Logo weiterlesen.de
Ukminas Geheimnis

Über die Autorin

Ukmina Manoori ist Afghanin und eine Bacha Posh. Sie kämpfte im Krieg gegen die Russen, pilgerte nach Mekka und wurde in das Parlament der Provinz Khost gewählt. Vor der UNO sprach sie über die Rolle der Frauen in Afghanistan.

Ukmina Manoori
in Zusammenarbeit mit
Stéphanie Lebrun

Ukminas
Geheimnis

Mein Doppelleben unter Männern
in Afghanistan

Aus dem Französischen von
Monika Buchgeister

Inhalt

Vorwort

Teil 1: Entscheidungen

1 – Von Kabul nach New York

2 – Du wirst ein Junge sein, meine Tochter

3 – In der Haut eines Mannes

Teil 2: Krieg

4 – Mit sechzehn Jahren im Dschihad

5 – Zeit der Helden

6 – Gefangene unter den Taliban

Teil 3: Wandel

7 – Die erste Wahl

8 – Allein mit Allah

9 – Kandidatin im Dienste der Frauen

10 – Die Hand von Präsident Karzai

11 – Das Leben mit den amerikanischen Truppen

12 – Badgaï – das Opfer eines Frauenlebens

Epilog

Danksagung von Stéphanie Lebrun

Die Frau hat das Recht, auf das Schafott zu steigen; sie muss gleichermaßen das Recht besitzen, ein Podium zu besteigen.

Olympe de Gouges, Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin, 1791

44933.jpg

Vorwort

Sie werden Bacha Posh genannt, wörtlich: »als Jungen verkleidete Mädchen«. Bei ihrer Geburt treffen ihre Eltern folgende Entscheidung: Sie bestimmen von sich aus, dass ihre Tochter ihr Aussehen, ihren Namen und ihre Identität ändert. Sie wird in den Augen aller zum Sohn der Familie. Eine alte afghanische Tradition erlaubt es den Familien ohne Sohn tatsächlich, eine ihrer Töchter zu verkleiden, um die Ehre der Familie zu retten. In dieser von männlichen Werten so sehr beherrschten Gesellschaft mindert es das Ansehen einer Familie beträchtlich, wenn sie keinen Sohn hat, und außerdem ist es alles andere als praktisch: Ein Mädchen kann nicht arbeiten gehen, vermag nicht, allein Vorräte für den Haushalt herbeizuschaffen, und kann auch nicht bei Tätigkeiten außerhalb des Hauses zur Hand gehen; ein Mädchen ist eine Last. Aber man muss ihm lediglich die Haare kurz schneiden, und schon kann es Aufgaben übernehmen, die den Männern vorbehalten sind. Eine Bacha Posh kann nach einem afghanischen Aberglauben sogar dazu beitragen, das Unglück von einer Familie abzuwenden und die Geburt eines Sohnes zu begünstigen.

In Afghanistan gibt es vermutlich Tausende Mädchen, die sich bereits als Kleinkinder auf diese Weise verkleiden müssen. Eine vertrauenswürdige Statistik darüber existiert freilich nicht. Dieses Vorgehen ist zugleich üblich und notwendigerweise diskret. Die Eltern verkünden nicht laut und deutlich: »Das ist meine Tochter, sie ist eine Bacha Posh!«, sondern sie sagen: »Das ist mein Sohn!« In den Dörfern tragen die Mädchen den Shalwar Kamiz, die aus einer Hose und einem langen Hemd bestehende traditionelle Männerkleidung. In der Hauptstadt Kabul sind sie in Jeans und Kapuzenpulli unterwegs, sie spielen Fußball und Tennis, sie begleiten ihre Mütter auf den Bazar, sie verteidigen ihre kleinen Schwestern auf dem Pausenhof, sie sind der Mann in der Familie, wenn der Vater abwesend ist. Wer ist nun dabei der Betrogene? Wer vergisst, dass unter dem Shalwar Kamiz das Herz eines kleinen Mädchens schlägt? Die direkten Familienangehörigen spielen das Spiel mit, die Nachbarn ebenso, und auch die Geistlichen. Letztere verurteilen die Eltern, die diese Entscheidung treffen, nicht, und manchmal ermutigen sie sie sogar, denn sie sehen darin keinerlei Verstoß gegen den Islam – bis zu einem gewissen Zeitpunkt …

Denn in der Pubertät muss dieses Spiel ein Ende haben. Jetzt handelt es sich mit einem Mal um ein schwerwiegendes Problem, das auf eine ganz einfache Weise geregelt werden muss: Die Rückkehr zum Ausgangspunkt soll alles klären, die Mädchen müssen ihren Shalwar Kamiz vergessen, stattdessen den Niqab – einen Gesichtsschleier – tragen, zu Hause bleiben, häusliche Pflichten übernehmen, sich auf die Hochzeit und die Mutterschaft vorbereiten … kurz, sie müssen in die den Frauen zufallende Rolle schlüpfen. Die Mullahs achten mit strengem Auge darauf und verfolgen die Widerspenstigen, die in der Sünde leben und ihre Identität weiterhin leugnen wollen. Aber sind es Widerspenstige? Oder gar Rebellinnen? Diejenigen, die sich weigern, in den Augen der Gesellschaft zu Frauen zu werden, weil sie die Freiheit der Männer gekostet haben, können darauf nicht mehr verzichten. Wie viele sind es? Auch hierüber gibt es keinerlei Statistik, denn in diesem Fall ist das Thema tabu.

Von diesen Mädchen wollen wir sprechen. Sobald sie zwölf Jahre alt sind, beginnt ihre Umgebung damit, ihnen zu sagen, dass sie ein Kleid und einen Schleier werden tragen müssen, und der bloße Gedanke, sich so ausstaffiert zu sehen, verursacht ihnen Beklemmungen. Sie sind als Jungen groß geworden, sie spielen mit ihnen, laufen durch die Straßen, um zu arbeiten, gehen in die Schule, erledigen Einkäufe – sie sind so frei wie die echten Jungen. Und dann befinden eines Tages ihre Eltern, der Mullah des Viertels, ihre Angehörigen, alle um sie herum: Jetzt ist es vorbei, alles ist vorbei. Keine Tennisstunden mehr, auch wenn du afghanische Meisterin bist, keine Schule mehr, auch wenn du vorhattest zu studieren, keine Freunde mehr, selbst wenn du sie schon seit der Kindheit kennst, keine kurzen Haare mehr, kein Leben mehr ohne Zwänge – du wirst nun eine Frau werden. Für viele dieser jungen Mädchen ist es jedoch bereits zu spät. Stellen Sie sich das vor: Sie werden wie ein Junge erzogen, Sie wachsen nach männlichem Vorbild heran, und von heute auf morgen sagt man Ihnen, dass Sie sich kleiden, bewegen, verhalten, denken und handeln sollen wie ein Mädchen. Für manche ist das schlicht unmöglich. Dann klammern sie sich an diese Lüge, in deren Dunstkreis sie seit ihrer Geburt leben. Sie gehen allein und ohne Schleier aus, sie arbeiten so, wie es ihnen gefällt, sie besuchen die Schule und treiben Sport … Sie halten ihren Körper im Zaum, obwohl er sich auch äußerlich verändert. Sie verstecken ihre Brust und binden sie ab. Das Leben als Bacha Posh ist für sie ein Mittel, um in einer Gesellschaft zu überleben, deren konservative Strenge so weit reicht, dass sie aus den Frauen Bürger zweiten Ranges macht: Sie sind der Freiheit beraubt, sind Gewalttätigkeiten und ungerechten Gesetzen ausgeliefert. Noch heute sind achtzig Prozent der afghanischen Frauen Analphabeten.

Sind die Mädchen dann sechzehn Jahre alt, wird der soziale Druck übermächtig, die emotionale Erpressung unerträglich: »Du beleidigst Allah, wenn du deine Identität verleugnest, du bringst Schande über unsere Familie.« Zu diesem Zeitpunkt geben viele nach und verzichten mit Bedauern auf ihren Shalwar Kamiz, ihre Jeans und T-Shirts; sie lernen, sich die Nägel zu lackieren, sich zu schminken, Kleider und den Schleier zu tragen, ja manchmal sogar, unter einer Burka zu verschwinden. Aber sie werden niemals Frauen sein wie die anderen: Sie werden mit Wehmut an eine idealisierte Vergangenheit zurückdenken und viel mehr als andere Frauen ein Bewusstsein dafür haben, welcher Graben Frauen und Männer in Afghanistan trennt, da sie eine Zeitlang auf der anderen Seite gelebt haben. Manche bekennen auch, dass diese traumatische Erfahrung ihnen letztlich geholfen hat: Die heutige Abgeordnete Azita Rafat, eine ehemalige Bacha Posh, erzählt, dass sie aus ihrer Kindheit als Junge die Kraft und die geistige Unabhängigkeit schöpfte, um es später zu wagen, sich bei der Wahl als Kandidatin aufstellen zu lassen.

Und dann gibt es noch die anderen, die nicht nachgeben. Sie bleiben hartnäckig und weigern sich, ihre Männerkleider und Männergewohnheiten abzulegen. Sie begehen die Sünde, aufsässige Frauen zu bleiben. Es sind wenige, die dies tun, und sie tun es in aller Stille, denn sie setzen ihr Leben aufs Spiel. Sie haben die mentale Kraft erlangt, diese Metamorphose zu leben und sich ein so maskulines Aussehen zu verleihen, dass sie unentdeckt bleiben: Sie werden zu Männern unter Männern. Und in ihrer Männerkleidung trotzen sie den Verboten.

Zu ihnen gehört Ukmina. Sie wurde in den Bergen im Osten Afghanistans geboren, in der Umgebung von Khost nahe der Grenze zu Pakistan. Mitten im Gebiet der Paschtunen, einer ihren Traditionen und Gesetzen streng verhafteten Volksgruppe, in der die Frauen eingeschlossen unter ihrer Burka leben. Bei ihrer Geburt beschloss ihr Vater, dass sie der Sohn der Familie sein würde. Sie wuchs unter Jungen und mit deren Spielen auf, sie übernahm die Verantwortung, auf ihre Mutter und ihre Schwester aufzupassen. Als Jugendliche weigerte sie sich, wieder ihre Identität als Mädchen anzunehmen und damit ins zweite Glied zurückzutreten, sie widersetzte sich dem Willen ihres Vaters sowie dem der religiösen Führer. So öffnete sie sich selbst die Tür zu einem außergewöhnlichen Leben. Sie machte den Krieg gegen die Sowjetunion mit, floh in die Berge und unterstützte die Mudschaheddin. Sie erlangte den Beinamen Ukmina die Kriegerin, und den fortdauernden Respekt der Männer ihres Dorfes.

Nach diesem Konflikt war es zu spät, um einen anderen Weg einzuschlagen. Unter dem Regime der Taliban musste sie sich verstecken, aber ihre Männerkleidung gab sie nicht auf. Mit der Rückkehr der Demokratie machte sie sich mit ihrem Pilgerstab auf den Weg und klopfte in den Dörfern ihrer Region an jede Tür, um die Frauen davon zu überzeugen, ihre Rechte einzufordern. Ein paar Jahre später wurde sie mit triumphalem Erfolg in den Rat der Provinz Khost gewählt und schüttelte Präsident Karzai die Hand. Obwohl Ukmina Analphabetin ist und über keine Geldmittel verfügt, flog sie im März 2012 auf Einladung nach New York, um dort in Gegenwart von Michelle Obama und Hillary Clinton an der Verleihung eines hohen Preises teilzunehmen. Die Erzählung von Ukmina der Kriegerin, ist die Erzählung einer Rebellin mit einem großen Herzen. Dreißig Jahre Geschichte Afghanistans aus dem Blickwinkel einer Frau, die so frei sein wollte wie ein Mann. Und es ist zugleich eine Hommage an all diese mutigen, starken, beispielhaften und bewundernswerten Frauen. An Frauen, die sich weigern, unsichtbar zu sein; die sich weigern, in eine Burka gekleidet Mauern entlangzuhuschen, sich der Sklaverei einer Ehe zu unterwerfen und ihre prinzipielle Minderwertigkeit zu akzeptieren.

Sie haben das Aussehen eines Mannes angenommen, um besser für die Rechte der Frauen kämpfen zu können. Und sie zahlen einen hohen Preis dafür.

Stéphanie Lebrun, 2013

Teil 1

Entscheidungen

1
Von Kabul nach New York

Spiegel habe ich nie gemocht. Die Türen des Aufzugs öffnen sich, und da bin ich, mir direkt gegenüber, unausweichlich. Vierundfünfzigste Etage. Mein Blick kreuzt denjenigen eines Mannes ohne Bart, einer Frau ohne Charme. Breites Kreuz, kräftiger Kiefer. Das bin ich. Eine spitze Nase, schmale Lippen. Ich trete einen Schritt nach vorn und lächle, um meinen falschen Goldzahn zum Vorschein zu bringen. Er hat seinen Glanz verloren, ich werde ihn auswechseln müssen. Meine Augen. Ihre Farbe habe ich nie genau herausfinden können. Weder blau noch grün noch braun. Zarze, wie es in der Sprache meines Volkes, dem Paschtunischen, heißt. Siebenundvierzigste Etage. Ich weiche zurück. Das Alter hat meiner männlichen Stärke Abbruch getan. Geblieben sind die Arme eines Holzfällers, die Beine eines Schäfers, die Beleibtheit eines gesunden Afghanen. Was werden sie dort unten von mir denken? Ich bin trotz allem ein wenig eingeschüchtert. Dieses Hotel für Reiche, diese Konferenz mit so vielen wichtigen Leuten. Es sieht so aus, als würden auch Michelle und Hillary daran teilnehmen. Michelle Obama und Hillary Clinton. Das bringt mich jetzt doch zum Schmunzeln! Was habe ich hier verloren?

Fünfunddreißigste Etage. Ein schwarzer Turban mit schmalen weißen Streifen thront auf meinem Kopf, einige Strähnen meines grauen Haars sehen darunter hervor. Ein beigefarbener Shalwar Kamiz, eine ärmellose graue Wollweste: So sieht meine Männer-Uniform aus. Dazu ausländische Männerschuhe, so wie man sie im Westen trägt. Seit fast vierzig Jahren bin ich auf diese Weise gekleidet, seit ich beschlossen habe, eine Bacha Posh, eine als Mann gekleidete Frau zu sein.

Einunddreißigste Etage. Ist es diese Kleidung, die mich hierhergeführt hat, ins Zentrum der Vereinten Nationen? Zähle ich deshalb zu den in der ganzen Welt ausgewählten Frauen, unter denen nun eine den Preis der »Mutigsten Frau der Welt« davontragen soll? Dabei habe ich bis vor drei Monaten noch niemals etwas von diesem 8. März gehört, dem internationalen Frauentag. All das hat Shakila ins Rollen gebracht. Sie hat mich während dieses Seminars in Kabul aufgesucht: »Wir haben gleich an dich gedacht, Ukmina. Du bist gewählt worden, um Afghanistan zu vertreten. Wenn du willst, kannst du mit der Delegation reisen, die am 8. März nach New York fliegt.« Das war im Januar. Ich habe nachgedacht und schließlich angenommen. Jede Gelegenheit, um über mein Land zu sprechen, muss genutzt werden. Es stand mir zu, in Begleitung zu reisen, eine Person meiner Wahl mitzunehmen, eine Person, die die englische Sprache beherrscht beispielsweise. Meinen Ehemann beispielsweise. Aber ich bin nicht verheiratet, und niemand in meiner Familie ist dieser Sprache mächtig. Ich wollte beinahe schon wieder Abstand von dieser Reise nehmen. Ich hatte Angst, das gebe ich zu. Ich, Ukmina, die gegen die Russen kämpfte, die den Taliban Widerstand leistete, die Präsident Karzai die Hand geschüttelt hat, fand mich unversehens auf meine Ausgangsposition zurückverwiesen: Ich war lediglich eine ungebildete Frau vom Lande, aus dem abgelegenen Osten Afghanistans. Eine beliebige Paschtunin. Und dann dachte ich an Badgaï, an die Frau, deren Strahlkraft mein Leben entscheidend geprägt hat, jene Frau, die in ihren Männerkleidern die Gesetze, Gebräuche und Ängste hinter sich ließ – und ich flog mit nach New York. Aber, um aufrichtig zu sein, ich war sehr nervös. Es ist so weit fort, sagte ich mir, und dort werden all jene Frauen sein, die gewiss die unglaublichsten Dinge in ihrem Leben vollbracht haben. Was habe ich da zu suchen? Was werde ich überhaupt sagen? Derlei Überlegungen ließen mich richtiggehend krank werden. Vor meiner Abreise hatte ich mehrere Tage lang Fieber.

Die Reise mit dem Flugzeug war schrecklich, ein Albtraum. Sie dauerte sehr lang, und ich verstand nichts von dem, was um mich herum gesprochen wurde. Wir landeten in Washington und hoben wieder ab in Richtung New York. Und nun bin ich hier, in diesem Aufzug.

Zwölfte Etage. Ein Mann betritt den Aufzug. Ein Angehöriger einer westlichen Nation. Gut sieht er aus in seinem grauen Anzug. Er betrachtet mich, ist überrascht, verunsichert. Ich sehe genau, dass er nicht so recht weiß, mit wem er es zu tun hat. Guten Tag, Monsieur? Guten Tag, Madame? Er zieht es vor, lieber keine Entscheidung zu treffen, lächelt mich zurückhaltend an und wendet mir den Rücken zu. In Khost, der Provinz, aus der ich komme, nennt man mich auf der Straße »Onkel«. So bezeichnet man einen Mann reiferen Alters.

Nach meinen Papieren bin ich fünfundvierzig Jahre alt, aber ich sehe fünfzehn Jahre älter aus. Das raue Klima in den Bergen und mein dortiger Lebenswandel haben ihre Spuren in meinem Gesicht hinterlassen, die Falten sind tief. Zweite Etage. Jetzt bin ich trotz allem bei den Vereinten Nationen angekommen! Und wieder denke ich an dich, Badgaï, du starke und tapfere Frau, die den Mut hatte, den kein »echter« Mann gehabt hätte. Du hast König Amanullah zur Rechenschaft gezogen wegen der Ermordung deiner beiden Brüder. Traurig und stolz kehrtest du heim mit den beiden Leichnamen. Du, der Mann mit dem Körper einer Frau, die Frau mit dem Herzen eines Mannes, bist der Leitstern in meinem Leben. Und dir widme ich diesen Augenblick.

Ding-Dong! Wir sind am Empfang angekommen.

Der Aufzug überlässt mich jetzt diesem Land, Amerika. Und das ist furchteinflößend.

So viele Leute an einem Ort hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen. Frauen, viele Frauen. Mutige Frauen, nehme ich an. Aber ich mochte sie nicht. Sie sprachen und lachten laut, so laut, dass ich mir bisweilen am liebsten die Ohren zugehalten hätte. Und ihre Art, sich zu kleiden … Nackte Beine, nackte Schultern, entblößte Hälse. Das hatte ich noch nie gesehen, natürlich nicht in meinem Dorf, aber auch nicht in Khost, Kabul oder Mekka, wohin mich meine Wege bisher geführt hatten. Die freie Frau. Sah so diese Freiheit aus? Bedeutete es, dass man seinen Körper vor den Blicken aller zur Schau stellte? Für mich bedeutet Freiheit, respektiert zu werden. Und dafür muss man die anderen Menschen respektieren, ihnen nicht aufzwingen, was sie vielleicht nicht sehen wollen. Die Freiheit – das waren für mich jene Frauen, Ärztinnen, Anwältinnen, Ingenieurinnen, mit denen ich gesprochen hatte, die ihre Wünsche und Talente verwirklicht, jene Frauen, die ihre Chance ergriffen hatten, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort geboren worden zu sein, um etwas Nützliches zu tun. Jene Frauen, die sich selbst verwirklichen durften, was wir Afghaninnen nicht können. Außer wir wenden eine List an. Außer wir geben einen Teil unserer selbst auf, außer wir leugnen, als Frau geboren worden zu sein, beispielsweise. Und um das zu tun, bedarf es einer Menge Mut und vieler Opfer.

Mir unbekannte Personen stellten mich anderen mir unbekannten Personen vor. Man machte Fotos von mir. Hinter mir wurde getuschelt, und so drehte ich mich zu einer Afghanin aus der Delegation um, die einige Worte Englisch verstand: »Sie reden über dich, Ukmina. Sie nennen dich Ukmina die Kriegerin.« Andere riefen mir zu: »Sie sind also die als Mann gekleidete Afghanin!« Manchmal lächelte ich, manchmal schaute ich finster drein, presste die Lippen aufeinander und kniff die Augen zusammen, wie ich es vorhin im Aufzug vor dem Spiegel getan hatte. Frauen aus dem Iran, dem Irak und Deutschland stellten mir Fragen: War es üblich für eine Afghanin, sich wie ein Mann zu kleiden? Gab es noch andere Frauen, die das taten? Ja, ich weiß, dass ich nicht allein bin, dass ich nicht die Einzige bin. Andere Frauen sagten zu mir: »Sie sind ein Held – eine Heldin!« Was sollten sie auch schon sagen?

Ich war gekommen, um über unser Land zu sprechen, über die Lebensumstände der Frauen, den Krieg, die Zukunft. Und ich nahm kein Blatt vor den Mund, ich ließ keine Gelegenheit aus, um an das Chaos zu erinnern, das die amerikanische Intervention gestiftet hatte.

»Sie sind nach Afghanistan gekommen, Sie haben Ihre Hunde mitgebracht und in unsere Häuser gelassen. Wir Afghanen verabscheuen Hunde. Es sind unreine Tiere für uns, die die Engel verschrecken und davon abhalten, uns zu besuchen. Sie haben unsere Kultur nicht verstanden.« Ich möchte nicht behaupten, dass diese Worte dazu geführt haben, dass nicht ich den Preis als »Mutigste Frau des Jahres« erhalten habe, aber günstig war meine Wortwahl sicher nicht! Am Ende war die Preisträgerin sogar eine Afghanin, aber sie war ein ganz anderer Typ als ich, und zudem war sie sehr gebildet. Aber ich bedaure nichts. Es war schließlich meine Pflicht, mein Land zu vertreten, und da kann ich die Wahrheit nicht zurückhalten, da muss ich sagen, was die Leute dort denken. So bin ich nun mal.

Deshalb schreibe ich jetzt auch dieses Buch. Ich möchte die Wahrheit über uns Frauen von Afghanistan erzählen. Weil ich mein Leben lang als Mann aufgetreten bin, kann ich das heute tun. Was für ein Paradox! Aber ich ergreife diese Gelegenheit. Erst vor Kurzem habe ich erfahren, dass ich nicht die einzige Afghanin mit diesem außergewöhnlichen Schicksal bin. In unserem Land sind wir, die Bacha Posh, die »als Mann verkleideten Frauen«, sehr verschwiegen, vorsichtig und zurückhaltend. Niemand kann sagen, wie viele wir sind. Wir haben uns zu einem bestimmten Zeitpunkt in unserem Leben dafür entschieden, nicht auf die Freiheit zu verzichten, die wir durch das Tragen männlicher Kleidung erhielten. Aber dafür setzen wir jeden Tag unser Leben aufs Spiel. Ich schreibe dieses Buch, bevor ich alt und krank werde, bevor ich nicht mehr in der Lage bin, mich an mein Leben und an mein außergewöhnliches Schicksal zu erinnern. Die Leute wollen wissen, warum manche afghanische Frauen diese Entscheidung treffen. Ich denke, sie werden dies nach der Lektüre dessen, was ich ihnen von meinem Leben erzählen werde, verstehen. Ich will ihnen von uns allen erzählen, von uns Afghaninnen, die wir darum kämpfen, nicht mehr nur Phantome zu sein; die wir darum kämpfen, in die Welt der Sichtbaren zurückzukehren. Wir kämpfen darum, uns nicht mehr unter der Burka verstecken zu müssen, aber genauso sehr kämpfen wir auch darum, uns nicht mehr unter Männerkleidung verstecken zu müssen.

2
Du wirst ein Junge sein, meine Tochter

Mein Geburtsdatum kenne ich nicht. Bei uns feiert man Geburtstage nicht. In meinen Ausweispapieren steht, dass ich nach dem iranischen Sonnenkalender, der bei uns Paschtunen gilt, im Jahr 1346 geboren bin – was dem Jahr 1968 entspricht. Das ist jedoch eine bloße Annahme, ein zufälliges Datum, ich besitze keinerlei Geburtsurkunde oder ein anderes offizielles Dokument, das meine Geburt anzeigt. Als ich einen Ausweis beantragen musste, begann meine Mutter zu rechnen: »Du musst etwa 1346 geboren worden sein«, erklärte sie mir. »Vielleicht auch zwei Jahre früher oder später. Es war ein Tag im Frühling«, da war sie sich ganz sicher. Sie erinnerte sich vor allem daran, wie sie und mein Vater unmittelbar nach meiner Geburt darum bangten, ob ich wohl überlebte. Denn sie hatten bereits zehn Kinder verloren.

Ich mag den Vornamen meiner Mutter, Suadiqua – was in unserer Sprache, dem Paschtunischen, so viel bedeutet wie »Eine aufrechte Person«. Denn das war meine Mutter wirklich, aufrecht und tapfer. Ihr Leben ähnelte demjenigen aller Frauen hier. Es ist ein Leben der Unterwerfung. Sie war Waise und hat im Alter von fünfzehn Jahren geheiratet. In unserer Gemeinschaft ist eine Frau ohne Vater und ohne Bruder eine Frau ohne Schutz: Sie braucht so früh wie möglich einen Ehemann. Man hatte meinen Vater für sie gefunden, der fünfzehn Jahre älter war als sie. Er besaß Grund und Boden und auch Tiere: Schafe, Ziegen, Kühe, Esel und ein Kamel. Ihr künftiger Ehemann war einer der reichsten und geachtetsten Männer des Dorfes. Sein üppiger Bart färbte sich bereits hier und da grau, er galt vielen als der Dorfvorsteher und schlichtete immer wieder Streitigkeiten unter Nachbarn, wenn die Bewohner ihn um Rat fragten.

Er war eine gute Partie, meine Mutter hatte es gut getroffen. Sie war in das Haus ihrer Schwiegerfamilie gezogen: ein in Stampfbauweise errichtetes Gehöft samt Ställen am ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Ukminas Geheimnis" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen