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Umtausch nicht vorgesehen

Umtausch nicht vorgesehen

Alison Kent

Schürzenjäger

Aus dem Amerikanischen von Christian Trautmann

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Jacquie D’Alessandro

Reingeschneit!

Aus dem Amerikanischen von Anke Laumann

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Janelle Denison

Falsch gewettet, Darling

Aus dem Amerikanischen von Christiane Bowien-Böll

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Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Claire Braden konnte sich nicht daran erinnern, an irgendeinem Ort, an dem sie in ihren einunddreißig Jahren gelebt hatte, kurz vor Weihnachten jemals so eine Hitze erlebt zu haben. Was hatte sie nur dazu getrieben, ausgerechnet nach New Orleans zu ziehen?

Die Temperatur war unerträglich, wobei nicht die Hitze das Schlimmste war, sondern vor allem die drückende Luftfeuchtigkeit. Es war so schwül, dass sie am liebsten nackt durch ihr Reihenhaus gegangen wäre und ihren Kopf in den Kühlschrank gesteckt hätte.

Eigentlich war es Sünde, im Dezember die Klimaanlage einzuschalten. Trotzdem hätte Claire es getan – wenn das Ding nicht kaputt gewesen wäre. Und ihr war die Vorstellung zuwider, vor dem Einsetzen der heißen Jahreszeit im Mai Geld für die nötige Reparatur auszugeben.

Schon bald würde es wieder kühler werden, daran glaubte sie fest. Außerdem stand Weihnachten vor der Tür, und bestimmt hatte der Weihnachtsmann schon ihren Wunschzettel erhalten.

Die Klimaanlage. Die Kooba-Umhängetasche in Pflaumenblau, bitte. Zehn zusätzliche Stunden jeden Tag. Zehn Pfund weniger auf den Hüften. Oh, und eine Affäre mit dem Typen von Nummer 13 in der Court du Chaud, dessen Balkon schräg gegenüber von ihrem lag.

Der erste Wunsch war praktischer Natur, eine Notwendigkeit, kaum ein richtiges Weihnachtsgeschenk; der zweite eine Belohnung, die sie sich gönnen würde, sobald sie dem derzeitigen Kunden ihrer Imageberatung die Rechnung geschickt hatte. Der dritte Wunsch war ein Hirngespinst, und der vierte – ein reines Aufbegehren gegen ihre Gene.

Der fünfte Wunsch war etwas Besonderes, Unerwartetes, das sie zwar nicht unbedingt brauchte, aber herbeisehnte. Und das außerdem ihr tiefes Verlangen stillen würde.

Sie schloss die zum Hof hin liegende Eingangstür auf und betrat den Flur ihres Reihenhauses. Die schwüle Hitze war nichts im Vergleich zu der Wirkung, die ihr neuer Nachbar auf ihre Gemütsverfassung hatte.

Seit zwei Jahren wohnte sie nun im Court du Chaud, kannte aber nur wenige Mitbewohner. Es hätte noch länger gedauert, ihr Imageberatungsbüro zu etablieren, wäre Claire nicht auf Empfehlungen bekannter Unternehmen, für die sie gearbeitet hatte, nach New Orleans gekommen.

Die vielen Stunden, die sie in die Arbeit steckte, ließen ihr kaum Zeit, um sich mit netten Typen zu einem Date zu verabreden oder neue Freunde kennenzulernen. So gern sie auch unter Leute ging – ohne ausreichenden Schlaf konnte sie ihr hohes Arbeitstempo nicht durchhalten.

Eine Bekanntschaft hatte sie jedoch gemacht, und zwar mit Perry Brazille, die auf der anderen Seite des Innenhofes wohnte. Mit ihr frühstückte Claire oft zusammen im Café Eros, einem zweistöckigen Lokal am Eingang des Innenhofes. Dort tranken sie meistens Kaffee, teilten sich eines der gehaltvollen Kuchenstücke und klagten einander ihr Leid. Denn ihr beider Liebesleben war eher trostlos.

Im Café hatte Claire genug Tratsch aufgeschnappt – hauptsächlich von Madame Alain, dem Klatschmaul aus dem Court du Chaud –, um zu wissen, dass ihr neuer Nachbar genau der Richtige für eine heiße Affäre wäre.

Er hatte sein Reihenhaus bar bezahlt, fuhr einen teuren Importwagen, trug Maßanzüge und hatte eine unwiderstehliche erotische Ausstrahlung.

Allerdings war es eher untypisch für Claire, sich von derartigen Äußerlichkeiten beeindrucken zu lassen. Schließlich wusste sie als Imageberaterin am besten, was sich hinter einer ansprechenden Fassade alles verbergen ließ.

Tatsächlich verpasste sie sich bei jeder Gelegenheit einen neuen Look, als könnte die richtige Kombination von Haarfarbe und Frisur sie von ihrer Unzufriedenheit ablenken.

Aber ihr Nachbar war sexy und athletisch wie ein griechischer Gott. Und es gab eben nun einmal Zeiten, da zählte nichts anderes. Zeiten wie diese, wenn Weihnachten näher rückte und sie absolut nicht darauf scharf war, das Fest allein zu verbringen.

Nachdem sie ihre Prada-Pumps weggekickt hatte, zog sie ihre Strumpfhose aus und warf sie zusammen mit der Handtasche und ihrem dunkelblauen Blazer auf das dick gepolsterte Sofa, das orientalisch rot und gold gemustert war. Dann ging sie in die Küche, um sich ein großes Glas Eistee zu holen.

Die weiße Bluse über ihrem elfenbeinfarbenen Camisole aus Seide aufgeknöpft, schnappte Claire sich ihren ledernen Aktenkoffer, in dem ihre Post steckte. Dann ging sie nach oben und in ihr Schlafzimmer. Seufzend öffnete Claire die Balkontür und trat hinaus.

Der Ventilator, dessen Blätter aus Bambusrohr bestanden, bewegte die schwüle Luft nur träge. Claire setzte sich in einen der Sessel, die um den Tisch aus Glas und Gusseisen standen. Sie legte die Füße auf einen weiteren Sessel und warf ihre Tasche auf den dritten. Es dauerte nicht lange, die Post auszusortieren.

Flyer, Kataloge, Postkarten und Werbezettel kamen auf einen Stapel, das alles wanderte in den Müll. Rechnungen steckte sie in ihren Terminplaner, genau wie ihre Tickets für das Konzert der Black Eyed Peas im März. Danach blieben ein halbes Dutzend Weihnachtskarten übrig, die Claire gemütlich bei einem kühlen Getränk las.

Drei waren von Windy, Tess und Alexandra, ihren engsten Freundinnen. Sie hatten zusammen an der University of Texas studiert, verbrachten nach wie vor ihren Urlaub gemeinsam und schrieben sich jedes Jahr zu Weihnachten.

In diesem Jahr hatte Claire bisher nicht einmal die Zeit gefunden, Weihnachtskarten für ihre Freundinnen zu kaufen, geschweige denn, welche zu schreiben und abzuschicken.

Das war eine echte Schande, weil es sie immer aufmunterte, die handgeschriebenen Karten ihrer Freundinnen zu lesen, auch wenn sie mindestens einmal pro Woche mit ihnen telefonierte und ihnen noch öfter E-Mails schickte.

Beim Anblick der Texte sah Claire ihre Freundinnen und deren schrullige Angewohnheiten regelrecht vor sich – Windy, die beim Schreiben an ihren Haarspitzen zupfte, Tess, die immer einen bestimmten Kugelschreiber benutzte, und Alex, die schrieb, während sie am Computer saß, in ein erotisches Rollenspiel vertieft ...

Claire seufzte. Gleich am nächsten Morgen würde sie Karten besorgen. Für ihre Freundinnen und ihre Familie. Sogar für die wenigen Nachbarn, die sie kennengelernt hatte: Chloe, der das Café gehörte, würde sie eine Karte schicken. Und Josie, die Sozialarbeiterin aus Nummer sechzehn. Außerdem natürlich Perry, die ebenso besessen zu arbeiten schien wie sie selbst.

Hm, vielleicht würde sie sogar dem Objekt ihrer Begierde eine Weihnachtskarte unter der Tür durchschieben. Ihn angemessen willkommen heißen. Ihn auf einen Drink einladen. Sich kurz und heftig mit ihm bekannt machen.

Als er seine Balkontür aufdrückte, zwang Claire sich, nicht aufzusehen. Stattdessen konzentrierte sie sich auf ihren Eistee und die restliche Post. Vermutlich hatte er sie noch kein einziges Mal hier draußen angetroffen, wenn sie wirklich gut aussah. Und die Hitze machte es jetzt nicht gerade besser. Bei der Vorstellung, was er zu sehen bekommen würde, falls er herüberschaute, hätte Claire am liebsten genervt aufgestöhnt.

Andererseits hatte sie am Wochenende eine fantastische Pediküre und Wellnessbehandlung genossen. An ihrem Körper, den ihre luftige Bluse angenehm umschmeichelte, war an den entscheidenden Stellen kein störendes Härchen mehr zu entdecken.

Ihr blonder Haarknoten im Nacken war leider nicht mehr so elegant wie noch an diesem Morgen. Die Luftfeuchtigkeit hatte ihren Tribut gefordert; ein paar Strähnen hatten sich aus dem Knoten gelöst. Warme Luft, die aus dem Schlafzimmer drang, wehte Claire nun ins Gesicht, was ihre laszive Stimmung noch verstärkte.

Ihr Camisole klebte ihr an der Haut, darunter zeichneten sich die Körbchen ihres BHs ab. Der Gesamteindruck dürfte eher dem eines Models aus einem Männermagazin als dem einer Imageberaterin gleichen, was jedoch auch besser zu ihrem Plan passte. Claire würde sich auf eine heiße Weihnachtsaffäre einlassen.

Provokant erotisches Auftreten war nicht ihr Stil. Sie mochte es subtiler – ein bisschen Haut zu zeigen war ihrer Ansicht nach wirkungsvoller als völlige Nacktheit.

Sie fand es jedenfalls viel aufregender, einen verstohlenen Blick auf die Brust eines Mannes mit offenem Hemdausschnitt zu erhaschen, als einen Typen mit Sixpack und in hautengen Radlershorts zu beobachten. Sinnlicher Sex-Appeal machte sie mehr an als pures männliches Testosteron.

Während ihr diese Dinge durch den Kopf gingen, spürte sie, wie ihr Nachbar sie musterte. Sie nahm die Füße vom Stuhl und griff nach ihrem Aktenkoffer. Dabei verrutschte ihre Bluse für den Bruchteil einer Sekunde, sodass ihr Camisole zum Vorschein kam.

Dann stand sie auf und bückte sich, um ihren Terminplaner und die noch nicht zu Ende gelesenen Karten in den Aktenkoffer zu stecken. Dadurch gewährte sie ihrem Nachbarn einen großzügigen Einblick in ihr Dekolleté.

Nachdem das erledigt war, nahm sie ihr Glas Eistee, trat an das Balkongeländer und sah auf die bunten Lichter am Tannenbaum im Hof herunter. Claire ließ ihrer Fantasie freien Lauf. Sie malte sich aus, wie ihr Nachbar hinter ihr stand und sie die Wärme seines muskulösen Körpers spürte.

Sie träumte von der Berührung seiner starken Hände, mit denen er ihre nackten Arme streichelte. Ein Schauer durchlief sie, ihre Brustwarzen richteten sich auf. Sie trank einen Schluck Eistee. Ein Tropfen Kondenswasser vom Glas fiel auf ihren Hals, verschaffte ihr jedoch keinerlei Kühlung. Denn als Claire sich umdrehte, um hineinzugehen, machte sie den großen Fehler, zum Balkon des heißen Nachbarn hinüberzusehen.

Er stand am Türrahmen, die Hände in den Taschen seiner dunklen Anzughose. Seine Krawatte hatte er gelockert, die Ärmel seines weißen Hemdes waren hochgekrempelt. Seine Brust hob und senkte sich schwer, sicher pochte eine Ader an seinem Hals. Mit der angespannten Miene und der Haltung sah er aus wie ein Mann, der sich nur mühsam beherrschte.

Claire vergaß zu atmen. In diesem Augenblick hatte sie das Gefühl, nie wieder Nahrung oder Sauerstoff zu brauchen. Nur ihn. Sie würde nur noch ihn brauchen. Die Vorstellung, dass sie, selbstständig und unabhängig, wie sie war, einen Mann für irgendetwas brauchte, machte sie benommen.

Vor allem da es sich um einen Mann handelte, den sie nicht einmal kannte.

Randy hatte nicht vorgehabt, so lange im Büro zu bleiben. Zwar machte er schon seit Wochen Überstunden, doch den heutigen Abend hatte er zur Abwechslung einmal wieder für sich haben wollen.

Er wollte nach Hause fahren, sich einen Drink einschenken und auf den Balkon gehen, um abzuwarten, ob sie wieder herauskam – so wie gestern. Ob es erneut zwischen ihnen knisterte? Beim letzten Mal hatte er beinah weiche Knie bekommen.

Sie tauchte nicht jeden Abend auf, doch in letzter Zeit schienen die Hitze und der Weihnachtsbaum unten im Hof sie öfter nach draußen zu locken.

Die Blätter ihres Ventilators bewegten sich langsam und sorgten nur für einen leichten Luftzug. Das wusste er, weil sein Ventilator dasselbe tat. Das schwüle Wetter war erschöpfend.

Die Lichter am Weihnachtsbaum waren ihm nur aufgefallen, weil sie sie betrachtete und weil sie ihr hellblondes Haar glänzen ließen, es schimmerte wie Edelsteine. Und dann erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht, das jedoch nie ihre Augen erreichte.

Sie wirkte nicht direkt traurig, eher konzentriert, als hätte sie keine Zeit für Ablenkungen, egal welcher Art. Das faszinierte ihn, denn es erinnerte ihn sehr an sich selbst.

Er hatte zufällig Klatschgespräche mit angehört und erfahren, dass ihre Klimaanlage kaputt war. Seine Nachbarin mochte zwar darunter leiden – ihm gefiel es, wie erhitzt und zerzaust sie aussah. Sie war eine Frau, bei deren Anblick er nicht nur an schnellen, wilden Sex dachte.

Am vergangenen Abend hatte er sie wie gebannt beobachtet und das Für und Wider ihrer Wohnungen abgewägt. Bei ihm würde es kühle Laken und Gänsehaut geben. Bei ihr warme Haut an erhitzter Haut. Die Entscheidung fiel ihm leicht. Er musste nur noch einen Weg hinein finden.

Sein Reihenhaus war vom Vorbesitzer renoviert worden und bestand im unteren Stockwerk nur noch aus einem einzigen großen Raum, im oberen aus einem Loft. Er ging zur Kücheninsel und warf die Post, die er beim Hereinkommen vom Fußboden aufgehoben hatte, auf die Arbeitsfläche. Anschließend nahm Randy ein kaltes Bier aus dem Kühlschrank.

Dann griff er nach der Hauptfernbedienung für den Raum und schaltete die Ecklampe und den Fernseher ein, bevor er sich der Post widmete.

Als sein Blick auf einen roten Umschlag ohne Briefmarke und Adresse fiel, hielt er interessiert inne. Vom Format her passte in den Umschlag eine Karte, eine Einladung vielleicht. Das Kuvert war nicht zugeklebt.

Neugierig stellte er sein Bier auf die Arbeitsfläche aus schwarzem Marmor, zog die Karte aus dem Umschlag und las.

Es sieht vielleicht sehr nach Weihnachten aus, aber es fühlt sich eher an wie der vierte Juli. Ich habe Ventilatoren. Ich habe Eis. Lust, beides mit mir zu teilen? Ich werde die Tür offen lassen. Sagen wir, um zehn heute Abend? Nichts Festes und keine Fragen, so wäre es mir übrigens am liebsten.

Heiß rauschte das Blut durch seine Adern. Er las die Karte ein zweites und ein drittes Mal, ehe er sich besann. Hastig sah er auf die Uhr.

Halb neun. Ihm blieb noch Zeit, um zu duschen, sich zu rasieren und umzuziehen – und eine Flasche Wein auszusuchen. Nichts Festes, keine Fragen. Was genau sollte das bedeuten? Nun, fürs Erste beschloss er, auf diese Bedingungen einzugehen.

Aber nur fürs Erste.

Claire stand auf ihrem Balkon und betrachtete die funkelnden Lichter am Weihnachtsbaum unten im Hof. Als sie zuletzt im Schlafzimmer auf die Uhr gesehen hatte, war es fünf Minuten nach halb zehn gewesen.

Sie hatte sich vorgenommen, fünfundzwanzig Minuten lang immer wieder langsam bis sechzig zu zählen, überlegte es sich jedoch anders – nachdem sie sich gleich beim ersten Mal verzählt hatte.

Wird er kommen oder nicht?

Er will mich, er will mich nicht.

Sie hatte die Karte noch auf dem Parkplatz des Geschenkeladens geschrieben, in dem sie nach der Arbeit eingekauft hatte. Dann hatte Claire die Einladungskarte schnell durch seinen Briefschlitz geschoben, bevor ihr Zweifel kommen konnten.

Sie hätte zuerst die Karten an ihre Freundinnen schreiben und sich deren Reaktionen auf ihren Plan, der so völlig untypisch für sie war, vorstellen sollen. Claire, die Vernünftige, Praktische und Langweilige.

Stattdessen hatte sie sich von einem attraktiven und supererotischen Mann hinreißen lassen, wohl wissend, dass sie damit einem Mythos aufsaß: Schönheit war nicht nur oberflächlich. Natürlich kam das vor. Aber wie groß war die Chance dafür?

Ihrer Erfahrung nach war sie eher gering. Die gut aussehenden Männer, die sie kannte, wussten auch, dass sie gut aussahen – und prahlten damit. Das war ziemlich abschreckend und abstoßend. Und es erinnerte Claire immer wieder daran, dass sie, um den Richtigen zu finden, die Augen schließen und ihr Herz öffnen musste.

Sie dachte noch über das Machogehabe einiger ihrer Bekannten nach und darüber, wie wenig anziehend es war. Da hörte sie, wie ihre Haustür geöffnet und wieder geschlossen wurde.

Ihr stockte der Atem. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Nervös schloss sie die Augen und lauschte, glaubte jedoch, die näher kommenden Schritte auf der Treppe eher zu spüren als zu hören.

Ihr dunkelblaues Kostüm, das sie bei der Arbeit getragen hatte, hatte sie nach einem kühlen Bad mit Zitronenduft und einer noch kälteren Dusche gegen ein hauchdünnes gelbes Trägerkleid eingetauscht. Das sich jetzt an den falschen Stellen zu eng anfühlte und sie zum Schwitzen brachte.

Zumindest versuchte sie, sich das einzureden, obwohl sie genau wusste, dass der Grund dafür die erotische Stimmung war. Und es lag daran, dass sie trotz geschlossener Augen funkelnde Lichter sah, die nichts mit Weihnachten zu tun hatten.

Erst als er auf den Balkon trat, schaute sie wieder in den Hof hinunter. Sie drehte sich nicht um, sondern lauschte nur dem leisen Klirren der Gläser auf dem Tisch, dem dumpferen Geräusch, mit dem eine Weinflasche abgestellt wurde.

Selbst als er hinter Claire trat und seine Nähe ein Prickeln auf ihrer Haut auslöste, hielt sie den Blick nach vorn gerichtet und nahm die Hände nicht vom Balkongeländer. Sie hatte das Gefühl, sich festhalten zu müssen, um sich nicht ganz in der aufregenden Anonymität des Abenteuers zu verlieren, in das sie ihn zog.

Er kam noch näher, sodass sie seine Körperwärme fast schon zu spüren meinte. Eine knisternde Spannung lag in der Luft. Als sich der sexy Mann weiterbewegte, fiel sein Schatten auf sie.

Das Atmen fiel ihr schwer. Sie versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen. Er legte ihr die Hände auf die Schultern, drückte sie und flüsterte ihr ins Ohr: “Ist es das, was du willst?”

War es das, was sie mit ihrer Einladung bezweckt hatte? Ja. Hatte sie damit gerechnet, derartig nervös zu sein? Nein. War es insgesamt das, was sie wollte?

Sie nickte und antwortete leise: “Ja.”

Er ließ seine Hände an ihren nackten Armen bis zu ihren Handgelenken hinuntergleiten und massierte sanft ihre Handflächen mit seinen Daumen.

“Dass du nichts Festes willst, verstehe ich. Aber keine Fragen?”

“Ich will eben nicht reden.” Sie wollte ihn als Liebhaber kennenlernen, nicht als Freund. Sie verhielt sich so, wie Männer es seit Ewigkeiten taten – sie sah in ihm einfach einen Menschen, mit dem sie heißen Sex haben wollte, ein Lustobjekt.

“Und warum tust du es dann?”, flüsterte er.

Gute Frage. Claire gab ihm die sehr einfache, ehrliche Antwort: “Weil ich nicht weiß, wie ich anfangen soll.”

2. KAPITEL

Ihre Antwort war kaum mehr als ein Flüstern und alarmierte ihn.

Was für eine Frau war Claire Braden? Randy kannte ihren Namen, seit er von ihren Problemen mit der Klimaanlage gehört hatte. Dass sie ihm einerseits diese eindeutige Einladung schrieb, dann aber das reinste Nervenbündel war, als er sie tatsächlich annahm, irritierte ihn.

Er verschränkte seine Finger mit ihren, drückte sie sanft an sich und atmete den Duft ihres Parfüms ein. Es war ein lebendiger, intensiver Duft, der ihn beinah erschauern ließ.

“Wir können mit einem Glas Wein beginnen”, schlug er vor, da er ihre Nervosität spürte und seine Selbstbeherrschung hart auf die Probe gestellt wurde.

“Das wäre gut”, erwiderte sie und erschauerte, als er mit den Daumen die Unterseite ihrer Brüste streichelte.

Sie stöhnte, und er änderte seine Meinung. “Wir könnten auch mit einem Kuss beginnen ...”

Darüber lachte sie. Es war ein unbekümmertes Lachen, von dem er gern mehr gehört hätte. “Ja, das wäre auch gut.”

Er wollte sie zu sich umdrehen, um ihre Lippen an seinen zu spüren, ihre Zunge an seiner. Aber er zögerte noch, weil er wusste, dass es nicht möglich sein würde, diese Begegnung so unpersönlich zu gestalten, wie sie es gern hätte.

Sie musste einsehen, dass es zwischen ihnen niemals nur zu unverbindlichem Sex kommen würde. Das verrieten ihm allein schon ihre Reaktion auf seine Berührung und das erotische Knistern zwischen ihnen.

Außerdem hatte er das Bedürfnis, sich kostbare und schöne Dinge anzueignen. Das würde er nicht verleugnen. Er begehrte diese Frau. Er würde mehr als nur eine Nacht von ihr wollen, und es war wichtig, ihr das von vornherein klarzumachen. “Ich glaube, wir sollten mit neuen Regeln beginnen.”

Sie versteifte sich ein wenig in seiner Umarmung. “Ach ja?”

Er nickte, wobei seine Wange ihr weiches Haar berührte. “Du weißt ebenso gut wie ich, dass wir vorher reden müssen.”

“Ja, vermutlich”, räumte sie zögernd ein, lehnte den Kopf zurück, schmiegte ihn an seine Halsbeuge und seufzte. “Obwohl ich wirklich gehofft hatte, mich einfach nur meinen Gefühlen hingeben zu können.”

Eine atemberaubend schöne, sinnliche Frau hatte ihn zu sich eingeladen, um sich mit ihm zu amüsieren. Und er wollte reden. Was war nur in ihn gefahren, er musste ein Idiot sein!

Seufzend ließ er sie los, zog ihre Hände auf die Hüften und massierte mit den Daumen ihren Rücken. Langsam und behutsam streichelte er sie, bis er bei ihrem Hals angekommen war. Sie fühlte sich wundervoll an, wohlgeformt und trainiert, wie für ihn geschaffen.

Trotz seines wachsenden Verlangens nahm er sich zusammen. Sie hatten Zeit. Die ganze Nacht. Wenn es nach ihm ginge, hätten sie Monate Zeit, um zu genießen, was sie gerade angefangen hatten. Es gab keinen einzigen Grund, irgendetwas zu überstürzen.

Sie stöhnte und ließ den Kopf wieder nach vorn fallen. “Ja, fühlen. Das zum Beispiel.”

Er lächelte und nahm sie zwischen seinem Körper und dem Balkongeländer gefangen, indem er sie gefährlich nah an den Rand drückte. Randy wollte, dass sie die gleiche Erregung empfand wie er, das gleiche glühende Verlangen.

Dies würde kein unkomplizierter, schneller Sex werden. Das war ihm am Vorabend klar geworden, als sie sich sekundenlang in die Augen gesehen hatten, was ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen war.

Deshalb und weil sie Zeit hatten, ließ er sie los und ging zum Tisch, um ihnen Wein einzuschenken.

Als er aufsah, hatte sie sich umgedreht und stand nun mit dem Rücken zum Innenhof. Er konnte ihre Augen nicht sehen, weil das Licht aus dem Schlafzimmer durch die Vorhänge vor der Balkontür gedämpft war.

Er blieb, wo er war, und reichte ihr ein Glas. Um es zu nehmen, musste sie einen Schritt auf ihn zu machen, musste ihm näher kommen.

Sie tat es, langsam und indem sie sich vom Geländer abstieß. Ihr schlichtes Kleid, dessen gelber Pastellton perfekt zu ihrem hellblonden Haar passte, umschmiegte ihren Körper, als wäre es von einem Designer entworfen und nicht aus dem gleichen Baumwollstoff wie sein schwarzes T-Shirt. Es umschmeichelte verführerisch ihre Brüste und Hüften.

Sie nahm ihm das Weinglas aus der Hand, hob es an die Lippen und nippte an dem Wein, ohne Randy aus den Augen zu lassen. Vor wenigen Minuten hatte sie noch unsicher gewirkt. Was er jetzt in ihren Augen las, waren weder Zögern noch Zweifel. Jetzt lag ein herausforderndes Funkeln in ihnen.

Und er hätte es im Leben nicht so weit gebracht, wenn er ein gutes Angebot nicht anzunehmen gewusst hätte.

Er trank ebenfalls einen Schluck, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen. Dann, ihre Grundregel ignorierend, stellte er ihr die Frage, die ihn am meisten beschäftigte.

“Warum ich?”

“Soll ich ehrlich sein?”, erwiderte Claire und hielt sich damit selbst nicht an ihre eigene Regel. “Oder soll ich nett sein?”

Er sah sie einen Moment lang schweigend an, dann lachte er.

Sie sah, wie das Lachen in seinen Augen begann; zuerst erschienen winzige Lachfältchen, kaum sichtbar im gedämpften Licht, dann fielen ihr die Grübchen auf seinen Wangen auf.

Doch es war der amüsierte Laut, mit dem sich die Spannung entlud, die zwischen ihnen entstanden war – und der ihr Herz berührte.

Ja, ihr Herz, obwohl das nun überhaupt nichts mit der ganzen Sache zu tun haben sollte.

Vom emotionalen Standpunkt aus gesehen, verlief diese Begegnung absolut nicht so, wie sie es gewollt hatte. Schuld daran war sein Lachen. Und ihre Empfänglichkeit dafür.

In erotischer Hinsicht hoffte sie, dass das Knistern zwischen ihnen erst der Anfang war. “Ich nehme an, das bedeutet, ich soll ehrlich sein?”

“Unbedingt”, bestätigte er und prostete ihr zu.

Sie setzte sich in einen der Sessel, schlug die Beine übereinander und wippte mit dem Fuß. “Ich finde, du siehst einfach sexy aus.”

“Nun, das ist ehrlich”, meinte er und setzte sich ihr gegenüber. Er lehnte sich zurück, streckte die Beine aus und schlug die Knöchel übereinander.

”Zu ehrlich?” Sie fuhr mit dem Zeigefinger über den Glasrand. “Soll ich lieber nicht so direkt sein? Dich lieber in einer Bar ansprechen? Oder dich auf einen Kaffee im Café Eros einladen? Wir könnten flirten und Small Talk machen. Du könntest dich fragen, was für Absichten ich habe. Ich könnte so tun, als würde ich darüber nachdenken, mit zu dir zu gehen.”

Er hatte sein Weinglas auf den Tisch gestellt, während sie sprach, und hielt jetzt mit zwei Fingern den Stiel fest, wobei die Hand flach auf dem Tisch lag.

Sie betrachtete die dunklen Härchen auf seinem Handgelenk und dem Handrücken und fragte sich, ob er das Glas wohl zerbrechen würde.

“Das kommt mir alles wie Zeitverschwendung vor”, sagte er schließlich. Dem konnte sie nur zustimmen.

Und dann wartete sie mit pochendem Herzen und beobachtete, wie er nickte, wie er sein Weinglas hob und trank, wie er sie dabei ansah.

Es war ein seltsames Katz-und-Maus-Spiel, ein Spiel, bei dem es zwei Gewinner geben und das weder Reue noch Herzschmerz verursachen würde, wenn es richtig gespielt wurde.

Wenn man sich an die Regeln hielt, würde es keine gebrochenen Herzen geben.

Sie hatte den Ball in seine Hälfte geschlagen. Jetzt war er am Zug. Und er machte diesen Zug, indem er fragte: “Wie geht es von hier aus weiter, Claire?”

Natürlich kennt er meinen Namen, dachte sie. Er kam ihr nicht wie ein Mann vor, dem Details entgingen, schon gar nicht solche, die ihm einen Vorteil verschafften.

“Da ich noch nicht das Vergnügen hatte ...”

“Randy”, sagte er und neigte den Kopf.

Sie hatte einen vornehmeren Namen erwartet, einen mit einer römischen Ziffer am Ende. Aber sein Name klang typisch amerikanisch und bodenständig, ganz nach dem Jungen von nebenan. Genau das ist er ja tatsächlich, dachte sie mit einem Lächeln – das er erwiderte. Sofort war die Spannung wieder da.

“Du hast meine Frage nicht beantwortet”, erinnerte er sie.

“Ich bin mir ziemlich sicher, die Grundregeln sahen vor, dass ich keine Fragen beantworte.”

Er stellte sein Glas auf den Tisch zurück und sah ihr ins Gesicht. “Dann war die erste Frage eine Ausnahme? Gewissermaßen das Vorrecht einer Frau?”

Sie schaute auf ihren Wein, der die Farbe der Wintersonne hatte. “Das würde ja bedeuten, dass ich meine Meinung geändert habe.”

“Aber das hast du nicht.”

Sie schüttelte den Kopf.

“Gut”, sagte er und streckte die Hand aus. “Dann komm her und küss mich.”

Ihr wurde bewusst, wie kurz die Entfernung war, die sie zurücklegen musste, um seiner Aufforderung nachzukommen. Und diese Erkenntnis löste ein Kribbeln in ihrem Bauch aus.

Sie stellte die Beine nebeneinander und das Glas auf das Balkongeländer, wobei sie Randy einen Blick in ihr Dekolleté gewährte. Dann stand sie auf und berührte mit den Fingerspitzen seine Hand.

Er verweigerte diese simple Berührung, umfasste stattdessen ihr Handgelenk und zog Claire an sich. Erregt setzte sie sich auf seinen Oberschenkel, woraufhin er sie noch enger an sich zog, sodass sie sich in seinen Arm schmiegte.

Ihr blieb gar keine andere Wahl, als die Hände um seinen Nacken zu schlingen. Aber Randy presste seinen Mund nicht auf ihren, wie sie erwartet hatte. Stattdessen streichelte er ihre Wange und ihren Hals, dort, wo sie das verräterische Pochen ihres Herzens spürte. Dann streichelte er ihre Brüste durch den gerippten Baumwollstoff hindurch.

Sie hielt den Atem an. Ihre Brustspitzen zogen sich zusammen. Und an ihrem Oberschenkel spürte sie seine unmissverständliche Reaktion.

“Wusstest du, dass du tolle Augen hast?”

“Kontaktlinsen.”

“Nein, ich meine nicht die Farbe. Die Klarheit. Das Funkeln. Die Farbe deiner Augen ist so ... intensiv.”

“Intensiv. Hm. Das ist die beste Anmache, die ich je gehört habe.”

Trotzdem musste sie an den gestrigen Abend denken, an das erotische Knistern zwischen ihnen ... an das unwiderstehliche Verlangen nach ihm, das ihr den Schlaf geraubt hatte und ihre bisherigen Erfahrungen mit Männern derart in den Schatten stellte, dass sie ihr wie harmlose Sandkastenspiele vorkamen.

Überaus sinnlich und aufreizend strich er mit dem Daumen über ihre Unterlippe. “Ich dachte, die Phase der Anmache hätten wir übersprungen.”

Er hatte recht. Sie hatten noch einige andere Schritte ausgelassen. Schritte, die sie immer für notwendig erachtet, aber auch unglaublich langweilig gefunden hatte.

“Das haben wir”, sagte sie, strich mit den Fingern durch sein Haar, das ihm bis zum Nacken reichte. Sie fühlte ein leichtes Zittern in der Hand. “Ich bin nur nicht so gut mit Komplimenten.”

“Damit, sie anzunehmen? Oder damit, sie zu glauben?”

Sie seufzte. Was sollte das, ihm persönliche Dinge zu erzählen, die weit über das Oberflächliche dieser Begegnung hinausgingen? Sie hatte doch Anonymität gewollt. Zwei Menschen, die nur aus einem Grund zueinanderfanden: um sich der Lust hinzugeben. Und deshalb antwortete Claire ihm auf die einzig mögliche Art.

Sie drückte ihre Lippen auf seinen Mund.

Sein leises Lachen kitzelte sie, aber nur kurz, denn es verwandelte sich rasch in ein leises Stöhnen, das tief aus seinem Innern zu kommen schien. Sie meinte zu spüren, wie es in seinen Oberschenkeln widerhallte, auf denen sie saß. Und in dem leichten Zittern seiner Arme, die sie hielten.

Aber vor allem fühlte sie es an seinen Lippen, die ihre berührten, während seine Zunge sanft Einlass suchte. Er schmeckte nach dem Wein, den sie getrunken hatten. Der Kuss war elektrisierend und genau so, wie sie es sich erhofft hatte.

Er biss sie zärtlich in die Unterlippe, saugte daran und umspielte ihre Zunge mit seiner. Sie hielt seinen Kopf fest und erwiderte das sinnliche Spiel. Eine atemberaubende Hitze erfasste sie, die der Ventilator niemals dämpfen könnte.

Sie stand regelrecht in Flammen. Ihr brannte die Haut. Ihr Atem versengte sie. Heißes Verlangen stieg in ihr auf. Und dies war nur ein Kuss. Womöglich würde sie es gar nicht überstehen, mit diesem Mann ins Bett zu gehen.

Sie wollte sich von ihm lösen, um ihm das zu sagen und ihn zu fragen, ob sie nicht lieber aufhören oder wenigstens hineingehen könnten – doch er kam ihr zuvor. Er ließ seine Hand dort, wo sie war, und sah Claire in die Augen, die er so schön fand. Seine waren grün, dunkler als Jade, fast tannengrün, die Wimpern schwarz.

Und dann lächelte er. “Ich könnte noch einen Schluck Wein vertragen.”

“Ich auch.” Sie wollte aufstehen, aber er hielt sie fest.

“Es war mir übrigens ernst mit den neuen Regeln”, erklärte er.

Inzwischen war sie neugierig genug, um ihre Überzeugungen zu vergessen und zu fragen: “Was schwebt dir vor?”

“Bevor ich heute Abend gehe, werde ich dir eine Frage stellen.” Ein amüsierter Glanz schlich sich in seine Augen. “Wenn wir uns morgen Abend sehen, wirst du sie beantworten.”

Am nächsten Abend. Interessant, dass er schon so weit vorausdachte. Noch faszinierender war nur, dass sein Blick sie schwach werden ließen und sie nachgab.

”Bekomme ich eine Gegenleistung?”

“Wenn du möchtest.”

“Ich finde, das ist nur fair.”

“Du findest, in der Liebe ist alles erlaubt?”

“Allerdings.” Sie stand von seinem Schoß auf, wartete, bis er ebenfalls aufgestanden war, und streckte die Hand aus. “Abgemacht?”

Er nahm ihre Hand und schüttelte sie. “Abgemacht.”

Jetzt konnte sie nur noch hoffen, dass sie es nicht bereuen würde. “Was willst du wissen?”

Randy konnte nicht glauben, dass er gegangen war, ohne mit Claire zu schlafen.

Dabei hatte er die volle Absicht gehabt, sich zu nehmen, was sie ihm anbot – und ihre Wohnung anschließend befriedigt und erschöpft zu verlassen. Stattdessen musste er feststellen, dass die ganze Sache komplizierter war und er Zeit brauchte, um das alles zu verarbeiten.

Die Tatsache, dass sie bereit war, das Bett mit ihm zu teilen – die Frau, von der er geträumt hatte, seit er sie mehr oder weniger hüllenlos auf ihrem Balkon gesehen hatte –, machte sie zu einer noch größeren Herausforderung.

Er hatte kein Interesse an einer festen Beziehung, dennoch erkannte er die Vorteile eines exklusiven, intimen Arrangements deutlich.

Während er einen Blick in den Kühlschrank warf, dachte er über die angenehmen und praktischen Aspekte einer Affäre mit Claire nach. Er müsste sich nicht mehr um Frauen bemühen, die ihn zu den zahlreichen offiziellen Veranstaltungen begleiteten. Natürlich konnte er diese Wohltätigkeitsveranstaltungen auch allein besuchen, was er oft genug tat.

Aber eine attraktive Frau an seiner Seite war beinah eine Garantie dafür, dass er sich mehr auf den Abend konzentrieren konnte. Dann musste er keine Annäherungsversuche abwehren.

Wenn das arrogant klingt, dann meinetwegen, dachte er und schloss die Kühlschranktür frustriert. Was seinen Hunger stillen konnte, befand sich nicht darin, sondern nebenan. Wenn er Erleichterung und die Lust befriedigen wollte, die Claire in ihm entfacht hatte, musste er sich darum kümmern.

Er lief die Treppe hinauf in sein Loft, riss sich das T-Shirt vom Leib, streifte seine italienischen Slipper ab und zog im Bad seine Khakihose aus. Es war spät. Er musste schlafen. Morgen lag ein weiterer Tag voller langer Zahlenreihen vor ihm.

Er streifte seine Boxershorts ab, stieg in die Duschkabine, stellte das Wasser an und griff nach der Seife. Aus irgendeinem seltsamen Grund dachte er weder an die Arbeit noch an Claire, sondern an seine Zeit auf der Highschool in Austin, Texas.

Dort hatte er mit seinen vier besten Freunden in einem Ensemble Trompete gespielt. Die anderen hatten keine Ahnung gehabt, woher er kam. Das einzige Mädchen in der Gruppe, Heidi Malone, war auch die Einzige gewesen, die aus ähnlich ärmlichen Verhältnissen stammte. Nur dass seine Herkunft nicht ärmlich war, sondern noch weit schlimmer.

Hier und jetzt in der Dusche mit den Messingarmaturen und den Marmorwänden, die farblich Café au lait ähnelten, konnte er selbst kaum glauben, dass er einst auf der Straße gelebt hatte.

Dass er Ladendiebstähle begangen hatte, um sich einzukleiden.

Dass er Restaurantmülltonnen durchwühlt hatte, um etwas zu essen zu finden.

Er war ein Raufbold gewesen; andernfalls hätte er nicht überlebt. Ohnehin war es erstaunlich, dass er sein Leben nicht durch eine Pistolenkugel, ein Messer oder eine Faust verloren hatte.

Er verdrängte die Erinnerung an seine Vergangenheit und kehrte in die Gegenwart zurück, zum dampfenden Duschstrahl, der ihm den Stress aus den Muskeln und Knochen massierte. Heute sorgte Randy selbst dafür, dass es ihm an nichts mehr mangelte, weder an Kleidung noch an einem Dach über dem Kopf, noch an einem guten Auto.

Er brauchte das Geld nicht, das sein Onkel Luther ihm zahlte, damit er sich um die Finanzen der Stiftung kümmerte und Stipendien verwaltete. Randy nahm es, weil das Leben es ihn gelehrt hatte.

Es hatte ihn gelehrt, Dinge zu genießen, weil er sie sich leisten konnte.

Es hatte ihn aber auch gelehrt, sich an die Zeiten zu erinnern, als er es sich nicht einmal erlauben konnte zu schlafen, weil ihm sonst das gestohlen worden wäre, was er sich im Lauf des Tages beschafft hatte.

Erneut schüttelte er die Erinnerungen ab und strich das Wasser aus seinen Haaren. Dann dachte er an den Abend, den er bei seiner Nachbarin verbracht hatte. Daran, wie Claire auf seinem Schoß gesessen hatte.

Und er erinnerte sich an ihre Augen. Er war ehrlich gewesen, als er gesagt hatte, wie intensiv die Farbe ihrer Augen war. Er las auch die Intelligenz darin. Claire wusste sehr wohl, was er erwartet hatte, als er ihrer Einladung nachgekommen war.

Dass er schon nach einem Kuss wieder gegangen war, nachdem er sie gerade genug berührt hatte, um zu ahnen, wie sich ihre nackte Haut unter der Baumwolle anfühlte – es hatte sie beide überrascht. Genauso unerwartet hatte sie sich einverstanden erklärt, seine Frage zu beantworten. Und er hatte versprochen, ihre zu beantworten.

Er hatte sie gefragt, ob der erste Mann, mit dem sie Sex gehabt hatte, ihr das Herz gebrochen hatte. Der aufflackernde Schmerz in ihren Augen war ihm Antwort genug gewesen.

Jetzt konnte er es nicht erwarten, zu erfahren, ob sie es leugnen oder die Wahrheit gestehen würde, die er bereits erraten hatte. Was Claire am nächsten Tag dazu sagen würde, gab den Ausschlag für sein weiteres Vorgehen. Erst danach wollte er entscheiden, wie er diese Verführung angehen, wie er sie davon überzeugen würde, dass er ihr mehr als eine aufregende Zeit im Bett bieten konnte.

Ihre Frage machte ihm jedoch zu schaffen, hatte ihn verstört und seine Erregung spürbar gedämpft. Claire hatte wissen wollen, was sein teurer Sportwagen und die Designeranzüge verbergen sollten.

Wie, um alles in der Welt, konnte er ihr darauf antworten, wenn die Antwort gleichbedeutend war mit dem Eingeständnis einer Wahrheit, die er seit Jahren leugnete?

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