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Ulrike D.

Heinz-Jürgen Schönhals

Ulrike D.

oder: Die wiederkehrenden Träume Elmar Redlichs





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Ulrike D.

oder: die wiederkehrenden Träume Elmar Redlichs

Roman

(neu bearbeitete) Auflage 2018

Autor: Heinz-Jürgen Schönhals

Wichtige Personen

Elmar Redlich, Protagonist

Lisi Redlich, seine Frau

Joachim Schaller, Jugendfreund von Elmar

Julia Lambertz, Jugendfreundin von Elmar

Gottfried Laubenthal, Oberförster

Hermann Beyer, Elmars Cousin

Gustav Höhne, Joachims Onkel

Ulrike D(üsterwald), Joachims Freundin

Erich Robeck, Studienfreund von Elmar

Oliver Stenz, Absolvent der Jurisprudenz

Professor Dr. jur. Wölfel – Dozent

Iris Cornelius, Anglistikstudentin

Weitere Personen

Eltern und Verwandte von Elmar,

Pfadfinderführer, Kommilitonen / innen,

Schüler und Lehrer,

Gäste auf zwei Partys,

Filmfiguren in dem Film „Werther Zwo“,

ein Pfarrer u.a.

Kapitelüberschriften

I. Flucht vor der tristen Gegenwart

Seltsame Träume

Eine Reise zu ehemaligen Weggefährten

Rückkehr in die alte Heimat

Die Erzählung von der verlassenen Braut

Der Runenweiher

II. Wieder in der Jugend

1. Der Jugendfreund

2. Bei den Sternbaldpfadfindern

Die Erzählungen des Pfadfinderführers

(Christliches Ethos, heile Welt, Abenteuer)

Eintritt in den Pfadfinderbund

„Weltliches“ Gebaren eines Pfadfinderkollegen

Auch der Freund wird Pfadfinder

Osterlager in „Haus Sternbald“

Der Erstführer

Gute Pfadfindertaten:

a) Die fatale Lydia

b) Der unsympathische Amtsgerichtsrat

Die Warnungen eines Ehemaligen

Der brutale Angriff des Lebens

Abschied von der Pfadfinderzeit

3. Die Schulzeit

Prüderie und andere Zwänge

Julia

Das Tanzfest

Waldwanderung oder die Suche nach der seltenen Wildtulpe

Gustav Höhne und sein unvollendeter ’Orpheus’ - Roman

Cousin Hermann Beyer

Kriegserzählung und metaphysische Schuld

Und wieder: Julia

4. Auf der Universität in M.

Neue Bekanntschaften

Der mühsam geknüpfte Gesprächsfaden

Das Misstrauen

Ulrike D. und die Party bei dem Jugendfreund

Irritierende Gerüchte

Unheimliche Orte

5. Auf der Universität in F.

Neuanfang (mit Wechsel des Studiums)

Schale Erfahrungskost bürgerlicher Verwandter

Der Boxfan, ein neuer Freund

Boxkämpfe

Der Onkel des Freundes, ein harter Typ

Zum Rapport beim Professor

Eine Examensfeier mit Zwischenfällen

Studentin Iris Cornelius

Das Kino als Fluchtpunkt

Der Film „Werther Zwo“

6. Noch einmal: Iris Cornelius

Eine Sachenrechtsvorlesung mit Folgen

Professor Dr. jur. Wölfel und der Wille zur Macht

Schuldgefühle

Rückkehr zum alten Studium und Hochzeit

III. Wieder in der Gegenwart

Die Bannkraft der magischen Orte

Die Beschwörung der Liebe Gottes

Warten auf Julia

Die leidenschaftliche Liebe der Ulrike D.

I. Flucht vor der tristen Gegenwart - Seltsame Träume

Ihr führt ins Leben uns hinein,

Ihr lasst den Armen schuldig werden,

Dann überlasst ihr ihn der Pein;

Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.“

(Goethe)

Manchmal werden wir von Träumen behelligt, die uns seltsam abergläubisch berühren. Sie kommen uns wie Projektionen in die dunkle Zukunft vor, als ob jemand das Buch unseres Lebens aufblättert und die noch unbekannten, längst schon beschriebenen Seiten unserem träumenden Ich entgegenhält. Andere solcher lästigen Träume wiederum lassen fatale Ereignisse unserer Vergangenheit vor unserem träumenden Auge erscheinen, nicht selten in lebhaften, scharf gezeichneten Bildern, und falls es öfter geschieht, spekulieren wir, ob hier nicht unbewältigte Konflikte in unserer Seele rumoren oder ein Trauma, welches sich irgendwann in unserer Seele eingenistet, beunruhigende Signale sendet, wie aus einer eingebauten, nicht zur Ruhe kommenden Störquelle.

Von diesen Letzteren wurde Elmar Redlich seit einiger Zeit in Unruhe versetzt, und zwar umso stärker, je mehr sich diese Träume auf unheimliche Weise ähnelten. Wiederholt träumte er, er forsche nach der Adresse seiner früheren Verlobten Julia Lambertz. Irgendwo im Norden, bei Hamburg, soll sich ihre Lebensspur verlieren, hatte er herausgefunden, im Traum. Dabei wusste er genau, wo Julia heute wohnt: in einer Stadt in Bayern, und sie ist dort verheiratet und hat eine Tochter mit Namen Jana. Manchmal erschien Julia auch selbst in diesen Träumen, aber mit eigenartig verändertem Aussehen: Zuerst glaubte er immer, er träume von Julia, doch plötzlich glichen ihre Züge einer ganz anderen Person, die er aus früheren Zeiten ebenfalls kannte, allerdings nur flüchtig, denn nur hin und wieder war sie am Rande seines jugendlichen Bekanntenkreises aufgetaucht. Sie hieß Ulrike Düsterwald. Meistens wurde sie Ulrike D. genannt, wegen des langen und düsteren Nachnamens.

Noch eine andere Variante gab es bei dieser Träumerei, seltener allerdings, bisher eigentlich nur zwei- oder dreimal: Die Person, die ihm im Traum erschien, war dann nicht Julia oder Ulrike, sondern ein junger Mann. Elmar glaubte, das könnte sein einstiger Jugendfreund sein, doch sicher war er sich nicht. Der junge Mann wie auch Ulrike warfen Elmars träumendem Ich zuweilen kalte, drohende Blicke zu, und sofort wachte er danach immer auf, tief erschrocken, ja durch den kalten Strahl dieser Augen geradezu erschauert.

Da er immer wieder in dieser alptraumhaften Weise träumte und stets von den gleichen unnützen Grübeleien hinterher belästigt wurde, überlegte er, ob er nicht einen Psychologen oder Therapeuten zu Rate ziehen sollte, der ihm diese Träumerei erklärte und möglichst davon befreite. Doch dass jemand eifrig in seiner Vergangenheit herumspäht, ihn nicht nur über allerlei Vorkommnisse seiner Jugend und frühen Mannesjahre ausfragt, sondern außerdem noch forschend bis ins Innerste seiner Seele vordringt – mit dieser Aussicht konnte er sich nur schwer anfreunden. Denn darauf lief es doch hinaus: Der Therapeut witterte ein Trauma, das er, Elmar, nicht verarbeitet hat und das nun in aberwitzigen Träumen ständig wiederkehrend Gestalt annahm.

Elmar schwebte die Szene schon vor, wie der Psychologe ihm unangenehme Fragen stellte:

’In welcher Beziehung standen Sie, außer zu Ihrer Verlobten, zu dieser Ulrike oder zu diesem jungen Mann, Herr Redlich? Warum blicken Ulrike und der jungen Mann Sie immer so drohend an? Haben Sie eine Erklärung dafür?‘

’Der junge Mann könnte mein Jugendfreund sein.’

’Aha! Und wie erklären Sie sich’s, dass seine Blicke so drohend auf Sie gerichtet sind? Hat Ihr ehemaliger Freund Ihnen etwas angetan oder umgekehrt, haben Sie sich ihm gegenüber einmal unfair oder - sagen wir - irgendwie schofel benommen?’

’Ich weiß ja gar nicht, ob das überhaupt mein ehemaliger Freund ist.’

’Gehen wir einmal davon aus, es ist Ihr Freund. Wie war das Verhältnis zwischen Ihnen? War es so eine, wie sagt man? - landläufige Freundschaft?’

’Es war..., wir waren... ziemlich dicke Freunde.’

’Ah ja!’

’Richtiger gesagt - es war eine große Freundschaft, eine echte, wahre Freundschaft.’

’Sehn Sie, wir kommen der Sache schon näher. Könnte es sein, dass Sie oder auch ihr Freund in Anbetracht dieses hohen Anspruchs enttäuscht wurden?’

’Tja..., das könnte sein, aber immer unter der Voraussetzung, es handelt sich überhaupt um meinen ehemaligen Freund...’

Nach diesen, schon ziemlich indiskreten Fragen würde der Psychologe auch nicht davor zurückschrecken, sich nach seiner, Elmars, Weltanschauung, seiner Einstellung zur Religion zu erkundigen:

’Herr Redlich, glauben Sie an Gott?’

'....an Gott? - Dazu möchte ich sagen..., ja, ich glaube an ihn.... Ich bin eigentlich früh schon.., wie sagt man?.... geprägt worden, ich meine: geprägt durch eine christliche Pfadfinderschaft, in der ich....lange aktiv war.’

‚Aha!’, würde der Psychologe, beinah schon jubelnd, ausrufen, ‚da haben wir’s! Die frühe Bindung an das Religiöse hat bei Ihnen ein starkes moralisches Bewusstsein herausgebildet, und dieses Bewusstsein hat dazu geführt, dass Sie alles und jedes, was Sie tun oder auch was Sie nicht tun, anhand einer ziemlich hochgelegten moralischen Messlatte prüfen und beurteilen. So auch Ihre edle, große Freundschaft. Und Sie sind dann irgendwann von Ihrem Freund enttäuscht worden. Die allmähliche Zerstörung oder sagen wir vorsichtiger: die Beschädigung dieser Freundschaft haben Sie eventuell sogar als traumatisch empfunden, sodass Sie sich - in Ihrem Unterbewusstsein natürlich nur - der Blauäugigkeit, der Naivität bezichtigten, weil sie viel zu gutgläubig waren in Ihrer Einschätzung eines Ihnen nahestehenden Menschen. Viel zu spät erkannten Sie, dass man zunächst, will man das wahre Wesen der Welt oder auch den Charakter eines Menschen, seine eigentlichen Antriebe, erkennen, auf eine Art Schleier blickt, auf so eine rosige Umhüllung, verstehen Sie? - die es zu durchstoßen gilt! Sie aber haben diese Verschleierung der Wirklichkeit, diesen Scheincharakter der Welt überhaupt nicht zur Kenntnis genommen, Sie haben die rosige Verschleierung als die eigentliche Wirklichkeit angesehen, stimmt’s?’

’Ja tatsächlich, das könnte sein‘, würde Elmar, vermutlich kleinlaut, antworten.

’Und hieraus, aus diesem Gefühlsgemenge hat sich dann - vermute ich einmal - ein Schuldgefühl entwickelt. Sie fühlten sich schuldig, weil Sie aufgrund Ihrer Arglosigkeit oder sagen wir besser: aufgrund Ihres fehlenden Misstrauens völlig falsche Entscheidungen getroffen haben, die Ihnen erhebliche Nachteile brachten, habe ich Recht?’

Elmar würde jetzt vielleicht nur stumm nicken und sich wundern, was der Therapeut so alles aus seinem Unterbewusstsein zutage förderte, an in mancherlei Hinsicht durchaus Zutreffendem; ob es sich tatsächlich so abgespielt hatte, wie der Psychologe es darstellte, wusste er nicht mehr genau, er hatte vieles vergessen oder auch verdrängt.

Dann würde der Therapeut wahrscheinlich nicht davor zurückschrecken, Elmar auch nach seinen Beziehungen zu Mädchen und zu Frauen auszufragen, und zwar vielleicht so:

„Wie war es mit ihren Beziehungen zu Mädchen, Herr Redlich ..., in Ihrer Jugend, meine ich? Hatten Sie eine Freundin?’

’Ja.’

’Und, was ist daraus geworden?’

’Tja..., ich glaube, wir waren vier Jahre befreundet..., eigentlich sogar verlobt.’

’Vier Jahre! Ziemlich lange! Und dann....’

’...haben wir..... die Freundschaft... beendet.’

’Sie zögern, Herr Redlich...’

’Die Einzelheiten kenne ich nicht mehr.’

’Haben Sie die Freundschaft einvernehmlich beendet?’

’Eigentlich.... nicht“, antwortete Elmar, wieder zögernd, „um es genau zu sagen: meine Freundin hat mit mir Schluss gemacht; ich glaube, ich habe mich ihr gegenüber falsch verhalten.’

’Falsch verhalten! Das ist es, Herr Redlich, falsch verhalten!“ rief der Psychologe aus, in einem Ton, als hätte er nun die wahre Ursache der Alpträumen seines Patienten gründlich und klar erkannt, „In der Jugend, Herr Redlich“, fuhr er im gleichen selbstsicheren Tone fort, „reagiert man oft falsch, man ist naiv, weltunerfahren, bar jeder Menschenkenntnis und als junger Mann selbstverständlich auch bar jeder Kenntnis der Mädchen - und Frauenseele. So haben auch Sie sich Ihrer Freundin gegenüber falsch verhalten, und sie haben vermutlich auch hieraus ein Schuldgefühl entwickelt.’

’Wieso Schuldgefühl...?’

’Nicht im moralischen Sinne, meine ich, Herr Redlich, sondern eine Schuld oder - besser gesagt: ein Gefühl der Schuld im existentiellen Sinne; man könnte auch von dem Gefühl einer metaphysischen Schuld sprechen. Und dieses Schuldgefühl haben Sie aufgrund Ihrer ausgeprägten christlich - moralischen Empfindsamkeit deutlich gespürt, ja diese empfundene Schuld - man könnte eventuell auch sagen: diese eingebildete Schuld - behelligt sie bis auf den heutigen Tag. Dazu kommen noch ihre ständigen Vorwürfe, die Sie sich wegen ihrer Blauäugigkeit, Ihrer Naivität machten, weil Sie Ihre Freundschaft zu Ihrem Jugendfreund in einem viel zu erhabenen Glanz oder - salopp gesprochen - in einem zu rosigen Licht gesehen haben. Das alles, dieser ganze... - Schuldkomplex - möchte ich einmal sagen - quillt jetzt in Form von Alpträumen aus Ihrem Unterbewusstsein hervor. Ihre Seele, Herr Redlich, ist diesem komplexen Schuldgemenge auf Dauer nicht gewachsen!’

O Je! Elmar hatte jetzt wirklich genug von so einem vorweggenommenen Therapeutengespräch, welches er sich derart in seiner Phantasie ausmalte.

Vermutlich interessieren den Mann noch weitere Details seiner früheren Beziehungen zu Mädchen und Frauen und auch solche zu seinem Jugendfreund. Auch das 'Existentielle oder Metaphysische', wie er es nannte, würde er ganz sicher mit Akribie aus den entlegensten Abstellkammern seiner Seele hervorzerren und es inspizieren!

Elmar hatte mal irgendwo etwas von einer metaphysischen Schuld gelesen und Gefallen an dem Begriff gefunden, obwohl er sich darunter gar nichts vorstellen konnte. Das schien ihm andererseits wieder verständlich, denn wenn etwas metaphysisch ist - sagte er sich - entzieht es sich unserem logischen Vorstellungsvermögen. Gerade seine seltsame Träumerei kam ihm derart ’metaphysisch’ vor, dass ihm der Schluss des fiktiven Psychotherapeuten logisch zwingend erschien, nicht eine Schuld im hergebrachten, moralischen Sinne stecke hinter seinen Alpträumen, sondern irgendeine geheimnisvolle, unergründbare Schuld, die ihn mit diesen nächtlichen Gaukelspielen plagte. Und er unterstellte nun einem echten Psychotherapeuten, dass er ihn genau mit diesem unheimlichen Schuldbegriff gnadenlos behelligen, um nicht zu sagen: schurigeln würde.

„Nein, dieser unangenehmen Prozedur, dieser wahrscheinlich teuren Rosskur werde ich mich auf keinen Fall unterziehen“, sagte Elmar jetzt mit lauter, aufbrausender Stimme, denn das Argumentieren des Psychologen, so wie er es sich vorstellte, hatte ihn wütend gemacht.

„Ich mach’ es anders: Ich forsche selbst nach den Ursachen. Indem ich die wichtigsten Vorkommnisse meiner Vergangenheit untersuche, stoße ich ganz von selbst auf die genannte Störquelle, und durch eine akribische Untersuchung im Umfeld der ’Quelle’ befreie ich mich von meinen Alpträumen, oder anders gesagt: ich drehe dem Störsender mit einem erlösenden Handgriff den Strom ab; schon ist meine Seele entlastet, schon hat mein Gehirn keinen Anlass mehr, mich weiter mit unangenehmen Träumen zu belästigen.“

Allerdings, es gab da ein Hindernis: Elmar Redlich blickte nicht gerne zurück. Allenfalls tat er es unfreiwillig, bei einem Treffen mit alten Freunden, wenn sentimentale Erzählungen und der Zauberer Alkohol seine Seele übertölpelten. Im nüchternen Zustand kam ihm die Vergangenheit immer wie eine verstaubte Dachkammer vor, in die hineinzugehen er nicht die geringste Lust verspürte. Denn was erwartete ihn dort anderes als der trostlose Anblick eines Reichs der verrotteten Objekte, wo ihm fortwährend der kalte Hauch des Unwiederbringlichen entgegenweht, wo irgendwelches Zeug - Sperrmüll, Plunder - herumliegt, was ihm früher einmal - unverbraucht und neu - etwas bedeutete, wo ihm sein einst pralles, buntes Leben nun, im Rückblick, als konturloses Schattenspiel vorüberzieht und er das längst Erledigte, das, womit er sich seit langem hat abfinden müssen, nur in vergilbten Fotos, altfränkischen Gemälden oder ausrangiertem Spielzeug betrachten oder rückschauend in Selbstgesprächen erörtern kann. Wie in einem riesigen Eisblock auf ewig eingeschlossen kam ihm sein früheres Leben immer vor, wenn er in jener Dachkammer stand und ins Grübeln geriet. Nichts an dem Abgelebten konnte man mehr verändern, nicht mehr den einen oder anderen fatalen Verlauf noch einmal auf ein glücklicheres Ziel hin neu entwerfen und frohgemut großen, aussichtsreichen Taten entgegenblicken. Nein, die Vergangenheit stimmte ihn von jeher trübsinnig und mutlos. -

Ja, so dachte Elmar nun einmal über seine Vergangenheit, so negativ, so verbittert, und es war deshalb nur zu begreiflich, dass er zögerte, sich dieser Vergangenheit in der genannten Dachkammer zu stellen.

Eine Reise zu ehemaligen Weggefährten

Elmar Redlich ist Lehrer und unterrichtet am L - Gymnasium in D*** die Fächer Deutsch und Philosophie. In den Ferien unternimmt er gern weite Fahrten mit seinem Wagen, meistens alleine. Seine Frau Lisi, ein häuslicher Typ, bleibt lieber zu Hause bei Elena und Ingeborg, ihren beiden Kindern. Vor allem lehnt sie es ab, ihre Schwiegermutter zu besuchen, die weit weg in Walldorf im Taunus wohnt, wohin Elmar aber nicht selten hinfährt, da er sich verpflichtet fühlt, hin und wieder nach seiner verwitweten alten Mutter zu sehen.

„Aha, wieder einmal geht es zu Muttern!“, hörte er Lisi hinter sich lästern, als er gerade seine Koffer für die Reise packte, „der Herr Sohn kann ja ohne seine Mutti nicht auskommen! Das wievielte Mal packst du denn in diesem Jahr deine Koffer, Elmar? Das fünfte oder, warte mal, ich glaube: es ist schon das sechste Mal!“

„Quatsch!“, erwiderte er mit lauter Stimme, da ihn der höhnische Ton seiner Frau provozierte, „es ist höchstens das dritte Mal.“

„Das dritte Mal? Dass ich nicht lache!“

Lisi, ihre dunkelblonden Haare mit hochmütiger Gebärde nach hinten streichend und den Kopf in den Nacken werfend, blickte ihn mit böse funkelnden Augen an.

„Das fünfte Mal ist es“, präzisierte sie mit schriller Stimme, „garantiert das fünfte Mal!“

Er schaute ihr in die blitzenden Augen, dann erfasste sein Blick ihre schlanke Gestalt. Ihre Haare, sonst zu einem Zopf nach hinten gebunden, hatte sie jetzt aufgelöst, sodass sie in langen Wellen ihr Gesicht umrahmten. Dieses, ebenmäßig, mit leicht gewölbter, hoher Stirn, einer geraden Nase und einem vollen Mund, wirkte reizvoll und sympathisch. Seine Frau war immer noch hübsch, auch wenn sie ihren schönen Mund gerade zu einer hässlichen Schnute verzog und ihre graugrünen, weit geöffneten Augen das Weiße zum Vorschein brachten. Doch ihr adrettes Aussehen täuschte Elmar nicht darüber hinweg, dass er seit einiger Zeit gar nicht glücklich mit ihr war.

„Und mich lässt du hier wieder einmal alleine, mit den Kindern und all den Problemen“, hörte er sie weiter mit schriller Stimme sprechen, „es interessiert dich wohl gar nicht, dass wir auch gesellschaftliche Verpflichtungen haben.“

„Du meinst die Heberers und die Reitmeiers!?“

„Und die Bergs! – Ja, die müssen wieder eingeladen werden!“

„Ach, das kann doch bis nächste Woche warten!“

„Das sagst du jedes Mal! Die Frau Heberer hat mich letzte Woche in der Stadt nicht gegrüßt.“

„Und du meinst, das hängt mit unseren..... gesellschaftlichen Verpflichtungen zusammen!?

„Klar! Ich würde das auch als Affront auffassen, wenn ich Freunde gerade fürstlich bewirtet habe, und die lassen dann eine Ewigkeit nichts von sich hören.“

„Na, dann nimm du das doch in die Hand. Ein Telefonanruf bei den Heberers, den Bergs und den Reitmeiers, sie sollen zu unserer Soiree kommen, sagen wir: übernächste Woche, schon wird dich Frau Heberer wieder grüßen!“

„Mach’ keine Witze! - Du hast dich ständig vor den Einladungen gedrückt. Und jetzt drückst du dich vor den Vorbereitungen. Ich muss das alles alleine organisieren, das ganze Drum und Dran, während du dir wieder eine Reise zu Mutti gönnst.“

„Ach, ich bleibe doch nicht lange weg.“

„Außerdem vergisst du, was gerade die Einladung an die Bergs für dich bedeutet – bei dem Einfluss, den Berg in deinem Kollegium hat!“

„Nein, nein, ich vergesse das nicht!“

Es hatte keinen Zweck, Lisi weiter zu widersprechen, sie wird immer nach neuen Anlässen zum Nörgeln suchen und sie garantiert auch finden. Wenn Elmar ihr erklärte, warum er mit den Einladungen an die Heberers, die Bergs et cetera noch ein bisschen warten wollte, wird sie bestimmt den Lehrerball übernächste Woche zum Thema machen, und sie wird ihm vorjammern, sie wüsste nicht, was sie anziehen soll, er solle ihr beim Aussuchen eines Abendkleides doch bitte helfen, damit seine Kollegen sie nicht so kritisch mustern, und wenn er ihr sagte, das Aussuchen des Abendkleides hätte noch Zeit bis Ende nächster Woche, käme garantiert der Vorwurf, er würde sich seine Freunde zu sehr bei den Lehrerkollegen aussuchen, er solle doch auch einmal andere Ehepaare in ihren Bekanntenkreis ziehen. Ständig musste er in dieser Art ihr Spötteln und Mäkeln über sich ergehen lassen, bei den geringsten Anlässen, dazu kam noch seit einiger Zeit ihre Lieblosigkeit. All das und überhaupt Lisis nicht enden wollende Reizbarkeit zeigten ihm deutlich, seine Ehe war nicht mehr das, was er sich einst von ihr versprochen hatte und was über viele Jahre diesem Versprechen, diesem Entwurf einer glücklichen Zweisamkeit durchaus nahe gekommen war. Nein - stellte er nüchtern und zugleich erschrocken fest - seine Ehe steckte in einer Krise, sie war vielleicht schon derart zerrüttet, dass sie gar nicht mehr zu retten war.

Ihn hatten deshalb schon seit einiger Zeit seltsame Gefühle und Sehnsüchte erfasst; zuallererst die Sehnsucht nach mehr Liebe und Verständnis, doch da er beides bei seiner Frau nicht mehr zu finden meinte, dachte er immer öfter über eine Erfüllung außerhalb seiner Ehe nach; auch empfand er nicht geringe Sehnsucht nach Befreiung von all diesen bürgerlichen Einengungen und lästigen Gepflogenheiten, diesen gesellschaftlichen Verpflichtungen, wie Lisi sie nannte, Verpflichtungen, die schon eher Zwängen glichen, zum Beispiel dem Zwang, da und dorthin, meistens an Kollegen, Einladungen auszusprechen und mit Spannung darauf zu warten, wer wann sich liebenswürdigerweise revanchierte und ihnen die Ehre der Einladung zu dieser oder jenen Soiree zuteil werden ließe.

Eine andere Einladung allerdings kam ihm letzte Woche sehr gelegen, nicht die von den Heberers oder den Bergs, sondern von seinem Cousin, dem Architekten Klaus Kerner. Er solle ihn und seine Familie doch bald wieder einmal besuchen, hatte Klaus am Telefon gesagt, und Elmars Interesse an diesem Besuch war umso mehr gestiegen, je geheimnisvoller sein Cousin sich am Telefon in Andeutungen über einen zweiten Besuch bei ihnen erging, der mit dem seinen zusammenfallen könnte, falls er zu einem bestimmten Zeitpunkt bei ihnen eintreffe. Aus irgendwelchen Gründen glaubte Elmar, Klaus meinte mit diesem zweiten Besuch seine Schwägerin, jene bereits erwähnte Julia, geborene Lambertz. Da er bei Klaus nicht weiter nachfragte, sondern einfach nur ’Aha!’ sagte, gab er sich nun der Vermutung hin, das heißt, es bildete sich bei ihm im Verlaufe dieses Telefongesprächs gerade mal ein diffuses Gefühl, Julia und er könnten nach langer Zeit wieder einmal zusammentreffen, und zwar in Fernwald bei G., wo sein Cousin mit seiner Familie in einem komfortablen, sehr geräumigen Haus wohnte. Elmar dachte kurz zurück an die Zeit mit Julia. Viel war es nicht, was ihm im Augenblick dazu einfiel, aber eins fiel ihm sofort ein: er hatte Julia einmal sehr geliebt, und so versetzte ihn die Aussicht, mit seiner Ex-Verlobten wieder zusammenzutreffen, in eine freudig erregte Stimmung, und diese Aufregung wuchs um so mehr bei ihm, je nachdrücklicher er sich bewusst machte, dass ihm die Streitlust seiner Frau das Zusammenleben mit ihr doch gehörig verleidete.

Doch Lisis Nörgeln und unfreundlich verzogenes Gesicht vergaß er schnell, seine Gedanken richteten sich sofort wieder ganz auf den Besuch bei seinem Cousin und auf das Wiedersehen mit Julia, auf das er sich - geschehe es nur wirklich oder nur mutmaßlich - bereits richtig freute. Da er einige Tage von zu Hause wegblieb, wollte er seine Frau nicht zusätzlich verärgern, und um ihre erregte Stimmung zu besänftigen, sprach er jetzt in beruhigendem Ton zu ihr, indem er den Kofferdeckel sanft nach unten drückte und sich anschickte, ihn abzuschließen.

„Ich fahre dieses Jahr garantiert das letzte Mal nach Walldorf, Lisi, ich verspreche es dir, Ehrenwort! Allerdings dauert es diesmal etwas länger. Ich besuche noch meinen Cousin; bei meiner Mutter bleibe ich nur einen Tag!“

Lisi machte ein Gesicht, als wittere sie in diesem beschwichtigenden Ton und in den an sich akzeptablen Ankündigungen eine neuerliche Provokation. Doch das Funkeln ihrer Augen schwächte sich mit einem Male ab, ging in ein undefinierbares Glitzern über, was vielleicht besagen sollte, dass sie die Erklärungen ihres Mannes zwar nicht als annehmbar, aber doch als deeskalierend empfand. Schließlich bequemte sie sich zu einer Reaktion, welche die zwischen den Eheleuten aufgekommene Spannung tatsächlich milderte:

„Na, dann wünsche ich dir gute Fahrt!“, sagte sie in nicht mehr so schrillem Ton, „und ... fahr’ vorsichtig, vor allem auf der Autobahn!“

„Werde ich tun!“, erwiderte Elmar, und indem er den Koffer wieder öffnete, packte er weiter seine Sachen hinein.

Da die Herbstferien an diesem Tag begannen, wollte er unmittelbar nach der Schule losfahren. Nachdem er alle seine Sachen mitsamt dem Koffer im Kofferraum des Wagens verstaut hatte, verabschiedete er sich von Lisi und den Kindern, von der Ersteren zwar nicht besonders gefühlsbetont, aber auch nicht übermäßig kühl, von den Kindern allerdings herzlich.

Dann stieg er in den Wagen und fuhr Richtung Schule. Sein Unterricht begann an diesem letzten Tag erst in der vierten Stunde, nach der sechsten könnte er dann endlich in die Ferien starten, was also wieder einmal bedeutete - nach Lisis Rechnung das fünfte oder sechste Mal - , dass er in den Taunus nach Walldorf fuhr, zu seiner Mutter, um die er sich kümmern musste, schon aus moralischen Gründen. Und das sollte seine Frau eigenttlich doch bitte einsehen!

Unterwegs musste Elmar an die Bemerkung Lisis über den Kollegen Berg denken. Sie hatte Recht, Studiendirektor Berg, der im Kollegium ziemlich den Ton angab – er war nicht nur Stellvertreter des Schulleiters Bredenbrink, sondern auch dessen Freund – war mit Vorsicht zu genießen. Immer musste Elmar aufpassen, dass er dem Kollegen nicht mit einer unbedachten Bemerkung auf die Füße trat, vor allem, wenn er mit ihm auf einer Soiree zusammentraf. Er stellte sich schon vor, was dann vielleicht passieren könnte, jetzt, wo er sich wie seine Kollegen Heberer und Reitmeier um eine A14-Stelle bewarb. Berg könnte den Direktor zum Beispiel veranlassen, einige ungünstige ’Schlenker’, sogenannte Signalwörter, in Elmars Lehrerbeurteilung unterzubringen, schon hätten Ludwig Heberer und Karl Friedrich Reitmeier im Bewerbungsverfahren die Nase vorn. Na ja, beruhigte er sich, die Lehrerprobe vor einer Klasse musste ja noch hinzukommen, im Beisein des Dezernenten Dr. Kuschmann, dem Leitenden Regierungsdirektor von der Schulaufsicht. Doch da fiel Elmar ein, dass Schulleiter Bredenbrink mit Kuschmann immer ein herzliches Einvernehmen an den Tag legte, wenn dieser mal im L-Gymnasium weilte; der Draht zwischen den beiden ’hohen Tieren’ schien also prächtig zu funktionieren. Auch wusste Elmar nicht, ob einer seiner Mitbewerber in der X-Partei war, die im Gemeindeparlament und im Lande das Sagen hatte. Es galt nicht nur am L-Gymnasium als ausgemacht, dass nur Parteibuchinhaber in die höheren Beförderungsstellen gehievt werden. Berg und Bredenbrink waren garantiert in der X-Partei, das stand fest. Unklar war nur, ob auch bei den A14-Stellen die Parteizugehörigkeit schon eine Rolle spielte. Wenn also Heberer oder Reitmeier oder gar beide das Parteibuch der X-Partei besaßen, dann Gute Nacht! Seine Träume von einer Beförderung wären schon jetzt wie Seifenblasen an einem gezackten Eisengitter zerplatzt. Wie ihn dieses ganze politische Geschacher um Posten und Pöstchen anwiderte, nicht nur am L-Gymnasium! Aber auch der vom Schulleiter gerne gesehene Brauch, sich gegenseitig einzuladen und bei den Soireen dann miteinander freundlichen Umgang zu pflegen, obwohl man sich als Konkurrenten gegenseitig belauerte - Elmar kam das nicht nur heuchlerisch und spießig vor, er fand das, gerade heraus gesagt, grauenvoll! So war es nur zu verständlich, dass er keine Eile an den Tag legte, die genannten Kollegen samt Ehefrauen wieder einmal zu einem Gesellschaftsabend zu bitten.

Elmar hatte inzwischen das L.-Gymnasium erreicht. Die Fünf-Minutenpause würde gleich zu Ende sein, er musste sich also sputen, um pünktlich zum Unterrichtsbeginn im Klassenraum der 9 b zu sein. Rückgabe der Deutscharbeit plus Besprechung und Berichtigung standen auf dem Programm. Wie im Fluge würde die Stunde vorübergehen. Dann, in der 5. Stunde, folgte Philosophie im Grundkurs der 13 a. Das Thema lautete: Die unterschiedlichen Konzeptionen des „Willens“ bei Schopenhauer und Nietzsche, anhand von Auszügen aus „Die Welt als Wille und Vorstellung“ und „Jenseits von Gut und Böse“. Doch die Schüler werden jetzt, unmittelbar vor Ferienbeginn, nicht recht bei der Sache sein. Elmar stellte sich vor, wie er die Schüler nur mühsam zur Mitarbeit motivieren könnte; dabei hätte er gerne mit den Schülern sein Herzensanliegen - und nicht zu knapp - diskutiert, ob Nietzsche mit seiner These Recht hat, der Mensch sei Wille zu Macht und nichts außerdem! - In der 6. Stunde musste er noch eine Deutschstunde in der 12c, mit dem Thema ’Sophokles: König Oedipus’, hinter sich bringen. Auch hier, zumal in der letzten Stunde vor Beginn der Ferien, wird die Mitarbeit der Klasse garantiert zu wünschen übrig lassen. Elmar malte sich schon aus, wie der Unterricht zäh und schleppend dem Ende entgegentaumelte. Dann endlich wird es schellen, und die Schüler, die schon ständig auf die Uhr geguckt haben, werden schnell ihre Sachen zusammenpacken und erleichtert und froher Stimmung die Klasse und die Schule verlassen, begleitet von den guten Wünschen ihres Lehrers, die sie aber wohl kaum oder nur nebenbei zu Kenntnis nehmen.

Und so geschah es auch, wie es sich Elmar vorgestellt: Auch er verließ erleichtert die Schule, nachdem er sich noch von einigen Kollegen, insbesondere von dem Schulleiter und dem Stellvertreter, auch von Heberer und Reitmeier, verabschiedet hatte. Rasch stieg er in seinen Wagen und fuhr zur Stadt hinaus, Richtung Bundesstraße B x, die zur Autobahn führte. Die Fahrt wird sich wie immer in die Länge ziehen, dachte er, zumal auf der vielbefahrenen B x. Allein bis er die Autobahn erreichte und das Gaspedal durchtreten konnte, wird fast eine Stunde vergehen, nicht nur weil er mehrere Dörfer durchqueren muss, auch wegen der zahlreichen Lastwagen, die sich gerade auf dieser Straße gerne tummeln.

Während der langweiligen Fahrt gingen Elmar alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Vor allem musste er an Studiendirektor Bergs forschenden Blick denken, als er sich von ihm im Lehrerzimmer verabschiedete. ’Na, Herr Kollege, Sie sind aber mit einer Einladung wieder mal dran!’, schien dieser Blick zu sagen. Sogleich stand ihm auch wieder die letzte Soiree bei Ludwig Heberer vor Augen. Lisi hatte Recht, sie lag schon ziemlich lange zurück, die Heberers, eigentlich auch Berg hatten tatsächlich einigen Anlass, sich über Elmars Nachlässigkeit zu ärgern. Ludwig Heberer hatte damals nicht nur die Reitmeiers zu sich gebeten, auch Berg samt Ehefrau war zugegen. Dazu hatte Heberer sogar noch den Schulleiter mit dessen entschieden jüngerer Ehefrau Kerstin eingeladen. Es war ein Abend, den Elmar in seinem Tagebuch als „völlig überflüssig“ kennzeichnete, und das Benehmen der anwesenden Kollegen bezeichnete er als „wichtigtuerisch“, „dünkelhaft“ und „hochnäsig“.

Elmar erinnerte sich noch, wie er mit den beiden Kollegen, den Mitbewerbern um die A-14-Stelle, in einem Nebenzimmer zusammensaß und Reitmeier anfing, über eine Schülerin zu lästern. Der Schulleiter und der Studiendirektor hielten sich während-dessen im angrenzenden Speisezimmer auf, standen dort in einer Ecke und steckten die Köpfe zusammen. Die Ehefrauen saßen immer noch an dem Esstisch und plauderten miteinander.

„Ihr kennt doch die Ilse Müller aus der 10 a?“, fragte Karl Friedrich Reitmeier, der Mathematiklehrer. Er war etwa Mitte vierzig, hatte dunkelblonde, schon schüttere Haare, das Gesicht war leicht aufgedunsen und von bleicher Farbe. Über den schmalen, etwas gepressten Lippen prangte ein kleiner Schnauz. Die grauen Augen blickten unter buschigen Augenbrauen streng und herrisch.

„Klar kenne ich die!“, Ludwig Heberers Antwort kam spontan, fast wie aus der Pistole geschossen, „wer kennt die nicht, die ist doch so schön.“

„Ja, schön ist sie, aber strohdumm!“

„Nicht so laut! Feind hört mit!“ gab Elmar zu bedenken, „Bredenbrink hat gerade herübergeguckt.“

„Du weißt doch, Karl“, schloss sich Heberer Elmars Warnung an, „der Schulleiter lässt auf seine lieben Schülerinnen und Schüler nichts kommen. Beleidigung einer Schülerin ist für den tabu, erst recht, wenn sie schön ist.“

Ludwig Heberer, der Biologie- und Erdkundelehrer, dessen Stimme einen auffallend hellen Klang hatte, war von schlanker Gestalt, im Gegensatz zu Kollege Reitmeier, der nicht nur im Gesicht, sondern auch in seinem Körperumfang vergleichsweise dick wirkte. Ludwig strich sich über seine blonden, dichten Haare, seine braunen Augen, die ständig zu feixen schienen, als wollte sich der Kollege immer über etwas lustig machen, spähten hinüber ins andere Zimmer, wohl um sich zu vergewissern, ob Direktor Bredenbrink noch ausreichend entfernt stand und ihre Unterhaltung nicht mithören konnte.

„Ja, weiß ich!“ Karl sprach jetzt mit gedämpfter Stimme, „man darf ja heute die Dummheit nicht beim Namen nennen, sondern man muss sagen: die Schülerin hat noch einigen Nachholbedarf oder sie ist zurzeit nicht in Form.“

„... oder sie muss zu Hause noch etwas üben“, ergänzte Ludwig und feixte mit seinen Augen.

„Geht mir auf den Keks, diese Verniedlichung, diese Verhätschelung!“ meinte Elmar, „die Schüler werden zu sehr mit Glacé- handschuhen angefasst.“

„Na ja, die Zeiten haben sich halt geändert“, befand Karl, „ich jedenfalls halte nichts von den alten autoritären Methoden; der neue Umgang mit den Schülern ist mir sympathischer, er ist menschlicher.“

„Aber man tut den Schülern keinen Gefallen, wenn man sie zu sanft anfasst“, beharrte Elmar auf seinem Standpunkt, „im Leben werden sie später auch nicht sanft angefasst.“

„Die Ilse schon! Die wird bestimmt sanft angefasst, weil sie so schön ist“, meinte Ludwig und blickte Elmar grinsend an.

„Ach du meinst: die Männer gehen sanft mit ihr um“, räumte Elmar ein, „sie sind von ihrer Erscheinung so hingerissen, dass sie...“

„Nicht nur die Männer“, fiel ihm Karl ins Wort, „auch die Frauen; die vom Glanz ihrer Schönheit etwas abbekommen wollen, sich darin sonnen wollen.“

„Na, so schön ist sie auch wieder nicht!“, erwiderte Elmar in energischem Ton, doch er konnte damit die beiden nicht beein- drucken.

„Ich finde sie schon unwahrscheinlich schön!“, sagte Karl und strich sich selbstbewusst über seinen Schnauz.

„Ich auch!“, schloss sich Ludwig Karls Meinung an; dabei lächelte er wie einer, der im Begriffe ist, eine zarte Hammelkeule genießerisch zu zergliedern und zu verspeisen.

„Die Geschmäcker sind halt verschieden.“ Elmar konnte partout an Ilse Müllers Erscheinung nichts Außerordentliches erkennen; gewiss, sie war hübsch, aber besonders schön...? „Sie hat eine etwas lange Nase“, versuchte er seinen Standpunkt zu verteidigen.“

„I wo! Die stört doch niemanden“, entgegnete Karl.

„Ich finde gerade ihre Nase reizvoll“, sagte Ludwig in entschiedenem Ton.

„Na ja, die Geschmäcker sind halt verschieden“, wiederholte Elmar. Er ärgerte sich etwas, dass seine Meinung über Ilses Aussehen bei den Kollegen keine Anerkennung fand. Karl Friedrich kam wieder auf Ilses Versagen in Mathematik zurück:

„Jedenfalls ist das Kind in meinem Fach zur Zeit nicht - wie sagt man heute - nicht in Form. Zwei Arbeiten hat sie in den Teich gesetzt, eine war gerade mal ’Vier minus’: Jetzt überlege ich, was ich ihr auf dem Zeugnis geben soll. Na, ich prüfe sie noch einmal mündlich. Sie will ja mit der Mittleren Reife abgehen. Am Ende kriegt sie von mir sicher noch eine Vier Minus auf dem Zeugnis - weil sie so schön ist!“

Reitmeiers Augen strahlten, als wären sie gerade vom Glanz der Schönheit Ilse Müllers geblendet. Die anderen beiden lachten laut, weil Karl Friedrich den letzten Halbsatz in so trockenem Ton gesagt hatte.

Schulleiter Bredenbrink und sein Stellvertreter Berg betraten gerade das Zimmer.

„Na, hier herrscht aber eine aufgeräumte Stimmung!“, rief ihnen Bredenbrink zu, ein kleiner, dicklicher Mann mit Vollglatze und runden Augen.

„Die Herren haben wohl über einen unanständigen Witz gelacht?“ scherzte Studiendirektor Berg; er hatte eine Neigung, ein Thema gern ins Erotisch-Schlüpfrige zu ziehen.

„Nein, wir haben die Leistungen der besonders schönen Schülerin Ilse Müller begutachtet“, sagte Ludwig Heberer.

„Schöne Schülerin? Also war doch etwas Unanständiges im Spiel, was!“ Berg fuhr auf der von ihm so gerne gewählten Schiene munter weiter, dabei lächelte er tückisch.

„Wieso das?“ Bredenbrink blickte seinen Freund erstaunt an.

„Na, wenn hier von einer schönen Schülerin die Rede ist, spricht das doch Bände. Bei einer Schülerin darf doch nur die Leistung zählen, alles andere ist Nebensache!“

Berg sprach das im ernsten Tone aus, indessen seine Augen, die hinter der Brille klein wirkten, ebenfalls ernst, beinah grimmig dreinschauten, als wollte der Studiendirektor sagen: Kinder, schaut ja nicht auf die Schönheit einer Schülerin, konzentriert euch lieber auf eueren Unterricht. Berg war groß gewachsen und von schlanker Gestalt. Sein Gesicht, obwohl länglich und schmal, wirkte wegen der großen, fast voluminösen Brille breit und flächig.

„Genau, das finde ich auch!“ Karl Friedrich Reitmeier bekannte sich beflissen zu dem Standpunkt Bergs.

„Sie haben vollkommen recht, Herr Berg!“, schloss sich auch Heberer der Meinung des einflussreichen Studiendirektors an. „Wir haben ja in erster Linie die etwas prob- lematische Leistung der Schülerin besprochen; sie gibt einigen Anlass zur Sorge.“

„Wer ist das eigentlich, diese Ilse Müller?“, wollte der Schulleiter wissen.

„Das ist die in der 10 a“, beschrieb Berg das Mädchen, „wissen Sie, die Tochter vom Gardinen-Müller.“

„Ach die!“ Bredenbrink war jetzt vollkommen im Bilde, „na, so schön ist die auch wieder nicht!“

„Sie haben recht, Herr Direktor!“, Reitmeier hatte flugs seine Ansicht über Ilse Müllers angebliche Schönheit geändert, „ich würde sie allenfalls ... äh... apart nennen.“

„So, so, apart!” Der Schulleiter war mit dieser Bewertung nicht ganz einverstanden, “sagen wir, sie ist hübsch, so im land- läufigen Sinne, mehr nicht.“

„Ja, mehr auf keinen Fall!“, schloss sich Ludwig Heberer der Ansicht Bredenbrinks an, indessen Elmar zuerst Kollege Reitmeier, dann Ludwig Heberer irritiert anblickte. Es überraschte ihn, wie behände die beiden ihre Meinung über Ilse Müllers unwahr- scheinliche Schönheit geändert hatten. -

Elmar hatte ungefähr die Hälfte der Strecke bis zur Autobahn zurückgelegt. Die Wut über diese letzte Soiree bei Ludwig Heberer stieg in ihm hoch, vor allem über Reitmeier und Heberer. Was man in deren Beisein auch für Ansichten äußerte, immer wussten die beiden es besser oder behaupteten das Gegenteil, es sei denn, sie sprachen mit Berg oder Bredenbrink. Da war dann ihr Widerspruchgeist wie auf Kommando verflogen. Und nun sollte er diese beiden Nervtöter zu einem Gesellschaftsabend bitten! Vielleicht könnte er Lisi doch noch überreden, die Einladung an die beiden hinauszuzögern!? Außerdem verdoppelte sich sein Wunsch nach einem Neuanfang, nach einem Leben, wo er mit mehr Liebe und Verständnis rechnen könnte und ihm auch von Kollegen mehr Respekt und Anerkennung entgegengebracht würde. Natürlich müsste er sich dann von seiner Familie trennen, auch die Schule müsste er wechseln. Das Letztere würde ihm leicht fallen, aber das Erstere, die Trennung von Lisi, von den Kindern? Ob ihm das auch leicht fiele?

An einem Ortseingang tauchte rechts eine Tankstelle auf. Elmar fuhr an der Zapfsäule vor, tankte den Wagen voll, zahlte an der Kasse und fädelte ihn kurz darauf wieder in die Zubringerstraße ein. Doch an eine schnelle Fahrt war zunächst nicht zu denken, ständig brausten ihm Autos auf der Gegenfahrbahn entgegen, sodass er partout nicht an einem Sattelschlepper und einem Gastransporter vorbeikam. Also setzte er seine Fahrt erst einmal gemächlich fort, in einer Stimmung allerdings, die wegen des unablässigen Gegenverkehrs alles andere als gelassen, eher nervös, angespannt war.

Als er sich wegen der langsamen Fahrt abermals irgendwelchen Gedanken hingab, fielen ihm wieder einige Szenen aus dem Schulleben ein, und schon wieder drängten sich die Kollegen Heberer und Reitmeier in seine Gedanken. Die beiden saßen mit ihm an einem Tisch im Lehrerzimmer, so hatte er oft Gelegenheit, sich mit ihnen zu unterhalten.

Einmal, während einer Freistunde, in der außer ihnen kein anderer Kollege im Lehrerzimmer war, vertrieben sie sich die Zeit mit Klatschgeschichten. Eine verheiratete Kollegin, die eine Affäre mit einem ebenfalls verheirateten Kollegen haben soll, nahmen sie sich aufs Korn, dabei dämpften sie ihre Stimmen, denn Genaueres, Eindeutiges über ein solches Verhältnis waren nicht bekannt; niemand wollte deshalb die „Sache“ direkt beim Namen nennen, man könnte ja eventuell von der Kollegin oder dem Kollegen zur Rede gestellt werden.

„Was, wenn der Chef davon erfährt?“, fragte Elmar während des Gesprächs, wobei er, wie gesagt, die Stimme dämpfte, „ihr kennt doch seine hochmoralische Einstellung.“

„Die beiden werden doch nicht so dumm sein, irgend ’was nach außen dringen zu lassen!“, meinte Ludwig Heberer, gleichfalls die Stimme dämpfend „außerdem, wer will ihnen ’was nachweisen? Der Chef wird nichts erfahren, außer vielleicht Gerüchte.“

„Also ich könnte das nicht, so ’was Privates aufbauen, auch noch in der Schule“, sagte Karl Friedrich, „abgesehen von dem Riesenärger, den ich zu Hause bekäme. Ich wäre auch viel zu sehr abgelenkt, meine Arbeit würde darunter leiden.“

„Klar“, meinte Elmar, „man muss schon beides miteinander vereinbaren können, das Private und das Berufliche. Wer das nicht kann, sollte die Finger von solchen Sachen lassen.“

„Und wenn dir so eine attraktive Junglehrerin täglich über den Weg läuft, die obendrein noch hundertprozentig dein Typ ist, was dann?“

Heberer sagte das in einem Ton, als seien ihm solche reizvollen Begegnungen mit Junglehrerinnen schon öfter passiert; dabei grinste er vielsagend, „du bist schließlich auch nur Mensch und kannst nicht in jeder Phase deines Lebens die Vernunft walten lassen, wie zum Beispiel Karl Friedrich, was?“

Heberer grinste spöttisch, als er das, Reitmeier zugewandt, sagte.

„Also, das habe ich so nicht gemeint!“

Karl-Friedrich fühlte sich an seiner Ehre gepackt. Durch und durch Vernunftsmensch wollte er in gewissen Angelegenheiten auch nicht sein.

„Stellt’ euch vor, ihr seid dauernd mit euerem Typ zusammen“, erläuterte Heberer weiter, „Tag für Tag, Woche für Woche haltet ihr euch in der Nähe von sei einem bezaubernden Wesen auf. Wenn sich dann auch noch so eine Arbeitsgemeinschaft bildet und man steht so einer verdammt hübschen Frau ständig Aug in Auge gegenüber, dann muss es doch zwischen den beiden, die füreinander bestimmt sind, klingeln. Was bleibt ihnen dann anderes übrig, als... als...“

„...als der Venus Tribut zu zollen!“, ergänzte Reitmeier, der immer ein bisschen den Supergebildeten herauskehrte. Die beiden anderen lachten.

„Sehr vornehm ausgedrückt!“, sagte Heberer, „ich kenne da einige Redewendungen, die diesen Vorgang ein bisschen rustikaler ausdrücken.“

„Die kennen wir alle“, erwiderte Reitmeier, „du brauchst uns diesbezüglich nicht zu instruieren.“

„Schon wieder so ein vornehmes Wort: instruieren!“, meinte Elmar, „so redet doch kein Mensch, Karl; du hast heute offenbar deinen vornehmen Tag, was!“

„Fremdwörter verhüllen gewisse Dinge ein wenig, und ich verhülle halt gerne.“

„Gut, wir wissen alle, was gemeint ist“, sagte Elmar „ich möchte jetzt einmal einen anderen Aspekt einbringen...“

„Aspekt? Guck an! Auch nicht unvornehm, das Wort!“, fuhr Karl-Friedrich seine Retourkutsche.“

„Also gut! Dann sage ich eben: Gesichtspunkt! Man kann sich zwar über diese erotischen Vorgänge amüsieren und ihnen viel Spaß abgewinnen...“

„Hört, hört, erotische Vorgänge!“, rief Reitmeier aus und grinste.

„Ich möchte jetzt... über ...äh... diese Sache...“

„So, so, Sache!“, warf Reitmeier wieder ein.

„Lass mich doch mal zu Wort kommen! - Also, ich möchte euch folgende Geschichte erzählen, um einmal einen ernsten Asp..., äh... Gesichtspunkt hervorzuheben: Die Geschichte spielt in einem Krankenhaus, in dem auch so ein strenger Chef seines Amtes waltete. Er wachte nicht nur über die Leistungsbereitschaft des Klinikpersonals, sondern behielt auch ihr moralisches Verhalten im Auge. Nun ergab es sich einmal, dass sich ein Arzt und eine niedliche Krankenschwester ineinander verliebten. Beide waren verheiratet, nicht miteinander, sondern mit jeweils anderen Partnern! Doch wie es halt so kommt - da beide ständig Aug in Auge zusammen waren, haben sie schließlich.....“

„...der Venus Tribut gezollt!“, ergänzte Heberer und lächelte verschmitzt, indessen Reitmeier laut loslachte.

„Ja, aber die Sache bekam einen höchst tragischen Akzent. Der Ehemann der Krankenschwester kam hinter das Verhältnis. Er stellte eines Tages den Arzt in der Klinik laut redend, ja schreiend zur Rede, und als der die Liebesbeziehung abstritt, kam es zu einer Prügelei. Die hatte Folgen: der Arzt wurde vom Chef der Klinik umgehend entlassen, wegen Störung des Betriebsfriedens. Die Krankenschwester wollte aber partout nicht von ihrem Geliebten lassen, sie setzte das leidenschaftliche Verhältnis mit ihm fort. Darauf hat sich der Ehemann der Krankenschwester - das Leben genommen.“

„Au! Das ist aber zu dumm!“, entfuhr es Ludwig Heberer, auch Karl Friedrich Reitmeier schaute betroffen drein.

„Ich meine“, sagte Elmar, „hier bekommt der Begriff Moral seine eigentliche Bedeutung. Hier geht es ja nicht um das Moralin-Saure, sondern um ein im Kern verwerfliches Verhalten. Es ist unmoralisch, weil es die Existenz eines anderen tangiert, was heißt tangiert? Es vernichtet die Existenz eines anderen! Man muss also differenzieren: das leichte, flotte Sexleben ist das eine, das andere sind die Konsequenzen, die sich daraus ergeben können, und die können bitter ernst sein.“

Ludwig Heberer war anderer Meinung: „Ach Herr Je, man soll doch diese Angelegenheiten nicht so triefend Ernst nehmen. Der Mensch ist nun mal auch Naturwesen. Wer immer und überall Moral und Anstand walten lassen will und das Natürliche durch moralische Vorschriften knebeln will, wird dem wahren Wesen des Menschen nicht gerecht.“

„Ich meine auch“, schaltete sich Karl Friedrich ein, „die Natur ist meines Erachtens eine der großen Gefahren, die jeden von uns bedrohen. Leben heißt nun mal in Gefahr sein - hat glaube ich mal jemand gesagt - und eine dieser Gefahren ist die Natur. Man denke an Erdbeben, Überschwemmungen, Vulkanausbrüche oder Feuersbrünste oder furchtbare Kältewellen. Auch die sogenannte Liebe kann wie ein Vulkanausbruch über uns hereinbrechen...“

„Über uns?“ warf Heberer ein und grinste.

„Ich meine: über den einen oder anderen! Hier kann man nur noch..., wie soll ich sagen: nur noch ... na, ihr wisst schon!“

„Ja, der Dingsda huldigen, der Aphrodite!“ merkte Heberer an.

„O, Aphrodite...! Mal ganz was anderes!“, rief Elmar aus.

„Nein, ist das Gleiche, nur anders ausgedrückt.“

„Also..., darauf wäre ich nicht gekommen!“

„Jedenfalls kann man hier doch nicht mit der Moralmesslatte kommen“, fuhr Karl-Friedrich mit seiner Beschwörung der großen Gefahren fort, „man kann sich hier nur noch.....als vernünftiger Mensch, meine ich..... abfinden.“

„Ja, abfinden ... ist das richtige Wort“, bekräftigte Heberer Reitmeiers Ansicht, „früher konnte man ja noch wegen Ehebruchs vor Gericht ziehen...“

„…. und ganz früher durfte man sich duellieren und so seine Ehre wiederherstellen“, ergänzte Elmar

„Och ja..., lang ist’s her und Gott sei Dank schon lange passé!“

Karl Friedrich sagte das in energischem Ton und schlug mit der flachen Hand vernehmlich auf den Tisch, dass Elmars Kaffeetasse überschwappte. Karl Friedrich entschuldigte sich und fuhr fort: „Man hätte von dem Ehemann der Krankenschwester doch erwarten können, dass er sich vernünftig verhält. In solchen Situationen..., tja, was bleibt einem Mann anderes übrig...? Sich deshalb gleich das Leben zu nehmen..., also, ich muss schon sagen...“

„Aber die Frage der Schuld steht nach wie vor im Raum“, meinte Elmar, indem er mit einem Tempotaschentuch die Kaffeelache wegwischte. Er fürchtete wieder, dass seine Meinung von den beiden anderen nicht anerkannt werde, „wir sind schließlich keine reinen Naturwesen wie die Tiere, wir haben eine Vernunft!“

„Sag’ ich doch! Der Mann hätte vernünftig sein müssen!“

„Ich meine eine andere Form der Vernunft..., wo auch die Kategorien Moral, Schuld, Verantwortung eine Rolle spielen.“

„Ist mir zu hoch!“

Karl Friedrich schlug diesmal mit der Hand nicht auf den Tisch, sondern an seine Stirn und blickte missmutig geradeaus.

„Ach, er meint …“, versuchte Ludwig Heberer Elmars Auffassung zu interpretieren, „ich glaube, er meint das philosophisch, nicht wahr, Elmar?“

„So, so, philosophisch!“ Die Ironie in Reitmeiers Stimme war nicht zu überhören, und sein Grinsen würde Elmar langsam unerträglich.

„Philosophisch oder nicht!“, rief Elmar aus, „niemand kann diese Krankenschwester einfach von Schuld und Verantwortung freisprechen, nur weil sie dem Ruf der Natur gefolgt ist. Schließlich tat sie das ohne Rücksicht auf Verluste.“

„Was soll denn mit der Frau geschehen? Soll man sie vor Gericht zerren, weil sie sich an ihrem Mann schuldig gemacht hat?“ erwiderte Ludwig in scharfem Ton, „wir sind doch nicht mehr im Mittelalter oder bei den Arabern, wo man so eine Frau steinigt!“

„Du huldigst wohl dem Satz ’Alles verstehen heißt alles verzeihen’, was!“, versuchte Elmar seinen Standpunkt zu verteidigen, doch er sah gleich ein, dass das kein besonders starkes Argument war.

„Nein, ich huldige allein einer vernünftigen, aufgeklärten Weltanschauung, und rede nicht einem bigotten, moraldurchtränkten religiösen Fanatismus das Wort!“

Da auch Karl-Friedrich, wie von Elmar erwartet, seinem Kollegen Heberer beisprang, konnte sich Elmar, in die Enge getrieben, wieder einmal nicht durchsetzen, mit seiner die Moral und das Schuldprinzip berücksichtigenden Auffassung. Zwei standen gegen einen, wie so oft! Doch über die Wahrheit kann man nicht demokratisch abstimmen, sagte er sich, die Wahrheit steht über der Mehrheitsmeinung, sie steht - davon war er überzeugt - auf seiner Seite; also gab er als der Klügere nach, ließ einfach den Gegensatz der Ansichten im Raum stehen. -

Elmar hatte inzwischen die Autobahn erreicht und konnte endlich seinem Wagen Tempo geben. Indem er jetzt voll auf das Gaspedal trat, sah er bald zu seiner Zufriedenheit, wie die Landschaften nur so an ihm vorbeiflogen. Doch das schnelle Fahren währte nicht lange; nach einer Strecke von gerade mal fünfzehn bis zwanzig Kilometern wurde er ganz plötzlich wie aus heiterem Himmel extrem müde, und er fing an, in einem Fort zu gähnen. Die lange Fahrt auf der mit LKWs vollgestopften Zubringerstraße, die von den Lastwagen ausströmenden Abgase, welche auch ins Wageninnere eindrangen, waren offensichtlich die Ursache seiner Müdigkeit. So entschloss er sich, auf dem nächstbesten Parkplatz anzuhalten, um dort erst einmal den lästigen, nicht ungefährlichen Schlafattacken durch ein kurzes Schläfchen entgegenzuwirken. Nachdem er also auf dem Parkplatz den Motor abgestellt und die Zentralverriegelung betätigt hatte, nahm er sogleich eine Schlafstellung ein, denn er erwartete, dass er rasch einschlafen werde. Doch da hatte er sich getäuscht. Statt zu schlafen, kauerte er weiter hell wach auf seinem Sitz und schaute, missmutig gestimmt, mit gleichgültigem Blick über die uninteressante Landschaft rings um den Autobahnparkplatz. Dabei gingen ihm wieder Schulprobleme durch den Kopf, diesmal nicht ärgerliche Erlebnisse mit den Kollegen Heberer oder Reitmeier, sondern einige Szenen aus der 6. Stunde in der 12 c. Er gehörte zu den Lehrern, die nicht schnell abschalten können: Schulereignisse und Schülerquerelen trug er meist noch lange mit sich herum.

Ein Satz Jokastes, gesprochen zu König Oedipus, hatte im Mittelpunkt der Deutschstunde gestanden: „Wozu plagt sich der Mensch mit Angst? Der Zufall herrscht! Vorsehung, klar bestimmte, gibt es nicht.“ Doch am Schluss schreit Oedipus, nachdem er sich selbst geblendet hat: „Apollo war’s, Apollo tat’s, Grässliches, Grässliches ließ er mich leiden!“ Wer hat nun Recht: Ödipus, der an eine schreckliche Fügung glaubt, oder Jokaste? Um diese Fragen ging es in der Stunde.

Das Hin und Her der Schülerargumente wirbelte abermals in Elmars Kopf herum. Verärgert über dieses Nachhallen, versuchte er zunächst vergeblich, die kreisenden Gedanken aus seinem Kopf zu scheuchen. Als ihm noch der Spruch eines Schülers einfiel: ‚Müssen wir uns denn kurz vor den Ferien noch den Sophokles reinziehen?’, probierte er es mit einem alten Trick: Laut sagte er: „Gedanken stopp!“, lehnte sich in seinem Sitz zurück, schloss die Augen und presste beide Hände gegen die Schläfen. Tatsächlich, die Gedanken gehorchten, die Schulprobleme verflüchtigten sich, sein befreites Gehirn konnte endlich das ersehnte Einschlafsignal geben. Doch die Entspannung hielt nicht lange an. Denn wieder fing er an zu träumen, wieder störte der alte, sattsam bekannte Alptraum seinen Schlaf, geisterte einige Zeit in seiner ruhebedürftigen Seele herum und erschreckte ihn mit seinen Schauerbildern. Natürlich blickten ihm da im Traum nicht Julias Augen entgegen. Er wusste das. Er wusste, diese vorwurfsvoll dreinschauenden Augen gehörten zu einer anderen Person, zu deren Gesichtzüge sich Julias Antlitz wie gehabt verwandelte; Gesichtszüge diesmal mit einem unheimlich starrenden, fast kam es ihm vor: drohenden Blick. Jäh aufwachend, ließ er überstürzt den Motor an und fuhr aus dem Parkplatz wieder hinaus auf die Autobahn.

Erschrocken war er auch, weil in dem Traum noch andere Figuren aufgetaucht waren, schon zum wiederholten Male: auch sie graue Gespenster aus fernen Zeiten, die er längst in den genannten Abstell­kammern auf immer verschwunden glaubte. Sich zu wehren, die Tü­ren der Kam­mern zu verriegeln, nützte ihm nichts; die Geister schlüpften durch die Ritzen und Spalten der Türen, schon standen sie vor ihm und starrten ihn an mit rollenden Le­murenaugen. Wie oft hatte er sich gewünscht, es gäbe eine Kraft in ihm, einen Lethe-Quell, der dieses Abgelebte mit all seinen unguten, manchmal kreuzunglücklichen Erlebnissen wegwischen könnte, als wäre es nie gewesen! -

Nach dem Aufenthalt bei seiner alten Mutter in Walldorf, wo er allerdings nicht, wie Lisi versprochen, nur einen Tag, sondern mehrere Tage blieb, fuhr er, wie geplant, Richtung Fernwald, um seinem Cousin Klaus Kerner zu besu­chen. Schon von Wall­dorf aus hatte er den Zeitpunkt seines Eintreffens bei Klaus und Klara telefonisch angekündigt, um die beiden nicht unvorbereitet anzutreffen.

„Na endlich hast du dich einmal aufgerafft“, begrüßte ihn Klaus aufs Herz­lichste, „es wurde ja auch Zeit, dass du uns mal besuchst, nach so vielen Jahren! - Wie lange ha­ben wir uns eigentlich nicht gesehen? Na, zwei Jahre waren es bestimmt! - Du bleibst doch über Nacht?“

„Ich wollte eigentlich nur.....“

„Kommt nicht in Frage!“, sagte Klaus im Befehlston und blickte Elmar vorwurfsvoll an, als wollte er sagen: Willst du mich beleidigen? „Selbstverständlich übernachtest du bei uns, das Gästezimmer wartet schon. Klara bereitet für heute Abend schon ei­niges vor; sie wäre bestimmt stocksauer, wenn du...“

„Also gut, ich bleibe......“

Elmar hatte bei dem freundlichen Ultimatum seines Cousins überhaupt keine andere Wahl; „aber morgen Vormittag spätestens muss ich weiterfahren!“

Klaus nickte zufrieden.

„Wie geht es zu Hause?“

„Danke, alles geht bestens! Lisi lässt euch herzlich grüßen.“

Beides stimmte ja nicht, weder Lisis herzliche Grüße noch dass mit ihm und Lisi alles im Lot sei! Doch er wollte halt bei seinen Verwandten deren Erwartung bestätigen, bei ihm zu Hause gingen die Dinge ihren normalen Gang. Klara und Klaus, an sich liebenswürdig und zuvorkommend, waren nichtsdestoweniger typische Besitzbürger, Klaus ent­schieden mehr als Klara. Gerne führten sie ihren Besuchern ihren Wohlstand vor, redeten auch immer von Ereignissen, die sowohl ihre und ihrer Kinder Erfolge dokumentierten als auch ihr Familienleben und ihr gesel­liges Einvernehmen mit Freunden als durch und durch harmonisch spiegel­ten. Ob alles tatsäch­lich oder nur scheinbar zutraf, darüber wollte sich Elmar lieber keine Ge­danken machen. Jedenfalls kann es ihm niemand ver­übeln, dass nun auch er sein Familienleben von der besten Seite präsen­tierte, dass er alles ver­mied, was Dissonanzen und Konflikte bei ihm zu Hause aufklingen ließ. Er kannte die beiden: Sofort würden sie anfangen, Unan­genehmes in Betracht zu ziehen, und sie würden sich nicht scheuen, ihre Mutmaßungen durch Andeutungen zu erkennen zu ge­ben.

Indem ihm solche beklemmenden Überlegungen blitzschnell durch den Kopf fuhren, sah er gleich wieder Lisis mürrisches Gesicht im Geiste vor sich, desgleichen fiel ihm ihr jüngster Vorschlag ein, sie beide sollten doch besser in getrennten Schlafzimmern schlafen, schon aus gesundheitlichen Gründen. Wie gesagt: Elmar machte sich seit einiger Zeit Sorgen um seine Ehe.

Nachdem er auch Klaus’ Ehefrau Klara und die anderen Kerners, die kleinen Zwil­lingssöhne Armin und Andreas sowie die 14-jährige Tochter Kirsten begrüßt hatte, bezog er zunächst das Gästezimmer im Kernerschen Haus und richtete sich für eine Nacht häuslich ein.

Ob auch Julia schon da war? Irgendeinen Wagen mit dem Autokennzeichen von Wei­den / Niederbayern konnte er vor dem Haus seines Cousins nicht entdecken! Na, vielleicht kommt sie noch!?

Sie alle setzten sich schließlich an den schon zubereiteten Kaffeetisch, aßen Kuchen und tranken Kaffee, sprachen über Alltägliches und Aktuelles, über Elmars lange Au­tobahnfahrt, über das Wetter und die Verwandten und Freunde, was man sich so alles erzählt, wenn man nach langer Zeit wieder einmal Gelegenheit bekommt, miteinan­der zu plaudern, und so zogen sich ihre Unterhaltungen den ganzen Nachmittag hin.

Allerdings, seine Ex-Verlobte ließ sich immer noch nicht blicken. Vielleicht hatte er seinen Cousin am Telefon doch falsch verstanden!?

Ihre Unterhaltungen gingen sogar am Abend munter weiter, nur unterbro­chen durch das Abendessen, das Klara, eine sehr geübte Köchin, mit be­sonderer Raffinesse und liebevoll ausgewählten Zutaten für ihn, den selte­nen Besuch, zubereitet hatte.

Trotz des kleinen Wehrmutstropfens, dass die Hausklingel der Kerners im­mer noch nicht die Ankunft Julias meldete, fühlte sich Elmar bei Klara und Klaus wohl. Ja, als sie später im Wohnzimmer, plaudernd und Gebäck knab­bernd, zusammensaßen, ge­riet er sogar in eine ungewohnt fröhliche Stim­mung. Er hatte auf dem Sofa der Kerners Platz genommen, neben ihm knisterte ein lustiges Kaminfeuer, Klara ser­vierte einen feinen Bordeaux, und zwei, drei Gläser von dem edlen Wein fegten alle bedrückenden, schwermü­tigen Gedanken aus seiner Seele. So musste das passieren, was er an sich gerne vermied, weil er den bitteren Geschmack der Ernüchterung am nächsten Tag schon mehrmals gekostet: Er blickte zurück, er erinnerte sich, zusam­men mit seinen Gastgebern, den Weggefährten früherer Zeiten. Zwar taten sie es in heiterster Stimmung, und alle Abenteuer ihrer Jugend ließen sie in phantasti­schen Er­zählungen aufleben, doch dieses wehmütige Schwelgen in alten Zeiten - Elmar kam sich dabei immer vor wie einer, der in einem Wald voller Trugbilder herumalbert, oder wie jemand, der ein Haus bewundert, nur weil es mit hübsch gemalter Vorder­front glänzt, die dürftige Rückseite aber nicht zur Kenntnis nimmt, die Seite mit der schmutzigen, ab­blätternden Fassade, den vor Dreck starrenden Innenhof oder den unan­sehnlichen, verwilderten Garten. Obwohl er von dem Schmutz wusste, blen­dete er bei diesem Her­umalbern das Hässliche einfach aus, vor allem das Bedrohliche, und er gab sich dann dem falschen Gefühl hin, das Leben sei in der Jugend unbe­schwert und heiter gewesen, als hätte es um ihn herum damals einen schützenden Wall gegeben, von dem alle gefährlichen Sturz­wellen wie an ei­ner eher­nen, unbezwingbaren Mauer abprallten. Dieses trügerische Empfin­den! - dachte er hinterher immer, wie oft hatte es ihn schon überwältigt, wie oft hatte es alle seine klaren, beherrschten Ge­danken zum Schweigen gebracht und die Ver­gangenheit, in der er zusam­men mit seinen Freunden heiter herumspazierte, mit rosigem Nebel ge­füllt, wie leicht vergaß er, dass seine erinnerungsseli­gen Gedanken eigentlich durch leere, öde Räume fuhren, wo nur Erinnerungsmüll herumlag oder blei­che Gestalten schemenhaft geistern, Gestalten, die früher quicklebendig sei­nen Weg kreuzten, heu­te aber nur noch als Schreckgespenster hin und wie­der sein Denken behelligen. Und erst die gefahrvollen und zugleich verlo­cken­den Abwege, welche ihn damals faszi­nierten und zugleich ängstigten. Dann die bezaubernden Figuren, die verführerische Blicke nach ihm warfen; einige aber, die gefährlichen, langten nach seiner Seele wie Raubtiere, die ihre Krallen ausfahren, um sie ins Fleisch eines Beutetiers zu schlagen. Alles schien in diesen Augenblicken der seligen Erinnerung wie weggefegt oder sonst wie auf wundersame Weise getilgt, alles Widrige, Schicksalhafte! Natürl­ich, der Zauberer Alkohol gab ihm das ein: er ließ das Schwere, das ihm früher oft wie ein Mühlstein auf der Seele lag, leicht und flockig werden und wischte es mit eleganter Gebärde weg, als wäre es Schaum.

Am nächsten Tag sollte es mit der Illusion allerdings rasch vorbei sein: Klara bat ihn, einen Abstecher zu ihrer alten Mutter zu machen, die in Waldstädten am See wohnte.

„Meine Mutter war vor ein paar Tagen hier zu Besuch“, sagte sie, „und hat ihren Haustürschlüssel vergessen. Könntest du ihn ihr nicht vorbeibringen, Elmar? Wald­städten liegt doch auf deinem Weg!“

Der Name Waldstädten weckte in ihm keine angenehmen Erinnerungen.

„Meine Mutter wird sich über deinen Besuch sehr freuen!“

Klara bemerkte sein Zögern, doch da der Schlüssel offenbar so schnell wie möglich nach Waldstädten befördert werden sollte, streckte sie ihn Elmar, dem Zögernden, mit beinah flehender Gebärde entgegen.

„Immerhin hat sie dich seit 25 Jahren nicht mehr gesehen. Erst neulich sprach sie von dir.....“

Elmar konnte dem Bettelblick Klaras nicht widerstehen. Da er zudem nicht nur in ih­ren graublauen Augen, auch in den dunkelblonden, schulterlangen Haaren und dem hübsch geformten, vollen Mund die Ähnlichkeit mit der Schwester wahrnahm, sagte er, ohne weiter zu überlegen:

„Klar erfülle ich den Wunsch deiner Mutter!“

Auch wollte er nicht unhöflich sein; immerhin hatte er so einen netten, erinnerungs­seligen Abend mit Klara und Klaus verbracht, und er war auch auf das Angenehmste verköstigt worden. Allerdings ein Abstecher nach Waldstädten, seiner alten Heimat.... - Elmar machte sich keine Illusionen, was das für ihn bedeutete: unwei­gerlich eine zweite Rückkehr in die Vergangenheit; diesmal nicht mehr auf maleri­schen Pfaden, hin zu den anmutigen Gefilden, wo er gestern Abend noch mit Klaus und Klara so gerne verweilte; diesmal musste er sich auf Ernüchterung gefasst ma­chen und auf Desillusionierung. Denn er sah sich gezwungen, dieser an­deren Vergan­genheit gegenübertreten, dieser hässlichen, brutalen, und er müsste dann unverhüllte, illusionsfreie Blicke auf öde Hinterhöfe und verwil­derte Gärten werfen. Jedes Haus in Waldstädten, jede Gassenbiegung, jeder verwinkelte Vorgarten erzählten ihm eine andere Geschichte, eine, die er gerne in jene genannten Abstellräume für immer ver­bannen möchte, am besten zusätzlich eingehüllt in undurchdringlichen Nebel, hinge­zaubert von Meister Lethe!

Waldstädten galt ihm nicht als eine Stadt wie irgendeine, die man vielleicht ihrer reizvollen Lage wegen gerne aufsucht; Waldstädten war die Stadt sei­ner Jugend! Er war dort geboren; beinah 25 Jahre hatte er dort gelebt. Aber heute? - Schlug er lieber einen Bogen um das Städtchen. Und das hing mit gewissen aufwühlenden Erlebnis­sen zusammen, an die er sich höchst un­gern erinnerte und an denen Frau Lambertz gewiss nicht wenig, um nicht zu sagen: lebhaften Anteil genommen; Frau Adele Lambertz, die Mutter von Klara Kerner; aber nicht nur von Klara, auch von - Julia! Julia Lambertz, seiner langjährigen Freundin. Um ein Haar nämlich wäre Julia seine Frau geworden und die alte Frau Lambertz infolgedessen seine Schwiegermutter, wenn..., ja, wenn diese Freundschaft nicht nach einigen Jahren in die Brü­che gegan­gen wäre.

Dennoch, trotz aller Furcht, dieser bedrückenden Vergangenheit in Wald­städten er­neut ins Auge blicken zu müssen - er konnte es nicht lassen, sich beiläufig nach Julia zu erkundigen, jetzt allerdings insgeheim hoffend, Klara würde nichts mehr von ei­nem bevorstehenden Besuch Julias erzählen, und er könnte alle Hoffnung, seiner Ex-Verlobten noch einmal gegenüberzu­treten, zu Grabe tragen.

„Julia geht es nicht so gut“, sagte Klara, „sie ist nicht ganz gesund. Ständig leidet sie an zu hohem Blutdruck. Und ihre Tochter Jana... - sie studiert Kunstgeschichte an der Uni Regensburg - aber Jana ist auch krank...“

„Sie war krank..., wolltest du sagen...!“

Klaus, der sich einschaltete, wollte die Erzählfreude seiner Frau bremsen; auch mit auffällig bohrendem Blick versuchte er ihren Mitteilungsdrang zum Schweigen zu bringen, doch vergebens.

„Warum soll Elmar es nicht wissen?“, ereiferte sie sich, „schließlich kannte er Julia einmal näher! - Also: Jana litt an einer geharnischte Depression. Das Kind wurde deswegen schon öfter behandelt.“

Arme Julia! dachte Elmar, während Klara, munter weitererzählend, sich über die Ar­ten und Unterarten der Depressionen ausließ. Zwar hatte er so gut wie alle Erlebnisse mit Julia aus seiner Erinnerung verbannt, doch einiges wusste er noch: Julia war ein äußerst reizvolles Mädchen gewesen, auch erinnerte er sich jetzt, dass er es manch­mal bereut hatte, die Liebe dieses Mädchens aufs Spiel gesetzt zu haben. Eine Zeit­lang hatte noch die Eifersucht an seiner Seele genagt, denn der Zauber, den Ju­lia auf ihn ausübte, verlor nur langsam an Kraft. Zu oft war er ihr noch in Waldstädten be­gegnet, dabei versuchte er sie immer zu ignorieren, gleichwohl entging ihm nicht, wie ihn ihr ernster, verführerischer Blick traf, und er, immer noch berührt vom Blitz­strahl ihrer Augen und von der Schönheit und liebli­chen Anmut ihrer Gestalt, über­legte manchmal, ob er nicht versuchen sollte, ihre Liebe zurückzugewinnen. Doch aus Gründen, die ihm heute entfallen sind, war das wohl nicht möglich. Da er bald darauf Waldstädten endgültig Lebe wohl sagte, konnte er sich langsam aus dem noch nachwirkenden Bann seiner zerbrochenen Liebe befreien.

„Julia wird übrigens auch in Waldstädten sein“, sagte Klara nun doch den Satz, den er auf einmal insgeheim fürchtete, „sie möchte sich ein paar schöne Tage bei ihrer Mutter machen.“

Das also hatte Klaus am Telefon gemeint; er hatte ihn also doch falsch verstanden; Julia besucht ihre Mutter, nicht ihre Schwester!

„Sie kommt doch sicher mit ihrem Mann?“, fragte er und ärgerte sich über das leich­te Vibrieren seiner Stimme.

„Nein, sie kommt alleine. Ihr Mann hat keinen Urlaub bekommen!“

Nach einem Moment des Schweigens griff Klara nach einem Kuvert, das auf dem Tisch lag, und zog eine Fotographie heraus. Indem sie gleichzeitig das Foto einige Momente betrachtete, reichte sie es ihm. Dabei musterte sie ihn mit einem Blick, als wollte sie sagen: das wird dich garantiert brennend interessieren!

„Hier, ein Bild von Julia“, hörte er sie mit merkwürdig hohem Ton in der Stimme sprechen, „gerade erst aufgenommen, ich glaube, vor zwei Wo­chen. Da kannst du mal sehen, wie sie heute aussieht.“

Elmar betrachtete das Bild, eingehend. Zu seiner Überraschung oder richtiger müsste er sagen: zu seiner Bestürzung lächelte ihm auf dem Foto eine Julia entgegen, so wie er sie früher kannte, die Jahre schienen an ihr beinah spurlos vorübergegangen. Sofort wieder empfand er Sehnsucht nach ihr, es überkam ihn das unbedingte Verlangen, von diesen schillernden Augen leib­haftig angeblickt zu werden und von diesem wahnsinnig sinnlichen Mund noch einmal geküsst zu werden. Wenn es denn also passierte - sprach er zu sich - vielleicht schon in der nächsten halben bis dreiviertel Stunde, dass er Julia erneut verfiel...... Verfiel? Abrupt hielt er inne; denn er war ent­setzt über die­ses Wort; entsetzt auch über sich selbst, über seine, wie ihm beinah schien: frevelhaften Überlegungen; entsetzt auch darüber, dass er, solche Eventualit­äten in seinen Gedanken formulierend, das bisher Undenkbare überhaupt erst ins Le­ben rief. Was hätte das alles für Konsequenzen? Für Lisi, für seine Kinder, für Julias Mann? Oder war Julias Ehe sowieso schon gescheitert, genau wie vielleicht auch sei­ne Ehe vor dem Aus stand, und also könnte er sich doch ruhigen Gewissens in eine neue Heimat flüchten, in ein neues Zu­hause, das er bei Lisi nicht mehr vorfand? Kam seine einstige Verlobte nach Waldstädten, um ihm erneut die Hand zu reichen, ihn erneut „heimzuführen“, in eine neue Geborgenheit?

Energisch versuchte er diesen Gedanken beiseite zu schieben, obwohl er ihn anderer­seits auch wieder für nicht völlig abwegig hielt. Warum sollte ihm Klara den Besuch ihrer Schwester in Waldstädten ankündigen und gleichzei­tig ausdrücklich darauf ver­weisen, Julia käme ohne ihren Mann, gerade zu der Zeit, wo auch er, ihr Ex-Verlob­ter, nach Waldstädten reiste? Klara hatte gestern Abend bei Julia angerufen, verriet sie ihm jetzt! Lag also nicht offenkundig die Absicht vor, Julia und ihn wiederzusam­menzubringen?

Doch im selben Moment fiel ihm ein, er war als junger Mann ja gar nicht glücklich gewesen mit Julia, ja er hatte eines Tages sogar genug von ihr gehabt, er war - jeden­falls vorübergehend - geradezu von dem Wunsch beseelt, sich von ihr zu trennen. Auch meinte er, er wäre noch aus manch anderen Gründen dieser eventuell auf ihn zukommenden Veränderung in seinem Leben nicht gewachsen: Könnte er es zum Beispiel fertig bringen, seiner Ehe, die vielleicht noch nicht völlig am Ende war, den Todesstoß zu versetzen? -

Rückkehr in die alte Heimat

Elmar machte sich also auf den Weg nach Waldstädten. Kaum hatte er die letzten Häuser des Dorfes hinter sich gelassen und die Auffahrt zur Autobahn genommen, als es heftig zu regnen anfing. Herbstlich kühle Schauer stürzten pausenlos vom Himmel, nicht enden wollende Wolkenbrüche peitschten heran und trommelten von links, rechts, von oben und von vorne an die Scheiben seines Wagens. Der Wald, die hügelige Landschaft, die er eben noch deutlich sehen konnte, waren hinter einer ge­waltigen Regenwand verschwunden. Sturmböen trieben den Regen vor sich her, wir­belten die Tropfen immer wieder gegen die Fenster, wo sie prasselnde und knisternde Geräusche verursachten. Blitze jagten in grotesk gezackten Linien über den Himmel und schleuderten ihr fahles Licht über die Lande, und als der Wald, bislang nur als dunkle, unförmige Masse sichtbar, im bengalischen Licht der Blitze kurz aufschien, krachte es auch schon, beängstigend lange mit einem Getöse, als splittere im nahen Wald ein Baumriese auseinander. Fasziniert betrachtete er das Naturschauspiel. Gleichzeitig wunderte er sich, war doch ein Gewitter zu dieser Jahreszeit, im Okto­ber, nicht gerade üblich. Obwohl die Regengüsse die Sicht erschwerten und er nur mit gedrosseltem Tempo fahren und konzentriert auf den Verkehr achten musste, eil­ten seine Gedanken öfter zu den Ereignissen voraus, die in Waldstädten vermut­lich auf ihn zukamen. Vor allem stellte er sich die Situation vor, wie er wohl von Frau Lambertz empfangen und in ihr Haus geführt werde. Das große Wohnzimmer der Lambertz, eigentlich eine größere und kleinere Zimmerhälfte, stieg mit all sei­nem Inventar in seiner Erinnerung auf. Wie oft hatte er dort auf dem langen Famili­ensofa gesessen, verabredet mit Julia, die er abholen wollte, um sie Gott weiß wohin auszuführen, wie viele Feste hatte er mit ihr und ihren zahlreichen Geschwistern in diesen Räumen gefeiert! Über zwanzig Jahre waren das nun her. Im Geiste schon wandelte er durch die beiden Zimmer, warf Blicke auf den massiven Bücherschrank mit all den unbenutzten Klassikerreihen, oder er inspizierte die Gemälde in der klei­neren Zimmerhälfte. Zeitlebens war ihm eines in Erinnerung geblieben, welches das Werk eines Großonkels von Julia war, eines ehemaligen Rektors der Realschule von Waldstädten. „Der Geist des Bettelweibes“, lautete sein Titel oder so ähnlich. Gemalt war eine unheimliche Szene aus einer Novelle von Heinrich von Kleist, die der Rek­tor vermutlich sehr geschätzt hatte. Ein Ritter mit blutrotem Umhang steht in der Mitte einer Kemenate, schlägt mit seinem Degen wild in die Luft, als kämpfe er ge­gen einen unsichtbaren Feind. Seine Augen starren voller Entsetzen auf eine Stelle des Zimmers. Neben ihm weicht sein Hund mit gefletschten Zähnen vor irgendet­was zurück, vermutlich vor dem unsichtbaren, aber hörbaren Geist des Bettelweibes. Der Ritter sollte der Marchese der Kleist-Novelle sein. Er hatte das Bettelweib einst in unwilligem Ton hinter den Ofen verwiesen, wo das Weib zusammenbrach und verstarb. Später erschien es ihm als Gespenst, das heißt, er hörte stets nur ihre schlur­fenden Schritte; immer wieder schlurfte es nachts in dem Zimmer und an dem Ofen, wo das arme Weib jämmerlich zugrunde gegangen war. Der Marchese aber, wahnsin­nig geworden, zündete sein Schloss an und kam in den Flammen elendig um. Was für eine rätselhafte, absonderliche Verstrickung! dachte Elmar immer, wenn er das Bild betrachtete oder die Novelle von Kleist las; er kannte sie von seinen Deutsch­stunden her. Irgendeine Schuld des Marchese am Tod des Bettelweibes war nicht er­sichtlich, ja man konnte noch nicht einmal annehmen, er hätte sich später, als das Gespenst auftauchte, an den Vorfall überhaupt erinnert; trotzdem erscheint das Ge­spenst, als wäre es sein personifiziertes schlechtes Gewissen oder es wäre von der Göttin Nemesis geschickt, um ihn für eine schlimme Tat büßen zu lassen.

Noch an andere düstere Gemälde in diesem Zimmer glaubte sich Elmar zu entsinnen, und er wundert sich noch heute, warum Julias Vater an solchen wenig anheimelnden Schicksalsbildern Gefallen fand. Denn nicht nur das „Bettelweib“ erzählte von ei­nem furchtbaren Geschick, auch die anderen kündeten - soweit er sich erinnerte - von Verhängnis und Unglück. Sollte das Unheilvolle, Chaotische dieser Bilder an die ewige Drohung der Himmelsmächte gemahnen, oder hatte Herr Lambertz aus die­sem Kontrast zu seinen wohlgeordneten Verhältnissen ein überhöhtes Selbstbewusst­sein geschöpft?

Elmar hatte inzwischen die Autobahn verlassen und war Waldstädten schon recht nahe gekommen. Auf einem Schild las er: „Waldstädten, 15 Kilometer“. In den nächsten Minuten durchfuhr er ein größeres Waldstück, und er hielt an einem Wan­derweg an, da ihm dieser bekannt vorkam.

‚Ja, dieser Weg!’ murmelte er, durch das Seitenfenster auf das Waldstück blickend, ’so gerade läuft er in den Wald hinein, und hinten verliert er sich im Ungewissen, Dunklen! Ja, er ist es, ich bin ihn so oft mit meinen Eltern gegangen.’

Es war keine erbauliche Geschichte, die sich da in seine Gedanken drängte, zuerst in flüchtiger Gestalt, in wenigen schemenhaften Erinnerungsfetzen, doch nicht lange dauerte es, bis die Bruchstücke sich mehr und mehr zu wahren Schreckensbildern formten, und er war außerstande, sich der Gewalt dieser unentwegt aus seinem See­lenabgrund emporstürzenden düsteren Erinnerungen zu entziehen. Einst nämlich - so erzählten ihm diese Bilder - war er in sein Elternhaus zurückgekehrt, nicht ge­schmückt mit dem Lorbeer irgendeines gelungenen Abschlusses, auch nicht gestählt durch einen anderen Erfolg, auf den er stolz hätte verweisen können; nein, er konnte auf nichts verweisen, er war buchstäblich mit leeren Händen zurückgekehrt, er war beruflich gescheitert! Ohne fremde Hilfe konnte er damals nicht existieren, und also blieb er lange bei seinen Eltern wohnen, die ihn wie in früheren Zeiten umsorgten und ernährten. Zu allem Unglück hatte noch eine gefährliche Viruskrankheit alle sei­ne Kräfte gelähmt.

‘Himmel noch mal’, dachte er, ‘was für Zeiten waren das! Wären seine Eltern nicht gewesen, er wäre jämmerlich zugrunde gegangen, in jenen dunklen Verliesen, die das Schicksal für manchen Zeitgenossen bereithält.’

Nachdenklich schaute er den Weg entlang. Er führte zunächst durch ein Stück Hoch­wald, um bald darauf im schwarzen Nadelgehölz eines Fichten­waldes zu verschwin­den. Da es schon lange aufgehört hatte zu regnen, stieg er aus und schloss den Wa­gen ab. Dann, nach einigem Zögern, indessen er sich weiter jene fernliegende, un­glückliche Lebensphase vergegenwärtigte, gab er sich einen Ruck und bog in den Weg ein, der auf den genannten Fichtenwald zulief. Die Vergangenheit hielt ihn jetzt fest im Griff, und er konnte sich diesem nicht entziehen; ja, das Merkwürdige war: er wollte das gar nicht. Als ob er auf seine Vergangenheit süchtig geworden wäre, hielt er seinen Blick, beinah wie ein Voyeur, unverwandt auf all das Unangenehme, Kata­strophale gerichtet, das ihn einst heimgesucht. Und Julia Lambertz hatte dabei eine wichtige Rolle gespielt, eine verhängnisvolle Rolle! Doch er war redlich genug, nie­mand anderem als sich selbst die Schuld an sei­nem Unglück zu geben, ein Unglück, das sich bald verschärfte, dass sich wie ein scheußlicher, triefäugiger Begleiter an ihn kettete, als hätte dieser Ge­selle eine maßlose Zuneigung zu ihm entwickelt und er, Elmar, wäre außerstande gewesen, dieses hässliche, pockennarbige und krankmachende In­dividuum abzuschütteln. Als Unbill und Verhängnis bei ihm nicht aufhören wollten, glaubte er sich schon von wütenden Erinnyen verfolgt; dann wieder verglich er seine heillose Lage mit einem Labyrinth, in das man ihn zur Strafe hineingestoßen. Aber zur Strafe weswegen? Und wer hätte die Strafe befohlen? Das Schicksal? Gott? - El­mar hatte sich schon Hunderte Male über diese Fragen das Hirn zermartert. Doch an irgendeine gemeine, niederträchtige Tat, die er je begangen haben könnte und die vielleicht die rächende Nemesis auf den Plan gerufen, erinnerte er sich nicht. Hing es vielleicht damit zusammen, dass er den Bruch mit Julia fahrlässig her­beigeführt hatte? Er konnte allerdings nie und kann auch jetzt nicht in diesem Verhalten ein gravie­rendes Unrecht erkennen, allenfalls hat er, falls es sich wirklich so zugetragen, Julia gegenüber nicht ganz korrekt gehandelt.

Jeden­falls fühlte er sich damals wie in einem Labyrinth gefangen: Monate­lang, wenn nicht Jahre kam es ihm vor, als stolperte er auf endlosen Wegen umher oder er irrte in ver­schachtelten Gängen von Tür zu Tür, ohne eine offen zu finden, offen für einen Weg zurück in die Freiheit, zurück in ein halbwegs normales, bürgerliches Dasein. Hinzu kam die rätsel­hafte Erkrankung: Ein unbekanntes Virus sei schuld an den wiederkeh­renden Fieberschüben, sagten ihm die Ärzte, schuld auch an der nur schwer zu behe­benden körperlichen Schwäche. Auch Gedächtnis- und Konzentrations­störungen suchten ihn heim, verbunden mit Reizbarkeit und Grübelzwang.

Erst nach langer Zeit wendeten sich die Ereignisse wieder zu seinem Vorteil, und sein Leiden fand allmählich ein Ende: Ein Arzt entdeckte gegen alle Erwartung ein Medikament, welches seiner Krankheit endlich Einhalt gebot; die Fiebersymptome verschwanden, die Reizbarkeit und die körperliche Schwäche ließen nach, die alten Kräfte kehrten zurück. So konnte er endlich doch noch einen Ausweg aus diesem un­heimlichen Labyrinth finden, in dem er sich die ganze Zeit wähnte, buchstäblich in letzter Sekunde kroch er aus den Gewölben seiner Erniedrigung heraus und kehrte in ein freies, respektables Leben zurück. -

Elmar schaute auf die Uhr. Er musste seinen fatalen Überlegungen Einhalt gebieten, denn er hatte noch viel vor in Waldstädten. Vor allem wollte er Frau Lambertz und Julia, falls sie schon eingetroffen war, nicht zu lange warten lassen. So schob er die unaufhörlich auf ihn einstürzenden Erinnerungen beiseite, warf sie einfach weg, wie man ein zu schwer gewordenes Gepäckstück wegwirft, und kehrte eiligen Schrittes zu seinem Wagen zurück. Rasch ließ er den Motor an und fuhr bald darauf auf der Landstraße weiter, Richtung Waldstädten.

Nicht lange dauerte es, und er war in Waldstädten angekommen. Da er nun seit lan­ger Zeit wieder einmal in seiner alten Heimatstadt weilte, überlegte er, ob dieser Auf­enthalt nur dazu dienen sollte, einer Bekannten, die ihm eigentlich herzlich fremd ge­worden, einen Besuch abzustatten. Gewiss, seine einstige Verlobte sollte auch zuge­gen sein, und nicht zuletzt diese Aussicht, Julia wiederzusehen, hatte den Ausschlag gegeben, dass er sich zu diesem Abstecher nach Waldstädten heute früh entschloss. Aber Julia wäre ja morgen auch noch da und übermorgen ebenso. Die erneute Be­gegnung mit ihr könnte er also verschieben, ja, der Gedanke eines Aufschubs war ihm ganz recht, er könnte sich dann auf dieses Zusammentreffen, das ihn bereits seit seinem Aufenthalt bei den Kerners in eine lange nicht gekannte Erregung versetzte, etwas besser einstimmen. Die Zwischenzeit könnte er dazu nutzen, Waldstädten und Umgebung neu zu entdecken und natürlich auch alte Orte seligen Angedenkens auf­zusuchen, an denen er früher oft verweilte und mit denen er viele gute, leider oft auch unschöne Erinnerungen verband.

Da er ohnehin schon auf zahlreichen Wegen der jüngeren und auch der ferneren Vergangenheit gewandelt war, sträubte er sich gar nicht mehr gegen dieses Verlangen, in die früheren Zeiten zurückzublicken, ja, er war fast schon, wie auch zuvor in dem Waldstück nahe Waldstädten, auf seine Ver­gangenheit regelrecht süchtig geworden. Dieses Suchtempfinden war sogar noch stärker, noch über­wältigender geworden als vor einer halben Stunde. Erinnerungen voller Weh­mut zogen ihm auf einmal in bunten Bildern durch die Seele, bemächtigten sich ihrer mit betörender Zaubergewalt, brachten alle seine Ent­schlüsse des Vortages, unter kei­nen Umständen in die Vergangenheit zurückzutauchen, zum Einsturz. Von der Faszi­nation ständig neu aufsteigender Erinnerungen überwältigt, war er jetzt fest entschlos­sen, länger in Waldstädten zu bleiben, nicht nur einen Tag, sondern zwei, viel­leicht sogar drei Tage länger, und die Gelegenheit wollte er dazu nutzen, sein Eltern­haus und seine nähere, ihm einst so teure Umgebung noch einmal zu besuchen, ein letztes Mal und dann nie wieder! Oder sollte es vielleicht doch noch mehrere, am Ende sogar viele, viele Male geschehen, dass er solche erinnerungsseligen Streifzüge in die Vergangenheit unternehmen könnte; dann nämlich, wenn Waldstädten und auch seine Umgebung für ihn zur neuen alten Heimat avancierte? Aber solche Vorstellungen entsprangen zunächst nur seinen irrationalen Wünschen - rief er sich zur Ordnung - man könnte das auch törichte Spekulation nennen - oder noch besser: Hirngespinste! Als ob Julia zu so etwas..... - nein, er wollte diesen Wahnsinnsgedanken nicht zu Ende denken. Es war einfach - und er sagte das jetzt laut zu sich: „Es ist alles zu albern, was ich mir da zurechtphantasiere!“

So sprach er, im entschiedenen Ton. Vielleicht aber, überlegte er weiter, seinen ursprünglichen Plan endgültig über den Haufen wer­fend, vielleicht könnte er dem einen oder anderen Be­kannten aus alter Zeit einen Be­such abstatten, vorausgesetzt, sie lebten noch in Waldstädten oder in seinem Heimat­dorf, sie seien zurückgeblieben dort in dem Nest hinter den Wäldern, seien von An­fang an sesshaft geworden, heimatverbunden, verwurzelt mit ihrer Scholle, von der sie nicht lassen konnten oder nicht lassen wollten.

Da der Herbstregen, der ihn auf der Fahrt vorübergehend begleitete, schon lange auf­gehört, die dunklen Wolken sich längst verzogen hatten und die Sonne immer öfter durch die nun aufgelockerten Wolken hindurchschaute, zuerst schüchtern, verstoh­len, dann immer ungenierter, schließlich ihr volles strah­lendes Antlitz vorzeigend und ein freundliches Licht über die Lande ausgießend, beschloss er, sein Vorhaben sofort in die Tat umzusetzen. Er fuhr zu dem Hotel Krone, das ihm von früher her ein heimatlicher Begriff war, buchte dort ein Zimmer für zunächst eine Nacht. Dabei blickte er neugierig in das Gesicht der Hotelangestellten, ob es ihm bekannt vorkam und das Mädchen vielleicht, einen Alteingesessenen wiedererkennend, freudig rea­gierte. Jedoch stand da eine fremde Person vor ihm, die ihn nur geschäftsmä­ßig-freundlich anlächelte.

Sein Gepäck ließ er von einem Hotelboy auf sein Zimmer bringen, dort zog er sich rasch eine saloppe Wanderjacke über und wechselte die Schuhe. Dann verließ er das Hotel und ging die Straße zum Marktplatz hinunter, wo die Enkdorfer Straße ein­mündete; auf ihr wollte er die beträchtliche Strecke bis zu seinem Heimatdorf Enkdorf wandernd zurücklegen. Er hatte die ganze Zeit nur gesessen, zuerst bei seiner Mutter, dann bei den Kerners und immer wieder in seinem Wagen, und jetzt sollte er schon wieder sitzen, in einem Bus nach Enkdorf? Nein, er brauchte endlich wieder Bewegung! So entschloss ich sich also, die sechs Kilometer nach Enkdorf zu Fuß zurück­zulegen.

Als er gerade das Ortsausgangsschild von Waldstädten passierte, fuhr ein Opel Re­kord an ihm vorbei, bremste plötzlich mit quietschendem Geräusch und blieb stehen. Indem Elmar auf den Wagen zuging, wurde dessen Tür geöffnet und ein untersetzt wirkender Mann stieg aus und lächelte ihm entgegen.

„Ist er’s oder ist er’s nicht?“, rief der Mann aus, „Elmar Redlich! Tatsächlich, er ist es! Guten Tag, Elmar!“

Aus einem rundlichen Gesicht blickten ihn kleine, fast schlitzartig zugeknif­fene Au­gen an. Während er ein kräftiges Händeschütteln über sich ergehen lassen musste, überlegte er krampfhaft, mit wem er es zu tun hatte.

„Erinnerst du dich nicht? Jörns mein Name, Holger Jörns, drei Klassen unter dir - ge­meinsames Pfadfinder-Zeltlager in Obermais 19**! - Na, klickt es?“

Nein, es klickte nicht! Elmar tat aber so, höflicherweise, als käme ihm gerade die Er­leuchtung. Jörns, der seine Verlegenheit nicht bemerkte, gab ihm in Sekundenschnel­le einen Abriss über sein Leben: Elmar erfuhr, Jörns sei Journalist geworden und zurzeit als Redakteur beim Waldstädter Tagesblatt tätig. Er sei gerade unterwegs nach Waldgirmes, wo sich ein schwerer Lasterunfall mit zwei Schwerverletzten ereignet habe. Das schwere Unwetter heute Morgen, verbunden mit einem Erdrutsch, habe den Unfall verursacht, sagte er. Er beabsichtige, an der Unfallstelle für seine Zeitung nähere Erkundigungen einzuholen, die er für die morgige Ausgabe schnell noch ver­werten wollte.

Indem Elmar immer noch angestrengt nachdachte, wo er diesen Jörns einordnen soll­te, hörte er ihn plötzlich fragen:

„Willst wohl ein bisschen Heimatluft schnuppern, was?“

„Ja, das auch! Bin unterwegs nach Enkdorf, meinem Heimatort“, erwiderte Elmar.

„Was, die weite Strecke! Komm, steig’ ein, ich fahr’ dich hin. Enkdorf liegt ja auf meinem Weg. Wir können uns unterwegs ein bisschen unterhalten, über die alten Zeiten!“

Elmar zögerte. Nein, verlockend war das nicht, was Jörns ihm da vorschlug. Erstens wollte er sich ja ein bisschen bewegen und zweitens ganz gerne alleine seinen Ge­danken und Betrachtungen nachhängen und nicht mit so einem Journalisten plau­schen, den er gar nicht mehr kannte und der ihm womöglich seine schönen Erinne­rungen zerredete. Doch rücksichtsvoll, wie er nun einmal war, wollte er nicht unhöflich sein. So nahm er das Angebot an. Jörns hatte die Hand einladend in Richtung Wagen ausgestreckt und lächelte Elmar freundlich an. Dieser erwiderte das Lächeln, ging um den Wagen herum und setzte sich auf den Beifahrersitz. Dann griff er nach dem Sicherheitsgurt, indessen Jörns, nachdem er sich seinerseits angeschnallt, den Wagen startete. Dabei blickte er nach hinten, um sich in den Verkehr einzufädeln. Bald fuhren sie auf der immer noch nassen Fahrbahn in Richtung Enkdorf.

Jörns war ein aufgeschlossener und, wie von Elmar erwartet, redseliger Mann, der seine Gedanken geschickt und fließend formulierte. Elmar schätzte ihn auf knapp über 40. Nachdem Jörns ihm noch einiges über seinen Werdegang erzählt hatte, erkundigte er sich nun, wie es seinem Mitfahrer in seinem Leben ergangen sei, und dieser berichtete ihm darüber in knappen Ausführungen.

„Aha, Lehrer am Gymnasium bist du; Studienrat also“, sagte er und drosselte das Tempo, denn vor ihnen staute sich der Verkehr wegen einer Baustelle. „Interessant! Wir haben übri­gens auch Kinder, zwei Töchter, beide gehen noch zur Schule, aufs Lessing-Gymnasium von Waldstädten, beide!“

„Aha!“

Jörns hatte den Wagen angehalten; wegen der Baustellenampel musste eine ganze Kolonne von Autos einige Minuten warten. Jörns wandte sich nun mit einer plötzlichen Wendung den früheren Zei­ten zu, mit einer Entschiedenheit, die Elmar verblüffte. Der Journalist rechtfertigte das so:

„Also, zwischen uns ist damals ja etwas Gemeinsa­mes entstanden, Elmar, weißt du? Etwas - wie soll ich sagen: etwas Verbindendes. Wir haben diese Zeiten zusammen erlebt - nicht als Freunde, so meine ich das nicht, auch nicht in einer engeren Kame­radschaft; das ging ja gar nicht, wir gehörten ja ver­schiedenen Jahrgängen an. Aber ich möchte doch sa­gen: Wir haben in einer Art lockerer Verbindung diese Zei­ten er­lebt, denn immerhin sind wir uns in der Schule recht häufig begegnet, auch auf der Universität, nicht wahr? Du kannst dich sicher erinnern!? - Einmal auch auf einem Pfadfinderzeltlager - Ja, ja, lang ist’s her - ich glaube - wenn ich nicht irre - mehr als 20 Jahre! Kann das sein?“

„Ja, ja, man soll’s nicht für möglich halten“, erwiderte Elmar, „ .....wie die Zeit ver­geht...!“

Ihm fiel jetzt tatsächlich ein, dass der junge Jörns am äußersten Rande seines jugend­lichen Bekanntenkreises eine gewisse, wenn auch sehr bescheidene Statistenrolle ge­spielt hatte, und so war er doch etwas gespannt, auf welche gemeinsamen, „verbin­denden“ Erlebnisse sein alter Bekannter zu sprechen kommen würde.

„Also!“

Jörns räusperte sich und begann mit seinem Rück­blick:

„Eins habe ich damals nicht ganz begriffen, Elmar; warum ist deine Familie, warum bist du so mir nichts, dir nichts von Enkdorf weggezogen? Dein Vater war doch ein Alteingesessener. Auch bei uns in Waldstädten war er sehr bekannt – und hochgeach­tet! Schon wegen seiner er­folgreichen politischen Tätigkeit. War er nicht sogar Ab­geordneter im Kreistag?“

„Ja, das stimmt, er war Kreistagsabgeordneter“, sagte Elmar, und er legte sich einige passende, unverbindliche Erklärungen zurecht, um Jörns Neugierde zu befriedigen: „Nun, warum wir weggezogen sind, Herr Jörns...“

„Holger!“, rief Jörns dazwischen, „sag’ Holger zu mir; wir duzen uns doch, als ehe­malige Waldstädter Gymnasiasten, was?“

„Also gut: Holger! – Tja, warum sind wir weggezogen, damals...? Dafür gibt es eine ganz einfache Erklärung: Mein Vater ist versetzt wor­den, und da musste ihm die gan­ze Familie wohl folgen. Übri­gens hatte man ihm die Versetzung mit einer Beförde­rung schmackhaft gemacht: Aus dem Oberförster wurde bald ein Forstrat! Die größe­re Verantwortung lockte ihn wohl, denn er fühlte sich körperlich und geistig ausge­zeichnet, so konnte er den Wegzug aus der Heimat, aus seiner Verwurzelung sozusag­en, leicht verschmerzen. Ganz sicher hat er aber nicht nur mit einem lachen­den, sondern auch mit einem weinenden Auge Abschied von der Heimat genommen!“

„Aha, das leuchtet ein, leuchtet vollkommen ein!“, erwiderte Jörns und schaute El­mar mit seinen Schlitzaugen lange ver­stohlen von der Seite an, als wollte er dessen Gesichtsausdruck prüfen, ob dieser vielleicht mehr als die eben glatt formulierten Er­klärungen preisgab, mehr an eigentlichen Beweggründen und innersten Gedanken. Er hatte inzwischen seinen Wagen wieder gestartet, und sie glitten langsam an der Baustelle vorbei. Während sie sich bald darauf im mäßigen Tempo dem Mönchswald näherten, der vor ihnen in seiner gelben und roten Herbsttracht erstrahlte, fuhr Jörns mit seinen rückblickenden Betrachtungen fort:

„Weißt du, Elmar, ich will ehrlich sein: Ich dachte, es hätte da einen anderen Grund gegeben; aber, na ja, man soll halt nicht denken, nicht wahr? Das heißt, man soll nicht spekulieren; sonst liegt man ja viel zu oft da­neben!“

Jörns räusperte sich auffällig und schaute angestrengt auf die nassgeregnete Land­straße, als erwarte er dort ein Hindernis oder ein Schlagloch, dem es auszuweichen gelte. „Anderseits gibt es Leute“, begann er von neuem, „und das ist gewiss keine Spekulation, denen wird die Heimat einfach zu eng; die Decke fällt ihnen auf den Kopf - du weißt, Tapetenwechsel ist manchmal ein gutes Mittel, um Abstand zu bekommen, Abstand von - sagen wir: Konflikten, Zerwürfnissen, die... einen belasten, die ei­nem das ganze Leben in einer bestimmten Umgebung vermiesen. Aus dieser Umge­bung muss man dann einfach raus, und zwar so schnell wie möglich! - Ich möchte dir mal ein Beispiel geben, pass’ auf!“

Die Erzählung von der verlassenen Braut

Jörns zögerte einen Moment, wohl um sich die Gedanken zurechtzulegen, dann fuhr er fort:

“Also, in Waldstädten wohnte einmal eine mir bekannte Familie; ich kannte sie zwar nur flüchtig, aber in unserer Kleinstadt ist man ohnehin mit allen mehr oder weniger flüchtig bekannt. Die Tochter - ihr Name spielt keine Rolle - war verlobt, mit einem Angestellten der hiesigen Volksbank. Die beiden wollten bald heiraten. Alles war schon für die Hochzeit vorbereitet, die Aussteuer schon - wie sagt man? - bereitgestellt, der Hochzeitstermin stand fest, der Pfarrer war unterrichtet, der Standesbeamte in Kenntnis gesetzt, und selbstverständlich hatten die Verlobten auch das Aufgebot bestellt. Da passierte etwas Schreckliches, Katastrophales: In das Verlöbnis brach - ich möchte fast sagen: mit elementarer Gewalt ein anderes Mädchen ein - man sagte, es wäre die beste Freundin der Braut gewesen, ein bildschönes Mädchen, eine kleine Helena - weißt du. Und Helena machte die Beziehung kaputt, spannte der Braut den Bräutigam aus, brachte die Hochzeit zum Platzen!“

Jörns schlug, während er die letzten Sätze sprach, mit der Rechten zweimal aufs Lenkrad, dass es laut und dumpf im Wagen knackte; mit weit aufgerissenen Augen blickte er dabei geradeaus, als befürchte er den Irrlauf eines Tieres oder er erwarte jeden Augenblick die Rückleuchte eines Schwerlasters, dem es auszuweichen gelte.

„Nun, die Geschichte ist gewiss tragisch“, fuhr er mit seiner Erzählung fort, „tragisch für das verlassene Mädchen, für die sitzen gelassene Braut, aber so ganz ungewöhnlich ist sie ja auch wieder nicht, meine ich! Denn bekanntlich kommt es öfter vor, dass die eine der anderen den Freund ausspannt - oder umgekehrt! So läuft das nun mal im Leben, die Liebe ist halt etwas arg Unbeständiges, etwas - wie soll ich sagen? - Flatteriges - wir wissen das ja aus eigener Erfahrung, mit unseren diversen Thusneldas, nicht wahr? Ha, ha, ha, ha, ha!”

Das schallende Lachen des Erzählers ging in ein Meckern über, was in Anbetracht des tragischen Gegenstandes unangemessen und taktlos anmutete.

 „Nun, das einzig Ungewöhnliche an dieser Geschichte war vielleicht, dass alles so kurz vor der Hochzeit passierte. Ich glaube, so was kommt doch relativ selten vor, nicht? Ganz außerordentlich selten, kann man sogar sagen! - Aber, pass’ auf, Elmar, etwas noch Selteneres, ich möchte fast sagen: Sensationelles passierte dann außerdem noch in unserer Geschichte! Jetzt meinst du wohl, die beiden Mädchen seien mit dem Messer aufeinander losgegangen. Oder jedenfalls die eine, die betrogene, auf die andere, oder sie hätte sich mit Mord und Totschlag am verräterischen Bräutigam gerächt, was? - Nein, ganz so schlimm, ganz so blutrünstig ist die Geschichte nicht ausgegangen! Zunächst geschah etwas, was noch nicht gar so aufregend, aber doch immerhin bemerkenswert war: Die Familie der Braut und diese natürlich selbst haben sich die Treulosigkeit und die Blamage so zu Herzen genommen, dass sie mit Sack und Pack von Waldstädten wegzogen; sogar das Haus haben sie verkauft, der Vater ließ sich von der Firma versetzen; das Mädchen, das in Waldstädten berufsstätig war, ebenfalls. Die ganze Sippe hat sozusagen sämtliche Zelte abgebrochen und ist auf und davon! - Aber jetzt kommt es, das eigentlich Aufsehen Erregende, das Beispiellose - pass auf!“

Holger Jörns hob den rechten Zeigefinger, wandte kurz den Kopf und blitzte Elmar Redlich mit seinen Schlitzaugen von der Seite an.

„Bevor die Familie also aus Waldstädten regelrecht flüchtete, sprach die verlassene Braut - also man soll’s nicht glauben! Man soll’s nicht glauben! - sie sprach in mehreren angesehenen Familien vor, beschuldigte ihre Freundin, sie habe ihr Verlöbnis kaputtgemacht, sie wolle das den Familien, sagte sie, offiziell zur Kenntnis geben! Verstehst du: offiziell! - Tja, was sagst du nun, Elmar? Ist das nicht....“ - Wieder wandte er den Kopf zu Elmar und wieder blitzte es aus seinen Augen, indessen sein Beifahrer unentwegt geradeaus schaute, „das ist so ungefähr das Dollste, was mir hier, in unserer Provinz, je zu Ohren gekommen ist - vergleichsweise, sagen wir, vergleichsweise! Es gibt natürlich noch ganz andere Sachen, aber so etwas! Eine, der der Bräutigam ausgespannt wurde, geht von Haus zu Haus und beschwert sich, gibt ihre Blamage auch noch offiziell..., nein, so ’was habe ich noch nicht gehört!“

 Der Mann am Steuer legte eine Pause ein, als hätte ihm die­se Sensation die Sprache verschlagen; umständlich griff er mit seiner Rechten in seine Hosentasche und zog ein großes Schnupftuch hervor, mit dem er sich über die vom vielen Reden feucht gewordenen Lippen und über die Stirn fuhr. Dann setzte er seine Erzählung fort:

 „Nun, so ganz unlogisch war diese Melde-Aktion der verlassenen Braut auch wieder nicht. Man muss nämlich eins wissen: Das kleine, süße Biest, diese..... besagte Helena, nicht wahr, die auf so brutale Weise Schicksal spielte - sie stammte aus einer der angesehenen Familien von Waldstädten. Damit wird die Aktion der Braut ziemlich klar: das Biest sollte angeprangert werden, es sollte Druck auf die Familie ausgeübt werden, dass sie der kaltschnäuzigen Ausspannerin ins Gewissen redet. Und der Bräutigam sollte eventuell wieder zurückgelotst werden. Ein Appell war das sozusagen, ein Appell an den Anstand des Bräutigams; an sein - wie sagt man? - an sein Schuldgefühl, nicht? - Tja, die Familie des betrogenen Mädchens ist dann, wie gesagt, auf und davon, nach einer kurzen Zeit des Abwartens - glaube ich; aber der Verflossene machte leider keine Anstalten, zur Braut zurückzukehren - war also nichts mit dem Zurücklotsen, was? Ha, ha, ha, ha! - Sie sind dann, soviel ich weiß, nach Hamburg gezogen, gewissermaßen in die große Welt hinaus.“

 Holger Jörns hatte gerade die Scheinwerfer angestellt, denn es war in dem Wald­stück, das sie durchfuhren, und wegen neu aufgekommener Bewölkung etwas dunkel geworden. Der Scheinwerferkegel des Kraftwagens erfasste kurz darauf das Ortseingangsschild von Enkdorf. „Waldstädten, Ortsteil Enkdorf“ las Elmar den altvertrauten Namen. Um sich von den unguten Gefühlen, die Jörns mit seiner Geschichte, mehr noch mit seinem meckernden Lachen bei ihm auslöste, freizumachen, schaute er aufmerksamer durch das Wagenfenster, beobachtete die ersten Häuser des Dorfes, wie sie schattenhaft und flüchtig an ihnen vorbeiglitten.

„Tja, Elmar“, ließ sich Jörns nach einer längeren Pause wieder vernehmen. Er schien seine Geschichte beendet zu haben und wollte offenbar zu ei­ner Bewertung, zu einem Resümee übergehen. „Du siehst, es gibt auch andere Gründe, seine Heimat zu verlassen. Wie soll ich’s nennen? Verletzter Stolz? Gekränkte Familienehre? Unerträglicher seelischer Schmerz, den man durch einen Ortswechsel zu lindern sucht? Vielleicht war das alles nicht so ausschlaggebend, aber mitgespielt hat es bestimmt, zumindest der seelische Schmerz! Man wollte zu neuen Ufern, zu einem Neuanfang, weit weg von dieser total verkorksten Sache, von diesem ... in die Binsen gegangenen Verlöbnis!“

Sie waren inzwischen im Zentrum von Enkdorf angekommen. Holger Jörns hielt nun mit Sprechen inne, da das Rotlicht einer Verkehrsampel die zügige Fahrt unterbrach. Er sah zu Elmar herüber, ähnlich durchdringend und ausdauernd wie schon zu Beginn seiner Erzählung, als wollte er ihn zwingen, den Kopf zu wenden, als wollte er unbedingt erreichen, dass Elmar sich diesen Augen stellte, die sich von der Seite her förmlich in seinen Mitfahrer hinein­bohrten. Doch dieser tat ihm den Gefallen nicht. Irgendetwas warnte ihn, ein unbestimmtes, aus den Schat­tenzonen seiner See­le aufsteigendes Gefühl, demzufolge er es vorzog, lieber geradeaus durch die Windschutz­scheibe zu blicken, so als beobachte er aufmerksam, mit geradezu gespanntem Interesse das Treiben auf der Dorfstraße. Dort war allerdings von einem Treiben kaum etwas zu sehen, nur ein Traktor fuhr vor ihnen her und ein alter Mann kam ihnen, einen Karren schiebend, entgegen. Endlich spürte Elmar, wie dieser lange, prüfende Blick des Journalisten, der ihm beinah physische Schmerzen bereitete, aufhörte. Die Ampel schaltete gerade auf Grün, und Jörns legte wieder den Gang ein, ließ die Kupplung los, und ab ging es über die Kreuzung in die Mitte des Dorfes hinein. Elmar aber sehnte das Ende der Fahrt herbei, denn das Gebaren seines Nachbarn zur Seite war ihm doch lästig geworden.

 „Glaube mir, Elmar“, begann Jörns von neuem, und seine Stimme verfiel in einen merkwürdig pathetischen Ton, „die Natur ist unser Schicksal. Wir sind ihr ausgeliefert, wir sind ihrer Macht unterworfen, vor allem in unserer Jugend! Und nur schwer können wir uns gegen sie wehren. Sie macht uns immer wieder einen Strich durch unsere klugen Vorausberechnungen. Denk’ nur an das Gewitter heute Morgen, an die Erdmassen, wie sie an manchen Orten losbrachen. Der Laster in Waldgirmes wurde da mitgerissen, zwei Menschen sind schwer verletzt worden! Ich muss mir das gleich mal ansehen. Alle Vorkehrungen, die wir gegen diese Katastrophen treffen, alle Sicherheitsvorkehrungen, um die gewalttätige Natur im Zaum zu halten....“ Jörns überlegte kurz, suchte offenbar nach einem treffenderen Vergleich, um seinem Mitfahrer die gefährlichen Attacken der Naturmächte plausibel zu machen, und indem er mit dem rechten Zeigefinger eine kreisende Bewegung in der Luft ausführte, sprach er weiter:

„Wir bauen Schutzdämme um unsere Behausungen, gegen die Gewalt des Meeres zum Beispiel - gut! Aber was hilft es, wenn die Natur ihre gewaltigsten Kräfte entfesselt? Wenn sie Sturmböen, Orkane und - weiß der Geier, was noch? - Springfluten, Sturmfluten, Wirbelstürme gegen uns loslässt? Sie überrollen alles, zertrümmern alles! Alles, was wir an trutzigen Bollwerken, an Dämmen, an Schutzdeichen dagegenstellen! - Und, glaube mir, Elmar, im privaten Bereich gilt das alles auch...“

Jörns unterbrach abrupt seinen leidenschaftlichen Redeerguss. Elmar kam es vor, als wollte er diesem überraschenden Schwenk seiner Gedanken, ihrem Sprung ins Innerseelische, wo die Stürme und Orkane nur symbolisch wüten, durch eine auffällige Pause Nachdruck verleihen. Vielleicht auch musste er sich nur auf den Straßenverkehr konzentrieren, der vorübergehend seine ganze Aufmerksamkeit erforderte.

„Auch im privaten Bereich schlagen die Naturmächte auf uns ein“, fuhr er fort, und seine Stimme schlug erneut einen emphatischen Ton an; „das unglückliche Mädchen, von dem ich dir erzählte..., die Natur war es, die ihm zum Schicksal wurde, die Na­tur und nichts anderes!“

„Und Elmar....“, er beugte sich jetzt weit zu seinem Nachbarn zur Rechten herüber, wobei sein Kopf fast den Elmars berührte und dieser heißen, übelriechenden Atem zu spüren bekam. Elmar wunderte sich, dass Jörns in dieser verrenkten Haltung überhaupt noch das Fahrzeug lenken konnte, „lass’ es dir gesagt sein!“, hämmerte es jetzt unmittelbar neben Elmars Ohr, mit unschönem Stakkato; „die Natur ist auch unser Schicksal! Sie nimmt keine Rücksicht auf Anstand, auf edle Gesinnung! Und die Moral? Die Treue? Die ethischen Pflichten? All das zählt bei ihr nicht, alles wirft sie über den Haufen! Sie zerstört die gute Ehe, sie zerstört die beste Freundschaft, reißt Familien auseinander! Erst einmal richtig entfesselt, übt sie ihre Herrschaft über den Menschen aus - und wir? Wir hassen sie! Wir stemmen uns ihr entgegen, als unseren Feind und - sehnen sie zugleich herbei - als unsere wahre Erfüllung!“

Mit diesen starken Worten sind sie vor dem Bürgermeisteramt von Enkdorf angelangt. Beide steigen aus. Wieder geht Elmar um den Wagen herum, dann reicht er seinem Bekannten von früher mechanisch und mit einem eher hingehauchten ’Danke schön!’ die Hand; er war förmlich erschlagen von dem Wortschwall, mit dem Jörns ihn zuletzt überrollt hatte. Das Walten der Natur hatte es dem Journalisten offenbar mächtig angetan.

Jörns wünschte Elmar noch einen angenehmen Aufenthalt in Enkdorf und in Wald­städten; er sprach die Hoffnung aus, es sei doch wohl nicht das letzte Mal, dass sie sich gesehen hätten. Dann gab er ihm seine Visitenkarte, forderte ihn auf, morgen oder übermorgen bei ihm hereinzuschauen, möglichst abends, wenn es ginge; tagsüber sei er nicht anzutreffen, da sei er unterwegs oder in der Redaktion oder weiß der Geier wo! Alle seine Worte rauschten an Elmars Ohr vorbei, so rammdösig war er durch Jörns’ gewaltige Beschwörung der Natur geworden, durch das Pathos seiner Schilderungen, welches Verhängnis und Tragik schauerlich aufklingen ließen.

Noch einmal kurz grüßend, stieg Jörns wieder in seinen Wagen und brauste davon, Richtung Waldgirmes, zu der Stelle also, wo die Natur heute Morgen alle ihre Kräfte entfesselt hatte.

Immer noch benommen schaute sich Elmar im Dorf um. Der ganze Ort sah aus, als hätte er ihn erst gestern oder heute früh verlassen, und dort hinten, in jenem weißen Haus auf der Anhöhe, wohnten noch seine Eltern. Er ärgerte sich. Das wunderschöne Erlebnis der Fahrt durch den herbstlich-vergoldeten Mönchswald, dann die hübschen Ausblicke auf sein Heimatdorf, sobald der Wald auflockerte - Jörns hatte ihm alles vereitelt, da er ihn ständig mit seinem Geschwätz festnagelte. Auch sein Elternhaus, welches auf der gegenüberliegenden Seite des Tales, in dem das Dorf eingebettet lag, seine glänzend weiße Fassade vorzeigte, hatte er deshalb nur flüchtig wahrgenommen. Jetzt blickte er genauer hin: Ja, da oben stand es immer noch, ihr Haus, als ob alles so wäre wie vor über 20 Jahren und seine Eltern lebten noch da oben und erwarteten zur Mittagszeit seine Rückkehr von der Schule, und er, Elmar, wäre gerade im Begriff, nach Hause zu kommen.

Er überlegte, was er in Enkdorf alles unternehmen sollte. Gewiss, einen Gang zu seinem Elternhaus hatte er sich fest vorgenommen. Aber sollte er auch ehemalige Nachbarn oder andere Bekannte im Dorf aufsuchen? Wenn sie überhaupt noch lebten, nach so vielen Jahren! Am ehesten die gleichaltrigen Spielgefährten seiner Kindheit, aber auch sie mochten das Dorf, dieses abgelegene Nest hinter den Wäldern, schon vor langer Zeit verlassen haben. Außerdem, die Jahrzehnte, die hinter ihnen lagen - hatten sie nicht das Aussehen der Menschen verändert, in einem Maße verändert, dass ein Wiedererkennen erst unter großen Mühen, nach langen Erklärungen zu erwarten wäre? Er dachte in dem Augenblick nicht an Holger Jörns, der ihn ja in Waldstädten auf Anhieb erkannte und das ungeachtet all jener Veränderungen, welche die Zeit in seinem Gesicht, an seiner Figur, an seinem ganzen Habitus ganz sicher verursacht hatte. Waren es also Lustlosigkeit oder Be­quemlichkeit, dass er auf eine umständliche Wiedererkennungsprozedur, wie er sie erwartete, gerne verzichtete? Oder war es die Scheu, alten Be­kannten unter die Augen zu treten und ihnen, die einiges über seinen Werdegang wuss­ten, die vielleicht mehr über ihn wussten, als ihm lieb war, genauso Rechen­schaft ablegen zu müssen wie gegenüber dem Journalisten Jörns, Rechen­schaft vielleicht noch über diese und jene unangenehmen Kapitel seines Le­bensromans oder über die fern der Heimat, in der Fremde geschriebenen Kapitel? Sei es, wie es sei! Elmar beschloss, seine Wege sollten ihn - außer zu dem Forsthaus - nur noch zu ei­nem Waldsee führen, der ihm einst ein besonders lieber Ort war, und zu sonst niemandem mehr.

So machte er sich also auf den Weg, und es vergingen keine fünf Minuten, bis nach einer Biegung der Dorfstraße das Forsthaus vor ihm auftauchte, und noch einmal dauerte es so lange, und er stand - nach über 20 Jahren - zum ersten Mal wieder vor dem Haus, in dem er seine Kindheit und Jugend verbracht hatte. Eben noch, von ferne aus dem Fenster des Wagens hinüberblickend, hatte er sich gewundert, dass die lange Zeit offenbar spurlos an diesem zentralen Ort seiner Heimat vorübergegangen war. Doch jetzt, da er das Haus aus der Nähe betrachtete, bemerkte er doch gewisse Veränderungen, die ihm den Zeitablauf ins Bewusstsein hoben: Die Ahornbäume hinter dem Haus, in prachtvolles herbstliches Gelb gekleidet, schickten ihre Kronen um ein Vielfaches höher als früher in den Himmel. Auch die Blaufichte zur Rechten, einst ein kleines Bäumchen, war zu gewaltiger Höhe angewachsen, nur das Haus selbst hatte sein Aussehen kaum verändert, abgesehen von den kargen Vorhängen an den Fenstern, die auf einen nüchternen Geschmack des augenblicklichen Besitzers hindeuteten.

Er öffnete das Vorgartentor und begab sich, um das Haus herumgehend, in den hinteren Teil des Gartens, wo sich der Wintergarten befand, ein erkerhaft vorgebauter Seitentrakt, einst Ort vieler geselliger Kaffeestunden und Dämmerschoppen; der Garten selbst, für ihn als Kind eine bevorzugte Spielstätte von gewaltigem Ausmaß, kam ihm jetzt ungeheuer geschrumpft und unansehnlich vor. Auch der Wintergarten, den er früher als ein mächtiges Gebäude, fast wie ein Haus neben dem Haus empfunden, erschien ihm jetzt wie ein kleines, verkommenes Anhängsel, zumal der Putz seiner Wände rissig geworden und die braune Farbe von seiner heruntergelassenen Rollläden abblätterte. Noch schlimmer der Garten, der ob seines ungepflegten, vergammelten Aussehens herzzerreißend vor sich hintrauerte. Einige kahl gewordene Rhododendronsträucher fielen Elmar sofort ins Auge, da sie ihm ihre gelblichen Blätter flehentlich - kam es ihm beinah vor – entgegenstreckten, als wollten sie anklagend auf ihre Elend hinweisen, auf die fehlende Pflege und die falsche Behandlung. Von den Obstbäumen keine Spur mehr! Außer einigen kümmerlichen Beeten und den hochge­wachsenen Ahornen sah man nur noch Rasen, gelblich-grün verfärbten Rasen, auf dessen Fläche sich mehr das Moos als das Gras ausbreitete. In seiner Mitte reckte ein verkrüppelter Chinawacholder seine ebenfalls kahl gewordenen Zweige in die Luft. Die hochaufgeschossenen Ahornbäume, die Sommer für Sommer tiefere Schatten verbreiteten, hatten ihm wohl das begehrte Sonnenlicht gestohlen, ihm, dem nach Sonne lechzenden Wacholderstrauch.

Wohin man blickte, überall Zeichen fehlender Zuwendung und Pflege. Überflüssig zu erwähnen, dass auf allen Beeten robuster Hahnenfuß, Quecke und Windhalm gegen vernachlässigte Erdbeerkulturen erfolgreich anwucherten, erfolgreich nicht nur gegen die Erdbeerpflanzen, sondern auch gegen allerlei Stauden- und Rosengewächse.

Aus einem der hinteren Fenster, dessen Flügel schräg geöffnet standen und das früher zu einem der beiden Wohnzimmer seiner Eltern gehörte, vernahm er Schreibmaschinengeklapper. Er ging näher heran, stieg auf einen Mauervorsprung an der Hauswand und blickte durch rauchverschmutzte Gardinen in das Zimmer. Überall an den Wänden - riesige Regale, angefüllt mit langen Reihen von Leitzordnern und dicken Bänden. Eine Bürokraft saß, ihm den Rücken zukehrend, vor einer riesigen Schreibmaschine und hämmerte unentwegt auf den Tasten herum. Neben ihr, in unregelmäßiger Anordnung aufgeschichtet, ein gewaltiger Stapel von Akten. Die Stenotypistin hielt zuweilen inne, ihre linke Hand griff nervös nach einer Zigarette, die qualmend auf dem Halter eines Aschenbechers lag; nach einem gierigen Zug setzte das Klappern der Schreibmaschine wieder ein, indessen die ausgestoßene Rauchwolke im schwebenden, das ganze Zimmer ausfüllenden Zigarettendunst aufging.

Elmar hatte genug gesehen; er sprang von dem Mauervorsprung herunter und ging in den Vorgarten zurück. Aus seinem Elternhaus war ein Bürogebäude geworden, vielleicht eine Filiale der städtischen Gemeindeverwaltung. Und richtig: Neben der Eingangstür bemerkte er jetzt ein Amtsschild, das ihm vorher nicht aufgefallen war. „Wasserwirtschaftsamt Waldstädten - Bezirk Süd“ stand dort zu lesen.

Enttäuscht schloss er das Eingangstor. Sich umdrehend, warf er noch einen letzten Blick auf die ihm so wohlvertraute Fassade des Hauses mitsamt den Fenstern und ihren verschlissenen Gardinen. Hinter ihnen konnte man auch nur nüchterne Büroräume mit Regalen voller Leitzordner vermuten. Dann wandte er sich ab und ging langsam den Weg zurück zur Bushaltestelle.

Der verwahrloste Garten, die kalte Büroatmosphäre in dem hinteren Zimmer, dazu die Funktionsmöbel und der ganze Bürokram - wie ernüchternd hatte alles auf ihn gewirkt, wie dämpfend auf seine Einbildungskraft. Unentwegt hatte sie ihm neue Bilder aus der Erinnerung hervorgezaubert, ständig nach neuen Anlässen gesucht, ihm noch schönere, noch phantastischere Eindrücke aus frühester Zeit zu vermitteln - musste ihr nicht jede Lust zur romantischen Rückschau abhanden kommen und auch seine Bereitschaft betäuben, noch einmal auf den Pfaden der Erinnerung zu wandeln? Ihm kam die rüde Entzauberung dieser von ihm bislang verklärten Stätte wie ein symbolischer Schlussakt vor, wie eine einzige Metapher auf die schrittweise Desillusionierung, die er im Laufe seines Lebens über sich ergehen lassen musste: Am Anfang seines Weges, der ihn ins Leben hinausführte, bestand die Welt für ihn nur aus diesem Garten hinter dem Haus. Mit seiner Unmenge an Sträuchern und Blumenrabatten, seinen von Bü­schen eingefassten, verwinkelten Wegen, seinen Obstbäumen, seinen Bohnenranken und Erbsensträuchern war er für ihn, der dies alles mit den Augen des Kleinkindes betrachtete, das erste Abenteuergelände von ungeheueren Ausmaßen. Er glaubte, dieses Gelände sei die Welt, die es zu entdecken gelte, und sonst gebe es nichts anderes mehr; ein Abenteuerspielplatz, in dem alles um ihn herum schön, geheimnisvoll und beglückend war, als bewegte er sich in den verzauberten Gefilden eines Elysiums: Es blühten im Frühsommer die Rhododendren und die Rosen, die Hyazinthen und der Jasmin ließen ihre betörenden Düfte verströmen, und der Rasen war grün und dicht wie ein weiches Kissen. Seine Katze, die sich ebenfalls in diesem herrlichen Garten Eden nur wohlfühlte, schnurrte behaglich, wenn er sie kraulte; er liebte sie wie einen echten Freund, und als sie eines Tages starb, weil sie etwas Giftiges gefressen hatte - seine Mutter meinte, irgendein bösartiger Zeitgenosse habe das Tier vergiftet - weinte er bitterlich, als hätte er wirklich einen echten Freund verloren; erst recht heulte er bei dem „Begräbnis“ seines Lieblings. Sein Großvater, der gerade zu Besuch weilte, ließ den toten Körper der Katze aus dem Karton, in den ihn Elmars Mutter liebevoll auf feines Seidenpapier gebettet, mit einem rüden Stoß in das ausgeschachtete Grab kullern. Elmar konnte da nicht anders, er musste ob dieser Kaltherzigkeit herzzerreißend aufschluchzen.

So also war er damals, als Kind, später auch noch als älterer Knabe: gefühlvoll, empfindsam, gutherzig, weltentrückt. Und heute? Seine Enttäuschung über den heruntergekommenen, verwahrlosten Garten, über die Zerstörung seines einstigen Paradieses ist gewaltig, genauso wie seine Enttäuschung und Ernüchterung gewaltig ist, wenn er als Erwachsener heute in die Welt hinausblickt, wenn er sie so zu verstehen sucht, wie sie in Wahrheit ist. Manchmal ist er geradezu entsetzt über den Kontrast zwi­schen seiner kindlich-naiven Vorstellung von einst und der Welt, die er viel später in ihrer wahren Gestalt entdeckte, eine Welt, die sich meist hinter Fassaden versteckt, weil man sonst ihre Gemeinheit, ihre Niedertracht nicht ertragen könnte. Jedoch der Drang, diese eigentlich grauenerregende Welt zu vernebeln, zu kaschieren, zu sentimentalisieren ist immer noch stark in ihm lebendig, sodass er dem Wunsch oft nachgibt, das Gemeine zu übertünchen. Dabei suggeriert er sich gleichzeitig gerne, er würde vieles vielleicht falsch sehen, die Welt sei vielleicht nur aus einer bestimmten pessimistischen Perspektive grauenerregend, oder, wie ein Philosoph einmal sagte, die Dinge an sich wären meistens weder gut noch schlecht, sondern erst durch unsere Sichtweise erscheinen sie uns gut oder schlecht. Mit solchen Sprüchen bewahrte er sich dann die letzten Illusionen, er retuschierte an dem hässlichen Bild der Erwachsenenwelt so lange herum, bis er es sich einigermaßen erträglich gemacht hatte. Das war ihm lieber, als sich dieses Bild durch eine durchweg schwarz gefärbte Sichtweise zerfetzen zu lassen, mit der Folge, dass er dann in deprimierendes, krank machendes Grübeln verfallen müsste.

Elmar hielt inne, sein Gedankenstrom brach ab. Warum waren gerade jetzt diese niederschmetternden Vorstellungen wie eine Springflut aus seinem Seelenabgrund hervorgestürzt? Es konnte doch nicht allein am Anblick des heruntergekommenen Gartens liegen, dass er sich zu solch beklemmenden Assoziationen über den Lauf der Welt hatte hinreißen lassen!? Elmar vermutete, die Erzählungen von Holger Jörns seien daran schuld; sie hätten etwas in ihm ausgelöst, hätten Ereignisse aus seiner Vergangenheit in ihm hochgewirbelt, die er bislang verdrängt hatte. Gewisse Personen waren wohl mit diesen Ereignissen verbunden, die sich ihm gegenüber ähnlich gefühllos, schäbig verhalten hatten, wie jenes gefährliche Mädchen, welches das Glück einer Braut zerstörte. Jedoch geriet ihm die Erinnerung daran nur vage. Er stellte sich im Augenblick nur vor, dass er mit gewissen Individuen, denen er nie wieder begegnen möchte, Peinliches erlebt haben musste. Er hatte nämlich vor Jahren die Welt einmal aus der Sicht eines Gescheiterten betrachten müssen. Eine solche Sicht aber ist entsetzlich: die Welt verwandelt sich in einen düsteren Ort, und beinah jeder Bekannte, dem man als Verlierer begegnet, legt seine lächelnde, Respekt und Anerkennung signalisierende Maske ab, lässt dann hinter der Larve verächtlich oder lüstern-neugierig spähende Augen aufblitzen oder schaut peinlich berührt, mit zur Seite gewendetem Blick, als ob es ihm unangenehm wäre, einem Bloßgestellten ins glanzlose Auge zu sehen.

Doch rasch beendete Elmar dieses unselige Grübeln. Er wollte in die Zeit jener Sichtweise damals, jener unguten Blicke, die sich notgedrungen auf das Fatale, Gemeine gerichtet hatten, nicht mehr zurückkehren. Er wollte jetzt nur noch, auch wegen der ganzen Ernüchterung, die ihn beim Betrachten des Hauses und des ungepflegten Gartens erfasst hatte, mit dem nächsten Bus nach Waldstädten zurückfahren. Außerdem war er entschlossen, seiner Verabredung dort nur kurz nachzukommen und anschließend eilig nach Hause zu fahren, zu Lisi und seinen Kindern.

Doch ob er diesen eher vagen Entschluss auch in die Tat umsetzen würde, erschien ihm kurz darauf wieder zweifelhaft. Denn er tat etwas, was diesem Entschluss in einer Weise entgegenarbeitete, dass ihm praktisch schon der Boden entzogen war: El­mar blickte zu den bewaldeten Hügeln der Steinfirst hinauf. ‚Ah’, dachte er, ’der Steinfirstsee! Ja, da liegt er, jenseits der Hügel­kette, verborgen in einem stillen Fichtenwald - der abergläubisch gefürchtete, von vielen gemiedene und doch von mir einst so geliebte Steinfirstsee!’ - Durfte er ihn dort, in seiner verzauberten Einsamkeit, für immer ruhen lassen, diesen Ort der Sehnsucht und der erregenden Erinnerungen, durfte er morgen einfach lieblos nach Hause fahren, ohne noch einmal dorthin gewandert zu sein, um den See - vielleicht ein letztes Mal in seinem Leben - zu begrüßen und nachzuschauen, ob sich irgendetwas in seinem Umkreis, an seinen Ufern, den angrenzenden Wäldern, verändert hatte? Könnte er das fertig bringen?

Ja, könnte er - sagte er zu sich - jedenfalls heute! Es wurde schon langsam dunkel, und jetzt noch zum Steinfirstsee zu gehen, der immerhin 4 km von Enkdorf entfernt lag, war unvernünftig. Morgen hatte er ja auch noch Gelegenheit dazu. Heute wollte er nur noch zurück nach Waldstädten, allerdings mit dem Bus, nicht zu Fuß. So ging er also entschlossen zurück zur Bushaltestelle, wo er erst noch einige Zeit warten musste, und als der Bus schließlich eintraf und er bald darauf zurück nach Waldstädten fuhr, überlegte er unterwegs, wie er den nächsten Tag verbringen sollte. Den Plan, sofort nach Hause zurückzufahren, ließ er endgültig fallen. Zunächst wollte er Frau Lambertz anrufen und seine Ankunft nicht für den nächsten, sondern für den übernächsten Tag ankündigen. Am nächsten Tag, morgen also, beabsichtigte er, erneut nach Enkdorf zu fahren, denn die Aussicht, noch einmal den Steinfirstsee aufzusuchen, hatte in ihm ein geradezu unbezwingbares Verlangen ausgelöst, nicht nur den See, sondern auch das Wochenendhaus wiederzusehen, das sein Vater vor langer Zeit am Ufer bauen ließ. Ob dieses Haus noch stand, das interessierte ihn, das wollte er unbedingt noch herausbekommen.

Im Hotel Krone angekommen, ging er zur Rezeption und verlängerte seinen Aufenthalt um noch eine Nacht. Dann begab er sich auf sein Zimmer, wo er sich rasch noch etwas frisch machte, denn er wollte einigermaßen zivilisiert im Speiseraum des Hotels erscheinen und dort eine kleine Abendmahlzeit einneh­men. Nachdem er zu Abend gegessen hatte, blieb er noch eine Weile am Tisch sitzen und blätterte zerstreut in einer Illustrierten. Sollte er Jörns’ Rat vielleicht doch befolgen und noch einen Bummel durch die Kleinstadt machen? Mal flüchtig da und dorthin schauen, um zu sehen, was sich geändert hatte? - Nein, entschied er nach kurzem Nachdenken! Er war zu müde, und er hatte keine Lust! Auch den Anruf bei Frau Lambertz verschob er auf mor­gen früh. Also begab er sich auf sein Zimmer und legte sich, erschöpft von der Reise und den Aufregungen des Tages, ins Bett, um einen langen und wie er hoffte: erquickenden Schlaf zu tun.

Doch jetzt trat das ein, was er insgeheim befürchtete: Er schlief nicht ein, er lag auf seinem Hotelbett, hellwach und aufgewühlt. Ständig musste er über die Erzählungen des Journalisten Jörns nachdenken, besonders über seine letzten Worte, die sich ihm ins Gedächtnis richtig eingegraben hatten und die nun, wie aus einem inneren Lautsprecher heraus, mit Jörns Stimme auf ihn einre­deten: ‚Die Natur ist unser aller Schicksal.... sie zerstört die beste Ehe...sie zerstört die beste Freundschaft.....!’

Was sollte das alles? Was sollte die merkwürdige, bilderreiche Beschwörung der Natur? Warum - fragte er weiter­ - hatte Jörns ihm überhaupt jene seltsame Geschichte erzählt? Um ihm die Zeit zu verkürzen, während der Fahrt nach Enkdorf? Daran glaubte er nicht mehr! Vielmehr glaubte er, einem hässlichen Gedanken Raum gebend, Jörns habe etwas Bestimmtes im Schilde geführt, etwas Gemeines, Tückisches. Obwohl Elmar vorher nie etwas von dem betrogenen Mädchen gehört hatte, kam ihm die Geschichte mit einem Male bekannt vor, so als hätte sie eine rätselhafte Beziehung zu seinem eigenen Leben, und er vermutete schließlich, wobei er an die Blicke des Journalisten dachte, wie sie von der Seite forschend in sein Innerstes zielten, dieser Jörns habe mit seiner Erzählung seine, Elmars, eigene Vergangenheit im Visier gehabt, wo sich ähnliche Ereignisse zugetragen hatten, wo es auch zu einem Bruch, zu einem Verrat gekommen war. Auf diesen Verrat oder was immer es gewesen war - er konnte sich im Augenblick nicht genau erinnern und er wollte das auch gar nicht - auf ihn hatte der neugierige und zugleich unverschämte Journalist angespielt, indem er ihm die Geschichte sozusagen als Gleichnis, als tragische Parabel erzählte!

Doch plötzlich waren sie da, die Erinnerungen, auf die Elmar so gerne ver­zichtet hätte, Erinnerungen an längst abgeschiedene Zeiten. Aus den verborgensten Winkeln seiner Seele stiegen sie empor, traten heraus aus den schwärzesten Schatten des Un­terbewussten, wo sie lange in tiefer, barmherziger Vergessenheit geruht hatten, und sie standen jetzt vor ihm, zuerst noch verschwommen, bald aber scharf konturiert und klar unterscheidbar - Bilder mit verwirrendem, schlafraubendem Inhalt, und zwischen Halbschlaf und dämmrigem Wachsein ständig hin - und herschwankend, überlegte er verzweifelt, wie er den nicht abreißenden Strom der Erinnerungen, diesen zermürbenden Attacken auf seinen Nachtschlaf ein Ende bereiten könnte. Als er endlich einschlummerte, suchten ihn grausige Träume heim: Wie ein düster beleuchteter Horrorfilm ziehen sie vor den Augen seines träumenden Ichs vorüber, versetzen es in Angst und Schrecken. Er sieht das betrogene Mädchen, von dem Jörns erzählt hat; im weißen Grabgewand, die Haare wirr um den Kopf, schreitet es durch die engen Gassen von Waldstädten, vorbei an den geduckten, fugenlos aneinandergereihten Häusern der Altstadt. An einem Haus hält es an, einem größeren, herrschaftlichen, und ihre starren, toten Augen richtet sie jetzt zum oberen Stockwerk hinauf, wo zwei grell erleuchtete Fenster kalte, seelenlose Scheinwerferblicke in die Nacht hinausschicken, als wären es die viereckigen Augen eines Monsters. Dann - ein Szenenwechsel: die unheimliche Gestalt taucht erneut auf, dieses Mal in einem Treppenhaus, und sie klopft an eine Tür, bittet um Einlass, tritt vor eine versammelte Hochzeitgesellschaft und beginnt zu sprechen, zuerst leise, unverständlich; hingemurmelte Sätze fegen die Partylaune der Hochzeitsgäste weg, lächelnde Gesichter erstarren zu Grimassen. Schließlich lauter werdend, redet sie mit schneidender Stimme, prangert ihre beste Freundin an, bezichtigt sie, ihr den Bräutigam weggenommen zu haben, auf schändliche Weise, mit raffinierten Zaubertricks. ’Sie ist eine von euch!’, stößt sie her­vor, ’und ihr, statt zu feiern, solltet diese kaltherzige Per­son aus euren Reihen verbannen, ihr solltet sie bestrafen! Sie ist eine Mörderin. Mich hat sie gemordet!’ - Und wieder ein Szenenwechsel: das Mädchen umschleicht das elterliche Haus der Rivalin, mit starrem Blick Ausschau haltend nach dem Liebespaar; schließlich entdeckt sie die beiden in einer Nische, in wildem Kusse vereinigt! ’Was tut ihr da?!’, schreit sie mit kreischender Stimme und schlägt mit ihrer Tasche auf die Rivalin ein; ’ihr habt kein Recht, so zu handeln! Dies ist mein Bräutigam. Du hast ihn mir gestoh­len!’ Und als die beiden Verliebten in das Haus flüchten und die Tür hinter sich verschließen, kreischt die Verzweifelte: ’Hilfe, Hilfe, Polizei! Ist denn keiner da, der mir hilft?!’ -

In Schweiß gebadet wachte Elmar auf, setzte sich mit gebeugtem Oberkörper auf die Bettkante, presste seine Hand gegen die erhitzte Stirn. Er war schockiert über den furchtbaren Traum, gleichzeitig auch erleichtert, dass er sich als Phantom herausgestellt und sogleich aufgelöst hatte. Da sein Schlaf ohnehin nur leicht und störanfällig war, musste er befürchten, noch einige Zeit, vielleicht Stunden, wach zu liegen und fort­während von peinigenden Gedanken bedrängt zu werden. Wie verwünschte er jetzt den Augenblick, dass er ausgerechnet diesem flüchtigen Bekannten aus seiner Jugend begegnet war, diesem Journalisten, mit seinem aufdringlichen, neugierigen Benehmen. Spürte er doch, wie dieser Mensch etwas in ihm wachgerüttelt hatte, das sich womöglich nicht mehr so leicht in jene geheimen Seelenräume zurückbannen ließ, wo es lange Zeit, unerreichbar für das tastende Suchen seiner Erinnerung, verborgen blieb.

Er griff also nach einer Schlaftablette, um wenigstens von weiteren bedrückenden Erinnerungen unbehelligt zu bleiben, und fand auch bald danach den ersehnten, dieses Mal traumlosen Schlaf, aus dem er erst gegen 8 Uhr früh halbwegs erholt aufwachte.

Da er heute viel vorhatte und auch das Wetter sich wieder, wie gestern Nachmittag, von seiner freundlichen Seite zeigte, beeilte er sich. Rasch frühstückte er im Büffetraum des Hotels, legte sich dabei die Worte zurecht, die er an Frau Lambertz am Telefon richten wollte, die Erklärung also, warum er erst morgen zu ihr käme und dass sie auf den Schlüssel, den er ihr im Auftrag von Klara überbringen sollte, noch einen Tag länger warten müsste. Nachdem er gefrühstückt hatte, ging er wieder auf sein Zimmer und wählte auf seinem Zimmertelefon die Nummer von Frau Lambertz.

„Lambertz!“, tönte es vom anderen Ende der Leitung her.

„Ja, hier Redlich, Elmar Redlich! Guten Tag, Frau Lambertz!“

„Elmar!“, rief Frau Lambert freudig. „O, wie freue ich mich, etwas von dir zu hören! Elmar, nein, so ’was! Ich glaube, 25 Jahre sind das nun her, dass wir zuletzt miteinander gesprochen haben, nicht? 25 Jahre! Was für eine lange Zeit! - Übrigens hat mich Klara gestern angerufen und mir.....“

„Ja, deshalb bin ich hier, Frau Lambertz“, unterbrach Elmar die alte Frau, „ich bin nach Waldstädten gekommen, um Ihnen den Haustürschlüssel zu bringen.“

„Was, du bist jetzt schon in Waldstädten? So früh schon? Wir haben doch erst 9 Uhr...“

„Deshalb rufe ich ja an, Frau Lambertz. Ich bin schon seit gestern in Waldstädten und wollte Ihnen.......“

„Seit gestern schon? Und da hast du dich nicht mal gemeldet.“

„Es ist so, Frau Lambertz: Ich habe hier in Waldstädten und auch in Enkdorf einiges zu erledigen. Alte Freunde möchte ich besuchen, deshalb werde ich erst morgen bei Ihnen hereinschauen.“

„Aha!“, tönte es aus der Telefonmuschel, „ja, das verstehe ich natürlich, Elmar, dass du in deinem Heimatdorf alte Freunde besuchen möchtest. Selbstverständlich bist du dann morgen bei uns eingeladen, sagen wir zum Kaffee, ja? - Wenn ich uns sage, Elmar, so meine ich...... Julia und mich. Julia hat ihren Besuch auch verschoben, sie kommt erst morgen Nachmittag, weißt du? Das trifft sich also gut, dass ihr beide am selben Tag hier bei mir ankommt.“

„Ah ja!“, sagte Elmar und konnte ein leichtes Zittern in seiner Stimme nicht unterdrücken.

„Julia kommt übrigens alleine. Sie will mal bei mir richtig ausspannen. Ihr Mann hat in Weiden zu tun, angeblich, weißt du? Aber wenn du mich fragst, wollte er gar nicht mitkommen. Die Ehe zwischen den beiden..., na ja, Klara hat dir ja sicher davon erzählt!?“

„Nein!“, erwiderte er, und seine Erregung steigerte sich.

„So! Na, dann können wir ja morgen darüber..., ich meine, falls Julia noch nicht da ist..... - Ja, ja, Elmar, du kannst dir’ s ja denken, wenn man so viele Kinder hat, dann vervielfachen sich auch die Sorgen.... Na ja, wir können morgen weiter darüber sprechen, nicht!“

„Gut!“, sagte Elmar und konnte jetzt ein freudig-erregtes Gefühl kaum noch unter­drücken, „dann also bis morgen Nachmittag, Frau Lambertz, sagen wir so gegen halb vier?“

„Ja, eine gute Zeit! Ich erwarte dich also und vielleicht wartet auch schon Julia auf dich, ja?“

„Tschüss, Frau Lambertz!“

„Tschüss, Elmar!“

Er legte auf - und schaute sinnend vor sich hin. Seine Hand fuhr mechanisch an seine Stirn, rieb an ihr eine Weile, dann fuhr er mit ihr in seine Haare und wühlte dort einige Zeit herum. Er war drauf und dran, die Fassung zu verlieren, so hatte ihn die Ankündigung von Frau Lambertz erschüttert. Sollten sich seine heimlichen Mutmaßungen nun doch nicht als Hirngespinste herausstellen, wovon er gestern noch überzeugt war, sollte es also doch eine neue Heimat für ihn geben, und alle vernünftigen Einwände gegen dieses Wunschdenken, wie er es gestern noch nannte, sich als Geschwätz, als Makulatur herausstellen? Er wollte es nicht glauben, noch nicht, aber es schien aller Voraussicht nach genau auf das hinauszulaufen, was er insgeheim und uneingestanden erhofft hatte, wovor er allerdings nicht wenig Angst verspürte, weil sich ja in seinem Leben womöglich eine Umwälzung anbahnte, die einigen Menschen, vor allem denen, die ihm nahe standen, wenig Freude bereitete, genauer gesagt: die ihnen Schrecken und Angst einjagen müsste.

Elmar erhob sich mit einem Ruck. Ob alles wirklich so dramatisch ablaufen würde, wie er es sich gerade vorstellte, dessen war er sich noch gar nicht sicher. Bis jetzt konnte er bei all diesen Erwartungen nur auf Andeutungen verweisen. So beschloss er, diese Kapitel, welche noch der unentdeckten, noch nicht ins Leben getretenen Zukunft angehörten, nicht weiter zu erörtern. Zunächst galt es ja, den Plan auszuführen, den er sich für den heutigen Tag zurechtgelegt, und der hieß nicht Besuch ehemaliger Freunde, wie er Frau Lambertz, nicht ganz bei der Wahrheit bleibend, versicherte, sondern einzig und allen hieß der Plan heute: Wanderung zum Steinfirstsee. Damit er keine Zeit verlor, wollte er dieses Mal nicht nach Enkdorf laufen, sondern mit dem Bus hinfahren und anschließend den Weg zu dem vier Kilometer entfernten See zu Fuß zurücklegen.

Nachdem er die für die Wanderung nötige Wanderkluft angezogen hatte, verließ er das Hotel und begab sich zum Bahnhof. Der Bus nach Enkdorf - Waldgirmes stand dort bereits, er brauchte nur eine Fahrkarte zu lösen, schon fuhr der Bus los, fuhr zunächst durch die Innenstadt von Waldstädten, um kurz danach in die ihm so vertraute Straße nach Enkdorf einzubiegen. Nicht lange dauerte es, und der Mönchswald, jener breite, zwischen Waldstädten und Enkdorf gelegene Waldrücken, ließ sein Ausläufer, die sich am Horizont über eine Anhöhe schoben, in prachtvollem herbstlichem Gold aufscheinen. Da Elmar jetzt auf seiner zweiten Fahrt nach Enkdorf genauer auf diese Einzelheiten achtete, kam es ihm vor, als winkten ihm die ersten Boten seiner Heimat einen freundlichen Willkommensgruß entgegen. Er wusste, hinter dieser Anhöhe folgte eine steile Talfahrt mitten ins Herz des Mönchswaldes hinein. Die Straße, dicht umsäumt von mächtigen Buchen und Eichen, hoch überwölbt vom Blätterdach ihrer Kronen, glich einem Tunnel, der selbst bei strahlender Sonne seine beklemmende Düsternis nicht verlor. Nur im Winter, wenn kahle Äste das Tageslicht ungehindert durchließen, erhellte sich vorübergehend die Miene des Waldes.

Am Ende der Talfahrt würde dann wie gehabt der Wald zur linken Seite auflockern und den Blick auf jene ausgedehnte Talmulde freigeben, in der Elmars Heimatdorf lag. Jetzt also, nicht mehr abgelenkt vom Palavern eines aufdringlichen Begleiters, konnte er auf alle diese Besonderheiten, die ihm am Herzen lagen, genauer achten, auf das Haus seiner Eltern zum Beispiel, welches auf der gegenüberliegenden Seite des Tales sofort ins Auge fiel. Ungefähr in der Mitte ragte das weiße Haus aus einem Kranz hochgewachsener Ahorne hervor, und blickte kraft seiner herausgehobenen Lage über die tiefer liegenden Häuser von Enkdorf hinweg. Hinter ihm erhob sich hügelartig ein anderes umfangreiches Waldgebiet, das - wie schon gesagt - den Namen Steinfirst trug.

Als nun der Bus die Stelle passierte, wo der Mönchswald sich zur Linken öffnete, lag das Dorf vor ihm, ausgebreitet zwischen den beiden Waldzügen, und er musste auch jetzt wieder feststellen: nichts hatte sich, aus der Ferne besehen, geändert, alles sah so aus wie früher, als er noch zur Schule ging. Da kam es ihm wieder wie schon gestern vor, als wohnten seine Eltern immer noch in dem Haus da oben, und sie erwarteten zur Mittagszeit seine Rückkehr von der Schule, und er wäre gerade im Begriff, nach Hause zu kommen.

Doch sein Ziel war diesmal nicht sein Elternhaus; das interessierte ihn nicht mehr. Was hatte er noch mit einem Haus zu tun, welches man in eine städtische Behörde voll von Papierkram, Leitzordnern und seelenlosen Schreibmaschinen verwandelt hatte? Nein, nur noch dem Steinfirstsee galt sein Interesse, nur ihn wollte er heute noch einmal aufsuchen, ein letztes Mal, so wie er es sich gestern vorgenommen. An die noch in der Zukunft schlummernden Ereignisse, die ihm gestern unaufhörlich durch den Kopf gingen und ihm teils mulmig bange, teils angenehme Gefühle bescherten, wollte er dieses Mal keine Gedanken verschwenden.

Der Runenweiher

„Steinfirstsee“ – der Name ließ sich nicht so gut aussprechen; besser schon geht ei­nem das Wort ‚Runenweiher’ über die Lippen; so heißt der See näm­lich im Volks­mund. Richtiger müsste er ‚Rundhofweiher’ heißen, denn an­geblich stand vor un­denklich langer Zeit an seiner Stelle - so berichtet es eine alte Sage - eine kleine Stadt mit Namen Rundhof. Auch ‚Rundhofweiher’ war nicht gut auszusprechen, und so hatte man daraus bald einen ‚Runen­weiher’ gemacht; vielleicht auch deshalb, weil so viele Sagen über den Steinfirstsee und die geheimnisvolle Stadt „geraunt“ wur­den, uralte mythische Erzählungen waren das, voller dunkler Begebenheiten. Viele Male - erinnerte sich Elmar - wurden sie ihnen als Kinder dargeboten, sei es von seiner Großmutter oder von ih­rem Dorfschullehrer, die beide spannend erzählen konnten, und ihre Kinderher­zen gerieten dann immer in furchtbare Aufregung.

Eine dieser Sagen, die Elmar niemals vergessen wird, weil sie ihm damals einen ge­waltigen Schrecken einjagten, handelte von den rei­chen Leuten von Rundhof, ihrem frevelhaften Ehrgeiz, ihrem Hochmut, ihrem lasterhaften Le­ben. Selbstsucht, Hart­herzigkeit, protzender Wohlstand hätten sie mit zü­gellosem, die niedrigsten Sinne aufreizendem Genussleben verbunden. Keine Ausschweifung, keine Verdorbenheit sei ihnen fremd gewesen, sprach Elmars Großmutter einst mit schauer­lich verfrem­deter Stimme; keine Schlechtigkeit bis hin zum Verbrechen, zum Mord blieb bei ih­nen ausge­spart, und als das Maß ihrer Sünden endlich voll war, als selbst der Him­mel, an viele Schandtaten der Menschheit durch die Jahrtausen­de ge­wöhnt, nicht mehr gleichmütig zuschauen konnte, schick­te er seine Strafen­gel herab. In Gestalt eines gewaltigen Erdbebens hielten sie ein furchtbares Strafgericht ab, durch das Rundhof samt seinen Einwohnern auf immer ausgetilgt wurde. Alle ihre Häuser stürzten in ei­nen gigantischen Kra­ter, der sich während des Bebens öffnete, und verschwan­den in seiner unermesslichen Tiefe, ohne eine Spur zu hinterlas­sen. Mit Schaudern dachte Elmar noch daran, wie seine Großmut­ter das Aufbre­chen des Kraters mit einem fürchterlichen Gäh­nen verglich, zu welchem die Erde angesetzt; ungeheuer weit habe sie ihren Schlund aufsperrt und ihn anschließend nicht mehr zubekommen, weil ein Krampf in der Muskulatur des Schlundes zu einer Art ewiger Maulsperre führte, und aus dem Abgrund des Riesenloches sei allmählich, durch Sickerwasser und Zuflüsse kleiner Bäche Jahrhunderte lang gespeist, der klare Spiegel eines Sees emporge­stiegen und hätte das Kraterbecken bald vollständig ausgefüllt. So also sei der Runenweiher entstan­den. Staunend hatte Elmar als kleiner Junge da­mals dieser unheimlichen Schil­derung gelauscht, und immer, wenn er als Kind an den ein­samen Ufern des Sees entlangging und sich vorstellte, unter seiner regungslosen, grauen Fläche, tief unten auf zerklüf­tetem Grunde, lä­gen die Trümmer der untergegangenen Stadt samt den Überresten ihrer bö­sen Bewohner, so liefen ihm kal­te Schauer über den Rücken, zumal wenn er an Großmutters erhobenen Zeigefinger dachte, mit dem sie ihre Warnung vor den bösen Geistern der Toten unterstrich. Die stiegen zuweilen aus der Tiefe her­auf, trieben dann über dem Wasser ihr Unwesen und kämen auch hin und wieder durch die Lüfte herangesaust, um das eine oder andere Menschen­kind, weil es sich zu sehr dem Bösen geöffnet, zu quälen und zu piesacken. Ja, wenn es gar zu verstockt sei, wenn es kein Bitten um Verzeihen oder sonst ein liebes Wort mehr über die Lippen bringe, packten sie es und - hui!! - schleppten es mit sich durch die Lüfte und tauchten - platsch! - mitsamt dem verstockten, unverbesserlichen Kind hinab in das Reich der bösen Geister, wo es dann auf Nimmerwiedersehen verschwindet!

Es war schon ’starker Tobak’, was seine Großmutter ihnen da hin und wieder an den Kopf warf, an schrecklichen Warnungen und beängstigenden Dro­hungen! Und war eine solche Erzählstunde erst einmal richtig in Gang ge­kommen, so konnte die alte Frau, angespornt durch weit aufgerissene Kin­deraugen, die nach immer neuen, noch unglaublicheren Geschichten ver­langten, ihren Erzähldrang und ihre Phantasie nicht mehr zügeln; dabei scheute sie auch nicht davor zurück, verschiedene Sagenkreise, die über­haupt nichts miteinander zu tun hatten, zu vermischen. So reicherte sie eines Tages die finsteren mittelalterlichen Gestalten der Rundhofsage mit den be­kannten Helden aus der Antike an, ließ Julius Caesar bis zur Steinfirstge­gend vorpreschen und den angeblich auch im antiken Rom hochberühmten Rundhofweiher nicht nur besichtigen, sondern auch schwimmend durchque­ren. Die Varusschlacht verlagerte Großmutter in den Steinfirstwald, unweit vom Runenweiher, und sie behauptete in entschiedenem Ton, Varus habe sich in seiner Verzweiflung nicht ins Schwert, son­dern mitsamt seinen Prä­fekten und Tribunen in den See gestürzt, die Konsequenzen aus seiner Nie­derlage ziehend, die ihm nicht nur Arminius, sondern auch die Rache­götter des Himmels ob seines Hochmuts und seiner Bosheit bereitet hätten. Schließ­lich ließ die Großmutter noch einen dritten antiken Helden sich auf die Wanderschaft zum Runenweiher begeben: Orpheus, den begnadeten Sänger, der um Eurydike trau­erte und nach der Verblichenen lechzte. Ihm sei angeblich zu Ohren gekommen, nicht der Berg Tainaros, sondern der Runenweiher sei einer der wenigen Eingangs­pforten zur Unterwelt, einer der wichtigsten und bequemsten. Also machte sich Or­pheus von Thrakien aus auf den Weg und begab sich, von Sehnsucht nach seiner im Schattenreich weilenden Eurydike getrieben, auf eine lange Wanderschaft, bis er schließ­lich hierher, zum Runenweiher, kam, begleitet von dem Götterbo­ten Hermes, und er sei in den See hinabgetaucht und dadurch zur Geisterwelt vorgedrun­gen.

Diesmal allerdings, bei Orpheus, hatte sich Elmars Großmutter mit ihren phantas­tisch kombinierten Sagengeschichten verrechnet, das heißt, sie hatte nicht damit ge­rech-net, dass die Mädchen und Knaben, welche eine Erzählrunde um sie bildeten, in der Schule schon im ersten Schuljahr von Orpheus und der Nymphe Eurydike gehört hatten, und zwar aus den Erzählungen ihrer Lehre­rin, die gleichfalls fesselnd Geschichten zum besten geben konnte und eine eben­so reiche, aber doch mehr an den Tatsachen orien­tierte Phantasie be­saß.

„Großmutter“, rief Elmar als Knabe aufgeregt und schaute sie mit ernsten, skepti­schen Blicken an; „das ist gar nicht möglich, dass Orpheus hier war. Der Runenwei­her ist doch erst im Mittelalter entstanden! Orpheus aber lebte viel früher, er war im Mittelalter schon lange tot.“

Die Großmutter stutzte und schaute einige Sekunden verblüfft drein. Ihr Ge­sicht, oh­nehin schon vom Erzählen der schrecklichen Rundhofgeschichte ernst und grimmig verzogen, wurde noch um einige Grade grimmi­ger, was wohl von der steilen Senk­rechtfalte herrührte, die wie hingezaubert auf ihrer Stirn lag und diese in zwei Ab­schnitte unterteilte. Der Knabe Elmar wusste, das war immer ein Zeichen, dass sie angestrengt nachdachte. Einige Se­kunden saß sie so da und schien nachzugrübeln. Dann plötzlich verschwand die steile Falte, die Stirn wurde wieder einheitlich und das bitter ernste Ge­sicht heiterte sich auf.

„Du hast recht, Elmar“, sagte sie mit fester, keine Spur von Unsicherheit ver­ratender Stimme, „der Runenweiher kann ja gar nicht im Mittelalter entstan­den sein, wenn Orpheus hier war. Aber, habe ich euch das nicht erzählt? Der See stammt doch aus der Atlantiszeit. Rundhof war eine Siedlung der At­lanter, viele Jahrhunderte vor den Griechen waren sie bis hierhin zur Stein­first vor­gedrungen!“

Ja, das schien plausibel und logisch, zumindest war der är­gerliche Wider­spruch be­seitigt, dass der wandernde antike Sänger einen im Mittelalter ent­standenen See als Einlasspforte zur Unterwelt benutzt hätte.

„Der Runenweiher also war ein in Griechenland bekann­ter Einstieg in die Schatten­welt“, behauptete die Großmutter weiter, ohne dass ein unsicheres Tremolo ihre Stimme verfremdete; „Orpheus musste erst mit einem Boot den Unterweltfluss Styx entlang fahren; der mündete direkt im Runenweiher. Dann also - riet ihm Charon, der Fährmann des Styx, der ihn ruderte - müsse er sich an einer bestimmten Stelle, die er ihm zeigen werde, die Nase zuhalten und rückwärts in den See fallen lassen. Kei­ne drei, vier Meter unter der Oberfläche sehe er dann das Eingangstor zur Unterwelt. Dieses Tor sei eigentlich eine auf dem Seegrund angebrachte Klappe. Die könne er gar nicht verfehlen, denn sie schimmere ihm mit vielen flackernden, bunten Lichtern entgegen. Er brauche dann nur noch die Klappe hochzuziehen, schon stehe er vor einer Treppe, die nach unten führe. Rasch müsse er die Klappe wieder zumachen, damit nicht zu viel Wasser die Treppe hinunterrausche. Die Putzteufel der Unterwelt würden ihm das nämlich übel nehmen, denn die müssten sofort zur Stelle sein, das ganze herunterstürzende Wasser aufwischen und in großen Eimern auswringen. Jetzt brauche Orpheus sich auch nicht mehr die Nase zuzuhalten, er könne wieder atmen, denn er sei in dem steil nach unten führenden Treppengang wieder im Trockenen.“

All das habe Orpheus nun getan - fuhr die Großmutter mit ihrer Erzählung fort - ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, habe er sich vom Boot des Charon mit zuge-haltener Nase ins Wasser plumpsen lassen, vier Meter unter der Wasseroberfläche dann die bunt leuchtende Klappe, die zur Unterwelt führe, geöffnet und sei von dort hinabgestiegen. Dass wegen des Wasserdruckes die Klappe gar nicht geöffnet werden konnte, verschwieg die Großmutter, und Klein-Elmar und seine Mitschüler waren in ihren physikalischen Kenntnissen halt noch nicht so weit fortgeschritten, dass sie auch hier sofort Protest hätten einlegen können.

Immer weiter sollte Orpheus dann - setzte die Oma ihre phantastisch ausgeschmückte Erzählung fort - einen schmalen Gang hinuntergehen, so habe man es ihm geraten, bis er im Reich der unseligen und der seligen Geister an­gekommen sei. Die Diener des Pluto, des Gottes der Unterwelt, würden ihn vor einem prunkvollen Tor in Empfang nehmen und ihm zuerst die Bedingungen nennen, zu denen er weiter, durch das geöffnete Prunktor, in das Reich der seligen Geister vordringen könnte, dorthin, wo er seine Eurydike finden könne.

„Diese Bedingung, wie heißt sie wohl?“, fragte die Großmutter die zuhörenden Kinder; Elmar antwortete, wie aus der Pistole geschossen, denn er kannte die Orpheussage schon, „Orpheus musste den Gott der Unterwelt mit seinem wunderbaren Gesang verzaubern!“

„Richtig!“, befand die Großmutter, „und Orpheus tat das auch, er sang so herzergreifend, er erfand so wundersame Melodien, die er mit mit noch nie gehörten, anmutig gezupften Lautenklängen begleitete, dass Pluto, der auf seinem Thron hinter dem Tor ergriffen lauschte, gewaltig in Bann geschlagen wurde. Hingerissen von der herrlichen Musik, konnte er gar nicht anders, als seinen Dienern den Befehl zu geben, das Tor zur Unterwelt zu öffnen: Erhaben und furchtbar zugleich saß der Gott der Unterwelt auf seinem Thron, von Sklavinnen und Knechten umschwirrt. Orpheus wagte es nicht, in das aufgerissene gräuliche Auge des Pluto zu schauen. Dieser versuchte gleichwohl, durch die Macht der Musik bezwungen, viele freundliche und milde Blicke auf den göttlichen Sänger zu werfen, doch das misslang ihm kläglich. Sein Auge blickte nach wie vor stumpf und kalt auf Orpheus, bevor er diesem, mit einer knappen, energischen Handbewegung, die Erlaubnis erteilte, das Reich der seligen Geister zu betreten.“

Da Klein-Elmar den Rest der Orpheusgeschichte schon kannte, stellte er keine wei­teren Fragen mehr. Die dreiste Lügengeschichte der Großmutter durchschaute er als Knabe zunächst noch nicht; seine Gedanken waren al­lein auf diese unerhörte Ver­lagerung der Orpheussage in die Gegend um den Runenweiher gerichtet, und allein das hatte ihn in helle Aufregung ver­setzt. -

Einsam war es zumeist an den Ufern des Steinfirstsees; man konnte früher dort stun­denlang verweilen, ohne eine Menschenseele zu Gesicht zu be­kommen. Das hing nicht zuletzt mit der Aura des Mystischen zusammen, welche den See, vor allem ein angrenzendes, hügelartig ansteigendes Waldstück, genannt der Topenbühl, umwallte. Dieser hieß im Volksmund auch ’Totenbühl’, weil es dort nachts angeblich spuken soll. So war es nicht ver­wunderlich, dass diese Orte als unheim­lich und dämonisch verschrieen wa­ren und von Wanderern und Ausflüglern gerne gemieden wurden.

Elmar dagegen hatte als Heranwachsender jedem Aberglauben abgeschwo­ren, auch eingedenk der phantastischen Erzählungen seiner Großmutter, die er schließlich als Knabe doch bald durchschaute. Fortan kümmerten ihn die zahlreichen Schauerges­chichten nicht weiter, welche um den Runeweiher und den „Totenbühl“ gesponnen wurden. Er hielt sie allesamt für Hirnge­spinste. Der See verlor für ihn nicht nur die Aura des Schreckens, er avan­cierte sogar zu einem bevorzugten Ziel sei­ner Wande­rungen und Radaus­flüge, ja es gab schließlich keinen Ort, den er zusammen mit sei­nen Freun­den lieber aufgesucht hätte, um entweder mit ihnen auf die silbrige Was­serfläche hinauszuschwimmen oder - alleine in einem Ruderboot treibend - mitten im einsam ruhenden und wie verzaubert daliegenden See vor sich hinzuträu­men.

Auch sein Vater hielt nichts von dem abergläu­bischen Geraune, welches man immer wieder in den Dörfern diesseits und jenseits des Stein­firstsees vernehmen konnte. Alle diese Schauer­märchen hielten ihn nicht davon ab, ein klei­nes, direkt am Seeufer gelegenes Grundstück vom Gemeindefiskus zu pachten in der Absicht, dort, in der Stille des Runenwaldes, ein Blockhaus mit kleinem Garten zu errichten. Es sollte sei­ner Familie als Wochenendhaus dienen, damit sie an langen, heißen Sommerwochen­enden sich erholen und einen kurzer Badeurlaub bequemer genießen könnten. Dieses Häuschen wurde denn auch innerhalb kur­zer Zeit errichtet, und zwar im Selbstbauver­fahren - nur das Fundament mit einem Kriech­keller für ...

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