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Um Haaresbreite

1. KAPITEL

„Gehen Sie aus dem Weg!“ Kristin fuchtelte mit der Waffe vor Theresas Nase herum. Theresa hatte sich schützend vor Doris und direkt in die Schusslinie gestellt.

„Bitte, Frau Nörtlinger“, beschwor sie Kristin nun. „Das bringt doch nichts.“

„Wieso verteidigen Sie diese falsche Schlange?“, tobte Kristin. „Sie hat den Gentest gefälscht! Ihretwegen erfahren Sie erst jetzt, dass Sie Nicolas Tochter sind! Und das alles nur, damit ich erbe und ihrem Werner das bescheuerte Darlehen gebe!“ Theresa blickte fragend zu Doris. Die schüttelte stumm den Kopf. „Gib es endlich zu!“, verlangte Kristin.

„Ich glaube Ihnen“, sagte Theresa nun beschwichtigend.

„Wie bitte?!“ Selbst in dieser Situation gelang es Doris, empört zu tun.

„Du hältst den Mund, verdammt!“, fuhr Kristin sie an.

„Frau Nörtlinger!“ Wieder versuchte Theresa, Kristin zu beruhigen. „Ich habe Ihnen doch gesagt, ich will Nicolas Erbe nicht. Sie können die Westphalia-Brauerei haben. Lassen Sie uns frei, bitte. Das ist alles, was ich will. Sie und ich – wir sind Cousinen …“

„Sie sind auch still!“, fauchte Kristin. „Ich kann überhaupt nicht nachdenken. Am liebsten würde ich euch beide abknallen!“

Da klingelte Theresas Handy. Am Klingelton – „Honesty“ – erkannte sie sofort, wer anrief. „Moritz“, flüsterte sie, als das Telefon wieder verstummte.

„Der hat mir gerade noch gefehlt“, knurrte Kristin.

Sie zwang Theresa, Moritz zurückzurufen. Es fiel Theresa so schwer, ihm vorzulügen, sie sei gut in Bad Reichenhall angekommen und habe bereits mit ihrem Vater über den Brief gesprochen.

„Er sagt, er kann sich nicht erinnern, was er mit all dem meinte“, behauptete sie schweren Herzens. „Er war wohl ziemlich verwirrt, als er ihn geschrieben hat.“ Moritz meinte, dass sie komisch klang. „Ich, komisch? Nein, wie kommst du denn darauf? Mir geht es gut.“ Dann erklärte sie noch, dass sie ein paar Tage fortbleiben würde. Moritz passte das gar nicht. „Ich will für Hans da sein. Es geht ihm schlecht.“ Kristin signalisierte ihr mit der Pistole, dass sie zum Ende kommen sollte. „Ich muss auflegen.“ Theresas Stimme nahm einen flehend-verzweifelten Unterton an. „Ich liebe dich.“

Kristin riss ihr das Telefon aus der Hand und beendete das Gespräch. „Genug geturtelt“, zischte sie verärgert.

„Was hätte ich denn sagen sollen?“, erwiderte Theresa.

„Sie waren nicht überzeugend!“, warf Kristin ihr vor.

„Sei du mal überzeugend, wenn man dich mit einer Knarre bedroht“, schaltete Doris sich ein.

Kristin ignorierte sie. „Das haben Sie mit Absicht gemacht!“, ereiferte sie sich weiter. „Sie wollten Moritz unbedingt misstrauisch machen. Aber damit ist Schluss!“ Wütend rannte sie hinaus – so schnell es ihre Beinverletzung zuließ.

„Sie ist komplett durchgedreht“, stöhnte Doris. Theresa schwieg. „Was du vorhin gesagt hast … Dass du Kristin diese Lügengeschichte über mich abnimmst … Das war nur, um sie zu ruhigzustellen, oder?“ Theresa schwieg weiter. „Du glaubst mir doch hoffentlich mehr als dieser Verrückten?!“

„Wieso sollte ich?!“, entgegnete Theresa nun schroff.

Bedrückt saß Doris vor ihr.

In der Tat hatte das Gespräch mit Theresa Moritz misstrauisch gemacht. Er ließ sich die Nummer von der Entzugsklinik in Bad Reichenhall heraussuchen, in der Hans Burger angeblich Patient war. Und rief dort an, um Näheres zu erfahren.

Kristin war ins Büro der Brauerei gegangen, um ein Blatt Papier und einen Stift zu holen. Dabei wurde sie von Julius König überrascht.

„Was machen Sie denn hier?“, fragte er verwundert.

„Hallo, Herr König.“ Sie setzte ein unschuldiges Lächeln auf und behauptete, auf der Suche nach Theresa zu sein.

„Die ist nicht da“, erklärte Julius.

„Ach, stimmt ja“, meinte Kristin. „Sie wollte zu ihrem Vater.“ Sie verabschiedete sich und ging an Julius vorbei. Dabei rutschte ihr der geklaute Stift durch ein Loch in ihrer Handtasche.

„Hoppala, warten Sie!“, rief er und hob den Stift auf. „Der ist Ihnen hier durchgerutscht.“ Er deutete auf das Loch. „Sieht aus wie ein Brandloch.“

Kristin hatte es noch gar nicht bemerkt. Der Schuss, der sich bei der Rangelei mit Doris im Wald gelöst und sie am Bein verletzt hatte, musste durch ihre Tasche gegangen sein. Kaum war sie draußen, kramte sie in ihrer Handtasche herum. Und machte eine unliebsame Entdeckung: Auch ihr Reisepass wies ein Einschussloch auf. Damit würde sie nirgendwohin können. „Verdammt!“, fluchte sie.

„Das schreibe ich nicht!“ Theresa wehrte sich mit Händen und Füßen gegen das, was Kristin ihr diktierte. „Das kann ich Moritz nicht antun.“

„Sie schreiben, was ich Ihnen sage.“ Kristin hielt ihr die Pistole ins Gesicht. „Sonst hat Moritz bald echten Grund zur Trauer.“

„Jetzt schreib endlich diesen verdammten Brief!“, meldete sich Doris zu Wort.

„Der erste kluge Satz, den ich von dir höre“, rief Kristin spöttisch.

Theresa gab sich geschlagen.

„Ich hätte den Brief nicht schreiben dürfen“, sagte sie, kaum dass Kristin wieder verschwunden war.

„Du hattest keine Wahl“, meinte Doris.

„Für dich hätte es gar nicht besser kommen können, oder?“, fragte Theresa bitter.

Doris ging nicht darauf ein. „Kristin ist komplett durchgeknallt und zu allem fähig. Wir dürfen sie nicht reizen.“

„Das sagt die Richtige!“ Theresa schnaubte. „Du provozierst sie doch die ganze Zeit! Weil du nicht zugibst, dass du den Test manipuliert hast.“

„Ich muss mich doch verteidigen!“ Wieder tat Doris empört. „Diese Frau hat mich entführt! Und jetzt will sie mir alles in die Schuhe schieben!“

„Genug gelogen!“ Theresa packte Doris am Arm. „Ich bin mir sicher, dass das alles auf deinem Mist gewachsen ist! Ich kenne dich inzwischen! Sag jetzt die Wahrheit, Doris!“

Doris zögerte. Aber sie begriff, dass es zwecklos war, noch länger zu leugnen. „Ich weiß, das war ein Riesenfehler“, sagte sie langsam. Theresa ließ sie los. „Es tut mir leid.“

„Es tut dir leid?“, wiederholte Theresa fassungslos. „Hast du eine Ahnung, was du damit angerichtet hast? Du hast mir die Chance genommen, meine Mutter richtig kennenzulernen!“ Ihr waren die Tränen in die Augen geschossen.

„Ich würde es ja wiedergutmachen, wenn ich könnte“, beteuerte Doris. „Du hasst mich jetzt sicher …“

„Das bist du gar nicht wert.“ Voller Abscheu wandte sich Theresa von Doris ab. Sie war wie versteinert.

Werner blieb dabei: Er wollte nicht, dass Marlene Schweitzer als Ersatz für ihre Mutter, den berühmten Musical-Star Natascha, im Fürstenhof auftrat. Konstantin entschuldigte sich für das abweisende Verhalten seines Vaters.

„Wie geht es Ihnen?“, erkundigte er sich dann bei Marlene.

„Meine erste verhauene Mathearbeit war nichts dagegen“, scherzte sie matt. Sie hatte sich solche Mühe gegeben beim Vorspiel. Und Werners Ablehnung kränkte sie.

„Sie sind eine großartige Pianistin“, sagte Konstantin und meinte es ehrlich. „Mein Vater wird das auch noch erkennen. Er ist nur ein sturer Bock. Und pocht aus Prinzip auf die Erfüllung des Vertrags mit Ihrer Mutter.“

„Das ist ihm auch nicht übel zu nehmen.“ Marlene seufzte. „Er hat Natascha gebucht, und jetzt will er sie sehen.“ Sie war kein angemessener Ersatz für einen Star vom Kaliber ihrer Mutter. Da hatte Herr Saalfeld schon recht.

„In der Sache ist das letzte Wort noch nicht gesprochen“, erklärte Konstantin jetzt. „Vertrauen Sie mir.“

„Das ist wirklich nett von Ihnen.“ Marlene lächelte ihn an. „Aber ich will nicht, dass Sie sich meinetwegen mit Ihrem Vater streiten.“

„Ehrlich gesagt, tue ich das nicht nur für Sie“, entgegnete er grinsend. „Ich habe den Deal mit Ihrer Mutter eingefädelt und möchte auf jeden Fall, dass sie hier auftritt. Auf so jemanden lohnt es sich zu warten. Vor allem mit Ihnen in petto.“ Er war sich sicher, dass es ihm noch gelingen würde, Werner davon zu überzeugen.

Ohne Wissen seines Vaters setzte er für den heutigen Abend ein Konzert in der Pianobar an. Mit Marlene Schweitzer am Flügel. Werner erfuhr davon nur zufällig von seinem Bruder. Und ging vor Wut natürlich sofort in die Luft.

„Was hast du dir dabei gedacht?!“, stellte er seinen Sohn zornig zur Rede.

„Marlene Schweitzer ist eine begabte Pianistin“, stellte Konstantin gelassen fest.

„Sie ist kein Ersatz für ihre prominente Mutter!“ Werner blieb hart.

„Da bin ich anderer Meinung.“ Sprachlos starrte der Senior seinen renitenten Sohn an. „Im Showgeschäft muss man gewisse Risiken eingehen“, fuhr der fort. „An das glauben, was man den Zuschauern bietet. Also schlage ich dir ein Geschäft vor.“ Er war davon überzeugt, dass Marlene Schweitzer am Klavier ein Erfolg werden würde. „Aber wenn ich mich irre, kannst du mich rausschmeißen. Sofort.“

„Du pokerst ziemlich hoch“, sagte Werner.

„Ich habe auch gute Karten“, konterte Konstantin selbstbewusst.

Werner verkniff sich ein Schmunzeln. Als er jung gewesen war, hatte er sich oft gegen Charlottes Vater durchsetzen müssen, den alten Wiggerl. „Ich war genauso dreist wie du“, erinnerte er sich. „Das gefällt mir.“

„Dann haben wir einen Deal?“ Konstantin streckte ihm eine Hand entgegen.

Sein Vater schlug ein. „Wollen wir hoffen, dass ich dich morgen nicht feuern muss.“

Marlene hatte vor ihrem Auftritt entsetzliches Lampenfieber.

„Es fühlt sich an wie eine schlimme Grippe“, klagte sie gegenüber Konstantin.

„Hey, Sie sind gut“, versuchte er, sie zu beruhigen. „Sie haben keinen Grund, nervös zu sein.“

„Sagen Sie das mal meinem Magen“, stöhnte sie. Der spielte nämlich verrückt.

„Okay, da hilft nur eins.“ Er mixte ihr einen ganz besonderen Cocktail, einen „Prairie Oyster“. Darin waren unter anderem rohe Eier, Ketchup und Zitrone enthalten. „Ein uraltes Rezept gegen Lampenfieber.“

„Danach revoltiert mein Magen bestimmt komplett“, fürchtete sie, trank den Cocktail dann aber trotzdem artig aus. Er half. Dankbar sah sie Konstantin an. Nun würde sie auftreten können.

Moritz kam gerade aus dem Büro, als Kristin – sichtlich erschöpft – die Lobby durchquerte. Er sprach sie an.

„Mein Vater hat mir erzählt, dass du ihm trotz unserer Trennung das Darlehen gibst“, sagte er. „Danke.“

„Keine Ursache“, winkte sie ab. Sie wollte nur noch auf ihr Zimmer.

„Doch“, widersprach er. „Das ist sehr großzügig von dir.“

„Tja, so bin ich nun mal“, meinte sie bitter und verabschiedete sich.

„Noch einen Moment“, bat er. „Es geht um Theresa. Du hast sie doch gesehen, bevor sie gefahren ist. Ist dir da was Ungewöhnliches aufgefallen?“

„Nein“, antwortete Kristin betont arglos. „Wieso?“

„Sie war heute so komisch am Telefon“, erklärte er. „Und jetzt geht sie gar nicht mehr an ihr Handy.“

„Vielleicht hat sie in Bad Reichenhall ja einen netten Begleiter gefunden“, bemerkte Kristin spitz.

„Sehr komisch“, erwiderte er.

„Genauso komisch, wie von dir sitzen gelassen zu werden“, schoss sie zurück.

Er lenkte ein. „Wahrscheinlich sollte ich das nicht gerade mit dir besprechen. Aber ich mache mir echt Sorgen.“ Kristin freute sich insgeheim, das zu hören. „Ich habe sogar schon die Klinik in Bad Reichenhall angerufen“, berichtete er. „Aber die Ärzte wollen mir keinerlei Auskunft geben.“

„Du hörst bestimmt bald von ihr“, sagte Kristin.

„Hoffentlich.“ Er seufzte und verschwand Richtung Pianobar.

„Die Frage ist nur, ob du dann glücklicher sein wirst“, murmelte sie und sah ihm mit hämischer Miene nach.

Moritz ließ die Geschichte mit Theresa keine Ruhe. Er ließ das Konzert von Frau Schweitzer sausen und ging wieder ins Büro, um es noch einmal in der Entzugsklinik zu versuchen.

Kaum hatte er das Telefonat beendet, kam Xaver herein. Der wusste bereits, dass sich sein Freund Sorgen um Theresa machte.

„Ich bin mir inzwischen gar nicht mehr sicher, ob sie überhaupt nach Bad Reichenhall gefahren ist“, sagte Moritz nachdenklich. Er hatte gerade herausgefunden, dass Hans Burger seine Behandlung abgebrochen hatte und seit einiger Zeit nicht mehr aufgetaucht war. Davon hatte Theresa ihm gar nichts erzählt. „Sie war bei unserem letzten Gespräch total merkwürdig und kurz angebunden und hat mich auf später vertröstet.“

„Und jetzt?“, fragte Xaver mitfühlend.

„Ich könnte zur Polizei gehen“, überlegte Moritz laut.

„Was willst du denen denn sagen?“ Skeptisch wiegte Xaver den Kopf. „Meine Freundin will nicht mit mir reden?“

„Aber ich kann hier doch nicht die ganze Zeit tatenlos rumsitzen, verdammt!“, fluchte Moritz.

Marlenes Konzert wurde ein Erfolg.

„Sie ist wirklich großartig!“, sagte Charlotte danach zu Werner. Und der heimste die Lorbeeren nur allzu gern ein und behauptete, auch er sei von Anfang an von Marlenes erstaunlichem Talent überzeugt gewesen. Dann ging er zu seinem Sohn.

„Ich nehme alles zurück“, sagte er. „Du hattest den richtigen Riecher.“

„Dann bin ich nicht gefeuert?“, fragte Konstantin grinsend.

„Im Gegenteil: Du bekommst einen Bonus für besondere Sturheit.“ Und Marlene würde in der Pianobar spielen dürfen, bis Natascha ihren angeblichen Rippenbruch auskuriert hatte.

Theresa verbrachte die erste Nacht in dem ungemütlichen Keller der Brauerei. Doch ein Traum, in dem ihr Nicola erschien, gab ihr Trost und Halt. Nicola sah aus wie ein Engel und nahm ihre Tochter ganz fest in die Arme.

„Mama!“, weinte Theresa im Traum. „Bitte bleib bei mir!“

„Meine liebe Theresa“, sagte Nicola. „Ich werde immer bei dir sein.“ Liebevoll strich sie ihrer Tochter übers Haar und flüsterte ihr dann etwas ins Ohr. Doch Theresa konnte nicht es verstehen.

War das wirklich ein Traum gewesen? Das fragte sich Theresa, als sie wieder aufgewacht war. Es hatte sich alles so echt angefühlt. Die Umarmung … Nicola war ihr so nahe gewesen. Und sie würde immer bei ihr sein …

Moritz war am nächsten Morgen noch immer in Sorge um seine Freundin und vertraute sich seinem Bruder an. Der nahm es ihm nicht mehr übel, dass er das Konzert verpasst hatte, als er hörte, was Moritz auf der Seele lag.

„Das alles klingt in der Tat seltsam“, fand auch Konstantin.

„Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan“, sagte Moritz. „Ich kann nicht weiter tatenlos abwarten.“ Er wollte nach Bad Reichenhall.

„Okay, lass uns los!“, beschloss Konstantin spontan. Moritz sah ihn erstaunt an. Er wollte mitkommen? „Du glaubst doch nicht, dass ich dich in deinem Zustand Auto fahren lasse!“

Elena hatte in all den Tagen nichts von Nils gehört. Und sie fürchtete sehr, dass er sich in Italien doch noch mit Tanja versöhnt hatte und nicht zurückkommen würde zu ihr. Doch jetzt stand er plötzlich vor ihr!

„Ist alles okay?“, fragte er sie.

„Sag du es mir“, entgegnete sie unsicher.

Liebevoll sah er sie an. Dann nickte er langsam. Ein Strahlen ging über ihr Gesicht. Nils breitete die Arme aus, Elena warf sich hinein. Sie hielten einander ganz fest.

„Jetzt ist alles okay“, flüsterte er.

Tränen des Glücks standen ihnen in den Augen.

Gemeinsam gingen sie in Nils’ Wohnung. Dort erinnerte alles an Tanja.

„Ich habe versucht, mit ihr vernünftig zu sprechen“, berichtete Nils beklommen. „Aber – das war kaum möglich.“

„Das muss für euch beide furchtbar gewesen sein“, sagte Elena.

„Sie war am Boden zerstört, weil es zwischen uns endgültig aus ist“, erzählte er. Tanja hatte sofort Herrn Pachmeyer kontaktiert, damit der die Scheidung in die Wege leitete. „Das Trennungsjahr läuft also schon ganz offiziell.“

„Wann kommt sie denn zurück?“, fragte Elena.

„Ich kann mir vorstellen, dass sie in Italien bleibt.“ Nils trauerte auch darum, dass er dann Fabien nicht mehr sehen würde. Er hing sehr an seinem Stiefsohn.

„Ich hatte die ganzen Tage Angst, du kommst nicht zurück“, gestand Elena nun.

„Ich wusste auch nicht, was mich erwartet, wenn ich wieder hier bin.“ Auch sie hätte es sich schließlich anders überlegen können.

„Nein.“ Sie nahm seine Hand. „Ich will mit dir zusammen sein.“

„Und ich mit dir.“ Zärtlich küsste er sie.

2. KAPITEL

Marlene frühstückte im Restaurant und freute sich, als André Konopka ihr Komplimente für das Konzert gestern Abend machte. Doch dann verdüsterte sich ihre Miene.

„Alle sind hier so nett zu mir“, sagte sie voll schlechten Gewissens.

„Was ist denn los?“, fragte der Chefkoch.

„Ich fühle mich einfach schlecht, weil …“ Sie stockte, überwand sich dann aber. „Meine Mutter hat sich gar nicht die Rippen gebrochen. In Wahrheit wartet sie auf eine Zusage für eine Europatournee.“

„Dann halten Sie den Fürstenhof also nur hin?“ André musterte sie skeptisch.

Marlene nickte schuldbewusst. „Wenn sie bei dem Musical die Hauptrolle bekommt, muss ich Konstantin absagen.“ Und das würde eine herbe Enttäuschung sein für ihn. „Verstehen Sie, warum ich mir so mies vorkomme?“ Es würde ihr nichts anderes übrig bleiben, als Werner Saalfeld die ganze Geschichte zu beichten.

„Jetzt nicht die Nerven verlieren“, riet André ihr. „Es ist doch gar nicht sicher, dass Ihre Mutter die Hauptrolle bekommt.“

„Aber wenn doch?“, erwiderte Marlene unglücklich. „Dann kommt raus, dass sie nie einen Rippenbruch hatt und ich stehe vor Ihrem Bruder als Lügnerin da.“

„Mit der Wahrheit nimmt Werner es selbst nicht so genau“, brummte André. „Unter uns gesagt: Er ist der größte Gauner unter der Sonne.“

Irritiert verzog Marlene das Gesicht. „Außerdem sieht es so aus, als wäre es meine Strategie, sämtliche Veranstalter warmzuhalten, damit meine Mutter möglichst viele Auftritte bekommt“, meinte sie dann. Und sie wollte nun mal niemanden betrügen.

„An Ihrer Stelle würde ich abwarten, wie sich alles entwickelt.“ André wusste aus eigener Erfahrung, dass sich manche Probleme von selbst lösten.

Aber so leicht konnte und wollte Marlene es sich nicht machen. „Konstantin Riedmüller hat sich extra dafür eingesetzt, dass ich ersatzweise für meine Mutter spielen kann. Ich darf ihm nicht verschweigen, dass Natascha hier möglicherweise nie auftreten wird. Sonst steht er am Ende wie der letzte Depp vor seinem Vater da.“

Moritz und Konstantin hatten in Bad Reichenhall keine Spur von Theresa gefunden. In der Entzugsklinik war sie überhaupt nicht gewesen.

„Ich habe so ein verdammt ungutes Gefühl“, meinte Moritz besorgt. Er wollte Theresa nun wirklich bei der Polizei als vermisst melden. „Es ist wie an dem Nachmittag, als Theresa bei ihrer Wanderung in die Grube gefallen war.“ Da hatte seine Intuition ihn auch nicht getäuscht. „Ich bin mir sicher, ihr ist etwas passiert …“

Zurück im Fürstenhof brachte ein Page Moritz gleich einen Brief. Er war in Bad Reichenhall aufgegeben worden. In Konstantins Gegenwart begann er zu lesen, was Theresa ihm geschrieben hatte.

„Lieber Moritz – du wunderst dich sicher, dass ich vorhin am Telefon so abweisend zu dir war. Das hat einen Grund. Durch die Begegnung mit meinem Vater sind noch einmal all die Lügen der Vergangenheit hochgekommen. Ich habe erkannt, dass ich mir auch in Bezug auf dich etwas vorgemacht habe. Deswegen ist es besser, wenn wir uns trennen. Es tut mir leid.“

Ungläubig ließ Moritz den Brief sinken. „Sie macht Schluss“, murmelte er tonlos. „Das kann doch nicht sein.“

„Habt ihr euch gestritten, ehe sie gefahren ist?“ Konstantin sah seinen Bruder forschend an.

„Absolut nicht!“, beteuerte Moritz.

„Warum macht sie das dann?“ Konstantin war ratlos. So unpersönlich, per Brief – das passte doch gar nicht zu Theresa. „Da ist garantiert etwas faul …“ Er überflog den Brief selbst noch einmal. Und stellte fest, dass sie ihren Namen ohne H geschrieben hatte: Teresa. Nur ihre Großmutter war so geschrieben worden. Und dass Theresa ausgerechnet bei ihrem eigenen Namen ein Flüchtigkeitsfehler passierte, war schwer vorstellbar.

„Du meinst, das könnte so etwas wie ein versteckter Hinweis sein?“ Moritz presste die Lippen aufeinander. Die Handschrift war eindeutig von Theresa. Aber der Ton des Briefes …

„Sie hat immer nur dich geliebt und um dich gekämpft“, stellte Konstantin fest. „Nie im Leben würde Theresa das so einfach aufgeben. Wenn du mich fragst – das ist kein Abschiedsbrief. Da will jemand, dass du auf gar keinen Fall nach ihr suchst.“

Moritz nickte langsam. „Ich gehe damit jetzt zur Polizei“, beschloss er dann.

Xaver schlug sich noch immer damit herum, dass er nicht wusste, wie er André Konopka sagen sollte, dass er, Xaver, in Wirklichkeit Sternchens Vater war. Konstantin hatte ihm eine Woche Zeit gegeben, um die Sache zu regeln. Und Xaver telefonierte all seinen Exfreundinnen und Affären hinterher, hatte Sternchens Mutter aber noch nicht gefunden. Ganz abgesehen davon war seine Tochter ihm inzwischen selbst ans Herz gewachsen. Und er verspürte immer wieder eine leise Eifersucht, wenn er sah, wie André mit der Kleinen umging. Gleichzeitig fühlte er sich durch seine häufige Verpflichtung als Babysitter jedoch auch eingeschränkt. Alles in allem war es eine furchtbar vertrackte Situation. Wie sollte er, der geborene Chaot, denn ein guter Vater für die Kleine sein?

Heute Abend war er wieder mit dem Babysitten dran. Und musste Mandy deshalb einen Korb geben – sie hatte ihn gefragt, ob sie gemeinsam ins Bräustüberl gehen wollten.

„Wie wär’s, wenn wir uns bei dir treffen?“, schlug das Zimmermädchen da vor. „Zu zweit macht Babysitten doch viel mehr Spaß.“

„Super!“, meinte Xaver, der sich bei Mandy durchaus Chancen ausrechnete. Er würde etwas zu trinken und Knabbersachen besorgen.

Seit einer Stunde schrie Doris im Keller lauthals um Hilfe.

„Hör endlich auf!“, herrschte Theresa sie an. „Wie oft soll ich es dir noch sagen? Das war im Krieg ein Luftschutzbunker!“ Sie befanden sich zig Meter unter der Erde. Kein Mensch würde sie jemals hören.

„Dann lass dir etwas anderes einfallen, wie wir hier rauskommen!“, verlangte Doris.

„Ohne deine Lügen und Intrigen würden wir hier gar nicht sitzen!“, hielt Theresa ihr vor. „Wahrscheinlich ist das alles die Strafe für deine verdammte Gier.“

„Benötigen wir einen Sündenbock?“, zischte Doris. „Dein ach so herzensguter Vater und seine geisteskranke Frau sind an allem schuld! Oder glaubst du immer noch an das Märchen, deine Eltern hätten dich als Baby auf den Kirchentreppen gefunden?!“

„Was soll das jetzt?“, erwiderte Theresa verunsichert.

„Sie haben dich als Ersatz für ihr eigenes totes Kind gestohlen!“, rief Doris. „So sieht es aus!“

„Wie kannst du es wagen, so etwas zu behaupten?“, empörte sich Theresa.

„Du willst doch immer die Wahrheit wissen“, giftete Doris. „Dann hör sie dir gefälligst auch an!“ Sie erzählte Theresa alles, was sie von Hans Burger erfahren hatte.

Doch Theresa wollte nichts davon wissen. „Was bist du nur für ein Mensch?! Dich auf Kosten anderer reinwaschen zu wollen …“

„Bitte!“ Doris verdrehte die Augen. „Dann glaub eben weiterhin an die rührselige Findelkind-Geschichte. Aber bevor du mich weiter verurteilst: Die Schuld, die deine Zieheltern auf sich geladen haben, ist wohl bedeutend größer als ein vertauschter Gentest. Hans Burger und seine Frau haben dir das ganze Leben mit deinen leiblichen Eltern geraubt.“

„Das sagst du doch alles nur, um von dir abzulenken“, sagte Theresa kalt.

„Es ist die Wahrheit!“, beteuerte Doris. „Und ich habe sie dir erzählt, weil ich um jeden Preis hier rauswill. Und das geht nur, wenn wir zusammenhalten!“

„Ich glaube dir kein einziges Wort!“ Brüsk wandte sich Theresa von ihr ab.

„Ich kann es dir sogar schwarz auf weiß beweisen“, legte Doris nach. „Als dein Vater von hier verschwunden ist, hat er einen Brief hinterlassen, in dem er alles gesteht. Ein Zimmermädchen hat ihn erst vor ein paar Tagen beim Putzen entdeckt.“ Doris verschwieg, dass sie den Brief verbrannt hatte. „Frag Kristin“, fuhr sie fort. „Sie hat ihn auch gelesen. Hans Burger wusste sehr genau, wer du wirklich bist. Und hat dich von vorne bis hinten belogen.“

Der Schmerz regte sich in Theresa wie ein wildes Tier. Langsam begriff sie, dass Doris offenbar die Wahrheit sagte. Wie schrecklich war das alles …

Kristin fädelte zur gleichen Zeit ein Treffen mit einem Diamantenhändler ein. Das Geld von den Geschäftskonten der Westphalia-Brauerei hatte sie inzwischen. Aber sie würde auf ihrer Flucht ja schlecht Koffer mit Geldscheinen transportieren können. Also benötigte sie Diamanten – die würden nicht so schnell auffallen.

Die Polizei hatte Moritz wieder nach Hause geschickt – sie ging von einem stinknormalen Beziehungsproblem aus. Und auch Werner hielt die Sorge seines Sohnes um Theresa für übertrieben.

„Vielleicht hat sie einfach kalte Füße bekommen“, meinte der Senior.

„Theresa hat sich die ganze Zeit gewünscht, dass wir endlich zusammen sein können“, widersprach Moritz. „Genauso wie ich.“

„Ich habe in meinem Leben mit Frauen alles Mögliche und Unmögliche erlebt.“ Mitfühlend sah Werner seinen Sohn an.

„Mein Gefühl sagt mir, dass irgendetwas nicht stimmt“, beharrte Moritz. „Nie im Leben schreibt Theresa einfach so ihren Namen falsch!“ Als sie damals in die Wolfsgrube gefallen war, hatte er auch gespürt, dass etwas passiert war. „Theresa ist in Gefahr, ganz sicher!“

„Sie hat doch überhaupt keine Feinde“, hielt Werner dagegen. „Wer sollte ihr etwas antun wollen? Alle mögen und schätzen sie – außer Doris vielleicht.“

„Und Kristin“, ergänzte Moritz nachdenklich.

„Aber keine von beiden hätte einen Grund, sie zu entführen“, wandte sein Vater ein. „Außerdem läge dann längst eine Lösegeldforderung vor.“ Außer dem seltsamen Brief gab es kein Lebenszeichen von Theresa. An ihr Handy ging sie nicht. „Sie wird sich schon melden.“ Werner klopfte seinem Sohn aufmunternd auf die Schultern. „Ich habe Doris auch schon drei Tage weder gehört noch gesehen. Wenn die Damen sich einmal was in den Kopf gesetzt haben … Mich würde es nicht wundern, wenn Doris jeden Moment aus München zurückkommt, eine fantastische Wohnung für Kristin gefunden hat und auch gleich noch den Darlehensvertrag mitbringt.“

Doch Moritz blieb skeptisch.

Die Verabredung mit Mandy ging von Anfang an schief. Sie wollte laute Salsamusik hören und mit Xaver tanzen – doch das ging nicht, schließlich sollte Sternchen nicht aufwachen. Und das Babyfon, durch das immer wieder Geräusche zu hören waren, machte Xaver auch nicht entspannter. Dabei flirtete Mandy durchaus offensiv mit ihm. Doch selbst, als sie anfing, ihn zu küssen, war er in Gedanken nur bei seiner Tochter.

„Wenn du dich schon von einem fremden Kind so vereinnahmen lässt, möchte ich gar nicht wissen, wie es bei deinem eigenen wäre“, sagte Mandy schließlich genervt. „Ich finde es ja süß, dass du dich so kümmerst, aber … Gegen Sternchen habe ich offensichtlich keine Chance.“ Sie griff nach ihrer Jacke.

„Warum willst du denn jetzt schon nach Hause?“, fragte er erschrocken. „Es ist doch noch total früh!“

„Vielleicht gehe ich noch tanzen“, erklärte sie. „In Rosenheim ist so ein Latino-Schuppen.“ Damit war sie verschwunden.

Vollkommen frustriert blieb Xaver zurück.

Elena und Nils hatten sich für den Abend verabredet. Und wieder fühlten sie sich beklommen, als sie zu zweit in Nils’ Wohnung am Tisch saßen.

„Also, falls du heute Abend, heute Nacht doch lieber allein sein möchtest …“, sagte sie leise.

Er atmete tief durch. „Wie kommst du darauf?“, fragte er dann.

„Ich würde es verstehen, wenn du einfach noch Zeit brauchst“, antwortete Elena. „Ihr wart solange zusammen … So etwas ist nicht von einem auf den anderen Tag aus …“

Nils legte ihr einen Finger an die Lippen. „Ich möchte nur eins: mit dir zusammen glücklich sein. Darauf habe ich viel zu lange warten müssen.“ Daraufhin küsste er sie voller Zärtlichkeit. Und nun konnten sie es doch genießen, zusammen zu sein. Trotz all der Erinnerungen an Tanja und Fabien, die um sie herum versammelt waren.

Konstantin und Moritz saßen zusammen an der Bar.

„Vater scheint es kein bisschen merkwürdig zu finden, dass sowohl Mutter als auch Theresa wie vom Erdboden verschwunden und nicht erreichbar sind“, sagte Moritz gerade.

Da kam Marlene auf die beiden zu. Sie hatte sich vorgenommen, Konstantin endlich zu beichten, was in Wahrheit mit ihrer Mutter los war. „Entschuldigung könnte ich kurz mit Ihnen reden?“, fragte sie.

„Wir haben gerade etwas sehr Dringendes zu besprechen“, wehrte er sie freundlich, aber bestimmt ab. „Geht es auch später?“

Marlene nickte und setzte sich in einen der Sessel. Von dort aus konnte sie einige Fetzen des Gesprächs zwischen den beiden Brüdern aufschnappen.

„So verrückt das klingt, ich fände es fast erleichternd, wenn es eine Lösegeldforderung oder sonst etwas gäbe“, meinte Moritz nun. Dann hätten sie wenigstens gewusst, mit wem oder mit was sie es zu tun hatten. „Wer könnte dahinterstecken, wenn wir Hans Burger mal außer Acht lassen?“ Theresas Ziehvater mochte zwar ein Alkoholiker sein – ein Psychopath, der seine Tochter entführte, war er ganz sicher nicht.

„Unsere Mutter?“ Konstantin war sehr ernst geworden.

„Die ist genau wie Werner glücklich und zufrieden, dass mit Kristins Kredit alles klappt“, winkte Moritz ab. „Darum hilft sie Kristin in München auch bei der Wohnungssuche.“

„Hat deine Ex vielleicht noch Rachegelüste, weil sie dich an Theresa verloren hat?“ Konstantin sah seinen Bruder nachdenklich an.

„Was würde Kristin erreichen, wenn sie Theresa entführt?!“, hielt Moritz dagegen. „So würde sie mich bestimmt nicht zurückbekommen. Und Geld ist auch kein Motiv, davon hat sie selbst genug.“

Die beiden Brüder waren weiterhin ratlos.

Doris kniete auf dem Kellerboden und betete auf Spanisch. Theresa betrachtete sie dabei voller Abscheu. Sie hasste diese bigotte, jammernde Intrigantin. Das Ganze war ein einziger Albtraum. Aber was Doris gesagt hatte, schien die einzige Erklärung für all das Rätselhafte zu sein, für all die Geschichten, die ihre vermeintlichen Eltern ihr aufgetischt hatten. Wie hatten sie Nicola nur das Kind wegnehmen können?! Wie egoistisch musste man sein, um das eigene, verstorbene Baby auf so eine grausame Weise zu ersetzen? Theresa hatte Hans und Karoline geliebt. Und jetzt war ihr ganzes Leben eine einzige große Lüge. Und sie hatte niemanden mehr, dem sie vertrauen konnte – außer Moritz. Sie wünschte so sehr, dass er bei ihr wäre …

Doris hatte ihr Gebet beendet und blickte Theresa nun an. „Ich weiß, wie sehr du mich verachtest“, sagte sie. „Und ich verstehe dich sogar. Aber bitte – vergib mir, Theresa. Lass uns Frieden schließen. Wenigstens, bis wir aus dieser Hölle erlöst sind.“

Schweigend wandte sich Theresa von ihr ab. Sie konnte dieser Frau nicht die Hand reichen. Sie konnte es einfach nicht.

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