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Umweg zum Glück

1. KAPITEL

Jacqui Moore blickte angestrengt durch den Nebel und bemühte sich, ihren Wagen auf dem schmalen Weg zwischen den Steinmauern zu halten. Nicht zum ersten Mal an diesem Tag wünschte sie sich, auch einmal Nein sagen zu können. Fest entschlossen betrat sie schließlich Vickie Campbells Service-Agentur.

„Jacqui, es geht doch nur um einen kurzfristigen Einsatz. Für eine erfahrene Kraft wie dich ein Kinderspiel“, schmeichelte Vickie.

„Ich bin kein Kindermädchen mehr, weder für kurze noch für längere Zeit“, entgegnete Jacqui beharrlich.

„Nur ein paar Stunden“, fuhr Vickie Campbell fort, als hätte sie Jacquis Antwort überhaupt nicht gehört. „Wenn es kein Notfall wäre, würde ich dich nicht fragen, und Selina Talbot ist eine ganz besondere Kundin.“

„Selina Talbot?“

„Ah, endlich hörst du mir zu“, bemerkte Vickie zufrieden. „Weißt du, dass sie ein verwaistes Flüchtlingskind adoptiert hat?“

„Ja, ich habe einen Bericht in der Zeitung über sie gelesen.“

„Wir suchen ihr gesamtes Personal aus.“

„Tatsächlich?“ Jacqui war fest entschlossen, jeglicher Versuchung zu widerstehen. „Und warum kümmert sich nicht eine deiner wunderbaren Nannys um die Kleine?“

„Diejenige, die ich ausgesucht habe, ist jetzt gerade im Urlaub …“

„Urlaub! Was für ein Zufall! Du erinnerst dich doch sicher, dass du mich gebeten hast, auf dem Weg zum Flughafen bei dir vorbeizukommen, da deine Agentur ganz in der Nähe liegt.“ Absichtlich betonte sie das Wort Flughafen besonders nachdrücklich. „Du wolltest mir etwas geben.“

„Stimmt!“ Vickie öffnete ihre große Schreibtischschublade und reichte Jacqui einen gepolsterten Briefumschlag. „Das schickt dir Familie Gilchrist.“

Mit klopfendem Herzen nahm Jacqui die Post aus Hongkong an sich. Als sie den Umschlag öffnete, kam ein silbernes Armband zum Vorschein, und eine Karte fiel heraus.

Mit einem mulmigen Gefühl hob Jacqui sie auf und las die an sie gerichteten Zeilen.

„Jacqui?“, fragte Vickie besogt, als sie Jacquis geistige Abwesenheit bemerkte.

Jacqui schüttelte den Kopf und blinzelte heftig, während sie die Karte in ihre Tasche steckte. Einen Moment lang war sie außerstande zu reden.

„Was ist das? Haben die Gilchrists dir ein Andenken geschickt?“

„So ungefähr“, erwiderte Jacqui, weil sie nicht sagen konnte, was wirklich dahintersteckte.

Vickie nahm ihr das Armband ab. „Oh, ein Bettelarmband mit einem kleinen Herzen. Wie niedlich. Man hat sogar etwas eingraviert.“ Sie hielt das Armband ans Licht, damit sie die winzige Inschrift lesen konnte. „Ich muss sicher bald zum Augenarzt“, stellte sie fest, „aber ich glaube hier steht … ‚… im Vergessen lächeln …‘“ Vickie zog die Stirn in Falten. „Was bedeutet das?“

„Das ist ein Zitat aus einem Gedicht von Christina Rossetti“, erklärte Jacqui wie benommen. „‚Da wollt’ ich lieber, du könntest im Vergessen lächeln, als dass Erinnerung dich schmerzte.‘“

„Ah, ich verstehe. Vielleicht ist das ein guter Rat.“

„Ja“, murmelte Jacqui.

„Ich weiß, wie schwer es ist, jemanden zu verlieren, Jacqui. Sie wird dich nie vergessen und sich immer daran erinnern, was du für sie getan hast.“

Jacqui war bewusst, was sie getan hatte. Deshalb wollte sie nicht mehr als Kindermädchen arbeiten.

„Soll ich es dir anlegen?“, fragte Vickie und deutete auf das Armband.

Da es seltsam gewirkt hätte, wenn sie das Armband mit der Karte einfach weggesteckt hätte, ließ sie zu, dass Vickie ihr half.

„Gut, wenn das alles ist, dann mache ich mich jetzt auf den Weg“, verkündete Jacqui. Sie wollte so schnell wie möglich fort.

„Du brauchst dich nicht zu beeilen. Schließlich startet dein Flugzeug erst in ein paar Stunden. Bestimmt kannst du noch etwas Geld gebrauchen. Schließlich hast du seit Monaten nicht mehr gearbeitet.“

„Für dich habe ich nicht mehr gearbeitet“, korrigierte Jacqui sie. „Was übrigens auch meine volle Absicht war. Stattdessen war ich als Zeitarbeitskraft in einem Büro beschäftigt. Die Atmosphäre war wirklich angenehm. Regelmäßige Arbeitszeiten, freie Wochenenden und gute Bezahlung.“

Vickie, der man nichts vormachen konnte, verdrehte die Augen.

Okay, „wirklich angenehm“ war etwas übertrieben.

„Sie wollten mich sogar fest anstellen“, ergänzte Jacqui.

„Du brauchst dir gar nicht solche Mühe zu geben, ich glaube dir sowieso nicht, dass du dich da wohlgefühlt hast“, sagte Vickie lachend.

Jacqui hatte im Büro tatsächlich gute Arbeit geleistet und all die langweiligen, eintönigen Aufgaben erledigt, die sonst niemand übernehmen wollte. Jede Minute ihrer Arbeit hatte sie gehasst, aber sie betrachtete sie als Buße und bestrafte sich sechs Monate lang selbst. Leider hatte es nicht geholfen. Sie würde etwas anderes ausprobieren müssen. Vielleicht hatte ihre Familie recht, als sie ihr empfahl, einmal Urlaub zu nehmen, um in Ruhe zu entscheiden, was sie mit ihrem Leben anfangen wollte.

„Du kommst an dem Haus praktisch vorbei“, brachte Vickie ihr Anliegen beharrlich noch einmal zur Sprache. Jacqui wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen und sah sich gezwungen, sich auf das aktuelle Problem zu konzentrieren. Vickie war hartnäckig, aber nur so hatte sie ihre gut betuchten Kunden gewonnen.

„Wirklich? Die Landstraße führt durch Little Hinton?“

„Nicht direkt“, gab Vickie zu, „aber es ist nur ein kleiner Umweg. Das Dorf ist lediglich fünf Meilen von der nächsten Ausfahrt entfernt.“

„Fünf? Per Luftlinie?“, spöttelte Jacqui.

Vickie aber ließ sich nicht beirren: „Höchstens sechs. Ich kann dir den Weg auf der Karte zeigen.“

„Danke, aber ich habe nicht vor hinzufahren.“

„Gut, ich will ehrlich zu dir sein …“, seufzte Vickie.

„Das wäre zur Abwechselung wirklich nett.“

„Ich zähle auf dich. Selina Talbot kann jeden Moment kommen, und es könnte Stunden dauern, bis ich jemanden finde, der die Aufgabe übernimmt.“

„Man sollte immer für den Notfall gewappnet sein, nicht?“, bemerkte Jacqui spitz.

„Ach komm, du sollst ja auch nur kurz einspringen. Man kann doch nicht einfach ein Kind hier in meinem Büro herumsitzen und sich zu Tode langweilen lassen.“

Jacqui berührte das Armband an ihrem Handgelenk. „Ich könnte damit leben“, meinte sie. „Ob du es könntest, ist eine andere Frage.“

„Bitte, Jacqui. Ich habe Besprechungen, Vorstellungsgespräche …“

„Und ein Büro voller Mitarbeiter …“

„Die sind allesamt beschäftigt. Du brauchst Maisie nur zu ihrer Großmutter zu bringen, und dann kannst du in die Sonne fliegen und dich zwei Wochen lang vergnügen, ohne an uns zu denken. Während wir hier bei Kälte und Regen wie die Sklaven arbeiten …“ Vickie ließ nicht locker.

„Soll ich jetzt etwa ein schlechtes Gewissen haben?“, erwiderte Jacqui.

Der Urlaub war nicht ihre Idee gewesen, sondern ihre Familie hatte darauf bestanden, dass sie eine Auszeit benötigte. Dabei brauchte ihr das eigentlich niemand zu sagen. Das müde Gesicht, das ihr jeden Morgen aus dem Spiegel entgegenblickte, sprach Bände.

Aber Vickie glaubte wohl, dass sie es besser wusste. Jacqui hatte den Verdacht, dass ihre ehemalige Chefin den Personalmangel nur vortäuschte, um sie mit einem neuen Auftrag gleich wieder ins kalte Wasser zu werfen. Sie schien sich als Amateurpsychologin zu versuchen, und es geschähe ihr recht, wenn sie jetzt einfach ginge und Vickie mit einem verwöhnten Kind zurückließe, das ihr Büro ins Chaos stürzen würde.

„Ich zahle dir das Doppelte …“, bot Vickie ihr an.

„Klingt ziemlich verzweifelt.“

„… und wenn du dann zurückkommst“, fuhr Vickie fort, als hätte sie Jacquis Kommentar nicht gehört, „können wir uns über deine Zukunft unterhalten.“

„Ich habe keine Zukunft“, unterbrach Jacqui ihre Freundin energisch, bevor die Situation völlig aus dem Ruder geriet.

Sie war nur deshalb bereit gewesen, auf dem Weg zum Flughafen bei Vickie vorbeizukommen, weil sie ihr so persönlich mitteilen konnte, dass sie nicht mehr für sie arbeiten wollte.

In Spanien würde man sie hoffentlich in Ruhe lassen.

„Zumindest keine Zukunft als Nanny“, berichtigte Jacqui, während sie zur Tür ging. „Ich schicke dir eine Postkarte …“

Vickie sprang auf, doch bevor sie Jacqui aufhalten konnte, stolzierte bereits Selina Talbot in das Büro. Sie war groß, schlank und bildschön und offensichtlich jeden Cent der Millionen wert, die sie als Supermodel verdiente.

Maisie, ihre sechsjährige Adoptivtochter, die Jacqui aus den endlosen Berichten über „glückliche Familien“ in Frauenzeitschriften kannte, stand neben ihr.

Die Kleine trug keine praktische, pflegeleichte Kleidung, die eine vernünftige Nanny ihr für die Reise angezogen hätte. Stattdessen war sie wie eine Prinzessin zurechtgemacht: Sie trug ein weißes Voilekleid mit bauschigem Rock, um die Taille eine violette Satinschleife, blickdichte weiße Strumpfhosen und Riemchenschuhe aus Satin. Ihre schwarzen Locken krönte ein glitzernder Haarreif, und es fehlten nur noch Flügel, und sie hätte das Bild einer Elfenprinzessin abgegeben.

Mit der einen Hand berührte sie ihre Mutter, in der anderen hielt sie eine kleine weiße Leinentasche, auf die ihr Name im gleichen violetten Satin wie die Schleife aufgenäht war.

Das Logo des Designers ließ darauf schließen, dass es sich um eine Spezialkreation für die Tochter seines Lieblingsmodels handelte.

Die Kleider der meisten kleinen Mädchen, die Jacqui kannte – und sie hatte viele kennengelernt –, sähen nach fünf Minuten sicher zerknautscht und schmutzig aus.

Das von Maisie Talbot jedoch nicht. Sie wirkte wie eine kostbare Puppe. Eines dieser Sammlerstücke, die man in einer Glasvitrine aufbewahrte, damit sie nicht von klebrigen Fingern berührt wurden.

Wenn man Kinder bei völlig fremden Menschen zurücklässt – und auch da hatte Jacqui als Kindermädchen viel Erfahrung gesammelt –, klammern sich die meisten weinend an ihre Mutter.

Maisie dagegen schwieg und blieb ruhig und gefasst, als Selina Talbot einen Kuss über ihrem Kopf andeutete und Jacqui eine passende weiße Reisetasche mit den Sachen ihrer Tochter reichte. Selina ging ohne die sonst bei Müttern üblichen Abschiedsszenen fort.

Jacqui empfand augenblicklich Mitleid mit diesem herausgeputzten Kind und hätte es am liebsten hochgehoben und an sich gedrückt. Dieser Impuls wurde aber im Keim erstickt, als Maisie ihr aus dunklen Augen einen stolzen Blick zuwarf, wie ihn ihre Mutter sicherlich auf dem Laufsteg bei einer Modenschau in Paris aufsetzte. Dieser Blick signalisierte Jacqui, ihrem Instinkt bloß nicht nachzugeben.

„Ich würde jetzt gerne gehen“, sagte Maisie hoheitsvoll. Dann ging sie zur Tür und wartete, dass jemand öffnete.

Vickie Campbell formte das Wort „Bitte“ mit den Lippen, während Maisie ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden tippte. Am liebsten wäre Jacqui einfach weggegangen und hätte Vickie ihrem Schicksal überlassen, aber sie konnte kein Kind ablehnen, das hinter seiner kühlen und gefassten Fassade sehr einsam zu sein schien.

Und es wäre tatsächlich kein großer Umweg für sie, wenn sie Maisie bei ihrer Großmutter ablieferte.

„Du schuldest mir etwas, Vickie“, bemerkte sie hilflos, als sie merkte, dass sie weich wurde.

„Klasse“, erwiderte Vickie grinsend. „Komm vorbei, wenn du zurück bist, es wartet ein toller Job auf dich.“

Um Himmels willen … Fast wäre sie auf Vickie hereingefallen. Wenn erst einmal Geld geflossen war …

„Na ja, wenn ich’s mir recht überlege, hattest du eigentlich noch was gut bei mir“, sagte sie. Dann wandte sie sich an ihren neuen Schützling. „Okay, Maisie, lass uns gehen, bevor mein Wagen eine Parkkralle bekommt.“

„Ist er das?“, fragte das Kind unbeeindruckt, als sie auf der Straße vor dem VW-Käfer standen, der Jacqui sehr ans Herz gewachsen war, seine besten Tage aber schon eindeutig hinter sich hatte.

„Das ist mein Auto“, bestätigte Jacqui und öffnete die Tür.

„Ich fahre immer im Mercedes.“

Langsam wurde Jacqui klar, warum Vickie nicht gerne für längere Zeit mit Miss Maisie Talbot allein sein wollte.

„Das ist ein Mercedes“, behauptete sie forsch.

„Sieht aber nicht so aus“, befand Maisie skeptisch.

„Nein? Er hat heute seinen ‚legeren Tag‘“, entgegnete Jaqui.

Maisie zog die Stirn kraus, während sie über diese Behauptung nachdachte. „Was heißt das?“, wollte sie wissen.

Jacqui wünschte, sie hätte sich nie auf diese Diskussion mit Maisie eingelassen. Demnächst würde sie es sich gut überlegen, bevor sie versuchte, einer Sechsjährigen ein X für ein U vorzumachen.

„Das ist ein Tag, an dem du in Freizeitkleidung statt im Anzug oder Kostüm zur Arbeit gehen darfst“, erklärte sie.

„Warum sollte man das wollen?“

„Na, weil es Spaß macht“, schlug Jacqui vor. Da es Maisie aber offensichtlich mehr Spaß bereitete, sich fein zu machen als praktische Kleidung zu tragen, versuchte sie es noch einmal mit einem anderen Beispiel: „Würdest du nicht auch gerne dein schönes Kleid statt der Uniform in der Schule anziehen?“

„Ich gehe nicht zur Schule.“

„Wirklich nicht?“

„Ich werde zu Hause unterrichtet. Tragen Sie deshalb keine richtige Uniform, weil Sie auch einen ‚legeren Tag‘ haben?“

Jacqui, die noch nie eine Uniform getragen hatte, tat so, als habe sie diese Bemerkung nicht gehört. Sie sammelte einige Bonbonpapiere vom Boden ihres Wagens auf, bevor sie die weiße Reisetasche neben ihrer eigenen Tasche verstaute. „Okay, Maisie, steig ein, und dann schnalle ich dich an.“

Wie eine Prinzessin, die einen Rolls-Royce besteigt, begab sich Maisie ins Wageninnere und breitete ihren Rock sorgfältig auf dem Sitz aus. Erst als sie mit dem Ergebnis zufrieden war, ließ sie sich von Jacqui anschnallen.

Um das Mädchen besser kennenzulernen, stellte sie eine Frage. „Möchtest du auch ein Model wie deine Mummy werden, wenn du erwachsen bist?“

„Aber nicht doch, bitte“, erwiderte Maisie und warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. „Habe ich schon gemacht, und es ist sooo langweilig.“

„Das habe ich schon gehört“, entgegnete Jacqui, setzte sich hinter das Lenkrad und ließ den Motor an.

„Wenn ich groß bin, dann möchte ich Ärztin werden, so wie …“

„Wie?“, hakte Jacqui nach, während sie sich in den Verkehr einfädelte. Aber Maisie antwortete nicht, da sie bereits ihren CD-Player aus der Tasche geholt und sich Kopfhörer aufgesetzt hatte. Damit gab sie mehr als deutlich zu verstehen, dass sie an weiteren Gesprächen nicht interessiert war.

Kein Problem, sagte Jacqui sich. Sie hatte sich langsam an Reisen ohne Kindergeplapper gewöhnt. Ständig neue Strophen für Kinderlieder zu erfinden konnte auch recht ermüdend sein.

„Wir sind bald da“, bemerkte sie laut, als an einem Kreisverkehr zum ersten Mal Little Hinton ausgeschildert war.

„Nein, das sind wir nicht“, entgegnete Maisie, ohne aufzublicken. Ihr Verhalten unterschied sich deutlich von dem anderer Kinder, die ständig fragten: Wann sind wir endlich da?

Aber Maisie war kein „gewöhnliches“ Kind, und sie wusste, wovon sie redete.

Das Dorf lag eher zehn Meilen als sechs von der Autobahn entfernt, aber es war leicht zu finden. Es gab ein kleines Geschäft mit einem Postschalter, einen Pub, eine Autowerkstatt und eine Schule, auf deren Pausenhof gerade Kinder spielten. Rings um eine Grünfläche reihten sich einige Häuser. Insgesamt brauchte man fünf Minuten, bis man sie allesamt abgelaufen hatte, aber es überraschte kaum, dass das Herrenhaus „High Tops“ sich nicht unter ihnen befand.

Little Hinton lag in einem kleinen Tal. Dahinter erstreckten sich einige Berge, die fast vollständig im Nebel lagen. Es bedurfte keiner großen Fantasie, um sich vorzustellen, dass ein Haus mit dem Namen „High Tops“ dort oben liegen musste.

„Das wäre also der kleine Umweg“, murmelte Jacqui vor sich hin, als sie vor dem Dorfladen anhielt. „Die Postkarte kannst du vergessen, Vickie Campbell“, schimpfte sie.

„Ich habe doch gesagt, dass wir noch lange nicht da sind“, erinnerte sie Maisie.

„Richtig, das hast du gesagt.“

„Es sind noch viele, viele Meilen bis da oben“, fügte das Mädchen hinzu und zeigte in die Richtung der im Nebel liegenden Berge.

„Vielen Dank, Maisie. Bitte rühr dich nicht vom Fleck, während ich mich nach dem Weg erkundige.“

„Ich kenne den Weg. Ich sagte doch schon, dass wir da oben hin müssen.“

„Schön. Ich bin gleich wieder da.“

Maisie zuckte mit den Schultern und hörte weiter Musik.

„High Tops? Dort wollen Sie hin?“ Der zweifelnde Blick, den die Verkäuferin Jacqui zuwarf, war alles andere als ermutigend.

„Vielleicht können Sie mir ja den Weg beschreiben“, bat Jacqui.

„Werden Sie erwartet?“

Die Städterin in Jacqui widerstand dem Drang nachzufragen, was die Frau das anginge. Außerdem befand sie sich hier ja auf dem Land, wo sich jeder für die Angelegenheiten des anderen interessierte. Und schließlich brauchte sie wirklich eine Wegbeschreibung.

„Ja, man erwartet mich“, antwortete sie.

„Oh, dann ist ja gut. Könnten Sie die Post mitnehmen?“

Die Frau wartete ihre Antwort gar nicht erst ab, sondern reichte Jacqui eine Tasche voller Briefe.

„Wenn Sie mir dann bitte den Weg beschreiben könnten. Ich bin schon spät dran.“

„Ihr Städter habt nie Zeit“, beschwerte sie sich. „Fahren Sie den Weg nur nicht zu schnell hoch. Man weiß nie, was man dort oben vorfindet. Einmal habe ich sogar ein Lama gesehen.“ Sie erwartete offenbar gar keine Antwort, was Jacqui ganz recht war, da sie mit einem herumstreunenden Lama sowieso nicht mithalten konnte. Die Verkäuferin führte Jacqui aus dem Geschäft und zeigte in die Richtung, in die sie fahren sollte. „Es ist ganz einfach. Fahren Sie hier vorbei, biegen Sie hinter der Schule links ab, und dann geht es immer weiter geradeaus. Dort oben gibt es nur das eine Haus, Sie können es gar nicht übersehen.“

„Vielen Dank für Ihre Hilfe.“

„Fahren Sie aber vorsichtig. Die Wolken hängen heute ganz tief, und der Weg ist voller Spurrillen und Schlaglöcher. Eigentlich sollte man sich nur mit einem Landrover dort hoch wagen.“ Sie warf dem VW einen zweifelnden Blick zu und blinzelte plötzlich ungläubig, als sie Maisie auf dem Rücksitz sah. „Ist das nicht …?“ Dann war sie sich offenbar sicher, dass ihre Augen sie nicht trogen. „Süßes kleines Püppchen, nicht wahr?“, fuhr sie fort. „Ihre Mutter war in ihrem Alter genauso. Nun, nicht ganz so …“

Anscheinend bemerkte sie, dass sie sich auf gefährliches Terrain begab. „Sie sah auch immer wie eine kleine Prinzessin aus. Selbst wenn sie in einen Misthaufen gefallen wäre, hätte sie noch nach Rosen geduftet.“

Jacqui hielt das für unwahrscheinlich, widersprach aber nicht. Stattdessen lächelte sie und bedankte sich. „Vielen Dank für die Wegbeschreibung und die Warnung. Ich werde auf die Schlaglöcher achten. Und auf das Lama.“

Aufpassen musste sie wirklich. Vorsichtig steuerte Jacqui den Wagen über eine tiefe Spurrille, während der Scheibenwischer gegen die Nässe anarbeitete. Sie biss die Zähne zusammen und fuhr im ersten Gang weiter den Berg hoch.

„Fast da“, verkündete sie ermutigend, obwohl sie eher mit sich selbst als mit Maisie sprach. Das Mädchen ignorierte das Holpern mit hoheitsvoller Gelassenheit. Jacqui dagegen wurde nervös, als die Unterseite ihres Wagens auf der Kante eines tiefen mit Wasser gefüllten Schlaglochs aufsetzte. Ein kaputter Auspuff war das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte.

Noch eine weitere halbe Meile musste sich Jacqui über die unwegsame Strecke quälen. Sie wurde immer angespannter. Ihre Schultern schmerzten von der verkrampften Haltung am Lenkrad. Als sie schon vermutete, das Haus im Nebel übersehen zu haben, tauchte ein altes, mit Flechten bewachsenes Tor vor ihr auf. Es sah so aus, als sei es jahrelang nicht mehr geöffnet worden. An dem Tor waren zwei Schilder angebracht. Auf einem hatte vielleicht einmal „High Tops“ gestanden, aber man konnte nur noch einzelne Buchstaben erkennen. Das andere Schild dagegen sah neu aus. „Zutritt verboten“ war darauf zu lesen.

Jacqui stieg vorsichtig aus dem Wagen und bemühte sich, nicht in den Schlamm und die Pfützen zu treten. Sie hob den Metallriegel an und lehnte ihr Gewicht dagegen, weil sie davon ausgegangen war, dass sich das Tor nur schwer öffnen ließ. Fast wäre sie hingefallen, als das Tor überraschend leicht aufging. Die Scharniere schienen gut geölt zu sein.

Maisie sagte kein Wort, als Jacqui sich den Schlamm von den Schuhen kratzte und sich wieder ans Steuer des VWs setzte. Offensichtlich war sie ganz in ihre CD vertieft. Ihr selbstzufriedenes Lächeln verriet jedoch ihre Gedanken: kleine Prinzessin: 1 Punkt – dumme Erwachsene: 0 Punkte.

Jacqui fuhr weiter, und nach einigen Metern tauchte aus dem Nebel ein massives, mit Efeu beranktes Steinhaus auf. An jeder seiner vier Ecken ragte ein Turm empor, und das zinnenbewehrte Dach ließ eher an eine Festung als an das Haus einer Großmutter denken.

Obwohl sie noch nie in High Tops gewesen war, erschien Jacqui das Haus irgendwie vertraut, und doch überkam sie ein ungutes Gefühl. Wahrscheinlich lag es an der Kombination von Nebel und Schlamm.

Sie war zwar nicht ganz in Stimmung für Sonne, Sand und Sangria, aber wenn sie die Wahl hätte, wüsste sie, was sie vorziehen würde. Fast tat Maisie ihr leid.

Das ist natürlich lächerlich, versuchte sie sich selbst einzureden. Jeden Moment würde die große Tür aufgehen und das Kind herzlich von seiner Großmutter in Empfang genommen werden, die sicher schon nach ihnen Ausschau gehalten hatte.

Die Tür blieb jedoch verschlossen. „Du wartest besser hier, während ich klingele“, riet sie Maisie, um deren Satinschuhe nicht Regen und Schlamm auszusetzen.

Das Mädchen sah so aus, als wollte es etwas sagen, aber stattdessen seufzte es nur.

Die kalte, feuchte Luft hüllte Jacqui augenblicklich ein wie ein feuchtes Tuch, als sie die Stufen zu der eisenbeschlagenen Haustür hinaufging. Eine elektrische Türklingel gab es nicht, sondern nur einen altmodischen Klingelzug.

Von irgendwoher ertönte das Jaulen eines Hundes.

Jacqui blickte sich nervös um, weil sie schon fast damit rechnete, dass ein naher Verwandter des Baskerville-Hundes aus dem Nebel auf sie zugestürzt kam. Besser, sie hätte diese Sherlock-Holmes-Geschichte nie gelesen. Aber Unsinn – hier war sie schließlich nicht in Dartmoor, wo die Erzählung spielte. Trotzdem zitterte sie, während sie den Klingelzug noch einmal betätigte.

Noch bevor sie losließ, hörte sie, wie mit einem dumpfen Geräusch ein Riegel zurückgeschoben wurde. Als sich eine Seite der Tür öffnete, wurde Jacqui klar, warum ihr das Haus bekannt vorkam. Sie hatte dieses Haus – oder ein ganz ähnliches – als Kind in einem Märchenbuch gesehen. Ein Buch mit furchterregenden Geschichten von Hexen, Trollen und Riesen.

Dies war das Haus des bösen Riesen.

Und offenbar lebte er immer noch hier.

Mit fast einem Meter achtzig – ohne Schuhe – war Jacqui groß für eine Frau, aber der Mann, der die Tür öffnete, überragte sie bedrohlich. Natürlich stand sie auf der Treppe eine Stufe unter ihm, aber es war nicht nur seine Größe. Seine breiten Schultern schienen den Türrahmen auszufüllen, und selbst sein Haar, eine dichte dunkle Löwenmähne, wirkte irgendwie gewaltig. Seine goldbraunen Augen, die Jacqui unter anderen Umständen vielleicht sogar attraktiv gefunden hätte, und sein Dreitagebart ließen ihn noch mehr wie eine Raubkatze aussehen.

„Ja?“, fragte er barsch.

Jacqui wünschte, sie läge schon längst an irgendeinem spanischen Strand.

Krampfhaft versuchte sie, nicht an den Riesen aus ihrem Kinderbuch zu denken, vor dem sie große Angst gehabt hatte, weil er die Knochen von kleinen Kindern zu Mehl zermahlte und daraus Brot backte. Sie bemühte sich, stattdessen ein möglichst freundliches Lächeln aufzusetzen, und reichte dem Mann die Hand.

„Hallo, ich bin Jacqui Moore.“ Da er offensichtlich noch mehr Informationen benötigte, bevor er ihr die Hand gab, fuhr sie fort: „Von der Campbell-Agentur …“

„Wenn Sie etwas verkaufen wollen, dann muss ich Ihnen leider mitteilen, dass Sie Ihren Auspuff umsonst in Gefahr gebracht haben.“

„Nicht bloß in Gefahr gebracht“,

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Viel Spaß!



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