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Und am Ende wird alles gut

PAUL ROBERT SMITH

UND AM ENDE
WIRD ALLES GUT

Roman

Übersetzung aus dem australischen Englisch von Veronika Dünninger

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BASTEI ENTERTAINMENT

Für Victor, Liebestrottel

1

Es wird auf jeden Fall immer ein Happy End haben. Mein Leben, meine ich. Aber ich schätze, das müssen die meisten Leute denken, sonst würden ja alle ständig mit einer verdammten Leichenbittermiene durch die Gegend laufen und daran denken, wie sie irgendwann vielleicht in irgendeinem ekelhaften Krankenhaus mit irgendeiner ekelhaften Krankheit im Sterben liegen werden, wo sie die ganze Nacht hören, wie irgendwelche ekelhaften Kakerlaken über den Boden flitzen, und das könnte einem die Lebenseinstellung an sich doch insgesamt ziemlich vermiesen. Ich schätze, die Leute stehen einfach auf ein Happy End. Ich schätze, das liegt einfach in der Natur des Menschen, und man kann es ihnen deswegen wohl auch nicht vorwerfen. Ob sie natürlich eins bekommen oder nicht, das steht auf einem ganz anderen Blatt.

Aber verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will Ihnen keinen falschen Eindruck vermitteln oder so. Wenn ich etwas hasse, dann sind es Zyniker. Im Ernst. Die kann ich echt nicht ausstehen. Wenn ich jemanden treffe, der immer nur auf alles Schlechte im Leben zeigt, wissen Sie, nur weil er glaubt, dass es irgendwie Eindruck macht, diese düstere Lebenseinstellung zu haben, bin ich immer der Erste, der sagt: »Mann, du bist doch nichts als ein großer, aufgeblasener Wichtigtuer.« Ehrlich gesagt würde ich es vielleicht nicht sagen, aber ich bin mit Sicherheit der Erste, der es denkt. Und wenn er sich dann umdrehen und tatsächlich sagen würde: »Hey, Montanna, was meinst du denn dazu?«, würde ich vermutlich irgendetwas richtig Positives sagen, nur so aus Spaß, selbst wenn ich persönlich in dem Moment echt schlecht drauf sein sollte.

2

Noch etwas, worauf ich, neben Zynikern, nicht so besonders stehe, ist, wenn man irgendetwas lesen will, ein Buch oder auch nur irgendeinen Artikel in einer Zeitschrift, und man sich durch so viele Details kämpfen muss, nur um zum Punkt zu kommen, dass man irgendwann die Lust verliert und die Sache einfach hinschmeißt. Also, was mich betrifft, wenn jemand eine Geschichte oder auch nur einen Witz erzählt, dann können zu viele Details ein echter Killer sein. Im Ernst. Ich persönlich schalte nach ungefähr zwölf Sekunden auf Durchzug, wenn derjenige bis dahin noch nicht zum Punkt gekommen ist. Wenn er es dann noch nicht geschafft hat, verliere ich einfach die Lust. Und deshalb werde ich jetzt auch, anstatt Sie mit einem Haufen sowieso unwichtigem Zeug zu langweilen – zum Beispiel, welche Farbe meine Augen haben (grün) oder ob ich gern Süßes esse oder nicht (tue ich) –, sozusagen gleich ins kalte Wasser springen. Das heißt, ich werde damit anfangen, wie ich von der Bordsteinkante diesem gottverdammten Raser vors Auto laufe.

WUMM!

Also, das ist mit Sicherheit etwas, das ich niemandem empfehlen würde, der nicht zufällig absolut scharf auf Nervenkitzel ist. Springen Sie meinetwegen von hohen Gebäuden, fahren Sie mit dem Skateboard irgendwelche Berghänge hinunter, experimentieren Sie vielleicht sogar ein bisschen mit total angesagter Selbstamputation, aber lassen Sie sich auf keinen Fall von einem Raser mit seinem Automobil anfahren, wenn Sie es irgendwie vermeiden können.

Ich war auf dem Nachhauseweg vom Moriarty’s, wo Louie Louie und ich unsere kostbare Jugend verplempern. Eigentlich verbringe ich so ungefähr mein halbes Leben dort, wenn Sie’s genau wissen wollen. Ich gehöre dort praktisch zum Inventar, kann man sagen. Das tun wir beide. Ach, stimmt ja, Sie haben Louie Louie noch gar nicht kennengelernt, aber keine Sorge, das werden Sie schon noch. Er wird leicht zu erkennen sein. Er ist der Scheißkerl, der mir mein Frühstück wegfuttert.

Louie Louie ist eigentlich mein bester Freund, auch wenn Sie das vielleicht nicht annehmen würden, so wie ich über ihn rede. Ich sage alles Mögliche über ihn, hauptsächlich ziemlich beleidigendes Zeug, gelinde gesagt. Wenn Sie mich über ihn reden hören würden, würden Sie vermutlich sogar denken, er sei mein größter Feind oder so etwas. Ich verliere eigentlich nie ein gutes Wort über ihn, aber das ist noch gar nichts verglichen mit dem, was er über mich sagt. Wir kennen uns seit einer Ewigkeit, und Sie können mir glauben, er ist eine echte Nervensäge. Im Ernst. Schon immer gewesen.

Ich hatte es zwar nicht vor, aber ich könnte Ihnen eigentlich auch gleich erzählen, wie wir uns kennengelernt haben. Es war an unserem ersten Schultag, und er kam auf dem Spielplatz genau auf mich zu und schlug mir einfach mit der Faust auf die Nase.

Peng!

Einfach so.

Natürlich habe ich sofort zurückgehauen, und ziemlich bald hat uns die ganze Schule angefeuert.

»Schlagt euch! Schlagt euch! Schlagt euch! Schlagt euch!«

Kinder lieben Schlägereien. Eine Schlägerei bringt wirklich etwas ganz Besonderes in ihnen zum Vorschein, selbst in richtig stillen, schüchternen Kindern. Vor allem in richtig stillen, schüchternen Kindern. Vielleicht liegt es an der Anonymität der Masse. Sie können ein Teil des größeren Ganzen sein, ohne selbst den Kopf hinhalten zu müssen. Richtig stille, schüchterne Kinder sind vermutlich genau die Art Kinder, die sich später, wenn sie älter sind, irgendwelchen Mobs anschließen. Man sieht es doch ständig in irgendwelchen Filmen. Wenn zum Beispiel irgendwo einer gelyncht werden soll, sind es immer die stillen, schüchternen, braven Bürger, die sofort dafür sind. »Lyncht den Scheißkerl!«, brüllen sie immer. »Knüpft ihn auf!« Hinterher tut es ihnen natürlich höllisch leid, aber in dem Moment bringt es ihr Blut so richtig in Wallung. Ich schätze, es durchbricht diese Monotonie, die daher kommt, dass man die ganze restliche Arbeitswoche damit verbringt, ein unglaublich anständiger Bürger zu sein. Und noch etwas haben Schlägereien an sich: Niemand schert sich je einen Dreck darum, worum es überhaupt geht, aber immer ergreifen alle Partei.

»Ich bin für den Typen da.«

»Nie im Leben, der Typ ist grottenschlecht. Ich bin für den anderen Typen.«

Miss Cuthbert, frisch vom Bildungsfließband und rundum glänzend und neu wie Plastik, ist schließlich dazwischengegangen, zur allgemeinen Enttäuschung, außer vielleicht zu Louie Louies und meiner. Es kam uns vor, als hätten wir uns ungefähr zwei Stunden geprügelt, obwohl es vermutlich höchstens eine Minute war, und ehrlich gesagt, kamen wir beide überhaupt nicht weiter. Das heißt, von der Lehrerin in die Ecke gestellt zu werden – was so ziemlich überall als ehrenhaftes Unentschieden gilt, egal wer es am schlimmsten zu spüren bekommt, vor allem wenn man fünf ist und seinen ersten Schultag hat – war gar kein so schlechtes Ergebnis. Sie hat uns sogar gezwungen, wieder nett zueinander zu sein und uns die Hand zu geben. Und auch wenn Louie Louie mir dabei eine Fratze schnitt, die fast so hässlich war wie sein normaler Gesichtsausdruck, sind wir seitdem die besten Freunde.

Kurioserweise war das auch der Augenblick, als ich mich zum ersten Mal verliebte. Es war nichts Geringeres als Liebe auf den ersten Blick, genau wie im Film.

Ich hegte diese heimliche Liebe – natürlich für die glänzende, brandneue, irgendwie künstliche Miss Cuthbert – ganze sechs Monate lang. Um genau zu sein, bis zu ihrem plötzlichen – und im Übrigen nie zufriedenstellend aufgeklärten – und geheimnisvollen Verschwinden mitten im Schuljahr, mitten in der Woche, mitten am Vormittag während der Kaffeepause. Es geht das Gerücht, sie hätte eine halb geleerte Tasse Kaffee und einen glasierten Donut auf ihrem Schreibtisch zurückgelassen.

Nur ein einziger winziger Happen war von dem Donut abgebissen worden.

Aber wie ich bereits sagte, ich war auf dem Nachhauseweg vom Moriarty’s. Ich war auch schon fast da. Nur noch ein paar Blocks. Ich habe mal gehört, dass das der häufigste Zeitpunkt für Verkehrsunfälle ist – ich schätze, weil die Leute dann schon anfangen, darüber nachzudenken, was sie tun werden, wenn sie erst mal zu Hause sind. Zum Beispiel, wie gut es ihnen tun wird, die Schuhe von sich zu schleudern oder sich ein paar Frozen Daiquiris oder was weiß ich hinter die Binde zu kippen, anstatt sich aufs Autofahren zu konzentrieren. Oder darauf, nicht irgendwelchen Rasern vors Auto zu laufen. Ich weiß noch, dass ich eine alte Showmelodie vor mich hin gesummt habe, eine Ballade von Irving Berlin. I’ve Got My Love to Keep Me Warm. Ich weiß, die meisten Leute in meinem Alter haben noch nie von Irving Berlin oder Cole Porter oder den Gershwins gehört, aber ich liebe dieses Zeug einfach. Ich finde, es ist einfach verdammt elegant. Ehrlich gesagt, habe ich meine Eltern früher fast in den Wahnsinn getrieben, weil ich es ständig gespielt habe. Ich habe es Tag und Nacht gespielt. Night and Day sozusagen. Ich konnte gar nicht genug davon kriegen. Gott, ich bin fast gestorben dabei, so elegant fand ich es. Ich habe mir dann immer vorgestellt, ich würde es im Ritz oder im Waldorf oder einem von diesen Schuppen so richtig krachen lassen. Von Champagner und auf Pump leben. Ich habe es mir sogar auf diesem wahnsinnig alten Grammophon angehört, das meine Eltern als Ziergegenstand bei uns im Haus stehen hatten. Sie haben es in ihrem ganzen Leben auch nicht ein einziges Mal benutzt. Sie besaßen nicht mal irgendwas, das sie darauf hätten abspielen können. Und dann haben sie eines Tages meine ganze Sammlung alter 78er in den Müll geworfen, weil ich ständig diese Musik gespielt habe, oder vielleicht auch, weil sie ihren kostbaren Ziergegenstand zurückhaben wollten. Einfach so. Und dabei hatte ich sie nicht mal einfach auf irgendeinem lausigen alten Speicher gefunden. Ich hatte sie gesammelt. Ich muss ungefähr ein halbes Pfund Staub geschluckt haben, während ich ein paar der widerlichsten Secondhandläden durchstöbert habe, die die Welt je gesehen hat, nur um sie zu finden. Die Leute dachten, ich hätte einen Raucherhusten bekommen, während es sich tatsächlich um einen Staubhusten handelte. Und deshalb war ich, wie Sie sich vorstellen können, ziemlich sauer, dass meine Eltern die Platten einfach so in den Müll warfen. Um genau zu sein, war ich so sauer, dass ich einen Monat lang kein Wort mit ihnen gewechselt habe. Aber wissen Sie was? Sie haben es nicht einmal bemerkt.

Und jetzt lag ich da, nur noch ein paar Blocks trennten mich von Heim und Herd, nachdem ich gerade eben von der Bordsteinkante diesem lausigen Raser vors Auto gelaufen war, mitten auf der Straße ausgestreckt wie eine aufgefaltete Zeitung, volle Bauchlandung. Und das Komische dabei war, diese knisternde alte Showmelodie wollte mir noch immer nicht aus dem Kopf gehen.

3

Ich spürte keinen Schmerz. Hätte ich welchen gespürt, dann hätte ich mir wohl die Seele aus dem Leib gebrüllt, schätze ich. Ich habe nämlich offenbar eine sehr niedrige Schmerzgrenze. Ich bin darauf getestet worden und alles. Ich brülle mir bei so ziemlich allem die Seele aus dem Leib, wenn es mit Schmerz zu tun hat. Wenn ich als kleines Kind zum Zahnarzt musste, habe ich so laut geschrien, dass wir ständig den Zahnarzt wechseln mussten. Nicht dass wir das entschieden hätten – sie haben darauf bestanden. Ich schätze, das Letzte, was man als Zahnarzt haben will, ist ein Wartezimmer voller sowieso schon nervöser Patienten und im Behandlungszimmer irgendein Kind, das sich jedes Mal die Lunge aus dem Leib schreit, wenn man ihm auch nur eine Nadel in sein weiches, empfindliches Zahnfleisch sticht oder versucht, ihm einen Zahn zu ziehen. Das will niemand hören. Als ich dann also dort auf dem Boden lag und keinen Schmerz spürte, begann ich entsprechend zu glauben, ich müsste gelähmt sein oder so, und das machte mich extrem nervös. Der Grund, weshalb es mich extrem nervös machte – oder zumindest einer der Gründe –, war, dass mir ganz plötzlich der Gedanke durch den Kopf schoss, wie ich für den Rest meines Lebens mit einem Schwamm gewaschen werden müsste, und vor allem, wie peinlich das wäre und ob es schlimmer sein würde, von einer altmodischen, mittelalten, matronenhaften Frau gewaschen zu werden oder von einer jungen und attraktiven, vielleicht sogar mit einem kitschigen französischen Akzent. Aber dann spürte ich den heißen Asphalt durch meine Kleidung hindurch auf der Haut brennen, und ich begriff, dass ich das, wäre ich gelähmt, vermutlich nicht hätte spüren können. Das war eine Riesenerleichterung, auch wenn es andererseits ziemlich unangenehm war. Es war ein heißer Tag – na ja, natürlich war es ein heißer Tag –, und während ich dort einfach so mitten auf der Straße lag, hatte ich dieses seltsame Gefühl, als würde ich sonnenbaden. Nicht dass überhaupt noch irgendjemand sonnenbadete, es sei denn, er hatte einen Todeswunsch. Nur dass die Hitze natürlich von unter mir nach oben kam anstatt von oben herunter. Tatsächlich war es vermutlich eher so, als würde ich gegrillt werden, oder es entsprach zumindest meiner Vorstellung davon, wie es sein könnte, gegrillt zu werden. Der Wagen hatte mich getroffen wie ein zwei Tonnen schwerer Metallfleischklopfer, und jetzt lag ich da, auf die Gusseisenplatte geklatscht, und wurde, brutzel brutzel, schön zart durchgebraten. Jeden Augenblick würde es so weit sein.

»Sag mal, Junge«, beugte sich auf einmal jemand über mich, »wie geht es dir?«

Ich fand, das war eine echt irre Frage an jemanden, der gerade von einem Raser angefahren worden war, und hätte fast laut gelacht. Ich tat es nicht, aber ich tat es fast. Vermutlich hätte ich es getan, nur dass ich dachte, dass das in Anbetracht der Umstände vielleicht keine so tolle Idee wäre. Ich dachte, dann würde ich vielleicht eine Lunge heraushusten oder so etwas in der Richtung.

»Einfach verdammt blendend«, entgegnete ich so ironisch, wie es mir in meiner Lage, so ausgestreckt mitten auf der Straße, möglich war. Ich trug richtig dick auf. »Danke der Nachfrage.«

»Na ja«, sagte er, »du siehst aber ziemlich beschissen aus.«

Falls es Ihnen noch nie aufgefallen ist, es gibt Leute, die sind einfach bis oben hin voll mit Menschenliebe. Im Ernst. Sie strömt aus ihnen heraus wie Wasser aus einem Hahn. Sie reicht aus, um deinen Glauben an die gesamte erbärmliche Menschheit zu erneuern. Obwohl, ich schätze mal, fairerweise sollte ich sagen, dass ich die Frage dieses Typen vielleicht einfach falsch aufgefasst hatte, und dann, nachdem ich ihm so eine patzige, klugscheißerische Antwort gegeben hatte, war es dann vielleicht auch kein Wunder, dass er gleich noch einen draufsetzte. Ich schätze, ich stand wohl unter Schock oder so, und das könnte eine Entschuldigung für meine Manieren gewesen sein, die nämlich im Allgemeinen sonst ziemlich gut sind. Ich meine, wohin man sieht, werden die Leute heutzutage deswegen behandelt – wegen eines Schocks, meine ich, nicht wegen guter Manieren. Manchmal scheint es doch so, als könnte man nicht mal im Supermarkt gegen einen anderen Einkaufswagen rempeln, ohne dass man es mit so einem Fall zu tun bekommt. Ich weiß nicht, eventuell ist es heutzutage einfach leichter, die Leute zu schockieren. Was vor zwanzig Jahren vielleicht nur milde verblüffend war, scheint heutzutage jemanden ins Krankenhaus befördern zu können. Daher war es vielleicht nur das: Vielleicht stand ich nur unter Schock wie alle anderen auch. Aber eigentlich glaube ich das nicht.

Kennen Sie das, wenn man irgendetwas in die Hand nehmen will und man könnte schwören, man hat es erst vor einer Sekunde irgendwohin gelegt, und es ist nicht mehr da? Und selbst wenn es später anderswo wiederauftaucht, sind Sie noch immer nicht davon überzeugt, dass es sich nicht einfach wie durch Zauber dorthin bewegt hat, nur um Sie zu verwirren? Na ja, ungefähr so habe ich mich irgendwie gefühlt. Außerdem war mir das alles, ehrlich gesagt, auch ein bisschen peinlich. Ich meine, es wäre doch wohl jedem peinlich, ausgestreckt mitten auf der Straße zu liegen, einen Haufen fremder Leute um sich herum, die einen ganz ungeniert anglotzen, während man sich denkt: »O Mann, was, wenn jetzt zufällig jemand vorbeikommt, den ich kenne?«, und hofft, dass man sich nicht in die Hose gepisst hat.

Dazu kommt, dass ich wusste – und dass ich wusste, dass alle anderen es auch wussten –, dass ich ein dämlicher Schwachkopf war, der eben von der Bordsteinkante einem lausigen Raser vors Auto gelaufen war.

Und dann bemerkte ich so ein hübsches junges Ding, das ich schon ein-, zweimal hier in der Gegend gesehen hatte, ohne je den Mumm zu haben, es auch nur anzulächeln, und dann wünschte ich mir, es würde noch so ein Auto vorbeikommen und mir endgültig den Rest geben.

4

Er ist mir einfach von der Bordsteinkante vors Auto gelaufen! Er muss voll zugedröhnt sein mit Drogen oder irgendwas! Es sollte ein Gesetz gegen Delinquenten wie ihn geben!«

Die Besorgnis des Fahrers um mein Wohlergehen war herzerwärmend, wirklich. Sein Verhalten war echt ritterlich. Nicht dass ich ihm irgendwelche Vorwürfe machte oder so. Ich gab ihm sogar recht. Es sollte ein Gesetz gegen Leute wie mich geben. Im Ernst. Ich hatte am Vorderteil seines Wagens wirklich richtig gute Arbeit geleistet, und es war dazu auch noch ein ziemlich hübsches Modell. Ich könnte Ihnen zwar nicht sagen, was für ein Typ es war, von Autos habe ich nämlich keinen blassen Schimmer, aber ich kann mich erinnern, dass es weiß war. Daran kann ich mich erinnern, weil ich mich erinnern kann, wie ich auf dem Boden lag und zum Kühler dieses Autos hochgeschaut habe, das überall total verbeult war, und wie ich dachte, es müsste doch überall mit Blut bespritzt sein. Mit meinem Blut. Aber das war nicht der Fall. Nicht ein einziger Spritzer war darauf zu sehen. Und das war der Moment, als ich begriff, dass ich weit davon entfernt war, eine Lunge herauszuhusten, ja, dass es mir nicht einmal gelungen war, auch nur ein bisschen Blut zu husten. Was ich nicht nur einmal, sondern mindestens tausendmal in irgendwelchen widerlichen Filmen gesehen haben muss. Die Leute in Filmen husten ständig Blut. Sie können nicht erstochen oder erschossen oder in die verdammte Luft gesprengt oder auch nur, wie in meinem Fall, einfach von einem verdammten Raser mit dem Auto überfahren werden, ohne Blut zu husten. Es blubbert langsam in ihnen hoch wie eine Quelle oder wie ein Brunnen, der gerade angezapft worden ist, und das ist immer der Moment, in dem man weiß, dass derjenige gleich ins Gras beißen wird. Natürlich ist es im Allgemeinen der beste Freund der Hauptfigur. Das ist im Film ohnehin immer ein eindeutiges Todesurteil, und im Allgemeinen haben sie kurz davor noch irgendwas unglaublich Heldenhaftes getan oder vielleicht auch nur irgendetwas unglaublich Idiotisches. So oder so – beste Freunde müssen fast immer dran glauben. Das ist eine Art Tradition. Ich schätze, wenn das Leben so wäre wie im Film und man selbst wäre der beste Freund von jemandem, dann sollte man auf jeden Fall klarstellen, wessen Geschichte eigentlich erzählt wird, bevor man sich entscheidet, ob man dabei bleibt oder nicht. Aber andererseits müsste man schon ein echter Schwachkopf sein, um das zu glauben, was in Filmen abgeht.

Aber trotzdem, es ist ja nicht nur auf der Leinwand passiert. Dass Leute alles mit ihrem Blut bekleckern, meine ich. Ich hab mal gesehen, wie so ein trotteliger Typ so richtig eins auf die Schnauze bekam (auch wenn ich Ihnen nicht sagen könnte, ob er irgendjemands bester Freund war oder nicht). Gerade eben schlurfte er noch einfach vor sich hin und grinste sich einen ab, quer über seine hässliche Visage, in irgendwelche Gedanken vertieft, weiß der Geier, in was für welche, und im nächsten Augenblick –

platsch –

war er Brei.

5

Habt ihr das gesehen? Ich hab die ganze Sache gesehen. Peng!«

»Wer läuft denn auch einfach so von der Bordsteinkante? Was zum Teufel ist denn mit den jungen Leuten heutzutage bloß los?«

»Ist er zurückgeblieben? Ich hab gehört, geistig Zurückgebliebene machen so was ständig.«

»Seht euch mal den Kühler meines Wagens an, Herrgott nochmal! Er hat es überall total verbeult!«

»Die Armee würde dem kleinen Scheißer schon zeigen, wo’s langgeht! Die würden ihn schon zurechtstutzen!«

»Führt die Wehrpflicht wieder ein, sage ich!«

»Hey, kenne ich dich nicht …?«, fragte das hübsche junge Ding, das ich schon ein-, zweimal hier in der Gegend gesehen hatte, ohne je den Nerv zu haben, sie auch nur anzulächeln.

»O mein Goott! Er hat sich in die Hose gepisst!«

6

Um es kurz zu machen, es war die Hölle los.
Erst kreuzten die Bullen auf, dann ein Rettungswagen. Immer mehr Leute blieben stehen, um sich die Sache anzusehen. Ziemlich bald entwickelte es sich zu einer regelrechten Straßen-Freakshow. Vermutlich hätte ich einen Hut hinhalten sollen, dann hätte ich vielleicht noch ein paar Dollar dabei machen können. Aber stattdessen lag ich irgendwie einfach nur da, zwischen den ganzen Leuten, den Bullen und den Rettungstypen und dem Fahrer und den ganzen anderen Leuten, die nur stehen geblieben waren, um sich die Show anzusehen. Ich sah ein bisschen benommen aus, schätze ich, aber ich hab trotzdem alles mitbekommen. Und das war der Augenblick, als mir allmählich auffiel, dass sich die Leute so richtig in Rage redeten.

»Leute wie ihn sollte man überhaupt nicht auf die Straße lassen! Seht euch mal an, was er mit dem Verkehrsfluss angestellt hat!«

»Scheiß auf den Verkehrsfluss! Das ist ein Missbrauch wertvoller öffentlicher Ressourcen, das ist es! Polizei – Rettungswagen – und was kommt als Nächstes? Die Feuerwehr?«

»Und wer wird das alles bezahlen? Ich sag euch, wer das alles bezahlen wird. Wir! Der Steuerzahler!«

Das ist das Problem mit den Leuten. Sie nehmen alles so persönlich. Also, den Fahrer, den konnte ich ja noch verstehen. Er war eine betroffene Partei und mit gutem Grund sauer. Ich meine, es war nicht nur so, dass der Kühler seines Wagens überall total verbeult war, er musste vermutlich auch ganz dringend irgendwohin. Vermutlich war er auf dem Weg zur Oper oder so. Er war zwar nicht für die Oper angezogen, aber wer zum Teufel ist das heutzutage schon noch? Er ließ noch immer seine Wut an einem der Bullen aus, der, ich schwöre es, nicht größer als einen Meter zwanzig sein konnte. Er war kein Zwerg oder so, nur richtig, richtig klein, so ein Knirps eben, und ich weiß noch, dass ich dachte, wie gut seine Uniform saß. In der Zwischenzeit drohte die allgemeine Stimmung in der Menge allmählich unangenehm zu werden. Und sie teilte sich rasch in zwei unterschiedliche Lager – diejenigen, die dachten, ich würde nur so zum Spaß von der Bordsteinkante irgendwelchen Rasern vors Auto laufen, und diejenigen, die dachten, ich wüsste es einfach nicht besser.

»Es ist mir egal, ob er zurückgeblieben ist, man sollte trotzdem auf jeden Fall mal seinen Kopf untersuchen!«

Während ich in den Rettungswagen gehievt wurde, sah ich eine Faust aufblitzen und hörte ein leises Knurren. Als wir losfuhren, war ein Überwachungshubschrauber am Ort des Geschehens eingetroffen, wie gerufen zur Stelle, und hat sie alle hochgenommen.

7

Ich war noch nie hinten in einem Rettungswagen mitgefahren, also war das schon ein echt tolles Erlebnis. Natürlich wäre ich lieber vorn mitgefahren, neben dem Fahrer, schließlich hat man da die bessere Sicht, aber es war trotzdem ziemlich interessant. Es gab auch da eine Menge ziemlich interessanter Sachen zu sehen, auch wenn ich bei den meisten nicht wirklich wusste, wofür sie benutzt wurden. Ich versuchte mir vorzustellen, wofür sie gedacht waren, aber vermutlich lag ich damit bei den meisten Sachen daneben. Man kann fast nie sagen, wofür irgendwelche medizinischen Geräte gut sind, es sei denn, man hat schon mal gesehen, wie jemand sie benutzt, zum Beispiel in irgendeinem dämlichen Medizindrama im Fernsehen. Und selbst dann weiß man nicht, ob sie wirklich so benutzt werden. Ich meine, wenn man irgendeinen Schauspieler einen Arzt oder Anwalt oder auch nur einen Busfahrer spielen sieht, geht man im Allgemeinen einfach davon aus, dass sie wissen, was sie tun, aber ehrlich gesagt: Ich bezweifle es. Vermutlich ist es für sie genauso verwirrend, wie es für Sie oder mich wäre, außerdem müssen sie dabei ja auch noch diese ganzen grässlichen Dialoge im Kopf haben. Ich meine, wenn man sich so eine Schale mit chirurgischen Instrumenten ansieht, alle hübsch ordentlich aufgereiht und bereit zum Einsatz, lässt sich schwer sagen, wofür jedes einzelne davon genau gedacht sein könnte. Genau wie früher, wenn man als kleines Kind in ein schickes Restaurant oder zu einem Empfang oder etwas in der Art mitgenommen wurde und der erste Gang kommt, vermutlich eine kalte Suppe, und man blickt auf den Tisch, und da liegen fünfzig verschiedene Messer und Gabeln und Löffel, aus denen man auswählen soll. Na ja, natürlich weiß man zumindest, dass man einen Löffel benutzen soll, aber das Problem ist, welchen? Wenn man darüber nachdenkt, ist es eigentlich gar nicht so kompliziert. Man arbeitet sich einfach von außen nach innen vor. Vielleicht machen es Ärzte genauso. Arbeiten sich einfach von außen nach innen vor.

Jedenfalls, während ich so angeschnallt dalag, sah ich mich gründlich um, reckte den Hals in diese und jene Richtung, nahm alles genau unter die Lupe und stellte mir vor, wofür es benutzt werden könnte und wie die Chancen standen, dass sie es bei mir benutzen würden. Anfangs war es ein bisschen seltsam, so angeschnallt dazuliegen, aber ich schätze mal, es war zu meinem eigenen Besten. Ich denke, sie wollten nicht, dass ich von der Bahre und auf den Boden rollte. Vermutlich verbrachten sie sowieso schon ihr halbes Leben damit, Leute vom Boden aufzusammeln, und sie konnten gut auf die zusätzliche Mühe verzichten, Leute aufzusammeln, die sie eben bereits schon einmal aufgesammelt hatten.

Ich weiß nicht, warum, aber ich war eher neugierig als besorgt, was diese ganze Geschichte anging. Meine Gesundheit, meine ich. Vermutlich hätte ich besorgt sein sollen, ich weiß, aber das war ich nicht. Bis zu einem gewissen Alter sind die Leute das einfach nicht, schätze ich. Und dann, ab einem gewissen Alter, ist es dann so ungefähr alles, weswegen sie besorgt sind. Aber obwohl ich es nicht war, dachte ich, ich sollte mich einfach darauf einlassen, nur so zum Spaß, und mir vorstellen, ich wäre es. Die Gelegenheit war zu dramatisch, um sie sich entgehen zu lassen. Ich fing also an, mir vorzustellen, ich würde in aller Eile zu einer dringenden, lebensrettenden, hochriskanten Operation ins Krankenhaus gebracht werden. So riskant sogar, dass sie noch nicht mal versucht worden war, und so dringend, dass ich vermutlich sowieso bereits tot sein würde, bevor sie mich auf dem OP-Tisch hatten. Bis ich damit fertig war, hatte ich sogar eine mir nahestehende Person heraufbeschworen, die sich über mich beugte und meine Hand umklammert hielt und mir sagte, dass alles gut werden würde, ich würde schon sehen, und ich ließ mich auf das Spiel ein und sagte, ja, na klar, obwohl wir beide wussten, dass ich mehr tot als lebendig war. Aber dann schnürte sich mir allein schon bei dem Gedanken allmählich die Kehle zu, daher verscheuchte ich ihn. Das Letzte, was ich brauchte, war, dass ich wegen meiner bescheuerten Fantasie losflennte.

Dann, um mich davon abzulenken, dass ich auf gar keinen Fall losflennen wollte, dachte ich, ich könnte versuchen, ein bisschen Smalltalk zu machen.

»Sagt mal, das sieht ja nach einem ziemlich interessanten Job aus«, sagte ich zu den Rettungstypen, während sie an mir herumpusselten, meine Vitalfunktionen prüften und so weiter. Sie machten ihren Job wirklich eins a. Sehr professionell. »Wie wird man denn eigentlich so ein Rettungstyp? Ihr wisst schon, wenn man das als Laufbahn in Betracht zieht oder so.«

Ich persönlich zog es natürlich nicht wirklich in Betracht. Ich machte nur Smalltalk. Ich meine, das war doch nur höflich, wo sie sich schon die ganze Mühe machten. Es ist auch nicht so, dass ich nur versuchte, mich davon abzulenken loszuflennen – ich bin manchmal tatsächlich einfach ein regelrechter Smalltalk-Fanatiker. Ich kann nichts dafür. Manchmal bin ich einfach nicht zum Schweigen zu bringen. Zum Beispiel an Bushaltestellen. Leute haben sogar schon den falschen Bus genommen, nur um von mir wegzukommen. Ich meine, er hätte sogar in die entgegengesetzte Richtung und alles fahren können. Er hätte vielleicht sogar nicht mal anhalten müssen. Sobald ich loslege, bin ich manchmal einfach nicht mehr zu bremsen. Aber dann wiederum gibt es auch Momente, da ist mir überhaupt nicht danach. Wenn dann jemand versucht, ein Gespräch mit mir anzuknüpfen, könnte ich genauso gut nassen Zement in den Ohren haben, so viel Interesse werde ich dafür zeigen. Zum Beispiel, wenn ich mir die Haare schneiden lasse. Ich hasse es einfach, wenn Friseure mit mir reden, und dabei habe ich grundsätzlich eigentlich gar nichts gegen Friseure. Ich meine, wenn ich meinen Friseur vor dem oder im Moriarty’s oder irgendwo treffen würde, könnte ich den ganzen Tag mit ihm reden. Sehr gern sogar.

Aber dann fiel mir etwas ein, das tatsächlich eine ziemlich interessante Beobachtung war und umso interessanter, als ich vorher noch nie darauf gekommen war. »Sagt mal«, sagte ich noch einmal, ich weiß auch nicht, warum, es war nur so eine Angewohnheit, die ich mir offenbar zugelegt hatte, während ich mit diesen verdammt redseligen Rettungstypen redete, »findet ihr es nicht irgendwie witzig, dass kleine Jungen immer Busfahrer oder Feuerwehrmann werden wollen, man aber nie von einem Jungen hört, der Rettungswagenfahrer werden will? Findet ihr das nicht irgendwie witzig? Was meint ihr denn, warum das so ist? Ich meine, habt ihr irgendeine Meinung zu dem Thema?«

Es war eine ziemlich gute Frage, auch wenn sie zufällig von mir stammte. Vielleicht nicht unbedingt tiefgründig, aber doch interessant. Ich persönlich wollte ja keines von beidem je werden, aber ich habe auf jeden Fall Kinder gekannt, die es werden wollten. Gewisse Kinder, die ich kannte, wollten nie irgendetwas außer Busfahrer oder Feuerwehrmann werden, als wären das die beiden glamourösesten Berufe der Welt oder so. Aber die beiden Rettungstypen sahen mich irgendwie einfach nur an, als würden sie sich vielleicht denken: »Gehirnerschütterung«, oder vielleicht sogar: »Gehirnschaden«. Sie waren wirklich zwei verdammt redselige Scheißkerle, so viel steht fest, aber ich dachte mir, jetzt, wo ich schon mal damit angefangen hatte, könnte ich auch dabei bleiben, also machte ich einfach weiter. »Ich meine, es muss doch aufregender sein, als einen Bus zu fahren, oder? Erstens habt ihr eine Sirene. Das ist doch, als hätte man die Lizenz, anderen Leuten eine Höllenangst einzujagen. Und noch was, ihr könnt einfach so ziemlich überall fahren, wo zum Teufel ihr wollt – auf dem Gehsteig, Einbahnstraßen gegen die Fahrtrichtung, über rote Ampeln. Wo zum Teufel ihr wollt.«

Das stimmte. Rettungswagenfahrer waren die Herren der Straße. Selbst Polizeiautos ließen ihnen manchmal die Vorfahrt. Ich schätze, das Einzige, dem ein Rettungswagen die Vorfahrt lassen musste, war ein anderer Rettungswagen, auch wenn ich nicht weiß, wie sie in dem jeweiligen Fall entschieden, wer Vorfahrt hatte. Jedenfalls, wir schossen vermutlich über etliche rote Ampeln oder Einbahnstraßen gegen die Fahrtrichtung, während ich redete, nach den plötzlich aufkreischenden Bremsen und dem ohrenbetäubenden WUMM zu urteilen, das wir hinter uns zurückließen. Ich glaubte sogar eine Radkappe über die Straße scheppern zu hören.

Ich pfiff durch die Zähne. »Mann«, sagte ich, »das hat sich ja ziemlich übel angehört. Sagt mal, sollten wir nicht anhalten oder so? Ihr wisst schon, um zu helfen. Ich meine, ich hätte jedenfalls nichts dagegen. Ehrlich gesagt, ich würde mich über Gesellschaft freuen.«

Aber die Rettungstypen hatten offensichtlich kein Interesse daran, Smalltalk zu machen. Oder anzuhalten. Ich schätze mal, sie hatten das alles schon mal erlebt.

Ich beschloss, es mit einem anderen Ansatz zu versuchen.

»Und«, fragte ich sie auf einmal ganz nüchtern, als sei ich die Art Typ, der eine offene und ehrliche Antwort bevorzugt, ohne Schönfärberei, egal, wie die Prognose aussah, »werde ich durchkommen?«

8

Ihre Gesichter hätte ich gern gesehen. Die meiner Eltern, meine ich, als sie den Anruf aus dem Krankenhaus bekamen, dass ihr zurückgebliebener Nachwuchs offenbar von der Bordsteinkante einem Raser vors Auto gelaufen war, ohne sich auch nur eine blutige Nase zu holen, und zur Beobachtung dabehalten wurde. Sie müssen so sauer gewesen sein wie gegorene Milch. So machen sie das übrigens in Krankenhäusern, wenn sie sich nicht entscheiden können, was dir fehlt. Dich zur Beobachtung dabehalten. Manche Leute werden seit Jahren zur Beobachtung dabehalten. Sie sitzen einfach in ihren Krankenhausbetten und werden beobachtet, manchmal rund um die Uhr. Natürlich werden sie manchmal verrückt, und dann müssen sie nicht mehr beobachtet werden, denn dann wissen die Ärzte, was ihnen fehlt. Und manchmal werden auch die Ärzte verrückt.

Natürlich wollte ich am liebsten schleunigst wieder von dort verduften, aber die Ärzte sahen das offenbar anders. Ich weiß nicht, ob sie einfach gewissenhaft waren oder ob sie mich nur lange genug dabehalten wollten, um die Gelegenheit zu bekommen, vor meinen Eltern mordsmäßig anzugeben. Vermutlich Letzteres, denn mir fiel auf, dass sie ständig mit einem Auge zur Tür schielten, falls sie aufkreuzen sollten. Der Grund, weshalb sie vielleicht oder vielleicht auch nicht angeben wollten, war, dass mein Vater, ehrlich gesagt, ein ziemlich hohes Tier ist. Eine echt große Nummer. Ich werde Ihnen aber nicht sagen, was er genau macht, falls Sie es nicht ohnehin schon wissen. Aber ich bin sicher, sollten Sie ihn je kennenlernen, wird er es Ihnen nur allzu gern selbst sagen. Und meine Mutter war früher wohl mal irgendeine berühmte Schönheit oder so. Offenbar hätte sie ein Vermögen als Model oder im Filmgeschäft und so weiter machen können, nur dass sie sich nicht dazu aufraffen konnte. Jedenfalls, im Krankenhaus haben sie meine gesamten Klamotten konfisziert und mich in so einen Kittel gesteckt; vermutlich dachten sie, dass es mir zu peinlich sein würde zu versuchen, darin abzuhauen. Und da hatten sie recht. Und die nächsten zwei Stunden konnte ich mich noch nicht mal auf die andere Seite drehen, ohne wegen irgendetwas gepikst oder gestochen oder getestet zu werden, und das kann die Geduld eines Patienten wirklich auf die Probe stellen.

»Hey, lass den Quatsch«, sagte ich schließlich zu einem von ihnen, nachdem er sich von hinten an mich herangeschlichen und mich voll in die Rippen gestochen hatte. Ich schätze, er wollte nur doppelt sichergehen, dass sie nicht hinüber waren oder so. Jedenfalls verblüffte er mich, indem er in so ein dreckiges lautes Lachen ausbrach, als hätte ich gerade einen Wahnsinnswitz gerissen.

»Hey, das war ’n guter, Kleiner«, sagte er. »Hey, habt ihr das gehört, was der Kleine da eben gesagt hat? Er hat mir gesagt, ich soll den Quatsch lassen!« Die ganzen anderen Ärzte, und auch die Schwestern, fanden das zum Schreien und brachen ebenfalls in so ein dreckiges lautes Lachen aus. Dann begriff ich, was er meinte. Ich hatte ihm eben zu einem Witz verholfen, den er vermutlich noch in fünfzig Jahren bringen würde, und das nahm ich ihm wirklich übel, denn ich kann Ärzte einfach überhaupt nicht leiden, vor allem nicht diese Witzbolde, die sich mein Material aneignen.

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