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Überraschung im Südseeparadies

Raye Morgan

Überraschung im Südseeparadies

1. KAPITEL

Marco Di Santo setzte sich auf den wackeligen Bambusstuhl und stützte lässig den Arm auf den kleinen Cafétisch. Der Passatwind machte die Nachmittagshitze etwas erträglicher. Trotzdem wettete er darauf, dass außer ihm niemand auf der Insel so verrückt war, bei diesem Wetter einen Anzug zu tragen.

War er geschäftlich hier, oder suchte er nach einer verlorenen Liebe? Vielleicht musste er sich endlich entscheiden und sich dementsprechend verhalten. Mit der freien Hand nahm Marco ein zerknittertes Foto aus der Tasche und strich es auf dem Tisch glatt. Nachdem er einmal tief durchgeatmet hatte, betrachtete er es wieder.

Obwohl er es sich schon so oft angesehen hatte, lief ihm jedes Mal ein prickelnder Schauer über den Rücken, wenn er in jene faszinierenden blauen Augen blickte – Augen, wie es sie nur auf den Covers von Science-Fiction-Büchern oder Plakaten von Fantasyfilmen geben konnte.

Der Schaltermitarbeiter am Flughafen von Kanaii hatte sie allerdings sofort wiedererkannt.

„Ja, das ist Shayna. Vielleicht finden Sie sie in Kimos Café. Sie arbeitet manchmal dort.“

Und genau da befand er sich jetzt und fragte sich, warum ihm nichts bekannt vorkam. Aus den Augenwinkeln sah er einen festen Po in weißen Shorts und lange, gebräunte Beine. Da er noch keinen Blickkontakt aufnehmen wollte, wandte er nur leicht den Kopf. Als Nächstes bemerkte er ein hauchdünnes Top, das volle Brüste betonte, welliges, fast schulterlanges blondes Haar und ein hübsches, fröhliches Gesicht. Er fluchte leise auf Italienisch und betrachtete dann wieder das Foto.

Ja, er hatte die Frau gefunden. Aber er hatte sie noch nie zuvor gesehen.

Wer zum Teufel mochte sie sein? Der Mann am Flughafen hatte sie Shayna genannt, also hieß sie vermutlich auch so. Mehr wusste er nicht über sie.

Marco steckte den Schnappschuss wieder in seine Hosentasche, bevor er sich zurücklehnte und den Blick über die Terrasse des trendig schäbigen Strandcafés schweifen ließ. Er würde warten, denn irgendwann musste sie zu ihm kommen.

Seltsam, dass er sich nicht an sie erinnern konnte. Er wusste überhaupt nichts mehr von dem zweiwöchigen Urlaub, den er hier auf den Traechelle-Inseln verbracht hatte. Und er hatte wirklich angestrengt nachgedacht – ohne Erfolg. Der Unfall –

oder etwas, das sich während seines Aufenthalts hier ereignet hatte – hatte bewirkt, dass sein Gehirn es ausblendete. Der Psychiater, der ihn nach seinem Krankenhausaufenthalt betreute, hatte es als selektive Amnesie bezeichnet.

„Wahrscheinlich setzt Ihr Erinnerungsvermögen nach und nach wieder ein“, hatte er gesagt und ihn dabei betrachtet, als wäre er eine Versuchsperson in einer klinischen Studie. „Interessanter Fall. Ich hoffe, Sie halten mich über Ihre Fortschritte auf dem Laufenden.“

Wenn die moderne Wissenschaft ihm nicht helfen konnte, musste er es wohl selbst tun. Jedenfalls machte es ihm ziemlich zu schaffen. Jene zwei Wochen erschienen ihm wie ein großes schwarzes Loch. Und das hinderte ihn daran, weiterzumachen wie bisher. Er wusste, dass er auf diese Insel geflogen war, aber nicht, was er hier gemacht und mit wem er seine Zeit verbracht hatte.

Ein zusätzliches Problem bestand darin, dass er einige wichtige Entwürfe vermisste, an denen er gearbeitet hatte. Hatte er sie auf der Insel zurückgelassen? Er musste es so schnell wie möglich in Erfahrung bringen und sie finden. Also war er zurückgekommen, in der Hoffnung, die Ereignisse jener zwei Wochen zu rekonstruieren.

Jetzt kam sie aus dem Café, ein Tablett mit bunten Cocktails in Händen. Er beobachtete, wie sie es auf einen Tisch, an dem Touristen saßen, stellte und die Gläser zu verteilen begann. Als jemand etwas zu ihr sagte, lachte sie schallend. Dabei warf sie den Kopf so zurück, dass die sanfte Brise ihr die blonden Locken ins Gesicht wehte. Marco hörte ihre Stimme, verstand allerdings nicht, was sie erwiderte, weil sie zu weit weg stand. Starr blickte er sie an und nahm für einen Moment sogar seine verspiegelte Pilotenbrille ab, um sie besser erkennen zu können. Eigentlich hätte der Klang ihrer Stimme etwas bei ihm auslösen müssen.

Doch es passierte nichts.

Erneut nahm Marco den Schnappschuss aus seiner Tasche, um ihn zu betrachten. Ja, es handelte sich um dieselbe Frau. Sie lachte genauso wie in diesem Moment, und er hatte ihr vertraulich den Arm um die Schultern gelegt. Als das Foto gemacht wurde, waren sie ein Liebespaar gewesen, daran bestand kein Zweifel. Allein diese Erkenntnis ließ heißes Verlangen in ihm aufflammen. Wie hatte er so etwas nur vergessen können?

Nun nahm sie das leere Tablett vom Tisch und sagte etwas zu den Touristen, das diese laut lachen ließ. Innerlich wappnete er sich für den Moment, in dem ihre Blicke sich begegnen würden. Wie würde sie wohl reagieren? Würde sie ihn erkennen? Ihn anlächeln und auf ihn zueilen, um ihn zu umarmen und zu küssen? Würde sie seinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen?

Doch sie stand schon an einem anderen Tisch, um die Bestellung aufzunehmen. Noch würde er es nicht erfahren. Marco entspannte sich. Er konnte sie noch einen Moment beobachten.

Und das tat er gern, denn ihre Bewegungen waren anmutig, geschmeidig und auf eine gewisse Weise sehr sinnlich. Allein sie zu betrachten sprach seine männlichen Instinkte an.

Dennoch kam ihm nichts an ihr bekannt vor.

Er hatte angenommen, allein seine Rückkehr würde die Blockade lösen und die Erinnerungen wachrufen. Bisher war das allerdings nicht eingetreten. Nachdem er das Bild entdeckt hatte, war er sich sicher gewesen, dass es reichen würde, wenn er die Frau wiederfand. Eine Schönheit wie diese vergaß man schließlich nicht so leicht.

Marco beobachtete, wie sie sich einen Weg zwischen den Tischen hindurchbahnte. Gleich würde sie ihn bemerken. Der Augenblick der Wahrheit war gekommen.

Lächelnd drehte sie sich zu ihm um, wurde aber sofort ernst, sobald sie ihn sah. Ihre blauen Augen übten eine noch stärkere Anziehungskraft auf ihn aus als auf dem Foto. Jetzt verrieten sie jedoch Entsetzen und nahmen dann einen eisigen Ausdruck an. Schnell wandte sie sich ab und eilte davon.

Es dauerte einige Sekunden, bis ihm klar wurde, dass sie vor ihm floh. Damit hatte er nicht gerechnet. Er sprang auf, um ihr nachzulaufen, aber eine Gruppe junger Leute, die gerade aufgestanden und im Gehen begriffen war, versperrte ihm den Weg. Als er auf der Straße stand, war die Frau verschwunden. Vergeblich hielt er nach ihr Ausschau.

„Verdammt!“, fluchte er leise. Was sollte er jetzt machen?

Shayna Pierce blieb stehen, um tief durchzuatmen und ihren Motorroller zu betrachten. Zuerst hatte sie einfach losfahren wollen – in die Berge. Nur leider gab es hier keine Berge. Sie befand sich auf einer kleinen Insel, auf der sie sich nirgends verstecken konnte, selbst wenn sie es gewollt hätte.

Sie konnte natürlich bis zum Einbruch der Dunkelheit warten und dann mit ihrem Motorboot zu der kleinen Nachbarinsel Coco fahren, auf der sie sich in den letzten vier Wochen aufgehalten hatte. Aber was sollte sie bis dahin machen? Sich in diesem staubigen Schuppen verstecken? Wohl kaum.

Seufzend schob sie ihren Roller nach draußen. Sicher stand er auf der Straße und hielt nach ihr Ausschau. Dass er ihr nicht in den Schuppen gefolgt war, wunderte sie. Schließlich wusste er, wo sie das Fahrzeug abstellte, wenn sie in Kimo’s Café arbeitete. Erneut atmete sie tief durch, bevor sie nach draußen in den Sonnenschein trat.

Warum war er zurückgekehrt? Ein wahres Gefühlschaos tobte in ihr und machte sie schwindelig. Sie musste sich eingestehen, dass allein sein Anblick ihren Puls beschleunigte und es ihr schien, als würde sie in der Achterbahn sitzen. Was konnte man tun, wenn die Gefühle verrückt spielten?

Dagegen ankämpfen, das war alles. Weglaufen nützte allerdings nichts. Sie musste ihn konfrontieren und reinen Tisch machen. Nun, da er hier war, blieb ihr nichts anderes übrig. Leise seufzend stieß sie die Flügeltür auf und schob ihren Roller auf die Straße.

Dort stand er, die Augen mit der Hand beschattet, und sah in die falsche Richtung. Sobald sie den Motor anließ, wirbelte er zu ihr herum und blickte sie starr an. Sie setzte eine überhebliche Miene auf und stieg auf. Dann fuhr sie zu ihm und hielt neben ihm an.

„Steig auf“, sagte sie. „Wir müssen miteinander reden.“

Er nahm die Sonnenbrille ab, um ihr in die Augen zu sehen. Dabei schien es ihr, als würde er vergeblich nach etwas suchen. Sein Blick verriet keine Wärme, keinen Hinweis auf gemeinsame Erinnerungen und Intimitäten. Sie war frustriert. Offenbar verachtete er sie jetzt, hatte es wahrscheinlich schon von Anfang an getan. Allerdings beruhte dieses Gefühl in vieler Hinsicht auf Gegenseitigkeit.

Mach dir doch nichts vor, ermahnte Shayna sich. Allein bei seinem Anblick begann ihr Herz, wie wild zu pochen, und sie bekam weiche Knie. Mit dem markanten Profil und den dunklen, von langen dichten Wimpern gesäumten Augen sah er einfach umwerfend aus, ganz zu schweigen von seinem fantastischen Körper und den schönen Händen …

Nein! Schnell sah sie weg, sonst wurde sie womöglich noch ohnmächtig und fiel vom Roller.

„Komm“, forderte sie ihn ungeduldig auf. „Wir fahren zu mir. Dort können wir miteinander reden.“ Sie warf ihm einen flüchtigen Blick zu, um sich Mut zu machen. „Es sei denn, du bist zu beschäftigt.“

Er sagte kein Wort, sondern schwang sich hinter ihr auf den Sitz und hielt sich fest, sobald sie losfuhr.

Ihr Herz raste, und sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sie hatte wirklich geglaubt, sie würde ihn niemals wiedersehen, und nun war er hier. Es gab Hunderte von Gründen, aus denen sie wünschte, er wäre nicht zurückgekommen. Und es gab einen gewichtigen Grund, aus dem sie gegen eine Ohnmacht ankämpfte. Sie war verrückt nach ihm.

Oder zumindest war sie es gewesen, bevor ihr klar geworden war, dass es eine Verbindung zwischen ihnen gab, die eine Beziehung zwischen ihnen unmöglich machte.

Doch nun war er hier, und sie musste sich mit dem auseinandersetzen, was zwischen ihnen gewesen und was schiefgelaufen war. Schließlich waren sie beide erwachsene Menschen.

Shayna spürte den Wind im Haar, während sie die Straße entlangbrauste. Viele Fragen gingen ihr durch den Kopf. Würde er sie alle beantworten? Vor allem wollte sie wissen, ob sie ihm überhaupt je etwas bedeutet hatte, aber die würde sie nicht stellen. Alles sprach dagegen.

Dann musste sie unbedingt in Erfahrung bringen, wie viel ihr Vater ihm gezahlt hatte, damit er sie fand. Und vor allem, warum ihr Vater sich immer noch nicht mit ihr in Verbindung gesetzt hatte. Nachdem ihr klar geworden war, dass Marco für ihn arbeitete, hatte sie fest damit gerechnet, dass jemand auftauchen würde, um sie nach New York zu bringen. Genau deshalb hatte sie sich in den letzten Wochen auf Coco versteckt.

Aber es war weder jemand erschienen, noch hatte sich jemand angekündigt. Hatte Marco etwa beschlossen, ihren Aufenthaltsort doch nicht ihrem Vater zu verraten? Hatte er es sich anders überlegt? Falls ja, deutete sein Verhalten nicht darauf hin.

Dennoch hoffte sie in ihrem tiefsten Inneren, dass er zurückgekommen war, weil … Nein, sie wollte es nicht in Worte fassen und sich irgendwelchen Illusionen hingeben. So naiv war sie nicht.

Nachdem sie auf einer Lichtung nahe ihrem kleinen Haus geparkt hatte, stellte Shayna den Motor ab. Marco stieg ab, und sie folgte ihm, wobei sie sich so cool zu geben versuchte, wie er tat.

Dann passierte jedoch etwas Seltsames. Er blieb stehen und blickte sich um, als wäre er noch nie zuvor hier gewesen. Sonst war er immer sofort zum Haus gegangen.

„Geh weiter“, forderte sie ihn auf, doch er drehte sich um und betrachtete sie argwöhnisch.

„Du zuerst“, sagte er.

Sie krauste die Stirn. Irgendetwas stimmte nicht. War er krank? Von plötzlicher Sorge und Mitgefühl erfüllt, machte sie einige Schritte auf ihn zu.

„Was ist los, Marco?“, fragte sie. „Geht es dir gut?“

Die verspiegelten Gläser seiner Sonnenbrille unterstrichen seine Coolness. „Ja, alles okay“, erwiderte er kurz angebunden. „Komm, geh du vor.“

Shayna zögerte. Er hörte sich so an wie immer. Und abgesehen von dem kalten Ausdruck, den sie vorhin in seinen Augen bemerkt hatte, sah er auch so aus wie immer. Trotzdem stimmte irgendetwas nicht mit ihm. Er schien völlig verändert.

Noch ganz deutlich erinnerte sie sich an ihre erste Begegnung mit ihm vor knapp zwei Monaten. Sie war gerade müde und verschwitzt von einer Wandertour auf der anderen Seite der Insel zurückgekehrt und hatte soeben das Haus betreten wollen, da hörte sie einen Schrei vom Wasser her. Als sie die Augen beschattete, sah sie jemanden in der Lagune wild um sich schlagen und treten. Da sie als Teenager als Rettungsschwimmerin gejobbt hatte, rannte sie sofort zu ihrem kleinen Schlauchboot mit Außenbordmotor.

In diesem Moment fühlte sie sich als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft, weil sie einem Menschen das Leben retten würde.

Mit hoher Geschwindigkeit steuerte sie auf ihn zu. Noch immer schlug er wild um sich. Aber sie brauchte nicht lange, um festzustellen, dass er nicht zu ertrinken drohte. Das Wasser vor dem Riff war kristallklar und nicht besonders tief. Als sie jedoch das Boot stoppte und aufstand, sah sie einen erschöpften Mann, umgeben von einem Schwarm Portugiesischer Galeeren. Der Arme war mitten hineingeraten und versuchte verzweifelt, sich der Tiere zu erwehren.

„Autsch!“, rief sie und zuckte zusammen, als sie die breiten roten Striemen in seinem Nacken, seinen Schultern und sogar in seinem Gesicht sah. „Haben Sie sie denn nicht kommen sehen?“

Er warf ihr einen zornigen Blick zu und fluchte dann laut auf Italienisch, was ihr ein Lächeln entlockte. „Es bringt Sie nicht um, es sei denn, Sie reagieren allergisch darauf“, tröstete sie ihn.

„Na klar“, stieß er hervor. „Ich wünschte nur, ich wäre tot!“

Daraufhin hatte sie die Schultern gezuckt. „Ich weiß, es tut verdammt weh.“ Sie hatte sich um eine ernste Miene bemüht, um ihn nicht noch mehr aufzubringen. „Vergessen Sie nicht, es geht vorbei.“

Shayna schüttelte den Kopf, als sie Marco nun betrachtete. Hätte sie damals doch nur gewusst, wer er wirklich war! Aber hätte es einen Unterschied gemacht? Sie vermochte es nicht zu sagen.

Sie erinnerte sich noch gut, wie sie seinen perfekten Körper betrachtet hatte. Welche Frau wurde beim Anblick eines gut gebauten Mannes nicht schwach? In jenem Moment hatte es allerdings wichtigere Dinge gegeben.

„Kommen Sie ins Boot“, hatte sie ihn aufgefordert. „Ich helfe Ihnen.“

Da er noch immer wild um sich schlug, als wäre er als Mann dazu verpflichtet, die Angreifer zu vertreiben, hatte sie die Geduld verloren.

„Hören Sie, soll ich Sie zum Strand mitnehmen oder nicht? Ich habe noch zu tun.“

Daraufhin zog er sich am Rand hoch und kam ins Boot.

„Wasser“, stieß er hervor, das Gesicht schmerzhaft verzogen.

Damit meinte er nicht, dass er Durst hatte. Verzweifelt deutete er auf ihre Trinkflasche, doch sie nahm einen Becher aus der Kiste.

„Süßwasser eignet sich dafür nicht“, erklärte sie. „Mit Salzwasser kann man die Tentakel besser entfernen und den Schmerz lindern.“

Er warf ihr einen skeptischen Blick zu, ließ es allerdings über sich ergehen, als sie vorsichtig Salzwasser über die Striemen laufen ließ. Er zuckte lediglich zusammen und biss sich auf die Lippe.

„Ich reibe Sie jetzt ab“, verkündete sie, während sie eine distanzierte Miene aufsetzte. Natürlich konnte sie sich nicht der Tatsache verschließen, dass dieser Mann einen Körper zum Niederknien besaß. Als er die Tentakel nun selbst zu entfernen versuchte, hielt sie ihn davon ab.

„So verbrennen Sie sich nur die Hände“, sagte sie.

Sie suchte den Boden des Boots ab und fand einen halbwegs sauberen Lappen. Dann drehte sie sich wieder zu dem Mann um und begann, abwechselnd die gallertartige Masse von seinem Rücken zu entfernen und Wasser darüberlaufen zu lassen. Diese Prozedur wiederholte sie einige Male.

„Und, wie ist das?“, erkundigte sie sich nach einer Weile.

Nachdem er sich zu ihr umgewandt und ihr einen flüchtigen Blick zugeworfen hatte, nahm er ihr den Lappen aus der Hand, um seine Brust zu bearbeiten.

„Gut“, antwortete er. „Ich weiß Ihre Hilfe wirklich zu schätzen, auch wenn ich vielleicht nicht den Eindruck erwecke.“

„Danke“, meinte Shayna zuckersüß und verkniff sich ein Lächeln, als sie beobachtete, wie er weitermachte. Zwischendurch füllte sie den Becher immer wieder neu, um Salzwasser über die verbrannten Stellen laufen zu lassen.

Er hatte wirklich einen fantastischen Körper, durchtrainiert und muskulös. Sie schätzte den Fremden auf etwa dreißig.

Genau richtig für mich, überlegte sie amüsiert. Bisher war sie Männern wie ihm immer bewusst aus dem Weg gegangen.

„So etwas möchte ich nicht noch einmal erleben“, verkündete er, sobald er den größten Teil der Tentakel entfernt hatte. „Ich hatte das Gefühl, bei lebendigem Leib zu verbrennen. Solche Schmerzen hatte ich noch nie.“ Dann runzelte er die Stirn. „Es hat höllisch wehgetan“, fügte er hinzu, als fürchtete er, sie noch nicht ganz überzeugt zu haben.

„Das sagten Sie bereits“, bemerkte sie.

Als er sich daraufhin zu ihr umwandte, wurde ihr klar, dass er sie zum ersten Mal richtig wahrnahm. Er legte den Kopf in den Nacken, um sie von Kopf bis Fuß zu betrachten. Dabei ruhte sein Blick besonders lange auf ihren Beinen. „Sind Sie noch nie mit den Viechern in Berührung gekommen?“

„Nein. Ich achte auf das, was um mich herum passiert.“ Sie wusste, wie selbstgefällig das klang, doch sie konnte der Versuchung nicht widerstehen, ihn ein wenig aufzuziehen.

„Ich habe nur …“ Der Mann verstummte, weil ihm offenbar klar wurde, dass er anfing, sich zu rechtfertigen. Er kniff die Augen zusammen. „Für mich war das eine ganz neue Erfahrung. Es wird nicht wieder vorkommen.“

Sie hatte gelächelt. Sie hatte ihm damals geglaubt, und sie tat es auch jetzt. Marco wirkte nicht wie ein Mann, der irgendwelchen Tagträumen nachhing.

„Sie sahen so schön aus, wie kleine blaue Ballons, die im Wasser auf mich zuschwebten. Ich habe gar nicht gemerkt, dass es sich um Tiere handelt, bis es zu brennen anfing.“

„Viele der schönsten Tiere und Pflanzen besitzen ein tödliches Gift“, hatte sie philosophiert.

Zu ihrer Überraschung hatte er gelacht. „Soll das eine Warnung sein?“

Sie hatte in sein Lachen eingestimmt, als ihr klar wurde, wie doppeldeutig ihre Worte gewesen waren. Seine dunklen Augen hatten amüsiert gefunkelt und sie noch mehr fasziniert. Vielleicht ist er doch nicht so distanziert, wenn er keine Schmerzen mehr hat, hatte sie überlegt.

„Halten Sie sich fest“, hatte sie ihn angewiesen, bevor sie sich an die Ruderpinne gesetzt hatte. „Ich bringe Sie jetzt zum Strand.“

Während sie übers Wasser glitten, hatte sie gespürt, wie er sie betrachtete, und erstaunt festgestellt, dass es ihr gefiel. Inzwischen lebte sie seit fast einem Jahr auf dieser Inselgruppe, und in dieser Zeit hatte sie es bewusst vermieden, bei Männern Interesse zu wecken.

Sie war nicht hier, um sich zu verlieben, sondern um Seelenfrieden zu finden. Sie wollte zurückgezogen leben und den Kontakt zu den Einheimischen auf das Nötigste beschränken. Die Touristen musste sie in Kauf nehmen, weil sie in Kimo’s Café jobbte, doch mit ihrer höflich-distanzierten Art hatte sie Erfolg. Es hatte nur wenige Gelegenheiten gegeben, bei denen sie sich eines übereifrigen Verehrers erwehren musste.

Im Großen und Ganzen fühlte sie sich hier sehr wohl. Niemand schien ihre Anwesenheit zu hinterfragen, und niemand hatte ihr vorgeworfen, sie würde sich verstecken. Vielleicht lag es daran, dass so viele Aussteiger, die es hierher verschlagen hatten, so waren wie sie. Niemand stellte unangenehme Fragen, und so sollte es auch bleiben.

Aber warum ist Marco zurückgekommen?, fragte sie sich jetzt.

Sie betrachtete seinen Hals und stellte fest, dass die Striemen inzwischen verschwunden waren. Dann erinnerte sie sich, wie sie ihr Schlauchboot bei ihrer Rückkehr an dem schmalen Anlegesteg vertäut hatte. Ihr kleines Haus lag ein wenig zurück. Mit den hellgelb getünchten Wänden und den rot blühenden Hibiskusbüschen davor hob es sich von der Umgebung ab.

„Wohnen Sie im Hotel?“, hatte sie sich erkundigt. Flüchtig spielte sie mit dem Gedanken, ob sie den Mann auf ihrem Motorroller dort hinbringen sollte, verwarf ihn dann aber wieder. Womöglich verstand er es falsch, und außerdem würde ein Fußmarsch ihm guttun.

„Gibt es hier denn nur eins?“ Die Vorstellung schien ihn zu amüsieren.

Shayna nickte. „Die Insel ist ziemlich abgelegen. Es verirren sich nicht viele Touristen hierher. Die meisten kommen zum Angeln oder wegen der Regatten, die in der Saison stattfinden.“

„Ach so.“

„Und zu welcher Gruppe gehören Sie?“

„Zu welcher Gruppe?“, wiederholte er verblüfft. „Zu keiner“, sagte er dann. „Sagen wir, ich bin zur Erholung hier.“

Da er es offenbar nicht schätzte, wenn man sich in seine Angelegenheiten einmischte, hatte sie das Thema nicht weiterverfolgt.

Inzwischen wusste sie, dass sie damit wohl einen großen Fehler gemacht hatte. Kurz danach hatte sie herausgefunden, warum er auf die Insel gekommen war – weil er sie gesucht hatte. Und nachdem er sie gefunden hatte, war er ohne sie abgereist.

Und nun war er zurückgekehrt.

Forschend betrachtete Shayna ihn. Warum war Marco jetzt wieder hier?

Er stand noch immer auf der Lichtung und wirkte ein wenig verloren, während sie ihren Erinnerungen nachhing. Dieser neue, veränderte Marco verwirrte sie und wirkte nicht annähernd so attraktiv wie der alte. Allerdings lag es vielleicht daran, dass sie inzwischen Dinge über ihn wusste, die sie vor sechs Wochen nicht einmal erahnt hatte.

Hätte sie ihn an jenem Tag nicht aus dem Wasser gerettet, hätte sie sich wahrscheinlich viele Probleme erspart.

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