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Umarmungen

Umarmungen

Penny Jordan

Einladung zur Hochzeit

Aus dem Amerikanischen von Dorothea Ghasemi

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Penny Jordan

Walisischer Sommer

Aus dem Amerikanischen von Karin Weiss

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Penny Jordan

Rückkehr nach Abbeydale

Aus dem Amerikanischen von Dorothea Ghasemi

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Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

„Mum …“

Abbie Collins blickte stirnrunzelnd von ihren Unterlagen auf, als die Stimme ihrer zweiundzwanzigjährigen Tochter sie aus ihren Gedanken riß. Sie hatte ihrem Buchhalter versprochen, ihm die Geschäftsbücher bis zum Ende der Woche zuzuschicken. Doch seit ihre Tochter und deren Freund am vorigen Wochenende ihre Verlobung bekanntgegeben hatten, war so viel passiert, daß sie nun mit ihrer Arbeit im Rückstand war. Natürlich machte es Abbie nichts aus, von Cathy gestört zu werden, denn sie hatte schon immer eine sehr enge Beziehung zu ihr gehabt – zu eng, wie manche Leute gelegentlich behaupteten.

„Du wirst es nicht glauben.“ Cathy setzte sich auf die Schreibtischecke und ließ die langen Beine baumeln, die vom Sommerurlaub noch immer gebräunt waren.

Die Leute bemerkten oft, wie wenig Cathy und sie einander ähnelten. Sie, Abbie, war knapp einen Meter sechzig groß, grazil und strahlte eine Verletzlichkeit aus, die auf Männer besonders anziehend wirkte. Um so beleidigter reagierten die Männer dann, wenn sie ihnen klarmachte, daß es ihr fernlag, das hilflose Weibchen zu spielen. Sie hatte langes, glattes blondes Haar, blaugrüne Augen und wirkte mit ihren dreiundvierzig Jahren zehn Jahre jünger. Allerdings machte sie genausowenig einen Hehl aus ihrem Alter wie aus der Tatsache, daß sie eine erwachsene Tochter hatte.

Cathy hatte zwar ihre blaugrünen Augen geerbt, war jedoch groß und kräftig und hatte eine braune Lockenmähne. Als Kind war sie ein wenig tolpatschig gewesen und hatte sich eine Zeitlang gewünscht, wie ihre Mutter zu sein. Doch sobald sie, Abbie, es gemerkt hatte, hatte sie alles darangesetzt, daß Cathy sich so akzeptierte, wie sie war.

„Ich sehe aus wie Dad“, hatte Cathy protestiert. „Das hast du selbst gesagt.“ Sie, Abbie, erinnerte sich daran, daß es tatsächlich der Fall gewesen war und wie fassungslos sie gewesen war, als Cathy erklärt hatte, für sie sei es, als habe sie nie einen Vater gehabt, weil sie noch nie ein Foto von ihm gesehen habe. Daraufhin hatte sie ihr die wenigen Fotos gezeigt, die sie nicht zerrissen hatte, und es war ihr schwergefallen, sie zu betrachten, weil sie sofort wieder quälende Erinnerungen weckten.

„Außerdem hast du gesagt, daß er gemein war und du ihn gehaßt hast …“ fügte Cathy hinzu.

„Aber du bist nicht gemein, und ich hasse dich nicht“, tröstete Abbie sie und nahm sie in den Arm. „Ich liebe dich. Du ähnelst zwar deinem Vater, bist jedoch ein anderer Mensch, und wenn du erwachsen bist, wirst du froh darüber sein, daß du so groß bist.“

„Aber in der Schule nennen sie mich Bohnenstange“, sagte Cathy unter Tränen.

„Mich haben sie in der Schule Zwerg genannt“, hatte Abbie erklärt. „Aber es spielt keine Rolle, was die anderen sagen oder denken, mein Schatz. Entscheidend ist, was du denkst, und später einmal wirst du froh darüber sein, daß du so bist, wie du bist …“

Und ihre Mutter hatte recht gehabt, das war Cathy mittlerweile klar. Ihre Mutter hatte eigentlich immer recht … fast immer. Es gab Dinge …

Schnell verdrängte Cathy diesen Gedanken und fragte sich, wie ihre Mutter wohl auf das, was sie ihr sagen wollte, reagieren würde. Als Stuart und sie ihr erzählt hatten, sie hätten sich verlobt, hatte ihre Mutter phantastisch reagiert und lediglich darauf bestanden, ihre Aufgaben als Mutter der zukünftigen Braut wahrnehmen zu dürfen.

Stuart war damit mehr als einverstanden gewesen, denn er kam aus einer großen Familie und wollte die Hochzeit im großen Stil feiern.

Und trotz ihrer unglücklichen Ehe hatte ihre Mutter ihr nie nahegelegt, nicht zu heiraten. Allerdings hätte es auch nichts genützt, denn bei Stuart und ihr, Cathy, war es Liebe auf den ersten Blick gewesen.

„Was ist los?“ Abbie schob ihre Unterlagen beiseite und wandte sich ihr zu.

„Ich glaube … ich glaube …“ Cathy senkte den Blick und begann nervös, mit ihren Schnürsenkeln zu spielen. „Ich glaube, ich …“

„Ja, was glaubst du?“

„Ich glaube, ich habe Daddy heute gesehen …“ Schließlich blickte Cathy sie wieder an.

Abbie war, als hätte man ihr einen Schlag versetzt, und es dauerte eine Weile, bis sie sich von dem Schock erholt hatte. „Du hast recht“, erwiderte sie ausdruckslos, „ich glaube dir nicht. Du kannst deinen Vater unmöglich gesehen haben“, fügte sie hinzu, als Cathy sich auf die Lippe biß. „Dein Vater lebt in Australien. Er ist ausgewandert, kurz nachdem … kurz nach deiner Geburt, und es gibt keinen Grund …“

„Wofür gibt es keinen Grund?“ erkundigte Cathy sich schroff. „Gibt es keinen Grund für ihn, nach England zurückzukommen und Kontakt mit mir aufzunehmen?“

Die Kehle war Abbie wie zugeschnürt. Sie hatte früh lernen müssen, auf eigenen Füßen zu stehen und allein für sich und ihre Tochter zu sorgen, und bisher hatte sie immer geglaubt, es hätte Cathy weder an Liebe noch an Geborgenheit gemangelt. Das Gefühl, trotzdem in gewisser Weise versagt zu haben, war unerträglich.

Natürlich kannte sie den Grund dafür. Jetzt, da Cathy heiraten wollte, dachte sie natürlich an die Zukunft und daran, selbst irgendwann einmal Kinder zu bekommen. Es weckte in ihr den Wunsch, mehr über ihren Vater zu erfahren, und sicher hoffte sie, daß er genauso an ihr interessiert war.

Als Cathy noch ein Baby gewesen war, hatte sie, Abbie, sich geschworen, ihr niemals die Wahrheit über ihren Vater zu verschweigen, gleichzeitig jedoch alles daranzusetzen, daß sie nicht verletzt wurde, wenn sie die Wahrheit über ihn erfuhr.

Und bisher war sie diesem Vorsatz treu geblieben, obwohl es ihr immer schwerer gefallen war, je älter Cathy geworden war.

Wie sollte man einem Kind beibringen, daß sein Vater es nicht wollte? Sie, Abbie, hatte ihr Bestes getan, um es Cathy nicht spüren zu lassen, und war immer so stolz gewesen, wenn die Leute ihr gesagt hatten, wie glücklich Cathy wirke. Nun fragte sie sich allerdings, ob sie sich zu früh gefreut hatte.

Aus Angst, versagt zu haben, reagierte sie nun weniger verständnisvoll, als sie es unter anderen Umständen getan hätte. „Vergiß deinen Vater, Cathy“, erklärte sie beinah schroff. „Er hat keinen Platz in deinem Leben. Das hatte er nie. Ich verstehe, wie dir zumute ist, aber …“

„Nein, das tust du nicht!“ unterbrach Cathy sie hitzig. „Wie solltest du auch?“ In ihren Augen schimmerten Tränen. Grandma und Grandpa lieben dich. Du mußtest in der Schule nicht mit anhören, wie die anderen über ihre Väter geredet und zu dir gesagt haben …“ Sie verstummte und fügte leise hinzu: „Tut mir leid, Mum … Ich wollte nicht … Ich weiß, es ist nicht deine Schuld. Es ist nur …“

Abbie stand auf, ging zu ihr, nahm sie in die Arme und tröstete sie, so wie sie es getan hatte, als Cathy noch ein kleines Mädchen gewesen war. Nicht zum erstenmal verfluchte sie dabei den Mann, der ihnen soviel Leid zugefügt hatte.

Steve war nach England zurückgekehrt? Nein, das würde er nicht wagen … Nicht nach dem, was er getan hatte … Als sie ihm das letztemal begegnet war, hatte sie ihm unmißverständlich klargemacht, daß sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte und er seinen Namen, sein Geld, sein Haus und alles andere, was er ihr gegeben hatte, behalten sollte … außer seinem Kind. Er hatte die Vaterschaft geleugnet, und sie würde Cathy niemals erlauben, ihn wiederzusehen.

Er hatte ihr unterstellt, sie hätte mit einem anderen geschlafen und wäre von diesem Mann schwanger geworden. Er hatte sogar die Frechheit besessen, Lloyd zu beschuldigen. Ausgerechnet Lloyd …

Sie hatte ihn jedoch nicht aussprechen lassen, sondern sich an ihm vorbeigedrängt, bereit, das Haus zu verlassen, das sie nur für kurze Zeit mit ihm geteilt hatte.

Abbie lächelte zufrieden, als sie kurz darauf das Geschäftsbuch zuklappte und es auf den Stapel Unterlagen legte.

Sie wußte, wie skeptisch einige ihrer Freunde vor zehn Jahren gewesen waren, als sie verkündet hatte, eine eigene Zeitarbeitsfirma zu gründen. Doch nach fünfzehnjähriger Berufserfahrung im Hotel- und Gaststättengewerbe, in der sie vom Kellnern bis zum Organisieren von Konferenzen praktisch alles gemacht hatte, hatte sie über genügend Know-how und Kontakte verfügt, um den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen.

Und sie hatte sich nicht geirrt. Einige der Mitarbeiter, die sie damals unter Vertrag genommen hatte, waren immer noch dabei, und sie hatte sich einen ausgezeichneten Ruf erworben. Sie war ihren Mitarbeitern gegenüber nicht nur offen und loyal, sondern achtete streng darauf, daß diese von ihren Arbeitgebern auch fair behandelt wurden.

Außerdem zahlte sie gut, und sie erklärte jedem Arbeitgeber, der mit ihr feilschen wollte, daß sie nur hochqualifizierte Leute beschäftigte und diese entsprechend entlohnte. Sie konnte allen Anfragen gerecht werden, ob nun jemand einen Butler wünschte, um einer offiziellen Privatfeier den richtigen Rahmen zu verleihen, oder einen Chefkoch, der in letzter Minute einspringen und ein Büfett für fünfhundert Tagungsgäste ausrichten sollte.

Sobald Cathy alt genug gewesen war, hatte sie, Abbie, sie ermutigt, ihr Taschengeld mit Aushilfstätigkeiten als Kellnerin oder am Tresen aufzubessern, genau wie sie es früher getan hatte. Sie hätte es sich auch leisten können, Cathy während des Studiums großzügig zu unterstützen, doch Cathy hatte auf eigenen Beinen stehen sollen.

Nachdem ihre Ehe gescheitert war, hatten ihre Eltern ihr, Abbie, geholfen und sie sogar gebeten, wieder zu ihnen zu ziehen. Sie hatte jedoch darauf bestanden, für sich allein zu sorgen. Nun war sie froh darüber, sich in dieser Kleinstadt im Herzen von England, in die Steve sie damals gebracht hatte, eine eigene Existenz aufgebaut zu haben. Sie hatten damals Zukunftspläne gemacht und beide an der Universität arbeiten wollen – sie im Archiv und er als Dozent. Sein Traum war es gewesen, später einmal Schriftsteller zu werden.

Abbie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Sie hatte einer Freundin, die regelmäßig auf dem Flohmarkt verkaufte, versprochen, ihren Dachboden nach Sachen abzusuchen, die sie loswerden wollte. Wenn sie sich beeilte, würde sie es noch vor ihrem Termin mit dem Manager des neuen luxuriösen Konferenzcenters schaffen, das zu einem Hotel im Ort gehörte und kürzlich eröffnet worden war.

Man war an sie herangetreten und hatte ihr den Posten des Managers angeboten, doch sie hatte das Angebot ausgeschlagen, weil sie lieber ihr eigener Chef war und die Verantwortung für ihr Leben allein trug. Ihr Leben mochte etwas einsamer sein, war aber auch viel sicherer. Und wenn es um ihre persönlichen und beruflichen Beziehungen ging, war Sicherheit ihr sehr wichtig.

Aus Angst, verletzt zu werden, ließ Abbie nicht einmal ihre engsten Freundinnen zu dicht an sich heran, und was Männer betraf …

Es ist nicht so, daß ich die Männer hasse, überlegte sie, während sie die schmale Treppe zum Dachboden hochstieg. Sie wollte nur keinem Mann die Gelegenheit geben, sie so zu verletzen, wie man sie damals verletzt hatte. Schließlich war sie keine Närrin. Das hieß allerdings nicht, daß es Männer gegeben hatte, die sie in Versuchung geführt hatten. Die Erinnerungen an den Schmerz, den Steve ihr zugefügt hatte, hatten sie jedoch immer zurückgehalten. Steve hatte ihr gesagt, daß er sie liebte und sie immer lieben würde, daß er ihr niemals weh tun würde. Sie hatte ihm geglaubt, aber er hatte gelogen. Wie sollte sie also je wieder einem Mann vertrauen? Und nicht nur um ihretwillen, sondern auch um Cathys willen. Cathy brauchte Liebe und Geborgenheit.

Abbie stieß die Tür zum Dachboden auf und krauste die Nase, weil die Luft abgestanden und staubig war. Sie hatte den Dachboden nicht mehr betreten, seit Cathy mit dem Studium begonnen hatte und von zu Hause ausgezogen war.

An der Universität hatte Cathy Stuart kennengelernt, der dort ein Aufbaustudium machte. Zuerst hatte sie, Abbie, befürchtet, es würde Cathy genauso ergehen wie ihr damals.

Fran, eine ihrer ältesten Freundinnen, wies sie jedoch darauf hin, daß sie ihr gutes Verhältnis zu Cathy aufs Spiel setzen würde, wenn sie an dem Glauben festhielt, daß Stuart sich Cathy gegenüber genauso verhalten würde wie Steve ihr gegenüber.

„Stuart ist anders als Steve“, beharrte Fran, als Abbie sich weigerte, mit ihr über das Thema zu sprechen. „Und selbst wenn er es nicht wäre, hat Cathy das Recht, ihre eigenen Fehler zu machen und ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Man muß als Mutter loslassen können, so schwer es auch ist“, fügte sie hinzu. „Ich verstehe dich ja, wir alle tun es, aber Cathy ist erwachsen, Abbie, und sie ist verliebt …“

„Sie <ku>glaubt<no>, daß sie verliebt ist“, unterbrach Abbie sie wütend. „Sie kennt ihn erst seit einigen Monaten und redet schon davon, daß sie bei ihm einziehen will und …“

„Gib ihr eine Chance“, riet Fran ohr. „Gib <ku>ihnen<no> eine Chance.“

„Du hast gut reden“, meinte Abbie unwirsch. „Deine Töchter sind noch Teenager …“

Fran verdrehte die Augen. „Und du glaubst, das macht es leichter? Lloyd und Susie reden schon seit einer Woche nicht mehr miteinander. Neulich abend hat Lloyd sie in leidenschaftlicher Umarmung mit einem Jungen vor der Tür überrascht. Natürlich ist er ziemlich wütend geworden und hat den übermäßig besorgten Vater gespielt. Und Susie ist natürlich in dem Alter, wo sie glaubt, ihre eigenen Entscheidungen treffen zu können. Dann hat sie alles nur noch schlimmer gemacht, indem sie ihm gesagt hat, sie hätte mit dem Knutschen angefangen.“

„Hm …“ In diesem Moment hatte Abbie ihre eigenen Probleme vorübergehend vergessen.

Susie, Frans und Lloyds älteste Tochter, war ihr Patenkind und damals vierzehn gewesen.

Genau wie Michelle, ihre jüngere Schwester, hatte sie das auffallend rote Haar ihres Vaters geerbt, und die beiden sahen Cathy nicht im mindesten ähnlich. Wenn Steve also lange genug geblieben wäre, hätte er seine Unterstellung, Lloyd wäre Cathys Vater, zurücknehmen müssen.

Armer Lloyd. Er hatte Fran noch nicht gekannt, als sie, Abbie, und Steve sich getrennt hatten, und sie in den ersten Monaten nach Kräften unterstützt. Er hatte ihr sogar vorgeschlagen zu heiraten, doch sie hatte natürlich abgelehnt. Sie hatte gewußt, daß sie ihn nicht liebte und er sie nicht, obwohl alle sie für ein Paar gehalten hatten, bevor Steve in ihr Leben getreten war.

Abbie kniete sich vorsichtig hin und begann, die Sachen wegzuräumen, um an die Kartons heranzukommen, die sie ihrer Freundin geben wollte.

Dabei stieß sie einen Stapel Kinderbücher um. Als sie sie wieder aufeinanderlegen wollte, sah sie, daß Cathys erste Bücher darunter waren, und Tränen traten ihr in die Augen.

Sie erinnerte sich noch sehr gut daran, wie aufgeregt sie gewesen war, als Cathy das erste Wort und den ersten Satz gelesen hatte. Sie war wahnsinnig stolz gewesen und überzeugt, daß ihre Tochter das klügste und hübscheste Mädchen auf der Welt war.

Ihr Lächeln verschwand, als sie sich daran erinnerte, wie es war, niemanden zu haben, mit dem sie diese besonderen Momente gemeinsam erleben konnte. Damals hatte sie ihre Eltern angerufen, um ihnen von Cathys Leistung zu berichten.

Doch sie wollte nicht in sentimentalen Erinnerungen schwelgen. Schließlich war sie eine vielbeschäftigte Karrierefrau mit einem vollen Terminkalender und sehr wenig Zeit. Ihre Neigung zu Träumereien und Gefühlsduselei hatte sie nach ihren damaligen Erfahrungen unterdrücken müssen. Sie hatte sich verändert. Die Leute respektierten sie und fanden sie manchmal sogar ein wenig furchteinflößend. Sie hatte gelernt, mit Problemen allein fertig zu werden, und würde, wenn es nötig war, wie eine Löwin kämpfen, um ihr Kind zu beschützen. Sie brauchte der Vergangenheit nicht nachzutrauern, und sie brauchte auch keinen Mann, der ihr mißtraute und sie verletzte.

Abbie kroch dorthin, wo sie die Kartons vermutete, und fluchte, als sie dabei Staub aufwirbelte und husten mußte. Sie versuchte, die unheimlichen Geräusche über ihr zu ignorieren. Sicher waren es nur Tauben, die auf den Dachsparren saßen.

Als sie die Kartons erreichte, zog sie den untersten heraus und griff dann nach dem, der dahinter stand. Er ließ sich jedoch nicht bewegen, offenbar hatte er sich verkantet. Sie griff nach hinten und erstarrte, als sie ein Stück Netzstoff zu fassen bekam.

Sie wußte sofort, was es war, und obwohl ihr gesunder Menschenverstand ihr riet, es dort zu lassen, konnte sie der Versuchung nicht widerstehen. Mit zitternden Fingern zog sie so lange daran, bis das zusammengeknüllte Stoffbündel zum Vorschein kam.

Es war einmal schneeweiß gewesen, und die winzigen Perlen, mit denen es bestickt war, hatten mit den Diamanten in ihrem Verlobungsring um die Wette gefunkelt, als sie sich in dem Anproberaum vor ihrer Mutter herumgedreht hatte.

Sie war eine Märchenbraut gewesen – zumindest hatte es so in der Zeitung gestanden. Tatsächlich hatte sie sich wie eine Prinzessin, nein, wie eine Königin, gefühlt, als ihr Vater sie zum Altar geführt hatte. Und als Steve nach der Trauzeremonie ihren Schleier hochgehoben und sie den Ausdruck in seinen Augen gesehen hatte, hatte sie sich bewundert und geliebt gefühlt … Jedenfalls war ihr nicht in den Sinn gekommen, daß es eines Tages anders sein könnte und Steve sie nicht bewundernd und verlangend zugleich anschauen würde.

Wie naiv ich damals war! dachte Abbie.

Ihre Eltern hatten sie gewarnt und ihr geraten, nichts zu überstürzen, weil Steve und sie sich kaum kannten. Doch sie hatte nicht auf sie gehört, weil sie der Meinung war, die beiden hätten vergessen, wie es war, verliebt zu sein und sich schmerzlich nach einem anderen Menschen zu sehnen.

Steve und sie hatten sich durch einen Zufall kennengelernt, genauer gesagt, durch einen Unfall. Sie war auf dem Weg zu einer Vorlesung und fuhr mit dem Fahrrad über den Campus. Auf diesem Teil des Universitätsgeländes war Studenten der Zutritt verboten.

Als sie mit Steve zusammenstieß, dachte sie zuerst, er wäre ein Kommilitone aus dem Politologiekurs, obwohl er offensichtlich einige Jahre älter war als sie. Sie war errötet und hatte sich lachend bei ihm entschuldigt, aber der Grund für ihre Verlegenheit war nicht der Zusammenstoß mit Steve gewesen, sondern ihre heftige Reaktion auf seine Nähe.

Später hatte sie ihm einmal gestanden, daß sie ihn vermutlich nicht davon abgehalten hätte, wenn er sie an Ort und Stelle, auf dem Rasen, genommen hätte. Obwohl sie damals noch Jungfrau gewesen war und ihre Erfahrungen mit Männern sich auf Lloyds zaghafte Küsse und Zärtlichkeiten beschränkt hatten, hatte Steve eine derart verheerende Wirkung auf sie ausgeübt.

Als sie erfuhr, daß Steve kein Kommilitone war, sondern frischgebackener Dozent, der gerade in Harvard promoviert hatte, war sie schockiert und zutiefst beschämt.

Nachdem er sie getadelt hatte, weil sie auf einem für Studenten verbotenen Teil des Campus geradelt war, schickte er sie weiter, und sie rechnete nicht damit, ihn je wiederzusehen.

Doch nur zwei Tage später tauchte er bei ihr auf, um ihr ein Buch zu bringen, daß bei dem Zusammenstoß aus ihrem Fahrradkorb gefallen war. Wieder schämte sie sich, weil sie gerade einen Zeitungsartikel über hungernde Kinder in der Dritten Welt las, der sie zu Tränen gerührt hatte.

Nachdem er den Grund für ihre Tränen erfahren hatte, erklärte sie ihm, daß sie niemals ein Kind in die Welt setzen könne, wenn so viele Kinder Not leiden würden.

„Sie finden bestimmt, daß ich übertrieben reagiere, nicht?“ erkundigte Abbie sich verlegen, sobald sie sich wieder gefangen hatte.

Steve schüttelte den Kopf. „Nein“, erwiderte er ernst. „Ich finde …“

Weiter kam er nicht, weil in diesem Moment eine ihrer Mitbewohnerinnen ins Zimmer kam und sie bat, ihr bei der Suche nach einem Buch zu helfen, das sie verlegt hatte.

Abbie bot ihm eine Tasse Kaffee an, doch er lehnte dankend ab. Zwei Wochen später, zu Beginn der Semesterferien, war er dann unerwartet bei ihren Eltern aufgetaucht, wo sie sich gerade im Garten sonnte, um mit ihr auszugehen.

Später hatte er ihr erklärt, er hätte es vorher nicht getan, weil er Dozent war und sie Studentin und er nicht den Eindruck erwecken wollte, er würde seine Position benutzen, um junge Studentinnen zu verführen. In diesem Moment hatte sie sich noch mehr in ihn verliebt. Er war so aufrichtig gewesen, so anständig … manchmal sogar zu anständig. Einmal hatte er sich geweigert, sie mit zu sich zu nehmen und mit ihr zu schlafen.

„Du willst mich nicht“, warf Abbie ihm unter Tränen vor.

Statt zu antworten, nahm er ihre Hand und führte sie an die entsprechende Stelle, um ihr zu beweisen, wie erregt er war. Es schockierte und erregte sie zugleich, und als er sah, wie sie errötete und seinem Blick auswich, lachte er. Dann seufzte er und ließ ihre Hand wieder los. „Weißt du, es ist noch zu früh, und du bist …“

„Wag es ja nicht, mir zu sagen, ich sei noch zu jung“, unterbrach sie ihn leidenschaftlich. „Ich bin zwanzig … fast …“

„Und ich bin sechsundzwanzig … fast.“

„Das sind nur sechs Jahre Altersunterschied.“

„Du bist noch Jungfrau, und ich habe bereits Erfahrungen gesammelt“, erwiderte er ungerührt.

„Ich kann es doch lernen. Du kannst es mir beibringen. Du …“

Steve schloß die Augen und nahm sie in die Arme.

„Führ mich nicht in Versuchung“, flüsterte er mit bebender Stimme, so daß sie zu zittern begann.

Sie hatte auch gezittert, als er sie zum erstenmal richtig geküßt hatte. Und danach …

Aber es war nicht nur Sex und körperliches Verlangen gewesen …

Abbie schloß die Augen, als die schmerzlichen Erinnerungen auf sie einstürmten.

Steve hatte sie das erstemal bei ihrer zweiten Verabredung geküßt. Sie hatte ihm gegenüber erwähnt, daß sie gern „Ein Sommernachtstraum“ sehen wolle, das traditionsgemäß in Stratford on Avon aufgeführt wurde. Allerdings hatte sie keineswegs erwartet, daß er mit ihr dorthin fahren würde. Das Stück hatte nur sehr gute Kritiken bekommen, und sie hatte gehofft, ihre Eltern würden ihr vielleicht einen Theaterbesuch spendieren.

Als Steve sie anrief und sagte, er habe zwei Karten gekauft, war sie so aufgeregt bei der Vorstellung, ihn bald wiederzusehen, daß sie keinen klaren Gedanken fassen konnte. Und als er sie dann im Smoking abholte, wirkte er so elegant und gleichzeitig so sinnlich, daß es ihr die Sprache verschlug.

„Ich dachte, wir könnten anschließend essen gehen“, schlug er vor, gleichzeitig an ihre Eltern gewandt. Ihre Mutter strahlte, und ihr Vater hüstelte und sagte, er würde sich darauf verlassen, daß er seine Tochter nicht zu spät nach Hause bringen würde.

Abbie hatte sich extra für diesen Anlaß ein neues Kleid gekauft, ein fließendes, langes Modell aus grüner Baumwolle, das dieselbe Farbe hatte wie ihre Augen. Es war vorn hochgeschlossen, hatte angeschnittene Ärmel und einen tiefen Rückenausschnitt.

Das weiße Umhangtuch aus Seide, das ihre Mutter ihr noch schnell von oben geholt hatte, hatte dem Kleid eine elegante Note verliehen. Abbie erinnerte sich noch genau daran, wie sie verlegen errötet war, als Steve sie flüchtig gemustert hatte, als hätte er genau gewußt, daß sie keinen BH trug und ihre Knospen sich aufgerichtet hatten …

Die Fahrt nach Stratford hatte eine Stunde gedauert, und während der ersten halben Stunde hatte sie geschwiegen, weil seine Nähe sie so überwältigte.

Als sie etwas entspannter war, bemerkte sie, es sei ein schöner Tag gewesen, was Steve bestätigte. Dann erkundigte er sich beiläufig, ob sie sich gesonnt habe.

„Ja“, erwiderte sie und fügte hinzu, daß sie aufpassen müsse, weil ihre Haut sehr hell und empfindlich sei. Leider würde sie nie eine tiefe Bräune haben wie die meisten anderen jungen Frauen.

Er drehte sich zu ihr um und betrachtete sie ernst. Schließlich verringerte er die Geschwindigkeit und streichelte sanft ihren nackten Arm. Abbie erschauerte schon, bevor er ihre Hand nahm und an die Lippen führte.

„Für mich bist du vollkommen“, sagte er rauh und ließ wieder den Blick zu ihren Brüsten schweifen.

In diesem Moment tauchte vor ihrem geistigen Auge ein schockierend deutliches Bild auf: Er neigte den dunklen Schopf und liebkoste ihre Knospen abwechselnd mit der Zunge.

Schnell wandte sie den Kopf ab, aus Angst, Steve könnte ihre Gedanken lesen.

Noch immer hatte sie sich nicht damit abgefunden, daß sie ihn so heftig begehrte. Lloyd und sie waren übereingekommen, daß sie gute Freunde bleiben wollten. Sie ging immer noch gelegentlich mit ihm aus und war gern mit ihm zusammen. Doch sie war ganz sicher, daß sie sich richtig entschieden hatte. Mit Lloyd hätte sie niemals eine Liebesbeziehung anfangen können. Ihre Gefühle für Steve hatten ihr das ganz deutlich vor Augen geführt. Daß sie körperlich so stark auf einen Mann reagierte und eine zunehmende emotionale Abhängigkeit entwickelte, traf sie völlig unvorbereitet. Schon jetzt befürchtete sie, daß sie Gefahr lief, sich in ihn zu verlieben.

Es war ein wunderschöner lauer Sommerabend, und Abbie verspürte ein erregendes Prickeln, als Steve ihr nach dem Aussteigen die Stola umlegte und sie auf dem Weg zum Theater unterhakte.

Die anerkennenden Blicke, die die anderen Frauen ihm zuwarfen, erfüllten sie mit Stolz, machten sie allerdings auch eifersüchtig. Schließlich war Steve sehr attraktiv und maskulin: groß, breitschultrig und muskulös, mit dichtem schwarzem Haar und aufregenden blauen Augen.

Als sie erfuhr, daß er eine Loge für sie reserviert hatte, blickte sie ihn verblüfft an.

„Ich habe uns Champagner bestellt“, flüsterte er, während man sie zu ihren Plätzen führte. „Ich hoffe, du magst Champagner.“

„Und ob!“ schwindelte sie, weil sie nicht zugeben wollte, daß sie bisher nur gelegentlich auf Hochzeiten ein halbes Glas getrunken hatte.

Ihre Eltern waren zuerst nicht besonders begeistert gewesen, als sie sich kurz nach ihrem achtzehnten Geburtstag einen Aushilfsjob als Kellnerin in einem Hotel im Ort gesucht hatte. Sie hatte ihnen aber klargemacht, daß sie einen Teil ihres Lebensunterhalts selbst verdienen wollte, obwohl ihre Eltern durchaus in der Lage und bereit waren, ihr das Studium zu finanzieren.

Nachdem sie mit dem Studium begonnen hatte und zu Hause ausgezogen war, hatte sie ihnen daher auch anfangs verschwiegen, daß sie als Aushilfe in einem Pub angefangen hatte.

Mittlerweile wußten sie es, und sie wußten auch, daß ihre Tochter nur selten Alkohol trank. Zum einen war es Abbie zu teuer, zum anderen vertrug sie nicht viel. Allerdings wäre sie lieber gestorben, als einzugestehen, daß ihr der Champagner viel zu trocken war und ihr bereits nach wenigen Schlucken zu Kopf stieg.

In der Pause nahm Steve ihre Hand und fragte sie, ob es ihr gefalle. Beinah schroff fügte er hinzu: „Ich sollte das nicht tun. Das ist dir doch klar, oder?“

Abbie war sich nicht sicher, was er meinte, bis er es ihr erklärte.

„Du hättest nicht zu diesem Zeitpunkt in mein Leben treten sollen … Es ist noch zu früh, und ich war nicht darauf vorbereitet. Aber wie soll man auf so etwas auch schon vorbereitet sein? Du bist noch ein richtiges Kind.“ Er nahm ihr das Glas aus der Hand und zog sie an sich. „Und wenn ich mich in dich verliebe, gerät mein ganzes Leben aus den Fugen. Das ist wirklich das letzte, was ich gebrauchen kann.

Ich hatte alles genau geplant“, flüsterte er und ließ die Lippen über ihre gleiten. Dann umfaßte er ihre Handgelenke und hielt Abbie von sich. Sein Griff war so fest, daß es beinah weh tat.

„Es tut mir leid. Es tut mir leid.“ Steve führte beide Handgelenke abwechselnd an den Mund und küßte sie sanft. „Es ist einzig und allein deine Schuld, daß ich mich so fühle … mich so benehme. „Ich habe mich immer für vernünftig und ausgeglichen gehalten und hätte nie gedacht, daß ich … Du hast mir vor Augen geführt, daß ich mich eigentlich gar nicht kenne.“

„Du kannst nicht in mich verliebt sein“, protestierte sie mit bebender Stimme, doch ihr war klar, daß der Ausdruck in ihren Augen sie verriet.

„Nein, das kann ich nicht, stimmt's? Schließlich kennen wir uns kaum und haben noch nicht einmal miteinander geschlafen … Also wie könnte ich in dich verliebt sein?“

Da sowohl der Champagner als auch ihre Gefühle ihr dabei halfen, ihre Hemmungen abzulegen, sagte Abbie tapfer: „Ich … ich habe noch mit keinem Mann geschlafen. Aber … aber ich weiß, daß ich mit dir schlafen möchte, Steve … Du sollst derjenige sein, der … Ich möchte, daß du es bist“, fügte sie leise und mit bebender Stimme hinzu. Daraufhin küßte Steve sie zum erstenmal richtig. Er zog sie an sich, hielt sie fest an sich gepreßt und streichelte sie, während er ein erotisches Spiel mit der Zunge begann, das sein starkes Verlangen verriet. Sie erschauerte heftig und war bereit, ihm alles zu geben, solange er sie nur küßte.

Die zweite Hälfte des Stücks rauschte förmlich an ihr vorbei, und auch anschließend im Restaurant nahm Abbie kaum etwas um sich her wahr. Später erinnerte sie sich nur daran, wie sehr sie sich gewünscht hatte, mit Steve allein zu sein, und wie sehr sie sich nach ihm gesehnt hatte. Wie sie sich gefühlt hatte, als er sie neckend aufgefordert hatte, ihren Nachtisch zu essen. Sie hatte aber keinen Bissen heruntergebracht, denn als sie den Löffel zum Mund geführt hatte, hatte Steve so verlangend ihre Lippen betrachtet, daß sie verlegen errötet war.

An diesem Abend und auch bei ihren nächsten Rendezvous brachte er sie direkt nach Hause. Doch schließlich, an einem Donnerstag, fragte er sie, was sie und ihre Eltern dazu sagen würden, wenn er mit ihr übers Wochenende wegfuhr …

„Wann?“ erkundigte sie sich atemlos.

„Ich hole dich morgen früh ab“, hatte er erwidert.

Abbie hörte, wie unten das Telefon klingelte. Allerdings hatte sie keine Lust, ranzugehen, weil sie noch immer ihren Erinnerungen nachhing. Ich will mich aber nicht erinnern, sagte sie sich verzweifelt. Sie wollte den Schmerz nicht noch einmal durchleben, auch wenn sie inzwischen den nötigen inneren Abstand dazu hatte. Aber es war zu spät. Die Erinnerungen stürmten unaufhaltsam auf sie ein.

Bitte nicht, flehte sie stumm, obwohl sie wußte, daß es keinen Zweck hatte. Resigniert schloß sie die Augen und versetzte sich wieder in die Vergangenheit zurück.

2. KAPITEL

„Ich kann einfach nicht glauben, daß wir so schönes Wetter haben. Laut Vorhersage soll die Hitzewelle noch mindestens eine Woche anhalten …“

Als Steve sich ihr zuwandte, stellte Abbie verärgert fest, daß er über sie lachte. Er hatte sie wie vereinbart vor einer halben Stunde bei ihren Eltern abgeholt, sich aber geweigert, ihr zu sagen, wohin sie fuhren.

Als er ihr Gepäck neben seinem im Kofferraum verstaut hatte, hatte ihr Herz vor Aufregung einen Schlag ausgesetzt.

„Warum bist du so nervös?“ erkundigte sich Steve.

„Ich bin nicht nervös“, schwindelte Abbie.

„O doch, das bist du“, widersprach er leise. „Du redest immer über das Wetter, wenn du so nervös bist.“

„Das tue ich nicht“, protestierte sie, doch als sie ihn ansah, wurde ihr bei seinem Anblick warm ums Herz, und ihre Bedenken verflogen.

„Hab keine Angst.“ Das amüsierte Funkeln in seinen Augen wich einem Ausdruck, der sie ganz schwindelig machte. „Niemand wird dich zwingen, etwas zu tun, was du nicht willst …“

„Ich will es aber.“ Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, errötete sie. Tapfer versuchte sie, seinem Blick standzuhalten, und hoffte, daß Steve sie nicht fragte, was sie wollte. Der Blick, den er ihr zuwarf, war jedoch eindeutig.

Noch immer konnte sie es nicht fassen, daß Steve sie so sehr begehrte und daß er im Begriff war, sich in sie zu verlieben.

Als sie sich einmal zu ihm umdrehte, verstärkte er unwillkürlich den Griff ums Lenkrad und bat sie rauh: „Bitte hör auf, mich so anzuschauen. Ich muß sonst anhalten und dich bis zur Besinnungslosigkeit küssen. Und wenn ich erst mal damit anfange …“

Abbie spürte, wie sie erneut errötete und Hitzewellen sie durchfluteten. Ihr war klar, daß er kurz davor war, die Beherrschung zu verlieren. Obwohl sie noch unerfahren war und das erste Mal ein wenig fürchtete, erfüllte das Bewußtsein, eine solche Wirkung auf ihn auszuüben, sie mit einer gewissen Genugtuung.

„Wenn ich das erstemal mit dir schlafe, soll es wundervoll für dich sein“, fuhr er fort. „Du sollst in einem Bett auf weichen Kissen liegen, in einem Raum, in dem es nach Blumen duftet. Ich möchte deinen Körper im Sonnenlicht betrachten und ganz allein mit dir hoch oben in einem Turm sein, wo wir nur die Geräusche der Natur hören.

Tief unter uns fließt ein breiter Fluß, dessen Wasser warm und klar ist, und wir werden im Mondschein in einem Nebenarm schwimmen. Danach werden wir uns wieder lieben im weichen Gras am Ufer.

Im Mondlicht wird dein Körper silbern schimmern, und ich werde ihn mit Händen und Lippen liebkosen. Wenn ich mich mit dir vereinige, wirst du mich unschuldig, aber auch mit dem instinktivem Wissen empfangen, das allen Frauen zu eigen ist, besonders dir. Deine Haut wird so weich und kühl sein wie Seide, und niemand wird uns hören, wenn wir vor Lust aufstöhnen …“

„Hör auf … hör auf“, flüsterte Abbie mit bebender Stimme. Sie brannte vor Verlangen und hätte Steve am liebsten angefleht, anzuhalten und hier und jetzt mit ihr zu schlafen.

Wie weit mochte es noch zum Hotel sein, in das Steve mit ihr fuhr? Wie lange würde es noch dauern, bis …?

„Hast du Hunger? Sollen wir irgendwo anhalten und etwas essen und trinken?“ erkundigte er sich wenig später.

Nach seinen verführerischen Worten überraschte diese nüchterne Frage sie. Abbie schüttelte den Kopf, weil sie sicher kein Wort herausgebracht hätte. Er mußte doch wissen, daß sie nur nach ihm verlangte.

Derartige Gedanken waren ihr so fremd, daß sie verlegen wurde und seinen Blick mied.

Die Straße stieg jetzt an, und die Landschaft veränderte sich. Sie befanden sich an der Grenze zu Wales. Es war ein wilder Landstrich, den sie, Abbie, insgeheim immer für sehr romantisch gehalten hatte.

Hier, in dieser Gegend, die früher einmal Welsh Marches geheißen hatte, und deren alte Burgen Zeugnisse der bewegten Geschichte des Landes waren, konnte man sich gut vorstellen, wie die Ritter in ihrer Rüstung die Grenze bewacht hatten. Und wenn man seiner Phantasie freien Lauf ließ, hörte man das Klirren von Metall in der Schlacht und die Schreie der Verwundeten und der Sieger, und glaubte, hinter mancher Schießscharte einer Burg das blasse Gesicht einer Frau zu sehen, die ängstlich nach draußen blickte.

„Dies ist einer der Orte, an denen die Vergangenheit sehr lebendig ist, stimmt's?“

Seine leise Bemerkung führte Abbie vor Augen, wie gut Steve sich in sie hineinversetzen konnte und wie viele Gemeinsamkeiten sie über ihr heftiges gegenseitiges Verlangen hinaus hatten.

Sie war immer noch zu jung, um sich richtig zu verlieben und sich für immer an einen Mann zu binden, doch sie vermutete, daß genau das mit ihr passierte.

Es ist noch nicht zu spät, tröstete sie sich. Ich kann immer noch meine Meinung ändern und das Ganze beenden.

„Wir sind gleich da“, erklärte Steve.

Das Hotel war märchenhaft und lag in einem wunderschönen bewaldeten Tal. Es war ein Herrenhaus aus dem ersten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts, ein wahrer Prachtbau aus hellem Stein mit blaßgrünen Schindeln, zahlreichen Türmen, das inmitten von Bäumen an einem Fluß lag und von einem sehr gepflegten Garten umgeben war.

Sie mußten eine Brücke überqueren, um zum Haupttor zu gelangen, und anschließend eine gewundene gepflasterte Auffahrt hochfahren. Das Hotel kam erst nach der letzten Kurve in Sicht. Abbie hatte lediglich während der Fahrt ins Tal einige flüchtige Blicke darauf erhaschen können.

„Es ist … es ist …“ Sie sah Steve an, als er den Wagen auf auf der Rückseite des Gebäudes parkte, das früher offenbar einmal ein Wohnhaus gewesen war.

Als ihr Blick auf die kleinen Türme fiel, erinnerte sie sich an Steves Beschreibung, wie er sich das erste Mal mit ihr vorstellte. Sie hatte geglaubt, er hätte nur seiner Phantasie freien Lauf gelassen. Doch nun …

„Einer meiner älteren Kollegen hat mir das Hotel empfohlen“, sagte er leise und beantwortete damit ihre unausgesprochene Frage. „Er hat hier mit seiner Frau die silberne Hochzeit gefeiert. Das Haus wurde von einer reichen Erbin erbaut, als Liebesnest für sich und ihren Geliebten. Sie entstammte einer Adelsfamilie, die mit dem Königshaus verwandt war, und sollte standesgemäß heiraten. Ihr Geliebter war allerdings ein Bürgerlicher. Sie hätten niemals heiraten dürfen, kamen aber jeden Sommer hierher, vom Jahr ihrer Hochzeit an bis zu seinem Tod. Danach benutzte sie es nicht mehr, weil sie es nicht ertragen konnte, es ohne ihn zu betreten. Sie vermachte es dann seiner Familie.“

„Wie schrecklich!“ bemerkte Abbie. „Jemand sein ganzes Leben lang so zu lieben und niemals zusammensein zu dürfen.“ Plötzlich erschauerte sie.

„Was ist los?“ erkundigte Steve sich besorgt.

„Nichts“, schwindelte sie. Wie hätte sie ihm auch klarmachen sollen, daß diese traurige Geschichte einen Schatten auf ihr Glück geworfen hatte? Es war, als würde das Unglück jener Frau ihr Glück bedrohen.

Das ist doch lächerlich, sagte sich Abbie. Steve hat sich so viel Mühe gegeben, damit unsere erste gemeinsame Reise etwas ganz Besonderes wird.

„Liege ich richtig mit meiner Vermutung, daß du für uns ein Turmzimmer reserviert hast?“ Sie lächelte ihn strahlend an, bemüht, ihr Unbehagen und das Gefühl der Traurigkeit abzuschütteln.

„Wie kommst du denn darauf?“ neckte er sie, während er ihr Gepäck aus dem Kofferraum nahm.

Wenig später stellte Abbie fest, daß er nicht nur ein Zimmer, sondern eine ganze Suite mit zwei Schlafzimmern gebucht hatte.

Als sie ihn fragend ansah, nachdem der Page gegangen war, erwiderte Steve leise: „Ich wollte nicht, daß du dich in irgendeiner Weise unter Druck gesetzt fühlst.“

„Das tue ich auch nicht.“ Ihre gedrückte Stimmung war verflogen und wich einem prickelnden Hochgefühl.

„Ich möchte, daß wir miteinander schlafen, Steve“, fuhr Abbie mit bebender Stimme fort. „Ich wünsche es mir mehr als je zuvor. Nie hätte ich gedacht, daß ich einmal einen Mann so begehren würde wie dich. Ich begehre dich so sehr, daß es weh tut … hier“, fügte sie atemlos hinzu und legte dabei die Hand auf den Bauch. „Hier, wo …“

Sie stieß einen Protestlaut aus, als er die Lippen auf ihre preßte, um sie verlangend zu küssen. Seine Leidenschaft riß sie mit, und erschauernd umfaßte sie seine Schultern.

Schließlich löste er sich von ihr, um ihr in die Augen zu sehen. Dabei umfaßte er ihr Gesicht, und seine Hände fühlten sich auf ihrer erhitzten Haut wunderbar kühl an.

Benommen fragte sie sich, ob Steve auch an ihrem Duft merkte, wie erregt sie war, und sich danach sehnte, die heißen Lippen auf ihren Hals, ihre Brüste, ihren Bauch und ihre Schenkel zu pressen …

Ein leiser Laut entrang sich ihrer Kehle und veranlaßte Steve, zärtlich ihr Gesicht zu streicheln und leise zu sagen: „Schon gut. Ich verspreche dir, daß du keine Angst zu haben brauchst. Ich versuche, nichts zu überstürzen und …“

„Ich habe keine Angst“, fiel sie ihm ins Wort. „Zumindest nicht vor dir …“ Ihre Augen schienen dunkler zu werden, und ihre Lippen bebten kaum merklich, als sie heiser fortfuhr: „Ich habe Angst vor meinen Gefühlen, Steve. Ich habe Angst davor, die Beherrschung zu verlieren und mich in meinen Gefühlen zu verlieren … dich zu sehr zu begehren …“

„Ich weiß“, sagte er aufstöhnend und zog sie an sich, so daß ihr Kopf an seiner Brust lag. „Mir geht es genauso, sogar noch schlimmer. Ich habe Angst davor, du könntest zu kurz kommen, weil ich so erregt bin, daß ich mich nicht mehr beherrschen kann …“

„Wünschst du dir, ich wäre keine Jungfrau?“ fragte Abbie unsicher.

Wieder umfaßte Steve ihr Gesicht und sah sie an. „Wie kommst du denn darauf?“ meinte er rauh. „Weißt du denn nicht, wie glücklich ich darüber bin, daß ich der erste Mann für dich bin? Auch wenn ich Angst davor habe, dich zu enttäuschen. Es ist zwar egoistisch, aber mir gefällt die Vorstellung, daß du mich nicht mit jemand anders vergleichst und womöglich sogar wünschst, ich wäre jemand anders.“

Als sie protestieren wollte, fuhr er unbeirrt fort: „Ich bin ein Mann, Abbie, und das bedeutet, daß ich besitzergreifend und manchmal auch eifersüchtig bin. Ich werde niemals zulassen, daß dich je ein anderer berührt … mit dir schläft, wenn du erst mir gehörst …

Ich bin sechsundzwanzig und sexuell nicht unerfahren, aber was die Liebe betrifft … Was die Liebe betrifft, so bin ich genauso unschuldig wie du, mein Schatz. Schreckt dich das ab?“

Ihre glänzenden Augen sagten ihm mehr als Worte.

„Du meine Güte, schau mich nicht so an!“ brachte er hervor. „Nicht jetzt. Noch nicht … Ich dachte, wir machen erst einmal einen Spaziergang im Garten, trinken Tee und verbringen einen gemütlichen Abend mit Champagner zum Essen und …“

Ungeduldig zupfte sie an seinem Ärmel und bot ihm die Lippen dar.

„Küß mich, Steve“, bat sie ihn heiser. „Bitte, bitte küß mich.“

Wenig Minuten später lagen sie auf dem Bett, und ihre Sachen waren auf dem Boden verstreut. Mit gemischten Gefühlen blickte Abbie Steve an, der ihren nackten Körper betrachtete. Es war das erstemal, daß er sie nackt sah, und sie mußte gegen die Versuchung ankämpfen, die Arme vor der Brust zu verschränken und sich auf den Bauch zu drehen.

Er war auch nackt. Sein Anblick erregte sie, gleichzeitig empfand sie aber auch ein wenig Scheu, denn er führte ihr vor Augen, daß Steve mit sechsundzwanzig Jahren kein Junge mehr war, sondern ein Mann.

Sie hatte Lloyd im Lauf der Jahre oft in der Badehose gesehen und miterlebt, wie sein Körper sich entwickelte. Doch Lloyd sah ganz anders aus als Steve. Steves Schultern waren breiter, sein Bauch flacher, seine Brust stärker behaart …

Abbie wurde ganz heiß, als sie sich eingestand, wie heftig sie auf den Anblick seiner behaarten Brust reagierte. Sie sehnte sich danach, die Hand auszustrecken und ihn zu streicheln, seinen Duft einzuatmen und seine nackte Haut zu küssen und, wenn sie den Mut dazu aufbrachte, die Hände und Lippen tiefer gleiten zu lassen. Sie fragte sich, ob es Steve Spaß machen würde oder ob er schockiert wäre, wenn sie sich so hemmungslos verhielt.

Nun allerdings betrachtete er sie und berührte sie, wie ihr bewußt wurde. An ihrem Hals begann eine Ader zu pochen, als er ihr das Haar nach hinten strich, um ihre Schulter zu streicheln.

Abbie stellte fest, daß ihre Knospen fest wurden und sich aufrichteten.

Ob meine Brüste Steve gefallen? überlegte sie. Vielleicht fand er sie ja zu klein und nicht richtig entwickelt. Schließlich hatte er gesagt, daß er bereits Erfahrungen gesammelt habe …

Sie verspannte sich ein wenig, als er ihre Brust umfaßte, und hob den Kopf, um ihm in die Augen sehen zu können.

„Sie fühlen sich wundervoll an“, erklärte er verführerisch und beantwortete damit ihre unausgesprochene Frage.

„Sie <ku>sind<no> wundervoll“, fügte er hinzu, diesmal noch rauher. Jetzt neigte er den Kopf, um die feste Knospe zu küssen. Erst berührte er sie ganz sanft, dann umschloß er sie mit den Lippen und begann, daran zu saugen. Es war unglaublich erregend.

Abbie seufzte leise auf und bog sich ihm entgegen, um erneut die heißen Wellen der Lust zu verspüren, die ihren Körper durchfluteten. Instinktiv streckte sie die Hände aus, um seinen Kopf an die Brüste zu pressen, und stöhnte erneut vor Begierde auf, als Steve ihren Bauch streichelte. Unwillkürlich hielt sie den Atem an und überlegte, ob sie es wagen konnte, seine Hand etwas tiefer zu führen oder … Schließlich verlagerte er das Gewicht, schob eine Hand unter ihren Po, um ihn anzuheben, und streifte mit der anderen das seidige blonde Haar.

Wieder verspannte sie sich, weil heftiges Verlangen sie durchzuckte. Sie spürte, wie er erstarrte, und wußte, daß er sie betrachtete. Als sie ihm in die Augen sah, stellte sie fest, daß er erschauerte und tief durchatmete. „Willst du mich jetzt schon?“

Sie brauchte darauf nicht zu antworten. Sobald Steve anfing, ihre empfindsamste Stelle zu liebkosen, drängte sie sich ihm entgegen und bedeutete ihm damit, daß sie sich nach mehr sehnte. Er sollte das schmerzliche Verlangen stillen, daß er mit seinen Zärtlichkeiten in ihr geweckt hatte und nun ins Unermeßliche steigerte.

Als er es nicht tat, war Abbie frustriert. Zwar bedeckte er ihren Schoß noch immer mit der Hand, aber es war nicht das, was sie wollte. Sie wollte …

Abbie stöhnte protestierend auf, als er die Hand zurückzog und ein Kissen nahm, um es ihr unter den Po zu legen.

„Damit geht es leichter“, erklärte er leise. Seine Hände zitterten ein wenig, und sie sah, daß er genauso erregt war wie sie. Am liebsten hätte sie ihn genauso intim gestreichelt wie er sie.

„Beug die Knie“, wies er sie dann an und zeigte ihr, was er meinte, indem er sich zwischen ihre geöffneten Beine kniete. Ehe sie wußte, wie ihr geschah, neigte er den Kopf und berührte ihre intimste Stelle mit den Lippen.

Fast hätte Abbie aufgeschrien, als er sie mit der Zunge zu liebkosen begann. Sie versuchte, die Wellen der Lust zu unterdrücken, die sie durchfluteten, doch schließlich gab sie sich ganz diesen köstlichen Gefühlen hin, zumal seine Zärtlichkeiten immer erregender wurden. Nun ertrug sie es nicht länger. Sie wollte ihn ganz spüren. Zuerst sollte er sich langsam bewegen, und dann …

„Steve … Steve“, brachte sie hervor. „Ich kann nicht … Bitte … jetzt … Ich … ich will dich. Ich will dich … in mir spüren. Jetzt … jetzt. Ich will …“

Abbie stöhnte auf, als Steve die Lippen auf ihre preßte, um ein erotisches Spiel mit der Zunge zu beginnen. Gleichzeitig hielt er sie fest, um sie zu führen, während er sich mit ihr vereinigte.

Es war genauso, wie sie es sich erträumt hatte. Seine langsamen Bewegungen berauschten sie und schärften ihre Sinne. Außer sich vor Verlangen, trieb sie ihn dazu an, immer tiefer in sie einzudringen, und paßte sich seinem Rhythmus instinktiv an.

Kurz vor ihm erreichte sie einen intensiven Höhepunkt und schrie vor Lust auf. Als sie danach in seinen Armen lag, war sie so überwältigt von dem, was gerade passiert war, daß ihr die Tränen kamen.

Abbie und Steve liebten sich fast das ganze Wochenende, und zwar sowohl in ihrer Suite als auch im Mondschein im weichen Gras am Flußufer, wie er es ihr auf der Fahrt zum Hotel versprochen hatte.

Am Sonntag wußten sie beide, daß es nun kein Zurück mehr gab, weil ihre Liebe zueinander stärker war als alles, was sie je erlebt hatten.

„Es gefällt mir nicht“, erklärte Steve. „Du bist so jung … zu jung …“

„Wir könnten nur miteinander schlafen, und …“ begann Abbie, doch er ließ sie nicht aussprechen.

„Nein“, sagte er schroff und fügte etwas sanfter hinzu: „Das will ich nicht, und du weißt es, Abbie. Es geht nicht nur um Sex. Ich habe die Frau gefunden, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen möchte. Ich liebe dich so sehr, daß ich dich bei mir behalten und nie wieder gehen lassen möchte. Daß wir uns so ineinander verlieben, war vielleicht nicht geplant, aber …“

„Schlaf mit mir“, flüsterte sie mit bebender Stimme. „Wir haben noch etwas Zeit, bevor wir abreisen müssen …“

Drei Monate später heirateten Abbie und Steve, obwohl ihre Eltern sie baten, nichts zu überstürzen, und Lloyd verkündete, sie sei eine Närrin, wenn sie sich so früh an einem Mann binden würde.

Er und Steve mochten sich nicht. Lloyd war der Meinung, daß Steve sie zum Heiraten drängte, während Steve – zu ihrer heimlichen Freude und Belustigung – in Lloyd offenbar einen Rivalen sah. Er wollte nicht wahrhaben, daß nie etwas zwischen ihnen gewesen war.

„Das sagst du jetzt, aber er liebt dich, und du mußt auch etwas für ihn empfunden haben, sonst wärst du nicht so lange mit ihm zusammengewesen“, meinte er.

„Wir sind Freunde, das ist alles“, erwiderte Abbie liebevoll, was ihn allerdings nicht zu überzeugen schien.

Zwei Monate nach der Hochzeit hatte sie erfahren, daß sie schwanger war.

Damals war sie einige Monate lang so glücklich gewesen, daß sie naiverweise geglaubt hatte, nichts könnte dieses Glück jemals zerstören. Doch sie hatte sich geirrt, und der Schmerz, den sie empfunden hatte, war viel intensiver gewesen als die Freude zuvor.

Was vor vierundzwanzig Jahren geschehen war, hatte so tiefe Narben hinterlassen, daß sie nie wieder einem Mann vertrauen konnte. Sie haßte ihren Exmann genauso abgrundtief wie damals, als er ihr in der Küche des hübschen Hauses, das er für sie gekauft hatte, gegenübergestanden und gesagt hatte: „Du bist schwanger? Das kann nicht sein. Es ist unmöglich.“

3. KAPITEL

„Unmöglich? Was … was soll das heißen?“ hatte Abbie stockend gefragt, blaß vor Entsetzen. Sie war so glücklich gewesen, als der Arzt ihre Vermutung bestätigt hatte – sie erwarte ein Kind von Steve.

Steve und sie hatten zwar noch nicht darüber gesprochen, eine Familie zu gründen, aber sie war natürlich davon ausgegangen, daß sie irgendwann einmal Kinder haben würden.

Wenn sie das Datum richtig berechnet hatte, würde sie zumindest ihre Abschlußprüfung an der Universität kurz vor der Geburt machen können. Strahlend hatte sie die Arztpraxis verlassen, weil sie über die Nachricht so glücklich gewesen war.

Abbie konnte es gar nicht erwarten, es Steve zu erzählen. Er würde ein wunderbarer Vater sein, und sie sah ihn bereits vor sich, wie er ihr Baby in den Armen hielt.

Sie hoffte, daß es ein Junge sein würde – zumindest das erste Kind. Das vierte Zimmer eignete sich hervorragend als Kinderzimmer. Den Beruf, den sie eigentlich anstrebte, würde sie vermutlich nicht ausüben können, doch Steve verdiente mehr als genug, um eine Familie ernähren zu können, und wenigstens würde sie ihr Examen in der Tasche haben.

Solange das Kind – die Kinder – noch klein waren, würde sie zu Hause bleiben, aber später konnte sie immer noch einen Beruf ergreifen, wenn ihre Familie dadurch nicht zu kurz kam. Die würde nämlich immer an erster Stelle stehen.

Abbie war überglücklich. Am liebsten wäre sie sofort zu Steve gegangen, um ihm die freudige Nachricht zu überbringen, aber er hielt gerade eine Vorlesung, und außerdem wollte sie mit ihm allein sein, wenn …

Schwanger … Ein Baby … Steves Baby. Sie war die glücklichste Frau auf der Welt!

Plötzlich hatte Abbie richtigen Heißhunger. Sardinen … Sardinen auf Toast, das war genau das richtige. Und danach würde sie einen großen Schokoriegel essen.

Natürlich würde sie sich von nun an bewußt ernähren, weil sie an das Baby denken mußte. Doch an diesem Tag konnte sie eine Ausnahme machen und ihren Gelüsten nachgeben – genau wie sie es vermutlich getan hatte, als sie das Kind empfangen hatte. Sie lachte leise. Als der Arzt sie nach dem Zeitpunkt der Empfängnis gefragt hatte, hatte sie die Stirn gekraust.

„Wann hatten Sie das letztemal Sex?“ hatte er geduldig nachgehakt.

„Hm … Das weiß ich nicht so genau. Es könnte … Meine Periode ist zum erstenmal vor drei Wochen ausgeblieben …“

Sie hatte zwar die Pille genommen, es jedoch an zwei aufeinanderfolgenden Abenden vergessen. Es hatte offenbar so kommen sollen – genau wie ihre Begegnung mit Steve und ihre Liebe. Sie war so glücklich gewesen … überglücklich …

„Ich meine, du kannst nicht schwanger sein – zumindest nicht von mir“, erklärte Steve schroff.

Abbie wurde aschfahl und blickte ihn benommen an. Er war vor Wut rot geworden und hatte die Hände zu Fäusten geballt.

„Was soll das heißen, nicht von dir? Soll das ein Witz sein?“ flüsterte sie verwirrt.

Sie verstand beim besten Willen nicht, was er meinte. Natürlich war es sein Baby – ihr gemeinsames Baby. Sollte es ein Scherz sein?

Ängstlich betrachtete sie Steve, doch seine Miene verriet keine Belustigung – im Gegenteil.

„Ein Witz? Verdammt, ich wünschte, es wäre so!“ sagte er schroff. „Du kannst nicht von mir schwanger sein, weil ich keine Kinder zeugen kann. Ich habe mich sterilisieren lassen.“

„Du hast was? Das kann nicht sein. Du hast mir nichts davon erzählt. Du hast …“

„Ich habe es vor einigen Jahren machen lassen. Damals war ich als Entwicklungshelfer in Indien. Dort habe ich einen jungen Mann in meinem Alter kennengelernt. Er war der Sohn des Dorfoberhaupts, der mich unter seine Fittiche genommen hatte, und hat mir erzählt, er wollte sich sterilisieren lassen. Zuerst war ich schockiert, weil ich nicht verstanden habe, wie er auf so eine Idee kommen konnte, aber dann ist er mit mir durch Bombay gefahren und hat mir vor Augen geführt, wie viele Kinder obdachlos waren, weil ihre Eltern sie nicht ernähren konnten. Er hat mir die Zusammenhänge zwischen Überbevölkerung und Verelendung erklärt.

‚Was ist besser?' hat er mich gefragt. ‚Wenn ich jetzt Empfängnisverhütung praktiziere, oder wenn ich warte, bis meine Kinder ein Jahr alt sind … oder vier … oder sieben Jahre, und dann zusehe, wie sie an Unterernährung sterben?‘

Was er gesagt und mir gezeigt hat, hat mich schockiert und mir klargemacht, wie egoistisch es ist, Kinder in eine Welt zu setzen, in der schon so viele andere Kinder Not leiden. Daraufhin habe ich beschlossen, mich auch sterilisieren zu lassen.“

Abbie blickte ihn starr an.

„Du lügst“, sagte sie schließlich ausdruckslos.

„Nein“, widersprach Steve. „Du bist diejenige, die lügt, wenn du behauptest, du würdest ein Kind von mir bekommen.“

Nervös befeuchtete sie sich die Lippen mit der Zunge. Sie konnte es einfach nicht fassen. Wie war das möglich? Wie konnte sie von Steve schwanger sein, wenn er …? Ihre kamen die Tränen, denn sie war verletzt, wütend und verspürte einen Anflug von Panik.

„Du mußt doch gewußt haben, daß ich mir Kinder wünsche. Und trotzdem hast du mich geheiratet, ohne mir zu sagen, daß du mir keine schenken kannst. Warum? Warum …?“

„Würdest du mir glauben, wenn ich dir sagen würde, daß ich dich so geliebt habe … dich so begehrt habe, daß ich mir darüber überhaupt keine Gedanken gemacht habe? Außerdem habe ich nicht gewußt, daß du dir Kinder wünschst. Ich dachte, du würdest darüber vielleicht genauso denken wie ich. Wir haben ja nicht einmal über das Thema gesprochen.“

„Weil es sich nicht so ergeben hat … und auch kein Anlaß dazu bestand. Aber du mußt es gewußt haben …“

„Woher?“ erkundigte er sich, diesmal noch schroffer. „Weil alle sich Kinder wünschen und welche bekommen?“

„Du hast mich belogen … hintergangen“, brachte sie hervor und schluchzte.

Steve musterte sie verächtlich.

„Ach, und du? Hast du mich etwa nicht belogen? Sag mir eins, Abbie. Wann bist du zu ihm ins Bett gekrochen? Einen Monat nachdem ich mit dir geschlafen hatte? Eine Woche danach? Oder sogar noch eher?“

„Was … was soll das heißen? Ich habe nicht …“ protestierte Abbie hitzig und errötete, als ihr bewußt wurde, was er ihr damit unterstellte.

Wie konnte er es wagen, zu behaupten, sie hätte mit einem anderen Mann geschlafen?

„Komm schon, tu nicht so unschuldig. Das paßt nicht zu dir. Du dachtest wohl, du könntest mir und allen anderen gegenüber die unschuldige Madonna spielen. Aber im Grunde bist du kaum besser als ein Flittchen, wenn du dein Kind einem anderen unterschiebst … oder es vielmehr versuchst. Nur leider hast du damit keinen Erfolg.

Sicher ist es von ihm, stimmt's? Von dem tollen Lloyd! Als ich neulich abend nach Hause gekommen bin, habe ich ihn wegfahren sehen. Weiß er schon, daß du ein Kind von ihm erwartest?“

„Ich erwarte kein Kind von Lloyd“, entgegnete sie schockiert. Was wollte er damit andeuten? Lloyd und sie hatten nie miteinander geschlafen. Allein der Gedanke daran, eine sexuelle Beziehung mit ihm zu haben, erfüllte sie mit Entsetzen. Lloyd hatte lediglich bei ihr vorbeigeschaut, weil er Probleme mit dem Studium hatte und mit ihr darüber sprechen wollte. Er war länger geblieben als geplant, und daher hatte er sich schließlich beeilen müssen und Steve nicht mehr begrüßen können.

Daß Steve überhaupt auf die Idee kam, daß sie eine Affäre mit Lloyd hatte, und, was noch schlimmer war, versuchte, ihm sein Kind unterzuschieben. Daher fragte sie sich wieder, ob das Ganze ein schlechter Witz war.

Steve neckte sie manchmal, weil er es, wie er behauptete, mochte, wenn sie errötete. Allerdings waren es bisher nur harmlose Scherze gewesen, und daher hätte es nicht zu ihm gepaßt, wenn er die Vaterschaft geleugnet hätte. Andererseits kannte sie ihn erst vier Monate. Genauso wie sie davon ausgegangen war, daß sie mit ihm Kinder bekommen würde, hatte sie geglaubt, daß er ein sanftmütiger Mensch war.

Er hatte ihr verschwiegen, daß er sich hatte sterilisieren lassen. Und wenn er es nicht für nötig gehalten hatte, ihr etwas so Wichtiges zu verschweigen, was hatte er ihr dann noch alles verheimlicht?

„Du … du glaubst doch nicht etwa, daß Lloyd und ich etwas anderes sind als nur Freunde“, brachte Abbie hervor. „Ich habe dir gesagt …“

„Warum nicht? Irgend jemand muß schließlich der Vater dieses Kindes sein, das du mir unterschieben willst …“

Aber du bist der einzige Mann, mit dem ich je geschlafen habe … der einzige Mann, den ich je geliebt habe, dachte sie, sprach es allerdings nicht aus. In dieser Situation von Liebe zu sprechen wäre einem Sakrileg gleichgekommen.

„Ich weiß, wie leidenschaftlich du bist. Schließlich hast du es mir mehr als genug bewiesen“, fügte Steve unbarmherzig hinzu. „Aber wenn ich dich nicht befriedigt habe, hättest du es mir sagen sollen …“

„Bitte nicht, Steve …“ Ihr versagte die Stimme, und Abbie streckte die Hand nach ihm aus, doch er wich vor ihr zurück und musterte sie so verächtlich, daß sie zusammenzuckte.

„Ich dachte, du seist vollkommen, die Verkörperung all meiner Träume. Ich habe mich für den glücklichsten Mann auf Erden gehalten und mich gefragt, ob ich soviel Glück überhaupt verdient habe. Aber es war alles eine einzige Farce …“

Plötzlich schien es ihr, als würde sie einem Fremden gegenüberstehen. Dieser Mann hatte keine Ähnlichkeit mit dem, den sie geheiratet und in den sie sich verliebt hatte. Jener Steve war sanft, mitfühlend und liebevoll gewesen. Dieser Steve war grausam und abweisend und scherte sich nicht um ihre Gefühle. Er glaubte nur, was er glauben wollte. Er warf ihr vor, sie hätte ihn angelogen. Dabei hat er mich belogen, dachte sie wütend.

Wie konnte er es wagen, so von ihr zu sprechen? Wenn sie so leidenschaftlich gewesen war, dann nur, weil sie ihn so geliebt hatte.

Geliebt <ku>hatte<no>?

In ihren Zorn mischte sich unbändiger Schmerz.

„Du kannst behaupten, was du willst, Steve“, erklärte sie leise. „Ich bin dir nie untreu gewesen.“

„Nein, natürlich nicht“, höhnte Steve. „Natürlich ist das Kind von mir …“

Als sie sich abwandte und zur Tür ging, fragte er: „Wohin gehst du?“

„Ich gehe nach oben, um meine Sachen zu packen“, erwiderte sie, so würdevoll sie konnte. „Und dann verlasse ich dieses Haus.“

„Abbie …“

„Was ist? Tut es dir leid? Nimmst du alles zurück, was du mir vorgeworfen hast? Dafür ist es jetzt zu spät, Steve. Selbst wenn du sagen würdest, du hättest es nicht so gemeint, wenn du schwören würdest, daß du mich liebst und mich willst und unser … mein Kind, würde ich dir nicht glauben. Es wäre gelogen – genauso wie du mich hintergangen hast, indem du mir verschwiegen hast, daß du sterilisiert bist.

Du hast nicht nur das Recht unseres Kindes auf die Liebe seines Vaters zerstört, sondern auch alles andere. Mein Vertrauen … meine Liebe … Aber weißt du, was mich am meisten verletzt?“ fragte Abbie mit Tränen in den Augen.

„Was mich am meisten verletzt, sind die grausamen Dinge, die du über mich sagst … die Lügen … Daß du nicht einmal auf die Idee gekommen bist, dich zu fragen, ob du dich vielleicht irrst … ob du einen Fehler gemacht hast … ob es möglich ist …“

„Weil ich weiß, daß es unmöglich ist“, fiel Steve ihr ins Wort. „Du kannst einfach nicht von mir schwanger sein.“

„Nein? Mein Körper sagt etwas anderes“, erwiderte sie ruhig. „Aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen, Steve. Mir wäre es sogar lieber, wenn du es nicht tätest. Von jetzt an halte du dich bitte genauso aus meinem Leben raus wie ich mich aus deinem. Du existierst für mich nicht mehr. Das paßt doch, findest du nicht? Wenn unser Kind … mein Kind irgendwann nach seinem Vater fragt, werde ich ihm sagen, daß er nicht existiert.“

„Abbie …“

Sie hörte den verzweifelten Unterton heraus, achtete jedoch nicht darauf.

Es war vorbei.

Als sie die Küche verließ, legte sie die Hand auf den Bauch und flüsterte: „Keine Angst, mein Kleines. Ich liebe dich. Ich werde dich immer lieben.“

Ihrer Familie und ihren Freunden erzählte sie, sie wolle mit Steve nichts mehr zu tun haben. Ihr Baby und seine Zukunft seien das einzige, was sie interessierte. Dabei war ihr bewußt, daß alle, die sie zu kennen glaubten, erstaunt oder sogar verwirrt über ihre Distanziertheit waren. Von einem Tag auf den anderen, so schien es, hatte sie ihre lässige Art und ihr Bestreben, allen zu gefallen, abgelegt und war kühl und reserviert geworden. Es war eine Rolle, in die vor allem Steve sie gedrängt hatte.

Als Steve versuchte, mit ihr Kontakt aufzunehmen, um noch einmal über alles zu reden, gab sie ihm zu verstehen, daß sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wolle.

Ihren Eltern teilte sie mit, daß sie keine Ansprüche an ihn stelle. Er könne alles behalten, das Haus, die Möbel, die Hochzeitsgeschenke.

Die beiden fragten sie besorgt, wie sie denn allein zurechtkommen wolle, und boten ihr ihre Unterstützung an.

„Ich werde schon einen Weg finden“, verkündete Abbie entschlossen.

Steve wollte ihr Unterhalt zahlen, doch auch das lehnte sie ab.

„Ich möchte keine Almosen von ihm“, sagte sie zu ihrem Anwalt.

„Aber Sie erwarten ein Kind von ihm“, erinnerte dieser sie sanft.

„Nein“, widersprach sie. „Es ist mein Kind.“

Nichts und niemand konnte sie dazu bewegen, ihre Meinung zu ändern. Ihre Eltern waren entsetzt darüber, daß ihre bisher so nachgiebige Tochter auf einmal derart stur und entschlossen war.

Sie konnte weder ihnen noch sonst jemandem erzählen, daß während der schrecklichen Auseinandersetzung mit Steve etwas in ihr zerbrochen war. Und das würde sich nie wieder kitten lassen.

Allerdings wollte sie es auch gar nicht, weil sie nie wieder den Schmerz erleben wollte, den Steve ihr zugefügt hatte.

Zuerst war es schwer. Sie suchte sich einen Job in einem Pub ihm Ort, wo sie zum Leidwesen ihrer Eltern bis zum achten Schwangerschaftsmonat arbeitete.

Da sie nicht wußte, wo sie hätte wohnen sollen, war sie wieder zu ihnen gezogen. Sie hatte Steve mit einer einstweiligen Verfügung gedroht, falls er versuchen sollte, wieder Kontakt mit ihr aufzunehmen, und um mehrere Ecken hatte sie gehört, daß er England verlassen wollte, weil er einen Job an einer Universität in Australien bekommen hatte. Daß es sie kaltgelassen hatte, hatte sie selbst überrascht.

Je näher ihr Geburtstermin rückte, desto ruhiger wurde sie, denn von nun an sollte ihr Leben sich ausschließlich um das Baby drehen.

Sie hatte es ihren Eltern noch nicht gesagt, aber nach der Geburt wollte sie sich so schnell wie möglich eine eigene kleine Wohnung suchen, denn sie mochte nicht ewig von ihnen abhängig sein. Mit der Wirtin des Pubs hatte sie bereits vereinbart, daß sie so bald wie möglich wieder arbeiten würde, und dann auch länger. Es würde nicht leicht sein, aber irgendwie würde sie schon zurechtkommen.

Dem Baby zuliebe mußte sie irgendwie zurechtkommen.

„Mum? Mum, wo bist du?“

Abbie zuckte zusammen, als ihr bewußt wurde, wie lange sie auf dem staubigen Boden im Speicher gesessen und ihren Erinnerungen nachgehangen hatte. Sie war verspannt und fröstelte. Schnell stopfte sie ihr Hochzeitskleid wieder weg, während sie Cathy zurief: „Ich komme sofort, Cathy. Setz bitte Wasser auf, ja, Schatz?“

4. KAPITEL

„Wo, in aller Welt, bist du gewesen? Ich habe zweimal angerufen, und du bist nicht rangegangen. Deswegen bin ich vorbeigekommen“, hörte Abbie ihre Tochter sagen, als sie in die Küche eilte.

„Ich war auf dem Dachboden“, erklärte sie. „Deswegen habe ich das Telefon nicht gehört.“

„Auf dem Dachboden? Was …? Ist alles in Ordnung, Mum?“ Cathy drehte sich um und betrachtete sie besorgt.

„Natürlich ist alles in Ordnung“, versicherte Abbie. „Was sollte sein?“

„Ach, es ist nur … Du bist doch nicht böse wegen vorhin, oder? Ich wollte dich nicht verärgern. Ich … ich weiß, daß du nicht gern über Dad redest …“

„O Cathy, natürlich bin ich nicht böse.“ Abbie ging zu ihr und nahm sie in den Arm. „Ich weiß, wie schwer es für dich sein muß, Schatz, besonders jetzt, da Stuart und du heiraten wollt. Es ist bestimmt nicht leicht für dich gewesen, ohne Vater aufzuwachsen … Falls ich giftig war, weil du über ihn gesprochen hast, dann tut es mir leid. Wahrscheinlich hast du ihn nur mit jemandem verwechselt. Steve kann es jedenfalls nicht gewesen sein. Er würde niemals hierher zurückkommen. Er weiß, daß ich ihm niemals verzeihen würde, was er mir angetan hat, und daß in unserem Leben kein Platz für ihn ist. Als er die Vaterschaft geleugnet hat, hat er alle Rechte verwirkt.“

„Ich weiß, wie sehr er dich verletzt hat, Mum“, erwiderte Cathy. „Aber für ihn muß es auch ein Schock gewesen sein, zu erfahren, daß du schwanger bist. Schließlich war er davon überzeugt, daß es nicht sein konnte. Stuart sagt, jeder Mann wäre darüber schockiert und …“

„‚Stuart sagt’?“ Abbie ließ sie los und trat einen Schritt zurück, um Cathy anzusehen. Das Herz wurde ihr schwer, denn Cathy wirkte trotzig, was überhaupt nicht ihre Art war, und wandte den Blick ab.

„Mum, ich wollte dir nicht weh tun, aber …“

„Dann laß uns das Ganze einfach vergessen“, unterbrach Abbie sie sanft. „Vergiß nicht, daß dein Vater es so gewollt hat. Was machst du eigentlich hier?“ fügte sie betont locker hinzu. „Ich dachte, Stuart und du wolltet heute abend Häuser besichtigen.“

Cathy war vor einigen Monaten zu Stuart gezogen, doch die beiden waren übereingekommen, sich noch vor der Heirat ein Haus zu suchen. Stuart hatte bereits einen Job bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft im Ort, und seine Eltern hatten ihnen als Hochzeitsgeschenk einen beträchtlichen Zuschuß für ihr neues Zuhause in Aussicht gestellt.

Abbie vermutete, daß seine Eltern überrascht über ihre anfängliche Reaktion auf die Verlobung waren, denn sie hatte Cathy und Stuart geraten, nichts übers Knie zu brechen. Seine Eltern waren wie die meisten anderen fest davon überzeugt, daß Stuart ein sehr guter Ehemann sein würde, zumal er alle Voraussetzungen besaß, um eine Familie zu gründen.

„Ja, das stimmt“, bestätigte Cathy leise, „aber ich wollte dich vorher sehen. Mum …“ Weiter kam sie jedoch nicht, denn Abbie sagte:

„Ich glaube, Stuart kommt gerade. Ich muß mich jetzt beeilen, Cathy, denn ich habe völlig die Zeit vergessen, und in einer Stunde habe ich eine Besprechung mit Dennis Parker …“

„Was, im Hotel?“ erkundigte Cathy sich besorgt.

„Hm … Was ist denn, Cathy?“ meinte Abbie, doch dann klingelte das Telefon, und Stuart klopfte bereits an die Hintertür.

„Ruf mich an, und sag mir, ob ihr bei der Suche Erfolg gehabt habt.“ Abbie gab ihr einen liebevollen Kuß auf die Wange und schob sie zur Tür, bevor sie in den Flur eilte, um ans Telefon zu gehen.

Als Abbie eine halbe Stunde später aus der Dusche kam und sich abzutrocknen begann, lächelte sie noch immer in sich hinein.

Cathy war so ein liebes Mädchen – das sagten alle. Es war typisch für sie, sich Gedanken darüber zu machen, daß sie sie möglicherweise verletzt hatte, weil sie von ihrem Vater gesprochen hatte.

Hoffentlich wußten Stuart und seine Eltern sein Glück zu schätzen, und hoffentlich würde er ihr niemals weh tun.

Abbie runzelte die Stirn, als ihr einfiel, was Stuart Cathy zufolge gesagt hatte. Vielleicht war es ja ganz normal, daß er die damaligen Geschehnisse aus der Perspektive eines Mannes betrachtete … aus Steves Perspektive. Aber …

Aber was? Paßte es ihr nicht, daß Cathy ihn zitiert hatte? Schließlich mußte ihre Tochter irgendwann erwachsen werden und sich von ihr abnabeln. Sie und Stuart liebten einander sehr, und daher war es normal, wenn sie ihn – zumindest eine Weile – mit den Worten „Stuart sagt“ zitierte. Als ihre Mutter mußte sie, Abbie, lernen, die Zähne zusammenzubeißen, und sich auf ihren Sinn für Humor besinnen, denn als Cathy zur Schule gekommen war, hatte sie jeden Satz mit „Mrs. Johnson sagt“ begonnen.

Alle Mütter müssen da durch, dachte Abbie. Und wahrscheinlich galt das besonders für alleinerziehende Mütter wie sie, die nur ein Kind hatten und diesem besonders nahegestanden hatten.

<ku>Hatten?<no>

Sie seufzte, als sie ins Schlafzimmer ging und eine Schublade öffnete, um saubere Unterwäsche herauszunehmen.

Cathy hatte sie oft geneckt, weil sie die Gewohnheit hatte, nackt herumzulaufen, bevor sie zur Arbeit fuhr. Das ist einer der Vorteile, wenn man allein lebt oder keine Männer im Haus sind, überlegte Abbie, während sie einen Slip anzog. Sie war immer noch sehr schlank, verschwendete normalerweise jedoch keinen Gedanken an ihren Körper, solange sie gesund war.

Die gängige Meinung, daß Frauen um jeden Preis sexuell attraktiv sein mußten, hatte sie in den Jahren nach ihrer Trennung von Steve stets wütend gemacht, und sie, Abbie, hatte praktisch allen Männern mißtraut. In letzter Zeit empfand sie allerdings eine gewisse Belustigung, wenn ihre gleichaltrigen Freundinnen das Älterwerden und den Verlust ihrer Jugend beklagten.

Das war ein weiterer Vorteil, wenn man allein lebte. Ihr Alter machte ihr nicht die geringsten Probleme.

Wenn andere ihr, wie es so häufig geschah, Komplimente machten und erklärten, man würde ihr ihr Alter überhaupt nicht ansehen, erwiderte sie meistens freundlich, daß man es ihr sehr wohl ansehe. Wie die meisten ihrer Altersgenossinnen war sie eine erwachsene, reife Frau, die nun wesentlich mehr zu bieten hatte als noch vor fünfundzwanzig Jahren. Und wenn die Männer das nicht zu schätzen wußten, war es ihr Problem.

Allerdings hatten die Männer, wie sie fairerweise zugeben mußte, mittlerweile begriffen, daß eine Frau über Vierzig durchaus begehrenswert und sexuell aktiv sein konnte. Vielleicht sogar zu sehr, dachte Abbie, während sie ihren engen, langen schwarzen Rock und ein cremefarbenes Stricktop anzog.

Seit ihrem vierzigsten Geburtstag hatten sich mehr Männer für sie interessiert als in den Jahren davor, darunter auch viele, die um einiges jünger gewesen waren als sie.

Allerdings hatte sie sich für keinen von ihnen interessiert.

Abbie warf einen Blick auf ihre Uhr, als sie sie umband. Sie wollte zu der Besprechung mit Dennis nicht zu spät kommen, denn sie hatte gute geschäftliche Beziehungen zu ihm aufgebaut, und jeder von ihnen war auf seine Weise perfektionistisch, was den Beruf betraf. Für sie war Dennis lediglich ein Geschäftspartner, doch Fran hatte sie des öfteren damit geneckt, daß er jede Gelegenheit ergreifen würde, ihr näherzukommen.

„Das kommt überhaupt nicht in Frage“, hatte sie, Abbie, entschlossen erklärt.

„Du kannst nicht ewig mit dieser Angst leben“, gab Fran zu bedenken.

„Ich habe keine Angst“, widersprach Abbie. „Ich sehe nur keinen Sinn darin, gegen meinen Willen eine Beziehung anzufangen.“

„Es muß doch Momente geben, in denen …“

„In denen was?“ fiel Abbie ihr ins Wort. „In denen ich eine Schulter brauche, an der ich mich ausweinen kann? Einen Mann zum Anlehnen? Sex?“ Energisch schüttelte sie den Kopf. „Nein. Niemals. Du brauchst mich nicht zu bemitleiden, Fran“, fügte sie hinzu, als sie den Gesichtsausdruck ihrer Freundin sah. „Ich versinke ja auch nicht in Selbstmitleid. Das letzte, was ich brauche, sind irgendwelche gefühlsmäßigen Verwicklungen.“

„Er muß dir sehr weh getan haben … Cathys Vater“, meinte Fran mitfühlend.

„Nein“, hatte Abbie sie korrigiert. „Ich habe mir selbst weh getan, denn ich habe ihm geglaubt, als er behauptet hat, er würde mich lieben.“

Als sie nun ihr Gesicht im Spiegel betrachtete, um ihr Make-up zu überprüfen, und sich dabei mit Cathy verglich, mußte sie zugeben, daß sie nicht mehr ganz so jung wirkte.

Ihre Augen nahmen für einige Sekunden einen traurigen Ausdruck an. Cathy hatte in den vergangenen Monaten ziemlich oft von Steve gesprochen und ihr Fragen über ihn gestellt. Wahrscheinlich ist das Stuarts Einfluß, überlegte Abbie.

Sie hatte nie ein Geheimnis aus ihrer Ehe und den Gründen für ihre Trennung von Steve gemacht und Cathy alles erzählt, was sie wissen wollte. Allerdings hatte sie ihre Antworten immer Cathys Alter entsprechend formuliert.

Daß Cathy glaubte, Steve gesehen zu haben, beunruhigte sie, Abbie. Es war natürlich unmöglich. Doch was ihr am meisten zu schaffen machte, war die Tatsache, daß Cathy ihr den Eindruck vermittelte, sie wollte ihren Vater sehen.

Bisher hatte sie geglaubt, ihr den Vater ersetzt zu haben. Aber dann hatte sie den Ausdruck in ihren Augen gesehen, als Cathy von <ku>ihrem<no> Vater gesprochen hatte. Steve war nie ein Vater für sie gewesen.

„Abbie …“

Lächelnd wich Abbie zurück und streckte die Hand aus, als Dennis im Foyer auf sie zukam, um sie zu begrüßen. So gelang es ihr, den Kuß abzuwehren, den er ihr offensichtlich geben wollte.

„Du wolltest mich sprechen, weil du über Weihnachten und Neujahr zusätzliches Personal brauchst?“ erinnerte sie ihn sanft.

„Was? O ja … Weißt du, Abbie“, erklärte er eifrig, „du bist die attraktivste Frau, der ich je …“

„Nun übertreib nicht so“, neckte sie ihn, warf ihm jedoch einen warnenden Blick zu, der besagte, daß sie nicht gekommen war, um mit ihm zu flirten.

„Also gut“, gab Dennis nach. „Dann laß uns zur Sache kommen. Ich dachte, wir könnten beim Essen darüber reden, wenn du damit einverstanden bist. Wir haben einen neuen Chefkoch, und …“

„Ich weiß“, fiel Abbie ihm ins Wort. „Meinen Informanten zufolge ist er hochqualifiziert. Es war ein richtiger Coup …“

„Ein ziemlich teurer“, bestätigte er. „Allerdings gibt es in dieser Gegend viele gute Restaurants, und wir wollen auf keinen Fall, daß unsere Hotelgäste auswärts essen, weil wir keine gute Küche haben.“

„Viele Leute sind der Meinung, daß Hotelrestaurants im Vergleich zu kleinen Lokalen ungemütlich sind.“

„Hm, ich weiß.“ Er führte sie ins Restaurant. „Aber ich hoffe, daß wir mit unserem Angebot für Samstag abend – Abendessen mit Tanz – noch mehr Gäste anlocken, die dann auch wiederkommen, wenn sie Davids Essen probiert haben. Du mußt mir sagen, was du davon hältst.“

„Keine Sorge, das werde ich“, meinte sie lachend.

Sogar mitten in der Woche war das Restaurant gut besucht. Da stiegen überwiegend Geschäftsleute in dem Hotel ab.

„Wie läuft es mit dem Freizeitzentrum?“ erkundigte sich Abbie.

„Nicht schlecht“, erwiderte Dennis.

„Ihr habt ziemlich viel Konkurrenz, und eure Preise sind nicht gerade niedrig“, erinnerte sie ihn.

„Stimmt, aber bei uns ist die Ausstattung moderner. Außerdem bieten wir kostenloses Parken und ein gehobenes Ambiente.“

„Hm, durch zu hohe Preise kann man sich durchaus konkurrenzunfähig machen“, warnte sie ihn, bevor sie ihre Bestellung aufgab. „Was glaubst du, wieviel zusätzliches Personal du brauchst?“ erkundigte sie sich anschließend. „Da es sich vorwiegend um junge Frauen handeln wird und sie über die Feiertage arbeiten werden, mußt du gewährleisten, daß sie zur Arbeit und auch wieder nach Hause ...

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