und müde. »Tut mir leid«, sagte sie. »Ich wollte nicht, dass du sauer auf mich bist.«

»Wer ist denn hier sauer?«, erwiderte Nicholas und grinste, doch er spürte ganz deutlich einen Stich in seinem Herzen, und er fragte sich, ob das das Gefühl war, das Herzpatienten ihm immer beschrieben.

Genau in diesem Augenblick kam Rachel wieder zurück und setzte sich zu Nicholas in die Nische. »Bitte, entschuldigen Sie«, sagte Paige, »aber diese Nische ist besetzt.«

»Ja, ich weiß«, erwiderte Rachel kühl. Sie schaute zu Nicholas und dann zu Paige, und sie streckte die Hand aus und verschränkte die Finger besitzergreifend mit denen von Nicholas.

Nicholas hätte es nicht besser planen können, doch er hatte nicht damit gerechnet, dass es so wehtun würde. Der Grund dafür war jedoch nicht, dass Paige wie angewurzelt vor ihm stand, den Mund leicht geöffnet, als habe sie nicht richtig gehört. Der Grund dafür war, dass Nicholas keine Enttäuschung sah, betrogen worden zu sein, als sie sich wieder zu ihm umdrehte. Stattdessen, so erkannte er, schaute sie ihn immer noch an, als wäre er ein mystisches Wesen. »Weshalb bist du hergekommen?«, fragte sie.

Nicholas räusperte sich, und Rachel trat ihm unterm Tisch vors Bein. »Rachel hat von den Bildern gehört und hätte gern eins.«

Paige nickte und ging ihren Block holen. Als sie wieder zurückkam, setzte sie sich neben der Nische auf einen kleinen Hocker und hielt den Block schräg, so wie sie es immer tat, damit das fertige Bild auch sie überraschte. Sie zeichnete saubere, schnelle Linien und verwischte sie mit dem Daumen, und während sie zeichnete, schauten andere Gäste ihr über die Schulter, lachten und flüsterten miteinander. Als sie fertig war, warf sie den Block vor Nicholas hin und ging in die Küche. Rachel drehte ihn herum, sodass sie das Porträt betrachten konnte. Da waren ihr Haar, das Glitzern in ihren Augen, und sogar das Wesentliche ihrer hübschen Gesichtszüge hatte Paige eingefangen, aber dennoch … Das Bild zeigte ganz eindeutig ein Reptil.

*

Obwohl er in dieser Nacht Rufbereitschaft hatte, tat Nicholas etwas, das er noch nie getan hatte: Er meldete sich telefonisch krank. Dann aß er einen Bissen bei McDonald’s und spazierte nach Sonnenuntergang über den Harvard Square. Schließlich setzte er sich an der Ecke auf eine Bank und schaute einem Artisten zu, der mit brennenden Fackeln jonglierte, und er fragte sich, ob der Kerl wohl Angst davor hatte, dass etwas passieren könnte. Nicholas legte eine Dollarnote in den Gitarrenkoffer eines Jazzgitarristen und blieb vor dem Fenster eines Spielzeugladens stehen, wo Plüschalligatoren in Plastiksümpfen badeten. Dann, um fünf vor zwölf, ging er zum Mercy und überlegte sich, was er tun sollte, wenn heute Doris oder Marvela abschlossen und nicht Paige. Er würde wohl einfach weitergehen, bis er sie gefunden hatte.

Paige leerte gerade die Ketchupflaschen, als er hereinkam. Über ihren Kopf hinweg war das Bild von Rachel als Reptil zu sehen; es klebte neben den anderen an der Wand. »Es gefällt mir«, bemerkte Nicholas, und Paige erschrak.

Dann lächelte sie unwillkürlich. »Ich bin mir sicher, damit habe ich einen Gast vergrault«, sagte sie.

»Wenn schon!«, erwiderte Nicholas. »Mich hast du damit wieder zurückgeholt.«

»Und was bekomme ich dafür?«, fragte Paige.

Nicholas lächelte. »Was immer du willst.«

Viele Jahre später, als Nicholas an dieses Gespräch zurückdachte, erkannte er, dass er keine Versprechen hätte machen sollen, die er nicht halten konnte. Aber damals hatte er geglaubt, alles sein zu können, was sie wollte. Er hatte da so ein Gefühl gehabt – ein Gefühl, dass alles, was Paige wirklich brauchte, nichts mit seinem Erfolg und seinem Status zu tun hatte, und das war so neu für ihn, dass er glaubte, eine große Last sei von seinen Schultern genommen worden. Er zog Paige näher zu sich heran und sah, wie sie sich zuerst versteifte, dann jedoch entspannte. Er küsste sie aufs Ohr, die Schläfe und den Mundwinkel. Er roch Schinken und Waffeln in ihrem Haar, aber auch den Sonnenschein und den September, und er fragte sich, woher all die Gedanken kamen, die ihm plötzlich durch den Kopf gingen.

Als sie vorsichtig die Arme um ihn schlang, legte er ihr die Hände auf die Hüfte. »Ist Lionel noch da?«, flüsterte er, und als sie den Kopf schüttelte, zog er den Schlüssel aus ihrer Tasche, schloss die Tür und schaltete das Licht aus. Dann setzte er sich auf einen Barhocker und zog Paige an sich heran, sodass sie zwischen seinen Beinen stand, und er küsste sie und strich ihr mit der Hand vom Hals über die Brust und bis zum Bauch. Er küsste sie sanft, diese Kindfrau, und als er ihr über die Schenkel strich, zuckte sie zusammen, und er musste unwillkürlich lächeln. Sie muss noch Jungfrau sein, erkannte er und dachte überwältigt: Ich will ihr Erster sein. Ich will der Einzige sein. »Heirate mich«, sagte er, und er war genauso überrascht wie sie von diesen Worten. Er fragte sich, ob das nun wirklich das Ende seiner Glückssträhne war, ob nun auch seine Karriere den Bach hinunterging, ob das der Stein war, der alles ins Rollen brachte. Aber er hielt Paige in den Armen, und er erkannte, dass die Leere in seinem Herzen sich nun mit Liebe füllte. Nicholas staunte. Er staunte über so viel Glück, endlich jemanden gefunden zu haben, der die Sicherheit brauchte, die er geben konnte … und auch wenn die Gefahren andere waren, vielleicht musste ja auch er beschützt werden.

KAPITEL 3

NICHOLAS

Als Nicholas vier Jahre alt war, brachte seine Mutter ihm bei, wie er sich Fremden gegenüber zu verhalten hatte. Sie setzte sich mit ihm hin und ermahnte ihn zwanzigmal hintereinander, auf der Straße mit niemandem zu reden, es sei denn, es war ein Freund der Familie. Auch dürfe er sich von niemandem an der Hand über die Straße führen lassen, und vor allem dürfe er nie zu jemandem ins Auto steigen – niemals! Nicholas erinnerte sich daran, nervös auf dem Stuhl herumgerutscht zu sein, weil er raus wollte. Er wollte nach der Dose Bier sehen, die er über Nacht auf der Terrasse gelassen hatte, um damit Schnecken zu fangen. Doch seine Mutter wollte ihn nicht gehen lassen, noch nicht einmal aufs Klo – nicht, bevor Nicholas ihre Ermahnungen nicht auswendig nachplappern konnte. Und als es schließlich so weit war, hatte Nicholas Bilder von düsteren, stinkenden Phantomen heraufbeschworen, die zerfetzte schwarze Umhänge trugen, sich in Autos, Rinnsteinen und dunklen Gassen versteckten und nur darauf warteten, sich auf ihn zu stürzen. Als seine Mutter ihm dann sagte, jetzt könne er raus spielen gehen, da hatte er beschlossen, drinzubleiben, und noch Wochen später hatte er sich jedes Mal unter der Couch versteckt, wenn der Postbote geklingelt hatte.

Heutzutage hatte Nicholas die Angst vor Fremden natürlich überwunden, aber die Folgen übermäßigen Vertrauens, die seine Mutter ihm ausgemalt hatte, die hatte er nicht vergessen, und so stand er häufig abseits von den anderen. Zwar konnte er auch charmant sein, wenn die Umstände es verlangten, doch er neigte mehr dazu, Interesse an einer Stuckdecke zu zeigen, als sich in ein Gespräch mit Leuten hineinziehen zu lassen, die er nicht kannte. Bei manchen Menschen ließ man solch ein Verhalten als Schüchternheit durchgehen, doch bei jemandem mit Nicholas’ Hintergrund, Aussehen und Bildung betrachtete man es oft als Arroganz. Nicholas machte das jedoch nichts aus. So hatte er Zeit, sich seine Antworten genauer zu überlegen, während andere häufig redeten, bevor sie nachdachten.

Nichts von alledem erklärte aber, warum er Paige O’Toole so impulsiv um ihre Hand gebeten hatte oder warum er ihr den Zweitschlüssel zu seinem Apartment gegeben hatte, noch bevor sie darauf hatte antworten können.

Gemeinsam gingen sie schweigend vom Mercy zu seinem Apartment, und Nicholas begann, sich selbst zu hassen. Paige schien nicht mehr sie selbst zu sein. Er hatte alles ruiniert. Nicholas war so nervös, dass er zuerst das Schlüsselloch nicht fand, und dabei wusste er noch nicht einmal, warum er so nervös war. Als sie die Wohnung dann schließlich doch noch betraten, hielt er die Luft an, bis er Paige leise sagen hörte: »In meinem Zimmer war es nie so ordentlich.« Und dann entspannte er sich und lehnte sich an die Wand. »Ich kann lernen, unordentlich zu sein«, erwiderte er.

Gespräche wie dieses in den ersten Stunden, nachdem er Paige einen Heiratsantrag gemacht hatte, zeigten Nicholas, dass er noch verdammt viel nicht von ihr wusste. Er wusste die allgemeinen Dinge, jene Dinge, über die man auf Dinerpartys sprach: Er kannte den Namen ihrer Highschool, wusste, wie sie zum Zeichnen gekommen war, und er kannte den Namen der Straße, in der sie in Chicago gewohnt hatte. Aber er kannte die Einzelheiten nicht, jene Dinge, die ein Liebhaber für gewöhnlich wusste: Wie hatte sie den Hundewelpen genannt, den ihr Vater wieder ins Tierheim gebracht hatte? Wer hatte ihr beigebracht, einen Curve Ball zu werfen? Welche Konstellationen konnte sie am Nachthimmel erkennen? Nicholas wollte das alles wissen. Er war von einer Gier erfüllt, die ihn wünschen ließ, er könnte die letzten sechs Jahre seines Lebens einfach ausradieren, um sie mit Paige noch einmal zu erleben.

»Mehr habe ich nicht«, sagte Nicholas zu Paige und bot ihr eine Schachtel mit alten Keksen an. Er bat Paige, sich auf die schwarze Ledercouch zu setzen, und schaltete die Halogenlampen an. Paige hatte noch nicht gesagt, ob sie ihn heiraten wollte oder nicht, und dieses Detail war Nicholas nicht entgangen. Und es wäre ihm vielleicht auch gar nicht so unrecht gewesen, wenn sie seinen Antrag als Scherz abgetan hätte, denn er war sich noch immer nicht sicher, warum er ihn überhaupt gemacht hatte. Aber er wusste, dass Paige das nicht leichtnahm, und natürlich wollte er die Antwort auch wissen. Gott, die Vorstellung machte ihn wahnsinnig, dass sie ihm ins Gesicht lachen könnte, und allein das verriet ihm mehr über sich, als er zugeben wollte.

Plötzlich wollte er sie zum Reden bringen. Er nahm an, wenn sie ihn nicht mehr länger so anstarren würde und er sie dazu bringen könnte, ihm irgendwas über Chicago oder die schrägen Erfindungen ihres Vaters zu erzählen, dann würde sie mittendrin vielleicht zufällig erwähnen: Ja, sie wolle ihn heiraten.

»Ich bin nicht hungrig«, sagte Paige. Sie ließ ihren Blick durch die Wohnung schweifen, und Nicholas machte sich allmählich Vorwürfe, ihr einen Schrecken eingejagt zu haben. Paige war erst achtzehn. Kein Wunder, dass sie vor ihm zurückschreckte. Sicher, er wollte in ihrer Nähe sein, und zugegeben, er hatte sich in sie verguckt, aber Hochzeit …? Er wusste nicht, woher die Idee gekommen war.

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