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Unbestreitbare Wahrheit

Aus dem Englischen übersetzt von

Michael Bayer, Karlheinz Dürr,

Antoinette Gittinger und Enrico Heinemann

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www.hannibal-verlag.de

Inhalt

Widmung

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Bildstrecke 1

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Bildstrecke 2

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Epilog

Und noch ein Nachwort

Danksagung

Bildnachweise

Über die Autoren

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Widmung

Ich widme dieses Buch allen von der Gesellschaft Ausgestoßenen, jedem, der jemals ausgegrenzt, an den Rand gedrängt, ruhiggestellt, in den Schmutz getreten und fälschlicherweise angeklagt wurde und niemals Liebe erfahren durfte.

Prolog

Die sechs Wochen zwischen meiner Verurteilung wegen Vergewaltigung und der Verkündung des Strafmaßes verbrachte ich hauptsächlich damit, dass ich herumreiste und mich von meinen diversen Freundinnen sehr romantisch verabschiedete. Und wenn ich nicht mit ihnen zu Gange war, hatte ich alle Hände voll zu tun, all die Frauen abzuwehren, die mich anbaggerten: „Also ich werde bestimmt nicht sagen, dass du mich vergewaltigt hast. Du kannst mit mir kommen und uns filmen.“ Später begriff ich, dass sie mir damit vermitteln wollten: „Wir wissen, dass du es nicht getan hast.“ Aber ich fasste es nicht so auf und wies sie rüde zurück. Sie versuchten mich etwas aufzumuntern, ich wehrte sie jedoch ab, aus Schmerz. Ich war einfach ein ungehobelter, durchgeknallter, verbitterter Kerl, der noch viel an sich arbeiten musste.

Aber mein Ärger war zum Teil verständlich. Ich war ein junger Mann von 25 Jahren, den für ein Verbrechen, das er nicht begangen hatte, 60 Jahre Knast erwarteten. Lassen Sie mich hier wiederholen, was ich vor dem Voruntersuchungsgericht, während des Prozesses, bei meiner Urteilsverkündung, meiner Straferlass-Anhörung und nach der Entlassung aus dem Gefängnis sagte, und was ich weiterhin sagen werde, bis man mich unter die Erde bringt: „Ich habe Desiree Washington nicht vergewaltigt.“ Sie weiß es, Gott weiß es, und sie muss für den Rest ihrer Tage mit den Folgen ihrer Falschaussage leben.

Mein Promoter Don King versicherte mir immer wieder, dass man die Anschuldigungen fallenlassen werde. Er erklärte mir, er arbeite hinter den Kulissen, damit dieser Fall abgeschlossen werde. Außerdem habe er Vince Fuller engagiert, den besten Anwalt, den man zu einem Honorar von einer Million Dollar bekommen könne. Vince war zufällig Dons Steueranwalt. Und Don schuldete ihm wahrscheinlich Geld. Aber ich wusste von Anfang an, dass ich keine Gerechtigkeit erfahren würde. Mein Fall wurde nicht in New York oder Los Angeles verhandelt, sondern in Indianapolis, Indiana, historisch gesehen eine der Hochburgen des Ku-Klux-Klan. Meine Richterin, Patricia Gifford, war eine ehemalige Anklägerin im Bereich Sexualverbrechen und bekannt als „The Hanging Judge“, die Scharfrichterin. Ich war von einer Jury aus „Peers“, nämlich ihresgleichen, für schuldig befunden worden, unter denen sich nur zwei Schwarze befanden. Ein anderes schwarzes Jurymitglied war nach einem Feuerausbruch in dem Hotel, in dem die Jury untergebracht war, von der Richterin freigestellt worden – wegen seiner „mentalen Verfassung“, die darin bestand, dass ihm das Essen, das ihm serviert wurde, nicht schmeckte.

In meiner Welt gab es keine Peers. Ich war der jüngste Schwergewichts-Weltmeister in der Geschichte des Boxens. Ich war ein Titan, die Reinkarnation Alexanders des Großen. Ich war impulsiv, meine Abwehr war unüberwindbar, und ich war unbezähmbar. Es ist erstaunlich, wie ein geringes Selbstbewusstsein und ein riesiges Ego dich zu dem Trugschluss verleiten können, der Größte zu sein. Aber jetzt musste dieser Gott unter den Sterblichen seinen schwarzen Arsch erneut ins Gericht bewegen, um die Verkündung des Strafmaßes anzuhören.

Ich hoffte immer noch auf das Eingreifen der Götter. Calvin, ein guter Freund aus Chicago, erzählte mir von einer Frau, die Voodoo beherrsche und einen Zauber aussprechen könne, um mir damit das Gefängnis zu ersparen.

„Du pisst in einen Krug, legst fünf Hundertdollarscheine hinein, stellst den Krug drei Tage lang unters Bett und bringst ihn ihr dann, und sie wird darüber für dich beten“, erklärte mir Calvin.

„Und die Hellseherin nimmt dann die vollgepissten Hunderter aus dem Krug, spült sie ab und geht damit shoppen. Würde es dir etwas ausmachen, wenn dir jemand einen Hundertdollarschein schenken würde, auf den er gepisst hat?“, fragte ich Calvin. Ich war dafür bekannt, mit Geld um mich zu werfen, aber das ging sogar mir zu weit.

Dann versuchten ein paar Freunde, mich mit einem Voodoo-Priester bekanntzumachen, brachten aber einen Typen mit, der einen Anzug trug. Er sah nicht einmal wie ein Voodoo-Typ aus einem Drugstore aus. Dieser Arsch hätte abgerissen aussehen müssen oder ein Dashiki, ein westafrikanisches Gewand für Männer, tragen sollen. Ich wusste, an der Sache war nichts dran. Der Kerl hatte nicht einmal eine Zeremonie geplant. Er schrieb lediglich irgendeinen Unsinn auf einen Zettel und versuchte, mir irgendeinen Mist zu verkaufen, worauf ich aber nicht reinfiel. Ich sollte in einem seltsamen Öl baden, beten und ein Spezialwasser trinken. Aber ich zog den verdammten Hennessy vor und wollte ihn nicht mit Wasser verdünnen.

Ich war auch bereit, einen Santería-Priester irgendeinen Zaubertrick machen zu lassen. Eines Abends gingen wir mit einer Taube und einem Ei zum Gerichtsgebäude. Als der Vogel freigelassen wurde, ließ ich das Ei fallen und brüllte: „Wir sind frei!“ Ein paar Tage später zog ich meinen grauen Nadelstreifenanzug an und begab mich zum Gericht.

Nach der Urteilsverkündung verfassten meine Verteidiger ein Vorverurteilungs-Memorandum. Es war ein beeindruckendes Dokument. Dr. Jerome Miller, der Leiter des Augustus Institute in Virginia und einer der führenden Experten des Landes für erwachsene Sexualtäter, hatte mich untersucht und war zu dem Schluss gekommen, dass ich „ein sensibler und bedächtiger junger Mann sei, dessen Probleme nicht pathologischer Art seien, sondern eher das Ergebnis von Entwicklungsdefiziten.“ Er war davon überzeugt, dass meine Langzeitprognose bei regelmäßiger Psychotherapie recht gut sein würde. Und er kam zu dem Schluss: „Eine Freiheitsstrafe wird den Prozess nur weiter hinausschieben, ihn vermutlich behindern. Ich würde dringend empfehlen, dass weitere Optionen, die eine abschreckende Wirkung haben, aber zugleich auch eine Therapie ins Auge fassen, in Erwägung gezogen werden.“ Natürlich nahmen die Bewährungshelfer diesen letzten Absatz nicht mit in ihre Unterlagen auf. Dafür waren sie eifrig darauf bedacht, die Meinung des Staatsanwalts zu notieren: „Eine Beurteilung dieses Vergehens und des Straftäters lässt den Chefermittler dieses Falls, einen erfahrenen Kriminalbeamten für Sexualverbrechen, folgern, dass der Angeklagte wohl auch in Zukunft ein ähnliches Verbrechen begehen könnte.“

Meine Anwälte bereiteten einen Anhang vor, der 48 Zeugenaussagen über meinen Charakter enthielt, und zwar von so unterschiedlichen Leuten wie dem Rektor meiner Highschool, meinem Sozialarbeiter in Upstate New York, Sugar Ray Robinsons Witwe, meiner Adoptivmutter Camille, meinem Box-Hypnotherapeuten und sechs meiner Freundinnen (und ihrer Mütter), die alle rührende Berichte schrieben, in denen sie schilderten, dass ich mich ihnen gegenüber als perfekter Gentleman verhalten hätte. Eine meiner ersten Freundinnen aus Catskill schrieb dem Richter sogar: „Ich wartete drei Jahre, bevor ich Sex mit Mr. Tyson hatte. Kein einziges Mal hat er mich zu etwas gezwungen. Deshalb liebe ich ihn, denn er liebt und respektiert die Frauen.“

Aber natürlich wäre Don nicht Don gewesen, wenn er nicht wieder einmal alles übertrieben hätte. King veranlasste Reverend William F. Crockett, den Imperial First Ceremonial Master of the Ancient Egyptian Arabic Order Nobles Mystic Shrine of North and South America, einen Brief für mich zu verfassen. Der Reverend schrieb: „Ich flehe Sie an, ihm das Gefängnis zu ersparen. Auch wenn ich seit dem Prozess nicht mehr mit Mike gesprochen habe, weiß ich aus sicherer Quelle, dass er keine Obszönitäten mehr von sich gibt, täglich die Bibel liest, betet und trainiert.“ Natürlich war das alles Schwachsinn. Er kannte mich nicht einmal.

Don schrieb dem Richter einen persönlichen herzzerreißenden Brief. Man hätte denken können, dass ich eine Krebsbehandlung hinter mir, einen Friedensplan für den Mittleren Osten entworfen und sechs Kätzchen gesund gepflegt hatte. Er erwähnte meine Arbeit bei der Make-A-Wish-Foundation, wo ich kranke Kinder besucht hatte. Er informierte Richterin Gifford, dass wir jedes Mal an Thanksgiving 40.000 Truthähne an Arme verschenkten. Er schilderte zudem unsere Treffen mit Simon Wiesenthal, die solch tiefen Eindruck bei mir hinterlassen hätten, dass ich eine große Summe Geld gespendet habe, um seiner Organisation zu helfen, Nazi-Kriegsverbrecher zu jagen. Vermutlich hatte Don vergessen, dass der Klan die Juden genauso hasste wie die Schwarzen.

Don erging sich auf acht Seiten mit beredten Lobhudeleien über mich. „Es ist für einen Menschen seines Alters höchst ungewöhnlich, sich Gedanken um seine Mitmenschen zu machen, so viel Engagement und Hingabe zu zeigen. Das sind gottähnliche Eigenschaften, edle Qualitäten der Liebe, des Gebens und der Selbstlosigkeit. Er ist ein Kind Gottes, einer der liebenswürdigsten, sensibelsten, fürsorglichsten, liebevollsten und verständnisvollsten Menschen, die ich in meiner 20-jährigen Erfahrung mit Boxern je kennengelernt habe.“ Mist, Don hätte anstelle meines Anwalts das Schlussplädoyer halten sollen. Aber John Solberg, Dons PR-Mann, brachte die Sache auf den Punkt, als er Richterin Gifford schrieb: „Mike Tyson ist kein Mistkerl.“

Vielleicht war ich kein Mistkerl, aber auf alle Fälle ein arrogantes Arschloch. Während des Prozesses führte ich mich im Gerichtssaal so arrogant auf, dass man mir nie und nimmer eine Chance geben würde. Selbst im Augenblick meiner tiefsten Niederlage war ich kein demütiger Mensch. All das, was man über mich in dem Bericht geschrieben hatte, dass ich Geld und Truthähne verschenke, mich um Menschen kümmere, mich um die Schwachen und Kranken sorge, tat ich, weil ich ein demütiger Mensch sein wollte, aber nicht, weil ich es war. Ich wünschte mir so verzweifelt, demütig zu sein, aber ich besaß keinen Funken Demut.

Ausgerüstet mit all den Aussagen über meinen Charakter, erschienen wir am 26. März 1992 im Gerichtssaal vor Richterin Patricia Gifford zur Verkündung des Strafmaßes. Zeugen waren erlaubt, und Vince Fuller eröffnete den Prozess, indem er Lloyd Bridges, den geschäftsführenden Direktor des Riverside Residential Center in Indianapolis in den Zeugenstand rief. Meine Anwälte argumentierten, dass ich nicht ins Gefängnis wandern, sondern meine Strafe ausgesetzt werden sollte, und ich während meiner Bewährung in einem Rehabilitationszentrum untergebracht werden solle, wo ich meine Therapie mit gemeinnütziger Arbeit verbinden könne. Bridges, ein Geistlicher, leitete gerade ein solches Programm und bezeugte, dass ich sicherlich ein erstklassiger Kandidat für seine Einrichtung sei.

Aber die stellvertretende Staatsanwältin brachte Bridges dazu, einzugestehen, dass vor Kurzem vier Fluchtversuche aus seiner Einrichtung stattgefunden hatten. Und als er auch noch zugab, dass er mich in meinem Haus in Ohio interviewt habe und wir sein Flugticket bezahlt hätten, war die Sache gegessen. Es ging jetzt nur noch darum, wie viele Jahre mir die Scharfrichterin aufbrummen würde.

Fuller trat in den Zeugenstand. Es wurde Zeit, dass er seine Million-Dollar-Magie ins Spiel brachte. Stattdessen verzapfte er seinen üblichen Mist. „Man hat Tyson jede Menge angedichtet. Die Presse hat ihn verleumdet. Es vergeht kein Tag, an dem sie nicht auf seinen Schwächen herumhackt. Das ist nicht der Tyson, den ich kenne. Der Tyson, den ich kenne, ist ein empfindsamer, bedächtiger und verantwortungsbewusster Mann. Vielleicht wirkt er im Ring Angst einflößend, aber das ist sofort vorbei, wenn er ihn verlässt.“ Nun, das reichte bei Weitem nicht an Don Kings Übertreibungen heran, aber es war nicht übel. Fuller hatte mich während des gesamten Prozesses als wildes Tier und unausstehlichen Menschen geschildert, der nur auf sexuelle Befriedigung aus sei.

Dann wechselte Fuller das Thema, kam auf meine von Armut geprägte Kindheit und meine Adoption durch den legendären Boxtrainer Cus DAmato zu sprechen.

„Aber das Ganze entbehrt nicht einer gewissen Tragik“, intonierte er. „D’Amato hatte nichts anderes als das Boxen im Sinn. Tyson, der Mensch, war für Cus D’Amato zweitrangig, weil er in erster Linie seine Boxqualitäten nutzen wollte.“ Camille, Cus’ langjährige Gefährtin, war außer sich. Es war, als beflecke Fuller Cus’ Andenken und pisse auf das Grab meines Mentors. Doch Fuller war nicht zu bremsen, redete immer weiter, redete an diesem Tag genauso zusammenhanglos wie während der gesamten Verhandlung.

Nun war ich an der Reihe, mich an das Gericht zu wenden. Ich erhob mich und trat hinter das Podium. Ich war wirklich nicht gut vorbereitet, hatte nicht einmal irgendwelche Notizen dabei. Aber ich hielt das Papier des verdammten Voodoo-Typen in der Hand. Und ich wusste auf jeden Fall eins: Ich würde mich für das, was sich in jener Nacht in meinem Hotelzimmer abgespielt hatte, nicht entschuldigen. Ich entschuldigte mich bei der Presse, dem Gericht und den anderen Kandidatinnen des Schönheitswettbewerbs Miss Black America, bei dem ich Desiree kennengelernt hatte, aber nicht für mein Handeln in meinem Hotelzimmer.

„Mein Verhalten war unmöglich, das will ich nicht abstreiten, aber ich habe niemanden vergewaltigt. Ich habe nicht einmal versucht, jemanden zu vergewaltigen. Tut mir leid.“ Dann konzentrierte ich mich wieder auf Greg Garrison, den Ankläger oder in meinem Fall Verfolger.

„Ich habe kein Privatleben mehr. Man hat mir wehgetan. Es war alles ein einziger großer Traum. Ich stehe nicht hier, um Sie um Gnade anzuflehen, Ma’am. Ich rechne mit dem Schlimmsten. Ich bin gekreuzigt worden. Ich bin weltweit gedemütigt worden, wurde gesellschaftlich diffamiert. Aber ich bin dankbar für jegliche Unterstützung, die mir zuteilwurde. Ich bin bereit für alles, was Sie mir auferlegen.“

Ich lehnte mich hinter dem Anwaltstisch in meinem Stuhl zurück, und die Richterin stellte mir ein paar Fragen dazu, ob ich mich als Vorbild für Kinder sehe. „Man hat mir nie beigebracht, wie ich mit meiner Popularität umgehen soll, ich erkläre den Kids nicht, dass es gut ist, Mike Tyson zu sein. Die Eltern geben bessere Vorbilder ab.“

Jetzt war die Staatsanwaltschaft an der Reihe. Statt des Rednecks Greg Garrison, der während der Verhandlung gegen mich gewettert hatte, trat jetzt sein Vorgesetzter Jeffrey Modisett, der Ankläger von Marion County, auf. Zehn Minuten lang erging er sich darin, dass Männer mit Geld und Ruhm keine Sonderprivilegien genießen sollten. Dann las er aus einem Brief von Desiree Washington vor: „In den frühen Morgenstunden des 19. Juli 1991 erfolgte ein Übergriff auf meinen Körper und meinen Geist. Ich war körperlich so geschwächt, dass mein Innerstes in Stücke brach. Das, was mich 18 Jahre lang ausmachte, ist jetzt kalt und leer. Ich weiß nicht, wie meine Zukunft aussehen wird. Ich weiß nur eins: Jeder Tag seit meiner Vergewaltigung war ein Kampf, wieder Vertrauen zu gewinnen, mein Lächeln wiederzufinden und die Desiree Lynn Washington zu finden, die mir und den Menschen, die mich lieben, am 19. Juli 1991 genommen wurde. Wenn ich mich über die Schmerzen ärgerte, die mein Angreifer mir verursacht hatte, verlieh Gott mir die Weisheit, zu erkennen, dass er psychisch krank ist. Obwohl mir oft die Tränen kommen, wenn ich im Spiegel den Schmerz in meinen Augen sehe, bin ich dennoch in der Lage, Mitleid mit meinem Vergewaltiger zu haben. Es war und ist nach wie vor mein Wunsch, dass er geheilt wird.“

Modisett legte den Brief beiseite. „Vom Tag seiner Verurteilung bis heute hat Tyson es immer noch nicht kapiert. Die Welt verfolgt jetzt, ob es Gerechtigkeit gibt. Es liegt in seiner Verantwortung, sein Problem einzugestehen. Dieser kranke Mann benötigt Heilung. Mike Tyson, der Vergewaltiger, darf nicht mehr frei herumlaufen.“ Und dann empfahl er mir zu meiner Heilung eine acht- bis zehnjährige Gefängnisstrafe.

Dann wurde Jim Voyles das Wort erteilt, um für mich zu sprechen. Voyles war der Anwalt, den Fuller als zusätzlichen Verteidiger engagiert hatte. Er war ein großartiger Kerl, mitfühlend, klug und amüsant. Er war der einzige meiner Anwälte, zu dem ich eine Beziehung herstellte. Außerdem war er ein Freund von Richterin Gifford und ein bodenständiger Kerl, der Verbindungen zur Jury von Indianapolis hatte. „Engagieren wir ihn“, erklärte ich Don zu Beginn meines Prozesses. Voyles hätte bestimmt einiges für mich herausgeholt. Aber Don und Fuller hielten ihn zum Narren. Sie ließen ihm keinerlei Handlungsfreiheit, machten ihn mundtot. Auch Jim war enttäuscht. Einem Freund gegenüber beschrieb er seine Rolle so: „Ich bin einer der weltweit bestbezahlten Bleistiftträger.“ Doch jetzt konnte er endlich sein Plädoyer vor Gericht halten. Er plädierte leidenschaftlich für eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft statt einer Gefängnisstrafe, stieß aber auf taube Ohren. Richterin Gifford war bereit, ihr Urteil zu fällen.

Sie machte mir zunächst Komplimente für meine gemeinnützige Arbeit, meinen Umgang mit Kindern und meine Bereitschaft, mein „Vermögen“ zu „teilen“. Doch dann erging sie sich in einer Tirade über „Vergewaltigung während eines Dates“ und betonte, dass sie diesen Begriff hasste: „So wie er gebraucht wird, scheint er zu implizieren, dass es in Ordnung ist zu tun, was man will, wenn man eine Frau kennt oder sich mit ihr trifft. Allerdings definiert das Gesetz klar, was eine Vergewaltigung ist. Es erwähnt nie etwas darüber, ob der Angeklagte oder das Opfer in Beziehung zueinander stehen. Auch wenn die Vergewaltigung während eines Dates stattfindet, ändert dies nichts an der Tatsache, dass es sich um eine Vergewaltigung handelt.“

Meine Gedanken schweiften ab. Das hatte wirklich nichts mit mir zu tun. Wir hatten kein Date gehabt, sondern uns zu einem One-Night-Stand mit Hindernissen getroffen, wie der Comedian Bill Bellamy sagen würde. Das war’s. Dann wandte ich meine Aufmerksamkeit wieder der Richterin zu.

„Aufgrund seiner Einstellung besteht die Gefahr, dass er es wieder tut“, sagte die Richterin klar und deutlich und starrte mich an. „Sie haben keine Vorstrafen und sind mit vielen Talenten ausgestattet. Aber Sie sind gestrauchelt.“ Dann schwieg sie.

„In Anklagepunkt 1 verurteile ich Sie zu zehn Jahren“, sagte sie. „Verdammte Hexe“, murmelte ich vor mich hin und fühlte mich wie benommen. Das war der Vergewaltigungspunkt. Verdammt, vielleicht hätte ich das spezielle Voodoo-Wasser trinken sollen, dachte ich.

„In Anklagepunkt 2 verurteile ich Sie zu zehn Jahren.“ Don King und meine Freunde im Gerichtssaal rangen lautstark um Luft. Dieser Anklagepunkt war für die Benutzung meiner Finger. Fünf Jahre für jeden Finger.

„In Anklagepunkt 3 verurteile ich Sie zu zehn Jahren.“ Das war für den Einsatz meiner Zunge. Zwanzig Minuten lang. Vermutlich war das ein Weltrekord im Rahmen einer Vergewaltigung.

„Die Strafen können gleichzeitig verbüßt werden“, fuhr sie fort. „Außerdem belege ich Sie mit der Höchststrafe von 30.000 Dollar. Ich erlasse vier von diesen Jahren und setze vier Jahre auf Bewährung aus. In dieser Zeit unterziehen Sie sich einer psychoanalytischen Behandlung bei Dr. Jerome Miller und verrichten 100 Stunden gemeinnützige Arbeit im Bereich Jugendkriminalität.“

Fuller sprang jetzt hoch und plädierte dafür, dass ich gegen Kaution frei gelassen werde, während Alan Dershowitz, der berühmte Verteidiger, meine Berufung vorbereitete. Dershowitz befand sich im Gerichtssaal und verfolgte die Verkündung des Strafmaßes. Nachdem Fuller sein Plädoyer beendet hatte, trat Garrison, der ungehobelte Cowboy, auf den Plan. Viele behaupteten später, ich sei das Opfer von Rassismus gewesen. Aber ich glaube, Typen wie Modisett und Garrison taten eher so zum Schein. Letztlich kümmerte sie das Ergebnis der Verhandlung wenig; sie waren einfach scharf darauf, ihre Namen in den Schlagzeilen wiederzufinden. Garrison spielte sich auf und behauptete, ich sei ein „schuldiger, brutaler Vergewaltiger, der vermutlich zum Wiederholungstäter werden wird. Wenn man den Angeklagten nicht hinter Gitter bringt, spielt man die Schwere des Verbrechens herunter, wertet die Vollstreckung von Gesetzen ab, gefährdet andere Unschuldige und ermöglicht es einem Schuldigen, seinen Lebensstil fortzusetzen.“

Die Richterin pflichtete ihm bei. Keine Kaution. Was bedeutete, dass ich auf direktem Weg ins Gefängnis wandern würde. Sie wollte gerade den Hammer nehmen, um die Sitzung zu beenden, als plötzlich Unruhe im Saal entstand. Dershowitz war aufgesprungen, hatte sich seinen Aktenkoffer geschnappt und war aus dem Gerichtssaal geeilt, wobei er murmelte: „Ich werde dafür sorgen, dass Gerechtigkeit geschieht.“ Einen Moment lang herrschte Verwirrung, aber dann ließ die Richterin den Hammer auf den Tisch fallen. Die Verhandlung war vorbei. Der County Sheriff kam auf mich zu, um mich in Gewahrsam zu nehmen. Ich erhob mich, nahm meine Armbanduhr ab, löste meinen Gürtel und reichte alles, zusammen mit meiner Aktentasche, Fuller. Zwei Freundinnen von mir, die in der ersten Zuschauerreihe saßen, weinten hemmungslos. „Mike, wir lieben dich“, schluchzten sie. Camille stand auf und kam auf mich zu. Wir umarmten uns zum Abschied. Dann führte der Sheriff Jim Voyles und mich durch die Hintertür aus dem Gerichtssaal.

Man brachte mich nach unten, durchsuchte mich und nahm meine Fingerabdrücke. Vor dem Gerichtssaal wartete ein Mob von Reportern und umringte das Auto, das mich zum Gefängnis bringen sollte.

„Wenn wir aufbrechen, achte darauf, dass dein Mantel deine Handschellen bedeckt“, riet mir Voyles. Meinte er das wirklich ernst? Langsam wich die Benommenheit, und Wut wallte in mir auf. Sollte ich mich schämen, mit Handschellen gesehen zu werden? Die sind mein Ehrenabzeichen. Wenn ich die Handschellen verberge, bin ich ein Schwächling. Jim glaubte, wenn ich meine Handschellen verbarg, würde ich keine Scham empfinden, aber genau das hätte mich mit Scham erfüllt. Man musste mich damit sehen. Scheiß drauf, es sollte ruhig jeder sehen, dass ich welche umhatte. Ich würde jetzt auf eine Schule für Krieger gehen.

Wir verließen das Gerichtsgebäude und bahnten uns den Weg zum Polizeiauto. Stolz hielt ich meine Handschellen hoch. Und ich grinste, als wollte ich sagen: „Glaubt ihr diesen Scheiß wirklich?“ Dieses Bild von mir war dann überall auf der Welt auf den Titelseiten zu sehen. Ich stieg in das Polizeiauto, und Jim quetschte sich neben mich auf den Rücksitz.

„Nun, mein Junge, jetzt sind nur noch wir beide übrig“, scherzte ich.

Man fuhr mich in das „Diagnostic Center“, wo festgelegt wurde, in welche Art von Gefängnis ich gesteckt würde. Ich musste mich nackt ausziehen, vorbeugen und einer Leibesvisitation unterziehen. Dann gab man mir einen pyjamaähnlichen Anzug und ein paar Slipper und chauffierte mich zum Indiana Youth Center in Plainfield, einem Gefängnis für Straftäter der Stufe zwei und drei. Als ich am Ziel angelangt war, kochte ich vor Wut. Ich würde diesen Mistkerlen zeigen, wie man sich im Gefängnis verhielt. Auf meine Art. Es ist seltsam, aber ich erkannte erst spät, dass diese kleine weiße Richterin, die mich ins Gefängnis steckte, mir vielleicht das Leben gerettet hat.

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Wir lagen mit den Puma Boys im Clinch. Ich lebte in Brownsville, Brooklyn, und diese Jungs stammten aus meiner Nachbarschaft. Damals hatte ich mich jedoch einer Gang der Rutland Road angeschlossen, den Cats aus dem nahe gelegenen Crown Heights, einer Bande von Typen aus der Karibik. Wir waren eine Bande von Einbrechern. Einige unserer Gangsterfreunde hatten einen heftigen Streit mit den Puma Boys, also begaben wir uns zum Park, um sie zu unterstützen. Gewöhnlich hatten wir mit Waffen nichts im Sinn, aber es ging um unsere Freunde, also stahlen wir ein paar, einen .357 Magnum Revolver und ein langes Gewehr mit Bajonett aus dem Ersten Weltkrieg. Wenn man einen Bruch machte, wusste man nie, was man vorfand.

Wir marschierten also ungeniert mit unseren Gewehren durch die Straßen, doch niemand hielt uns auf, kein einziger Bulle war unterwegs. Wir hatten nicht einmal einen Beutel, um das große Gewehr zu verstauen, also wechselten wir uns alle paar Blocks einfach mit dem Tragen ab.

„Da drüben rennt er ja“, rief mein Freund Haitian Ron. „Der Kerl mit den roten Pumas und dem roten Halseinsatz.“ Ron hatte den Typen, hinter dem wir her waren, erspäht. Als wir losrannten, teilte sich die riesige Menschenmenge im Park wie das Rote Meer vor Moses. Das war sehr vernünftig, weil einer meiner Freunde das Feuer eröffnete. Als die Schüsse fielen, kam es zu einem Gedränge.

Als wir weitergingen, sah ich, dass einer der Puma Boys zwischen den auf der Straße geparkten Autos in Deckung gegangen war. Ich hatte das M1-Gewehr, schnellte herum und sah, wie der lange Kerl die Pistole direkt auf mich gerichtet hielt.

„Was zum Teufel machst du da?“, raunzte er mich an. Es war mein älterer Bruder Rodney. „Verpiss dich!“

Ich lief dann einfach aus dem Park und nach Hause. Ich war damals zehn Jahre alt.

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Ich sage oft, ich sei das schwarze Schaf der Familie gewesen, aber wenn ich darüber nachdenke, war ich den größten Teil meiner Kindheit über sehr sanftmütig. Ich kam am 30. Juni 1966 im Cumberland Hospital im Fort Greene-Bezirk von Brooklyn, New York, zur Welt. Meine frühesten Erinnerungen drehen sich um Aufenthalte in der Klinik – ich hatte ständig Lungenprobleme. Einmal tauchte ich den Daumen in irgendeinen Rohrreiniger und steckte ihn dann in den Mund. Man brachte mich im Eiltempo in die Klinik. Weiter erinnere ich mich noch, wie mir meine Patentante ein Spielzeuggewehr schenkte, das ich aber sofort demolierte.

Über meine Familie weiß ich nicht sehr viel. Meine Mutter Lorna Mae war New Yorkerin, wurde aber in Virginia geboren. Mein Bruder ist mal dorthin gefahren, um sich die Gegend anzugucken, in der meine Mutter aufgewachsen ist, aber da gab es nichts außer Wohnwagensiedlungen. Ich bin also ein echter Trailer-Park-Nigga. Meine Großmutter Bertha und meine Großtante arbeiteten in den Dreißigern für eine Weiße, zu einer Zeit, in der die meisten Weißen keine Schwarzen mehr für sich arbeiten ließen. Bertha und ihre Schwester waren so dankbar, dass sie beide ihre Töchter Lorna tauften – nach der weißen Lady. Mit dem Geld, das Bertha bei ihr verdiente, schickte sie ihre Kinder aufs College.

Das K.o.-Gen habe ich vermutlich von meiner Großmutter geerbt. Die Cousine meiner Mutter erzählte mir mal, dass der Mann in der Familie, für die sie arbeitete, seine Frau schlug, was Berta gar nicht gefallen habe. Und sie war eine kräftige Frau.

„Lassen Sie sie in Ruhe“, warnte sie ihn.

Er fasste es als Scherz auf, doch sie versetzte ihm einen Kinnhaken und beförderte ihn zu Boden. Als er Bertha am nächsten Tag sah, fragte er: „Wie geht es Ihnen, Miss Price?“ Und ab da vergriff er sich nie wieder an seiner Frau und wurde ein anderer Mensch.

Meine Mom war allgemein beliebt. Als ich geboren wurde, arbeitete sie als Gefängnisaufseherin im Women’s House of Detention in Manhattan, bereitete sich aber nebenher auf den Lehrerberuf vor. Sie war drei Jahre lang aufs College gegangen, bevor sie meinen Vater kennenlernte. Als er krank wurde, musste sie aber abgehen, um ihn pflegen zu können. Trotz ihrer guten Ausbildung besaß sie jedoch keinen guten Geschmack, was Männer betraf.

Über die Familie meines Vaters weiß ich sehr wenig. Im Grunde kannte ich ihn eigentlich gar nicht, das heißt den Mann, den man als meinen Vater ausgab. Auf meiner Geburtsurkunde stand, mein Vater sei Percel Tyson. Nur haben mein Bruder, meine Schwester und ich diesen Kerl nie gesehen. Uns allen wurde erklärt, unser biologischer Vater sei Jimmy „Curlee“ Kirkpatrick Jr. Doch er trat kaum in Erscheinung. Später hörte ich Gerüchte, Curlee sei ein Zuhälter und erpresse Frauen. Doch dann bezeichnete er sich plötzlich als Diakon der Kirche. Deswegen sage ich jedes Mal, wenn ich höre, dass sich jemand als Reverend bezeichnet, „Reverend Zuhälter“. Wenn man genau darüber nachdenkt, stellt man fest, dass diese religiösen Typen das Charisma eines Zuhälters haben. Sie könnten jeden in die Kirche locken und dazu bringen zu tun, was immer sie von ihm verlangen. Für mich sind sie also immer „Bischof Zuhälter“ oder „Reverend Ike, Zuhälter“.

Curlee besuchte uns immer dort, wo wir gerade wohnten. Er und meine Mutter sprachen nie miteinander, er drückte lediglich auf die Hupe, und wir gingen hinunter zu seinem Auto, stiegen in seinen Cadillac und dachten, wir machen einen Ausflug nach Coney Island oder zum Brighton Beach, doch er fuhr einfach ein paar Minuten mit uns durch die Gegend und brachte uns dann nach Hause zurück, steckte uns etwas Geld zu, verpasste meiner Schwester einen Kuss und schüttelte meinem Bruder und mir die Hand – und das war’s. Vielleicht würde ich ihn ein anderes Mal wiedersehen.

Meine erste Wohngegend war Bedford-Stuyvesant in Brooklyn, damals ein anständiges Wohnviertel der Arbeiterklasse. Jeder kannte jeden. Es lief alles recht normal. Aber Ruhe gab es keine. Jeden Freitag und Samstag herrschte im Haus ein Tumult wie in Las Vegas. Meine Mom lud all ihre Freundinnen, von denen viele im horizontalen Gewerbe arbeiteten, zum Kartenspielen ein. Sie schickte dann ihren Freund Eddie los, Schnaps zu besorgen, und sie kippten den Alkohol nur so hinunter. Den Gewinn jedes vierten Spiels musste die Gewinnerin in den Topf werfen, und der gehörte Mom. Dann bereitete meine Mutter Hähnchenflügel zu. Mein Bruder erinnert sich, dass in unserem Haus außer den Nutten auch Gangster, Detektive, ja, die unterschiedlichsten Menschen verkehrten.

Wenn meine Mutter Geld hatte, verprasste sie es. Sie liebte Gesellschaft und lud immer ein paar Freundinnen und auch diverse Männer zu sich ein. Und alle ließen sich volllaufen bis zum Abwinken. Sie selbst rauchte kein Marihuana, aber alle ihre Freunde, die sie mit dem Stoff versorgte, taten es. Sie selbst rauchte lediglich Zigaretten. Die Freundinnen meiner Mutter waren Prostituierte oder zumindest Frauen, die für Geld mit Männern schliefen. Sie lieferten ihre Kids bei uns ab, wenn sie sich mit Männern trafen. Wenn sie ihre Kinder dann bei uns abholten, kam es vor, dass sie Blut auf der Kleidung hatten. Meine Mom half ihnen, sich zu säubern. Als ich eines Tages nach Hause kam, fand ich ein weißes Baby vor. „Was soll denn dieser Scheiß?“, dachte ich. Aber so war mein Leben.

Mein Bruder Rodney war fünf Jahre älter als ich, sodass wir wenig gemeinsam hatten. Er ist ein seltsamer Kerl! Wir sind Schwarze aus dem Ghetto, und er war wie ein Wissenschaftler, hatte jede Menge Teströhrchen und experimentierte ständig herum. Er besaß sogar eine Münzsammlung, nach dem Motto: „Wenn es die Weißen haben, steht es mir auch zu.“

Einmal ging er ins Chemielabor im Pratt Institute, einem College der Umgebung, und holte sich ein paar Chemikalien zum Experimentieren. Als er ein paar Tage später außer Haus war, schlich ich in sein Zimmer und füllte seine Teströhrchen mit Wasser. Das gesamte Fenster zum Hinterhof flog in die Luft. Daraufhin musste er ein Schloss an seiner Tür anbringen lassen.

Ich hatte viel Streit mit ihm, aber es war die typische Geschichte zwischen einem älteren und einem jüngeren Bruder. Doch eines Tages verwundete ich ihn mit einem Rasiermesser. Er hatte mich wegen irgendwas verprügelt und war dann schlafen gegangen. Zusammen mit meiner Schwester Denise sah ich mir im Fernsehen immer eine dieser Arztserien an. Gerade wurde eine Operation gezeigt. „Das könnten wir nachmachen, und Rodney könnte der Patient sein. Ich bin der Arzt und du die Krankenschwester“, erklärte ich meiner Schwester. Also rollten wir seinen linken Ärmel hoch und los ging’s. „Skalpell“, befahl ich, und meine Schwester reichte mir ein Rasiermesser. Ich machte einen kleinen Schnitt, und er fing an zu bluten. „Schwester, wir brauchen Alkohol“, sagte ich. Sie reichte ihn mir, und ich träufelte ihn auf seine Wunde. Er wachte brüllend auf und jagte uns durchs Haus. Ich versteckte mich hinter meiner Mutter. Noch heute hat er Narben von meinen Schnitten.

Aber wir verlebten auch gute Zeiten miteinander. Einmal ging ich mit meinem Bruder die Atlantic Avenue hinunter, und er sagte: „Komm, lass uns zur Donuts-Fabrik gehen.“ Ein paar Tage zuvor hatte er dort ein paar Donuts gestohlen, und ich glaube, er wollte mir zeigen, dass er es erneut tun konnte. Also schlenderten wir dorthin; das Tor stand offen. Er ging hinein und schnappte sich ein paar Donuts-Schachteln, aber plötzlich schloss sich das Tor. Er konnte nicht mehr raus, und die Wachmänner setzten sich in Bewegung. Also gab er mir die Donuts, und ich rannte damit heim. Meine Schwester und ich setzten uns auf die Veranda und stopften die Donuts in uns hinein; unsere Gesichter waren weiß vom Puderzucker. Unsere Mom stand daneben und unterhielt sich mit der Nachbarin.

„Mein Sohn Rodney hat den Test für die Brooklyn Tech mit Bravour bestanden“, prahlte sie. „Er ist der beste Schüler seiner Klasse, wirklich ein Überflieger.“

Just in diesem Moment fuhr ein Polizeiauto vor, mit Rodney auf dem Rücksitz. Die Polizei wollte ihn rauslassen, aber er hörte, wie unsere Mutter von ihrem guten Sohn schwärmte und bat die Polizisten, weiterzufahren. Man brachte ihn direkt nach Spofford, in ein Jugendgefängnis. Meine Schwester und ich verputzten fröhlich sämtliche Donuts.

Den Großteil meiner Zeit verbrachte ich mit meiner Schwester Denise. Sie war zwei Jahre älter als ich und in der Nachbarschaft sehr beliebt. War sie dein Freund, dann war sie dein bester Freund. Aber war sie dein Feind, dann war es besser, sich aus dem Staub zu machen. Wir machten Lehmkuchen, schauten uns im Fernsehen Wrestling und Karatefilme an und begleiteten unsere Mutter zum Einkaufen. Es war ein behagliches Leben, aber dann wurde plötzlich von heute auf morgen alles anders. Ich war gerade sieben Jahre alt.

Die Wirtschaft brach ein, meine Mom verlor ihren Job, und wir wurden aus unserer hübschen Wohnung in Bed-Stuy geworfen. Ein paar Männer kreuzten auf und stellten einfach unsere Möbel und den sonstigen Kram auf den Gehsteig. Wir drei Kinder mussten uns auf die Möbel setzen und darauf achten, dass niemand sie wegnahm, während meine Mutter sich auf die Suche nach einer Bleibe für uns begab. Als ich so dasaß, kamen ein paar Nachbarkinder und fragten: „Mike, weshalb stehen eure Möbel hier draußen?“ Wir erklärten ihnen einfach, dass wir umzögen. Daraufhin brachten uns ein paar freundliche Nachbarn etwas zu essen.

Schließlich landeten wir in Brownsville. Was für ein Unterschied zu unserer vorherigen Wohngegend! Hier waren die Menschen viel lauter, viel aggressiver. Es war eine grauenhafte, brutale Umgebung. Meine Mutter war diese Art von aggressiven Schwarzen nicht gewohnt und daher eingeschüchtert, ebenso mein Bruder und meine Schwester. Hier war alles feindselig, es gab überhaupt keine ruhigen Momente. Ständig fuhren Polizeiautos mit ihren Sirenen vorbei, pausenlos waren Krankenwagen unterwegs, um jemanden abzuholen, und immer wieder hörte man Schüsse, oder jemand wurde erstochen oder Fenster zersplitterten. Eines Tages wurden mein Bruder und ich sogar direkt vor unserem Haus ausgeraubt. Wir beobachteten diese Jungs, die einfach wild herumschossen. Es war wie in einem alten Film mit Edward G. Robinson. Wir wollten uns das Ganze ansehen und sagten: „Wow, das ist also das wahre Leben.“

Die gesamte Umgebung war auch eine Brutstätte sexueller Ausschweifung. Alle waren völlig schamlos. Sogar auf der Straße hörte man: „Blas mir einen“ oder „Leck meine Muschi“. Hier herrschte eine völlig andere Lebensweise als in meinem alten Viertel. Eines Tages zerrte mich ein Junge von der Straße, schob mich in ein verlassenes Gebäude und versuchte, sich an mir zu schaffen zu machen. Auf den Straßen fühlte ich mich nie richtig sicher. Ja, wir waren nicht einmal mehr in unserer Wohnung sicher. In Brownsville gab es keine Partys mehr. Meine Mutter schloss wohl ein paar Freundschaften, aber es war nicht mehr so wie in Bed Stuy. Sie fing an zu trinken, trank immer mehr und bekam auch keinen neuen Job mehr. Also stand ich stundenlang mit ihr im Sozialamt an. Es waren endlose Warteschlangen. Als wir nach Stunden endlich vor dem Schalter standen, war es fünf Uhr, und wir lasen: „Geschlossen“. Es war wie in einem Film.

Auch in Brownsville wurden wir rausgeschmissen, und nicht nur einmal. Ab und zu hatten wir eine anständige Wohnung in einer ordentlichen Wohngegend, wenn uns Freunde meiner Mutter oder einer ihrer Liebhaber aufnahmen. Doch im Allgemeinen wurden die Verhältnisse bei jedem Umzug schlechter. Erst waren wir arm, dann sehr arm und schließlich bettelarm. Am Ende lebten wir in Abbruchhäusern, ohne Heizung, Wasser oder Strom. Im Winter schliefen wir alle im selben Bett, um uns gegenseitig zu wärmen. Dort blieben wir, bis irgendein Kerl uns rauswarf. Meine Mutter ging dann los, um eine andere Bleibe für uns zu suchen, was oft bedeutete, dass sie mit jemandem schlief, aus dem sie sich nicht viel machte. So liefen die Dinge damals.

Sie wollte uns das Obdachlosenheim ersparen, also bezogen wir das nächste abbruchreife Haus. Es war traumatisch, aber was konnten wir tun? Was ich von meiner Mutter gelernt habe, hasse ich an mir: Ich schreckte vor nichts zurück, um zu überleben.

Ich erinnere mich noch genau, wie Sozialarbeiter in unsere Wohnung kamen und nach Männern unter dem Bett suchten. Im Sommer bekamen wir kostenloses Frühstück und Essen. Ich erklärte, dass wir zehn Kinder seien, sodass man uns größere Portionen gab. Ich fühlte mich dabei, als wäre ich gerade in den Krieg gezogen und hätte eine Prämie erhalten. Man ist so stolz, dass man was zu essen im Haus hat. Können Sie sich diesen Schwachsinn vorstellen? Sie öffnen den Kühlschrank und sehen das verdammte Fleischwurst-Sandwich, die Orange und die kleine Milchpackung. 20 davon. Ich lud ein paar Leute ein und fragte: „Bruder, brauchst du was zu essen? Hast du Hunger? Wir haben Essen.“ Wir taten so, als hätten wir hart verdientes Geld dafür bezahlt. Dabei war alles umsonst.

Als ich klein war, war ich ein Mamakind, schlief immer bei meiner Mutter im Bett. Meine Schwester und mein Bruder hatten ihr eigenes Zimmer, aber ich schlief bei meiner Mutter, bis ich 15 war. Einmal schlief meine Mutter mit einem Mann, während ich danebenlag. Sie dachte wohl, dass ich schlafen würde. Ich bin mir sicher, dass dies nicht ohne Wirkung auf mich blieb, aber die Dinge waren eben so, wie sie waren. Als ihr Freund Eddie Kelvison auf der Bildfläche erschien, wurde ich auf die Couch verfrachtet. Die Liebesbeziehung zu ihm tat meiner Mutter nicht gut. Vermutlich waren deshalb meine eigenen Beziehungen so seltsam. Sie ließen sich volllaufen, stritten und vögelten miteinander, zerstritten sich, begannen wieder zu trinken, zu streiten und zu vögeln. Sie liebten sich wirklich, auch wenn es eine echt kranke Liebe war.

Eddie war ein kleiner, gedrungener Typ aus South Carolina, der als Vorarbeiter in einer Waschmaschinenfabrik arbeitete. Er war in der Schule nicht sehr weit gekommen, und als mein Bruder und meine Schwester in die 4. Klasse kamen, konnte er ihnen bei den Hausaufgaben nicht mehr helfen. Eddie war ein sehr dominanter Typ und meine Mutter eine sehr dominante Frau, sodass ständig die Hölle los war. Immer war irgendein Streit im Gange, und die Bullen tauchten auf und rieten: „He, Kumpel, geh doch einfach mal um den Block.“ Manchmal wurden wir alle in den Streit mit hineingezogen. Eines Tages hatten meine Mutter und Eddie einen heftigen Streit, der sogar in eine Schlägerei ausartete. Ich versuchte, Eddie zurückzuhalten, doch er versetzte mir einen Schlag in den Magen, und ich ging in die Knie und dachte: „Oh Gott, das kann doch nicht wahr sein!“ Ich war doch noch ein Kind. Das ist der Grund, weshalb ich später nie die Hand gegen meine eigenen Kids erhob. Ich wollte nicht, dass sie mich als Monster in Erinnerung behielten. Doch damals fand man nichts dabei, ein Kind zu schlagen, das kümmerte niemanden. Heutzutage gilt es hingegen als Verbrechen, und man wandert ins Gefängnis.

Eddie und meine Mutter stritten sich über alles – andere Männer oder Frauen, Geld, die Kontrolle. Eddie war kein Engel. Wenn meine Mutter Freundinnen bei sich hatte und alle betrunken waren und Mom umkippte, vögelte er ihre Freundinnen. Und dann ging der Streit erst richtig los. Es ging brutal zu, und die beiden gingen mit allen möglichen Gegenständen aufeinander los und fluchten: „Fick dich doch ins Knie, du Hurensohn“ und „Du schwarze Schlampe, besorg’s mir endlich …“ Und wir schrien: „Mommy, hör auf, nein!“ Als ich 17 war, lagen sie mal wieder im Streit, und Eddie schlug ihr ihren Goldzahn aus. Meine Mutter setzte einen großen Topf Wasser auf und befahl meinem Bruder und meiner Schwester, unter die Decke zu kriechen. Aber ich war so gebannt von dem Wrestling-Programm im Fernsehen, dass ich nicht hörte, was sie sagte. Meine Mutter war so raffiniert, dass sie an uns vorbeiging, ohne dass etwas passierte. Als sie dann wieder ins Zimmer kam, hatten meine Geschwister sich bereits unter der Decke verkrochen. Eddie saß direkt neben mir. Dann machte es wumm, und der Topf mit dem siedend heißen Wasser landete an Eddies Kopf. Etwas von dem Wasser spritzte zu mir rüber. Es fühlte sich an wie ein Riesengewicht.

„Ahhhhhhhh!“ Eddie rannte schreiend zur Tür hinaus, in die Diele, ich direkt hinter ihm her. Er drehte sich um und fasste nach mir: „Oh Gott, mein Junge, hat dich diese Hexe auch getroffen?“

„Verdammt, die alte Hexe hat mich getroffen, ah, sie hat mich getroffen!“ Wir brachten ihn ins Zimmer zurück und zogen ihm das Hemd aus. Sein Hals, sein Rücken und eine Gesichtshälfte waren übersät mit großen Blasen. Er sah aus wie ein Reptil. Wir legten ihn auf den Boden, vor die kleine Klimaanlage vor dem Fenster. Meine Schwester setzte sich neben ihn, nahm ein Streichholz, sterilisierte eine Nadel und öffnete die Blasen eine nach der anderen. Meine Schwester und ich weinten beide, und ich gab ihm etwas Alkohol, um seine Schmerzen zu lindern.

Aber in der Erinnerung sehe ich Mom meistens als Opfer. Schließlich hat Eddie sie ja auch verprügelt. Die Frauenbewegung würde ihre Reaktion bestimmt großartig finden, aber ich dachte: „Wie kann man einem Partner, mit dem man zusammenlebt, so etwas antun?“ Ich erkannte, dass meine Mom keineswegs eine Mutter Teresa war. Das war eine ernste Geschichte, und doch blieb er bei ihr. Nachdem sie ihm das angetan hatte, ging er sogar los, um ihr etwas Alkohol zu besorgen, er hat sie gewissermaßen dafür belohnt. Das ist wohl auch der Grund, warum ich sexuell so fehlgesteuert bin.

Das war also mein Umfeld, in dem ich aufwuchs. Menschen, die sich liebten, schlugen sich den Schädel ein und bluteten wie die Schweine. Sie liebten sich zwar, stachen aber aufeinander ein. Verdammte Scheiße, ich hatte in dem Haus eine Höllenangst vor meiner Familie, denn ich wuchs mit taffen Frauen auf, Frauen, die mit Männern kämpften. Also dachte ich, dass es kein Tabu ist, mit einer Frau zu kämpfen, da die Frauen, die ich kannte, keine Skrupel hatten, einen zu töten. Man musste gegen sie kämpfen, denn andernfalls würden sie einen aufschlitzen oder erschießen. Oder sie würden ein paar Männer anschleppen, die dich ebenfalls verprügelten, weil sie dich für wertlos hielten.

Ich hatte Angst im Haus, aber ich hatte auch Angst, aus dem Haus zu gehen. Ich ging jetzt in die öffentliche Schule, und das war ein Albtraum. Ich war ein dickliches Kind, sehr schüchtern, fast wie ein Mädchen, und beim Sprechen lispelte ich, sodass die Kids mich „Little Fairy Boy“ nannten, da ich immer mit meiner Schwester rumhing. Doch meine Mutter hatte mir geraten, mich an Denise zu halten, da sie älter war als ich und sie mich im Auge behalten sollte. Man nannte mich auch „Dirty Ike“ oder „Schmutziger Wichser“, da ich zum damaligen Zeitpunkt noch keine Beziehung zur Hygiene hatte. Wir hatten kein fließend warmes Wasser zum Duschen. Und wenn das Gas abgestellt war, konnten wir auch kein Wasser warm machen. Meine Mutter versuchte, mich für Hygiene empfänglich zu machen, aber es war vergebliche Liebesmüh. Sie pflegte einen Eimer mit heißem Wasser zu füllen, nahm ein Stück Seife und wusch mich. Aber als kleiner Junge machst du dir den Teufel aus Hygiene. Schließlich lernte ich sie auf der Straße, von den anderen Kids. Sie erzählten mir von Brut und Paco Rabanne und Pierre Cardin.

Meine Schule war nur ein paar Schritte von unserer Wohnung entfernt. Manchmal konnte meine Mutter mich nicht zur Schule begleiten, da sie am Abend zuvor zu viel getrunken hatte. Wenn ich allein war, traktierten mich die Kids mit Schlägen und Fußtritten. Damit wollten sie mir wohl zu verstehen geben: „Verpiss dich, du widerlicher Wichser!“ Ich wurde permanent beschimpft. Man schlug mir ins Gesicht, und ich rannte davon. In der Schule wurden wir von Kids schikaniert, zu Hause von anderen mit Waffen bedroht und ausgeraubt, bis auf den letzten Cent. Es war brutal, dass diese Kids nicht einmal vor unserem eigenen Apartment Halt machten.

Ein Wendepunkt in meinem Leben war das Tragen einer Brille. Meine Mutter brachte mich zum Augenarzt, und es stellte sich heraus, dass ich kurzsichtig war, also ließ sie mir eine Brille anfertigen. Das war richtig übel. Eines Tages kam ich zur Mittagszeit aus der Schule. Ich holte mir in der Cafeteria ein paar Fleischbällchen, die zum Warmhalten in Alufolie verpackt waren. Da sprach mich ein Kerl an: „He, hast du ein paar Cents für mich?“ Ich erwiderte: „Nein.“ Er fing an, meine Taschen zu durchsuchen, fand aber nichts. Also versuchte er, mir die verdammten Fleischbällchen wegzunehmen. Ich wehrte mich und schrie: „Nein, nein, nein.“ Ich ließ zwar zu, dass die Dreckskerle mein Geld raubten, aber nicht mein Essen. Ich verteidigte meine Fleischbällchen, als wäre ich ein menschliches Schutzschild. Er schlug mir gegen den Kopf, dann riss er mir die Brille herunter und warf sie in den Tank eines Lastwagens. Ich rannte wie der Blitz nach Hause und war froh, dass er wenigstens meine Fleischbällchen nicht bekommen hatte. Ich hätte diese Kerle fertigmachen sollen, aber ich war so ängstlich, weil sie so dreist und frech waren, dass ich glaubte, sie wüssten etwas, das ich nicht wusste. „Schlag mich nicht, lass mich los, hör auf.“ Ich fühle mich auch heute noch als Feigling. Es ist ein unglaubliches Gefühl, sich so hilflos zu fühlen. Das vergisst man sein Leben lang nie. An dem Tag, als mir der Kerl die Brille wegnahm und in den Tank warf, ging ich zum letzten Mal zur Schule. Anschließend ging ich nur noch zur Schule, um zu frühstücken, und verließ sie dann wieder. Ich spazierte ein paar Stunden um den Block herum. Zum Lunch tauchte ich wieder in der Schule auf und haute dann wieder ab. Nach Schulende ging ich nach Hause. Im Frühling 1974 kamen auf der Straße drei Kerle auf mich zu und fingen dann an, an meinen Taschen herumzufummeln. „Haste etwas Geld?“ Ich erklärte ihnen, dass ich kein Geld habe. Sie erwiderten: „Wenn wir aber welches finden, behalten wir es.“ Also untersuchten sie systematisch meine Taschen, fanden aber nichts. Dann sagten sie: „Wohin gehst du? Willst du bei uns mitmachen?“

„Wobei?“

Wir gingen zur Schule, und sie ließen mich den Zaun hochklettern. Ich sollte ihnen ein paar Milchkästen aus Plastik zuwerfen. Dann gingen wir ein paar Blocks weiter, und sie zwangen mich, in ein leerstehendes Haus zu gehen.

„Hm, ich weiß nicht“, zögerte ich. Ich war ein mickriger kleiner Kerl, und sie waren zu dritt. Nun, wir gingen hinein, und dann sagten sie: „Kleiner, geh hoch aufs Dach.“ Ich wusste nicht, ob sie vorhatten, mich zu töten. Also kletterten wir aufs Dach hoch, und ich sah eine kleine Kiste mit Tauben.

Diese Kerle bauten einen Taubenstall. Ich wurde ihr kleiner Laufbursche. Schon bald fand ich heraus, dass die Tauben oft auf irgendwelchen anderen Dächern landeten, wenn sie sich in einem schlechten Zustand befanden. Ich musste dann gucken, auf welchem Dach sie gelandet waren, einen Weg auskundschaften, um in das Gebäude zu gelangen und die Vögel auf dem Dach aufzuscheuchen. Ich jagte den ganzen Tag den Tauben hinterher, fand das aber recht lustig. Ich war gern mit den Vögeln zusammen und kaufte ihnen sogar in einer Tierhandlung Futter. Diese Jungs waren jedenfalls taff und machten mich zu ihrem Laufburschen. Mein ganzes Leben lang war ich ein Außenseiter gewesen, aber auf dem Dach fühlte ich mich wie zu Hause.

Am nächsten Morgen kehrte ich zu dem Haus zurück. Sie standen auf dem Dach, sahen mich kommen und warfen Ziegelsteine nach mir. „Du Dreckskerl, was tust du hier? Versuchst du, unsere verdammten Vögel zu stehlen?“, rief einer der Jungs. Und ich hatte gedacht, das sei mein neues Zuhause.

„Nein, nein, nein“, versicherte ich ihnen. „Ich wollte nur wissen, ob ich etwas für euch besorgen oder euren Tauben hinterherjagen soll.“

„Meinst du das wirklich ernst?“, sagte er. „Komm rauf, Kleiner.“ Und sie schickten mich Zigaretten kaufen. Sie waren eine Bande skrupelloser Dreckskerle, aber es machte mir nichts aus, ihnen zu helfen, da die Tauben mich begeisterten. Es war wirklich toll zu beobachten, wie etwa 100 Tauben ihre Kreise am Himmel zogen und dann auf einem Dach landeten.

Tauben fliegen zu lassen, war damals in Brooklyn eine Lieblingsbeschäftigung. Jeder, vom Mafiaboss bis zu den kleinen Ghettokids, tat es. Es ist nicht zu beschreiben und geht einem einfach unter die Haut. Ich lernte, mit ihnen umzugehen, erfuhr immer mehr über sie, wurde ein echter Taubenmeister und war stolz, dass ich so gut darin war. Alle ließen ihre Tauben im selben Augenblick fliegen, und der Sinn des Spiels bestand darin, die Tauben einzufangen. Es war wie beim Pferderennen. Hat man erst mal Feuer gefangen, kommt man nicht mehr los davon. Wo auch immer ich künftig wohnte, jedes Mal baute ich mir einen Taubenstall.

Als wir eines Tages mal wieder auf dem Dach waren und uns um die Tauben kümmerten, kam ein älterer Junge zu uns herauf. Er hieß Barkim und war der Bruder eines der Jungen. Als er feststellte, dass sein Freund nicht da war, trug er uns auf, ihm auszurichten, dass er ihn am Abend in unserem Mietsblock beim Sportcenter zu einem Jam treffen solle. Jams waren wie Teenager-Tanzpartys, aber nicht so ein Scheiß wie die Zeichentrickserie Archie mit ihren lauen Teenager-Witzen. Das Sportcenter wurde dann sogar umbenannt in The Sagittarius. Alle Spieler und Gauner würden dorthin gehen, die Jungs, die Brüche machten, die Taschendiebe und Kreditkartenbetrüger. Es war ein bunt zusammengewürfelter Haufen.

An jenem Abend ging also auch ich dorthin. Ich war sieben Jahre alt und hatte keine Ahnung von einer Kleiderordnung. Ich wusste nicht, dass man nach Hause gehen sollte, um zu duschen, die Kleider zu wechseln und den Club zu besuchen. So wie es alle Jungs taten, die mit Tauben zu tun hatten. Also ging ich direkt aus dem Taubenstall zum Sportplatz und trug immer noch meine schmutzige Kleidung voller Taubendreck. Ich dachte, die Jungs wären da und akzeptierten mich als einen der ihren, da ich für sie den verdammten Tauben hinterherjagte.

Als ich hineinging, sagten sie: „Was ist denn das für ein Gestank? Schaut euch den dreckigen, stinkenden Dreckskerl an.“ Alle fingen an zu lachen und mich zu verspotten. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, es war ein traumatisches Erlebnis, da alle auf mir herumhackten. Ich weinte und lachte gleichzeitig. Da alle lachten und ich dazugehören wollte, lachte ich also über mich selbst. Ich glaube, Barkim bemerkte, wie ich gekleidet war, und bekam Mitleid mit mir. Er ging auf mich zu und sagte: „He, Kleiner, mach dich vom Acker. Wir treffen uns morgen früh um acht Uhr auf dem Dach.“

Am nächsten Morgen war ich pünktlich dort. Barkim kletterte hoch und hielt mir einen Vortrag: „Du kannst nicht irgendwohin gehen und wie ein verdreckter Penner aussehen. Was zum Teufel soll das, Mann?“ Er redete sehr schnell, und ich versuchte, jedes Wort zu verstehen. „Junge, wir wollen damit Geld verdienen. Bist du bereit?“ Ich begleitete ihn, und wir brachen in Häuser ein. Er forderte mich auf, durch Fenster zu schlüpfen, die zu eng für ihn waren, und ich öffnete ihm dann von innen die Tür. Als wir im Haus waren, durchwühlte er die Schubladen, brach den Safe auf, räumte aus, was er finden konnte. Wir stahlen Stereoanlagen, Tonbänder, Schmuck, Waffen, Geld. Nach den Raubzügen ging er mit mir in die Stadt, in die Delancey Street, und kaufte mir etwas Hübsches zum Anziehen, Sneakers und einen Lammfellmantel. Am Abend nahm er mich mit zu einem Jam. Viele der Leute, die mich vor Kurzem noch ausgelacht hatten, waren ebenfalls anwesend. Ich trug meinen neuen Mantel und meine Hose aus Leder. Niemand erkannte mich, es war, als wäre ich ein anderer Mensch. Es war unglaublich.

Barkim stellte mich jetzt den Leuten auf der Straße als seinen „Sohn“ vor. Er war lediglich ein paar Jahre älter als ich, aber in der Sprache der Straße wurden die anderen dadurch aufgefordert, mich mit Respekt zu behandeln. Es bedeutete: „Auf der Straße ist das mein Sohn, wir sind eine Familie, wir rauben und stehlen. Er ist mein kleiner Geldmacher, legt euch nicht mit diesem Nigga an.“ Er brachte mir das Rauben und Stehlen bei, erklärte mir, welche Personen ich dafür aussuchen sollte und welchen ich nicht trauen konnte, weil sie mir sofort wieder alles abnehmen würden. Mein Leben erinnerte mich an das von Oliver Twist, der von einem älteren Jungen namens Fagin unterwiesen wurde. Barkim kaufte mir ’ne Menge Klamotten, aber er gab mir nie viel Geld. Wenn er bei einem Raub ein paar Tausender ergatterte, gab er mir 200. Aber für einen Achtjährigen sind 200 Dollar viel Kohle.

Mit der Rutland Road Crew erreichte meine Kriminalität eine andere Stufe. Meistens handelte es sich bei ihnen um Jungs aus der Karibik, aus Crown Heights. Barkim kannte die älteren, The Cats. Ich fing an, mit der RRC rumzuhängen, ihrer Nachwuchsabteilung, und machte bei ihren kleinen Raubzügen mit. Wir gingen gewöhnlich zuerst zur Schule, frühstückten, nahmen dann den Bus oder Zug und waren während der Unterrichtsstunden mit unseren Raubzügen beschäftigt. So wurde ich also einer von ihnen. Wir waren alle gleich, solange wir die Einnahmen unserer Beutezüge teilten.

Wer dies liest, wird mich als erwachsenen Menschen dafür verurteilen und mich als kriminell bezeichnen, aber all dies spielte sich vor mehr als 35 Jahren ab. Ich war ein kleiner Junge und wollte geliebt und akzeptiert werden, und das wurde ich auf der Straße. Dies war meine einzige Erziehung, und diese Jungs waren meine Lehrer. Die älteren Gangster sagten mir zwar, „du solltest das nicht tun, du solltest lieber zur Schule gehen“, aber wir wollten nicht auf sie hören, auch wenn sie auf der Straße das Sagen hatten. Sie sagten uns, wir sollten in der Schule bleiben, wenn sie irgendwo einbrachen. Aber alle Jungs respektierten mich jetzt, da ich ein kleiner Geldmacher war. Einigen meiner Freunde, die ein bisschen Geld brauchten, griff ich unter die Arme. Ich besorgte uns allen Alkohol und etwas zu essen und fing an, Tauben zu kaufen. Wenn man gute Vögel hatte, wurde man respektiert. Es lief immer gleich ab: schnell auf Raubzug gehen und dann Klamotten kaufen. Ich merkte, wie ich jetzt von allen behandelt wurde, und ich war mit meinem Lammfellmantel und meinen Pumas gut angezogen. Ich besaß einen geilen Skianzug mit einer gelben Schneebrille, hatte aber noch nie in meinem Leben auf einer Skipiste gestanden. Ich konnte den Markennamen Adidas nicht einmal buchstabieren, aber ich wusste, welches Gefühl er mir verlieh.

Einer der Rutland-Jungs brachte mir bei, wie man Schlösser knackte. Hat man einen Schlüssel, der in die Öffnung passt, dreht man ihn hin und her, sodass er den Zylinder runterdrückt und die Tür geöffnet werden kann. Ich war wie im Rausch. O Mann, wenn wir die Türen aufgebrochen hatten, stießen wir auf Silber, Schmuck, Gewehre und Geldbündel. Wir weinten und lachten vor Glück, konnten aber nicht alles mitschleppen. Man kann ja mit all dem Kram nicht einfach durch die Straßen laufen. Also stopften wir es in unsere Schultaschen.

Eines Tages brachen mein Freund Curtis und ich in ein Haus ein. Die Besitzer stammten, genau wie Curtis, aus der Karibik. Plötzlich hörte ich: „Wer ist da? Bist du’s, Liebling?“ Ich dachte, es sei Curtis, also erwiderte ich: „Ich versuche, eine Waffe und das Geld zu finden. Kümmerst du dich um den Safe?“ Dann erkannte ich, dass es nicht Curtis’ Stimme war. Es war der Kerl, der hier wohnte und auf der Couch lag. Ich eilte zur Tür. „Curtis, diese Scheiße hier klappt nicht. Lass uns verduften, jemand ist im Haus“, sagte ich. Aber Curtis war ein Perfektionist. Er wollte lieber ganze Arbeit leisten und nicht einfach davonrennen. Ich rannte aus dem Haus, so schnell mich meine Füße trugen. Aber Curtis blieb zurück und versuchte, das Sicherheitsschloss zu knacken. Der Besitzer öffnete die Tür, knallte sie ihm gegen den Kopf und schlug ihn eiskalt nieder. Ich dachte lange, er wäre tot. Erst ein Jahr später sah ich ihn wieder. Er lebte, aber sein Gesicht war zerstört, so hart war der Aufprall der Tür gewesen.

Wenn wir Silber gestohlen hatten, brachten wir es zu Sal’s, einem Laden an der Utica und Sterling. Ich war noch klein, aber sie kannten mich, da ich immer mit den älteren Jungs kam. Die Jungs in dem Laden wussten, dass ich gestohlenes Zeug brachte, aber sie konnten mich nicht übers Ohr hauen, denn ich wusste, was der Kram kostete. Auch wenn ich den genauen Preis nicht kannte, wusste ich, was das Zeug wert war. Und ich wusste, was ich wollte.

Manchmal gingen wir, wenn wir unterwegs waren, zur Mittagszeit in eine Schule, in die Cafeteria, schnappten uns ein Tablett, stellten uns an und ließen uns dann das Essen schmecken. Wir hielten Ausschau nach jemandem, den wir beklauen könnten, und entdeckten Jungs, die einen edlen Schulring um den Hals trugen. Wir beendeten unseren Lunch, stellten die Tabletts zurück, schnappten uns den Ring und stürmten hinaus.

Auf der Straße wollten wir immer ordentlich aussehen, denn ein kleines schwarzes Kind auf der Straße, das ungepflegt und schmutzig aussieht, wird schikaniert. Also sahen wir gepflegt und harmlos aus. Wir hatten das gesamte Outfit, Schulranzen und nette kleine Brillen und den typischen Look einer katholischen Schule, eine ordentliche Hose und weiße Hemden.

Nach etwa einem Jahr unternahm ich die Brüche auf eigene Faust. Es war recht lukrativ, aber auf der Straße herumzuhängen und Ausschau nach Opfern zu halten, war viel aufregender als das Ausrauben von Häusern. Man erleichterte ein paar Ladys um ihren Schmuck, und die Bullen jagten einem hinterher. Wir nannten sie Helden, die kamen und den Tag retteten. Höheres Risiko für weniger Geld.

Manchmal stellte man fest, dass man Konkurrenz hatte. Man stieg in einen Bus, in dem bereits jemand auf der Lauer lag. Vielleicht war man selbst auffällig. So was nannte man „Aufsehen erregen“. Bevor man einstieg, war im Bus alles ruhig, aber dann machte der Busfahrer eine Durchsage.

„Meine Damen und Herren, soeben sind ein paar junge Männer eingestiegen. Passen Sie auf Ihre Handtaschen auf, man wird versuchen, Sie auszurauben.“ Dann stieg man bei der nächsten Haltestelle aus, aber der andere, der unauffällige Dieb, stieg ebenfalls aus und folgte einem.

„Du Arschgesicht, du hast den ganzen Bus in Aufruhr gebracht“, schrie er. Und wenn er älter war als man selbst, versohlte er einem den Arsch und nahm einem das ab, was man bis dahin gestohlen hatte – das Geld und den Schmuck.

Ich fand schwer einen Partner, der mit mir gemeinsam auf Taschendiebstahl gehen wollte, da ich weder so geduldig noch so gut wie die anderen darin war. Ich war nie so glatt, dass ich gesagt hätte: „Ich werde jetzt den Nigga da verarschen, mich langsam von rechts ranschieben und ganz nah dranbleiben.“ Ich war viel besser darin, jemanden zu überrumpeln.

Jeder starke Kerl kann andere überrumpeln. Aber der Kick bestand darin, gerissen zu sein und den anderen auszutricksen. Die meisten Leute würden denken: „Man verfolgt mich, ich werde mich schnell verziehen.“ Aber nicht mit uns. Auch wenn eine Lady den ganzen Tag krampfhaft ihre Geldbörse umklammerte, ließen wir sie nicht aus den Augen, auch wenn sie keine Sekunde die Geldbörse losließ. Wir folgten ihr, zogen uns dann aber zurück. Eins der kleinen Kinder, die immer bei uns waren, beobachtete sie jedoch weiterhin. Ein paar Sekunden lang ließ sie sich ablenken, und der Kleine schnappte sich den Geldbeutel und machte sich aus dem Staub. Und bevor wir wieder auftauchten, hörten wir einen herzzerreißenden Schrei: „Um Himmels willen, mein Geld ist weg!“

Es war verrückt.

Der einfachste Beutegang war das Klauen einer Goldkette, was ich ganz dreist in der U-Bahn tat. Ich setzte mich an einen Platz am Fenster. Zu der Zeit konnte man noch die Fenster öffnen. Ich kurbelte ein paar Fenster herunter, dann hielt die Bahn an und neue Fahrgäste stiegen ein und setzten sich ans Fenster. Ich stieg aus, und sobald sich der Zug langsam wieder in Bewegung setzte, griff ich hinein und schnappte mir ihre Ketten. Sie schrien auf und blickten mich an, aber sie konnten nicht aussteigen. Ich behielt die Kette ein paar Tage lang, versteckte sie gut und verkaufte sie dann, bevor die älteren Jungs sie mir wegnehmen konnten.

Obwohl ich mittlerweile mehr oder weniger dazugehörte, kam ich damals mit den Mädchen nicht so recht klar. Ich mochte Mädchen, aber in dem Alter wusste ich nicht, wie ich es ihnen sagen sollte. Einmal beobachtete ich die Mädchen beim Seilspringen. Ich mochte sie und wollte mit ihnen zusammen springen, also fing ich an, sie zu ärgern. Und plötzlich fingen diese Mädchen aus der 5. Klasse an, mich ohne Vorwarnung zu verprügeln. Ich spielte mit ihnen, aber sie meinten es ernst, und ich wurde überrumpelt. Erst viel zu spät dämmerte es mir, dass ich mich wehren musste. Damals kam jemand und beendete den Spuk, aber sie hatten sich als stärker erwiesen als ich. Ich wollte nicht mit ihnen streiten.

Für meine Mutter und meine Schwester war es keine Überraschung, dass ich klaute und keineswegs gesellschaftsfähige Dinge tat, um Geld heimzubringen. Sie sahen meine hübschen Klamotten, und ich versorgte sie mit Essen – Pizza oder was von Burger King und McDonald’s. Meine Mutter erkannte, was es geschlagen hatte, aber es war bereits zu spät. Sie dachte, ich sei ein Krimineller, ich würde umkommen oder vor die Hunde gehen. Vermutlich hatte sie schon früher Kids wie mich erlebt und ahnte, dass ich jeden bestehlen würde. Ich kannte keinerlei Grenzen und machte vor niemandem Halt.

Meine Mutter zog es vor zu betteln. Sie verwirrte mich ein wenig, da sie zu ehrlich war. Allerdings bettelte sie ständig um Geld, so war sie halt. Ich gab meiner Schwester viel Geld für den Haushalt. Manchmal gab ich meiner Mutter 100 Dollar oder so, aber ich bekam es nie zurück. In den Augen meiner Mutter war ich nie so viel wert. Wenn ich sagte, „Ma, du schuldest mir Geld“, antwortete sie lediglich: „Und du schuldest mir dein Leben, Junge. Ich zahle dir nichts zurück.“

Nachdem die großen Jungs in der Nachbarschaft wussten, dass ich ein Dieb war, nahmen sie mir das Geld, den Schmuck und meine Schuhe weg, und ich hatte Angst, es meiner Mutter zu sagen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Sie verprügelten mich, stahlen mir meine Tauben und wussten, wie sie mich einschüchtern konnten. Barkim brachte mir nicht bei, wie man sich wehrte. Er brachte mir lediglich bei, wie man sich gut kleidete und Hygiene betrieb. Wenn mich auf der Straße jemand anschrie oder jagte, nahm ich einfach mein Zeug und machte mich aus dem Staub. Ich wurde weiterhin schikaniert, aber ich wurde jetzt auch mehr respektiert.

Als ich heranwuchs, wollte ich immer im Mittelpunkt stehen. Ich wollte der Kerl sein, der cool daherredete: „Ich bin der größte Dreckskerl weit und breit“, „Ich habe die besten Vögel“. Ich wollte ein richtiger Straßenjunge sein, ein cleverer Bursche, aalglatt und redegewandt, aber ich war zu schüchtern und unbeholfen. Wenn ich versucht hätte, so zu reden, hätte mir jemand was auf die Rübe gegeben und gesagt: „Halt die Schnauze, Nigga!“ Doch als ich in meinen ersten Straßenkampf geriet, bekam ich einen Vorgeschmack davon, wie es war, sich in der Bewunderung der Menge zu sonnen.

Eines Tages ging ich nach Crown Heights und brach mit einem älteren Jungen in ein Haus ein. Wir fanden 2.200 Dollar Bargeld, und er gab mir 600 Dollar. Ich ging in eine Tierhandlung und kaufte für 100 Dollar Vögel. Sie wurden für mich in eine Kiste verpackt, und der Besitzer half mir, sie in die U-Bahn zu verfrachten. Als ich ausstieg, half mir jemand aus meiner Nachbarschaft, die Kiste zu dem Abbruchhaus zu schleppen, wo ich meine Tauben versteckte. Aber dieser Junge erzählte einigen Kids der Umgebung, dass ich all diese Vögel hätte. So tauchte ein Kerl namens Gary Flowers mit ein paar Freunden auf, um meine Tauben zu klauen.

Meine Mutter beobachtete, wie sie sich an den Vögeln zu schaffen machten, und rief mich sofort. Ich rannte zu ihnen und stellte sie zur Rede. Sie sahen mich kommen und ließen von den Tauben ab, nur Gary hatte immer noch einen meiner Vögel unter dem Mantel versteckt. Inzwischen hatte sich eine Menschenmenge um uns versammelt.

„Gib mir meinen Vogel zurück“, protestierte ich.

Gary holte den Vogel unter seinem Mantel hervor.

„Willst du den Vogel? Willst du wirklich den verdammten Vogel?“, fragte er mich. Dann drehte er der Taube den Hals um und warf sie auf mich, so dass mein Gesicht und mein Hemd voller Blut waren.

„Kämpf mit ihm“, drängte einer meiner Freunde. „Hab keine Angst, kämpf einfach mit ihm.“

Zuvor war ich immer viel zu ängstlich gewesen, mit jemandem zu kämpfen. In meiner Gegend wohnte ein älterer Kerl, Wise, der mal in der Police Athletic League geboxt hatte. Er rauchte mit uns Gras, und wenn er high war, fing er mit Schattenboxen an. Ich beobachtete ihn, und er sagte: „Los, mach mit.“ Aber ich hatte nicht einmal den Mut, mit ihm die Boxbewegungen zu trainieren. Ich erinnerte mich jedoch an seinen Boxstil.

Also sagte ich mir, scheiß drauf. Meine Freunde waren schockiert. Ich hatte keine Ahnung, was ich tat, schlug einfach wie wild um mich. Ein Schlag traf ihn, und er ging zu Boden. Wise tänzelte, wenn er Schattenboxen trainierte. Nachdem ich Gary k.o. geschlagen hatte, tänzelte ich ebenfalls. Es schien das Leichteste auf der Welt zu sein. Der ganze Block schaute dabei zu. Alle jubelten und klatschten. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, obwohl mein Herz wie wild raste.

„Dieser Nigga hat eine schnelle Faust“, lachte einer der Jungs. Ich probierte den Ali-Shuffle, aber ohne Erfolg. Trotzdem war es ein gutes Gefühl, sich zu verteidigen, und ich mochte es, wie mir alle applaudierten und mich abklatschten. Hinter meiner Schüchternheit verbarg sich vermutlich schon immer ein wilder Entertainer.

Jetzt erntete ich auf der Straße eine ganz neue Art von Respekt. Die Jungs fragten jetzt meine Mutter nicht mehr: „Kann Mike mit uns spielen?“, sondern: „Kann Mike Tyson mit uns spielen?“

Andere Jungs schleppten ihre Kumpels an, damit sie gegen mich antraten, und schlossen Wetten auf den Ausgang ab. Ich hatte jetzt also eine weitere Einnahmequelle. Sie strömten auch aus anderen Bezirken herbei. Obwohl ich noch ein Kind war, trat ich gegen ältere Jungs an und gewann viel Geld. Selbst wenn ich verlor, sagten die Jungs, die mich geschlagen hatten: „Verdammt, bist du wirklich erst elf?“ So wurde ich allmählich in Brooklyn bekannt. Ich hatte den Ruf, dass ich gegen jeden antrat, auch gegen erwachsene Männer, einfach gegen jeden. Ich begann jetzt, Rachepläne für die Schläge zu schmieden, die ich bei den Schikanen abbekommen hatte. War ich mit ein paar Freunden unterwegs und entdeckte einen der Jungs, die mich vor Jahren verprügelt und schikaniert hatten, verfolgte ich ihn in das Geschäft, das er betrat, drängte ihn hinaus und bearbeitete ihn mit meinen Fäusten. Ich erklärte meinen Freunden nicht, weshalb, sondern sagte nur: „Ich hasse dieses Arschloch da drüben.“ Sie unterstützten mich, zerrissen seine Kleider und verprügelten ihn. Und der Kerl, der meine Brille weggeworfen hatte? Ich verprügelte ihn auf der Straße wie einen räudigen Hund, weil er mich so gedemütigt hatte. Er hatte das vielleicht schon vergessen, aber ich nicht.

Mit meinem neu gewonnenen Selbstbewusstsein, meinem Glauben an meine Fähigkeit, mich selbst verteidigen zu können, eskalierte meine Kriminalität. Ich wurde immer verwegener und fing sogar an, meine Nachbarschaft zu bestehlen. Ich dachte, so mache man es, und kapierte nicht das Gesetz der Straße. Ich dachte, jeder sei Freiwild, da ich anscheinend ja auch für alle Freiwild zu sein schien. Ich wusste nicht, dass man mit bestimmten Leuten nicht spaßen sollte.

Zu der Zeit lebte ich in einem Mietshaus und bestahl jeden, der hier wohnte, aber niemand wusste, dass ich der Dieb war. Einige dieser Leute waren mit meiner Mutter befreundet. Sie lösten ihren Sozialhilfescheck ein, kauften ein paar Spirituosen und besuchten meine Mom, kippten sich einen hinter die Binde und hatten Spaß miteinander. Ich zog mich derweil zurück, kletterte die Feuerleiter hoch, brach in die Wohnung einer der Frauen, die unten bei Mom waren, ein und stahl alles, was nicht niet- und nagelfest war. Als die Frau dann in ihre Wohnung zurückkehrte, entdeckte sie das Unheil und rannte schreiend zu meiner Mutter: „Lorna, stell dir vor, man hat mir alles gestohlen, sogar die Kindernahrung, einfach alles.“

Nachdem sie gegangen war, kam meine Mutter in mein Zimmer.

„Junge, ich weiß, du hast was damit zu tun, oder? Was hast du getan?“

Ich erwiderte: „Mom, das war ich nicht, schau dich doch um.“ Ich hatte nämlich das gesamte Diebesgut auf dem Dach verstaut und wollte es mir später mit meinen Freunden holen.

„Wie hätte ich das anstellen sollen? Ich war doch in meinem Zimmer und sonst nirgendwo“, erklärte ich meiner Mom.

„Nun, wenn du’s nicht warst, dann weißt du bestimmt, wer’s war, du Dieb“, kreischte meine Mutter. „Du bist nichts als ein Dieb. Ich habe mein ganzes Leben lang nichts gestohlen. Ich weiß gar nicht, woher du das hast, du Ganove.“

Oh Gott. Können Sie sich vorstellen, dass Ihre eigene Mutter so einen Mist verzapft und Sie für einen Dieb hält? Für meine Familie war ich ein hoffnungsloser Fall, alle dachten, ich würde als Krimineller enden. Niemand sonst in meiner Familie hatte je so etwas getan. Meine Schwester leierte mir ständig vor: „Welcher Vogel fliegt nicht? Der Gefängnisvogel.“

Einmal begleitete ich meine Mutter zu ihrer Freundin Via. Vias Mann war einer dieser Kerle, die gern mit ihrem Geld protzten. Er ging schlafen, und ich klaute ihm die Geldbörse aus der Tasche und nahm das Geld. Als er aufwachte, verprügelte er Via brutal, weil er dachte, dass sie das Geld gestohlen hätte. Alle in der Nachbarschaft fingen an, meine Unverfrorenheit zu hassen. Und wenn sie mich nicht hassten, so waren sie neidisch auf mich, sogar die Spieler, denn ich besaß Nerven aus Stahl.

Ich fühlte mich unglaublich. Es war mir gleichgültig, ob jemand, dem ich die Halskette entriss und den ich die Treppe hinunterwarf, sich den Kopf aufschlug, bumm, bumm, bumm. Machte es mir etwas aus? Nein, denn ich wollte diese Halskette um jeden Preis: Mitleid war für mich ein Fremdwort. Warum sollte ich auch welches haben? Mit mir hatte ja auch niemand Mitleid gehabt. Ich empfand nur dann Mitleid, wenn einer meiner Freunde bei einem Bruch erstochen oder erschossen wurde. Das machte mich traurig.

Aber ich machte einfach weiter, dachte wohl, dass ich nicht getötet würde, dass mir das nicht passieren könnte. Ich konnte einfach nicht aufhören. Ich wusste, dass ich dabei draufgehen konnte, aber das war mir egal. Ich glaubte ohnehin nicht, dass ich jemals 16 werden würde, also was sollte das. Vor Kurzem sagte mein Bruder Rodney zu jemandem, er finde, dass ich der mutigste Kerl sei, den er kenne, aber ich fand mich gar nicht mutig. Ich hatte tapfere Freunde, die wegen ihres Schmucks, ihrer Uhren oder ihres Motorrads erschossen wurden. Sie haben ihre Beute aber nicht aufgegeben, obwohl man sie ihnen entreißen wollte. Diese Jungs genossen in der Nachbarschaft den größten Respekt. Ich weiß nicht, ob ich mutig war, aber ich erlebte auch, wie Menschen Mut bewiesen. Ich fand immer, dass ich eher verrückt als mutig war. Ich schoss auf offener Straße auf Menschen, während meine Mutter aus dem Fenster guckte, und war einfach hirnlos. Rodney hielt es für Mut, aber in Wahrheit war es mangelnde Intelligenz. Ich war ein Extremist.

Jeder, den ich kannte, stand mit beiden Füßen im Leben. Sogar die Jungs, die Jobs hatten, verdienten sich ein Zubrot mit Gaunereien. Sie verkauften Drogen oder stahlen irgendwas. Es war wie eine Science-fiction-Welt, wo die Bullen die bösen Jungs waren und die Diebe und Ganoven die guten. Wenn man niemandem etwas zugefügt hatte, galt man als Spießer, und niemand wollte etwas mit einem zu tun haben. Gehörte man zu den Bösen, war man in Ordnung. Wenn dir jemand in die Quere kam, dann kämpften sie für dich, weil sie wussten, dass du einer von ihnen warst. Es war so geil, dass all diese heruntergekommenen, grinsenden Mistkerle meinen Namen kannten.

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Alles eskalierte, als ich Bekanntschaft mit der Polizei machte. In Brownsville erschossen zu werden, war nichts Ungewöhnliches. Man war gerade in irgendeiner Gasse mit Glücksspielen beschäftigt, und ein paar Kerle kreuzten auf und schossen aufeinander. Man wusste nie, wann es losging. Andere wiederum fuhren auf ihren Motorrädern vorbei, und bumm, bumm schossen sie auf einen. Wir wussten im Allgemeinen, wo sich gewisse Gangs herumtrieben, und mieden deshalb bestimmte Plätze.

Aber es ist etwas ganz anderes, wenn die Bullen anfangen, auf einen zu schießen. Eines Tages schlenderten ein paar von uns Jungs auf der Amboy Street an einem Juwelierladen vorbei und sahen den Juwelier, der eine Schachtel trug. Ich schnappte sie mir, und wir rannten, so schnell uns die Füße trugen. Als wir kurz vor unserem Wohnblock waren, hörten wir quietschende Reifen und ein paar Undercover-Bullen sprangen aus dem Auto und fingen an, auf uns zu schießen. Ich rannte in ein abbruchreifes Haus, in dem wir immer herumhingen, und ich wusste, ich war gerettet. Ich kannte mich in dem Gebäude genau aus und wusste, wie man hinter den Mauern verschwand, durch ein Loch schlüpfte, auf das Dach hoch kletterte und sich in den Dachsparren versteckte. Und genau das tat ich, ich ging hinauf, spähte durch das Loch und sah, wer unten alles herumlief.

Dann sah ich, wie die Bullen in das Gebäude stürmten. Sie liefen herum, mit gezogenen Pistolen, und einer von ihnen schlüpfte durch ein Loch im Boden.

„Verdammte Scheiße, diese beschissenen Kids verarschen mich, locken mich hier rein“, sagte er. „Ich werde den verdammten Bastarden das Licht ausblasen.“

Ich belauschte das Gespräch dieser weißen Bullen und lachte mir ins Fäustchen. Das Gebäude war zu baufällig, als dass die Bullen es bis zum nächsten Stock geschafft hätten, da die Stufen durchbrachen. Aber es bestand die Gefahr, dass sie hoch blickten und mich zwischen den Dachsparren entdeckten und auf mich schossen. Ich erwog, auf das nächste Dach zu springen, aber das wären immerhin drei Meter gewesen.

Also arbeitete ich mich auf das Dach vor, und mein Freund, der im selben Haus wie ich wohnte, stand auf seinem Dach. Ich robbte auf den Knien voran, wenn ich aufgestanden wäre, hätten mich die Bullen ja sehen können. Aber mein Freund beruhigte mich.

„Mike, entspann dich. Sie sind wieder raus aus dem Gebäude, aber sie sind immer noch auf der Suche nach dir. Da unten stehen jede Menge Polizeiautos“, berichtete er mir.

Ich stand, so mein Gefühl, eine Ewigkeit auf dem Dach und wartete.

„Mike, sie sind weg“, verkündete mein Freund schließlich.

Also ging ich wieder hinunter, blieb aber noch ein paar Minuten im Haus. Meine Freunde suchten den Block ab, um sicher zu sein, dass sich die Bullen nicht irgendwo versteckt hatten.

„Mike, warte noch ein bisschen“, bat mich mein Freund. Schließlich gab er mir Entwarnung. Ich war froh, dass ich meinen Arsch gerettet hatte. Wir hatten all die teuren Uhren, Medaillons, Armbänder, Brillanten und Rubine. Wir brauchten zwei Wochen, um den ganzen Kram loszuwerden, mussten einiges unter der Hand verkaufen und einen Teil in einem anderen Stadtteil verschachern.

Es klingt wie ein Witz, aber zum ersten Mal festgenommen wurde ich wegen einer gestohlenen Kreditkarte. Ich war damals zehn und sah eindeutig zu jung aus, um schon eine Kreditkarte zu besitzen. Also überredeten wir einen älteren Jungen, uns in ein Geschäft zu begleiten und dieses und jenes zu kaufen, auch etwas für sich selber.

Als wir ein anderes Mal in einem Laden in der Belmont Street versuchten, die Karte einzusetzen, sahen wir aber für eine Kreditkarte einfach zu jung aus. Wir stapelten die Klamotten und Sneakers an der Kasse und reichten der Kassiererin die Kreditkarte. Sie bat uns, einen Moment zu warten, und tätigte einen Anruf. Sie schnitt dann die Karte durch, und innerhalb von Sekunden tauchten die Bullen auf und verhafteten uns.

Sie brachten mich zur Polizeiwache in unserem Viertel. Meine Mutter hatte kein Telefon, also holten sie sie mit dem Polizeiauto ab und brachten sie dorthin. Als sie reinkam, schrie sie mich an und schlug wie wild auf mich ein. Als ich zwölf war, wurde das zur Routine. Wegen dieser Festnahmen musste ich bei Gericht erscheinen, aber ich wurde nicht verurteilt, weil ich minderjährig war.

Ich hasste es, wenn meine Mutter auf dem Revier aufkreuzte und auf mich einschlug. Ich kauerte mich in einer Ecke zusammen und versuchte, mich zu schützen, wenn sie mich attackierte. Anschließend betrank sie sich mit ihren Freundinnen und erzählte ihnen, wie sie den Teufel aus mir herausgeprügelt habe. Das war wirklich traumatisierender Scheiß. Bis heute muss ich den Blick abwenden, wenn ich in eine Zimmerecke schaue, da ich an all die Schläge erinnert werde, die meine Mutter mir verpasst hat.

Sie schlug mich sogar, wenn ich nichts falsch gemacht hatte. Einmal, als ich elf war, machte ich ein Würfelspiel mit einem Jungen, der etwa 18 war. Ich hatte an jenem Tag ein glückliches Händchen, und meine Freunde schlossen Wetten ab, dass meine Zahlen fallen würden. Ich fing mit 200 Dollar an, aber meine Zahl fiel sechsmal hintereinander. Ich hatte 600 Dollar von ihm gewonnen.

„Noch eine Runde. Ich setze meine Uhr ein“, sagte er.

Bumm, schon wieder fiel meine Zahl.

„Spiel ist Spiel“, sagte ich. „Gib mir deine Uhr.“

„Tatsache ist, ich gebe dir gar nichts“, sagte er und versuchte, sich das Geld zu schnappen, das ich von ihm gewonnen hatte. Ich fing an, nach ihm zu beißen, schlug ihn mit einem Stein, und wir fingen an zu ringen. Ein paar Freundinnen meiner Mutter sahen den Aufruhr und rannten zu unserer Wohnung.

„Dein Sohn kämpft mit einem Erwachsenen“, erklärte eine von ihnen.

Meine Mutter kam angestürmt. Alle anderen Erwachsenen ließen uns kämpfen, weil sie ihr Geld wollten. Wenn dieser Kerl nicht zahlte, würde es sonst auch niemand tun. Ich war mitten drin im Ringkampf mit diesem Kerl, als meine Mutter mich ansprang, meine Hände packte, mir eine schmierte und mich zu Boden warf.

„Warum kämpfst du mit diesem Mann?“, brüllte sie. „Was hast du diesem Mann getan? Tut mir leid, Sir“, erklärte sie ihm.

„Er hat versucht, sein Geld zurückzunehmen“, protestierte ich.

Meine Mutter nahm das Geld, gab es dem Mann und schlug mir ins Gesicht.

„Tut mir leid, Sir“, wiederholte sie.

„Ich werde dich umbringen, du Scheißkerl“, brüllte ich, als sie mich wegzerrte.

Allerdings verdiente ich jeden Schlag, den ich bekam. Ich wollte zu den coolen Kids gehören, den 15-Jährigen, die Schmuck, Geld und Freundinnen hatten. Zu der Zeit mochte ich die Mädchen nicht besonders, aber ich mochte schicke Klamotten und Aufmerksamkeit.

Meine Mutter resignierte jetzt. Sie war geachtet und konnte sich gut ausdrücken, ihre anderen Kinder waren lernfähig und verträglich, und dann war da noch ich. Ich war der Einzige, der weder lesen noch schreiben konnte. Ich kapierte das Zeug einfach nicht.

„Warum kannst du das nicht?“, fragte sie mich. „Was stimmt nicht mit dir?“

Sie nahm an, ich sei geistig zurückgeblieben. Als Baby hatte sie mich zu all den Institutionen auf der Lee Avenue geschleppt, und ich wurde psychologischen Tests unterzogen. Als Kind hielt ich laute Selbstgespräche. Ich glaube, das war in den Siebzigern nicht normal. Nachdem ich auffällig geworden und im System drin war, musste ich auf die dem Gericht unterstellte Special Ed-Schule für Geistesgestörte. Die Special Ed war wie ein Gefängnis. Man lebte die ganze Zeit hinter verschlossenen Türen. Die ganzen asozialen Kids und die verdammten Spinner wurden dort einfach zusammengepfercht. Man sollte das tun, was einem aufgetragen wurde, aber ich ließ mir das nicht gefallen, fing mit allen Streit an und spuckte ihnen ins Gesicht. Man gab uns Jetons, mit denen wir zur Schule und wieder nach Hause fahren konnten, und ich klaute den Kids ihre Jetons und spielte damit. Ich schreckte auch nicht davor zurück, die Lehrer zu bestehlen, und am nächsten Tag kam ich mit dem neuen Outfit zur Schule, das ich mir von ihrem Geld gekauft hatte. Ich baute einfach jede Menge Scheiße.

Man fand, ich sei hyperaktiv, also verabreichte man mir Thorazin. Ritalin wurde ausgelassen, und man griff gleich nach dem großen T, das man in den Siebzigern kleinen bösen schwarzen Scheißkerlen wie mir verabreichte. Mit Thorazin ist man auf einem Trip. Man sitzt da, starrt vor sich hin, kann sich aber nicht bewegen, kann nichts tun. Alles ist toll, man kann alles hören, ist aber irgendwie zugedröhnt, wie ein Zombie. Man bittet nicht um Essen, es wird einem zur rechten Zeit gebracht. Vielleicht wird man gefragt: „Musst du zur Toilette?“, und man antwortet: „Oh ja, dringend.“ Man weiß nicht einmal, wann man pinkeln muss.

Als ich diesen Mist nahm, schickte man mich aus der Schule heim. Ich sollte zu Hause bleiben, mich entspannen und mir die Zeichentrickserie Rocky and His Friends anschauen. Meine Mutter fand, dass etwas nicht mit ihrem Baby stimmte, aber ich war lediglich ein verdammt knallhartes Kind. Man schätzte mich falsch ein und machte mich vermutlich noch ein wenig abgefuckter als ich sowieso schon war, aber ich nahm das nie jemandem persönlich übel. Ich dachte immer, ich hätte es verdient, dass mir etwas Schlimmes widerfuhr, weil irgendwas mit mir nicht stimmte.

Neben den Zombies und verrückten Kids schickte man die Kriminellen in die Special Ed-Schulen, so lernten sich die Leute aus den verschiedenen Bezirken kennen. Wir fuhren zum Times Square und trafen all die Jungs von unserer Schule, alle in Lammfellmänteln, modischen Klamotten und mit Geld in der Tasche. Sie taten alle das Gleiche.

1977 lungerte ich am Times Square herum, als ich ein paar Jungs aus meinem alten Wohnviertel in Bed Stuy entdeckte. Wir unterhielten uns, und einer von ihnen schnappte sich die Geldbörse einer Nutte. Sie geriet außer sich und schüttete mir einen Becher heißen Kaffee ins Gesicht. In dem Augenblick tauchten die Bullen auf, und mein Freund Bub und ich gaben Fersengeld. Wir rannten in ein nicht jugendfreies Kino, doch die Nutte kreuzte kurz danach mit den Bullen auf.„Das sind sie“, sagte sie und deutete auf Bub und mich. „Ich? Ich habe nichts damit zu tun“, protestierte ich, aber die Bullen führten uns hinaus und schubsten uns auf den Rücksitz des Polizeiwagens.

Und diese verrückte Lady gab nicht auf. Sie fasste durch das Fenster und zerkratzte mir mit ihren langen Nuttennägeln das Gesicht. Man fuhr uns zu der Wache im Stadtzentrum. Als wir wegfuhren, sah ich, wie uns die Typen aus Bed Stuy, die all diesen Scheiß angestellt hatten, von der Straße aus nachschauten. Ich war bereits viele Male festgenommen worden, und so war ich an das Ritual gewöhnt. Doch auf der Wache studierte man mein Strafregister; ich hatte entschieden zu viele Verhaftungen aufzuweisen. Somit wurde ich ohne Umschweife nach Spofford gebracht, ein Jugendgefängnis im Hunts-Point-Viertel der Bronx. Ich hatte Horrorgeschichten über Spofford gehört – wie Menschen von anderen Insassen oder von den Wärtern verprügelt wurden, also war ich nicht gerade begeistert von der Aussicht, dort zu landen. Ich bekam Kleider und eine Einzelzelle und legte mich schlafen. Am nächsten Morgen ergriff mich Panik, ich hatte keine Ahnung, was mich hier erwarten würde. Aber als ich die Cafeteria betrat, wo es Frühstück gab, war es wie ein Klassentreffen. Ich entdeckte meinen Freund Curtis, mit dem ich einen Bruch gemacht hatte und der vom Besitzer verprügelt worden war. Dann sah ich all meine verschiedenen Partner von Raubzügen.

„Entspann dich“, sprach ich zu mir selbst. „All deine Jungs sind hier.“

Nach diesem ersten Mal ging ich in Spofford ein und aus, als wäre es ein Spaziergang. Spofford wurde für mich zur Zweitwohnung. Bei einem meiner Aufenthalte dort sahen wir uns im Versammlungsraum einen Film an mit dem Titel Der Größte. Er handelte von Muhammad Ali. Danach klatschten wir alle, trauten aber dann unseren Augen nicht, als Ali höchstpersönlich auf die Bühne trat. Er sah in Wirklichkeit größer aus. Er brauchte noch nicht einmal den Mund zu öffnen – sobald er in Erscheinung trat, dachte ich: „Ich will dieser Typ sein.“ Er unterhielt sich mit uns, und es war sehr inspirierend. Ich hatte keine Vorstellung, was ich mit meinem Leben anstellen wollte, aber ich wusste, ich wollte so sein wie er. Es ist seltsam, aber heute sagen die Menschen so etwas nicht mehr. Wenn sie einen großen Boxer sehen, sagen sie vielleicht: „Ich will Boxer werden.“ Aber niemand sagt: „Ich will sein wie er.“ Es gibt nicht viele Alis. In diesem Augenblick beschloss ich, berühmt zu werden. Ich wusste nicht, was ich dafür tun musste, aber ich beschloss, die Menschen sollten mich so kämpfen sehen, genauso wie Ali.

Ganz so einfach war es dann aber doch nicht. Ich kam jetzt nicht aus Spofford raus und krempelte mein Leben nicht total um. Ich war immer noch eine kleine Kanalratte.

Meine Lage zu Hause verschlechterte sich immer mehr. Nach all diesen Festnahmen und Spezialschulen und Medikamenten hatte meine Mutter jegliche Hoffnung, was mich betraf, aufgegeben.

Ich erlebte nie, dass meine Mutter mit mir glücklich oder stolz auf mich war. Ich bekam nie die Chance, mit ihr zu reden oder mehr über sie zu erfahren. „Beruflich“ hatte dies keine Folgen für mich, aber emotional und psychisch war es vernichtend für mich. Wenn ich mit meinen Freunden zusammen war und deren Mütter vorbeischauten, bekamen sie einen Kuss von ihnen. Ich wurde von meiner Mutter nie geküsst. Da mich meine Mutter bis zum 15. Lebensjahr in ihrem Bett schlafen ließ, hätte man annehmen können, sie würde mich mögen, dabei war sie die ganze Zeit nur betrunken.

Da ich jetzt im Justizvollzugssystem eingebettet war, beschloss das Gericht, mich in eine Wohngruppe zu stecken, um mich auf den rechten Weg zu bringen. Man nahm einen Haufen fertiger Kids, missbrauchter Kids, böser Kids und Psychokids und steckte sie in irgendein Heim, dessen Personal von der Regierung dafür bezahlt wurde, uns hereinzulegen. Dort herrschte ein regelrechtes Gedränge. Ich hielt es da nie länger als zwei Tage aus und lief immer wieder weg. Einmal steckte man mich in ein Heim in Brentwood, Long Island. Ich rief zu Hause an, quengelte und jammerte meiner Mutter vor, dass ich kein Gras habe. Also beauftragte sie Rodney, mir welches zu besorgen. Sie war immer eine Vermittlerin.

Schließlich wurde ich nach Mount Loretto geschickt, einer Einrichtung auf Staten Island. Aber nichts und niemand konnte andere Menschen aus uns machen. Jetzt bestahlen wir halt die Jungs auf der Staten-Island-Fähre. Allerdings weiß man nie, wen man bestiehlt. Manchmal raubt man den Falschen aus, einen widerlichen Dreckskerl, der dann sein Geld zurückverlangt und alle verrückt macht.

„Wer hat mir mein verdammtes Geld geklaut?“, schrie er.

Er fing an, auf jeden einzuprügeln, sämtliche Passagiere mussten diesen Dreckskerl überwältigen. Mein Freund war derjenige, der ihn beklaut hatte, und der Kerl versetzte ihm einen Tritt in den Arsch, aber er wusste nicht, dass er der Täter war. Wir gingen von Bord und lachten uns ins Fäustchen, weil wir das Geld hatten. Sogar mein Freund lachte unter Tränen, denn er hatte immer noch Schmerzen. Hätte dieser Kerl gewusst, dass wir das Geld haben, hätte er uns vom Schiff geworfen. Wenn ich darüber nachdenke, was für ein Leben ich führte, wird mir heiß und kalt. Oh Gott, er hätte uns tatsächlich umgebracht, denn er war der Typ dafür.

Anfang 1978 wurde ich aus der Einrichtung auf Staten Island entlassen und kehrte nach Brownsville zurück. Immer wieder erfuhr ich, dass Freunde von mir wegen Banalitäten wie Schmuckraub oder wegen ein paar 100 Dollar getötet wurden. Das machte mich doch etwas nachdenklich, dennoch hörte ich nicht auf, Brüche zu machen und zu stehlen. Ich beobachtete die älteren Jungs, die meine Vorbilder waren, erlebte ihren Aufstieg, aber auch, wie sie auf der Straße lagen. Ich beobachtete, wie sie gnadenlos verprügelt wurden, denn diese Jungs waren ständig damit beschäftigt, andere zu beklauen. Aber sie hörten nie damit auf, es lag ihnen im Blut.

Mein Umfeld wurde immer bedrohlicher, und ich wurde immer mehr gehasst. Ich war gerade elf und schlenderte manchmal durch unsere Gegend, nur auf mich bedacht, und die Hausbesitzer oder Geschäftsinhaber entdeckten mich und warfen mit Steinen nach mir.

„Du verdammter dreckiger Dieb“, brüllten sie.

Sie sahen mich in meinen schicken Klamotten und wussten, dass ich der Nigga war, der sie bestahl. Eines Tages kam ich an einem Gebäude vorbei und blieb stehen, um mich mit einem Freund zu unterhalten, als ein Kerl namens Nicky mit einer Schrotflinte und ein Freund von ihm mit einer Pistole aus dem Haus stürmten. Sein Freund richtete die Pistole auf meinen Kopf und Nicky die Schrotflinte auf meinen Penis.

„Hör zu, du dreckiger kleiner Nigga, wenn ich höre, dass du wieder auf diesem verdammten Dach warst, blase ich dir das Licht aus. Und wenn ich dich je wieder hier sehe, schieß ich dir die Eier ab“, drohte er mir.

Ich hatte keine Ahnung, wer zum Teufel dieser Kerl war, aber anscheinend kannte er mich. Können Sie sich vorstellen, dass man mit einem Kind so spricht und es so behandelt?

Ein paar Monate vor meinem 13. Geburtstag, wurde ich erneut wegen des Besitzes von Diebesgut festgenommen. Inzwischen wusste man nicht mehr, wo man mich hinschicken sollte, da man alle Institutionen um New York City herum ausprobiert hatte. Ich weiß nicht, welchen wissenschaftlichen Diagnosetest sie anwandten, doch man beschloss, mich zur Tryon School for Boys zu schicken, einer Einrichtung im Hinterland von New York, etwa eine Stunde nordwestlich von Albany. Das war eine Einrichtung für jugendliche Straftäter.

Meine Mutter war froh, dass ich aus New York verschwand, denn zu der Zeit kreuzten jede Menge erwachsener Männer bei uns auf und suchten nach mir.

„Dein Bruder ist Abschaum, ich werde ihn umbringen“, erklärten sie meiner Schwester.

„Er ist doch noch ein Kind“, protestierte diese. „Er hat Ihnen ja nicht die Frau oder so weggenommen.“

Stellen Sie sich vor, erwachsene Männer kommen zu Ihnen nach Hause und suchen nach Ihnen, obwohl Sie erst 12 sind. Ist das nicht Scheiße? Kann man es meiner Mutter verübeln, dass sie in Bezug auf mich jegliche Hoffnung aufgegeben hatte?

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Die Tatsache, dass man mich in eine staatliche Besserungsanstalt schickte, war keineswegs cool, denn dort war ich mit den großen Jungs zusammen. Sie waren weitaus abgefuckter als die Jungs in Spofford. Aber Tyron war gar nicht so übel. Es gab hier jede Menge Cottages, und man konnte draußen herumspazieren, Basketball spielen und in die Sporthalle gehen. Ich jedoch bekam mal wieder sofort Schwierigkeiten. Ich war die ganze Zeit über schlecht gelaunt und einfach mies drauf, war streitsüchtig und band jedem auf die Nase, dass ich aus Brooklyn stamme und keine Lust habe, mich mit irgendeinem Bullshit abzugeben.

Eines Tages spazierte ich zu einer Unterrichtsstunde, als mir ein fremder Kerl begegnete. Er gab sich ganz taff, als ob er ein Killer wäre. Als er an mir vorbeiging, sah er, dass ich meine Mütze in der Hand hielt. Im Vorbeigehen zerrte er daran. Ich kannte ihn nicht, aber er zollte mir keinen Respekt. Als ich im Unterricht saß, grübelte ich volle 45 Minuten darüber nach, wie ich diesem Kerl dafür, dass er an meiner Mütze herumgezerrt hatte, den Garaus machen könnte. Als der Unterricht zu Ende war, ging ich hinaus und entdeckte ihn und seine Freunde an der Tür.

Den Kerl kaufe ich mir, dachte ich, und trat auf ihn zu. Er hatte die Hände in den Taschen vergraben und sah mich an, als könne er kein Wässerchen trüben. Deshalb griff ich ihn nicht besonders heftig an.

Man legte mir dann Handschellen an und schickte mich nach Elmwood, einem abgeriegelten Cottage für unverbesserliche Kids. Elmwood war das Letzte, und die Wärter waren echte Schläger. Die Typen von Elmwood sah man nur in Handschellen und in Begleitung von zwei Männern.

An den Wochenenden verschwanden alle Kids von Elmwood, die sich einwandfrei verhalten hatten, für ein paar Stunden. Sie kehrten mit gebrochenen Nasen, kaputten Zähnen, geplatzten Lippen und gebrochenen Rippen heim – sie waren in einem erbärmlichen Zustand. Ich nahm an, sie seien vom diensthabenden Personal so vermöbelt worden, zu der Zeit kam niemand auf die Idee, sich an die Gesundheitsbehörde oder den Sozialdienst zu wenden. Aber je intensiver ich mich mit diesen schlimm zugerichteten Kids unterhielt, desto bewusster wurde mir, dass sie keineswegs unglücklich waren.

„Verdammt, fast hätten wir ihn drangekriegt“, lachten sie. Ich hatte keine Ahnung, was sie meinten, und dann klärten sie mich auf. Sie kämpften gegen Mr. Stewart, einen der Gefängnisberater. Bobby Stewart war ein robuster Ire, ungefähr 77 Kilo schwer, ein ehemaliger Profiboxer und Amateurmeister.

Als ich im Loch saß, erzählte man mir, dass ein ehemaliger Box-Champion den Kids beibringe, wie man kämpfe. Die Mitarbeiter, die mir von ihm erzählten, waren sehr nett zu mir, und so wollte ich ihn kennenlernen, weil ich glaubte, er wäre es auch. Ein paar Wochen später, als ich wieder in meinem Zimmer war, klopfte es laut und kräftig an die Tür. Ich öffnete, und Mr. Stewart stand vor mir.

„Hi, Arschloch, du willst mich sprechen?“, brummte er.

„Ich will Boxer werden“, erwiderte ich.

„Das wollen die anderen Jungs auch. Aber sie haben nicht den Mumm, daran zu arbeiten“, erwiderte er. „Wenn du dein Strafregister in Ordnung bringst, dich nicht wie ein Arschloch aufführst und etwas mehr Respekt zeigst, arbeite ich vielleicht mit dir.“

Ich gab mir wirklich alle Mühe. Was schulische Leistungen betraf, war ich weit und breit die größte Niete, aber für einen ehrenvollen Platz auf der Liste sagte ich jetzt brav „Ja, Sir“ und „Nein, Ma’am“ und benahm mich wie ein Musterschüler, um mit Stewart trainieren zu dürfen. Ich benötigte einen Monat, um genug Pluspunkte zu sammeln, um boxen zu dürfen. Alle Kids versammelten sich, um zu sehen, ob es mir gelang, ihn zu besiegen. Ich war überaus zuversichtlich, dass ich ihn besiegen würde, und dann würden alle vor mir kriechen.

Sofort fing ich an, wild auf ihn einzuschlagen, ihn mit Hieben zu traktieren, und er ging in Deckung. Ich bearbeitete ihn mit Schlägen und Hieben. Doch plötzlich schlüpfte er an mir vorbei und rammte mir seine rechte Faust in den Magen.

Booosh, uggghh. Mir kam mein gesamtes Essen der letzten beiden Jahre hoch.

Zu der Zeit hatte ich noch keine Ahnung vom Boxen. Heute weiß ich, dass man ein paar Sekunden lang keine Luft bekommt und außer Gefecht gesetzt ist, wenn man einen Fausthieb in den Magen bekommt. Aber das legt sich, was ich damals noch nicht wusste. Ich dachte allen Ernstes, ich würde nie wieder atmen können und sterben. Ich versuchte verzweifelt, Luft zu holen, aber ich konnte lediglich kotzen. Es war grauenhaft.

„Steh auf und hör auf damit!“, bellte er.

Nachdem alle gegangen waren, näherte ich mich ihm in aller Demut. „Entschuldigen Sie, Sir, können Sie mir bitte beibringen, wie ich das richtig mache?“, fragte ich. Ich malte mir aus, dass ich irgendeinem Dreckskerl einen solchen Fausthieb in den Magen verpassen würde, wenn ich wieder in Brownsville wäre. Dieser würde dann zu Boden gehen, und ich hätte ihn besiegt. Genau das ging mir im Kopf rum.

Irgendwie mochte mich Mister Stewart, denn nach unserer zweiten Sitzung sagte er zu mir: „Willst du das wirklich ernsthaft betreiben?“ Also fingen wir an, regelmäßig zu trainieren. Nach unserem Training übte ich später in meinem Zimmer die ganze Nacht lang Schattenboxen. Ich wurde immer besser. Damals wusste ich es noch nicht, aber während einer unserer Sparring-Sessions verpasste ich Bobby einen Schlag, der ihm die Nase brach und ihn fast k.o. geschlagen hätte. Er pausierte eine Woche lang, um seine Nase ausheilen zu lassen.

Nach ein paar Monaten Training rief ich meine Mutter an und reichte ihm den Hörer. „Sag’s ihr, bitte“, drängte ich ihn. Ich wollte, dass er ihr erzählte, wie gut ich mich schlug. Ich wollte einfach, dass sie wusste, dass ich etwas auf die Beine stellte. Ich dachte mir, sie glaube mir eher, wenn ein Weißer es ihr sagt. Aber sie erklärte ihm lediglich, dass sie kaum glauben könne, dass ich mich geändert hätte, und fand, ich sei unverbesserlich.

Kurz danach kam Bobby zu mir, denn er hatte eine Idee. „Ich will dich mit dem legendären Boxtrainer Cus D’Amato zusammenbringen. Er kann dich ein Stück weiterbringen.“

„Was zum Teufel geht hier vor?“, fragte ich. Damals war Bobby Stewart der Einzige, dem ich traute. Und nun wollte er mich an jemand anderen weiterreichen?

„Vertrau diesem Mann“, erklärte er mir.

An einem Wochenende im März 1980 fuhren Bobby und ich nach Catskill, New York. Cus’ Trainingshalle war ein umgebauter Versammlungsraum und befand sich über der städtischen Polizeiwache. Da es keine Fenster gab, kam das Licht von ein paar altmodischen Lampen. An den Wänden hingen Poster und Zeitungsausschnitte von erfolgreichen Jungs aus der Umgebung.

Cus sah genauso aus, wie ein hartgesottener Boxtrainer aussehen sollte. Er war klein und stämmig, weißhaarig und strahlte Stärke aus. Aber er blickte sehr ernst und zeigte keinerlei Lächeln.

„Hallo, wie geht’s? Ich bin Cus“, stellte er sich mit starkem Bronx-Akzent vor. Teddy Atlas, ein jüngerer Trainer, war ebenfalls anwesend.

Bobby und ich gingen in den Ring und begannen mit dem Sparring. Ich ging gleich ins Volle, jagte Bobby durch den Ring. Gewöhnlich absolvierten wir drei Runden, aber mitten in der zweiten Runde versetzte mir Bobby ein paar rechte Haken auf die Nase, und ich fing an zu bluten. Es tat nicht wirklich weh, doch mein Gesicht war blutverschmiert.

„Das reicht“, meinte Atlas.

„Sir, bitte, lassen Sie mich die Runde beenden und noch eine weitere kämpfen. Das ist unser Ritual“, bettelte ich, denn ich wollte Cus beeindrucken.

Und ich glaube, es gelang mir. Als wir den Ring verließen, sagte Cus zu Bobby: „Er hat das Zeug zu einem Weltmeister im Schwergewichtsboxen.“

Nach dieser Sparring-Session gingen wir zu Cus nach Hause zum Lunch. Er wohnte in einem großen viktorianischen Haus auf einem vier Hektar großen Grundstück. Von der Veranda aus konnte man auf den Hudson River blicken. An der Seite des Hauses wuchsen große Ahornbäume und üppige Rosenbüsche. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie ein solches Haus gesehen.

Wir nahmen Platz, und Cus meinte, er könne kaum glauben, dass ich erst 13 sei. Und dann malte er mir meine Zukunft aus. Er hatte mich ja kaum sechs Minuten kämpfen sehen, aber alles klang ganz überzeugend aus seinem Mund.

„Du hast eine blendende Figur abgegeben“, sagte er. „Du bist ein großer Boxer.“ Und er überschüttete mich mit Komplimenten. „Wenn du auf mich hörst, kann ich aus dir den jüngsten Schwergewichts-Boxer aller Zeiten machen.“

Fuck, wie konnte er einen solchen Scheiß verzapfen? Ich hielt ihn für einen Perversen. In der Welt, aus der ich kam, geben die Leute solchen Bullshit von sich, wenn sie dir einen blasen wollen. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Noch nie zuvor hatte jemand etwas Nettes über mich gesagt. Ich wollte gern bei dem alten Knaben bleiben, denn er vermittelte mir ein gutes Gefühl. Später erkannte ich, dass das Cus’ Masche war. Man redet einem schwachen Mann ein, stark zu sein, und dieser wird süchtig danach.

Auf der Rückfahrt nach Tyron konnte ich mich kaum beruhigen. Ich saß da mit einem Rosenstrauß von Cus auf dem Schoß. Ich hatte noch nie echte Rosen gesehen, immer nur im Fernsehen, aber ich wollte unbedingt welche haben, weil sie so exquisit aussahen. Ich hatte ihn gefragt, ob ich welche mitnehmen dürfe, weil ich etwas Schönes mit zurücknehmen wollte. Die Rosen dufteten wunderbar und Cus’ Worte klangen mir noch in den Ohren. Es kam mir vor, als ob sich die ganze Welt plötzlich verändert hätte, und in diesem Moment wusste ich, dass aus mir noch was werden würde.

„Ich glaub, er mag dich“, sagte Bobby. „Wenn du kein Scheißkerl und kein Arschloch bist, wird es gutgehen.“ Bobby freute sich offensichtlich für mich.

Ich kehrte in mein Cottage zurück und stellte die Rosen in eine Vase. Cus hatte mir eine riesige Box-Enzyklopädie mitgegeben, die ich mir anschauen sollte, und ich konnte die ganze Nacht kein Auge zutun, denn ich las das Buch in einem Zug durch. Ich erfuhr von Benny Leonard, Harry Greb und Jack Johnson. Das hat mich echt aufgeputscht. Ich wollte sein wie sie, sie schienen sich an keine Regeln zu halten. Sie arbeiteten hart, aber dann gab es auch Phasen, in denen sie es sich gutgehen ließen, und sie wurden wie Götter verehrt.

Ich fing an, jedes Wochenende zum Training zu Cus zu gehen. Erst trainierte ich mit Teddy in der Sporthalle, und dann ging ich zu Cus. Er lebte mit Camille Ewald, einer reizenden Ukrainerin, zusammen. In ihrem Haus wohnten auch noch andere Boxer. Als ich das erste Mal dorthin ging, klaute ich Geld aus Teddys Geldbörse. Solche Gewohnheiten gibt man nicht einfach auf, nur, weil sich etwas Gutes auftut. Ich brauchte schließlich Geld für Gras. Ich hörte, wie Teddy zu Cus sagte: „Er muss es gewesen sein.“

„Nein, er war es nicht“, widersprach Cus.

Der Boxsport törnte mich an, und nachdem ich bei Cus den ersten Kampf von Leonard gegen Durán im Fernsehen verfolgt hatte, war ich mir sicher, dass ich Boxer werden wollte. Wow, dieser Kampf war unglaublich aufregend, ich war ganz geschafft. Beide waren sehr elegant, aber auch gefährlich wie Raubtiere, und ihre Schläge erfolgten blitzschnell. Ihr Kampf wirkte fast so, als folgte er einer Choreografie. Ich war fasziniert.

Als ich Cus das erste Mal in seinem Haus besuchte, ließ er nicht zu, dass ich boxte. Nach meinem Training mit Teddy setzte sich Cus mit mir zusammen, und wir unterhielten uns. Er redete mit mir über meine Gefühle und Empfindungen und über die Boxpsychologie. Er wollte mein Innerstes erforschen. Wir sprachen viel über die spirituellen Gesichtspunkte des Sports. „Wenn du nicht den geistigen Krieger in dir spürst, wirst du nie ein Kämpfer werden. Mir ist egal, wie groß oder stark du bist“, erklärte er mir. Wir unterhielten uns über ziemlich abstrakte Vorstellungen, doch er drang zu mir durch. Cus sprach meine Sprache. Er war ein Straßenkind wie ich und auch in einem asozialen Milieu aufgewachsen.

Als Erstes sprach Cus mit mir über Angst, und wie man diese überwindet.

„Die Angst ist das größte Lernhindernis, ist aber auch dein bester Freund. Die Angst ist wie Feuer. Wenn du lernst, sie unter Kontrolle zu halten, lässt du sie für dich arbeiten. Wenn du nicht lernst, sie zu kontrollieren, wird sie dich und alles um dich herum zerstören. Du kannst auf einem Hügel einen Schneeball in die Hand nehmen und werfen oder sonst was damit machen, bevor er den Hügel hinunterrollt. Wenn er erst am Rollen ist und immer größer wird, wird er dich zu Tode quetschen. Genauso verhält es sich mit der Angst. Man darf nie zulassen, dass die Angst immer größer wird, man muss sie immer unter Kontrolle haben. Wenn es dir nicht gelingt, wirst du nicht in der Lage sein, dein Ziel zu erreichen oder dein Leben zu retten.“

„Stell dir ein Reh vor, das ein offenes Feld überquert. Als es sich dem Wald nähert, wittert es plötzlich Gefahr, vielleicht befindet sich ein Puma in der Nähe. Wenn das der Fall ist, tritt die natürliche Überlebensstrategie in Aktion, was bedeutet, dass Adrenalin ins Blut ausgeschüttet wird, sodass das Herz schneller schlägt. Dies hat zur Folge, dass der Körper zu außerordentlichen Leistungen an Beweglichkeit und Stärke fähig ist. Normalerweise kann ein Reh vier Meter weit springen, aber durch das Adrenalin schafft es das Drei- oder Vierfache, um der drohenden Gefahr zu entrinnen. Beim Menschen verhält es sich nicht anders. Wenn er Gefahr wittert oder Angst hat, beschleunigt das Adrenalin den Herzschlag und treibt den Menschen zu Höchstleistungen.“

„Mike, glaubst du, du kennst den Unterschied zwischen einem Helden und einem Feigling? Nun, bezüglich ihrer Empfindungen besteht kein Unterschied, sondern in dem, was sie tun. Der Held und der Feigling empfinden genau das Gleiche, aber du musst die Disziplin besitzen, das zu tun, was ein Held tut, und darfst nicht wie ein Feigling handeln.“

„Mike, dein Verstand ist nicht dein Freund, ich hoffe, du weißt das. Du musst trotzdem mit dem Kopf kämpfen, ihn kontrollieren, richtig einsetzen. Du musst auch deine Emotionen unter Kontrolle halten. Erschöpfung im Ring ist zu 90 Prozent psychologisch bedingt. Sie dient einem Mann, der aufgeben will, als Entschuldigung. Die Nacht vor einem Kampf tust du kein Auge zu. Denk dir nichts dabei, deinem Gegner geht es genauso. Du trittst zum Wiegen an, und er sieht viel größer aus als du, wirkt eiskalt, wird aber innerlich von Angst verzehrt. Deine Fantasie spricht ihm Fähigkeiten zu, die er gar nicht hat. Denk daran: Bewegung löst Spannung. Wenn dann der Gong ertönt und du deinem Gegner entgegentrittst, wirkt dieser plötzlich wie jeder andere auch, denn deine Fantasie ist ausgeschaltet. Der Kampf als solcher ist die einzige Wirklichkeit, die zählt. Du musst lernen, deinen Willen durchzusetzen und das alles unter Kontrolle zu haben.“

Ich konnte Cus stundenlang zuhören. Er erklärte mir, wie wichtig es sei, intuitiv und sachlich zu handeln, auf eine entspannte Art, und nicht zuzulassen, dass die Emotionen die Oberhand über die Intuition gewannen. Er berichtete mir, er habe einmal mit dem großen Schriftsteller Norman Mailer darüber gesprochen.

„Cus, ohne es zu wissen, praktizierst du Zen“, hatte dieser Cus erklärt und ihm ein Buch mit dem Titel Zen und die Kunst des Bogenschießens gegeben. Cus las mir häufig aus dem Buch vor. Er erzählte mir, dass er bei seinem ersten Kampf tatsächlich höchsten emotionalen Abstand erlebt habe. Er trainierte in einer Turnhalle in der Stadt, weil er Profiboxer werden wollte. Er hatte bereits ein oder zwei Wochen mit dem Sandsack trainiert, als der Manager ihn fragte, ob er einen Boxpartner haben wolle. Er trat in den Ring, und sein Herz schlug wie wild. Sein Gegner griff ihn sofort an, und er wurde mit Schlägen traktiert. Seine Nase schwoll an, sein Auge zu, und er blutete. Sein Gegner fragte ihn, ob er eine zweite Runde machen wolle, und Cus meinte, er werde es versuchen. Er trat in den Ring, und plötzlich war sein Geist von seinem Körper losgelöst. Er beobachtete alles aus der Distanz. Die Schläge, die ihn trafen, fühlten sich an, als kämen sie von weither. Er war sich wohl ihrer bewusst, aber sie schmerzten ihn kaum.

Cus erklärte mir, dass man, um ein großer Boxer zu sein, aus sich selbst heraustreten müsse. Er ließ mich Platz nehmen und sagte: „Transzendiere. Fokussiere. Entspann dich, bis du siehst, wie du dich selbst beobachtest. Sag mir, wenn du so weit bist.“ Das war sehr wichtig für mich. Im Allgemeinen neige ich dazu, zu emotional zu reagieren. Später erkannte ich, dass ich im Ring nur wild um mich schlagen würde, wenn ich mich dort nicht von meinen Gefühlen lösen könnte. Nachher würde ich einem Gegner noch einen harten Faustschlag verpassen, es dann aber mit der Angst zu tun bekommen, wenn er nicht zu Boden ging.

Cus trieb diesen Aus-dem-Körper-herausgehen-Scheiß noch einen Schritt weiter. Er trennte seinen Geist von seinem Körper und blickte dann in die Zukunft. „Alles wird ruhig, und ich befinde mich außerhalb meines Körpers und beobachte mich“, berichtete er. „Ich bin’s, aber bin’s auch wieder nicht, als ob mein Geist und mein Körper nicht miteinander verbunden wären. Vor meinem inneren Auge sehe ich, wie ein Film abläuft. Ich kann das alles wirklich sehen, kann einen Boxer am Anfang des Kampfes sehen und genau beobachten, wie er reagieren wird. Wenn das passiert, kann ich sehen, wie ein Typ boxt, und ich weiß alles über ihn, was man wissen muss, ich kann sogar seine Gedanken lesen. Es ist ein Gefühl, als sei ich dieser Typ, denn ich bin in seinen Körper geschlüpft.“

Er behauptete sogar, er könne mittels seines Geists Ereignisse kontrollieren. Cus hatte Rocky Graziano trainiert, als der noch Amateur war.

Einmal war Cus in Rockys Ecke, und Rocky erlitt eine Schlappe. Nachdem Rocky zweimal zu Boden gegangen war, kehrte er in die Ecke zurück und wollte aufgeben. Aber Cush drängte ihn, zur nächsten Runde anzutreten, und bevor Rocky aufgeben konnte, setzte Cus all seine Willenskraft ein, um Rockys Arm dazu zu bringen, einen Schlag zu landen, und es funktionierte, der Gegner ging zu Boden, und der Ringrichter beendete den Kampf. Das war also das Schwergewicht, das mich trainierte.

Cus glaubte fest an diese Einheit von Geist und Körper. Wenn man Schwergewichtsweltmeister im Boxen werden wollte, musste man anfangen, das Leben eines Schwergewichtschampions zu führen. Damals war ich erst 14, und noch ganz unten. Ständig trainieren, denken wie ein römischer Gladiator, sich geistig in einem ständigen Kriegszustand befinden, aber nach außen hin ruhig und entspannt wirken – darauf kam es an.

Cus war auch groß in Sachen Eigenmotivation. Er besaß ein Buch des französischen Apothekers und Psychologen Emile Coué: Autosuggestion: Wie man die Herrschaft über sich selbst gewinnt. Coué erklärte seinen Patienten, sich immer wieder vorzusagen: „Ich werde jeden Tag in jeder Beziehung besser und besser“ – immer wieder. Cus hatte an einem Auge den grauen Star, wiederholte sich diesen Satz immer wieder und behauptete, dies funktioniere.

Cus wollte, dass wir die Eigenmotivation unserer jeweiligen Situation anpassten. Also ließ er mich formulieren: „Ich bin der beste Boxer der Welt. Niemand kann mich schlagen. Der beste Boxer der Welt. Niemand kann mich schlagen“ – immer und immer wieder. Ich tat es gern und hörte mich gern über mich reden.

Das Ziel all dieser Techniken bestand darin, dem Boxer Selbstvertrauen einzuflößen. Aber um dieses Selbstvertrauen zu bekommen, musste man sich selbst testen und durfte sich nicht verstecken. Dieses Gefühl entsteht nicht durch Osmose und kommt nicht aus der Luft. Es entsteht, wenn man konsequent dieses Bild im Kopf visualisiert, um das Selbstvertrauen aufzubauen, das man anstrebt.

In den ersten Wochen mit Cus machte er mich mit all diesen Dingen vertraut und erläuterte mir seinen Plan. Er übertrug mir eine Aufgabe. Ich sollte der jüngste Box-Schwergewichtschampion der Welt werden. Damals hatte ich noch keine Ahnung, aber nach einer von vier langen Unterhaltungen vertraute Cus Camille an: „Camille, das ist der Boxer, auf den ich mein Leben lang gewartet habe.“

Ich stand kurz davor, nach Brooklyn zurückgebracht zu werden. Da tauchte Bobby Stewart bei mir auf.

„Ich will nicht, dass du nach Brooklyn zurückkehrst, denn ich habe Angst, du könntest etwas Dummes anstellen, getötet oder wieder eingebuchtet werden. Willst du zu Cus ziehen?“

Ich hatte auch keine Lust, zurückzukehren, und sehnte mich nach einer Veränderung in meinem Leben. Es gefiel mir, wie diese Leute redeten und mir ein gutes Gefühl gaben, mir vermittelten, Teil der Gesellschaft zu sein. Also teilte ich meiner Mutter mit, dass ich bei Cus wohnen wolle.

„Ma, ich will bei ihm wohnen und trainieren. Ich will Boxer werden, ich kann der Beste der Welt werden.“ Cus hatte mich mit all seinem Gesülze über den Geist völlig heiß gemacht, wie groß ich werden würde, wie ich mich Tag für Tag in jeder Beziehung verbessern würde. Dieser ganze Bullshit über Selbsthilfe. Meine Mom war wenig begeistert, doch sie erteilte mir schriftlich die Erlaubnis. Vielleicht dachte sie auch, als Mutter versagt zu haben.

Also zog ich bei Cus, Camille und den anderen Boxern ein. Ich erfuhr immer mehr über Cus, da wir nach dem Training immer lange Gespräche führten. Er mochte es, wenn ich ihm all die abgefuckten Geschichten über mein Leben erzählte. Er strahlte dann wie ein Christbaum: „Erzähl mir mehr.“ Ich war der ideale Kerl für seinen Plan – zerrüttete Familienverhältnisse, ungeliebt, bettelarm. Ich war taff und stark, aber auch hinterhältig, und trotzdem ein ungeschliffener Diamant. Cus wollte, dass ich meine Defizite akzeptierte. Er vermittelte mir nicht das Gefühl, dass ich mich wegen meines Backgrounds schämen müsste oder weniger wert war. Ihm gefiel es, dass ich eine große Begeisterungsfähigkeit besaß, ein Begriff, den mir Cus beibrachte.

Da Cus ebenfalls eine schwere Kindheit gehabt hatte, konnte er sich gut in mich hineinversetzen. Seine Mutter war sehr jung gestorben. Als kleines Kind hatte er bei einem Straßenkampf die Sehkraft auf einem Auge eingebüßt. Als er ein junger Mann war, war sein Vater in seinen Armen gestorben. Und ein Bulle hatte seinen Lieblingsbruder erschossen.

Cus hatte in seinem Leben nur ein Jahr lang einen geregelten Job. Dann kündigte er, weil er Streit mit seinen Kollegen bekam. Aber er verbrachte viel Zeit damit, den Leuten in seiner Nachbarschaft zu helfen und ihre Probleme zu lösen – fast wie ein inoffizieller Sozialarbeiter. Es machte ihm viel Freude, anderen zu helfen. Cus trug auch dazu bei, dass die korrupten Politiker in seinem Bezirk abgesetzt wurden, als LaGuardia, ein Reformer, sich als Bürgermeister von New York bewarb. Er stellte sich einem der korrupten Kerle, der eine Waffe auf ihn gerichtet hatte, entgegen und war ohne Furcht.

Aber er war auch verbittert.

„Mein Leben lang habe ich mich für den kleinen Mann eingesetzt“, sagte Cus. „Weil ich mich immer für die Benachteiligten einsetzte, bekam ich viel Ärger. Einige der Menschen, denen ich geholfen habe, verdienten es nicht. Nur sehr wenige Leute sind es überhaupt wert, gerettet zu werden.“

Cus war völlig „farbenblind“. Der beste Freund seines Vaters war ein Schwarzer gewesen. Als er bei der Army im Süden stationiert war, führte er ein Boxteam. Wenn sie auf Reisen waren, wurden seine schwarzen Boxer in den Hotels abgewiesen, also übernachtete er mit ihnen in den Parks.

Er war auch ein überzeugter Sozialist und schwärmte für Che, Fidel und die Rosenbergs. Er hatte mir vom Fall Rosenberg berichtet, und ich zog ihn damit auf.

„Aber Cus, das war nicht richtig, sie waren schuldig“, sagte ich.

„Oh ja“, brüllte er. „Du hast gut reden, aber wenn die Sklaverei wieder eingeführt wird, überlegst du auch nicht, wer schuldig war oder nicht, denn genau das haben sie vor. Kapiert?“

Sein größter Feind war Ronald Reagan. Wenn Reagan einen Fernsehauftritt hatte, schrie Cus aus Leibeskräften: „LÜGNER, LÜGNER, LÜGNER!!!“ Cus war ein Fanatiker, faselte immer davon, wer sterben sollte. „Ein Mann stirbt genau so, wie er gelebt hat“, erklärte er mir.

Eines Tages sagte Cus: „Wenn du viel Geld verdienst, könntest du wirklich jedem helfen, der dir am Herzen liegt. Du könntest auch die Kirchen der Schwarzen unterstützen.“ Er fand, die Kirchen der Schwarzen seien der beste Ausgangspunkt für deren soziales Netzwerk. Er verehrte Martin Luther King. Cus half ständig irgendwelchen Leuten und verschenkte mit der Zeit sein gesamtes Geld.

„Geld ist etwas, das man mit vollen Händen ausgibt“, erklärte er mir. „Geld bedeutet Sicherheit, und für mich bedeutet Sicherheit Tod, also kümmerte ich mich nie um Geld. Alles, was mir etwas bedeutet, kann ich nicht mit Geld erwerben. Geld hat mich noch nie beeindruckt. Zu viel Geld befindet sich in den falschen Händen – eine Verbindung, die nicht gesund ist. Eigentlich gehe ich nicht leichtsinnig mit Geld um. Ich habe es Menschen in Not geschenkt, und das war keine Verschwendung.“

Er hielt auch nichts davon, unter einer konservativen Regierung Steuern zu zahlen. Als er 200.000 Dollar besaß, erklärte er sich gegenüber dem Finanzamt für insolvent.

Wie Cus zum Boxen kam, ist ein großes Geheimnis. Er tauchte irgendwann aus dem Nichts auf und erklärte: „Ich bin Boxtrainer.“ Keiner kannte ihn. Er hatte keine Ahnung von Verträgen und Boxern, doch er behauptete, Manager zu sein. Er begann damit, einen vielversprechenden jungen Schwergewichtsboxer namens Floyd Patterson zu managen und zu trainieren. Auch er stammte aus ärmlichen Verhältnissen in Brooklyn. Damals wurde der Boxsport vom IBC, dem International Boxing Club, beherrscht. Dieser bestand aus reichen Unternehmern, in deren Händen die Vermarktung der Meisterschaftskämpfe lag. Cus sorgte dafür, dass Floyd die Meisterschaft gewann, und dann flickte er dem IBC am Zeug, was bedeutete, er ging gegen den Mob an, weil Frankie Carbo, ein Mitglied der Familie Lucchese, mit dem IBC paktierte. Cus trug dazu bei, den IBC zu Fall zu bringen, und Carbo landete wegen Verschwörung, Erpressung und unerlaubter Betriebsführung im Gefängnis.

Cus’ Herz wurde gebrochen, als Roy Cohn, ein konservativer Anwalt, Patterson abwarb, indem er den frisch konvertierten katholischen Boxer mit einem Dinner mit New Yorks Kardinal Spellman lockte. Nie wieder betrat Cus daraufhin eine katholische Kirche. Er schien jetzt überhaupt zunehmend paranoid zu werden und behauptete, jemand habe versucht, ihn vor die U-Bahn zu stoßen. Er besuchte auch keine Bars mehr, weil er Angst hatte, jemand könnte ihm etwas in den Drink tun. Er ließ die Taschen seiner Mäntel zunähen, damit ihm niemand Drogen in die Taschen schmuggeln konnte, um ihn reinzulegen. Schließlich zog er ins Hinterland von New York City, nach Catskills.

Auch im Haus verhielt er sich paranoid. Niemand durfte sein Zimmer betreten, und er arrangierte ein paar Streichhölzer so, dass er feststellen konnte, ob jemand in seiner Abwesenheit in seinem Zimmer war. Wenn er mich in der Nähe seines Zimmers entdeckte, sagte er: „Was tust du denn hier oben?“

„Cus, ich wohne hier oben“, antwortete ich.

Einmal waren Tom, Frankie und zwei weitere Boxer, die im Haus wohnten, ausgegangen. Cus vertraute niemandem von uns die Hausschlüssel an, da er Angst hatte, wir könnten sie verlieren und ein Fremder so ins Haus gelangen. Als wir heimkamen und an die Tür klopften, öffnete uns niemand. Ich schaute durchs Fenster: Cus war in seinem Lieblingssessel eingeschlafen, und der Fernseher lief auf vollen Touren, weil er schlecht hörte. Tom meinte, wir sollten in dem Moment ans Fenster klopfen, wenn die Werbung kam und ein paar Sekunden Stille herrschte. Genau in diesem Augenblick klopften wir dann alle ans Fenster und brüllten „Cus, Cus!“ In einer Tausendstel Sekunde vollzog Cus eine 180-Grad-Drehung, ließ sich auf den Boden fallen, stützte sich mit der linken Hand ab und war bereit, mit der rechten Hand hochzuschnellen, um den Eindringling niederzuschlagen. Wir bogen uns vor Lachen.

Einmal ging einer der Sparringspartner, die in Cus’ Haus wohnten, abends aus, um die Nacht in der Stadt zu verbringen. Tom und ich wachten am nächsten Morgen früh auf und gingen hinunter zum Frühstück. Wir warfen einen Blick ins Wohnzimmer, und Cus lag auf dem Boden und robbte, mit dem Gewehr in der Hand, ganz stilecht vorwärts. Der Typ war nach Hause gekommen und hatte ans Fenster geklopft, aber Cus nahm vermutlich an, irgendein IBC-Mitglied sei hinter ihm her. Tom und ich stiegen über ihn, um uns in der Küche ein Müsli zu genehmigen.

Es gibt unzählige solcher Storys über Cus. Er war einfach einmalig und eine schillernde Persönlichkeit. Aber die beste Beschreibung von Cus hörte ich in einem Interview, das der große Schriftsteller Gay Talese einem jungen Mann, Paul Zuckerman, gab, der Recherchen über Cus anstellte, um eine Biografie über ihn zu schreiben.

„Er war ein römischer Krieger, der 2.000 Jahre zu spät zur Welt kam. Krieger lieben den Krieg, brauchen den Krieg, in dieser Atmosphäre fühlen sie sich am wohlsten. In Friedenszeiten halten sie sich für ruhelose und nutzlose Objekte. Sie machen gern viel Wirbel. Cus, wie auch Patterson, fühlten sich lebendig, wenn Verwirrung, Intrigen, Kampfstimmung herrschten. Dann war er voll gefordert, seine Nervenenden und sein Gehirn waren voll in Aktion, und wenn alles in Bewegung war, dann war er zufrieden. Wenn dies nicht zutraf, musste er eine entsprechende Atmosphäre schaffen oder alles dramatisieren, musste das Feuer schüren, um sich lebendig zu fühlen. Das gab ihm einen Kick. Er war ein Aktionist, benötigte Action.“

Cus war ein General, und ich war sein Soldat. Und wir waren bereit, in den Krieg zu ziehen.

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Ich war ein nutzloser Nigga, bei dem nicht mal Thorazin wirkte, und galt als geistig zurückgeblieben, und da kam dieser alte Mann, ein Weißer, und verpasste mir ein Ego. Einmal sagte Cus zu mir: „Mike, wenn du bei einem Psychiater im Sprechzimmer sitzt, und er fragt dich: ‚Hören Sie Stimmen?‘, antwortest du ihm: ‚Nein.‘ Aber die Stimmen flüstern dir zu, Nein zu sagen, ist es nicht so?“ Cus war ein tiefsinniger Mensch. Niemand hat mir je deutlicher zu Bewusstsein gebracht, dass ich ein Schwarzer bin. Er war so hartgesotten und sprach mit mir, wie es ein verbitterter Schwarzer getan hätte. „Mike, sie glauben, sie seien besser als du“, sagte er. Wenn er jemanden mit einem Fiat oder einem Rolls Royce sah, warf er mir einen Blick zu und sagte: „Den könntest du auch haben. Es ist nicht das Schwierigste im Leben, reich zu werden. Du bist diesen Leuten überlegen. Sie können nie und nimmer das tun, wozu du fähig bist. Du hast es im Blut. Meinst du, ich würde dir das sagen, wenn du’s nicht im Blut hättest? Vermutlich könnte ich dich zu einem besseren Boxer machen, aber ich könnte keinen Boxweltmeister aus dir machen.“

Wow. Ich hatte immer angenommen, ich sei Scheiße, weil mir das meine Mutter immer wieder vorgeleiert hatte. Nie fand jemand ein gutes Wort für mich oder über mich. Und da kam dieser Kerl und sagte: „Ich wette mit dir, dass du einen Oscar gewinnen könntest, wenn du es versuchen würdest. Du wärst als Schauspieler bestimmt genauso gut wie als Boxer. Willst du Rennfahrer werden? Ich wette, du wärst der Beste der Welt, denn du bist cleverer und taffer als die anderen Jungs in dieser Branche. Du könntest überall Erfolg haben. Du darfst dir nie sagen, ich kann das nicht. Ich kann nicht, gibt’s nicht.“

Wenn ich mutlos war, was häufig der Fall war, munterte mich Cus damit auf, mir eine exotische Welt voller Schätze vorzustellen. Alles, was er mir erzählte, war so fremd für mich, aber es gefiel mir.

„Du brauchst nur auf mich zu hören“, sagte er. „Menschen königlicher Abstammung werden deinen Namen kennen. Junge, hörst du mir auch zu? Die ganze Welt wird erfahren, wer du bist. Der Name deiner Familie wird in aller Munde sein. Man wird deine Mutter, deine Familie, deine Kinder respektieren. Wenn du einen Raum betrittst, werden die Leute aufstehen und dir Beifall spenden.“

Cus würde mich nicht im Stich lassen. Wenn ich mutlos war und am liebsten aufgegeben hätte, gab er mir neuen Mut. Cus predigte immer: „Meine Aufgabe besteht darin, die Schäden, die dein wahres Talent daran hindern, sich zu entfalten und dein Potenzial zu verwirklichen, Schicht für Schicht abzutragen.“ Er vollzog diesen Schälungsprozess an mir, und es tat weh. Ich schrie: „Lass mich allein. Aarggh!“ Er quälte meinen Geist. Er beobachtete mich beim Training mit einem älteren Jungen, und ich bildete mir ein, ich sei müde, und schlug deshalb nicht zurück. Mein Kontrahent drangsalierte mich. Später redete Cus mit mir darüber, konfrontierte mich mit meinen Ängsten. Er war ein Perfektionist. Ich trainierte am Sandsack alle möglichen Schläge, und Cus stand da und beobachtete mich.

„Es ist gut, aber es ist nicht perfekt“, murmelte er in seinem breiten Bronx-Slang.

Cus wünschte sich den gemeinsten Boxer, den Gott je erschaffen hatte, jemanden, der seine Gegner zu Tode erschreckte, noch bevor diese in den Ring stiegen. Er brachte mir bei, mich innerhalb und außerhalb des Rings wild und brutal zu verhalten. Zu der Zeit brauchte ich das. Ich war so unsicher, so ängstlich. Als kleines Kind war ich von Menschen traumatisiert worden, die immer auf mir herumhackten. Ich hasste diese Demütigung, schikaniert zu werden. Dieses Gefühl lässt einen den Rest des Lebens nicht mehr los. Sie werden es nie vergessen, sowas vergisst man nie, denn dies hinterlässt ein übles Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Deshalb vermittelte ich diesen Leuten immer den Eindruck, dass ich ein gemeiner, wilder Scheißkerl sei.

Aber Cus vermittelte mir das Selbstvertrauen, dass ich mir keine Sorgen machen müsse, je wieder schikaniert zu werden. Ich wusste, niemand würde sich je wieder physisch mit mir anlegen.

Cus war viel mehr für mich als nur ein Boxtrainer. Er brachte mir so viel Wertvolles bei. Er war wie ein Guru und sagte immer Dinge, die mich zum Nachdenken brachten:

„Egal, was jemand sagt, egal, welche Entschuldigung oder Erklärung dieser vorbringt, das, was er letztlich tut, entspricht dem, was er eigentlich schon immer tun wollte.“

„Nun, ich bin kein Gott, ich entdecke nur und decke auf. Meine Aufgabe besteht darin, den Funken zu entzünden, das Feuer zu schüren, bis es lichterloh brennt.“

Selbst in den banalsten Situationen verhielt er sich weise. Camille war immer darauf bedacht, dass die Jungs im Haus ihre Aufgaben erfüllten. Ich hasste Hausarbeit und war ganz auf mein Boxtraining konzentriert. Eines Tages sagte Cus zu mir: „Du weißt, Camille will unbedingt, dass du bei der Hausarbeit hilfst. Wenn du sie machen würdest, müsste ich mir weniger Gedanken machen. Es könnte mir egal sein, aber das trägt auch dazu bei, dich zu einem besseren Boxer zu machen.“

„Wie soll ich ein besserer Boxer werden, wenn ich den Müll raustragen muss?“, spottete ich.

„Etwas zu tun, was man hasst, ist eine gute Vorbereitung für jemanden, der nach Größe strebt.“

Danach musste Camille mich nie wieder an meine Pflichten im Haushalt erinnern.

Eines Tages rief mich Cus in das Zimmer, in dem er sich gerade aufhielt.

„Hast du Angst vor Weißen?“, fragte er unvermittelt. „Gehörst zu der Sorte? Hast du Angst vor Schnauzern und Bärten? Ich kannte schwarze Boxer, die Angst davor hatten, weiße Kontrahenten zu schlagen. Du gehörst besser nicht dazu.“

Es war seltsam. Cus sagte mir freiweg, ich solle mich nicht einschüchtern lassen, aber die Art, wie er mir das vermittelte, schüchterte mich ein.

Cus war immer tiefernst und lächelte nie. Aber er behandelte mich nicht wie einen Teenager, sondern vermittelte mir immer das Gefühl, dass wir eine Aufgabe zu erfüllen hatten. Er setzte mir ein Ziel. Ich trainierte Tag für Tag und dachte über diese verdammte Aufgabe nach. Noch nie zuvor hatte ich in meinem Leben so empfunden. Eine Ausnahme bildeten lediglich meine Überlegungen zum Stehlen.

Manchmal geschahen auch Dinge, die unser Ziel greifbar erscheinen ließen. Einmal kam Wilfredo Benitez, um in Catskill zu trainieren. Ich war einfach überwältigt, denn ich war ein Fan von ihm. Ich hatte einen Kampf von ihm im Fernsehen gesehen; es lohnte sich, ihn anzuschauen. Er wirkte wie radargesteuert, verteilte seine Schläge mit geschlossenen Augen. Ein wahrer Meister! Und er hatte seinen Weltmeisterschaftsgürtel dabei. Tom Patti, einer von Cus’ anderen Boxern, war auch da. Benitez zog eine kleine Schachtel heraus, in der der Gürtel aufbewahrt wurde, und ich durfte ihn berühren. Ich hatte das Gefühl, den Heiligen Gral zu sehen.

„Mann o Mann, Tommy, schau dir das an, es ist der Mann mit dem Gürtel“, sagte ich. „Ich muss auch einen haben und werde hart dafür trainieren. Wenn ich ihn gewinne, werde ich den Gürtel nie wieder abnehmen.“

Ich war sehr gern mit Benitez zusammen. Er inspirierte mich und weckte in mir den Wunsch, noch engagierter und hingebungsvoller zu werden.

Dank Cus kam ich auch mit Ali ins Gespräch. Im Oktober 1980 fuhren wir alle nach Albany, um eine Übertragung von Ali, die nur auf einem Privatkanal lief, anzuschauen. Er versuchte, seinen Titel von Larry Holmes zurückzugewinnen. Ali wurde von ihm aufs Übelste vermöbelt. Cus war fuchsteufelswild, noch nie hatte ich ihn so wütend erlebt. Nach dem Kampf verzog er keine Miene, da er Interviews geben und Hände schütteln musste. Aber als wir im Auto saßen, konnte man seine negative Energie geradezu fühlen. Auf der 45 Minuten langen Heimfahrt wechselten wir kein Wort.

Am nächsten Morgen war Alis Berater Gene Kilroy am Telefon und verband Ali mit Cus.

„Wie hast du dich von diesem Penner besiegen lassen? Er ist ein Penner, Muhammad, wirklich. Warum hast du dich von diesem Dreckskerl so vermöbeln lassen?“

Ich lauschte Cus’ Gespräch, und jedes Mal, wenn er „Penner“ sagte, ging es mir durch Mark und Bein. Ich fing an zu weinen. Das war ein schlimmer Tag in meinem Leben.

Dann machte Cus ein mentales Experiment mit mir.

Ich hörte, wie er sagte: „Hier wohnt ein schwarzer Junge, und er wird Schwergewichtsweltmeister. Er heißt Mike Tyson. Bitte, Muhammad, rede mit ihm. Sag ihm, er soll auf mich hören.“

Cus reichte mir den Hörer.

„Tut mir leid, was mit Ihnen passiert ist“, sagte ich. Ich war ein kleines Arschloch.

„Ich war krank“, erklärte Ali mir. „Ich nahm Medikamente, die mich schwächten, und deshalb konnte Holmes mich schlagen. Ich erhole mich aber und trete erneut gegen ihn an, und dann besiege ich ihn.“

„Machen Sie sich keine Sorgen, Champ“, sagte ich. „Wenn ich groß bin, schlage ich ihn für Sie.“

Viele Leute meinen, Ali sei mein Lieblingsboxer gewesen. Aber in Wahrheit war es Roberto Durán. Ali bewunderte ich, weil er gut aussah und redegewandt war. Und ich war klein und hässlich und hatte eine Sprachstörung. Als ich Durán boxen sah, war er noch ein Straßenjunge. Seinen Gegnern gab er zu verstehen: „Du Dreckskerl, blas mir einen. Nächstes Mal landest du in der verdammten Leichenhalle.“ Nachdem er Leonard in ihrem ersten Kampf geschlagen hatte, begab er sich zu Benitez’ Platz und sagte: „Fuck. Du hast weder den Mumm noch die Eier, mich zu besiegen.“

„Mann, dieser Kerl ist wie ich“, dachte ich. Genau das wollte ich tun. Er schämt sich nicht, dass er so ist, wie er ist. Mit ihm war ich auf einer Wellenlänge. Als meine Karriere in Schwung kam und man anfing, über mich zu reden, wurde ich voller Bewunderung als Wilder gelobt. Ich wusste, wenn man als Tier bezeichnet wurde, war dies das höchste Lob, das man einheimsen konnte.

Als ich wieder in der Stadt war, ging ich in Victor’s Café, weil ich gehört hatte, dort würden Aufnahmen von Durán hängen. Ich setzte mich an einen Einzeltisch, betrachtete Duráns Fotos an der Wand und malte mir meinen Traum aus.

Ich war traurig, als Durán bei dem No-Más-Kampf gegen Leonard aufgab. Cus und ich schauten uns den Fight in Albany an, und ich war so außer mir, dass ich zu heulen anfing. Aber Cus hatte es gewusst.

„Er wird es kein zweites Mal schaffen“, hatte er vorausgesagt.

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Als ich in Cus’ Haus zog, war ich bereits fester Bestandteil seiner Pläne. Jeden Tag hatte ich ein hartes Training vor mir. Ich besaß nie das Privileg, Boxen als Sport oder als Freizeitvergnügen zu genießen. Cus war ziemlich extrem, aber ich war es ja auch. Ich wollte damals unbedingt Achilles sein. Ich war der Typ, über den man spottete: „Gib ja dem Nigga kein Seil, sonst will er gleich Cowboy spielen.“ Ich war einer, der keine Hoffnung hatte. Aber wenn man mir auch nur einen Schimmer Hoffnung in Aussicht stellte, dann Gnade dir Gott, denn ich hebe ab.

Gewöhnlich musste Cus die Boxer morgens wecken. Doch zu der Zeit kam ich schon vom Joggen zurück. Cus wollte den Tisch fürs Frühstück decken, aber ich hatte es bereits erledigt. Er wurde wütend. „Wer hat meinen Tisch gedeckt?“, bellte er. Er war bestürzt, dass ich schneller gewesen war als er. Dann machte mir Cus das Frühstück. Er warf eine ganze Packung Speck, ungefähr 20 Scheiben, in die Bratpfanne und briet die Spiegeleier in diesem Fett. Ich trank keinen Kaffee, aber Tee. Jeden Morgen vollzog er dieses Ritual, auch wenn er wütend auf mich war.

Wir beide erkannten, dass wir den Wettlauf mit der Zeit aufgenommen hatten. Cus war in den Siebzigern und kein junger Spund mehr, also bemühte er sich, all sein Wissen in mich hineinzustopfen. Saug den ganzen Scheiß in dich auf. Wenn du es in dich einsaugst, verinnerlichst du es, sofern du kein völliger Idiot bist. Ich wurde immer erfahrener im Boxsport, aber meine Reife, mein Gehirn hielten nicht Schritt mit meinen boxerischen Fähigkeiten. Es war nicht so, als ginge ich zur Schule und würde meinen Charakter formen, um ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden. Nein, ich tat es, um Weltmeister im Schwergewichtsboxen zu werden; dessen war sich Cus voll und ganz bewusst.

„Wenn ich nur mehr Zeit mit dir hätte“, sagte er. Doch dann fuhr er fort: „Ich bin jetzt seit 60 Jahren im Kampfsport und habe noch nie jemanden erlebt, der so viel Interesse zeigt wie du. Du redest ununterbrochen übers Boxen.“

Ich war auch extrem. Wenn wir eingeschneit waren, trainierte Cus mich im Haus. Nachts blieb ich stundenlang auf und trainierte Schattenboxen. Mein Leben hing vom Erfolg ab. Würde ich keinen Erfolg haben, wäre ich lediglich ein nutzloses Stück Scheiße. Außerdem tat ich es auch für Cus. Er hatte ein hartes Leben hinter sich, mit vielen Enttäuschungen. Ich war also hier, um das Ego und den Stolz dieses alten Italieners zu verteidigen. Für was zum Teufel hielt ich mich?

Wenn ich nicht beim Training war, sah ich mir mindestens zehn Stunden am Tag alte Boxfilme an, oben in meinem Zimmer, die ganze Nacht hindurch. Das war mein Wochenendvergnügen. Ich drehte die Lautstärke auf, sodass man es im ganzen Haus hörte. Cus kam dann hoch in mein Zimmer und fragte: „Was zum Teufel tust du da?“

„Ich sehe mir Filme an“, erwiderte ich.

„He, du musst jetzt schlafen gehen. Alle wollen jetzt hier schlafen“, sagte er. Dann ging er wieder die Treppe hinunter, und ich hörte ihn murmeln: „Noch nie habe ich so ein Kind erlebt. Schaut sich die ganze Nacht Filme an und weckt damit das ganze verdammte Haus auf.“

Manchmal sahen wir uns die Filme gemeinsam an, und Cus gab mir Tipps, wie ich Dempsey, Jeffries und Louis schlagen könnte.

Ich war so aufs Boxen fixiert, dass ich manchmal sogar mit meinen Boxhandschuhen ins Bett ging. Ich war ein Tier und träumte, dass Mike Tyson ein großer Boxer wäre. Für dieses Ziel opferte ich alles. Keine Frauen, kein Essen. Ich hatte eine Essstörung, bekam regelrechte Fressattacken. Und zudem befand ich mich in der Pubertät. Ich bekam Akne, meine Hormone spielten verrückt, ich wollte ständig Eis essen, aber ich durfte mein Ziel, Weltmeister zu werden, nicht aus den Augen verlieren. Ich redete mit Cus über Mädchen, und er tat das Thema ab, erklärte mir, dass ich alle Frauen der Welt haben würde.

Einmal war ich etwas trübsinnig.

„Cus, werde ich denn nie Spaß mit einem Mädchen haben?“

Cus schickte jemanden los, um etwas zu besorgen. Er kam mit einem dieser Miniatur-Baseballschläger zurück und zeigte ihn mir. „Es werden dich so viele Mädchen umschwärmen, dass du das hier brauchst, um sie abzuwehren.“

Also konzentrierte ich mich auf mein Training und holte mir ab und zu einen runter. Ich stellte mir vor, wenn ich Weltmeister wäre, hätte ich jede Menge Geld und könnte mir so viele Tussis besorgen, wie ich Lust hatte.

Cus hatte einige ungewöhnliche und unorthodoxe Techniken auf Lager. Einige machten sich über seinen Stil lustig, aber nur deshalb, weil sie ihn nicht wirklich begriffen. Sie bezeichneten ihn als Guckguck-Stil. Er war stark auf die Abwehr ausgerichtet. Man hielt beide Fäuste vors Gesicht, immer bereit, zurückzuschlagen. Hände und Ellbogen bewegten sich im selben Rhythmus. Und wenn der Gegner zum Angriff überging, blockte man mit den Fäusten den Schlag ab und konterte mit einem Gegenschlag.

Cus’ Angriff begann mit einer guten Abwehr. Er fand, es sei für seine Boxer von größter Bedeutung, keinen Schlag abzubekommen. Um zu lernen, wie man Fausthieben auswich, verwendete er einen Slipbag, einen Segeltuchsack, der mit Sand gefüllt war und um den ein Seil gewunden war. Man musste ihm ausweichen und vermeiden, dass er einen am Kopf traf. Ich wurde richtig gut darin.

Dann verwendete er etwas, das „The Willie“ genannt wurde, nach dem Boxer Willie Pastrano. Es war eine Segeltuchmatratze in einem Rahmen, auf die ein Oberkörper skizziert war. Der Körper war in verschiedene Zonen aufgeteilt, und jede Zone war mit einer Zahl gekennzeichnet. Die ungeraden Zahlen galten für Schläge mit der linken Hand und die geraden Zahlen für Schläge mit der rechten. Dann spielte Cus eine Kassette ab, auf der er verschiedene Zahlensequenzen aufgenommen hatte. Also hörte man „fünf, vier“ und versetzte dem Körper sofort einen linken Haken und einen rechten Uppercut gegen das Kinn. Die Idee, die dahinterstand, war: Je häufiger man diese Aktionen als Reaktion auf die Zahlen wiederholte, desto instinktiver und roboterhafter würde man sie ausführen und müsste nicht mehr darüber nachdenken. Nach einer Weile würde man die Schläge mit geschlossenen Augen verteilen.

Cus war der Meinung, dass die Boxer deshalb von der Rechten getroffen wurden, weil sie unbeweglich waren und ihre Fäuste zu tief hielten. Also lehrte er mich, eine U-förmige Bewegung einzubauen und die Arme nicht nur auf und ab zu bewegen. Er hielt mich ständig in Bewegung, seitwärts, vorwärts, seitwärts, vorwärts. Cus meinte, man erziele mit den Schlägen die höchste Wirkung, wenn man einen Doppelschlag setzen könne. Je mehr man dies verinnerlichte, desto höher die Chance, dass dies in einem K.o. enden würde.

Auch wenn Cus die Abwehr sehr wichtig fand, wusste er genau, dass defensive Boxer langweilig sein können.

„Boxen ist Unterhaltung. Wenn ein Boxer erfolgreich sein will, darf er nicht nur gewinnen, sondern muss den Sieg auf unterhaltsame Weise erringen. Er muss Schläge mit bösen Absichten verteilen“, pflegte Cus immer zu sagen. Er sah mich als aggressiven Counter-Puncher, der seine Gegner zwang, zuzuschlagen oder zu laufen. Cus versuchte immer, den Kontrahenten im Ring zu manipulieren. Wenn man ständig ihren Schlägen auswich, wurden sie frustriert und verloren ihr Selbstvertrauen. Und dann waren sie fällig. Weich dem Schlag aus und kontere. Beweg dich und schlag gleichzeitig zu. Erzwinge den Ausgang. Er vertrat die Meinung, kurz angesetzte Schläge könnten wirkungsvoller sein als lange.

Cus heuerte die besten Sparringspartner für mich an. Mein Lieblingspartner war Marvin Stinson, ein ehemaliger Olympiasieger. Er war Holmes bester Sparringspartner gewesen, und Cus brachte ihn dann mit mir zusammen. Er war ein fantastischer Mentor für mich, instruierte mich über das Geheimnis der Bewegung und das Verteilen von Schlägen.

Als wir mit unserem ersten Training fertig waren, nahm er mich zur Seite und gab mir seine Laufhandschuhe, da es morgens, wenn ich joggte, immer so kalt war. Er hatte bemerkt, dass ich keine besaß.

Meine Sparring-Sessions waren der totale Krieg. Bevor wir gegeneinander antraten, nahm Cus mich zur Seite: „Hör zu, du nimmst das nicht auf die leichte Schulter, du gehst da raus und gibst dein Bestes“, sagte er. „Du machst alles so, wie du es gelernt hast, und das in voller Geschwindigkeit. Ich will, dass du dem Kerl alle Rippen brichst.“

Die Rippen brechen? Beim Sparring? Er wollte, dass ich auf die Kerle, gegen die ich antreten würde, vorbereitet war und wollte sicherlich, dass ich ihnen bei einem echten Kampf die Rippen brach. Wenn Cus einen guten Sparringspartner für mich fand, behandelte er ihn besonders zuvorkommend, da er wusste, dass die Arbeit mit ihnen mir guttun würde. Er bezahlte die Sparringspartner immer sehr großzügig.

Aber das war keine Garantie, dass sie bleiben würden. Häufig kam ein Sparringspartner in Cus’ Haus, mit der Absicht, drei Wochen zu bleiben. Aber dann konnte es passieren, dass wir nach der ersten Trainingseinheit nach Hause gingen und sie sich aus dem Staub gemacht hatten. Manche verdufteten so schnell, weil ich die Scheiße aus ihnen rausgeprügelt hatte, dass sie sich nicht mal die Mühe machten, ihr Gepäck mitzunehmen. Wenn dies geschah, gingen Tom und ich schnurstracks in ihr Zimmer und durchwühlten ihre Kleider, Schuhe und ihren Schmuck. Wenn wir Glück hatten, fanden wir Gras oder zumindest Schuhe, die uns passten.

Manchmal schleppte Cus etablierte Boxer an, die mit mir trainieren sollten. Ich war 16, als er Frank Bruno nach Catskill brachte. Bruno war damals 22. Wir trainierten zwei Runden.

Bevor ich mit einem etablierten Boxer trainierte, nahm Cus diesen zur Seite.

„Hör zu, er ist noch ein Junge, aber mach es ihm nicht zu leicht. Gib dein Bestes“, sagte er ihm.

„Okay, Cus“, erwiderte dieser. „Ich arbeite mit dem Jungen.“

„He, hör mir gut zu. Arbeite nicht mit ihm, sondern gib dein Bestes.“

Wir kämpften, um Menschen zu verletzen, nicht nur, um zu gewinnen. Wir unterhielten uns stundenlang über das Verletzen von Menschen. Das bläute Cus mir ein. „Mike, der Champ wird von dir hören“, sagte Cus zu mir. „Er wird dich beobachten.“ Aber auch die anderen hörten von uns, die Trainer, die Manager, die Promoter und der gesamte Boxbetrieb. Cus war wieder an Bord.

Ich sah mir nicht nur die alten Filme an, sondern verschlang auch alles, was ich über diese großen Boxer in die Finger bekam. Kurz nachdem ich bei Cus eingezogen war, las ich in besagter Box-Enzyklopädie, die er mir gegeben hatte, und fing an zu lachen, als ich las, dass ein Champ seinen Titel nur ein Jahr lang behalten hatte. Cus blickte mich mit seinen alten durchdringenden Augen an und sagte: „Den Meistertitel ein Jahr zu halten, ist mehr wert, als ein Leben lang unbedeutend zu sein.“

Als ich anfing, das Leben der großen alten Boxer zu studieren, erkannte ich viel Ähnlichkeit zu dem, was Cus predigte. Sie waren alle üble Drecksäcke. Dempsey, Mickey, Walker, sogar Joe Louis waren miese Kerle, auch wenn der taffe Louis ein introvertierter Mensch war. Ich richtete mich darauf ab, böse zu sein. Wenn ich zur Schule ging, war ich böse und fauchte jeden an. Tief in meinem Inneren wusste ich, dass ich böse sein musste, denn wenn ich versagte, würde Cus mich fallenlassen und ich würde verhungern.

Cus hatte mir ein Buch zum Lesen gegeben, In This Corner. Ich konnte es nicht aus der Hand legen. Ich sah, wie diese Boxer mit ihren Emotionen umgingen, wie sie sich auf die Kämpfe vorbereiteten. Dieses Buch vermittelte mir tiefe Einblicke in die Psychologie des Menschen. Es faszinierte mich, wie hart die Boxer damals gearbeitet hatten, wie hungrig sie waren. Ich las, dass John L. Sullivan trainierte, indem er fünf Meilen joggte und dann diese Strecke zurücklief und 20 Sparringsrunden absolvierte. Ezzard Charles trainierte, indem er nur drei bis vier Meilen pro Tag joggte und sechs Runden boxte. Ich dachte: Verdammt, Sullivan trainierte in den 1880ern härter als der Typ in den 1950ern. Ich fing also an, die zwölf Meilen bis zur Sporthalle zu Fuß zu gehen, absolvierte mein Sparring und ging dann wieder zu Fuß zurück nach Hause. Ich fing an, den Typen der alten Schule nachzueifern, da sie richtig cool waren. Und sie hatten eine lange Karriere hinter sich.

Ich machte Cus verrückt, weil ich ihn ständig nach diesen alten Boxkämpfen ausfragte. Ich weiß, er liebte es, übers Boxen zu reden, aber manchmal übertrieb ich es wohl auch. Ich las alle Bücher übers Boxen, die Cus hatte. Wenn wir also beim Essen saßen, und Cus den anderen Jungs die Boxgeschichte näher brachte und nach einem Namen oder einem Datum suchte, beendete ich den Satz für ihn.

„Dieser Junge weiß alles“, sagte er. „Man könnte meinen, er sei dabei gewesen.“

Ich nahm die Boxgeschichte so ernst, weil ich so viel von den alten Boxern lernte. Was musste ich tun, um so zu sein? Was konnte dieser oder jener Boxer Besonderes? Cus klärte mich darüber auf, wie böse und gemein sie außerhalb des Rings waren. Aber wenn sie im Ring standen, waren sie entspannt und ruhig. Ich war ganz aufgeregt, wenn Cus über diese Jungs redete, und erkannte, dass er sie sehr schätzte. Ich wünschte mir, dass jemand so über mich sprach. Ich wünschte mir so sehr, Teil dieser Welt zu sein, schaute mir die Kämpfe im Fernsehen an und sah, wie die Boxer mit verzerrter Miene ihre Schläge austeilten und dass ihre Körper sehr muskulös waren. Ich wünschte mir, es würde sich um mein Gesicht und meinen muskulösen Körper handeln.

Wir unterhielten uns über die Boxsportgrößen. Ich schwärmte für ...

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