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Übermorgen Sonnenschein

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorinnen
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zitat
  8. KAPITEL 1
  9. KAPITEL 2
  10. KAPITEL 3
  11. KAPITEL 4
  12. KAPITEL 5
  13. KAPITEL 6
  14. KAPITEL 7
  15. KAPITEL 8
  16. KAPITEL 9
  17. KAPITEL 10
  18. KAPITEL 11
  19. KAPITEL 12
  20. KAPITEL 13
  21. KAPITEL 14
  22. KAPITEL 15
  23. KAPITEL 16
  24. KAPITEL 17
  25. KAPITEL 18
  26. KAPITEL 19
  27. KAPITEL 20
  28. KAPITEL 21
  29. KAPITEL 22
  30. KAPITEL 23
  31. KAPITEL 24
  32. KAPITEL 25
  33. KAPITEL 26
  34. KAPITEL 27
  35. KAPITEL 28
  36. KAPITEL 29
  37. KAPITEL 30
  38. KAPITEL 31
  39. KAPITEL 32
  40. KAPITEL 33
  41. KAPITEL 34
  42. KAPITEL 35
  43. KAPITEL 36
  44. KAPITEL 37
  45. KAPITEL 38
  46. KAPITEL 39
  47. KAPITEL 40
  48. KAPITEL 41
  49. KAPITEL 42
  50. KAPITEL 43
  51. KAPITEL 44
  52. KAPITEL 45
  53. KAPITEL 46
  54. EPILOG
  55. NACHWORT
  56. BILDTAFELTEIL
  57. DANKSAGUNG

Über die Autorinnen

Jeannine Klos, 1973 in Saarlouis geboren, arbeitet als medizinisch-technische Assistentin in einem Krankenhaus-Labor. Zusammen mit ihrem Mann und den beiden Töchtern lebt sie im Saarland.

Co-Autorin Anne Pütz, ebenfalls 1973 in Saarlouis geboren, studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft in Köln und Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Sie schreibt Drehbücher und Reportagen und dreht Dokumentarfilme. Anne Pütz lebt mit ihrer Tochter in Berlin. Zurzeit bereitet sie einen Dokumentarfilm über vertauschte Babys vor.

Jeannine Klos mit Anne Pütz

Übermorgen
Sonnenschein

Als mein Baby vertauscht wurde

Für meine Mädchen

»Vergiss nicht, dass jede schwarze Wolke
eine dem Himmel zugewandte Sonnenseite hat.«

Friedrich Wilhelm Weber (Arzt und Dichter)

KAPITEL 1

Es sind die sonnigen Tage in unserem Garten, die ich am meisten liebe. Wir alle genießen diese Zeit. Yara springt auf dem Riesentrampolin, Lina planscht im Schwimmbecken, Ralf jätet Unkraut, und ich entspanne im Liegestuhl, trinke einen Cappuccino und schaue dem Treiben der anderen zu. Wir fahren nirgends hin, wir planen nichts, sondern leben einfach in den Tag hinein. Manchmal kommen am Abend spontan ein paar Freunde vorbei, und wir grillen, was noch im Kühlschrank oder in der Vorratskammer zu finden ist. Das ist unser kleines Paradies, unsere heile Welt.

Damals, im Frühjahr 2007, war auch einer dieser herrlichen sonnigen Tage. Ich lag mit dickem Babybauch im Garten und machte mir Gedanken über die bevorstehende Geburt. Bis zur 35. Woche hatte sich die Kleine wie wild in meinem Bauch gedreht, zwanzig Stunden am Tag, er war schon ganz verbeult … und ich hatte das Gefühl, dass sie nie richtig lag. Ob das noch was wird?, grübelte ich. Bestimmt holen sie sie wie Yara mit der Saugglocke oder noch schlimmer: mit einem Kaiserschnitt. Dabei hätte ich so gern ambulant entbunden, das war ein großer Wunsch von mir. Ein paar Stunden im Krankenhaus, und dann alle ab nach Hause. Doch ich befürchtete, dass dieser Wunsch auch dieses Mal nicht in Erfüllung gehen würde. Und während ich meine Gedanken weiter schweifen ließ, sah ich mich plötzlich im Kreißsaal, und Hannah, meine Hebamme, hielt freudestrahlend unser Baby in die Höhe. Da war sie, unsere Kleine! Was für ein wundervolles Kopfkino … Ralf und ich als überglückliche und stolze Eltern. Bevor wir unsere Tochter aber selbst im Arm halten durften, verschwand Hannah mit ihr in einen anderen Raum, wo alle Neugeborenen medizinisch versorgt wurden. Ralf blieb bei mir und streichelte über meinen verschwitzten Kopf. Ungeduldig warteten wir, dass uns unser Kind endlich gebracht wurde – als etwas Ungeheuerliches passierte: Unsere Kleine, die noch kein Namensbändchen bekommen hatte, wurde von der zuständigen Krankenschwester im Untersuchungszimmer mit einem anderen Mädchen, das auch gerade zur Welt gekommen war und ebenfalls noch kein Namensbändchen trug, verwechselt! Die Krankenschwester, die sich beeilte, weil die Säuglinge schrien und weil noch genug Zeit zum Bonding bleiben sollte, brachte uns das falsche Baby zurück. Das Allerschlimmste aber war: Weder ich noch Ralf bemerkten die Vertauschung.

Ein Schauer lief mir den Rücken hinunter; was Fantasie sein sollte, fühlte sich wie gruselige Wirklichkeit an. Und dieser Sonnentag im Garten erschien mir auf einmal gar nicht mehr so strahlend und warm.

Ich wollte diese Schreckensvorstellung am liebsten abschütteln, aber sie überfiel mich wieder und wieder. Ich wunderte mich über mich selbst. Statt Angst davor zu haben, dass meinem Baby während der Geburt etwas passieren könnte – schließlich hatte ich schon oft gehört, was Sauerstoffmangel und andere Komplikationen anrichten konnten –, biss ich mich allein an diesem einen absurden Gedanken fest. Ich hatte weder Angst davor, dass das ungeborene Kind eine Behinderung haben könnte, noch kam mir der Gedanke, dass mir selbst etwas während des Geburtsvorgangs zustoßen könnte, in den Sinn. Und das, obwohl ich solch einen tragischen Fall sogar kannte. Die Schwester meines Exfreundes starb bei der Geburt ihres zweiten Kindes, nachdem ihr eine Ader im Kopf geplatzt war.

Doch nachvollziehbare Ängste quälten mich nicht. Mir graute allein vor dem total unwahrscheinlichen Fall einer Kindesverwechslung.

Es war während einer Milchschnitte- und einer Maggi-Werbung, vielleicht auch, als für o.b. oder Duracell geworben wurde, als ich Ralf zum ersten Mal davon erzählte. »Du? Ich hab Angst, dass unser Baby nach der Geburt vertauscht werden könnte. Stell dir mal vor, man geht mit einem falschen Kind nach Hause! Der totale Horror, oder?«

Mir war schon klar, dass er mich bestimmt nicht in den Arm nehmen und antworten würde: »Schatz, jetzt mach dir mal keine Sorgen. Das wird bestimmt nicht passieren. Aber ich kann dich so gut verstehen, diese Angst beschleicht mich auch hin und wieder.« Ralf, der auch sonst eher ein nüchterner Typ ist, kann sich in Ängste, die für ihn »irreal« sind, einfach nicht hineinversetzen. Ich schätze, so geht es den meisten Menschen, insbesondere den meisten Männern.

»Wie bitte soll das denn passieren? Das ist im Leben noch nicht vorgekommen«, entgegnete er kopfschüttelnd und schaute mich ungläubig an.

»Hör zu: Egal, was passiert – auch wenn ich ins Koma fallen sollte oder so was –, du musst immer bei unserem Baby bleiben. Ja?«

»Warum solltest du denn ins Koma fallen – so ein Quatsch!«

»Ich glaub auch nicht, dass ich ins Koma fallen werde. Aber darum geht es jetzt auch gar nicht! Schwör einfach, dass du Hannah bzw. den Schwestern auf Schritt und Tritt folgen wirst, wenn sie mit unserem Baby aus dem Kreißsaal gehen.«

»Alles klar, mach ich«, versprach er mir brav.

Wie so oft hatten wir auch dieses Mal die Werbepause optimal genutzt, um uns auszutauschen. Darin waren wir in den sechs Jahren unserer Ehe Weltmeister geworden. Es ging sogar so weit, dass wir die vielen Werbeunterbrechungen begrüßten und sie gar nicht mehr als nervige Zerstückelung unseres Fernsehvergnügens empfanden. Besonders für Ralf, der nicht gern viel redet und nicht zugetextet werden will, sind diese überschaubaren Zeitfenster zum Austausch perfekt.

Und ich war erleichtert, dass er mich nicht für verrückt erklärt hatte. Trotzdem nahm ich mir vor dem Einschlafen fest vor, diese Panikmache in meinem Kopf abzustellen. So etwas kannte ich auch gar nicht von mir … Oder doch? Während der Schwangerschaft mit Yara hatte ich auch schon einmal solch unbegründete Angstmomente erlebt, aber eben Momente. Ich war damit allein klargekommen und hatte auch niemandem davon erzählen müssen. Nicht umsonst genoss ich den Ruf einer Susi Sorglos, Ängste gab es in meinem Leben nicht, im Gegenteil, ich war immer zu allen Abenteuern bereit.

Ich war es auch, die am Anfang unserer Beziehung mal aus unserem beschaulichen Saarland herauskommen wollte und Ralf zu einer Reise nach Venezuela überredete – inklusive einer dreitägigen Dschungelwanderung im Orinokodelta. Ich erinnere mich, dass ich vor nichts Angst hatte und mich vor nichts ekelte. Auf dem Esstisch stand ein Glas mit einer riesigen Tarantel, die unser einheimischer Guide gefangen hatte. Auf meinem Haaransatz saßen Hunderte von Stechmücken. Wir mussten aufpassen, nicht in Luftwurzeln zu fallen, und an den Bäumen durften wir uns nicht festhalten, weil sie giftige Dornen hatten oder sich vermeintliche Äste als gefährliche Schlangen entpuppten. Aber Angst verspürte ich nicht! Ich war fasziniert von all den unglaublich lauten Tiergeräuschen und dem satten Grün um mich herum. Ich sehe unseren Guide noch vor mir, wie er uns mit einer Machete den Weg bahnte. Und als wir an einem Fluss vorbeikamen, fischte er einen Piranha aus dem Wasser und ließ ihn filmreif in einen Plastikbecher beißen. Im Nu war der Becher zerschreddert. Der Guide erklärte uns, dass die Piranhas einen kleinen scharfen Stachel haben, mit dem sie ihre Beute aufschlitzen. Wenn sie das Blut riechen, kommen sie in ganzen Schwärmen angeschwommen – dann hat man keine Chance mehr. Bei Sonnenuntergang fuhren wir mit einem Bötchen zur Laguna di Silencio. Dort genossen wir einen grandiosen Ausblick. Solch eine unberührte Landschaft hatte ich zuvor noch nie gesehen, ich kam mir wie in einer Traumwelt vor. Das glasklare Wasser schimmerte leicht rötlich. Ab und zu sprangen ein paar Fische in die Luft. Der Guide bot an, dass wir hier eine Badepause machen könnten. Sofort fragten die anderen aus unserer Gruppe, was mit den Piranhas sei. Es gäbe hier keine, sagte der Guide, da das Wasser der Lagune zwei Grad wärmer sei als das des Flusses. Ich wusste, dass ich so eine Gelegenheit nie mehr in meinem Leben bekommen würde. Und ich konnte einfach nicht widerstehen. Ohne zu überlegen, sprang ich kopfüber ins tiefe Kühl hinein. Ich fühlte mich so frei und mutig wie noch nie. Ralf sprang hinterher, aber die anderen blieben alle im Boot sitzen. Ich konnte das nicht verstehen. Ich fürchtete weder irgendwelche Piranhas noch sonst etwas.

Aber jetzt, wenige Wochen vor meiner zweiten Entbindung, hatte ich Angst. Große Angst.

Ich fragte mich, ob das mit den Hormonen zusammenhing? War das vielleicht so ein Frau-in-der-Schwangerschaft-Ding? Während einer Schwangerschaft kann die Gefühlswelt schon mal Kopf stehen. Ob eine meiner Freundinnen solche Ängste vielleicht sogar kannte? Ich nahm mir vor, beim bevorstehenden Treffen in großer Runde Feldforschung zu betreiben.

»Habt ihr eigentlich auch Angst davor gehabt, dass eure Babys im Krankenhaus vertauscht werden könnten?«

Irritierte Blicke statt einer Antwort, dann folgte Gelächter.

»Wie kann man vor so etwas Angst haben? Das ist ja wohl der unwahrscheinlichste Fall aller Fälle«, sagte Jule trocken.

Oje, wenn nicht mal Jule darauf einging, die sonst so einfühlsam war …

»Jeannine, das ist absoluter Unsinn!«, rief Ricarda. »So etwas gibt es nur im Film. Oder in Amerika. Aber doch nicht bei uns im Saarland.« Ricarda, meine Freundin seit Jugendtagen, fasste sich an die Stirn.

Ich kam mir so kindisch vor. Bevor sich auch noch Paula zu einer Bemerkung hinreißen ließ, wechselte ich schnell das Thema.

Zu Hause erinnerte ich Ralf gleich wieder an seine »Aufsichtspflichten«. Und im Vergleich zu meinen Freundinnen kam er mir fast schon wie Mutter Teresa leibhaftig vor: Er nickte und gab mir mit einem unaufgeregten Blick zu verstehen, dass ich mich auf ihn verlassen könne. Das beruhigte mich – für eine kurze Zeit aber nur. Denn bald schon kam es wieder, dieses schleichende Gefühl der Angst, gegen das ich vergeblich anzukämpfen versuchte. Ich fühlte mich unglaublich allein damit.

KAPITEL 2

Ich wünschte mir dieses Mal ein Mädchen – aus zweierlei Gründen: Erstens wusste ich, was mit einem Mädchen auf mich zukommen würde. Durch Yara war ich doch tatsächlich zu einer typischen Mädchenmami geworden, obwohl ich früher immer gedacht hatte, dass Jungs viel besser zu mir passen würden. Sie sind leichter zufriedenzustellen – ein bisschen Sand oder ein Fußball und fertig. So dachte ich es mir zumindest. Für mich als großer Fußballfan wäre ein Junge also perfekt. Mittlerweile wusste ich aber, welchen Chichi Mädchen brauchen, und fand sogar Gefallen daran. Zweitens wollte ich ein Mädchen, das charakterlich ganz anders als Yara sein und aussehen würde. Ich war in die Vorstellung verliebt, zwei ganz unterschiedliche Mädchen zu haben. So unterschiedlich, wie meine Schwester Michaela und ich es waren. Michaela, die völlig anders aussieht als ich, die mit Fußball überhaupt nichts anfangen kann und die einen Beruf gewählt hat, den ich schrecklich öde finde.

Als nun mein erster Ultraschall, zudem noch in 3-D, in der 22. Schwangerschaftswoche anstand, war ich gespannt wie ein Flitzebogen. Wie würde dieses kleine Wesen in meinem Bauch aussehen? Konnte man schon Ähnlichkeiten erkennen? Und vor allem: Würde es ein Junge oder ein Mädchen werden?

Meine Mutter fragte, ob sie mich zu dieser Untersuchung begleiten dürfe. Zu ihrer Zeit, in den Siebzigern, gab es »so etwas Modernes« noch nicht. Mir kam das gerade recht, denn die gynäkologische Abteilung des Winterbergs war bekannt dafür, dass man trotz Termin oft stundenlang warten musste. Und so konnten wir uns unterhalten, und die Zeit würde schneller vergehen.

Dr. Bark, ein junger, sympathischer Arzt mit Brille und einem netten Lächeln, erklärte mir alles ganz genau. Auch die neugierigen Fragen meiner Mutter, was dies oder das für ein Organ sei, beantwortete er geduldig. Er errechnete den Geburtstermin, nachdem er nach dem Datum meiner letzten Periode gefragt hatte und nun die Größe des Fötus ausmaß: Am 12. Juni sollte unser Baby das Licht der Welt erblicken.

Kein gutes Datum!, schoss es mir sogleich durch den Kopf. Ralf hat am 13. Juni Geburtstag. Wenn ich am Tag davor oder gar an Ralfs Geburtstag entbinde, muss seine Feier ins Wasser fallen. Für mich als Partybiest einfach unvorstellbar. Außerdem fand ich, dass Kinder möglichst ihren eigenen Geburtstag haben und nicht mit ihren Eltern oder noch schlimmer mit dem Christkind zusammen feiern sollten. Aber letztlich kann man es sich nicht aussuchen … Und es gab heute noch eine viel entscheidendere Frage – die auch meine Mutter beschäftigte.

»Können Sie denn sehen, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird?«, fragte sie den Arzt, und ihrer Stimme war anzuhören, dass sie vor Neugier beinah platzte.

Dr. Bark sah mich grinsend an, und ich nickte grinsend zurück.

»Zu achtzig Prozent«, sagte er und machte eine kurze Pause, »wird es ein Mädchen werden.«

Ich strahlte über das ganze Gesicht. Und auch meine Mutter freute sich riesig, denn sie ist auch ein Mädchenfan. Zum Abschied druckte Dr. Bark von meinem turnenden Baby noch zwei Bilder aus, überreichte sie mir und wünschte mir alles Gute.

Noch im Hinausgehen betrachtete ich die Aufnahmen und erkannte sofort die typische ovale Kopfform, die schmalen Lippen, die hohe Stirn – alles von Ralf! Er hatte einfach die dominanteren Gene. Auch unsere zweite Tochter würde also mehr ihm als mir ähneln. Von wegen unterschiedliche Kinder! »Egal, Hauptsache, das Baby ist gesund« – mit diesem Gedanken schob ich meine aufkeimende Enttäuschung beiseite und freute mich einfach.

Nachdem ich meine Mutter zu Hause abgesetzt hatte, startete ich zur inzwischen traditionellen Freundinnen-Runde, um allen das Ultraschallbild zu zeigen. Ricarda erwischte ich bei Unterrichtsvorbereitungen, wie es sich für eine engagierte Lehrerin gehört, danach traf ich Paula zu einem Kaffee. Beide bestätigten mir, dass unser Baby eindeutig auf Ralf käme, eine zweite Yara sozusagen. Bei Nora, die selbst kurz vor ihrer Entbindung stand, ließ ich mir etwas mehr Zeit. »Hoffentlich bekomme ich nicht wieder so einen Fünfkilokoloss«, sagte sie und strich über ihre pralle Babykugel. »Ich hab richtig Schiss vor der Geburt.«

Ich sprach Nora gut zu und erzählte ihr, dass ich erst kürzlich wieder in einer Babyzeitschrift gelesen hätte, dass die zweite Geburt meist schneller und einfacher vonstattengehe als die erste. Schließlich wusste ich, wie Nora zu beruhigen war – sie glaubt immer ausnahmslos alles, was in Zeitschriften steht.

Zu guter Letzt an diesem Tag schaute ich noch bei Jule vorbei, die sich aber gerade auf den Weg zu ihren Gesangsproben machte, sie ist eine hervorragende Sängerin, und nur einen schnellen Blick auf das Super-3-D-Bild werfen konnte. Immerhin erkannte auch sie sofort, wessen Kind dieser Minifötus war.

Als Ralf am Abend von der Arbeit kam, war er sichtlich stolz, dass sich seine starken, tollen Erbanlagen mal wieder durchgesetzt hatten. »Na, dann kann ja auch die Namenssuche endlich losgehen«, sagte er mit liebevollem Grinsen. Er kannte mich nur zu gut.

KAPITEL 3

Das Duden-Vornamen-Buch ist wohl das meistgelesene Buch in meinem ganzen Leben. Fast jeden Abend lag ich nun im Bett und suchte nach dem Namen für unser Mädchen. Als zweiten Namen hatten wir schon bald »Caterina« ganz oben auf unserer Liste – wie Caterina Valente. Auch, wenn wir keine Fans von der Sängerin waren. Aber die Schreibweise des Namens hatte was. Meine Favoriten für den Rufnamen waren schließlich Emily und Lina. Ralf fand Svea am besten, für Emily konnte er sich überhaupt nicht begeistern.

Wie bei der Schwangerschaft mit Yara erzählten wir unsere Namensfavoriten im Familien- und Freundeskreis herum. Doch dieses Mal nervten mich irgendwie die Reaktionen der Leute. Entweder sei der Name »zu inflationär« oder »zu affig« oder sonst was. Das machte die Entscheidung nicht gerade einfacher.

Als ich dann aber beim Friseur saß, las ich in einer Zeitschrift, dass Heidi Klums Tochter, die so alt war wie Yara, Leni hieß. Den Namen gab es damals noch nicht so oft, und er gefiel mir auf Anhieb richtig gut. Ich war wirklich kein Fan von Heidi Klum, mich nervte ihre permanente Präsenz in den Medien, außerdem fand ich ihr Liebesgezwitscher mit ihrem Seal vollkommen aufgesetzt. Ich überlegte, ob ich nicht noch eine andere prominente, aber eher bewundernswerte Leni kannte. Mir fiel nur Leni Riefenstahl ein – mit der waren aber auch keine Pluspunkte zu holen.

»Wie findest du eigentlich Leni?«, fragte ich am Abend Ralf – einfach, um seine Reaktion zu testen.

Er war schon fast eingeschlafen und rappelte sich wieder hoch.

»Leni«, sagte er mit rauer Stimme und ließ den Namen kurz in seinen Ohren nachklingen. »Leni … Der gefällt mir auch gut.«

»Na, dann haben wir doch den Namen für unser Kind«, rief ich begeistert, »Leni Caterina!«

Wir waren beide ganz glücklich mit unserer Entscheidung. Ralf schob mein Nachthemd hoch, formte seine Hände auf meinem Bauch zu einem Sprechrohr und rief hinein: »Hallo! Holger! Holger, hörst du mich?« Dann drückte er mit seinen Fingern in meinen Bauch. »Da ist der Po«, sagte er und machte so, als würde er einen Klaps geben. Ich lachte und fand Ralf einfach nur süß. Er küsste meine große Kugel, und wir alberten herum und vereinbarten, allen zu erzählen, wir hätten uns nun definitiv für den Namen Emily entschieden. Nur meine Freundin Ricarda weihte ich in unser Geheimnis ein. Niemand zweifelte an unserem Beschluss. Umso überraschter würden alle sein, wenn sie nach der Geburt den richtigen Namen erfuhren.

Hätten wir allerdings gewusst, wie kompliziert die Sache mit dem Namen noch werden sollte, hätten wir auf dieses selbst gemachte Verwirrspiel sicher verzichtet. Doch für uns war es erst einmal nur ein kleiner Spaß.

KAPITEL 4

An den Tagen vor dem errechneten Geburtstermin redete ich Leni in meinem Bauch immer wieder gut zu, dass sie bitte, bitte nicht am 12. oder am 13. Juni das Licht der Welt erblicken sollte. Sie war ein braves Mädchen und hörte tatsächlich auf mich, und so konnten wir noch einmal ausgiebig und ohne Babyalarm eine große Party feiern.

Als sich einige Tage nach Ralfs Geburtstag jedoch noch immer nichts rührte, wurde ich unruhig. Was ich nämlich auf keinen Fall wollte, war eine Einleitung. Davor hatte ich großen Respekt. Ich hatte bislang nichts Gutes darüber gehört. Trotz Einleitung kann es wohl noch lange dauern, bis der Geburtsvorgang losgeht, und die Wehenschmerzen müssen sehr viel heftiger sein als bei einer spontanen Geburt.

Also kam ich auf die geniale Idee, die Geburt selbst irgendwie einzuleiten. Ich überlegte, was ich tun könnte. Wie in der Schwangerschaft mit Yara hatte ich auch dieses Mal zwanzig Kilo zugenommen und fühlte mich schwerfällig wie ein Walross.

Das Erste, was mir einfiel, war mich ausgiebig zu bewegen. Also rannte ich die Treppen in unserem Haus hoch und runter. Ich hörte erst auf zu rennen, als ich kaum noch Luft bekam. Aber es passierte nichts. Dann nutzte ich meine Energie, um das Haus zu putzen. Zumindest etwas Gutes hatte die ganze Aktion: Alles war so sauber wie schon lange nicht mehr. Dennoch spürte ich danach noch nicht einmal die kleinste Wehe. Ich musste also noch mehr machen – nur was? Für den Krankenhausaufenthalt war alles vorbereitet, die Tasche war gepackt, das Babyzimmer eingerichtet, Windeln und Essensvorräte in Massen gekauft. Da fiel mir der Garten ein. Eigentlich mochte ich Gartenarbeit überhaupt nicht, aber vielleicht würde das Bücken und Rausrupfen von Unkraut helfen. Einen Versuch war es wert. Also stieg ich ins Gemüsebeet und arbeitete so lange, bis mein Kreuz schmerzte. Ich sah schon Ralfs leuchtende Augen vor mir. Er wollte unseren Garten immer tipptopp haben. Aber es half alles nichts. Leni hatte anscheinend ihren eigenen Kopf und wollte noch weiter in mir ausharren. Dabei war ich inzwischen schon sieben Tage über dem Termin. Nun brauchte ich wirklich den Rat einer Spezialistin.

Ich rief meine Hebamme an und erzählte ihr von meinen vergeblichen Bemühungen. Hannah empfahl mir, am Abend einen Rizinuscocktail zu trinken. Das wirke in den meisten Fällen und würde sicherlich auch bei mir die Geburt einleiten, versicherte sie. Ich sollte Aprikosensaft, ein bisschen Wodka und Rizinusöl mixen und mir irgendwie einflößen.

Ich fuhr sofort los und besorgte alle Zutaten. Vorm Schlafengehen bereitete ich mir dann wie geheißen den angeblich magischen Cocktail zu. Ich betrachtete den Mix, der eher wie eine Suppe aussah. Obwohl ich ständig rührte, schwammen die Fettaugen immer oben. Ich fand es eklig, kippte das Zeug dann aber ex hinunter. Danach ging ich ins Bett und fiel nach nur wenigen Minuten mühelos in den Schlaf.

Ungefähr zwei Stunden später weckten mich heftige Darmkrämpfe. Ralf schlief tief und fest. Ich musste mich beeilen, um es noch rechtzeitig zur Toilette zu schaffen. Und dann, von null auf hundert, hatte ich solch heftige Wehen, dass ich nicht mehr wusste, wo oben oder unten war. Ich krümmte mich vor Schmerzen und dachte nur, wie gut, dass ich so etwas nicht bei Yaras Geburt hatte aushalten müssen. Sonst wäre ich sicherlich kein zweites Mal schwanger geworden. Die Wehen kamen alle zwei Minuten mit einer solchen Wucht, dass es mir schier den Atem raubte. Bei Yaras Geburt war ich so stolz auf meine Bauchatmung gewesen, mit der ich die Wehen wegatmen konnte. Jetzt konnte ich froh sein, dass ich überhaupt noch irgendwie Sauerstoff bekam.

Die Ereignisse überschlugen sich – plötzlich hörte ich einen seltsamen leisen Knall, und ich spürte etwas Nasses zwischen meinen Beinen. Ich sprang schnell in die Dusche, um nicht das halbe Bad unter Wasser zu setzen. In der Dusche platzte die Fruchtblase dann komplett. Ich glaubte nicht, dass eine Steigerung der Schmerzen noch möglich sein könnte.

Hoffentlich sagen die Wehen nichts über den Charakter des Kindes aus, dachte ich japsend.

Ich duschte mich ab und beeilte mich, meine Hebamme anzurufen.

»Hannah, es ist so weit. Die Wehen kommen alle zwei Minuten. Die sind kaum auszuhalten.«

»Bleib ruhig, Jeannine, du bist nicht der Typ, dem das Kind unten rausfällt. Genieß noch die Zeit zu Hause«, sagte sie lässig.

»Genießen!?«, plärrte ich ins Telefon. »Ich hab jetzt schon das Gefühl, dass ich die Schmerzen nicht mehr wegatmen kann.«

Überzeugen konnte ich Hannah damit allerdings nicht. Sie blieb dabei: Es würde noch dauern.

Aber die Schmerzen wurden immer schlimmer. Ich schleppte mich in die Küche und legte mich über die Arbeitsplatte, um dort zu atmen und vor mich hinzuwimmern. Irgendwann war auch Ralf wach und rief vom Schlafzimmer herunter: »Alles klar, Schatz?«

»Ich sterbe nur, aber bleib ruhig liegen«, antwortete ich unter Stöhnen. »Ich bau mir eine Standleitung zu Hannah auf.«

Fortan ließ ich alle halbe Stunde bei Hannah das Telefon klingeln.

»Ich kann nicht mehr!«

»Doch, doch, du kannst noch.«

»Ich kann wirklich nicht mehr!«

»Du hast noch Zeit, glaub mir!«

Irgendwann kam Ralf in die Küche. »Kann ich dir nicht doch irgendwie helfen?«, fragte er mitleidig.

Ich schüttelte kurz, aber bestimmt den Kopf. Allein schon der Gedanke, eine Rückenmassage oder sonst etwas zu bekommen, machte mich schier wahnsinnig. Hilflos trottete er zurück ins Bett. Nach einer weiteren Stunde, als ich die Schmerzen einfach nicht mehr ertrug und dachte, der Muttermund müsse nun schon mindestens einen halben Meter geöffnet sein, rief ich Hannah zum x-ten Mal an. Endlich erbarmte sie sich. »Okay, dann treffen wir uns um fünf in der Klinik.«

»Um fünf?«, stieß ich entsetzt hervor. »Das ist ja noch eine ganze Stunde!«

»Wenn du willst, fahr ruhig schon vor, ich bin dann um fünf da«, sagte sie und legte auf.

Ich war der Verzweiflung nahe. Doch Hannah wäre nicht meine Hebamme, wenn sie nicht immer recht hätte.

KAPITEL 5

Da ist ja noch gar nichts offen«, stellte Hannah mit Bedauern fest.

Ich konnte es nicht fassen. Über fünf Stunden diese höllischen Schmerzen für nichts und noch mal nichts! Ich war am tiefsten Tiefpunkt der Frustration angelangt.

»Dann helf’ ich jetzt mal nach«, sagte Hannah aufmunternd und begann, mit ihren langen, schmalen Fingern meinen Muttermund zu dehnen. Mit Müh und Not kam sie auf zwei Zentimeter. Bei dieser Aktion überfiel mich eine derart brutale Wehe, dass mir auch noch übel wurde und ich erbrechen musste. Ich wischte mir mit einem Papiertuch den Mund ab und tat mir selbst unendlich leid.

»Wie sieht’s denn mit ’ner PDA aus?«, fragte ich eher fordernd. Ich hatte wirklich keine Kraft mehr.

»Das geht leider nicht. Dafür ist es noch viel zu früh. Dann öffnet sich gar nichts mehr«, erklärte mir Hannah.

Zum ersten Mal in meinem Leben wusste ich, wie sich Verzweiflung anfühlt. Ich suchte Hannahs aufmunternden Blick, aber sie schaute besorgt auf den Wehenschreiber.

»Die Herztöne werden schwächer, wir rufen besser Dr. Leist dazu«, sagte sie.

Hannah und die Gynäkologin berieten sich und kamen zu dem Ergebnis, mir am besten einen Wehenhemmer zu geben. Im ersten Moment war ich zwar erleichtert, aber es kam mir völlig absurd vor so mitten im Geburtsprozess.

Schon wenige Minuten, nachdem sie mir den Tropf angelegt hatten, wurden die Schmerzen erträglicher. Nun wollte mich auch Dr. Leist untersuchen. Sie tastete und tastete und runzelte dann die Stirn. »Das Köpfchen ist nicht mehr im Becken.«

Ich fiel innerlich zusammen. Hier geht ja gar nichts voran, stattdessen geht alles wieder zurück!

Anscheinend fühlte sich Leni da unten nicht wohl und suchte sich ihren eigenen Weg, der falscher nicht hätte sein können.

»Wir haben nun zwei Möglichkeiten: Entweder warten wir ab, oder wir machen einen Kaiserschnitt«, schlug Dr. Leist vor.

»Einen Kaiserschnitt«, antwortete ich unverzüglich und fühlte mich, als ob ich in der Lotterie gewonnen hätte. Zum ersten Mal seit Stunden konnte ich wieder lächeln. Mir wäre alles recht gewesen, um endlich diesen Qualen zu entgehen. Auch Ralf war sichtlich erleichtert über diese Option. Die ganze Zeit hatte er mit bangem Blick neben mir ausgeharrt. Da er wusste, dass ich in Extremsituationen schnell aggressiv werden konnte, hielt er sich dezent im Hintergrund. Bei Yaras Geburt hatte er mir einmal über den Kopf streicheln wollen, doch ich hatte seine Hand weggeschlagen und ihn angefahren, dass er mich in Ruhe lassen soll. Ich gehörte nun mal nicht zu der Sorte Frau, die während einer Geburt betüddelt und getröstet, geschweige denn massiert, gestreichelt oder gehalten werden will. Das Einzige, was ich brauchte, war ein Bett, in dem ich während der Wehenpausen schlafen konnte.

»Möchten Sie wirklich einen Kaiserschnitt?«, hakte die Ärztin kritisch nach.

Ihrer Skepsis zum Trotz antwortete ich mit fester Stimme: »Ja, bitte, ich kann nicht mehr. Ich krieg das hier alleine nicht mehr hin.«

Der Anästhesist war etwa so alt wie ich, klein, dunkelhaarig und trug eine Brille. Er wirkte auf mich eher wie ein Pfleger und nicht wie ein Arzt. Aber ich fand ihn auf Anhieb sympathisch. Er hatte einen recht derben Humor, was mir gefiel und in dieser Situation sogar guttat. Es war nicht nur mein erster Kaiserschnitt, es war meine erste Operation im Leben überhaupt. Ich bekam eine Teilnarkose. Wovor ich am meisten Angst hatte, war, dass man mir den Bauch aufschneiden und ich noch etwas spüren könnte. Der Anästhesist nahm irgendein Instrument und berührte damit eine Stelle an meiner rechten Flanke.

»Spüren Sie das?«

»Ja«, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen, und gleich spritzte er noch etwas Narkosemittel nach. Dann testete er mich wieder. »Und jetzt?«

»Immer noch«, log ich, denn ich wollte auf keinen Fall riskieren, auch nur eine Sekunde zu früh aufgeschnitten zu werden. Er wartete etwas, bis das Mittel in die tieferen Schichten meiner Zellen einwirken konnte, und nahm dann beim dritten Versuch meine Antwort gleich selbst vorweg. »Jetzt können Sie wirklich nichts mehr spüren, Frau Klos.«

»Ja, jetzt ist es okay«, sagte ich beruhigt.

Und nachdem noch eine zweite Ärztin hinzugekommen war, ging es auch schon los. Meine Arme ausgestreckt und an den Handgelenken angeschnallt, lag ich da wie Jesus am Kreuz. Der Anästhesist erklärte mir, was die beiden Ärztinnen gerade machten. Als gelernte medizinisch-technische Assistentin interessierte mich das alles sehr, und es lenkte mich wunderbar ab. Die Geburt wurde auf einmal zweitrangig für mich. Ich begutachtete alle Geräte und Vorgänge. Bedenken, dass etwas schiefgehen könnte, hatte ich überhaupt keine. Ralf stand neben Hannah an meinem Kopfende. Ab und zu unterhielten sie sich, oder Hannah erklärte Ralf etwas. Von dem Austausch der beiden bekam ich allerdings nicht so viel mit, denn ich redete fast ununterbrochen mit dem Anästhesisten.

»Muss das Tuch da sein?«, fragte ich ihn. Ich hätte so gern zugeschaut, wie mein Baby aus meinem Bauch geholt wird.

»Auf keinen Fall können wir das Tuch fortnehmen, das geht aus ästhetischen Gründen nicht«, wehrte er meinen Wunsch ab. »Keiner will das sehen. Sie sind die Erste, die dabei zuschauen will.«

Ich lachte und fühlte mich so mutig wie damals bei dem Sprung in die Lagune. Doch plötzlich wurde mir elendig schlecht. Ich schaute auf den Monitor des Blutdruckmessers und sah, wie meine Werte in den Keller fielen. »Wenn nicht gleich etwas passiert, dann kotz ich Ihnen auf das Tuch.«

Obwohl mir schrecklich übel war, versuchte ich noch cool zu bleiben. Der Anästhesist schaute nach.

»Ach, das liegt an dem Haken«, bemerkte er trocken. Ich musste lachen. Eine der Ärztinnen nahm mir daraufhin den Haken, der meinen Bauch auseinanderspreizte und mir auf den Magen drückte, fort, und schnell wurde mir wieder besser.

»Jetzt sind Sie gleich durch«, informierte mich der Anästhesist.

»Ach, bis die sich durch meinen Speck gekämpft haben – das kann noch dauern.« Meine Laune stieg von Minute zu Minute.

»Nein, wirklich, man kann das Baby schon sehen«, meinte Dr. Leist – und plopp – war unsere Leni auf der Welt. Sie war an Bauch, Schultern und Hals so von der Nabelschnur umwickelt, dass eine Spontangeburt überhaupt nicht möglich gewesen wäre. Die viel zu kurze Nabelschnur war also der Grund gewesen, warum Leni wieder aus dem Becken nach innen gerutscht war. Welch ein Glück, dass ich mich sofort für den Kaiserschnitt entschieden hatte!

So gern hätte ich mein Baby jetzt in den Arm genommen, aber es wurde mir nur für Sekunden vors Gesicht gehalten, damit ich es einmal anschauen konnte. Ich registrierte sofort, dass Leni tatsächlich so aussah wie Yara als Säugling. Meine Sehnsucht nach Leni war riesig, aber die Ärztin sagte mir, dass man meinem Kind erst noch die Lunge absaugen müsse, und dazu müsse man sie in ein Untersuchungszimmer mitnehmen.

»Was soll ich machen? Soll ich hierbleiben?«, fragte Ralf, als ob ich ihn nicht auf genau diesen Fall vorbereitet hätte.

»Was ist das denn jetzt für eine Frage«, antwortete ich völlig entgeistert.

»Ich muss mitgehen, weil sie Angst hat, dass das Baby vertauscht werden könnte«, sagte er und tat so, als würde er einen Witz machen, um dann aber gleich der Ärztin und Hannah hinterherzutrotten.

Ich war so glücklich und lachte lauthals über Ralfs Worte, während die andere Ärztin begann, meinen Bauch zuzunähen.

Nach dem Nähen wurde ich in ein Bonding-Zimmer gebracht; hier sollten Neugeborene und Eltern ihre erste nahe Bindung zueinander finden. Dort warteten Ralf und Leni und auch Hannah auf mich. Leni war jetzt in eine Decke gewickelt und hatte ein Mützchen auf. Mein Herz platzte fast vor Freude, als Ralf mir die Kleine auf die Brust legte. Endlich durften wir uns spüren und riechen und miteinander kuscheln. Ich konnte mich gar nicht sattsehen an ihr und genug bekommen von ihrem Babyduft. Pures Glück durchflutete meinen Körper. Ich streichelte sie und hielt sie an den Fingerchen. Um das rechte Armgelenk trug sie ihr Namensbändchen. Es war ziemlich breit und handschriftlich beschrieben. Ich prüfte kurz, ob ihr Name auch richtig geschrieben war. »Leni Klos« – alles korrekt.

Jetzt soll sie sich erst einmal ausruhen, dachte ich mir. So ein Kaiserschnitt ist für die Kleinen schließlich auch ein Schock, plötzlich aus Mamas Bauch raus und an der kalten Luft. Dann dachte ich ans Stillen. Ich wollte mir damit keinen Druck machen so wie bei Yara. Damals hatten Yara und ich eine zweiwöchige Tortur durchgemacht und probierten etliche Methoden aus, bis es – als ich gerade aufgeben wollte – endlich funktionierte. Ich wollte es dieses Mal entspannt angehen lassen und so nehmen, wie es kommen würde.

Als Hannah mir etwas später half, Leni anzulegen, suchte sie nur kurz, dockte sich dann an und trank. Ganz instinktiv und ganz natürlich. Ich war ziemlich verwundert, dass das Stillen sofort klappte, und zugleich unglaublich erleichtert. Leni schmatzte, als ob es ihr richtig gut schmecken würde.

»Was für ein Geschenk«, sagte ich zu Ralf und Hannah. Ralf machte ein paar Fotos, er wollte das unbedingt mit der Kamera einfangen. Als er mich fragte, wie es mit meinem Hunger oder Durst aussähe, winkte ich nur ab. Ich brauchte nichts – ich hatte alles.

»Du kannst alle meine Müsliriegel alleine essen«, sagte ich augenzwinkernd, denn Ralf war geradezu ein Müsliverächter. »Apropos: Wie viel wiegt sie eigentlich?«, erkundigte ich mich. Ich bedauerte es so sehr, dass ich bei den Untersuchungen nicht dabei sein konnte.

»3545 Gramm«, antwortete Hannah.

»Fast genauso viel wie Yara damals. Sie ist ihr überhaupt sehr ähnlich – außer beim Stillen«, bemerkte ich.

Nach dem Trinken schlief Leni friedlich an meiner Brust ein. Es war ein Moment von einem ganz besonderen Zauber.

»Ist die süß«, flüsterte ich Ralf zu und strahlte wie eine Sonne.

KAPITEL 6

Mit Bettnachbarinnen hat man ja nicht immer Glück, daher war ich gespannt, wie meine so sein würde. Als ich Eva sah, wusste ich gleich, dass wir uns mögen würden. Sie war etwas jünger als ich, blondhaarig und hatte – genauso wie ich – eine charakteristische Nase. Ganz offenherzig begrüßte sie mich, und wir stellten uns gegenseitig unsere Babys vor. »Und das ist Romeo«, sagte sie mit liebevollem Blick auf ihr Baby.

Grundsätzlich stehe ich auf ausgefallene Namen, aber nun war ich doch einen Moment lang sprachlos: Romeo. Hoffentlich wird der Kleine wegen seines Namens später nicht gehänselt werden.

Noch bevor ich so etwas wie »Das ist aber wirklich ein besonderer Name« herausbringen konnte, verzog Romeo das Mündchen und fing jämmerlich an zu quäken. Wie sich herausstellte, hatte Eva im Vergleich zu mir wirklich Pech, denn Romeo war ein richtiger Schreihals. Eva wusste nie genau, ob er Hunger oder Schmerzen hatte, und gab ihm sicherheitshalber immer ein Fläschchen, wenn er schrie.

Leni und ich ließen uns davon aber nicht beeindrucken, wir ruhten uns erst einmal aus.

»Frau Klos«, hörte ich im Halbschlaf eine freundliche Stimme. »Frau Klos, ich bin Schwester Marion, ich müsste einmal Ihre Wunde kontrollieren.«

Schwester Marion war vom ersten Tag an meine Lieblingskrankenschwester. Mit ihren gut fünfzig Jahren und ihrer ruhigen, fürsorglichen Art strahlte sie etwas Mütterliches aus.

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